Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan
 

Historisches Zentrum
 
 

Piazza Mattei


Abb. 1: Giuseppe Vasi: Piazza Mattei mit dem Schildkrötenbrunnen.
In: Harald Keller (Hrsg.): Das barocke Rom in Kupferstich-Veduten. Dortmund: Harenberg 1979. S. 179


Text 1
Fontana delle Tartarughe

Der Brunnen wurde 1581 von Taddeo Landini vor dem Palazzo des Muzio Mattei errichtet, als die Wasserzuführung der Acqua Vergine bis zur Piazza Mattei hier die Anlage einer Fontäne ermöglichte. Ein Stich von 1618 bestätigt, dass die Schildkröten nicht zum ursprünglichen Brunnen gehören. Die vier Jünglinge griffen vielmehr mit der freien Hand, mit der sie nicht den Schwanz ihres Delphins hielten, unmittelbar an den Schalenrand des Brunnens oder an die Unterseite der Schale. Unter Papst Alexander VII. wurden laut Inschriften auf der Rückseite des Sockels 1658 die Schildkröten hinzugefügt. Dabei ist eine Mitwirkung von Gian Lorenzo Bernini nicht erwähnt. Die Hinzufügung der Tiere sollte die dem Barock als unnatürlich erscheinende Haltung der Jünglinge begründen. Der Brunnen ist zwar der volkstümlichste aus dem 16. Jahrhundert in Rom, aber als Figuren-Fontäne eines Florentiner Künstlers ein Fremdkörper in der Ewigen Stadt, die sonst im Cinquecento nur streng architektonische Schalenbrunnen kennt.

(Harald Keller: Römische Brunnen. 2., überarb. Aufl. Dortmund: Harenberg 1986. S. 70.)
 
 

Text 2
Der vermauerte Blick

[...] [U]nversehens finden wir uns auf der Piazza Mattei, wo Herr Mayer-Ratgeb im Begriffe ist, seinen strohbehüteten, ach so italienisch-bunt gekleideten Schäfchen aus dem Norden zu erklären: »Hier, meine Damen und Herren, befinden wir uns auf dem Boden des Flaminischen Zirkus. Die Familie der Mattei baute im Laufe des 16. Jahrhunderts auf diesem Areal einen Komplex von fünf Palästen, von denen wir hier einen vor uns haben. Die wahre Sehenswürdigkeit dieses Platzes aber ist der berühmte Schildkrötenbrunnen, ein Glanzstück der Spätrenaissance ... «

Und von da an hören wir nicht mehr zu. Denn dieser Brunnen ist viel zu schön. Er ist ein kleines, von süßester Madrigalmusik begleitetes Ballett, eine von den glatten und schlanken Gliedern vierer bronzener Jünglinge aufgeführte wunschlose Pantomime der Glückseligkeit, ein sanft plätscherndes Phantasiestück des reinen Vergnügens am Schönen. Die Schildkröten, die mit herausgestreckten Hälsen das Wasser aus der oberen Brunnenschale trinken, an die sie von den Jünglingen mit anmutsvoll gebeugtem Arm hinaufgehalten werden, sind die Erfindung eines Mannes, der Jahr für Jahr an diesem Brunnen vorüberging, - hundert Jahre nachdem er errichtet worden war - und seinen Geist so genau verstand, dass er in die reizende Bewegung der Jünglinge den spielerischen Sinn einfließen ließ, der uns in der Betrachtung der Schildkröten immer aufs neue entzückt.

Giuseppe aber hebt an zu erzählen: der Herzog Mattei sei ein sehr reicher Mann gewesen, »molto molto ricco, ricchissimo!« Er hatte nur einen Fehler: er spielte. Eines Abends verlor er seine ganzen quattrini, und noch den Palast dazu. Er wollte sich damals gerade mit einem sehr schönen Mädchen verheiraten, das auch »ricchissima« gewesen sei. Aber als der Schwiegervater von dem Leichtsinn seines künftigen Eidams erfahren habe, sei ihm der Zorn gekommen, er habe einen Boten geschickt und sagen lassen. aus der Hochzeit würde nichts, er gebe seine Tochter nicht an einen Hungerleider. »Il duca s'arrabbiava molto«, der Herzog regte sich fürchterlich auf und wollte zeigen, was er konnte. Er lud für den nächsten Tag Vater und Tochter in seinen Palast, ließ sie aber von der Seite eintreten, die nicht auf die Piazza Mattei hinausgeht. Dann öffnete er den Fensterladen, und die Überraschten blickten auf das Wunderwerk des Brunnens, der noch am Vorabend nicht dagewesen war. Das kann kein Hungerleider, habe der Herzog gesagt, und der Vater habe ihm die Tochter schleunigst zugestanden. Das Fenster, aus dem die Drei damals zuerst auf den Brunnen heruntergeblickt haben, wurde auf Befehl des Herzogs vermauert, denn diesen unvergleichlichen Blick sollte kein anderer Sterblicher mehr haben. Und dort drüben, in der Wand des Palazzo Mattei ist es - das vermauerte Fenster.

(Reinhard Raffalt: Concerto Romano. Leben in Rom. München: Prestel 1977. S. 315 - 317.)


 
 
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