Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan

Treppen


 
 
 

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Römische Treppen

Sie sind Kaskaden aus Stein, architektonische Dokumente kirchlicher wie weltlicher Einflüsse, Orte der Geselligkeit und schicksalhafter Begegnungen, Laufstege irdischer Eitelkeit und Wege zum himmlischen Heil. Sie verströmen entweder Pracht, Würde und Gediegenheit oder zeigen sich ungeniert abgenutzt, präziser: abgelatscht. Doch in welchem Zustand sie sich auch befinden: Die Treppen von Rom versinnbildlichen exemplarisch das Wesen des Auf- und Abstiegs, die stufenweise Überwindung zwischen Höhe und Tiefe, die Verbindung von Oben und Unten.

Römische Treppengeschichte ist Weltgeschichte. In der Zeit der Vorherrschaft Roms trafen sich Senatoren, Claqueure und Emporkömmlinge auf den Scalinate, um gewichtige Entscheidungen zu debattieren. Feldzüge wurden geplant, Kriege bedacht, die Eroberung fremder Länder erwogen. Auf den Treppen fand ganz pragmatische Politik statt, denn sie boten den Vorteil, daß man sich auf ihnen niederlassen und dann ausgiebig palavern konnte. Genauso wie in den antiken Amphitheatern, wo die Treppen ebenfalls neben der Funktion des Auf- und Abstiegs die der Sitze hatten.

Römische Treppengeschichte ist Kirchengeschichte. Die geistlichen Würdenträger fanden schnell heraus, daß Treppen von hohem Symbolwert sind. So ließen sie immer höhere "Himmelsleitern" entstehen, und diese zu erklimmen, forderte den Gläubigen Kraft ab, Wille zum Heil. Bestes Beispiel dafür ist die Scalinata d' Aracoeli, die hinaufführt zur Kirche S. Maria, direkt am Campidoglio mit dem Kapitel. Die 122 Stufen, die 1348 nach einer verheerenden Pest-Periode geweiht wurden, haben eine Höhe von je 60 Zentimetern. Das Hinaufsteigen kann zur Qual werden, das Ankommen wird dann als Gnade empfunden - so ist die Klientel für den Eintritt in die sakrale Atmosphäre des Gotteshauses richtig gestimmt.

Römische Treppengeschichte ist Architekturgeschichte. Verschiedene Epochen haben an den Scalinate mitgebaut und aus Zweckanlagen Kunstwerke gemacht. Was für Paris die Brücken, sind für Rom die Treppen: ästhetische Gebilde, optischer Blickfang, Hätschelkind der Architekten. In Antike und Mittelalter besaßen die Treppen vorwiegend zeremonielle Bedeutung. Sie hatten einen Zug ins Großartige, Monumentale, waren Herrschaftssymbole. Erst in Michelangelos stadtplanerischen Entwürfen wurden Bedeutung und Funktion modifiziert. Der Künstler sah in ihnen eine Art Rampe, Trittsteine wurden deutlicher markiert, das Gefälle abgeflacht, die Stufen verbreitert, die Strecke zwischen den Kantsteinen so bemessen, daß der Fußgänger genau fünf Schritte tun muß, ehe er den Fuß auf die nächste Stufe heben oder senken kann. Damit erhielten die Treppen etwas Einladendes, wurden zu Flanierstrecken. Mehr Lust für die Augen und weniger Last für die Beine.

Bis heute üben Treppen auf Menschen einen eigentümlichen Reiz aus. Hauptsächlich dort, wo sie Platz bieten für Zeremonien der Lebenslust. Da ist Santa Maria Maggiore, neben Petersdom, Lateranbasilika und Sankt Paul eine der vier Hauptkirchen Roms. Sie liegt auf dem höchsten der sieben klassischen Hügel, dem Esquilin, und ist das größte Marienheiligtum der katholischen Kirche überhaupt. Erreicht werden kann sie nur über eine gewaltige Treppe. Im Schatten des imposanten Gotteshauses, das die Römer wegen der vergoldeten Kassettendecke Goldene Basilika nennen, treffen sich die Teenager, die mit ihren Vespas ausgelassen über die Stufen knattern.

Ganz anders die Rampa di Sebastianella unweit der Spanischen Treppe. Sie erfüllt ausschließlich ihre ursprüngliche Funktion: ein Bauelement zur Überwindung von Höhenunterschieden. Selbst im Sommer, wenn touristische Heerscharen Heuschreckeschwärmen gleich die Ewige Stadt heimsuchen, kann man auf dieser Scala mitten im tumultösen Zentrum minutenlang allein sein. Einer trippelnden, eifrig pickenden Taube nach geht es vorbei an zerschundenem, efeubewachsenem Mauerwerk mit einem kleinen plätschernden Brunnen auf der einen und mit Jalousien verschlossenen Häusern auf der anderen Seite, den Hansguck-in-die-Luft-Blick zu den Schäfchenwolken gerichtet oder auf die nostalgischen, wirklich alten Straßenlaternen. Die Füße wechseln automatisch in der Bewegung des Steigens, der Lärm aus der am Fuß der Treppe liegenden Gelateria ist noch nahe und doch schon weit weg.

Diese Besinnlichkeit gibt es auf den Stufen, die zum Kapitol hinaufführen, nicht. Dort schreiten Schulklassen aus der Provinz in Gänsemarschkolonne den Hügel hinan, kommen frisch getraute Hochzeitspärchen händchenhaltend herunter, wird der Tourist von Kindern mit verschorften Gesichtern aggressiv angebettelt und stellen sich die mit allerlei optischem Beiwerk behangenen Globetrotter aus dem fernöstlichen Wirtschaftswunderland zum Ablichten in Positur.

Ganz anders die Atmosphäre auf und um die Scalone Elicoidale, über die man in die Vatikanischen Museen gelangt, oder die Scala Santa gegenüber dem Lateranpalast, die meistbekniete Treppe der Welt. 28 Stufen öffentlicher Buße, über die kirchliche und weltliche Fürsten gerutscht sind, barfuß, das Haupt voll Asche. Wallfahrtsziele, Treppen aus weißem Marmor, die zur Erlösung führen sollen, Leitern zu Gott. Fromme Pilger haben jahrhundertelang Gesteinssplitter als Reliquien mitgenommen, das Bauwerk befindet sich in desolatem Zustand. Trotzdem bleibt der Ort vielen Katholiken der "ehrwürdigste Roms und der Welt", wie es auf einer Inschrift heißt.

"Attenzione ai gradini" - "Vorsicht, Stufen" mahnen Tafeln in Rom die Fußgänger. Die hügelige Metropole ist nachweislich die Stadt mit den meisten Treppen. Sie haben nicht nur ihre Geschichte mitbestimmt, sondern prägen auch ihre Gegenwart, ihr Alltagsleben, das urbane Flair. Treppen sind "läufige" Verbindungen zwischen unterschiedlichen Ebenen. Die Treppe ist ein menschenfreundliches Bauwerk, auch wo sie strapaziös ist, weil sie "bewältigt' werden muß. Sie organisiert das Leben in der Vertikale, im Chaos metropolen Daseins wird sie zum Sinnbild der gestalteten Ordnung. Sie ist eine Zone des Übergangs und deshalb eine Bühne, auf der agiert wird. Denn das Auf- und Absteigen von Treppen zwingt den Menschen einen anderen Laufrhythmus auf, Stufenhöhe und Steigungswinkel bestimmen die körperliche Bewegung, der Wechsel von Höhe und Tiefe, Licht und Schatten, die sich ändernden Perspektiven, Ausschnitte und Überschneidungen beeinflussen das Auge.

Rom hat alle Treppen: Straßen-, Außen-, Frei- und Innentreppen, ein-, zwei-, drei- und vielarmige Stufenfluchten, geradläufige, gegenläufige, gewendelte, viertel-, halb- und angewendelte Steinkaskaden, die sich ins Stadtbild schieben. Rom ist eine Treppen-Tour wert. Die Last für die Beine wird nicht in der Erinnerung bleiben, aber die Lust für die Augen.

(Moritz Fahrner: Auf den Treppen von Rom. Lust für die Augen - Last für die Beine. In: Frankfurter Rundschau vom 22. Februar 1992.)


 
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