Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan
 

Historisches Zentrum
 
 

Piazza di Pasquino


Text 1
Pasquino

Rom, Anno Domini 1501 - Pasquino, eine Persönlichkeit, welche fortan öffentliche Vorgänge kommentieren und päpstliche Verfügungen konterkarieren wird, erblickt zum zweiten Mal das Licht der Welt. Als Geburtshelfer fungiert ein Kardinal, Oliviero Carafa, der dem römischen Adelsgeschlecht der Orsini einen prächtigen Palazzo abgekauft hat, um sich darin standesgemäß einzurichten.
Doch selbst der vornehmste Palast wirkt wenig repräsentativ, wenn die Gäste bei Regenwetter gezwungen sind, durch den Morast zu waten, ehe sie den Torbogen erreichen. Also lässt der Kardinal den Platz davor einebnen und pflastern. Bei den Arbeiten wird ein marmorner Torso zu Tage gefördert, von dem bislang gerade ein paar Zoll aus dem Boden ragten und der deshalb von allen für einen Steinbrocken gehalten wurde. Oliviero, überglücklich über den Fund und stolz auf seinen neu gepflasterten Platz, lässt die verstümmelte Statue an der Ecke seines Palastes aufstellen. Auf dem Sockel aus Travertin bringt er sein Wappen und eine lateinische Inschrift an: Oliverii Carafae beneficio sum anno salutis MDI (Dank Oliviero Carafa bin ich hier aufgestellt worden im Jahr des Heils 1501).

Man hat lange darüber gerätselt, wen der Torso wohl darstelle: Ajax, welcher die Leiche des Achilles davonträgt? Herkules? Menelaos? Oder vielleicht doch nur irgendeinen namenlosen Gladiator? Bis vor wenigen Jahren waren die Sachverständigen sich nur darin einig, dass es sich um ein hellenistisches Kunstwerk aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert handeln müsse. Oder um eine Kopie. Inzwischen wissen wir, dass Letzteres zutrifft. Im Frühjahr 1995 nämlich haben Archäologen in der Villa des Herodes Attikus im arkadischen Loukos das Original ausgegraben. Und dieses stellt den König Menelaos dar, während er den toten Patroklos vom Schlachtfeld trägt. Michelangelo lag also gar nicht so daneben, als er die Statue in künstlerischer Hinsicht auf eine Ebene mit der Laokoongruppe stellte.

Wie kam es, dass der arm- und beinlose Torso mit der beschädigten Nase zur ersten und bedeutendsten statua parlante, zu einer sprechenden Statue, wurde?

Alljährlich am 25. April, am Fest des Evangelisten Markus, führte seit Beginn des 15. Jahrhunderts eine Prozession am Kardinalspalast vorbei. Irgendwann verfielen Studenten, die mit ihrem Talent glänzen wollten, auf den Gedanken, an diesem Festtag lateinische Verse an der Mauer und am Sockel der Statue anzubringen. Unbekannte Schreiberlinge und zweifelhafte Bettelpoeten schlossen sich ihnen an, sodass der akademische Brauch schon bald zu einem frivolen Spiel geriet. Wiederum ein paar Jahre später, noch zu Lebzeiten des Kardinals, mochte irgendein frustrierter Zeitgenosse das Fest des heiligen Evangelisten nicht mehr abwarten und heftete eines Nachts ein boshaftes Epigramm an die Statue, in welchem er stadtbekannte Missstände wie Privilegienwirtschaft und Pfründenjägerei beim Namen nannte. Natürlich fand er sofort Nachahmer.

Ein zeitgenössischer Chronist behauptet, dass in dieser Gegend damals ein Schneider (nach anderen handelte es sich um einen Wirt, einen Bartscherer oder um einen Schulmeister) namens Pasquino wohnte, der für sein loses Mundwerk bekannt war. Dieser Mann soll der Statue zu ihrem Namen und der Sprache zu einem neuen Begriff verholfen haben. Klebte wieder einmal ein besonders bissiger Spruch an der Figur, hieß es fortan: Der Torso lästert wie Pasquino! Was schließlich dazu führte, dass die Statue selber zum Pasquino wurde. Besonders boshafte Sentenzen nennt man seither Pasquinaten oder Pasquillen.

Pasquino, und das ist historisch verbürgt, hörte alles, sah alles, wusste einfach alles - und kommentierte alles. Und immer mehr wurde er zum Sprachrohr des popolino, der kleinen Leute, welche der Ausbeutung und der Abzockerei durch die Mächtigen hilflos ausgeliefert waren. Kurzum, seit die Piazza vor dem Palazzo (heute: Piazza di Pasquino) baumlos war, hatte Pasquino kein Blatt mehr vor dem Mund. Was auch immer die Päpste verordneten und die Prälaten verkündeten, wurde von ihm kommentiert, ironisiert und parodiert.

Zur Zeit der Renaissance, als sich die Adelsgeschlechter der Carafa, der della Rovere, der Medici und der Farnese um den Stuhl Petri stritten, gab es immer wieder Päpste, die mehr Gewicht auf einen heiteren Lebenswandel als auf die Verkündigung der Frohen Botschaft legten. So spottete Pasquino nach der Wahl Pauls V. (1605 ? 1621), der dem Ge-schlecht der Borghese entstammte: 

»Dopo i Carafa, i Medici e i Farnese 
or si deve arricchir la casa Borghese« 
(Nach den Carafa, den Medici, den Farnese 
giert jetzt nach Reichtum das Geschlecht der Borghese).

Die Päpste freilich ließen sich die bissigen Kommentare nicht immer gefallen, und so wurde aus dem anzüglichen Spiel zuweilen blutiger Ernst. Einem Priester, Don Annibale Cappello, der Spottgedichte gegen die Schwester und die Nichte des gestrengen Sixtus V. verfasst hatte, ließ der Papst am 13. November 1585 auf dem Ponte Sant'Angelo eine Hand und die Zunge abschneiden. Anschließend wurde der Unglückliche auf der Brücke erhängt. Als Sixtus V. gar die Absicht bekundete, den Torso zertrümmern zu lassen und die Reste im Tiber zu versenken, soll ihm der Dichter Torquato Tasso dringend davon abgeraten haben: »Es könnten sonst aus dem Tiber Schwärme von Fröschen aufsteigen, die dann Tag und Nacht quaken!«

(Josef Imbach: Kirchenfürsten, Künstler, Kurtisanen. Rom - Geschichten aus einer Stadt. Düsseldorf: Patmos 2003. S. 107 - 110.)


 
 
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