Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan
 

Historisches Zentrum
 

Piazza della Minerva


Abb. 1: Robert MacPherson: Die Piazza della Minerva und das Pantheon (1858).
In: Gesine Asmus (Hrsg.): Rom in frühen Photographien 1846 - 1878.
Neuaufl. München: Schirmer/Mosel 1988. S. 123.
 

Text 1
Eine schwierige Aufgabe

Der kleinste römische Obelisk stand fast siebenhundert Jahre in der ägyptischen Stadt Sais vor dem Tempel der Neith, der ägyptischen Göttin Minerva. Ein seltsamer Zufall wollte es, daß er heute wieder an einer Stelle seinen Platz gefunden hat, die mit der gleichen Göttin zusammenhängt. Als dieser siebte römische Obelisk 1655 gefunden wurde, ließ ihn Papst Alexander VII. vor der Kirche Santa Maria sopra Minerva aufstellen, die ihren Namen nach dem Minerva-Tempel des Domitian erhielt, über dessen Resten sie erbaut ist.

Da der Obelisk so gar nicht die Größe seiner anderen römischen Brüder erreicht, sah sich Bernini, den der Papst mit der Aufstellung beauftragt hatte, vor einer schwierigen Aufgabe. Überdies schien ihm die Arbeit seines Ruhmes gar nicht würdig. Er war eben aus Paris, vom Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV., zurückgekehrt, wo man ihn mit Ehren überhäuft und wo ihn das Volk bestaunt und ihm gehuldigt hatte, so daß er sich selbst als ein Wundertier, als einen "elefante" verspottete. Und nun hatte man dem Wundertier diesen kleinen Obelisken aufgeladen ...

Da kam ihm der rettende Einfall, den Auftrag genauso in die Wirklichkeit umzusetzen: Er lud den Obelisken einem Elefanten auf!

Die Römer fanden auch gleich einen Namen für den drolligen kleinen Kerl und nannten ihn "das Küken der Minerva".

1946 wäre er übrigens beinahe gestohlen worden. Ein paar findige Amerikaner stellten fest, daß er sich besonders gut als "Souvenir" eignen würde. Eines Mittags, zur Stunde, da ganz Rom seine Siesta hält, erschien ein amerikanischer Lastwagen, und ein Trupp Arbeiter begann, in aller Eile das Denkmal abzubauen. Glücklicherweise schöpfte der Portier eines der umliegenden Hotels Verdacht und benachrichtigte die Polizei, bei deren Erscheinen die Andenkensammler die Flucht ergriffen, ohne das "Küken" mitgenommen zu haben.

(Heinrich Pleticha: Wanderer, kommst Du nach Rom. Anekdoten und Bilder aus der Ewigen Stadt. Freiburg: Herder 1986. S. 154f.)
 
 

Text 2
Hl. Katharina von Siena
1347 - 1380

Die Eltern Katharinas waren Färber. Sie führten eine fromme Ehe und hatten zusammen 25 Kinder. Katharina war früh wegen ihrer Anmut und Güte der Liebling aller. Schon mit sechs Jahren beschloß sie, sich Gott zu weihen, und mit sieben legte sie das Gelübde immerwährender Reinheit ab. Doch ab dem zwölften Lebensjahr setzten ihr die Eltern beständig mit Verheiratungswünschen zu. Sie versuchten den Willen der Widerspenstigen zu brechen und demütigten sie mit den niedrigsten Magddiensten.

Katharina nahm diese Prüfungen nicht nur bereitwillig auf sich, sondern tötete mit großer Energie alle leiblichen und geistigen Strebungen nach Vergnügen und Weltlichkeit in sich ab. Sie fastete oft wochenlang und aß ansonsten nur gekochte Kräuter, trank nur Wasser und schlief stets auf dem nackten Fußboden. Unter dem groben Gewand trug sie heimlich einen Bußgürtel, dessen nach innen gerichtete Stacheln den gesamten Unterleib peinigten. Täglich geißelte sie sich dreimal. Je einmal für sich, für die Toten und für die Lebenden. Eines Nachts hatte ihr Vater einen Traum, in dem er über seiner schlafenden Tochter eine weiße Taube erblickte. Dies bewog ihn, jeden Widerstand aufzugeben, und Katharina durfte in den Dritten Orden des hl. Dominikus eintreten. Drei Jahre lang verließ sie, außer zum Kirchgang, ihre Zelle nicht und redete mit niemandem außer ihrem Beichtvater auch nur ein Wort. In ihrer Abgeschiedenheit erfuhr sie die zärtliche Liebe des Heilands, der ihr oft in einem übernatürlichen Licht erschien. Während einer dieser Ekstasen schenkte ihr Jesus als Vermählungsring seine Vorhaut, die seit der Beschneidung im Tempel an einem geheimen Ort aufbewahrt worden war. Der Ring ziert bis zum heutigen Tag den Ringfingerknochen Katharinas, der zusammen mit ihrem Haupt in S. Domenico in Siena ausgestellt ist (wohingegen die übrigen Gebeine in Rom aufbewahrt werden). Allerdings ist das Kleinod für gewöhnliche Menschen nicht sichtbar. Dieser Gnade wurden jedoch zwei fromme Französinnen teilhaftig, die vor rund hundert Jahren in der Kapelle beteten. (Es kann freilich nicht geleugnet werden, daß auch 18 andere Orte Anspruch auf den Besitz der gleichen Reliquie erheben.)

Doch auch schwere Anfechtungen hatte Katharina abzuwehren. Unzüchtige Bilder von abscheulichen Wollüsten, unbeschreiblich häßliche Wünsche und Vorstellungen verfolgten sie hartnäckig.

Mit Jesu Hilfe überwand sie die satanischen Versuchungen in drei Jahren und widmete sich danach auf seinen Wunsch hin mit allem Eifer den Armen und Kranken. [...] Als sie 27 Jahre alt war, befahl ihr der Heiland, öffentlich zu predigen und zur Umkehr zu mahnen. Dies tat sie so erfolgreich, daß drei Dominikanergeistliche Tag und Nacht im Beichtstuhl verharren mußten, um den Andrang der durch sie zur Reue bewegten Sünder zu bewältigen.

Auf ihre Mahnungen kehrte Papst Gregor XI. aus dem Exil in Avignon zurück. Doch nach seinem Tode erhob sich gegen den rechtmäßigen Urban VI. ein Gegenpapst, Clemens VII., der wieder von Avignon aus regierte. Katharina litt so sehr unter dieser Spaltung der Kirche, daß sie bald bis zum Skelett abmagerte. Auch wurde sie von einem immer heftigeren Seitenstechen befallen. Bei ihrem Tode im Alter von 33 Jahren gewahrte man an ihrem Körper die fünf Wundmale Christi. In ihrer Demut hatte sie den Herrn gebeten, sie während ihres Lebens vor den Augen der Welt zu verbergen.

(Albert Christian Sellner: Immerwährender Heiligenkalender. Frankfurt a. M.: Eichborn 1993. S. 145f.)
 
 

Abb. 2
Santa Maria sopra Minerva

1 Fassade (17. Jh.) mit Renaissance-Haupteingang (1453). - 2 Gotisches Mittelschiff (um 1280). - 3 Grab des Diotisalvi Nerone (1482). - 4 Denkmal der Virginia Pucci Ridolfi (+ 1568). - 5 Verkündigungs- kapelle von Carlo Maderna mit "Verkündigung" von Antoniazzo Romano (um 1460). - 6 Aldobrandini- Kapelle von G. della Porta und C. Maderna mit dem "Letzten Abendmahl" von Federico Barocci und dem Denkmal für Salvestro Aldobrandini und Luisa Dati, die Eltern Clemens' VIII., von G. della Porta. - 7 Kapelle des hl. Raimund von Penafort mit dem Denkmal des Kardinals Giovanni Diego de Coca (+ 1477) von Andrea Bregno und Malereien von Melozzo da Forlì. - 8 Carafa-Kapelle mit Malereien von Filippino Lippi - die "Verkündigung" und "Thomas von Aquin widerlegt die Häretiker" (1488 - 92) sowie dem Grabmal des Carafa-Papstes Paul IV. (+ 1559), entworfen von Pirro Ligorio. - 9 Grabmal des Wilhelm Durandus, Bischofs von Mende (+ 1296), von Giovanni di Cosma. - 10 Rosenkranz- oder Capranica-Kapelle mit Stuckdecke von Marcello Venusti (1573) und Grab des Kardinals D. Capranica (+ 1458) von einem Schüler des A. Bregno. - 11 Hochaltar mit Sarkophag mit den Gebeinen der hl. Katharina von Siena (+ 1380) und einer Statue der Heiligen von Isaia da Pisa; hinter dem Altar sind die Gräber zweier Medici-Päpste, Leos X. und Clemens' VII., beide entworfen von Antonio Sangallo dem Jüngeren (1536); am Boden ein Gedenkstein für den Humanisten Pietro Bembo (+ 1547). - 12 "Erlöser mit dem Kreuz"; Statue von Michelangelo (1519-21). - 13 Grab des Fra Angelico, der im angrenzenden Kloster im Jahre 1455 verstarb. - 14 Sakristei und Überreste des Raumes, in dem die hl. Katharina von Siena starb mit einer Malerei (1482) von Antoniazzo Romano. - 15 Kapelle des hl. Dominikus (1725) von Fil. Raguzzini. - 16 Grab des Andrea Bregno (1506), es wird L. Capponi zugeschrieben. - 17 Grab der Maria Raggi (1643) von Bernini. - 18 Kapelle mit den Denkmälern der Maria Colonna-Lante, Giulio Lante della Rovere und ihrer Tochter Carlotta. - 19 Grazioli-Kapelle mit Gemälde "Der Erlöser", dem Perugino zugeschrieben, und Statuen: der hl. Sebastian (15. Jh.), wahrscheinlich von M. Marini, und Johannes der Täufer von A. Bonvicino (1603); ferner die Gräber von B. und A. Maffei (frühes 17. Jh.), wahrscheinlich von L. Capponi. - 20 Grab des Francesco Tornabuoni (+ 1480) von Mino da Fiesole. - 21 Durchgang zum Kreuzgang und zum Dominikanerkloster. - 22 Kreuzgang.
 
 


Text 3
Überschwemmungen

Wer sich heute einen Eindruck von der Höhe des Wasserstandes [bei den zahllosen Tiberüberschwemmungen] machen will, mag sich zur Kirche Santa Maria sopra Minerva begeben, an deren Fassade sechs marmorne Markierungen an die schlimmsten Tiberüberschwemmungen erinnern. Zuoberst findet sich jene, die auf die Wassernot von 1598 verweist. Die jüngste trägt das Datum von 1870 (von dieser Überschwemmung existieren Fotos, die zeigen, wie Leute im Pantheon Boot fahren); die älteste Inschrift stammt aus dem Jahre 1498.

Gerade drei Jahre vorher, 1495, hatte der Tiber eine Katastrophe verursacht, über die wir ebenfalls detaillierte Zeugnisse besitzen. Am 25. November jenes Jahres herrschte eine für die Gegend ungewöhnliche Kälte. Am 1. Dezember schneite es ein wenig, dann setzte plötzlich eine milde Witterung mit ungewohnt heftigen Regengüssen ein. Erst nach zweieinhalb Tagen, am 4. Dezember, hellte sich der Himmel wieder auf Kurz darauf schwoll der Tiber mit außerordentlicher Geschwindigkeit an und überschwemmte die ganze Stadt. Einen Eindruck von dieser grauenhaften Katastrophe vermittelt der Bericht eines venezianischen Gesandten, der damals gerade in Rom weilte:

"Nach Tisch ritt unser Botschafter Girolamo Zorzi aus, um die Überschwemmung zu sehen, und fand, dass das Wasser sich überall ausgebreitet hatte; es bedeckte fast gänzlich den Ponte Sisto, stieg ständig an, Holz, Mühlen, Stege und kleinere Häuser mit sich führend. Als wir uns später nach Santa Maria del Popolo begeben wollten, war dies nicht mehr möglich. Die Bilder der Fliehenden und die einstürzenden Häuser, die sich uns darboten, waren so jammervoll, dass wir an diesem Tag nichts mehr sehen wollten und nach Hause zurückkehrten. Unseren Pferden reichte das Wasser bis zum Sattel. Um ein Uhr nachts kam die Flut auch an unsere Straße. Wir versuchten, die Tür und das Fenster im Erdgeschoss zu verrammeln und zu verstopfen, um den dort lagernden Wein nicht zu verlieren, aber alles war vergeblich. In einem Augenblick ward der ganze Keller von dem von unten eindringenden Wasser gefüllt, und wenn unsere Diener nicht die Fässer auf die Schultern genommen und in einen höher gelegenen Saal getragen hätten, wären wir ohne Wein gewesen. Später zerstörten die wilden Gewässer auch die Versammlung des Tores und füllten augenblicklich den Hof Unsere Diener im Keller entrannen mit knapper Not dem Tode. Die Flamländer in unserer Nachbarschaft flohen, über ihre zurückgelassene Habe jammernd. Unser Hausherr Demonico de' Massimi suchte vergeblich seine mit kostbaren Spezereien angefüllten Magazine zu retten. Da das Wasser von verschiedenen Straßen her mit entsetzlicher Gewalt heranstürmte, ging alles verloren, und Massimis Untergebene konnten sich nur schwimmend retten. Er selbst musste mit seiner Dienerschaft bis an die Brust im Wasser waten; sein Schaden beziffert sich auf 4000 Dukaten. Wir versorgten ihn und die ganze Nachbarschaft mit Wein, während er uns mit Brot aushalf Bis Samstagabend stieg das Wasser unaufhörlich. In unserem Hof stand es sieben, auf der Straße zehn Fuß hoch. In dieser Weise wurde fast die ganze Stadt heimgesucht. Allenthalben fuhr man in Kähnen und Barken durch die Straßen wie in Venedig durch unsere Lagunen, um die Blockierten mit Lebensmitteln zu versorgen. An manchen Orten stellte sich die Wassernot so rasch ein, dass die Leute in ihren Betten davon überrascht wurden. Viele Menschen ertranken, eine noch größere Zahl verlor Hab und Gut. Nachts hörte man weithin das Hilfegeschrei derer, die von der Flut überrascht wurden. Drei Stunden lang raste ein Sturm, wie man ihn stärker nicht auf der See erleben kann. Da die Brunnen unbrauchbar und die Lebensmittelvorräte zerstört worden waren, gerieten die Bewohner mancher Stadtteile in die größte Not. Viele können bis zur Stunde ihren Durst nicht löschen, und doch sind wir fast bis zum Ertrinken im Wasser. In Trastevere fürchtet man die Zerstörung der Brücken. Viele Häuser und Paläste sind eingestürzt und haben die Bewohner unter ihren Trümmern begraben. Die Mosaikfußböden der Kirchen sind vernichtet, ebenso die Gräber und alle Lebensmittel in der Stadt. Fast der ganze Viehbestand in der Umgegend ist zu Grunde gegangen. Um ihr Leben zu retten, flüchteten die Hirten auf die Bäume und banden sich dort an, kamen aber doch teilweise durch Hunger und Kälte um; andere wurden mit den entwurzelten Bäumen halb tot in die Stadt geschwemmt. Man fürchtet, dass es in der Umgebung Roms im nächsten Jahr keine Ernte geben wird. Auch zur Zeit Sixtus IV. und Martins V. haben große Überschwemmungen stattgefunden, aber eine solche Wassernot hat Rom noch nicht erlebt. Viele sind von größter Furcht erfüllt und sehen in der Überschwemmung ein Warnzeichen des Himmels; doch mir ziemt es nicht, hierüber zu sprechen. Der Papst hat Prozessionen angeordnet, um die Barmherzigkeit Gottes anzurufen."

Die Bilanz dieser Naturkatastrophe war in der Tat verheerend. In Tor de Nona ertranken viele Gefangene. Zahlreiche Arbeiter fielen der Flut in den Weinbergen zum Opfer; Hirten kamen auf den Feldern um. Erst in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember begann das Wasser langsam zu sinken. Weil aber die Flusskähne und die Mühlen am Tiber zerstört waren, mangelte es an Brot. Ein großer Teil der Bevölkerung blieb während Monaten obdachlos. Epidemien rafften Menschen und Vieh gleicherweise dahin. Die tiefen Gräben um die Engelsburg blieben noch lange mit Wasser gefüllt.

Begreiflich, dass dieses furchtbare Ereignis und dessen Folgen nicht nur die Einbildungskraft der Unheilspropheten, sondern auch die Phantasie des Volkes beflügelten. Man erinnerte sich an das Schicksal von Sodom und Gomorra und erwartete ein Gottesgericht und den endgültigen Untergang der Stadt. Die abstrusesten Erzählungen machten die Runde. Besonders großes Aufsehen erregte die Nachricht von einer Missgeburt, die angeblich Ende Januar 1496, knapp zwei Monate nach der Katastrophe, im Tiber gefunden wurde. Der venezianische Gesandte beschreibt sie als "Ungeheuer, das den Kopf eines Esels und den Körper einer Frau hat. Der linke Arm hat menschliche Form, der rechte geht in einen Elefantenrüssel über. Hinten befindet sich das Gesicht eines alten Mannes mit Bart. Als Schwanz kommt ein langer Hals heraus, der in einen Schlangenkopf mit offenem Maul mündet. Der rechte Fuß ist der eines Adlers mit Krallen, der linke der eines Ochsen. Die Beine und der ganze Körper sind schuppig wie ein Fisch."

Das römische Volk erblickte darin ein Zeichen des Himmels, das auf ein drohendes Gottesgericht hindeutete. Aber auch in anderen Teilen Italiens betrachtete man das Monstrum als schlimmes Omen. Noch im gleichen Jahr nahm Savonarola es in seinen Fastenpredigten zum Anlass, um den bevorstehenden Untergang des »Gesetzes der Priester« zu prophezeien: "O Italien! Gräuel auf Gräuel werden über dich hereinbrechen! Verzweiflung wird die Menschen ergreifen; das Oberste wird zuunterst gekehrt werden.« Zumindest diese letzte Voraussage hat sich als wahr erwiesen, und zwar immer wieder und immer neu, wenn auch auf etwas andere Weise, wie nicht nur die Geschichte des Kirchenstaates, sondern auch die Entwicklung der italienischen Republik bis hinein in unsere Gegenwart dokumentiert. [...]

Verschont wurde die Stadt von den furchtbaren Überschwemmungen erst, als gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Tiber reguliert und bei dieser Gelegenheit eine neue Verkehrsader, der Lungotevere, angelegt wurde.

(Josef Imbach: Kirchenfürsten, Künstler, Kurtisanen. Rom - Geschichten aus einer Stadt. Düsseldorf: Patmos 2003. S. 102 - 106.)
 
 

Text 4
Das Dominikanerkloster
von Santa Maria sopra Minerva

"Das Lied meiner Jugend war das Lied eines kleinen, römischen Brunnens, der seinen zarten Strahl in das vergreiste Marmorbecken eines antiken Sarkophages ergoss, an dessen Rand man mich als Kind aus dem fernen Deutschland verpflanzt hatte. Der alte Palast, in dessen Hof der Brunnen rann, erhob seine goldfarbigen Massen aus dem schattigen Gewirr der tiefen Straßenschluchten des Campo Marzio gegen den kleinen, sonnigen Platz von Santa Maria sopra Minerva. Meine Fenster blickten in die samtenen Schatten jenes Hofes hinab, wo inmitten von allerlei Palmen, Magnolien und zierlichem Schlingkraut der Brunnen seine eintönig süße Melodie wob. Ich hörte bei Nacht seinen geheimnisvollen Rausch, hingegossen in die sanfte Kühle der Mondnacht, und wenn ich mich im Bett aufrichtete, sah ich die Weiße seines duftigen Strahles wie einen kleinen, silbernen Flügel der schwarzen Erde steil zum Himmel empor gespannt und dann wieder zum Schoß seiner Herkunft zurücksinkend. Ich fühlte zu diesem Brunnen eine innige Zugehörigkeit; ja manchmal kam es mir vor, als ob er das Allerverwandteste sei, was ich überhaupt auf der Welt hätte."

"Das Lied meiner Jugend war das Lied eines kleinen römischen Brunnens ..." Um die Autorin dieser Zeilen, Gertrud von Le Fort, ist es seit ihrem Tod im Jahre 1971 ruhiger geworden. Aber dieser erste Satz, mit dem sie ihren bedeutendsten Roman mit dem Titel Das Schweißtuch der Veronika einleitet, klingt manchen ihrer Leserinnen und Lesern noch immer im Ohr. Der fragliche Brunnen im Hof des Dominikanerklosters von Santa Maria sopra Minerva (von dem inzwischen bloß noch ein einziger Flügel von den Ordensleuten bewohnt ist) plätschert noch immer still vor sich hin. Die Dichterin hatte dort anlässlich ihrer ersten Romreise im Jahre 1904 ein Zimmer bezogen.

In diesem Kloster wurde Giordano Bruno im Jahr 1600 zum Scheiterhaufen verurteilt und Galileo Galilei 1633 zur Zurücknahme seiner Thesen gezwungen. Denn hier befand sich über Jahrhunderte hin der Hauptsitz der römischen Inquisition (weshalb den Jüngern des heiligen Dominikus der zweifelhafte Ruf als Domini canes, als Hetzhunde Gottes, vorausging).

Der Kreuzgang des Klosters (den man unmittelbar links neben der Kirche, Haus Nummer 42, betritt) stammt aus dem 16. Jahrhundert. Die Fresken, mit denen ihn eher zweitrangige Künstler im Jahre 1602 ausschmückten, befinden sich in einem recht desolaten Zustand. Dargestellt sind neben den 15 Gesetzen des Rosenkranzes das Leben des heiligen Dominikus sowie die bekanntesten (und berüchtigtsten) Inquisitoren. Einige von ihnen halten den eigenen Kopf in den Händen. Es handelt sich um Glaubenswächter, welche schon den bloßen Anschein einer Häresie aufs Grausamste verfolgten und schließlich, als der Volkszorn sich gegen sie selber richtete, vom Pöbel gelyncht und so (zumindest in den Augen der Dominikaner) zu Märtyrern wurden.

(Josef Imbach: Kirchenfürsten, Künstler, Kurtisanen. Rom - Geschichten aus einer Stadt. Düsseldorf: Patmos 2003. S. 56f.)
 
 

Text 5
Der Fall Galilei

Zeigten sich die Theologen bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts fast ausschließlich an den Regionen interessiert, die ihrer Ansicht nach über oder hinter den Sternen lagen, schenkten die Wissenschaftler unter ihnen spätestens seit Kopernikus (1473 - 1543) den Gestirnen selber vermehrt Beachtung. Kopernikus nämlich vertrat die für seine Zeitgenossen befremdliche Ansicht, dass das Universum sich nicht um die Erde und um den Menschen drehe, sondern dass die Sonne den Mittelpunkt des Weltalls bilde. Als einer der Ersten bekam Galileo Galilei (1564 - 1642) die Folgen dieser für die Gottesgelehrten etwas ungewöhnlichen Beschäftigung mit dem Lauf der Gestirne zu spüren.

Rom, am Vormittag des 26. Februars 1616. An diesem Morgen wird der berühmte Mathematiker, Naturphilosoph, Naturwissenschaftler und Astronom von Kardinal Roberto Bellarmino und dessen wissenschaftlich nicht uninteressierten Kollegen Maffeo Barberini und späteren Papst Urban VIII. im Vatikan in der Stanza del Paradiso zu einem "Gespräch" empfangen. Die beiden weisen Galilei darauf hin, dass die neue Lehre, nach welcher die Erde um die Sonne kreise, im Widerspruch steht zur Heiligen Schrift und nehmen dem Gelehrten das Versprechen ab, in dieser Sache nichts weiter zu veröffentlichen. Dieser versteht sehr wohl, dass die Eminenzen ihm durch diese private Form der Mitteilung zwar ihre Wertschätzung bekunden, ihm aber gleichzeitig zu verstehen geben, dass seine Theorien ihm Ärger mit der Glaubensbehörde einbringen könnten.

Bertolt Brecht hat den Gedankenaustausch, der an jenem denkwürdigen 26. Februar 1616 zwischen Galilei und den beiden Kardinälen stattfand, in seinem Stück "Leben des Galilei" zu rekonstruieren versucht.

Bellarmino (zu Galilei): jetzt beschuldigen Sie dieses höchste Wesen, es sei sich im Unklaren darüber, wie die Welt der Gestirne sich bewegt, worüber Sie sich im Klaren sind. Ist das weise?

Galilei (zu einer Erklärung ausholend): Ich bin ein gläubiger Sohn der Kirche...

Barberini: Es ist entsetzlich mit ihm. Er will in aller Unschuld Gott die dicksten Schnitzer in der Astronomie nachweisen! Wie, hat Gott nicht sorgfältig genug Astronomie studiert, bevor er die Heilige Schrift verfasste? Lieber Freund!

Galilei: Aber, meine Herren, schließlich kann der Mensch nicht nur die Bewegungen der Gestirne falsch auffassen, sondern auch die Bibel!

Bellarmino: Aber wie die Bibel aufzufassen ist, darüber haben ausschließlich die Theologen der heiligen Kirche zu befinden, nicht?

Galilei: Die Winkelsumme im Dreieck kann nicht nach den Bedürfnissen der Kurie abgeändert werden.

Der Naturwissenschaftler beruft sich auf seine Experimente. Die Theologen hingegen pochen auf die Bibel. Tatsächlich heißt es im alttestamentlichen Buch Josua (Kapitel 10, Verse 12f.), dass die Sonne einstmals so lange stehen blieb, bis die Israeliten an ihren Feinden Rache genommen hatten. Wie konnte man also behaupten, dass sich die Erde um die Sonne drehe?! Angesichts einer derart unerhörten, weil angeblich im Widerspruch zur Heiligen Schrift stehenden Auffassung sah sich die Inquisition genötigt einzuschreiten. Schließlich stellte, wer auch nur eine einzige in der Bibel verankerte Wahrheit leugnete, grundsätzlich den ganzen Glauben in Frage. Damals erkannte man eben noch nicht, dass (wie sich Galilei später ausdrückte) "die Bibel nicht lehrt, wie der Himmel geht, sondern wie man zum Himmel geht".

Rom, 11. Juni 1982. Im ersten Stockwerk des Palazzo del Sant' Uffizio, nach welchem die unweit des Petersplatzes gelegene Piazza benannt ist, wartet der italienische Wissenschaftshistoriker Pietro Redondi ungeduldig darauf, ein bislang unbekanntes Dokument aus dem Jahre 1625 über Galilei einsehen zu dürfen, von dem in einem Brief eines seiner Schüler die Rede ist. In dem besagten Brief erwähnt dieser Schüler einen gewissen Pater Guevara, der sich, ebenfalls in schriftlicher Form, gegenüber einem Kardinal lobend über Galilei geäußert haben soll.

Die Vermutung, dass der Schriftsatz dieses Pater Guevara möglicherweise in den Archiven der Glaubenskongregation aufbewahrt werde, kam Redondi, nachdem ihm im Verlauf seiner Forschungen ein paar Einzelheiten aufgefallen waren, welche seine Kollegen bisher übersehen hatten.

Wie alle Galileikenner wusste Redondi natürlich, dass der berühmte Astronom um 1620 in einen Gelehrtenstreit mit einigen römischen Jesuiten verwickelt war, welche der Theorie des Kopernikus ablehnend gegenüberstanden. In diesem Zusammenhang veröffentlichte Galilei im Jahre 1623 seine berühmte Streitschrift "Il Saggiatore", die gleichzeitig einen Großangriff auf die Vertreter der in Rom herrschenden traditionalistischen Kultur darstellte. Gewidmet war das Werk dem neu gewählten Papst Urban VIII., der sich als Kardinal den Naturwissenschaften gegenüber höchst aufgeschlossen gezeigt hatte.

Obwohl der Papst für Galilei große Sympathien hegt und ihn mehrfach empfängt, lässt er sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht dazu bewegen, die Verurteilung des Kopernikus und damit des neuen Weltbildes zurückzunehmen.

Galilei befindet sich inzwischen längst wieder in Florenz. Aber über die Vorgänge in Rom hält er sich auf dem Laufenden. Unter anderem geht das aus dem bereits erwähnten Brief seines Schülers hervor, welcher ihm am 18. April 1625 berichtet, dass ein gewisser Pater Guevara den "Saggiatore" positiv beurteilt. "Überdies hielt er [Guevara] schriftlich einige Verteidigungspunkte fest, wonach er diese Lehre der Bewegung der Erde, auch wenn sie in dem Werk enthalten sein sollte, nicht für verdammenswert halte ..."

Diese Briefnotiz war den Galilei-Forschern bekannt, aber keiner hatte sich jemals Gedanken darüber gemacht. Das schien auch nicht nötig, weil der "Saggiatore" bei der Verurteilung Galileis keine Rolle spielte. Dies wenigstens glaubte man - bis Pietro Redondi auf die Idee kam, bei der Glaubenskongregation nachzufragen, ob sich in ihrem Archiv ein Dokument betreffend einen gewissen Pater Guevara und den Saggiatore befinde. Genau diese Anfrage Redondis führte zu einer überraschenden Entdeckung.

Zu Guevara fand sich nichts; dafür aber war (was kein Galilei-Spezialist vermuten konnte) unter dem Stichwort "Saggiatore" ein zweiseitiges Dokument registriert. Redondi durfte es einsehen und auswerten. Statt der gesuchten Stellungnahme von Pater Guevara kam die Anzeige eines anonymen Denunzianten folgenden Wortlautes zum Vorschein: "Da ich in den vergangenen Tagen das Buch des Herrn Galileo Galilei mit dem Titel Saggiatore gelesen habe, bin ich dazu gelangt, eine Lehre zu erwägen, die schon von den Alten gelehrt und von Aristoteles höchst wirksam widerlegt wurde und die nun vom selbigen Herrn Galilei erneuert wird ..." (Zit. n.: Pietro Redondi: Galilei - der Ketzer. München: Beck 1989. S. 336.) Im Folgenden präzisiert der Denunziant, dass Galilei einem philosophischen Irrtum, nämlich dem Atomismus, aufgesessen sei.

Zur Erklärung: Der griechische Philosoph Aristoteles unterschied in Bezug auf alles Seiende zwischen dem Wesen einer Sache (ihrer Substanz) und deren zufälligen Eigenschaften (den Akzidenzien). Wenn beispielsweise Wasser erhitzt oder gefärbt wird, wechseln bloß die Eigenschaften, während die Substanz (das Wesen) unverändert bleibt. Die Substanz Wasser ist demnach der Träger bestimmter Eigenschaften (in unserem Fall: von Hitze und Farbe), die immer nur in Verbindung mit einer Substanz (hier: dem Wasser) existieren.

Dagegen lehrte Galilei, dass auch die sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften (wie etwa Hitze oder Farbe) ein eigenes Sein besäßen, also unabhängig von einer Träger-Substanz existieren würden, und zwar in Form von kleinsten Teilchen oder Atomen - daher der Begriff "Atomismus".

Heute neigen wir dazu, derartige Diskussionen als Silbenstecherei abzutun. Damals allerdings stand nichts weniger als eine der zentralen Glaubenswahrheiten der Kirche auf dem Spiel. Oder hatte das Konzil von Trient etwa nicht gelehrt, dass bei der Konsekration in der Messfeier Brot und Wein in die Substanz des Leibes und des Blutes Christi verwandelt würden? Das heißt, die ursprünglichen Substanzen von Brot und Wein bestehen nach der Wandlung nicht mehr weiter, sondern sind nunmehr Akzidenzien, bloße Erscheinungsformen.

Wenn man aber mit Galilei annimmt, dass die Eigenschaften ein eigenes Sein besitzen, so bedeutet das nach dem Verständnis der Aristoteles-Anhänger, dass Brot und Wein auch nach der Konsekration bleiben, was sie vorher waren und nicht in Christus "verwandelt" werden. Kurzum, die Irrlehre, welcher Galilei nach der Publikation des "Saggiatore" bezichtigt wurde, betraf gar nicht seine astronomischen Ansichten, sondern die möglichen Konsequenzen seiner Naturphilosophie und damit indirekt - nämlich in ihren Auswirkungen - das katholische Dogma von der Eucharistie! In dieser Sache aber konnte ihn selbst der Papst nicht in Schutz nehmen, ohne selber der Häresie verdächtigt zu werden.

Urban VIII. findet dennoch einen Weg, Galilei vor dem Schlimmsten zu bewahren. Angeblich weil die Bedeutung des Falles dies erfordert, setzt er ein außerordentliches Verfahren an und eine Sonderkommission ein, der Kardinal Bellarmino vorsteht, mit dem Galilei befreundet ist.

Schon immer haben die Historiker darüber gerätselt, was wohl den Richter bewogen habe, Galilei während des laufenden Verfahrens am 27. April 1633 in seiner Zelle aufzusuchen und mit ihm allein, ohne Zeugen, zu sprechen. Redondi hält es für sicher, dass der Richter dem Gelehrten das Angebot machte, mit der Sonderkommission eine Absprache zu treffen: Von der gefährlichen Anklage, Galilei würde (implizit) die Wesensverwandlung von Brot und Wein während der Messe leugnen, wollte man Abstand nehmen; sie hätte den Gelehrten unweigerlich auf den Scheiterhaufen gebracht. Stattdessen fand man einen Vorwand, um die Inquisitionsbehörde und - nicht zu vergessen! - die Gegner Urbans VIII., die bereits an eine Palastrevolte und an die Absetzung des Papstes dachten, zu beruhigen.

Jahre zuvor, im Februar 1616, hatte Kardinal Bellarmino Galilei dazu verpflichtet, nichts mehr über das neue (kopernikanische) Weltbild zu publizieren, da dieses angeblich im Widerspruch zur Schrift stehe. Dennoch hatte dieser 1632, gerade ein Jahr bevor ihm der Prozess gemacht wurde, ein Werk mit dem Titel "Dialoge" veröffentlicht, in dem er erneut auf diese Frage zurückkam. Damit hatte die von Urban VIII. eingesetzte Sonderkommission die Möglichkeit, die Anklage wegen Häresie zu übergehen und Galilei wegen seiner neuerlichen Äußerungen zum kopernikanischen Weltbild den Prozess zu machen und ihn wegen "Hochverrats" zu verurteilen.

Die Gegner Urbans VIII. konnten den Fall Galilei nun nicht mehr als Vorwand benutzen, um den Papst zu stürzen. Dieser seinerseits vermochte den Gelehrten mit dem von ihm gesteuerten Verfahren vor dem Scheiterhaufen zu bewahren.

Bevor Pietro Redondi das inzwischen von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften veröffentlichte Dokument entdeckte, glaubte man stets, dass Galilei in diesem Prozess übel mitgespielt wurde. In Wirklichkeit hat er seinerseits mitgespielt, indem er auf die Vorschläge seines Richters einging und eine Verurteilung wegen seiner astronomischen Theorie und deren öffentlichen Widerrufs in Kauf nahm, was dann ein für ihn völlig aussichtsloses Verfahren bezüglich seiner "häretischen" Naturphilosophie überflüssig machte. Untermauert wird diese These durch die Tatsache, dass der Papst persönlich Galilei schon bald nach dem Verfahren begnadigte. Bekanntlich lautete das Urteil auf lebenslange Haft. Schon nach kurzer Zeit jedoch erlaubte Urban VIII. Galilei, in seinem Landhaus bei Florenz zu leben; die Kerkerstrafe wurde in Hausarrest umgewandelt, zum Dank für sein Wohlverhalten während des Prozesses.

(Josef Imbach: Kirchenfürsten, Künstler, Kurtisanen. Rom - Geschichten aus einer Stadt. Düsseldorf: Patmos 2003. S. 61 - 66.)


 
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