Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan
 

Historisches Zentrum
 

Via Portico d‘ Ottavia


Abb. 1: Giovanni Battista Piranesi: Veduta dell‘ Atrio del Portico di Ottavia. In:
Luigi Finacci: Piranesi. The Complete Echings. Köln: Taschen 2002. S. 697.
 
 

Text 1
Der Portikus der Oktavia


Von den großen Portiken, die den Platz beim Circus Flaminius an der Nordseite abschlossen (Portikus des Oktavius, Portikus des Philippus und Portikus der Oktavia), ist nur noch der Portikus der Oktavia erhalten. An derselben Stelle stand zuvor der 146 v. Chr. von Q. Caecilius Metellus Macedonicus nach seinem Triumph über den Pseudo-Andriskos begonnene und wahrscheinlich 131 v. Chr. geweihte Portikus. Er umschloß den älteren Tempel der Iuno Regina, den der Censor M. Aemilius Lepidus 179 geweiht hatte und dem damals der Tempel des Iuppiter Stator an die Seite gestellt wurde, der erste ganz aus Marmor gebaute Tempel in Rom. Er war das Werk eines griechischen Architekten, des Hermodoros von Salamis. Auch die Statuen der beiden Gottheiten wurden griechischen Bildhauern, Polykles und Dionysios, anvertraut.

Der augusteische Umbau begann wahrscheinlich schon 33 v. Chr.; 23 v. Chr. muß er abgeschlossen gewesen sein. Der Portikus wurde der Schwester des Kaisers, Oktavia, geweiht. Der severische Marmorplan zeigt hinter den Tempeln ein Gebäude mit einer Apsis; dies muß die Curia Octaviae sein, die mit der gleichnamigen Bibliothek in den nach Norden hin erweiterten Komplex eingefügt wurde. Der Portikus erhielt damals seine jetzigen Ausmaße (119 m breit; ungefähr 132 m tief). Die zwei Tempel haben unterschiedliche Grundrisse: der Tempel der Juno auf der linken Seite ist ein Prostylos mit sechs Säulen an der Stirnseite, der Juppiter-Tempel dagegen ein Peripteros ohne Säulen an der Rückseite. Da Vitruv den älteren Tempel als normalen griechischen Peripteros aufführt, geht der neue Grundriß wahrscheinlich auf die augusteische Restaurierung zurück.

Der Portikus wurde nach dem Brand im Jahre 80 n. Chr. und unter Septimius Severus, vermutlich nach dem Brand von 191, restauriert; die heute sichtbaren Bauteile sind severisch. Erhalten sind der Eingang und rechts davon der Portikus bis zur Südecke. Bei einer Ausgrabung in Richtung auf den Apollo-Tempel und das Marcellus-Theater fand man den antiken Fußboden. Der Bau erhob sich über einem niedrigen Podium, auf dem die Säulen standen. Im Podium selbst entdeckte man Reste von opus incertum, die zum Vorgängerbau, dem Portikus des Metellus, gehören, der dieselben Ausmaße gehabt haben muß. In der aus Tuffquadern erbauten Ostseite öffnet sich bei der Südecke ein Eingangstor, vor dem zwei Säulen auf Plinthen standen.

Am besten erhalten ist das große Propylon in der Mitte der Südseite, das nach innen und nach außen über den Portikus hinausragt. Es besteht aus zwei seitlichen, ursprünglich mit Marmor verkleideten Ziegelmauem, in denen sich zum Portikus hin zwei weite Bögen öffnen. An den beiden Fassaden standen vier große korinthische Säulen zwischen den beiden rechts und links vorgezogenen Ziegelmauern. Zwei Säulen der äußeren Fassade stehen noch aufrecht, die an der rechten Seite wurden im Mittelalter durch einen Bogen vor der Kirche S. Angelo in Pescheria ersetzt, außerdem sind noch drei der inneren Säulen erhalten.

Die große severische Inschrift auf dem Architrav nennt das Datum der Restaurierung (203 n. Chr.). Die Giebelfelder sind zum großen Teil aus wieder verwendetem Material gebaut, das höchstwahrscheinlich vom Vorgängerbau stammt. Besonders deutlich sieht man das an der Rückseite des Giebels.

Nur von einem der beiden Tempel, die in der Mitte der Anlage standen, von dem der Juno Regina, sind noch Reste vorhanden. Man sieht im Keller des Hauses Via S. Angelo in Pescheria 5 das Podium und einige Säulenbasen; aus den Fenstern des Hauses Nr. 28 kann man zwei aufrechtstehende Säulen mit einem Kapitell und einem Stück Architrav sehen. Der Portikus war mit zahlreichen Kunstwerken geschmückt. Vor dem Tempel standen 34 bronzene Reiterstatuen von Lysipp, die Alexander und seine in der Schlacht am Granikos gefallenen Feldherren darstellten. Außerdem stand hier die Bronzestatue der Cornelia, der Mutter der Gracchen: die erste Statue einer Frau, die in Rom in der Öffentlichkeit aufgestellt war (um 100 v. Chr.). Ihre Basis wurde im Portikus neben der Seitentür von S. Angelo in Pescheria gefunden (jetzt im Museo Nuovo des Konservatorenpalasts).
 
 

Text 2
Das römische Ghetto

Viele Jahrhunderte lang gehörte die Judenfeindschaft zum "mentalen Rüstzeug" (Lucien Febvre) der christlichen Europäer. Entscheidend verantwortlich dafür waren die Lehre und Verkündigung der Kirchen, in denen die Juden als "Gottesmörder", "verstockte Ketzer" und "Blutsauger der Armen" diffamiert wurden. Fragt man des Besonderen nach der Rolle der katholischen Kirche, so lässt sich deren Haltung gegenüber den Juden besser noch als in jedem Dokument im weltlichen Reich des Papstes selbst studieren: im Kirchenstaat, der ja bis weit ins 19. Jahrhundert hinein etliche mittelitalienische Provinzen umfasste und erst am 20. September 1870 mit der Einnahme Roms durch die Truppen des jungen Königreichs Italien von der Bühne der Geschichte verschwand. Selbst der letzte Papstkönig, Pius IX. (er regierte von 1846 bis 1878), unterdrückte seine jüdischen Untertanen noch in einer Weise, die an den Glaubenseifer des konfessionellen Zeitalters erinnert - bis 1870 waren sie in Rom (und bis 1860 auch in Ancona) gezwungen, im Ghetto zu leben.

Dabei standen die acht Jahrzehnte, die 1796/97 mit der Eroberung Italiens durch französische Heere begannen, für die Juden im Kirchenstaat unter dem Zeichen gegensätzlichster Erfahrungen. Die Truppen der Revolution brachten ihnen die Gleichstellung mit den übrigen Bürgern. Durch die Errichtung der Römischen Republik als französische "Schwesterrepublik" fiel 1798 das alte Sonderregime gegen sie dahin. Gleichsam über Nacht verwandelten sich verachtete Ghettojuden in Citoyens und 1809, als Rom von Napoleons Frankreich annektiert wurde, in gleichberechtigte Angehörige des Empire. In dieser Zeit erschlossen sie sich viele neue Berufsfelder, während sie außerhalb der Ghettos Häuser und Geschäfte erwarben. Die revolutionären Ideen - Bürger- und Menschenrechte! - beförderten ihren sozialen Aufstieg und schienen den Sieg über das alte Apartheidsystem davongetragen zu haben.

Das römische Ghetto war 1555 unter Papst Paul IV., einem fanatischen Judenhasser, im düstersten Viertel nahe des Tibers eingerichtet worden. Für die Betroffenen kam der "Judenzwinger" (Ferdinand Gregorovius) einer institutionalisierten Form der Gewalterfahrung gleich. Sein eigentlicher Zweck bestand darin, den Druck auf die Juden so zu erhöhen, dass diese ihrem Irrglauben abschwören und zum alleinseligmachenden Katholizismus konvertieren sollten. Die hohen Sonderabgaben und die größer werdende Schuldenlast, die ständigen Reparaturarbeiten nach den Tiber-Überschwemmungen und ihre elenden Berufe hatten die soziale Lage der Ghettobewohner kontinuierlich verschlechtert. Ende des 18. Jahrhunderts waren sie in ihrer Mehrzahl bitterarm. 1785 gab der aufgeklärte Hommes de lettres Charles Mercier Dupaty zu Protokoll, dass die Lebensbedingungen der römischenjuden unerträglicher seien als überall sonst in Europa.

Umso härter musste sie nach Jahren ihrer ersten Emanzipation die Restauration von 1814 treffen. Mit ihr büßten sie ihre junge Gleichheit und Freiheit wieder ein. Obwohl sie dem aus der Gefangenschaft in Fontainebleau zurückgekehrten Papst Pius VII. die hohe Summe von 100 000 Scudi für den Fall in Aussicht stellten, dass er ihre politischen und bürgerlichen Rechte bestätige, stieß sie das Kirchenoberhaupt in ihre alte Ghettoexistenz zurück.

Unter seinem Nachfolger Leo XII. wurden die meisten Sonderbestimmungen wieder in Kraft gesetzt. So erneuerte er den Wohnsitzzwang im Ghetto, das Verbot jeden Grundbesitzes, den demütigenden Tribut an die casa dei catecumeni, die Indizierung des Talmuds und die Zwangspredigten in der nahe gelegenen Kirche Sant‘ Angelo in Pesceria, denen die Juden in genau fixierten Abordnungen jeweils am Sabbat beiwohnen mussten. Auf die Einhaltung der im Corpus iuris canonici enthaltenen Verkehrsverbote wurden wieder streng geachtet: Juden sollten mit Christen nicht gemeinsam speisen und trinken, nicht unter einem gemeinsamen Dach wohnen, miteinander keine vertraulichen Gespräche führen und schon gar keine Ehe eingehen. Jüdische Familien durften keine christlichen Dienstboten beschäftigen und Juden keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden. Blasphemische Äußerungen gegen das Christentum sollten erneut streng geahndet werden. So wurde 1823 ein jüdischer Trödelhändler, den die Inquisition der Gotteslästerung zieh, gefoltert und nach seinem "Geständnis" während des Purim-Festes auf der Piazza di San Carlo a Catinari an den Pranger gebunden.

Die erneute Ghettoisierung zog den neuerlichen Ruin der Juden nach sich. Die älteste jüdische Gemeinde Europas war im 19. Jahrhundert zugleich die ärmste Italiens. Besonders hart traf die Juden, dass es ihnen künftig wieder verboten war, außerhalb des Ghettos Geschäfte und Magazine zu führen. Innerhalb von fünf Jahren mussten sie allen ihren außerhalb des Ghettos gelegenen Besitz veräußern und ihre Läden am Corso schließen. Als Trödelhändler, Lumpensammler und Flickschuster, als Wasser- und Lastträger, Laufburschen und Hausierer schlugen sie sich durchs Leben. Das Ghetto blieb bis zu seinem Ende ein Elendsquartier, dessen halb verfallene, aber stark überbelegte Häuser gebildete Reisende regelmäßig entsetzten - "es sitzen darin", schrieb Gregorovius 1853, "die Judenfamilien wie in einem römischen Kolumbarium übereinandergeschichtet".

Die Schärfe, mit der die Kirchenspitze jede Forderung nach jüdischer Emanzipation zurückwies, wurzelte in einer von tridentinischem Glaubenseifer inspirierten Kultur der Intoleranz. Die katholische Kirche verstand sich auch im nachaufklärerischen Zeitalter als "allein selig machende Heilsanstalt", die neben sich grundsätzlich keine anderen Religionsgemeinschaften anerkannte. "Extra ecclesiam nulla salus" - lautete jahrhundertelang ihr eiserner Wahlspruch. Da die Juden Jesus gekreuzigt und sich stets überall als die hartnäckigsten Feinde der Kirche erwiesen hätten, duldeten die Päpste sie auch im 19. Jahrhundert nur in Ghettos. Dort sollten sie, bis zu jenem nicht fernen Tag, an dem sie die "Wahrheit" des katholischen Glaubens annehmen würden und sich endlich taufen ließen, in einer Art Sippenhaft für die "Schuld ihrer Väter" bezahlen.

An den reaktionären Grundpositionen seiner Vorgänger nahm auch der 1846 vom Kardinalskollegium als Hoffnungsgestalt gewählte Papst Pius IX. keine grundlegenden Korrekturen vor. In der liberalen Anfangsphase seiner Regierung schien es zwar so, dass er das Ghettosystem durch schrittweise Reformen beseitigen wollte. Während der schweren Tiber-Überschwemmung vom Dezember 1846 erlaubte Pius den Juden gnädigerweise, sich so lange in den Christen vorbehaltenen Quartieren aufzuhalten, bis die Häuser wieder völlig ausgetrocknet und instand gestellt waren. Während einer Fahrt durch die Stadt half er einem jüdischen Greis, der auf offener Straße zusammengebrochen war, eigenhändig in seine Kutsche. Als dabei der Ruf "Es ist nur ein Jude!" laut wurde, entgegnete der Papst in ungewohntem Ton: "Gehören denn die Juden nicht zu unseren Mitmenschen, denen wir helfen müssen?"

Im Oktober 1847 schaffte er die entwürdigende Huldigungszeremonie auf dem Kapitol ab, zu der man die Vorsteher der jüdischen Gemeinde am ersten Karnevalstag jeweils gezwungen hatte. Bereits zuvor hatte er die jüdischen Römer von der verhassten Zwangspredigt befreit. Außerdem stellte Pius jedes Vergehen gegen Leben und Eigentum der Gemeindemitglieder unter Strafe und erlaubte einigen Juden, auch außerhalb des Ghettos zu wohnen.

Das im "Völkerfrühling" herrschende Reformklima gab dem Papst den nächsten Schritt ein. Im Schutz der Nacht ließ er vom 17. auf den 18. April 1848 die Ummauerung des Ghettos niederreißen. Damit verschwand das "jahrhundertealte steinerne Symbol der Versklavung" (Simon Dubnow), nicht aber der tiefverwurzelte antiebraismo in der Bevölkerung. Periodisch war das Volk Roms über das Ghetto hergefallen und hatte dort Geschäfte und Wohnungen geplündert, so etwa 1793 und 1814 beim Abzug der Franzosen.

Die Erleichterungen, die Pius in den "liberalen" ersten zwei Jahren seiner Regierungszeit gewährte, waren nur von kurzer Dauer. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil in der Seefestung Gaeta 1850, wohin er vor der Revolution geflüchtet war, leitete er auch in dieser Frage einen radikalen Kurswechsel ein und kehrte im Geiste schärfster Reaktion zum Ancien Régime zurück. Für die Juden, die in den Monaten der Römischen Republik 1848/49 völlige Gleichstellung genossen hatten, brachen erneut bleierne Zeiten an. Das war umso bitterer, als ihre Glaubensgenossen im Königreich Sardinien bereits die gleichen Rechte erhalten hatten wie ihre christlichen Mitbürger. Sardiniens Monarch Viktor Emanuel sollte 1861 der erste König des geeinten Italiens werden.

In diesen Jahrzehnten, zwischen der 48er Revolution und etwa 1874, brachten fast alle europäischen Staaten den jüdischen Emanzipationsprozess zum Abschluss. Nur im Zarenreich blieb die Zeit stehen - und im Kirchenstaat. Der reaktionäre Geist, zu dem Pius IX. im Exil gefunden hatte, wurde durch nichts so sehr symbolisiert wie durch den Umstand, dass er 1850 die Mauern des Ghettos wieder aufrichten ließ. Jede Erinnerung an die Zeit der Römischen Republik sollte in dieser "geistlich-weltlichen Doppelmonarchie" (Wolfgang Reinhard) getilgt sein. Von neuem wurden die Juden in die Zwangsjacke ökonomischer Beschränkungen eingeschnürt und wurde ihnen die Ausübung von Handwerk, freien Berufen und Ämtern verboten. Erneut war ihnen der Besitz von Grund und Boden untersagt. Nach wie vor stand der Talmud auf dem Index der verbotenen Bücher, sodass die hier lebenden Juden nicht einmal Zugang zu allen ihren heiligen Schriften hatten. Nach wie vor kam es wegen der üblichen Ritualmordgerüchte zu Razzien im Ghetto.

Je länger diese Zustände andauerten, desto mehr empfanden sie die Liberalen inner- und außerhalb Italiens als Schlag ins Gesicht der zivilisierten Welt. Auf Abscheu stieß unter aufgeklärten Geistern besonders die offensiv praktizierte "Judenmission".

Für Papst und Kurie gab es von alters her nur eine Lösung der "Judenfrage": die Bekehrung und der Übertritt zum katholischen Glauben. Denn die Taufe eines Ungläubigen mehrte in ihren Augen den Ruhm Gottes, zeugte von der "Wahrheit" des Christentums und beschleunigte die Wiederkunft von Jesus Christus. Folglich hielt die Kirche den Konversionsdruck während des ganzen 19. Jahrhunderts hoch. Da die Zahl der jüdischen Konvertiten gering war, wurden Übertritte zum Katholizismus stets öffentlich als Siege über die "Unwahrheit" gefeiert und durch allerlei Vergünstigungen belohnt. So erhielten Neuchristen von ihren Taufpaten, die oft aus dem erlauchten Kreis des Hochadels stammten, ansehnliche Geldgeschenke. Außerdem durften sie nicht selten den Namen der sie protegierenden Adelsfamilie annehmen.

Nach kanonischem Recht konnten Kinder von Juden und anderen "Ungläubigen" nicht gegen den Willen der Eltern getauft werden, es sei denn, das Kind befinde sich in Todesgefahr, ein Elternteil verlange ausdrücklich nach diesem Sakrament, die Eltern hätten das Kind ausgesetzt oder der Täufling sei geistig behindert. Diese Ausnahmebestimmungen öffneten der Willkür Tür und Tor. Für eine "Nottaufe" genügten - und so ist es im Wesentlichen noch heute - ein paar Tropfen gewöhnliches Wasser, die dem Kind mit den Worten "Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" auf die Stirn zu träufeln waren. Die Wirkung dieses Aktes konnte durch nichts wieder rückgängig gemacht werden, und es war dafür nicht einmal ein Priester erforderlich. Sogar Nichtchristen durften taufen, wenn nur "rechte Absicht" sie leitete. Am tragischsten war für die Betroffenen, dass ein einmal getauftes jüdisches Kind in den Augen der Kirche als Christ galt und als solcher nicht mehr länger bei seinen Eltern aufwachsen durfte, es sei denn, diese würden zum Christentum übertreten. [...]

Noch sollte es [bis 1870] dauern, bis die italienischen Truppen unter General Raffaele Cadorna Rom eroberten und das Ghetto gewaltsam öffneten. Eine der ersten Maßnahmen der neuen Machthaber bestand darin, alle Sondergesetze gegen die Angehörigen der jüdischen Minderheit abzuschaffen und diese den übrigen Bürgern des Königreichs gleichzustellen. Mit der nachgeholten Judenemanzipation fand so, im Oktober 1870, eine 315 Jahre währende Leidensgeschichte ein Ende.

Uneinsichtig, ja hasserfällt reagierte Pius auf die Befreiung seiner ehemaligen jüdischen Untertanen. Wie ein Straßenjunge beschimpfte er sie vor Pilgern als "Ochsen", die keinen Gott kennen, und als "Hunde", die bellend durch die Welt zögen. Für ihn blieben sie die "Feinde Jesu", die "keinen anderen Gott hätten als ihr Geld".

Die Wunden der Ghettozeit wirkten noch Jahrzehnte nach. Zwar erlebten einige jüdische Römer einen schnellen sozialen Aufstieg. Doch die große Mehrheit der rund 4500 befreiten Juden musste vorerst als bitterarme Kleinhändler im Ghetto wohnen bleiben. Manche Familien lebten bis Mitte Oktober 1943 in ihrem alten Zwangsquartier - bis zu dem Augenblick, da sie von den Deutschen nach Auschwitz deportiert und in den Gaskammern ermordet wurden.

(Aram Mattioli: Nichts als Hunde. Ein besonders düsteres Kapitel der neueren Kirchengeschichte: Bis 1870 zwang der Papst Roms Juden, im Ghetto zu leben. In: Die Zeit Nr. 10 vom 2. März 2000, S. 82.)


 

Abb. 2
Judenpredigten


Hieronymus Hess: Judenpredigt in S. Angelo in Peschiera (1829). In:
Die Zeit Nr. 10 vom 2. März 2000, S. 82.


Text 3
Judenpredigten

Die in den alten Porticus der Octavia (Via del Portico d'Ottavia) schon im 11. Jahrhundert hineingebaute Kirche S. Angelo in Peschiera war die "Judenkirche" von Rom. 1584 befahl nämlich Papst Gregor XIII., daß an jedem Samstag ein Dominikanerpater für die Juden des römischen Ghettos eine Predigt halten solle. Anfangs wurden Männer, Frauen und Kinder aus dem [...] Ghetto wahllos mit Peitschenhieben in die Kirche getrieben. Es mußten dabei mindestens hundert Männer und fünfzig Frauen sein, später insgesamt dreihundert Personen, die am Eingang sorgfältig gezählt und registriert wurden. In der Kirche wachten Häscher über die Aufmerksamkeit der Anwesenden und schlugen alle, die nicht zuzuhören schienen, erbarmungslos mit eisernen Ruten. Um wenigstens dem zwangsweisen Zusammtreiben zu entgehen, einigten sich die Judengemeinden, daß die verschiedenen Synagogen abwechselnd die nötige Zahl der Zuhörer zu stellen hätten. Gegen eine hohe Ablösungssumme erreichten es die Juden wenigstens, daß Christen während der Predigt nicht die Kirche betreten und die Anwesenden verspotten durften. Diese Art der Predigt scheint der Geistlichkeit viel Befriedigung verschafft zu haben; denn auch andere Kirchen bemühten sich - allerdings vergeblich - um das Privileg solcher Judenpredigten, die erst 1847 durch Papst Pius IX. eingestellt wurden.

(Heinrich Pleticha: Wanderer, kommst Du nach Rom. Anekdoten und Bilder aus der Ewigen Stadt. Freiburg: Herder 1986. S. 191f.)
 


 
 
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