Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan
 

Historisches Zentrum
 
 

Via Campo Marzio
 

Ichnographia Campi Martii

Abb. 1: Luigi Finacci: Piranesi. The Complete Echings. Köln: Taschen 2002. S. 400.



 
 
 
 
 

Text 1
Das Marsfeld

In den ersten Jahrhunderten des Bestehens der Stadt war die Ebene [welche nördlich vorn Capitolinus und Quirinalis und westlich vom Collis Hortorum, dem heutigen Monte Pincio, bis an den Fluß hin sich ausdehnt], im weiteren Sinne Campus Martius genannt, bebautes Land außerhalb der Mauern. In der ersten Zeit der Republik scheint zwar die ganze Ebene Staatseigentum geworden zu sein, allein noch keineswegs ein Stadtteil. Die Kultivierung derselben mußte zwar aufhören, da der Campus Martius die Bestimmung eines Waffenübungsplatzes erhielt und teilweise für die Volksversammlungen abgesteckt wurde, allein noch drei Jahrhunderte lang blieb der ganze Raum von jeglichen baulichen Anlagen frei, und nur einzelne Altäre, wie die ara Martis und die ara Ditis Patris er Proserpinae [...] schmückten den Wiesengrund, der auch von einem Quellbach, der aqua Petronia [...], bewässert und von einer vulkanischen Stätte, dem „rauchenden Boden“, Tarentum oder Terentum genannt [...] unterbrochen war. Endlich erhoben sich einzelne unbedeutende Tempel, im ganzen aber blieb das eigentliche Marsfeld bis ans Ende der Republik frei.

Früher schon war der Teil der Ebene, welcher dem Capitolinus zunächst lag und nur im weiteren Sinne zum Marsfelde gerechnet werden kann, mit verschiedenen öffentlichen Gebäuden besetzt worden. Hier erhoben sich schon 431 v.Chr. der Tempel des Apollo [...], wahrscheinlich noch viel früher (495 v. Chr.) der Tempel der Bellona [...], und 221 v. Chr. der Circus Flaminius [...], welcher nachmals der ganzen Region, die auch den größten Teil des Campus Martius im engeren Sinne umfaßte, den Namen gab. Unfern von diesem entstand die Porticus Metelli, welche zwei wahrscheinlich schon vorhandene Tempel einschloß, daneben der von M. Fulvius Nobilior erbaute Herkulestempel, an welchen Komplex nördlich und südlich die Theater des Pompejus und Marcellus mit ihren Anlagen sich anreihten, wovon das Nähere am geeigneten Ort berichtet werden wird. Die Lücken waren durch mehrere Tempel ausgefüllt, von welchen besonders die der Diana und der luno Regina, der Fortuna Equestris, des Hercules Custos, des Mars, Kastor und Pollux und des Neptun hervorzuheben sind [...].

So war also der südlichste Teil der Ebene, der Campus Flaminius, mit Tempeln, Portiken und Theatern fast besetzt, als der eigentliche Campus Martius noch ein freier Platz war und nach seiner alten Bestimmung als Tummelplatz für kriegerische Übungen und als Raum für die Volksversammlung diente. Allein unter Caesar und Augustus erstanden auch hier großartige Prachtbauten.
Das Marsfeld selbst aber litt noch mehr als unter der neronianischen Verwüstung unter dem Brande, welcher es unter Titus verheerte [...] und wenigstens teilweise und für einige Zeit wieder lichtete. Die Aufmerksamkeit der sonst so baulustigen Kaiser Trajan und Hadrian war dem Marsfelde abgewandt, und erst die Antoninen schmückten es wieder mit größeren Anlagen, von deren Überresten besonders gesprochen werden wird. Weniger durch Neubauten als durch Wiederherstellung schadhafter Werke zeichnete sich Septimius Severus aus, wie an den Inschriften von zwei hierhergehörigen Baudenkmalen, dem Pantheon des Agrippa und der Portikus der Oktavia, noch ersichtlich ist. Alexander Severus aber schmückte das Marsfeld mit prachtvollen Thermen, zu welchen er wahrscheinlich das domitianische Stadium zog und erneuerte. Hierauf wird nur mehr wenig vom Marsfelde berichtet.

Von den Ruinen ließ man im Mittelalter bestehen, was man in irgendeiner Weise brauchte, namentlich das, was durch religiöse Weihe der Zerstörung entrissen war. Daß jedoch unter solchen Umständen verhältnismäßig nicht viel übrig bleiben konnte, ist klar, ebenso, daß es fast unmöglich ist, hier durch Nachgrabungen weitere Resultate zu gewinnen, Dasjenige aber, was sich mehr oder minder erhalten hat, ist zum größten Teile höchst interessant, obgleich die malerische Wirkung dieser Ruinen, die meist in enge, reizlose Gassen eingeschlossen sind und nicht den Zauber einer großartigen Natur, wie namentlich in Sizilien und Griechenland, wohl auch außerhalb der modernen Stadt, als Rahmen haben, eine geringe ist.

(Franz Reber: Die Ruinen Roms. Neuausg. auf Grundlage der Erstaufl. 1863. Kettwig: Phaidon 1991. S. 82f.)
 
 

Text 2
Geschichte und städtebauliche Entwicklung in der Antike

In der Antike bezeichnete man im allgemeinen die ganze Ebene vor der Servianischen Mauer, zwischen dem Kapitol im Süden, dem Tiber im Westen und den Ausläufern des Quirinal und des Pincio im Osten und Norden als „Campus Martius“. Die Hauptachse bildete das erste Stück der Via Flaminia, die von Süden nach Norden, mit einer leichten Abweichung in westlicher Richtung, die Porta Fontinalis und die Porta Flaminia verband. Zumindest ein Teil dieser Straße wurde als Via Lata bezeichnet. [...]

Die im Mittelalter und in der Renaissance auf dem Marsfeld entstandenen Viertel bewahren zum größten Teil noch die antike Orientierung und Topographie. Viele Straßen haben noch den gleichen Verlauf wie in der Antike. Nicht nur die Via del Corso (Via Lata), sondern auch die rechtwinklig angelegten Straßenzüge der Via della Scrofa und Via di Ripetta, der Via del Coronari und der Via delle Copelle (die irrtümlich als Via Recta bezeichnet wurde), der Via di S. Paolino alla Regola, Via Capodiferro, Piazza Farnese und Via di Monserrato und der Straßenzug von der Via Giubbonari zum Campo dei Fiori und der Via del Pellegrino (wahrscheinlich Via Tecta oder Porticus Maximae) gehen auf antike Straßen zurück. [...] Auch die antiken Bauwerke waren hier für die spätere Entwicklung bestimmend; es sei nur auf die Piazza Navona (das Stadion Domitlans) und die Piazza Grotta Pinta (das Theater des Pompejus) hingewiesen. Durch die geschichtliche Kontinuität blieb der antike Stadtplan bewahrt, der auch dort noch zu erkennen ist, wo die antiken Bauwerke entweder nicht erhalten sind oder noch nicht entdeckt wurden. [...]

Nach der Sage gehörte das Marsfeld den Tarquiniern als königlicher Besitz. Bei ihrer Vertreibung im Jahr der sagenhaften Gründung der Republik soll das Gebiet in öffentlichen Besitz übergegangen sein, in dem es von da an auch blieb. Aus der letzten Ernte, die in den Tiber geworfen wurde, soll die Tiberinsel entstanden sein. Die Überlieferung hat sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich, da sie am besten erklärt, wieso das Marsfeld dem Staat gehörte und wieso andererseits an seiner Westseite ein zweifellos uralter Kult angesiedelt war, der des Tarentum. [...]

Ein Anziehungspunkt im mittleren Teil des Marsfeldes war seit sehr alter Zeit der Altar des Mars, der mit der wichtigsten, der militärischen Funktion dieser Gegend eng verbun-den war. Es ist sicherlich kein Zufall, daß der Name Campus Martius von Anfang an alle anderen Bezeichnungen überwog. Die genaue Lage des Altars ist nicht bekannt, er kann jedoch nicht allzuweit von der Porta Fontinalis entfernt gewesen sein, da er seit 193 v. Chr. mit diesem Tor durch einen Portikus verbunden war. [...] [Er] muß in der Gegend zwischen der Piazza Venezia, dem Corso und der Piazza del Collegio Romano gelegen haben. Das monumentale, in der Mitte der Via del Plebiscito gefundene Bauwerk, das unter dem Palazzo Doria noch weitergereicht haben muß, könnte das Fundament des Heiligtums gewesen sein.

In dem Dreieck zwischen der [...] Gegend um den Circus Flaminius im Süden und dem Kapitol im Osten lag vor dem Altar die Villa Publica. Dies war ein Park mit einem Amts-gebäude der Censoren in der Mitte; hier fand z. B. alle fünf Jahre die Steuereinschätzung statt. Nördlich von der Villa Publica lagen im Mittelpunkt des Marsfeldes die Saepta, ein großer, rechteckiger Platz, der mit den Portiken eine Länge von 310 m und eine Breite von 44 m hatte. In der uns bekannten Form stammt er aus der Kaiserzeit. Hier versam-melten sich die Centuriats?Komitien, ursprünglich Versammlungen des Volks, soweit es dem Heer angehörte, um die wichtigsten Beamten zu wählen. Die antiken Historiker schreiben die Einteilung der Bevölkerung in Steuer Klassen, der die Schaffung des in Hundertschaften eingeteilten Heeres zugrunde lag, dem vorletzten König Roms, Servius Tullius, zu. Nachdem lange an dieser Überlieferung gezweifelt wurde, neigt die neuere Forschung dazu, sie wenigstens in den großen Zügen anzuerkennen. [...] Obwohl die Ebene erst sehr viel später städtebaulich gestaltet wurde, waren ihr Aussehen und ihre weitere Entwicklung durch diese allerersten Funktionen für immer festgelegt. Der Charakter des Marsfeldes wurde im wesentlichen durch die Denkmäler und öffentlichen Bauwerke geprägt. Das ebene Gelände und die Tatsache, daß der Boden dem Staat gehörte, schufen ideale Voraussetzungen für die Entwicklung einer Repräsentations- und Staatsarchitektur. Neben den uralten Heiligtümern und Versammlungsplätzen entstanden so seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. eine Fülle von Portiken, Tempeln, Theaterbauten und Thermen, ohne daß dabei eine solch erdrückende Enge entstand wie auf dem Forum, das sich wegen seiner engen Begrenzung nur auf Kosten der umliegenden Wohnviertel ausdehnen konnte. Das Marsfeld war für jede Baumaßnahme groß genug und bot bis an das Ende der Kaiserzeit ausreichenden Platz für öffentliche Bauten.

(Filippo Coarelli: Rom. Ein archäologischer Führer. Freiburg: Herder 1975. S.?.)
 
 


Die politische Ordnung der römischen Republik

Abb. 2: Jochen Martin und Norbert Zwölfer (Hrsg.): Geschichtsbuch 1. Lehrerband, Berlin: Cor-nelsen 1989. S. 127.
 
 

Text 3
Die römische Volksversammlung - Prinzipien und Aufbau

Es fällt in Rom sofort auf, daß es unterschiedlich zusammengesetzte Volksversammlungen mit unterschiedlichen staatlichen Befugnissen gab. Die Centuriatcomitien, die noch durch manche Äußerlichkeiten, wie z. 8. ihre Gliederung nach Centurien, ihren Ursprung aus der Versammlung der Waffenfähigen verrieten, waren die wichtigsten Zusammenkünfte römischer Bürger. Vom Höchstmagistrat, dem Konsul, berufen und geleitet, wählten sie die Amtsträger mit Imperium und die Zensoren, hatten sie Gewalt über Krieg oder Frieden, entschieden im Berufungsverfahren gegen Todesurteile von Magistraten und anderes mehr. In den anderen Versammlungen trat das Volk tribusweise zusammen. Die Tributcomitien, die ein Konsul oder Praetor berief, wählten niedere Magistrate (kurulische Aedilen, Quaestoren), während die unter Ausschluß der Patrizier zusammentretende Versammlung der Plebejer (concilia plebis) unter Führung der Tribunen der Plebs (tribuni plebis) die „Volkstribunen“ und die plebejischen Aedilen bestimmten. Diese plebejischen Tributcomitien, deren Geschäftsordnung weniger mit langwierigen, umständlichen Verfahrensförmlichkeiten belastet war, sind aus diesen praktischen Erwägungen seit dem Jahre 287/86, in dem den Beschlüssen der Plebs (plebiscita) eine gemeinverbindliche Gesetzeskraft zugestanden wurde, als gesetzgebende Versammlung politisch bedeutsam geworden, obwohl neben ihnen jederzeit die Comitien des Gesamtvolkes Gesetze beschließen konnten und es auch in geringerem Umfang noch getan haben.

In all diesen Volksversammlungen wurde nicht die Einzelstimme gezählt, sondern allein die Stellungnahme der großen Stimmkörper, der Centurien und Tribus, in denen zuvor der Bürger seine persönliche Stimme hatte abgeben können. Nicht jede Stimme eines jeden Bürgers war gleich gewichtig. Die Forderung nach einem „gleichen“ Stimmrecht im römischen Staat wäre revolutionär gewesen, und niemals ist irgend jemand, selbst nicht im Jahrhundert der Staatskrise, auf solche für römische Vorstellungen undiskutierbare Gedanken gekommen. Das rein timokratische Klassenwahlrecht innerhalb der Centuriatcomitien, durch das der Besitz zur Grundlage politischer Rechte gemacht war, drückte am schärfsten die römische Auffassung aus, daß eine arithmetische Gleichheit in Wahrheit nur Ungleichheit und Ungerechtigkeit bedeute, weil sie die natürliche Stufenordnung, die durch Geburt, Reichtum und das Ausmaß der Leistungsfähigkeit und Leistungen für den Staat festgelegt war, mißachtete. Bis zur Centurienreform, die nach aller Wahrscheinlichkeit im Jahre 230 erfolgte, war die Stimmenmehrheit in den Comitien schon dann sichergestellt, wenn innerhalb der 193 Centurien von den fünf Vermögensklassen allein die höchste ihre 80 Stimmen mit den 18 Stimmen der 1800 Ritter als Staatspferdinhaber, zu denen auch die Senatoren gehörten, zusammenlegte; insgesamt handelte es sich also nur um einen Bruchteil der Gesamtbürgerschaft. Zwar schwächte die Reform, deren Einzelheiten (trotz der neuen durch den Fund der tabula Hebana veranlaßten Diskussion) noch nicht völlig sicher geklärt sind, dieses extrem timokratische Stimmrecht ein wenig ab, da nunmehr höchstwahrscheinlich erst durch das gemeinsame Vorgehen des Reiter-adels und der ersten und zweiten Klasse die Majorität erreicht war Aber auch jetzt war das Mißverhältnis zwischen der zahlenmäßigen Stärke einer Klasse - denn je höher das geforderte Mindestvermögen einer Klasse war, desto kleiner wurde die Zahl der in ihr Eingeschriebenen und dem Gewicht ihrer Stimme handgreiflich. Auch wenn man davon absieht, daß die Tausenden von Besitzlosen (capite censi) und damit Wehrunfähigen nur über eine Stimme in einer Zusatzcenturie verfügten - bloß 100 Reiter-Ritter hatten das gleiche Stimmgewicht -, so wird die Stimmenmehrheit schon durch eine kleine Minderheit der wirtschaftlich gehobenen Schichten hergestellt.

Auch in den Tributcomitien waren große Teile römischer Bürger tatsächlich politisch entrechtet, weil auch hier ihr politischer Wille stimmenmäßig unberücksichtigt blieb. Die Stimme wurde in einem der großen Wahlkörper, der 35 Tribus, abgegeben, in die endgültig seit dem Jahre 241 das römische Staatsgebiet (ohne jenes der Latiner und der Bundesgenossen) regional eingeteilt war und zu denen jeder Bürger, im allgemeinen durch den Ort seiner Geburt bestimmt, gehörte. Der Mehrheitsbeschluß in den Tribus, nach deren Meinung in den Comitien allein gefragt wurde, war zunächst unabhängig von der Anzahl der Abstimmenden. Vor allem waren die Tribus unterschiedlich groß und umfaßten keineswegs eine auch nur annähernd gleiche Zahl von Stimmberechtigten. Fast alle Bürger der Stadt Rom waren auf nur vier Stadttribus verteilt, die Landbevölkerung auf 31 Landtribus. Nimmt man dazu, daß alle Besitzlosen, mithin ein Großteil der römischen Bürger, und alle Freigelassenen, in die durch ihre zahlenmäßige Stärke degradierten vier stadtrömischen Tribus eingetragen waren, so enthüllt sich hier das politische Ziel der herrschenden Grundbesitzerschicht, zugleich aber auch die bäuerliche Tradition des Römertums: Den besitzenden und damit waffenfähigen Kreisen und darüber hinaus der meist in bäuerlichen Verhältnissen lebenden, konservativen Landbevölkerung sollte der maßgebende politische Einfluß in den Tributcomitien in die Hände gespielt werden. Aus dieser Sicht waren aber mit zunehmender Entfernung des Wohnsitzes von der Stadt Rom gewöhnlich nur die wirtschaftlich Starken in der Lage, fast regelmäßig in Rom an einer Volksversammlung teilzunehmen und so das Votum ihrer Tribus in ihrem Sinne zu beeinflussen. Niemals hat die herrschende Klasse verständlicherweise versucht, die Tribuseinteilung der Bevölkerungszahl anzugleichen oder das Abstimmungsverfahren zu ändern.

Tribut- und Centuriatcomitien, also „die römische Volksversammlung“, sind demnach ihrer Struktur nach viel weniger ein echtes demokratisches Element der Verfassung als die Volksversammlung einer griechischen Stadt, mit der Polybios sie unwillkürlich gleichsetzt.

(Friedrich Vittinghoff: Römische Res publica: In: GWU 8 (1957) , S. 730ff.)
 
 


Text 4
Städtebauliche Entwicklung in Mittelalter und Neuzeit

Die Schätzungen der Bevölkerungszahl der Stadt in Kaiserzeit schwanken zwischen 600.000 und 2 Millionen; sie erreichte ihren Höhepunkt im dritten und vierten Jahrhundert nach Christus, um von da an bis zum späten Mittelalter kontinuierlich abzunehmen. Bei der Rückkehr der Päpste aus dem französischen Exil 1377 lebten schätzungsweise nicht mehr als 20.000 Menschen in der Stadt. Das Gebiet des späteren Rione Campo Marzo war weitgehend entvölkert.

Lag das Herz der antiken Stadt mit den wichtigsten öffentlichen Gebäuden und der größten Besiedlungsdichte auf und zwischen den Hügeln, so entwickelte sich die mittelalterliche Stadt dem neuen Kult? und Machtzentrum entgegen, das jenseits des Tiber im Vatikan lag. Kapitol und Forum gerieten in eine Randlage. Das Areal des heutigen IV. Rione war zunächst nur dünn besiedelt. Die allmähliche Wiederbesiedlung im Mittelalter erfolgte um zwei Nuklei: die 1099 bei der Porta Flaminia errichtete Marienkirche und die im Mittelalter wieder eingerichtete Anlegestelle für Tiberschiffe in der Nähe des von der Familie Colonna zur Festung ausgebauten Augustus-Mausoleums.

Dank des Tiberhafens entwickelte sich der Rione zu einem wirtschaftlichen Zentrum der Stadt. Hauptverkehrswege waren in nordsüdlicher Richtung die Via del Corso, in ostwestlicher Richtung die Via Tomacelli und die Via Condotti. 1339 wurde nahe der Porta Flaminia und nahe dem Augustusmausoleum auf freiem Feld das große Hospital San Giocomo gegründet, um die zahlreichen Pilger medizinisch besser versorgen zu können. Östlich der Via Flaminia/Via del Corso lagen die weitläufigen Besitzungen des Klosters S. Silvestro in Capite.

Der Aufschwung der Stadt und damit auch des Stadtbezirks begann unter den Renaissancepäpsten Nikolaus V. (1447?55) und Sixtus IV. (1471?84). Sie förderten die Ansied-lung von Ausländern, so von Dalmatiern, die eine eigene Kirche (später: S. Girolamo degli Schiavoni, d. h. „Slawonen“ = „Dalmatier“) errichten durften. Auch andere Ausländerkolonien, wie die der Lombarden (S. Carlo dei Lombardi), Griechen (S. Atanasio dei Greci), Bretonen (S. Ivo dei Bretoni), Burgunder (Via Borgogna), Portugiesen (S. Antonio dei Portoghesi), die als „Nationen“ bezeichnet wurden, haben bis heute über topographische Bezeichnungen ihre Spuren im Bezirk hinterlassen. Der Stadtbezirk ist seit über fünfhundert Jahren ein Schmelztiegel der Nationen.

Entscheidend für die weitere Entwicklung des Rione war ein Dekret Sixtus IV. von 1480, welches die Enteignung von Ackerland zum Zwecke der Bebauung ermöglichte. Auch konnten die Eigentümer unbebauter Grundstücke gezwungen werden, diese an Eigentümer angrenzender Grundstücke zu verkaufen, wenn diese neu bauen oder vorhandene Bausubstanz erweitern wollten. Der beständige Durchzug von Pilgern und vermehrt auch Bildungstouristen begünstigten zudem die Entstehung von Herbergen, Schänken und Gasthäusern.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde als prägende städtebauliche Struktur des Rione der Fächer der drei auf die Piazza del Popolo zulaufenden Straßen („Il Triden-te“, d. h. „Dreizack“) durch Anlage der heutigen Via del Babuino und Ausbau der Via Ripetta vollendet. Bereits ab 1502 war der gänzlich unbebaute Abhang des Pincio?Hügels durch Errichtung der Kirche SS. Trinità dei Monti städtebaulich erschlossen worden. Von dieser bedeutenden Markierung des Stadtbildes auf der Höhe des Pincio aus vollzog sich seine weitere Erschließung. Nach und nach wurde der Grundbesitz zu Füßen von Kirche und Kloster parzelliert. Ende des 16. Jahrhunderts waren bereits fast alle östlichen Querstraßen des Corso, so die Via Laurina, die Via Gesù e Maria, die Via Canova (ursprünglich Via Tre Colonne), die Via dei Greci, die Via della Croce und die Via delle Carozze angelegt. [...]

Die entscheidendsten städtebaulichen Impulse für den Rione und für die ganze Stadt gingen von Papst Sixtus V. (1585?90) aus. Er ließ unter anderem die wichtige und direkte gradlinige Straßenverbindung von Santa Maria Maggiore, vor deren Fassade er 1587 den ersten der antiken Obelisken wiederaufrichten ließ, zur Kirche SS. Trinità dei Monti auf dem Pincio anlegen.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden auch die ersten Stadtpaläste des Adels im Rione, nachdem bereits ab 1544 mit der Villa Medici auf dem Pincio das Urbild der römischen suburbanen Villa entstanden war.

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, der barocken Blütezeit der Stadt unter den Päpsten Paul V. Borghese (1605?21) und Urban VIII. Barberini (1623?44), ließen sich neue Orden im Viertel nieder. Zahlreiche mittelalterliche Kirchen wurden instand gesetzt oder barock umgestaltet und ausgestattet (so S. Silvestro, S. Lorenzo in Lucina, SS. Ambrogio e Carlo dei Lombardi). […]

1702-05 war die neue, repräsentative Anlage des Ripetta-Hafens fertiggestellt worden, der - unter Nutzung des Wasserweges - den Vatikan auf kurzem Wege mit der Porta del Popolo verband. Vom Hafen lief ein Straßenzug (Via Tomacelli / Via Condotti) quer durch den Bezirk zur Spanischen Treppe. [...]

Noch vor Erhebung zur Hauptstadt des vereinigten Italien 1870 wandelte sich im Zuge der gesellschaftlichen Veränderung auch das Stadtbild. Die bürgerliche Gesellschaft benötigte repräsentative Gebäude für wirtschaftliche Zwecke und öffentliche Aufgaben. Die immer noch sehr heterogene, kleinteilige, mit Gärten und Höfen durchsetzte Bebauung wurde durch Zusammenfassung von Grundstücken und Gebäuden vereinheitlicht. Dieser Entwicklung verdankt auch das Haus am Corso Nr. 18 seine heutige Gestalt. 
Der Rione Campo Marzo war von den Veränderungen des 19. Jahrhunderts stärker betroffen als andere Stadtbezirke. Er wurde als adliges und großbürgerliches Wohnviertel  immer attraktiver und war zugleich dank seiner verkehrsgeographischen Lage und der großzügigen, nachmittelalterlichen Straßenführung Wirtschaftszentrum der Stadt. Von den herausragenden Einzelmonumenten, den Kirchen, großen Palazzi und antiken Monumenten abgesehen, verdankt der Rione sein heutiges Gesicht weitgehend dem 19. Jahrhundert.

Nach 1870 gewann der Rione zudem einen neuen Bezugspunkt durch die Erschließung und Besiedelung der am westlichen Tiberufer gelegenen „Prati di Castello“, der um die Engelsburg gelegenen Wiesen, auf denen neben großbürgerlichen Wohnhäusern ab 1889 der gewaltige Justizpalast entstand. Der Regulierung und Befestigung des Tiber fiel nach 1876 die barocke Hafenanlage Ripetta zum Opfer. Ab 1901 verband die Cavour-Brücke den neuen mit dem alten Stadtteil.

Wenigstens eine größere städtebauliche Maßnahme des 20. Jahrhunderts innerhalb des Bezirkes sei hier erwähnt. Im Zusammenhang der faschistischen „Renovatio Imperii“ und dem Versuch, die Kontinuität von Imperium Romanum und faschistischem Staat sinnfällig werden zu lassen, wurde ab 1934 das Augustus-Mausoleum nach allen Seiten hin freigelegt, denkmalartig isoliert und mit einer neoklassizistischen Randbebauung versehen.

(Horst Claussen: „Kein Ort der älteren Völker lag so schlecht als Rom ...“. Rom und der Campo Marzo am Ende des 18. Jahrhunderts. In: Konrad Scheurmann, Ursula Bongaerts-Schomer (Hrsg.): „... endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt!“ Goethe in Rom. Ausgabe in 2 Bänden. Band 1: Essays. Mainz: Zabern 1997. S. 115 - 117.
 
 

Text 5
Giolitti

Worin unterscheiden sich Rompilger von gewöhnlichen Globetrottern? Letztere zieht es zuerst zum Kolosseum, während die Ersteren sogleich der Peterskirche zustreben. Spätestens am Abend ihrer Ankunft aber stoßen beide Gruppen beim Parlamentsgebäude aufeinander; dort machen alle einen Schwenker in Richtung Via degli Uffici del Vicario und stehen bei „Giolitti“ Schlange. Denn bei „Giolitti“ gibt es das beste Eis in Rom. Darin sind sich die frommen Wallfahrer und die gewöhnlichen Touristen bei allen weltanschaulichen Differenzen ausnahmsweise einmal einig.

Die Italiener werden es nicht gerne hören - aber der gelato ist nun einmal nicht ihre Erfindung. Schon im dritten vorchristlichen Jahrtausend kannte man in China eine Art Speiseeis, das aus Schnee, Milch und Früchten hergestellt wurde. An einer ähnlichen Leckerei delektierten sich die alten Griechen, die den Schnee vom Olymp mit Honig, Fruchtsäften und Wein vermischten. Eine Variante dieser erfrischenden Gaumenfreude schätzten auch die Genussspechte und Naschkatzen im antiken Rom. Kaiser Nero ließ durch Stafettenläufer Schnee aus den Albaner Bergen in seinen Palast bringen, um sich daraus unter Zugabe von Früchten und Honig eine Eisspeise herstellen zu lassen. Schmolz der Schnee, bevor er in der Hauptstadt eintraf, riskierten die Läufer ihr Leben. Mit dem Untergang des Römerreiches geriet die Kunst der Eisherstellung in Vergessenheit.

Die uralten Rezepturen gelangten erst im 13. Jahrhundert wieder nach Italien, als Marco Polo von seiner Asien?Expedition zurückkehrte. Die diesbezüglichen Kenntnisse verbreiteten sich über Venedig über halb Europa. Allerdings blieb das süße Vergnügen vorerst ausschließlich wohlhabenden und höfischen Kreisen vorbehalten und auf die kalte Jahreszeit beschränkt.

Das änderte sich im 16. Jahrhundert, als ein sizilianischer Zuckerbäcker die kühlende Wirkung der Salpetersäure entdeckte. Fortan herrschte an den Fürstenhöfen das ganze Jahr über Eiszeit. Die breitete sich von Italien nach Gallien aus, als die Florentinerin Katharina von Medici 1533 den Herzog von Orléans und späteren König Heinrich II. heiratete. Bei dieser Gelegenheit nämlich schleppte sie zusammen mit ihrer Mitgift auch ihren Gelatiere, den Eismacher, nach Paris. Als Nachtisch zum Hochzeitsessen kosteten die Gäste Gefrorenes aus Himbeeren, Orangen und Zitronen. In der Folge hüteten die französischen Könige die verschiedenen Eisrezepte wie ein Staatsgeheimnis. Bei Verrat drohte die Todesstrafe. Später, 1673, brachten geschäftstüchtige Berater König Ludwig XIV. auf die Idee, die höfischen Rezepte zu verkaufen und eine Speiseeissteuer zu erheben. Fortan verdiente der Staat mit, wenn die Franzosen ihre glace schleckten.

In Italien hatte der eigentliche Siegeszug des Speiseeises schon 1660 begonnen, als dort die Eismaschine erfunden wurde. In Deutschland war der Begriff „Eis“ (aber noch nicht die Sache selber) erst 1799 in vieler Munde; damals eröffnete Vicomte Lanclot, der während der Wirren der Französischen Revolution geflohen war, in Hamburg den Alsterpavillon, wo sich die hanseatischen Kaufleute an der kühlen Spezialität laben konnten.

Als Erste verfielen die Amerikaner auf den Gedanken, das Eis industriell herzustellen. Um 1850 eröffnete der Milchhändler Jacob Fussel in Pennsylvania die erste kleine Eisfabrik, und zwar in der Absicht, nicht verkaufte Sahnebestände zu verwerten. Dreizehn Jahre später ließ sich der Amerikaner Henry Bust patentieren, was auch heute aus keiner Kühltruhe wegzudenken ist: das Eis am Stiel. Noch attraktiver allerdings scheint das Waffelhörnchen zu sein, eine Erfindung, die dem Italiener Italo Marchioni zugeschrieben wird. Er soll in seiner neuen Heimat Amerika anlässlich des Nationalfeiertages am 4. Juli 1890 aus Waffeln Hörnchen geformt haben. Seine Landsleute errichteten ihm dafür ein Denkmal im italienischen Longarone.

Während die Amerikaner als Erfinder der industriellen Eisfabrikation ihr Geschäft machten, qualifizierten sich die Italiener als Pioniere der Eisdielen. Die Geschichte dieser südländischen Hitzköpfe und ihrer kalten Erzeugnisse begann um die Mitte des 19. Jahrhunderts in dem in den Dolomiten gelegenen Cadoretal. Bei den dortigen ersten gelatieri handelte es sich ursprünglich um Arbeitslose, die bis anhin mit dem Verkauf von gekochten Birnen und Maronen eine klägliche Existenz fristeten. Angeblich lernten sie das Eismacherhandwerk von einem Sizilianer. Versehen mit ihren neuen Kenntnissen emigrierten die Wagemutigsten unter ihnen nach Österreich und Ungarn. 1865 fuhr der erste Eiswagen durch Wien. Den traditionsversessenen Österreichern jedoch war das ambulante Gewerbe ein Dorn im Auge, so dass die gelatieri sich gezwungen sahen, Ladenlokale anzumieten. Damit war die Eisdiele erfunden.

Seither haben schon viele versucht, dem Geheimnis der italienischen Eismacher auf die Spur zu kommen. Dabei erscheint das Rezept so einfach, Milch, Sahne, Eier und Zucker mit Vanille, Früchten, Kakao oder Kaffee vermischen und gefrieren lassen - was ist denn da Besonderes dran? Das Besondere ist, dass wir's nicht wissen und dass ein vero gelatiere sich eher die Zunge abbeißt, als uns das gewisse Etwas, also das Geheimnis jener unnachahmlich leichten, kühlen Sämigkeit zu verraten, welches seinem seit Generationen überlieferten Rezept zu Grunde liegt.

Romreisende, welche ihr Eis nicht bei „Giolitti“ lecken, haben eine gestörte Beziehung zur Ewigen Stadt. Denn „Giolitti“ gehört nun einmal zur urbs wie das Kolosseum und der Petersdom. „Giolitti“ ist eben nicht einfach ein Familienbetrieb oder ein Firmenname. „Giolitti“ ist ganz einfach „Giolitti“. Anders kann man's nicht sagen.

Das zeigt sich schon darin, dass „Giolitti“ achtundvierzig (in Zahlen: 48) verschiedene Eissorten anbietet. Das ergibt, selbst wenn man bloß zwei Kugeln bestellt, 1.128 Kombi-nationsmöglichkeiten. Wer sich für drei Kugeln entschließt, hat eine Auswahl unter 17.296 Kombinationen. Und sollte jemand bei den 48 Angeboten gar alle denkbaren Kombinationen mit vier verschiedenen Sorten einmal durchprobieren wollen, müsste er oder sie bei „Giolitti“ 194.580 (in Worten: hundertvierundneunzigtausendfünfhundertachtzig) Mal Eis bestellen. Da würde es sich dann schon lohnen, sich hinzusetzen, auch wenn das Schlecken am Tischchen ein bisschen mehr kostet. Wer sich den Aufpreis für den Stuhl sparen möchte, schaut bei „Giolitti“ vorbei, wenn gerade ein wichtiges Fußballspiel stattfindet, holt sich das Eis an der Theke und setzt sich trotzdem gemütlich hin. Denn während die squadra di Roma oder die squadra del Lazio um einen Pokal oder gar - ein absoluter Höhepunkt - beide Römer Mannschaften gegeneinander spielen, brüllt ganz Rom vor dem Fernseher und die Stadt gehört einzig und allein den Fremden. Und sämtliche Kellner bei „Giolitti“ starren gebannt auf die Mattscheibe im Laden und keiner von ihnen wird sich einen Deut scheren um die Leute, die an den Tischchen im oder vor dem Lokal zum Stehtarif ihr Eis lutschen.

(Josef Imbach: Kirchenfürsten, Künstler, Kurtisanen. Rom - Geschichten aus einer Stadt. Düsseldorf: Patmos 2003. S. 197 - 199.)

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