Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan
 

Historisches Zentrum

Piazza Borghese


Abb. 1: Giuseppe Vasi: Die Ripetta vor der architektonischen Fassung der Flußläufe von 1704.
(Rechts der hoch aufragende Palazzo Borghese mit der doppelgechossigen Loggia.)
In: Harald Keller(Hrsg.): Das barocke Rom in Kupferstich-Veduten.
Dortmund: Harenberg 1979. S. 40f.



 
 
 

Text 1
Palazzo Borghese

Napoleons "kleine Schwester", die schöne, attraktive Paolina, hätte Berlioz, was die Langewelle in Rom anging, sicherlich zugestimmt. Als Paolina mit dreiundzwanzig Jahren von Paris nach Rom kam, hatte sie schon ein bewegtes Leben hinter sich. Verehelicht mit dem Fürsten Camillo Borghese - eine glänzende Partie, waren doch die Borghese ungeheuer reich und von großem Einfluß -, hatte sie gehofft, hier glücklich zu werden und ein großes Haus zu führen, auf dem idyllischen Pincio wie im Borghese-Palast am Tiber. Doch dazu kam es nicht. Die großen Familien der Stadt gaben sich abweisend, wenn auch nicht unfreundlich, "ohne Herz", vermerkte sie bitter und flüchtete sich, nachdem auch noch die Liebe zu Camillo erkaltete, in Extravaganzen und Liebesabenteuer, trotz der brüderlichen Ermahnung: "Und keine Eskapaden in Rom, bitte!"

Da ließ sich doch die Fürstin Borghese modellieren. Nackt! Nicht daß man prüde gewesen wäre in Rom, aber das ging denn doch zu weit. Eine Fürstin! Daß Altmeister Canova sein Werk gewissermaßen mythologisch verstanden wissen wollte, hatte er doch Paolina als "siegreiche Venus" modelliert, mit dem Apfel des Paris in der Hand, das machte die Sache auch nicht besser. Ob es ihr denn so gar nichts ausgemacht habe. auf diese Art und Weise Modell zu stehen, wurde sie gefragt. Ihre Antwort: "Absolut nicht! Es war ja gut geheizt im Atelier!"

Paolina geriet zum Stadtgespräch. Man glaubte von amourösen Gelagen und verschwiegenen Treffen zu wissen, davon, daß sie ihre Gesellschaftsdamen als Fußbank benutzte, daß sie sich von einem riesigen Neger in die Badewanne tragen ließ, ja daß sie überhaupt der Schrecken ihrer Dienerschaft sei. Dabei mag Paolina sich in ihren riesigen Familien-Palazzo am Tiber unter den gestrengen Blicken längst verblichener Hausherrn, die samt und sonders in ihren stuckverzierten Rahmen die Wände dekorierten, eher einsam gefühlt haben. Wer mochte hier jemals glücklich gewesen sein? Und wenn schon nicht glücklich, so doch heiter? Bilder über Bilder ... [...]

"Il cembalo" nennen die Römer den Palazzo Borghese wegen seiner besonderen Form. Die schmale Fassade zum alten Hafen der Via Ripetta gibt dabei die Tastatur ab, die "tastiera". Musikalischen Schwung kann man dem Palazzo allerdings nicht nachsagen, mit seinen schweren Fenstergittern vermittelt er eher den Eindruck einer Festung.

Papst Paul V. kaufte 1605 den damals noch nicht ganz fertiggestellten Palazzo und schenkte ihn fürsorglicherweise seinen Brüdern Orazio und Francesco, war doch der Papst, wie so viele vor und nach ihm, um das Wohl seiner Verwandtschaft besorgt. Der Familienarchitekt der Borghese, Flaminio Ponzio, und die Baumeister Maderno und Rainaldi vervollständigten bzw. erweiterten den Bau. In der Folge diente der Palazzo den Borghese als Wohnsitz, aber auch als Depot für ihre immer größer werdende Kunstsammlung, Platz war hinreichend vorhanden. Für die Dienerschaft allerdings langte es nicht mehr, ihr bauten die Borghese eine eigene Unterkunft gleich die - so ganz nebenbei - wiederum zu einem Palazzo geriet.

Ein wenig eng wurde es im "cembalo" zur Zeit der Napoleonischen Besatzung. Man hatte den Borghese auferlegt, Flüchtlinge aufzunehmen, wenn auch königlichen Geblüts: Karl VI. aus Spanien mit Gemahlin waren unterzubringen. Für den "Favoriten" der Königin, ihren Liebhaber, der auch im Unglück nicht von ihr lassen mochte und mit nach Rom gekommen war, Don Manuel Godoy, reichte es allerdings nicht, er hatte mit der Villa Celimontana auf dem Caelius vorliebzunehmen.

Leicht, wenn nicht gar beschwingt, wirkt dagegen die Hofanlage des Palazzo. Mit ihren offenen Arkaden, den Zwillingssäulen und den antiken Statuen schon stark vom Zahn der Zeit benagt - vermittelt sie etwas von der Atmosphäre einer ländlichen Villa, wobei man sich die Fülle der überquellenden Abfalltonnen der hier inzwischen etablierten Mietwohnungen tunlichst wegzudenken hat. In der rechten äußeren Ecke des Hofes findet sich ein Brunnen von Rainaldi, das heißt das, was von ihm übriggeblieben ist: Bad der Venus. Bad der Venus? Hatte hier am Ende Paolina ihre Inspirationen, die dazumal ganz Rom in Aufregung versetzten? Wer mag es wissen.

(Ernst Batta: Römische Paläste und Villen. Eine Annäherung an eine Stadt. Frankfurt a. M. 1992. S. 40 - 45.)


 
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