Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan

Römische Paläste
 

Text 1

Eine Typologie


 


Abb. 1: Frührenaissance: Palazzo Venezia (Mitte 15. Jahrhundert)

 

Der Gattungsbegriff "palazzo" für repräsentative städtische Gebäude, für weniger monumentale Prachtbauten in "palazzetto" abgewandelt, gilt für mehr als zweihundert römische Bauwerke. Er leitet sich her von Domitians ab 80 nach Christus auf dem Palatin errichteten Kaiserpalast. Das vielfältige, um zwei zentrale Innenhöfe gruppierte Raumprogramm des Herrschersitzes orientierte sich an einem großen System von Längs- und Symmetrieachsen. Das "palatium" blieb die Zentrale des Imperiums bis zur Reichsreform Diokletians im 3. Jahrhundert.

Im späten Mittelalter entstanden für den finanzstarken Adel in den Städten Oberitaliens zahlreiche aufwendige Bauten, die gleichzeitig kommunalen und privaten Zwecken dienten; die ersten großen Renaissancepaläste finden sich in Florenz und Venedig. In Rom traten als Bauherren in erster Linie Mitglieder der päpstlichen Familien auf: Ab Mitte des 15. Jahrhunderts bauten die reichen Kardinäle Paläste sozusagen um die Wette. Frühestes Beispiel: der Palazzo Venezia mit seiner sparsam, fast graphisch gegliederten, glatten Fassade. Die ungefähr seit 1300 festliegende blockartige Grundform, die Aufteilung in drei Hauptgeschosse und die gleichmäßigen Fensterreihungen blieben auch künftig die bestimmenden Gliederungsmerkmale. Der Entwurf für den Palazzo Venezia stammte wahrscheinlich von Leon Battista Alberti, der in seinen kunsttheoretischen Schriften forderte, der Palast eines guten Herrschers, der das Volk nicht zu fürchten habe, solle möglichst in der Nähe einer Kirche und mitten in der Stadt liegen, damit die Bürger jederzeit Zutritt hätten. Außer einer Wohnung für den Fürsten habe er eine eigene für die Fürstin sowie die nötigen Räumlichkeiten für die Regierungsgeschäfte, nach Möglichkeit auch ein Theater zu enthalten.
 

Abb. 2: Hochrenaissance: Palazzo Farnese (Anfang 16. Jahrhundert)

 

In der Renaissance wurde der Baublock monumentalisiert und gleichzeitig wie ein organischer Körper angesehen, dessen Gestalt, ähnlich der eines Lebewesens, festliegt und hauptsächlich durch seine stereometrische Erscheinung wirken sollte. Die zunehmende Herausarbeitung einzelner Bauglieder, wie sie in der Hochrenaissance (Anfang des 16. Jahrhunderts) am vollkommensten die Fassade des Palazzo Farnese aufweist, diente dem Zweck, durch Betonungen und Rhythmisierungen die Harmonie des Ganzen zu erhöhen. Die in der Theorie angestrebte, aus der Antike übernommene, symmetrische und axiale Ordnung beschränkte sich vorerst auf Außenbereiche, Eingangshalle und Innenhof. In der Hochrenaissance wurde die Axialsymmetrie dann das grundlegende Entwurfsprinzip: Sie bewirkte Klarheit der Grundrisse, der Baukörper und Raumfolgen - sie blieb bestimmend bis ins 19. Jahrhundert. Das vielfach unauffällig gestaltete Erdgeschoß diente zum Empfang von Klienten und Besuchern, der zentrale Loggienhof war Repräsentationsraum und sorgte - wie einst der Hof des antiken römischen Mietshauses, der "insula", - für die Erschließung der einzelnen Stockwerke und für Lichtführung. Das erste Obergeschoß oder "piano nobile", in der Fassade hervorgehoben, enthielt die Prunkräume, die der gesellschaftliche Rang der Bewohner erforderte. Die eigentlichen Wohnräume befanden sich im zweiten Obergeschoß; Dienstboten waren häufig im "mezzanin", einem niedrigen, unbetonten Zwischengeschoß meist unter dem Dach, untergebracht.
 

Abb. 3: Spätrenaissance / Frühbarock. Palazzo Senatorio (Ende 16. Jahrhundert)

 

Im Barock entwickelte der römische Palastbau geradezu kolossale Ausmaße und Formen. An den Fassaden ist die Vorliebe für starke Betonung der Mitte, für Bewegung durch Plastizität, figürlichen Schmuck und vielfältigen Wechsel der Dekorations-elemente, für Öffnungen durch Loggien und Treppen abzulesen: Die Schauseiten verloren allmählich die edle und zurückhaltende Strenge, um sich dynamisch zu öffnen. Die Fassade des Palazzo Senatorio prägten bereits Charakteristika des Barock: Dramatisierung durch Seitenrisalite und Zusammenfassung der Obergeschosse durch eine große Pilasterordnung. Zum Portal im "piano nobile" führt eine doppelläufige Freitreppe, die einen starken Bewegungszug vom davor liegenden, zentrierten Kapitolsplatz zum Palast hin bewirkt.
 

Abb. 4: Barock: Palazzo Pamphili (Mitte 17. Jahrhundert)

 

Die raumgestaltende Kraft barocker Palastfassaden zeigt sich an vielen Plätzen Roms: Auf der Piazza Navona, berühmt wegen ihrer einheitlich barocken Umbauung, korrespondiert der Palazzo Pamphili mit der benachbarten, dreitürmigen Fassade des Gotteshauses Sant' Agnese in Agone; den Mitteltrakt der Palastfassade akzentuiert, fast turmartig, ein viertes Stockwerk. Die Innenräume wurden nach logischen Gesichtspunkten angelegt: In der Mitte des Hauptgeschosses befand sich der Hauptsaal, auf den die Nebenräume in Größe und Dekoration abgestimmt waren; im Erdgeschoß sorgten Nebenportale, Innentreppen und Flure für bessere Funktionsfähigkeit der einzelnen Räume.

Verbinden sich mit dem Palastbau der Renaissance in Rom so große Namen wie Bramante, Sangallo und Raffael, so ist Michelangelo das Bindeglied zu den Palastbau-meistern des Barock, wie Rainaldi, Bernini, Borromini und Maderna. Nicht zu vergessen sind die unzähligen Kunsthandwerker und Maler, die bewundernswerte Innenausstattungen schufen.

Römische Renaissance- und Barockpaläste, heute vielfach als Domizile offizieller Institutionen genutzt, spiegeln die Baukunst einer besonders glanzvollen Epoche der Ewigen Stadt. 

(Maria Elisabeth Straub: Palazzi di Roma. In: Merian (1984) Heft 12, S. 164f.)
 

Aufgaben:

  1. Erläutern Sie die Unterschiede zwischen einem Renaissance- und einem Barockpalast!
  2. Renaissance oder Barock? Ordnen Sie ein und begründen Sie Ihre Entscheidung: Palazzo Spada, Palazzo Madama, Palazzo Montecitorio, Palazzo dei Conservatori, Palazzo del Quirinale, Palazzo Chigi!

 
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