Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan
 

Historisches Zentrum
 

Largo Argentina



 
 
 
 

Text 1
Straßburger Platz

Der Largo Argentina, einer der verkehrsreichsten Plätze Roms, hat nichts mit Argentinien zu tun. Er verdankt seinen Namen einem Deutschen, dem päpstlichen Zeremonienmeister Johannes Burkard aus Haslach bei Straßburg. Burkard kam 1481 im Gefolge des Bischofs von Straßburg nach Rom und erwarb hier zwei Jahre später für viertausendfünfhundert Golddukaten, das sind nach heutigem Geld mindestens sechzigtausend Mark, das Amt des päpstlichen Zeremonienmeisters. Diese ziemlich hohe Kapitalanlage hat sich übrigens recht gut gelohnt, denn auf Grund seines Amtes wurde Burkard Bischof und erhielt eine feste Pfründe, die es ihm bald ermöglichte, in der Via del Sudario ein Haus im sogenannten deutschen Renaissancestil und in nächster Nähe einen Turm zu erbauen, der Torre Argentina genannt wurde, nach der Heimat Burkards; denn "Argentoratum" ist der lateinische Name für Straßburg.

Der Turm steht heute noch am Largo Argentina und erinnert so an den Zeremonienmeister, der einerseits wegen seines Reichtums berühmt wurde, dann vor allem aber auch wegen seines Diariums, eines Tagebuches, in dem er alle ärgerniserregenden Geschichten über Papst Alexander Vl. (Borgia) und dessen Familie vermerkt hat. Wenn auch der sittliche und literarische Wert des Tagebuches nicht allzu hoch eingeschätzt werden kann, so dient es doch als wichtige Quelle für die Geschichte des päpstlichen Hofes. Kurz vor seinem Tod leitete Burkard - als Höhepunkt seiner Laufbahn - noch die Grundsteinlegung des neuen Petersdomes durch Papst Julius II. Der recht neidische und mißgünstige Zeremonienmeister konnte übrigens seinen Helfer, den Kanonikus Grassi, in dem er seinen Nachfolger sah, nicht ausstehen und spielte ihm noch nach dem Tod einen bösen Streich. Er hatte Grassi nämlich nicht in die zahllosen Geheimnisse seines Amtes eingeweiht und alle Aufzeichnungen über das Zeremoniell in so seltsamen Zeichen abgefaßt, "daß weder der Teufel noch die Sibylle imstande gewesen wäre, sich in diesem Chaos zurechtzufinden". Nur mühsam konnte Grassi mit Hilfe älterer Werke sich einarbeiten. Die Erinnerung an Burkard erlosch bald, sein wenig bekannter Name aber blieb durch sein Haus für immer mit der Ewigen Stadt verbunden.

(Heinrich Pleticha: Wanderer, kommst Du nach Rom. Anekdoten und Bilder aus der Ewigen Stadt. Freiburg: Herder 1986. S. 174f.)
 
 

Text 2
Area Sacra

Der als "Area Sacra di Largo Argentina" bezeichnete Grabungsbezirk liegt zwischen der Via Florida, der Via di S. Nicola ai Cesarini, der Torre Argentina und dem Largo Argentina. Man entdeckte ihn bei Bauarbeiten, die hier zwischen 1926 und 1928 durchgeführt wurden; die Untersuchungen sind bis heute noch im Gange.

Vor allem durch neuere Funde und Untersuchungen kennt man diese Gegend des Marsfeldes inzwischen recht gut. Sie wird im Norden durch das Hecatostylum ("die Halle der hundert Säulen") und die Agrippa-Thermen begrenzt, im Süden von den Gebäuden am Circus Flaminius, im Westen von den Portiken am Pompejus-Theater und im Osten von der Porticus Minucia Frumentaria, einem großen, von Portiken eingefaßten Platz.

In der "Area Sacra" stehen vier aus republikanischer Zeit stammende Tempel, die man mit den ersten vier Buchstaben des Alphabets benannt hat. Am ältesten ist der Tempel C, der dritte von Norden. Es handelt sich um einen Peripteros ohne posticum, also ohne Säulen an der Rückseite, deren Platz die Rückwand der Cella einnimmt. Das hohe Tuffpodium wird oben von einem sehr einfachen, archaischen Profil abgeschlossen. Die aus Ziegelsteinen gemauerte Cella und das weiße Fußbodenmosaik mit schwarzem Rand stammen von der domitianischen Restaurierung nach der Brandkatastrophe von 80 n. Chr., bei der das südliche Marsfeld weitgehend zerstört wurde. Damals entstand auch das Travertinpflaster. Der Bautyp, die architektonischen Verzierungen aus Terrakotta 
und einige Inschriften ergeben eine Datierung des Tempels in die frührepublikanische Zeit, an das Ende des 4. oder den Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr.

Abb. 1: Die "Area Sacra" auf dem Largo Argentino

Wenig später muß der Tempel A entstanden sein, der ins 3. Jahrhundert v. Chr. zu datieren ist. Er wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrmals völlig umgestaltet. In seiner jetzigen Form geht er wohl auf die Zeit des Pompejus zurück. Es ist ein kanonischer Peripteros mit Säulen aus Tuff und Kapitellen aus Travertin. Die heute sichtbaren Travertinsäulen stammen aus einer späteren Restaurierung.

Der Tempel D am südlichsten Rand des Geländes, der größte von allen, ist in der zeitlichen Reihenfolge der nächste. Auch er ist in seiner heutigen Form spätrepublikanisch - er ist vollständig aus Travertin erbaut -, die älteste Phase stammt wahrscheinlich vom Anfang des 2. Jahrhunderts v. Chr.

Als letzter entstand der Tempel B, ein Rundbau auf einem Podium, zu dem vorne eine Treppe hinaufführt. Die korinthischen Säulen sind aus Tuff und haben Basen und Kapitelle aus Travertin. Zwischen dem Rundtempel und dem Tempel C wurden Fragmente einer weiblichen Kolossalstatue aus griechischem Marmor gefunden, deren Kopf allein schon 1,46 in mißt. Zweifellos handelte es sich um einen Akrolith. Die bekleideten Körperpartien müssen aus Metall gewesen sein. Die Fragmente befinden sich jetzt im Braccio Nuovo des Konservatorenpalastes. Sie müssen zur Kultstatue des Tempels B gehört haben, der demnach einer weiblichen Gottheit geweiht war. Auch dieser Tempel, dessen Niveau wesentlich höher liegt als das ursprüngliche Niveau des Marsfeldes, auf dem die anderen Tempel stehen, wurde wesentlich verändert. Zunächst schloß man die Interkolumnien mit einer Mauer, so daß die herausragenden Teile der Säulen als Halbsäulen auf die Mauer aufgesetzt erschienen. Dadurch ergab sich eine größere Cella, für die das Podium erweitert wurde. Später, zweifellos in domitianischer Zeit, wurde die äußere Umfassung völlig geschlossen.

Die Geschichte der Kultstätte am Largo Argentina ist äußerst vielschichtig, und ihr Verständnis wird durch das Fehlen einer genauen Untersuchung der einzelnen Schichten noch erschwert. Trotzdem lassen sich einige Hauptphasen erkennen und einigermaßen sicher datieren.

Die ältesten Gebäude wurden auf dem ursprünglichen Niveau des Marsfeldes errichtet, und zwar voneinander unabhängig. Zwischen dem Tempel C und dem Tempel A lag ein ziemlich großer Abstand, der erst später durch den Bau des Tempels B überbrückt wurde. Hinzu kam, daß der Bezirk vor den Tempeln, auf dem die Altäre standen, jeweils um einige Stufen höher gelegt war. Es handelte sich also um zwei voneinander unabhängige Kultstätten. Als jedoch das Gelände - wahrscheinlich nach dem Brand von 111 v. Chr. - um etwa 1,40 m höher gelegt wurde, fand eine völlige Umgestaltung dieses Bezirks statt. Damals legte man ein einheitliches Tuffpflaster, das die drei Tempel zu einem einzigen Komplex vereinigte. Wahrscheinlich wurde auch damals schon ringsherum die Säulenhalle gebaut, von der an der Nord- und Westseite des Geländes noch Reste erhalten sind. Die Tempelpodien wurden durch die Pflasterung um die Hälfte niedriger. Beim Tempel C wurde nichts verändert, das Podium des Tempels A bekam dagegen, soweit es herausragte, eine neue Verkleidung, und das des Tempels D wurde - vielleicht auch etwas später - beträchtlich erweitert und ganz mit Travertin verkleidet, so wie man es heute sieht.

Nachdem der Bezirk vereinheitlicht war, störte der leere Platz zwischen den Tempeln A und C das Gesamtbild. Auf dem neuen Tuffpflaster wurde daraufhin der Rundtempel B errichtet.

Die Frage, wann die vorher vereinzelten Bauten durch die neue Pflasterung zu einem einheitlichen Komplex zusammengeschlossen wurden, ist auch für die Benennung der Tempel von zentraler Bedeutung. Einen wichtigen Hinweis ergibt die Inschrift an dem Altar vor dem Tempel C, die von dem späteren Tuffpflaster überdeckt wurde. Es handelt sich dabei nicht um den ersten Altar, sondern um eine Wiederherstellung, die Aulus Postumius Albinus, Sohn und Enkel des Aulus und wahrscheinlich Konsul des Jahres 180, gemäß der Lex Plaetoria durchführte. Man kann also sicher sein, daß die Tuffpflasterung und die damit verbundene Vereinheitlichung des Geländes nach diesem Datum, im späteren 2. Jahrhundert v. Chr. stattfand.

Die Porticus Minucia Vetus, die der Konsul M. Minucius Rufus nach seinem Triumph über die Skordisker, einen Thrakerstamm, im Jahre 107 errichtete, ist von allen in jener Zeit auf dem Marsfeld gebauten Anlagen am charakteristischsten. Die anhand eines Fragments der severischen Forma Urbis gemachte Entdeckung, daß das Gebiet unmittelbar östlich vom Largo Argentina mit einer Porticus Minucia zu identifizieren ist, liefert einen endgültigen Beweis für die Benennung. Man weiß, daß es zwei Porticus Minuciae gab, die Vetus und die - erst unter Claudius geschaffene - Frumentaria. Bei der Anlage an der Ostseite des Largo Argentina muß es sich wegen der Form und der Ausmaße um die Porticus Minucia Frumentaria handeln, die im Grunde nur eine Erweiterung der Vetus, also des Baukomplexes auf dem Largo Argentina, war. Daraus ergibt sich für mindestens einen der vier Tempel eine sichere Benennung: man weiß aus dem Kalender von Preneste, daß der 179 v. Chr. geweihte Tempel der Lares Permarini in der Porticus Minucia, und zwar der Vetus, stand. Da von den Tempeln auf dem Largo Argentina nur der Tempel D an den Anfang des 2. Jahrhunderts v. Chr. datiert werden kann, muß er das Heiligtum der Lares Permarini gewesen sein.

Beim Tempel B handelt es sich höchstwahrscheinlich um die Aedes Fortunae Huiusce Diei (der "Glücksgöttin des heutigen Tages"). Q. Lutatius Catulus, der im Jahre 101 zusammen mit Marius Konsul war, gründete den Tempel nach seinem Sieg über die Cimbern bei Vercellae.

Der Tempel C war vermutlich der alten italienischen Gottheit Feronia geweiht, die schon in sehr früher Zeit, mindestens seit 217 einen Tempel auf dem Marsfeld hatte. Beim Tempel A handelt es sich entweder um den Tempel der Iuno Curritis oder den der Iuturna. Beide waren auf dem Marsfeld; den Juno-Tempel gründete Q. Lutatius Cerco, wahrscheinlich nach seinem Sieg über die Falerier im Jahre 241, den IuturnaTempel Q. Lutatius Catulus nach seinem Triumph über die Karthager im gleichen Jahr. Die Benennung als luturna-Tempel ist vorzuziehen, da aus einer Stelle in den "Fasti" Ovids hervorgeht, daß der luturna-Tempel nicht weit vom Ende der Aqua Virgo, also in der Nähe der Agrippa-Thermen, lag. Diese befanden sich nördlich der "Area Sacra", also ganz nah bei dem am weitesten nördlich gelegenen Tempel A. Der Gründer des Tempels A war in jedem Fall ein Mitglied der Familie der Lutatii. Wahrscheinlich baute deshalb ein anderes Mitglied dieser Familie, der Konsul des Jahres 101, den Tempel B daneben.

An der Nordseite sieht man die Reste eines großen Portikus, des sogenannten Hecatostylum (1). Hinter den beiden Tempeln B und C sieht man ein großes Podium aus Tuffblöcken (2), das zu dem von Pompejus errichteten Komplex gehörte. Es handelt sich um die berühmte Curia des Pompejus, in der Cäsar ermordet wurde. Sie stand, wie Dio Cassius berichtet, zwischen zwei Latrinen (3, 4), die in der Kaiserzeit erbaut wurden.

(Filippo Coarelli: Rom. Ein archäologischer Führer. Freiburg: Herder 1975. S. 250 - 254.)
 
 

Text 3
»Pecunia non olet« 

Cicero war ein gerissener Jurist und gewandter Politiker; bekannt ist er heute vor allem als mitreißender Redner, was irgendeinmal dazu führte, dass sein Name zu Cicerone verballhornt und gleichzeitig zum Synonym für einen nicht notwendigerweise sprachgewandten, in jedem Fall aber redseligen Fremdenführer wurde. [...] Dass eine Person nicht bloß zum Inbegriff eines Berufsstandes, sondern auch zum Synonym einer bestimmten Sache werden kann, zeigt der Ausdruck "vespasiano", womit jener kleine Thronsaal gemeint ist, den selbst Könige zu Fuß aufsuchen. Seine Bezeichnung verdankt der besagte Ort dem Kaiser Titus Flavius Vespasianus, der im Jahr 9 nach Chr. geboren wurde. Ab 66 war er Oberbefehlshaber im Ersten Jüdisch-Römischen Krieg. Nach seiner Ausrufung zum Kaiser im Jahr 69 kehrte nach Rom zurück, wo er die öffentlichen Finanzen wieder in Ordnung brachte. Bei dieser Aufgabe bewies er insofern Geschick, als er auf den Gedanken verfiel, eine Sondersteuer für die Benützung jener Lokalitäten zu erheben, auf die Menschen naturgemäß angewiesen sind, wenn sie sich nicht gerade im Hungerstreik befinden.

Solche öffentliche Örtchen waren im antiken Rom notwendig, weil die Mietshäuser (Fachausdruck: insulae) im Gegensatz zu den Privathäusern über keinen Wasseranschluss verfügten. Für das "kleine Geschäft" genügten die großen Bottiche unter den Treppenverschlägen, die von Gerbern dort aufgestellt und von Zeit zu Zeit geleert wurden. Vorzugsweise von Männern frequentiert waren auch die tönernen Gefäße und die Amphoren mit den abgeschlagenen Hälsen in den römischen Seitenstraßen. Der dort angesammelte Urin wurde zum Gerben benötigt. Weil Vespasian partout nicht einsah, dass die Walker und Gerber den für ihr Handwerk benötigten Rohstoff kostenlos beziehen sollten, belegte er sie mit einer "Pinkel-Steuer". Als sein Sohn Titus ihn deswegen tadelte, hielt Vespasian ihm eine Münze von der ersten Erhebung unter die Nase und fragte ihn, ob er einen üblen Geruch verspüre. Titus verneinte, worauf der Vater ihm bloß sagte: pecunia non olet, siehst du, Geld stinkt nicht.

Zur Erledigung des "großen Geschäfts" waren im ganzen Stadtgebiet allgemein zugängliche Bedürfnisanstalten eingerichtet. Im 4. Jahrhundert zählte man deren 144 (zum Vergleich: 1975 gab es gerade 105). Diese latrinae oder foricae publicae bestanden in der Regel aus marmornen Sitzbänken mit Löchern, die an drei Wänden entlang hufeisenförmig angeordnet waren. Unter den Bänken verlief eine Rinne, durch welche kontinuierlich frisches Wasser floss, welches die Fäkalien wegspülte. Ein bis zwei Dutzend Sitze direkt nebeneinander waren keine Seltenheit. Ein Teil einer solche Anlage kam bei Ausgrabungen an dem Largo Argentina zum Vorschein. Die einzig erhaltene von den ursprünglichen drei Sitzreihen ist von der parallel zum Teatro Argentina verlaufenden Stützmauer aus sichtbar; lediglich die marmornen Klobrillen fehlen.

Da in diesen öffentlichen Latrinen keinerlei Trennwände existierten, ergab es sich von selbst, dass man dort nicht nur den Körper, sondern auch sein Herz erleichterte. Außerdem wissen wir auf Grund historischer Zeugnisse, dass die Bewohner Roms die öffentlichen Toiletten nicht nur »der Not gehorchend und dem eignen Triebe« aufsuchten, sondern auch um sich über die Tagesneuigkeiten zu unterhalten - und dass während des "großen Geschäfts" auch mancherlei andere, weit größere Geschäfte zu Stande kamen. [...]

Mit der von ihm eingeführten Sondersteuer hat Kaiser Vespasian nicht nur zur Sanierung der Staatsfinanzen beigetragen, sondern darüber hinaus auch den italienischen und den französischen Sprachschatz bereichert. Wenn die Italiener nach einem vespasiano und die Franzosen nach dem vespasienne fragen, tönt das einfach viel vornehmer, als wenn die Deutschen etwas von einer Pinkelpause murmeln.

(Josef Imbach: Kirchenfürsten, Künstler, Kurtisanen. Rom - Geschichten aus einer Stadt. Düsseldorf: Patmos 2003. S. 200 - 203.)


 
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