Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan
 

Historisches Zentrum
 

Via di Grottapinta
 

Text 1
Die Iden des Märzes 44 v. Chr.


Caesar wurde weder auf dem Kapitol, wie Shakespeare sagt, noch auf dem Forum ermordet, sondern ungefähr einen Kilometer davon in dem prächtigen neuen Theater, das Pompejus auf dem Marsfeld hatte errichten lassen. Das eigentliche Senatsgebäude war gerade wegen eines Umbaus unbenutzbar, daher konnte der Senat nicht in seinem historisch angestammten Haus zusammentreten.

Es ist hochinteressant, einmal den Schritten Caesars an seinem letzten Lebenstage nachzugehen, wie ich es eines Morgens unternahm. Damals wohnte er mit seiner Gemahlin Calpurnia in der Dienstwohnung des Pontifex Maximus auf dem Forum, gleich neben dem Haus der Vestalinnen. Caesar war der letzte Pontifex Maximus, der dort wohnte, sein Nachfolger Augustus zog auf den Palatin, und das alte Domus Publica wurde dem Komplex des Vestalinnenklosters einverleibt.

In dieses Haus auf dem menschenleeren nächtlichen Forum kehrte Caesar am Abend des 14. März 44 v. Chr. heim. Er hatte bei seinem Freunde Lepidus gespeist, nach dem Mahle noch einige dienstliche Akten durchgesehen und dabei mit halbem Ohr der Unterhaltung um ihn herum zugehört. jemand warf die Frage auf, welches der schönste Tod sei. Caesar sah von seinen Schriftstücken auf und sagte kurz: "Ein plötzlicher ...", und las weiter. Zu Hause konnte er keinen Schlaf finden, auch Calpurnia nicht. Ihr träumte, sie hielte seinen leblosen Körper in den Armen, und geriet darüber in solche Erregung, daß sie ihn von der Teilnahme an der Senatssitzung abzubringen versuchte.

Frauen ist oft eine Art sechster Sinn eigen, den auch kluge Männer nicht unterschätzen, und so war auch Caesar zunächst geneigt, ihrem Rat zu folgen. An die sechzig Männer waren in die Verschwörung zu seiner Ermordung eingeweiht, und Calpurnia spürte zweifellos, daß ein Verhängnis in der Luft lag. Als alter Zyniker von 58 Jahren, über dessen galante Abenteuer sich die ganze Armee lustig machte, besaß Caesar noch immer die Liebe dieser Frau, die sich in ihrer Sorge um Schutz und Sicherheit ihres Mannes nicht im geringsten davon beeinflussen ließ, daß zur gleichen Zeit ihre sattsam bekannte Rivalin Kleopatra gerade Caesars Villa auf dem Westufer des Tibers bewohnte. Wie dem auch sei - als es soweit war, schlug Caesar Calpurnias Befürchtungen in den Wind und begab sich zur Senatssitzung. Ein junger Mann war eigens dazu entsandt, ihn sicher dort hinzubringen, denn die Verschwörer zitterten vor Angst, ihr Komplott könnte vor der Vollendung ihrer blutigen Tat ruchbar werden. [...]

Welche Straße er nahm, ist natürlich nicht bekannt, aber sicher hat er beim Verlassen des Forums einen Blick auf die mit einem Gerüst umgebene Kurie geworfen, wo wahrscheinlich die Arbeit gerade ruhte, denn die Iden des März waren ein öffentlicher Feiertag. Alljährlich am 15. März strömte die römische Bevölkerung vor die Tore, um die Festlichkeiten zu Ehren einer rätselhaften Gottheit namens Anna Perenna zu begehen, die man sich als betrunkenes altes Weib vorstellte. Die Menschen picknickten unter Bäumen und schattigen Gebüschlauben und tranken dabei nicht wenig. Ovid beschreibt, wie die Bewohner in Scharen auf das Marsfeld zogen, sich in ausgelassenem Treiben vergnügten und beteten, daß ihnen noch so viele Lebensjahre beschert sein möchten, wie sie Becher leerten. Diese Rummelplatzszenen waren also das letzte, was Caesar von Rom sah.

Das Theater des Pompejus auf dem Marsfeld war das prächtigste Gebäude seiner Art in ganz Rom und soll dem griechischen Theater in Mytilene geglichen haben. Das riesige Halbrund faßte auf seinen unter freiem Himmel gelegenen Sitzreihen 17 000 Zuschauer, hinter der Bühne erstreckten sich überdachte Kolonnaden und Parkanlagen mit Ahornbäumen, in deren Schatten man sich in der Pause ergehen konnte. An die Gärten schloß sich die Kurie des Pompejus an, in der die Sitzbänke in ansteigendem Halbkreis um eine Apsis mit der berühmten Pompejus-Statue angeordnet waren. Hier sollte die Senatssitzung stattfinden, und hier, am Fuße der Pompejus-Statue, brach Caesar unter 23 Stichwunden zusammen. Der Überlieferung nach war seine letzte Sorge, sich schicklich mit der Toga zu bedecken, ehe er auf die Marmorfliesen stürzte. So brachte Brutus, dessen zur Schau getragene Tugendhaftigkeit nicht einmal ganz unehrlich war, "vielleicht größeres Unglück über seine Generation als je ein Mann vor ihm", wie es Professor J. F. Mahaffy ausgedrückt hat. [...]

Wenn die Via Grottapinta den Bogen des Pompejus-Theaters nachzeichnet, müssen die Kolonnaden zwangsläufig irgendwo unter der Via di Chiavari liegen, und die Kurie erstreckt sich entsprechend in Richtung des Largo Argentina. Wenn wir also im heutigen Rom so nahe wie möglich die Stelle finden wollen, an der Caesar starb, werden wir sie eigenartigerweise auf den Stufen des Teatro Argentina zu suchen haben, das zwar aus dem 18. Jahrhundert stammt, inzwischen aber erneuert ist.

H. V. Morton: Rom. Wanderungen durch Vergangenheit und Gegenwart. München: Knaur 1981. S. 100 - 102.)
 
 

Abb. 1
Das Theater des Pompejus

Das Theater und die Portiken des Pompejus. 
Rekonstruiert aus den erhaltenen Resten und den Fragmenten
des severischen Marmorplans. In:
Filippo Coarelli: Rom. Ein archäologischer Führer. Freiburg: Herder 1975. S. 255.
 
 

Text 2
Gaius Julius Caesar
(100 - 44 v. Chr.)

Caesar entstammt einem der ältesten römischen Patriziergeschlechter, den Juliern. Sein Vater war nicht reich, in der Politik hatte er es nicht weit gebracht, und er starb, als der Sohn gerade 16 Jahre alt war. Seine Tante war mit Marius verheiratet, dem mehrmaligen Konsul und Anhänger der Volkspartei. Wie konnte ein solcher junger Adliger in der Zeit der Bürgerkriege in Rom politische Karriere machen? 

16jährig heiratete er Cornelia, die Tochter des Konsuls Cinna, der wie Marius ein Gegner Sullas war. Aber diese Verwandtschaft brachte den jungen Caesar in Gefahr, denn Sulla verfolgte rücksichtslos alle Feinde. Caesar verließ für mehrere Jahre Rom, ließ sich auf Rhodos in der Redekunst ausbilden und kannte bald als schlagfertiger Gerichtsredner auftreten. Die Ämterlaufbahn benutzte der politische Außenseiter, um auf sich aufmerksam zu machen und Anhänger für die Wahlen zu finden: Als einer der 20 Quästoren - dem untersten Amt - hielt er 68 auf dem Forum eine Totenrede auf seine Tante. Dabei pries er die Abstammung seiner Familie von der Göttin Venus und den römischen Königen. Als Ädil richtete er zu Ehren des verstorbenen Vaters Gladiatorenspiele aus, bei denen die Kämpfer alle in silbernen Rüstungen auftraten. Er wurde bekannt und provozierte den Senat, indem er herkömmliche Regeln verletzte. Am Ende des Jahres 65 war er hoch verschuldet. Als zufällig das Amt des Pontifex Maximus frei wurde, bewarb er sich. Gewöhnlich wählte man den ältesten und würdigsten Kandidaten. Aber Caesar setzte alles auf eine Karte, er bestach die Wähler und hatte Erfolg - und noch mehr Schulden. Von seiner zweiten Frau Pompeja, mit der er 6 Jahre verheiratet war, ließ er sich scheiden, denn es gab Gerüchte, sie habe ihn betrogen. Im Jahre 62 bewarb er sich um das Amt des Prätors, denn nur so konnte er im folgenden Jahr Statthalter einer Provinz werden mit Aussicht auf Eroberungen und Kriegsbeute. Aber wegen seiner riesigen Schulden durfte er Rom erst verlassen, als Crassus, der reichste Mann, mit einem Achtel seines ganzen Vermögens (830 Talente) für Caesar bürgte. 

Nach seiner Amtszeit in Südspanien konnte er seine Schulden bezahlen und sich um das höchste Staatsamt, das Konsulat bewerben. Was sich Caesar als Konsul leistete, hatte man in Rom noch nicht erlebt: Seinen Mitkonsul von der gegnerischen Senatspartei, hinderte er, gegen ein Gesetzesvorhaben Einspruch zu erheben. Bezahlte Banden schütteten einen Korb Mist auf dessen Kopf. Gegen die Verfassung ließ er über ein Gesetz abstimmen, das seine Freunde, vor allem Pompejus und Crassus, und seine Anhänger belohnte. 

Um nicht am Jahresende wegen seiner Vergehen angeklagt zu werden, ließ er sich für 5 Jahre die Provinz im südlichen Gallien und Illyrien mit 4 Legionen zusprechen. Der Senat hatte ihm nicht den Auftrag gegeben, von sich aus Krieg zu beginnen. Aber das tat Caesar. In 7 Jahren (58 - 51) eroberte er ganz Gallien und dehnte die Grenzen des Römischen Reiches bis zum Atlantik, zur Nordsee und zum Rhein aus. Dieser Krieg, in dem er ein großer Feldherr wurde, hat ihn auch zu einem berühmten Schriftsteller gemacht. Sein Buch darüber wird noch heute an Gymnasien im Lateinunterricht gelesen. 

Im Jahre 49 wollte der siegreiche Feldherr sich erneut um das Amt des Konsuls bewerben. Aber während seiner Abwesenheit aus Rom hatte sich sein früherer Verbündeter Pompejus seinen Gegnern, der Senatspartei, angeschlossen. Man forderte Caesar auf, zuvor sein 11 Legionen starkes, kampferprobtes und ergebenes Heer bis zu einer bestimmten Frist zu entlassen. Aber Caesar mißachtete den Senatsbefehl. Er wollte der Erste in Rom sein und die Macht nicht einfach abgeben. Mit nur einer Legion begann er den Bürgerkrieg. "Dieser wahnsinnige, elende Kerl, der niemals auch nur den Hauch des Guten verspürt hat! Und da sagt er noch, er tue dies alles um seiner Ehre willen!" So entrüstete sich Cicero, Philosoph und Verteidiger der Republik. Verängstigt flohen viele Senatoren und Beamte aus Rom. Aber Caesar überraschte seine Gegner schon nach seinem ersten Sieg: Es gab unter den Gefangenen kein großes Morden wie unter Sulla. Er zeigte seine große Milde, ließ Gegner frei, nahm Soldaten, die sich ergeben hatten, in sein Heer auf und machte Pompejus ein Friedensangebot. Aber Pompejus lehnte ab, denn noch beherrschte er den größten Teil des Römischen Reiches, während Caesar nicht einmal eine Flotte hatte.

Vier Jahre dauerte der Bürgerkrieg. Am 25. Juli 46 feierte Caesar in Rom seine Triumphe über Gallien, Ägypten, Pontus und Africa. 50 Schlachten hatte er geschlagen und eine Million Gegner getötet. Als Triumphator saß er auf einem von vier Schimmeln gezogenen Wagen, einen Lorbeerkranz auf dem Haupt, ein Adlerszepter in der Hand, das Gesicht rot gefärbt - ein Abbild des Jupiters. In der durch großartige Bauwerke erneuerten Stadt ließ er Gladiatorenspiele und Theateraufführungen veranstalten. An 22 000 Tischen gab es ein Festessen. Auf dem Marsfeld wurde ein künstlicher See angelegt, auf dem zwei Flotten gegeneinander kämpften. Das Volk von Rom sollte sehen, was er geleistet hatte. Seinen Soldaten teilte er Land zu und belohnte sie aus seiner riesigen Kriegsbeute. Den eingeschüchterten Senat hatte er durch seine Anhänger erweitert. Außerordentliche Vollmachten und immer neue Ehrungen wurden für ihn beschlossen. Caesar war Alleinherrscher. Rastlos plante er einen neuen Krieg gegen die Parther. Welche Ziele er noch verfolgte, wußte niemand genau. Es gab Gerüchte, er wolle König werden. Darauf stand in der Republik die Todesstrafe. Am 15. März 44 wurde er von einer republikanischen Verschwörergruppe um Brutus und Cassius vor einer Senatssitzung durch 23 Dolchstiche getötet. Aber die Republik konnten sie nicht wiederherstellen. In dem folgenden Bürgerkrieg siegte sein Großneffe Octavian, den Caesar in seinem Testament als Erben seines Namens und seines Vermögens eingesetzt hatte.

(Walter Knopp)


 
 
Weiter zu:   Rom Inhaltsverteichnis   /   Largo Argentina
Zurück zu:   Piazza della Quercia