Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan
 

Topographie und Geschichte
 

Das antike Rom
 

Text 1
Eine Wiederauferstehung


Émile Zola (1840 - 1902) analysiert in dem Zyklus "Les Trois Villes" ("Lourdes", 1894; "Rome", 1896; "Paris", 1898) die Bedeutung der Religion für das Selbstverständnis der Menschen und der Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert. Im Zentrum stehen die Versuche des Abbé Pierre Froment, seinen Glauben und sein priesterliches Amt ausschließlich als Dienst für die Menschen und besonders die sozial Schwachen zu verstehen. Er will sein Buch "Das neue Rom" im Vatikan verteidigen, findet aber eine Kirche, die sich nach dem Verlust der weltlichen Macht als unfehlbar definiert und strikte Unterwerfung verlangt. Während seines Aufenthalts in Rom erlebt der junge Priester Antikes, Barockes und Modernes in seltsamer Mischung. Seine Erfahrungen zeigen, welchen Eindruck Rom erweckt zu einem Augenblick, in dem viele nach der selbstzufriedenen Glaubensabkehr des 19. Jahrhunderts in Neokatholizismus und Mystizismus neues Heil suchten.

Pierre war ergriffen von der überwältigenden Vergangenheit, die ihn umgab. Überall, aus allen vier Ecken des weiten Horizonts stand die Geschichte wieder auf und drang wie eine Sturmflut auf ihn ein. [...] Zu Pierres Füßen, jenseits des Forums, hinter dem Kapitol, erstreckte sich Rom, gegenüber war der Esquilin, rechts der Celio und der Aventin; die andern Hügel, die er von hier aus nicht sehen konnte, der Quirinal und der Viminal, lagen zu seiner Linken. Hinter ihm, am Ufer des Tibers, erhob sich der Gianicolo. Die ganze Stadt sprach zu ihm von ihrer einstigen Größe.

Unwillkürlich kam ihm die Vision einer Wiederauferstehung. Der Palatin, den er eben besichtigt hatte, der graue, düstere, wie eine verfluchte Stadt dem Erdboden gleichgemachte Palatin mit seinem zerbröckelnden Gemäuer belebte, bevölkerte sich plötzlich und erstand wieder mit all seinen Palästen und Tempeln. Er war die Wiege Roms, hier auf dem Hügel über dem Tiber hatte Romulus seine Stadt gegründet, während gegenüber auf dem Kapitol die Sabiner saßen. Die sieben Könige der zweieinhalb Jahrhunderte währenden Monarchie hatten ihn bewohnt, sicher umgeben von hohen, starken Mauern, in denen sich nur drei Tore befanden. Und dann kamen die fünf Jahrhunderte der Republik, die größten und ruhmreichsten, in denen erst die italische Halbinsel, dann die ganze Welt der römischen Herrschaft unterworfen wurde. In diesen siegreichen Jahren sozialer Kämpfe und kriegerischer Eroberungen war Rom gewachsen und hatte die sieben Hügel bevölkert; der Palatin mit seinen legendenumwobenen Tempeln blieb die ehrwürdige Wiege, doch allmählich entstanden auch auf ihm Privathäuser. Aber dann kam Cäsar, der die Allmacht der Römer verkörperte, und feierte nach dem Gallischen Krieg und nach der Schlacht bei Pharsalos im Namen des ganzen römischen Volkes seinen Triumph; als Diktator und Kaiser hatte er die gewaltige Aufgabe erfüllt, woraus in den nächsten fünf Jahrhunderten das Kaiserreich in seiner maßlosen Prunksucht Nutzen zog. Augustus konnte die Macht ergreifen, Roms Ruhm hatte seinen Höhepunkt erreicht, in den Provinzen warteten die Milliarden nur darauf, geraubt zu werden, die kaiserliche Pracht begann sich in der Hauptstadt der Welt vor den Augen der geblendeten, besiegten Völker zu entfalten. Er war auf dem Palatin geboren, und nachdem ihm der Sieg von Actium die Kaiserwürde verliehen hatte, setzte er seinen Stolz darein, von der Höhe dieses heiligen, vom Volk verehrten Hügels herab zu regieren. Er kaufte Privathäuser auf und errichtete dort seinen Palast mit einem bisher unbekannten Aufwand: Ein von vier Pilastern und acht Säulen getragenes Atrium, ein Peristyl mit sechsundfünfzig Säulen in ionischer Ordnung und Privatgemächern ringsherum, alles aus Marmor in verschwenderischer Fülle, der mit großen Kosten aus der Fremde kam, die leuchtendsten Farben zeigte und wie Edelsteine schimmerte. Er hatte sich bei den Göttern einquartiert, denn dicht neben seinem Hause hatte er den großen Apollotempel und einen Tempel der Vesta errichten lassen, um sich das göttliche, das ewige Königtum zu sichern. Damit war der Same für die kaiserlichen Paläste ausgestreut, von nun an wuchsen, ja schossen sie aus dem Boden und bedeckten schließlich den ganzen Palatin.

Welche Allmacht besaß Augustus in diesen vierundvierzig Jahren, welch eine totale, unbeschränkte, übermenschliche Macht, wie sie kein Despot, selbst in seinen kühnsten Träumen nicht, je gekannt hat! Er ließ sich sämtliche Titel verleihen und und als Tribun war er Herr über das Volk. Er ließ sich zum Augustus ausrufen, zur geheiligten Person, zum Gott unter den Menschen, der seine Tempel und seine Priester hatte und zu Lebzeiten wie eine auf Erden wandelnde Gottheit verehrt wurde. Schließlich machte er sich noch zum obersten Priester, verband die geistliche Herrschaft mit der weltlichen und verwirklichte so durch einen Geniestreich die allerhöchste Machtvollkommenheit, zu der ein Mensch aufsteigen kann. Da der oberste Priester in keinem Privathaus wohnen durfte, hatte er sein Haus zum Staatseigentum erklärt; und da er sich nicht vom Tempel der Vesta entfernen durfte, hatte er bei sich einen Tempel der Göttin aufstellen lassen und überließ den Vestalinnen die Wache an dem alten Altar am Fuß des Palatins. Er scheute keine Mühe, denn er fühlte, daß die zweifache Macht, die er in seiner Person als König und Priester, Kaiser und Pontifex vereinigte, ihm die höchste irdische Gewalt über 

Menschen und die Welt verlieh. Alle Kraft eines starken Volkes, alle errungenen Siege und alle noch zerstreuten Reichtümer entfalteten sich unter Augustus zu einzigartiger Pracht, wie sie niemals wieder in solchem Glanz erstrahlen sollte. Er wurde wahrhaftig zum Herrn der Erde, sein Fuß ruhte auf der Stirn der unterworfenen und befriedeten Völker; Kunst und Literatur erreichten eine unvergängliche Blüte. Es scheint, als habe sich in ihm damals der alte ehrgeizige Traum seines Volkes erfüllt, für den es jahrhundertelang geduldig kämpfte: das königliche Volk zu werden. Endlich leuchtete das Römerblut, das Blut des Augustus, im kaiserlichen Purpur rot auf, das Blut des Augustus, des göttlichen, triumphierenden, unumschränkten Herrschers über Leiber und Seelen, das Blut eines Mannes, in dem das Erbe eines sieben Jahrhunderte alten nationalen Stolzes gipfelte und aus dem unzählige, maßlos hochmütige Generationen im Laufe der Zeit hervorgingen. Denn von nun an sollte das Blut des Augustus immer neu erstehen, in den Adern aller Beherrscher Roms fließen und sie mit dem ewig wiederkehrenden Traum von der Weltherrschaft bedrängen. Einen Augenblick war dieser Traum Wirklichkeit geworden: Augustus, Kaiser und oberster Priester, hat die Menschheit beherrscht, hat sie in der Hand gehalten, gänzlich und rückhaltlos wie einen persönlichen Besitz. Später, nach dem Verfall, als die Macht sich spaltete und wieder zwischen König und Priester geteilt wurde, haben die Päpste keinen leidenschaftlicheren Wunsch gehegt, Jahrhunderte hindurch keine andere Politik gekannt, als die weltliche Macht, die Gesamtherrschaft wieder zurückzuerobern, denn in ihren Herzen brannte die rote gierige Flut des Ahnenblutes.

Darauf sah Pierre - Augustus war tot, sein Palast geschlossen, geheiligt und zum Tempel geworden - den Palast des Tiberius vor sich aus dem Boden steigen, der sich gerade hier unter seinen Füßen befand, unter den schönen grünen Eichen, die ihm Schatten spendeten. Er erträumte ihn sich fest und groß, mit Höfen, Vorhallen und Sälen, obwohl das Gemüt des Kaisers verdüstert war und er fern von Rom inmitten von Denunzianten und Wüstlingen lebte; die Macht hatte ihm Herz und Hirn bis zum Verbrechen, bis zu den ungeheuerlichsten Wahnsinnsanfällen vergiftet. Danach stieg der Palast des Caligula auf, eine Erweiterung des Hauses des Tiberius, das durch Arkaden vergrößert und durch eine Brücke über das Forum mit dem Kapitol verbunden war, damit der Herrscher ganz nach Belieben mit Jupiter plaudern konnte, als dessen Sohn er sich ausgab. Auch ihn hatte der Thron zu einem wüsten, in seiner Allmacht zügellosen Narren erniedrigt. Später, nach Claudius, fand Nero, der alle übertraf, den Palatin nicht groß genug; er verlangte für sich einen riesenhaften Palast und bemächtigte sich der herrlichen, bis zum Gipfel des Esquilins hinaufsteigenden Gärten, um dort sein Goldenes Haus zu errichten. Es war ein traumhafter Bau von maßlosem Pomp, den er nicht zu Ende führen konnte und dessen Ruinen schnell während der Unruhen verschwanden, die dem Leben und Tod dieses vom Hochmut betörten Scheusals folgten. Dann stürzten innerhalb von achtzehn Monaten Galba, Otho und Vitellius nacheinander in Schmutz und Blut, auch sie durch den Purpur zu Ungeheuern und Schwachköpfen geworden, nachdem sie sich in hemmungslosem Sinnenrausch wie unreines Vieh am kaiserlichen Trog gemästet hatten. Mit den Flaviern trat zunächst eine Pause der Vernunft und menschlichen Güte ein; Vespasian und Titus bauten wenig auf dem Palatin.

Aber Domitian begann von neuem mit dem finsteren Wahn der Allmacht, es war ein Regime der Furcht und der Denunziationen, schrecklicher Grausamkeiten, Verbrechen und widernatürlicher Ausschweifungen; wieder entstanden aus unsinniger Eitelkeit Bauten, die in ihrer Pracht die Göttertempel in den Schatten stellten, vor allem der Palast des Domitian, den eine schmale Gasse von dem des Tiberius trennte, ein Gebäude, das sich wie ein Koloß, wie eine Apotheose erhob. Er hatte einen Audienzsaal mit goldenem Thron, mit sechzehn Säulen aus phrygischem und numidischem Marmor und acht Nischen, in denen wunderbare Statuen standen, einen Gerichtssaal, einen großen Speisesaal, ein Peristyl und Wohnräume, die von Granit, Porphyr und Alabaster strotzten, alles von den berühmtesten Künstlern gearbeitet und mit verschwenderischer Pracht ausgestattet, um die Welt zu blenden. Jahre später kam als letzter der Palast des Septimius Severus zu der großen Zahl der andern Paläste. Es war abermals ein Prachtbau; Bogen trugen hohe Säle, Stockwerke erhoben sich über Terrassen, und Türme überragten die Dächer, ein babylonischer Bau, der hier auf der äußersten Spitze des Hügels gegenüber der Via Appia errichtet war, damit die Landsleute des Kaisers, die aus Afrika, seinem Geburtsland, kommenden Provinzbewohner, schon von weitem über seinen Reichtum staunen und ihn in seiner Herrlichkeit verehren sollten.

Pierre sah all die heraufbeschworenen, im hellen Sonnenlicht wiedererstandenen Paläste aufrecht und glanzvoll vor sich und um sich. Sie schienen miteinander verwachsen, manche nur durch schmale Gänge getrennt. Da man auf diesem heiligen Hügel keinen Zoll verschwenden wollte, standen sie dichtgedrängt zusammen, ein Bild ungeheurer, zügelloser Kraft, Macht und Hoffart. Sie hatten Millionen verschlungen, und für die Freuden eines einzelnen mußte die Welt bluten. In Wirklichkeit war es nur ein einziger Palast, den man unablässig vergrößerte, wenn der verstorbene Kaiser zum Gott wurde und der neue Kaiser das geheiligte, zum Tempel gewordene Gebäude verließ, in dem ihn vielleicht der Schatten des Toten schreckte, und er das dringende Bedürfnis empfand, sich ein eigenes Haus zu bauen und die unauslöschliche Erinnerung an seine Regierungszeit für ewig in Stein zu hauen. Alle waren von der Bauwut besessen, sie schien mit dem Boden, dem Thron, auf dem sie saßen, verhaftet zu sein, in jedem von ihnen erwachte sie heftiger, sie wetteiferten miteinander und suchten sich durch immer dickere, höhere Mauern und maßlosere Anhäufung von Marmor, Säulen und Statuen zu übertreffen. Der Gedanke an ein ruhmvolles Weiterleben war allen gemeinsam, alle wollten staunenden Generationen das Zeugnis ihrer Größe hinterlassen, in unvergänglichen Wunderwerken fortbestehen und für immer mit dem ganzen Gewicht dieser Riesenbauten auf der Erde lasten, wenn der Wind längst ihre leichte Asche verweht haben würde. Das Plateau des Palatins war nur der ehrwürdige Sockel für ein ungeheures Monument, ein dichtes Neben- und Übereinander von Gebäuden, wobei jeder neue Bau wie ein Ausbruch von Größenwahn wirkte, das Ganze aber schließlich im schneeigen Glanz des weißen und in den lebhaften Tönen des bunten Marmors Rom und die gesamte Welt mit dem ungewöhnlichsten und vermessensten aller Herrscherhäuser, Paläste, Tempel, Basiliken oder Kathedralen krönte, die sich je unter dem Himmel erhoben.

Aber in diesem Übermaß von Macht und Ruhm lauerte der Tod. Siebeneinhalb Jahrhunderte Monarchie und Republik hatten die Größe Roms geschaffen; und in den fünfhundert Jahren des Kaiserreichs wurde das römische Volk bis aufs Mark ausgesogen. Das ungeheure Gebiet, selbst die fernsten Provinzen wurden allmählich ausgeplündert und erschöpft, der Staat verschlang alles und brachte sich selbst an den Abgrund des unvermeidlichen Bankrotts. Auch war das Volk entartet, mit dem Gift der Schauspiele genährt und dem ausschweifenden Müßiggang der Cäsaren verfallen, während Söldner die Schlachten schlugen und den Acker bebauten. Seit Konstantin hatte Rom in Byzanz eine Rivalin, die Teilung vollzog sich unter Honorius; um den Zerfall zu vollenden, die sterbende Beute zu zerreißen, genügten zwölf Kaiser, bis zu Romulus Augustulus, dem letzten, dem elenden Jämmerling, dessen Name wie eine Verhöhnung der ganzen ruhmreichen Geschichte, wie ein doppelter Schimpf für den Gründer Roms und den Gründer des Kaiserreichs wirkt. Zwar standen auf dem verlassenen Palatin die Paläste, jene riesige Anhäufung von Mauern, Stockwerken, Terrassen und hohen Dächern. Doch waren schon Verzierungen entfernt und Statuen fortgeschleppt worden, um sie nach Byzanz zu bringen. Das inzwischen christlich gewordene Kaiserreich schloß die Tempel, löschte das Feuer der Vesta, achtete jedoch noch das uralte Palladium, die goldene Siegesstatue, das Symbol des ewigen Roms, das ehrfürchtig im Zimmer des Kaisers gehütet wurde. Bis zum 4. Jahrhundert erhielt sich der Kult. Im 5. aber brechen die Barbaren ein, plündern und brandschatzen Rom und schleppen Karren voll Beute davon, die die Flammen verschont hatten. Solange die Stadt von Byzanz abhängig war, blieb ein Kurator der kaiserlichen Paläste dort wohnen und wachte über den Palatin. Dann geht alles zugrunde, alles versinkt in der Finsternis des Mittelalters. Es scheint, daß die Päpste seitdem allmählich den Platz der Cäsaren einnahmen und in ihrem verlassenen Marmorpalast und dem noch immer lebendigen Willen zur Macht ihre Nachfolger wurden. Sicherlich haben sie den Palast des Septimius Severus bewohnt, im Septizonium wurde ein Konzil abgehalten, und später wurde Gelasius II. in einem benachbarten Kloster auf diesem Berg der Vergötterung gewählt. Abermals erhob sich Augustus aus dem Grabe, von neuem Herr der Welt mit seinem Heiligen Kollegium, das den römischen Senat wiederauferstehen ließ. Im 12. Jahrhundert gehörte das Septizonium Kamaldolensermönchen, die es der mächtigen Familie der Frangipani abtraten; diese verschanzten es, wie sie es mit dem Kolosseum, dem Konstantins- und dem Titusbogen getan hatten, so daß fast der ganze verehrungswürdige Berg, die Wiege Roms, eine gewaltige Festung war. Die Greuel der Bürgerkriege, die Verwüstungen der Invasionen fegten wie Orkane darüber hin, legten die Mauern um, rissen die Paläste und Türrne nieder. Erst spätere Generationen ergriffen Besitz von den Ruinen, quartierten sich dort mit dem Recht des Entdeckers und Eroberers ein und verwandelten sie in Keller, Futterscheunen und Ställe für ihre Maulesel. Auf den Erdmassen, die nun die Mosaiken der kaiserlichen Säle bedeckten, wurden Gemüsegärten angelegt und Weinstöcke gepflanzt. Brennesseln und Brombeersträucher versperrten den Zugang zu den verlassenen Stätten, und schließlich überwucherte Efeu die zusammengestürzten Säulenhallen. Es kam der Tag, an dem der gewaltige Komplex von Palästen und Tempeln, die prunkvolle Behausung der Kaiser, der der Marmor Ewigkeitsdauer hatte verleihen sollen, gleichsam in den Staub zurücksanken und unter der Woge von Erde und Pflanzenwuchs verschwanden, mit der die gefühllose Natur sie bedeckte. In der Sonnenglut summten große Insekten zwischen den Feldblumen, Ziegenherden liefen frei umher und weideten im Thronsaal Domitians und im zertrümmerten Heiligtum des Apollo.

Ein kalter Schauer überlief Pierre. So viel Kraft und Stolz, so viel Größe - und so rasch vergangen, eine Welt für immer hinweggefegt! Welch neuer, rauher, rächender Wind mußte über diese glanzvolle Zivilisation vernichtend hinweggegangen sein, in welche Nacht, welch kindlich Iallende Unwissenheit mußte sie zurückgefallen sein, um mit ihrer Pracht und ihren Kunstwerken plötzlich unterzugehn! Er fragte sich, wie ganze Paläste, in denen noch herrliche Skulpturen, Säulen und Statuen standen, allmählich versinken, verschwinden konnten, ohne daß jemand sie zu schützen suchte. Die Meisterwerke, die man später mit einem allgemeinen Aufschrei der Bewunderung ausgrub, waren nicht bei einer plötzlichen Katastrophe untergegangen, nein, sie waren gleichsam ertrunken in der steigenden Flut, die erst die Füße, dann die Hüften umspielte, bis zum Hals stieg und eines Tages über dem Kopf zusammenschlug. Wie ist es zu erklären, daß Generationen unbekümmert zusahen und nicht daran dachten, auch nur eine Hand zu rühren? Es scheint, als habe sich plötzlich ein schwarzer Vorhang über die Welt gesenkt, eine andere Menschheit beginnt mit einer neuen Denkart, die erst geformt und bereichert werden muß. Rom war leer geworden. Was Feuer und Schwert beschädigt hatten, wurde nicht mehr ausgebessert, unendliche Gleichgültigkeit ließ die zu großen, nutzlos gewordenen Gebäude zusammenbrechen - abgesehen davon, daß die neue Religion die alte vertrieb, ihr die Tempel stahl und die Götter stürzte. Schließlich vollendeten die Erdaufschüttungen das Zerstörungswerk, denn der Boden stieg beständig, die Anschwemmungen der jungen christlichen Welt überdeckten die heidnische Gesellschaft der Antike und ebneten sie ein. Man raubte Tempel, Bronzedächer und Marmorsäulen, später auch Steine, die aus dem Kolosseum und dem Theater des Marcellus herausgebrochen wurden, Statuen und Basreliefs, die man mit dem Hammer zerschlug, und warf sie in den Ofen, um daraus für die neuen Bauwerke des katholischen Roms Kalk zu brennen.

(Émile Zola: Rom. Leipzig: Dieterich 1991. S. 164 - 171.)
 
 

Text 2
Die römische Republik

Ausgrabungen aus dem 10. und 9. Jahrhundert v. Chr. belegten, daß der bewaldete Esquilin und Celio von Albensern (von den 20 km südöstlich gelegenen Albaner Bergen), der Quirinal von Sabinern (deren Gebiet sich nach Norden hin bis zu den Sabiner Bergen erstreckte) und der Palatin von den sogenannten Ramnes bewohnt waren. Albenser und Sabiner waren vor 1000 v. Chr. eingewanderte indogermanische Stämme, die Ramnes sogenannte Ureinwohner. Auf der anderen Seite des Tibers (auf dem rechten Ufer) begann das Einflußgebiet der Etrusker, das sich nach Norden  bis in die heutige Toskana erstreckte. Die Ramnes waren Hirten, die in runden Lehmhütten mit Strohdächern wohnten und ihr Vieh an den Hängen des Palatin weideten. Auf dem Palatin, in den sogenannten „Hütten des Romulus“, können wir noch die Überreste aus dieser Zeit sehen. Zwischen den Hügeln flossen kleine Bäche, weshalb die Niederungen auch leicht versumpft waren. Hier und auch auf dem Kapitolshügel wurden die Toten begraben.
Die Ausbuchtung des Tibers erstreckte sich zu jener Zeit noch fast bis zum Fuß des Palatin. [...] Archäologische Untersuchungen und Funde in den letzten Jahren an den Rändern des Palatins konnten erstmals wissenschaftlich nachweisen, daß es sich bei der Gründung Roms nicht um eine Legende handelt. Tatsächlich wurde um 750 (ob nun exakt am anti-ken Osterfest, dem 21. April 751, oder an einem anderen Tag des Jahres 754 oder 750, ist nicht nachzuweisen) eine quadratische Mauer als Befestigung um den, Palatin gezogen. Längs der Mauer war ein Graben ausgehoben, der sogenannte „Pomerio“, der geheiligte Zwischenraum, der ohne Erlaubnis der Stadtbewohner nicht überschritten werden durfte. [...]

Gegen Ende des 7. Jahrhunderts wuchsen die drei Stämme auf den Hügeln zusammen. Die Könige kamen im 7. Jahrhundert aus dem Geschlecht der Sabiner. Eine gemeinsame Religion bildete sich auf der Basis der „Pax deorum“ heraus, der Übereinkunft zwischen Menschen und Göttern nach dem Prinzip des „do ut des“, des Gebens und Nehmens mit Jupiter als oberstem Gott, Janus (Beschützer des Hauses), Neptun (des Wassers), Juno (der Schönheit), Minerva (des Handwerks), Mars (des Ackers, dann des Krieges) etc. Zur gemeinsamen Verteidigung mußte jeder Stamm im Kriegsfall 100 Reiter und 1.000 Fußsoldaten stellen. Krieg wurde nicht aus Eroberungswillen geführt, sondern nur, wenn man überzeugt war, daß die Respektierung des durch andere Stämme verletzten Rechts nicht auf andere Weise durchzusetzen war.

Im 6. Jahrhundert - Rom hatte sich inzwischen über die Hügel hinaus in die Ebene ausgedehnt und kontrollierte die linke Uferseite des Tibers bis zu seiner Mündung mit dem Hafen Ostia - waren es Könige etruskischer Herkunft, die an der Spitze der Stadt standen. Sie brachten Handwerkskenntnisse und Handelsgeist mit, und schon bald überwand die Stadt ihre Hirten- und Bauernwirtschaft. Bedeutende Infrastrukturarbeiten fanden statt: Man legte die Bäche zwischen den Hügeln trocken und entwässerte so das sumpfige Gebiet durch unterirdische (bis zu 10 in die Tiefe gehende) Röhren aus Tuffgestein. Ein Teil davon war die Cloaca Maxima, die sich in den Tiber ergoß. [...]

Die durch die Cloaca Maxima trockengelegte Niederung zwischen den Hügeln Kapitol, Pa-latin, Quirinal und Viminal wurde gepflastert und zum Handelsplatz - dem Forum Romanum. Der Kapitolshügel wurde „Götterhügel“, auf seinem höchsten Punkt stand der Jupitertempel. Als 509 v. Chr. Rom Republik wurde, spielte sie schon die dominierende Rolle im südlichen Latium.

Der junge Stadtstaat verwandelte die weite und fruchtbare Ebene in einem großen Halbkreis vom Nordosten bis zum Süden in blühende Kornfelder und saftige Viehweiden und baute die „Urbs“ zu einem Handwerks- und Handelszentrum aus. Doch die wirtschaftlich günstige Lage machte Rom militärisch äußerst verwundbar. Die Bewohner der umgebenden Berge des Apennin mit ihren kargen Böden blickten voll Neid auf die aufblühende Stadt zu ihren Füßen, die keinerlei natürlichen Schutz besaß. Verteidigung wurde zum Schlüsselwort Roms. Das Kapitol wurde zur Festung und Fluchtburg ausgebaut, auch um die Tempel der Götter zu schützen. Der junge Stadtstaat mit seinen rund 20.000 Einwohnern verteidigte sich geschickt mit seinen Bürgersoldaten und durch wechselnde Allianzen mit Nachbarvölkern. Vor allem verstand er es nach erfolgreicher Abwehr der Aggressoren, die Geschlagenen nicht zu Untertanen zu machen, sondern sie sich durch klug ausgehandelte Verträge (vor allem Handels- und Wirtschaftsverträge) zu Verbündeten unter seiner Dominanz zu machen und damit seinen Einflußbereich weiter auszudehnen.

Doch es dauerte noch rund 150 Jahre, bis Roms Machtbereich sich auf diese Weise über Mittelitalien, und noch einmal über 100 Jahre, bis er sich um 270 v. Chr. über das ganze (heutige) Italien erstreckte. Erst dann, rund 500 Jahre nach seiner Gründung, war der römische Staat ein Machtfaktor, der den anderen Reichen am Mittelmeer an Bedeutung gleichkam. Aber es war kein Einheitsstaat mit Rom als Hauptstadt, sondern ein kompliziertes Bündnissystem innerhalb einer Föderation, in der Rom „nur“ die Außenpolitik, die Kriegspolitik und die Regelung der Verhältnisse unter den verschiedenen Bundesgliedern bestimmte.

Rom blieb Stadtstaat. Intern konnten in dieser Zeit die Plebejer ihre staatsbürgerlichen Ansprüche gegen die Patrizier, den aus der Königszeit erwachsenen grundbesitzenden Landadel, durchsetzen und den Ständestaat abschaffen. Mit der Verkündung der Zwölf-Tafel-Gesetze 450 v. Chr., die in Steintafeln gehauen auf dem Forum jedermann zugänglich waren, war Rom zum Rechtsstaat geworden. In der Folgezeit wurde die gesetzliche Gleichstellung, das aktive wie passive Wahlrecht für öffentliche Ämter und die wirtschaftliche Gleichstellung durchgesetzt und endgültig 287 v. Chr. in der „Lex hortensia“ kodifiziert. Was nicht errungen wurde, war die gesellschaftliche Gleichstellung und die gleichberechtigte Teilhabe der Macht, die der Adel weiterhin im Senat verkörperte. Rom war damit zur „Adelsrepublik“ auf rechtsstaatlicher Grundlage geworden: S. P. Q. R. (Senatus Populusque Romanus), Senat und Volk von Rom.

Mit den Kriegen gegen das Handelsreich Karthago begann Roms Eintritt in die Weltpolitik und mit dessen Unterwerfung (und der damit verbundenen Ausdehnung über Nordafrika und Spanien) sowie der Eroberung Griechenlands der Aufstieg zur Weltmacht. Zeitgleich gab man das Konzept des föderativen Zusammenschlusses auf, die neuen Provinzen erhielten faktisch den Status von Kolonien. Deren Ausbeutung förderte den Aufstieg der Herren des Bank- und Handelswesens als „neue Kaste“, den sogenannten „Rittern", die über unermeßliches liquides Kapital verfügten und die Republik in den nächsten 70jahren bis 133 v. Chr. zu immer neuen Eroberungskriegen nach Westen, aber vor allem in den reichen Osten des Mittelmeeres drängten. [...]

Das römische Reich dehnte sich immer weiter aus, doch es wurde noch regiert wie ein Stadtstaat. Die Aristokratie traf im Senat die politischen Entscheidungen und ernannte Zivilpersonen zu obersten Militärs, die mit dem Heer von Bauern Tausende von Kilometern weit entfernte Aufstände niederschlagen und Grenzen sichern sollten. Das inzwischen enorm gewachsene Proletariat in den Städten blieb gesellschaftlich einflußlos; die „Ritter“ genannten Herren der Wirtschaft und Finanz hatten keinen direkten Einfluß auf die politischen Entscheidungen; die inzwischen Millionen zählende Schar der Sklaven drängte auf Verbesserung ihrer teils menschenunwürdigen Lage; die Bauern fanden nach ihrer Rückkehr von den oft jahrelangen Kriegen ihre Ländereien verwildert oder sogar von „Latifundisten“ aufgekauft vor und verarmten. Es war eine Situation entstanden, in der einerseits die Strukturen zur Verwaltung des Reichs völlig unzureichend waren und - andererseits - die sozialen Strukturen auf eine grundlegende Reform drängten. Der den konservativen Adel repräsentierende Senat von Rom widersetzte sich der Anpassung an die Realität und beschwor damit das „Zeitalter der römischen Bürgerkriege“ herauf, das mit Caesar 47 v. Chr. einen vorläufigen Abschluß fand, doch erst mit Augustus 31 v. Chr. beendet wurde.

Die ersten 80 Jahre der „Revolutionen“ und Bürgerkriege stellten eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Epoche in der Geschichte Roms dar. Die Reformversuche der Gracchen (133 bzw. 123 v. Chr.) zielten auf die Verbesserung der Lage der Bauern und endeten in einer Revolution gegen den Senat - vor allem, da sich gleichzeitig eine Allianz zwischen Hochfinanz und Proletariat bildete. Die Revolution scheiterte, und die Oligarchie ging gestärkt aus den Wirren hervor. Eine Heeresreform schaffte das Bauernheer mit der allgemeinen Wehrpflicht ab; ein Söldnerheer - rekrutiert zumeist aus dem römischen Proletariat - trat an seine Stelle; das Heer wurde proletarisiert, das Proletariat militarisiert Der erneute Versuch von Reformen (um 100 v. Chr.) unter Marius scheiterte ebenfalls, weil die „Ritterkaste“ sich diesmal mit dem Senat gegen die unteren Klassen verbündete. Als letztere versuchten, mit Hilfe ihrer Heerführer die Demokratisierung der Republik voranzutreiben, führten die Aristokraten eigens zusammengestellte Söldnerheere gegen das Volk ins Feld. Der erste Bürgerkrieg sah den Feldherrn des Senats Sulla erfolgreich (83 v. Chr.); die Opposition der „Volkspartei“ und auch der „Ritter“ wurde brutal verfolgt. Zwar hatte der Senat gesiegt, doch seine Macht war instabil geworden, weil sie vom Militär abhing. Diese Situation nutzten zuerst Pompejus und Crassus und dann Caesar (mit jenen noch im ersten Triumvirat). Sie schlugen als Feldherren erst die Volkserhebungen und den Sklavenaufstand unter Spartakus (73 bis 71 v. Chr.) nieder, um dann - gestützt auf das Heer - Schritt für Schritt die Macht des Senats zu beschneiden. Eine neue Verfassung öffnete der „Revolution“ für eine demokratische Republik erneut die Tür. Doch es wurde immer klarer, daß der Kampf zwischen Aristokratie und Volk (und die jeweiligen Koalitionen der einen wie der anderen Seite mit den Mittelschichten der Ritter und Bauern) unentschieden, im Chaos enden würde. Zwar hatte sich das oligarchische Regime zur Verwaltung des Reichs als unfähig und überholt erwiesen, dennoch war es noch mächtig genug, um eine demokratische Republik zu verhindern. Die „Lösung“ durch einen Dritten zeichnete sich ab, als Caesar als Sieger aus dem zweiten Bürgerkrieg (49 bis 46 v. Chr.) hervorging und mit Unterstützung des Heeres, der Bauern, Veteranen und des Stadtproletariats erst den Senat zu einem Beratungsgremium degradierte und dann auch die Macht des „plebs“ so beschnitt, daß ihre Institutionen zu „Akklamationsgremien“ für die getroffenen Entscheidungen des Alleinregierenden wurden. Die vom Senat geförderte Er-mordung Caesars am 15. März 44 v. Chr. beseitigte zwar den verhaßten „Diktator“, doch aus dem dadurch entfesselten dritten Bürgerkrieg ging derjenige als Sieger hervor, der den Weg zwischen „Adels“- und „Volks-Demokratie“ konsequent zur Monarchie zu Ende ging - Oktavianus, genannt Augustus. 31 v. Chr. war die Republik tot, und die unter Bürgerkriegen geborene Konstruktion der Monarchie wurde selbst über das römische Reich hinaus zur vorrangigen Herrschaftsform bis in die Neuzeit. Erst die Revolution und Kämpfe des 18. bis 20. Jahrhunderts setzten endlich die Demokratie durch.

(Rolf Uessler: Aufstieg und Fall einer Weltmacht. In: Ders. (Hrsg.): Stadtreisebuch. Ham-burg: VSA 1990. S. 51 - 68.)
 
 

Text 3
Die Kaiserzeit

Der Übergang von der Republik (mit ihren politischen Teilhaberechten) zur Monarchie wurde schon unter Augustus schnell sichtbar und deutlich. Die Kaiser genannten Monarchen, in deren Hand nun alle Macht - die exekutive, legislative, judikative und sogar religiöse - vereinigt war und die sie auch ohne Kontrolle ausübten, gingen daran, eine zentralistische Hierarchie aufzubauen und das Reich mittels eines stehenden Heeres nach außen zu verteidigen und mit Hilfe eines enormen Beamtenapparates im Inneren zu verwalten. Zwar erlebte das Imperium in den ersten 159 Jahren dieser Herrschaft seine größte Ausweitung und wirtschaftliche Blüte, doch schon im 1. Jahrhundert n. Chr. wurden deren Schwachpunkte sichtbar, die in letzter Konsequenz zum Untergang des Imperiums führten. [...]

Um den „sozialen Frieden“ in der Reichshauptstadt aufrechtzuerhalten, verteilte man kostenlos Getreide an das „freie Volk“ und beglückte es mit immer neuen Freizeitvergnügungen. Befreit von Rechten und Pflichten, wurde das Volk zunehmend unproduktiver, nahm es immer mehr parasitären Charakter an und verkam allmählich zum  Subproletariat. Das Forum - jahrhundertelang Ort der politischen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen - hatte seine Funktion vollkommen verloren. Das gesamte öffentliche Leben wurde nur noch [...] vom „Palast“ aus bestimmt; Teilhabe, Partizipation am politischen Willensbildungsprozeß war für immer verschwunden. Ein enorm ausgebauter Beamtenapparat verwaltete das Imperium, und ein stehendes Söldnerheer hielt es zusammen - bis die Leitung in den letzten zwei Jahrhunderten vor dem Zusammenbruch zu einer „bürokratisierten Militärdiktatur“ degenerierte, in der letztendlich ich das Militär bzw. die Heere selbst bestimmten, wer zum Monarchen ausgerufen wurde. Die Kosten trugen die Provinzen durch Steuern oder Abgaben. Dem Warenimport aus dem Osten und Westen stand keine entsprechende Produktion in Rom und im römischen Italien gegenüber; die Zahlungsbilanz war ständig negativ.
Die Ausbreitung von riesigen Landgütern für den luxuriösen Eigenbedarf, [...] die Sklaven und landlos gewordene Bauern nur in Teilen bewirtschafteten, senkten die Produktivität der Landwirtschaft. Neue Techniken zur Erhöhung derselben wurden schon ab dem 1. Jahrhundert nicht mehr entwickelt, wie der Agrarwissenschaftler Columella bitter in sei-nem Buch „De re rustica“, dem bedeutendsten antiken Werk auf diesem Gebiet, vermerkte. Das Handwerk verfiel, weil es der billigeren und qualitativ besseren Konkurrenz aus den höher entwickelten Ostprovinzen nicht gewachsen war. Und weil der Osten immer reicher wurde, verlegte Konstantin 330 n. Chr. die Hauptstadt des Reiches endgültig nach Konstantinopel; Rom wurde zur Provinzhauptstadt.

Das mangelnde Interesse des kaiserlichen Hofes und der Monarchen selbst an Wissenschaft, Forschung und Technik und ihre auch finanziell unzureichende Förderung machten sich schon bald in einem Verflachen des kulturellen Niveaus bemerkbar und waren im Laufe der Zeit erst am Stillstand und dann am Rückgang der Produktion abzulesen.

Kurz: Die herrschende Schicht der Republik hatte auf ihre Freiheiten und Privilegien zugunsten eines Monarchen verzichtet, um „Vaterland und Zivilisation zu retten“ - und mußte abdanken. Die unteren Volksschichten waren mit ihrer revolutionären Geschichte gescheitert und hatten die ihnen vom „Cäsarismus“ offerierte Lösung akzeptiert. Und die Mittelschichten waren zerrieben worden. An die Stelle leidenschaftlicher politischer Partizipation trat somit in der Kaiserzeit in fast allen gesellschaftlichen Schichten eine nahezu apathische Resignation gegenüber dem öffentlichen Leben. Der Untergang der Demokratie führte letztendlich zum Untergang des Imperiums selbst.

Bleibt ein letzter entscheidender Punkt zu erwähnen: das Konzept der Stadt. Nicht nur für Rom waren Leben in der Stadt und Zivilisation zum Synonym geworden. Auch in den Provinzen, insbesondere der des Ostens, in der die Griechen die Stadt als höchsten Ausdruck der Zivilisation auch philosophisch begründet hatten, dominierte diese Vorstellung. Tatsächlich war die Stadt die Keimzelle des Zivilisationsprozesses. Doch das Wachstum und den Wohlstand der Städte als sicheren Indikator für gesellschaftlichen Fortschritt anzusehen, war eine gefährliche und fixe Idee zugleich. [...] Die Städte wurden immer größer, die Stadtbevölkerung wuchs beständig; die Städte wurden immer schöner, die Bauten immer grandioser; es wurde immer mehr komsumiert und immer schönere Feste gefeiert. Diesem frenetischen Rhythmus von Konsum an Waren, Kapital und Arbeitskraft hinkte die Entwicklung in Handel, Handwerk, Landwirtschaft und Rohstoffverarbeitung weit hinterher. So fraß die Stadt sich allmählich selbst auf. in letzter Konsequenz zum Untergang des Imperiums führten.

(Rolf Uessler: Aufstieg und Fall einer Weltmacht. In: Ders. (Hrsg.): Stadtreisebuch. Ham-burg: VSA 1990. S.70 - 78.)
 



Abb. 1
Rom zur Zeit Kaiser Konstantins des Großen (306 - 337)


 

 
 

Erläuterungen



 
 

1 MAUSOLEUM AUGUSTI 
2 STADIUM DOMITIANI
3 ODEON DOMITIANI
4 THEATRUM POMPEI
5 PORTICUS POMPEIANAE
6 STAGNUM
7 THERMAE NERONIANAE
8 PANTHEON
9 BASILICA NEPTUNI
10 THERMAE AGRIPPAE
11 AREA SACRA
12 SAEPTA IULIA
13 BASILICA MAT1D1AE
14 HADRIANEUM
15 COLUMNA MARCI AURELII
16 ISEUM ET SERAPAEUM
17 TEMPLUM IOVIS OPTIMI MAX.
18 TEMPLUM BELLONAE (?)
19 PORTICUS OCTAVIAE
20 THEATRUM BALBI
21 PORTICUS PHILIPPI
22 CIRCUS FLAMINIUS
23 THEATRUM MARCELLI
24 PONS FABRICIUS
25 INSULA TIBERINA
26 TEMPLUM AESCULAPII
27 PONS CESTIUS
28 PONS AEMILIUS
29 PONS PROBI
30 THERMAE DECIANAE
31 TEMPLUM HERCULIS
32 TEMPLUM PORTUNI
33 TEMPLUM HERCULIS
34 TEMPLUM MINERVAE
35 TEMPLUM DIANAE
36 CIRCUS MAXIMUS
37 PORTA CAPENA
38 SEPTIZODIUM
39 PALATIUM SEVERI
40 THERMAE SEVERI
41 HYPPODROMUS DOMITIANI
42 DOMUS AUGUSTANA
43 PAEDAGOGIUM
44 TEMPLUM APOLLINI
45 TEMPLUM CYBELES
46 DOMUS TIBERIANA
47 IANUS
48 BASILICA IULIA
49 TEMPLUM CASTORUM
50 TEMPLUM SATURNI
51 TEMPLUM VESPASIANI
52 TABULARIUM
53 ARCUS SEPTIMII SEVERI
54 TEMPLUM CONCORDIAE
55 PORTICUS DIVORUM
56 TEMPLUM DIVI TRAIANI
57 COLUMNA TRAIANI
58 BASILICA ULPIA
59 TEMPLUM IUNONIS
60 FORUM TRAIANI
61 TEMPLUM VENERIS GENITRICIS
62 FORUM IULIUM
63 CURIA
64 MERCATUS TRAIANI
65 BASILICA AEMILIA
66 TEMPLUM DIVI IULII
67 FORUM AUGUSTI
68 TEMPLUM MARTIS ULTORIS
69 FORUM NERVAE
70 TEMPLUM FAUSTINAE ET ANTON.
71 FORUM PACIS
72 TEMPLUM VESTAE
73 BASILICA CONSTANTINI
74 TEMPLUM CAESARUM (?)
75 TEMPLUM VENERIS ET ROMAE
76 COLOSSUS NERONIS
77 META SUDANS
78 ARCUS CONSTANTINI
79 AQUA CLAUDIA
80 TEMPLUM DIVI CLAUDII
81 LUDUS MAGNUS
82 AMPHITHEATRUM FLAVIUM
83 THERMAE TITI
84 THERMAE TRAIANI
85 THERMAE DIOCLETIANI
86 THERMAE CONSTANTINI
87 TEMPLUM SERAPIDIS

 
 
 
 
Text 4
Das christliche Rom

Die Entwicklung des Christentums hingt eng mit derjenigen des römischen Reiches zusammen. Man kann auch sagen: Ohne das römische Reich wäre die Ausbreitung und Festigung des christlichen Glaubens in Europa nicht möglich gewesen. Und auch die besondere Ausprägung als kirchliche Institution in Form der katholischen Kirche im westlichen bzw. der griechisch-orthodoxen im östlichen Teil basierte auf den Institutionen des römischen Reiches. Das "heidnisch" geprägte römische Reich und die christliche Religionsgemeinschaft bedingten einander bis hin zu dem Punkt, daß der christliche Kult den "heidnischen" ersetzte und das Christentum zur ausschließlichen, zur Staatsreligion wurde. [...]

[Das Christentum] war eine der vielen "Erlösungsreligionen", die - aus dem Osten kommend - sich im 1. / 2. Jahrhundert überall im Imperium schnell auszubreiten begannen, als die ersten Krisenerscheinungen für viele sichtbar wurden. Besonders die armen und schwächeren Schichten in den Städten bekannten sich anfänglich zum Christentum von Karthago bis Alexandria, von Antiochia bis Athen, von Sevilla bis Lyon, von Rom bis Köln. Als 313 Konstantin I. das "Edikt von Mailand" erließ, das dem Christentum die gleiche Stellung wie den anderen Religionen zusicherte, hatte dieses sich inzwischen überall von Nordafrika bis England, von Spanien bis in den Irak ausgebreitet und war auch nicht mehr nur in den unteren Gesellschaftsschichten verankert.

Die Hauptbedingungen dafür, daß zu Beginn unserer Zeitrechnung im Imperium das römisch-hellenistische, der Diesseitigkeit verpflichtete Weltbild zerbröckelte und sich allmählich eine "religiöse Revolution" vollzog, waren: einerseits die Unzufriedenheit mit dieser (vorhandenen) Welt und damit verbunden der Wunsch nach einem jenseitigen "Reich der Verheißung"; andererseits das Brüchigwerden der altrömischen Tugenden und der Wunsch nach neuen Werten (das Volk konnte sozusagen in der dünnen Luft philosophischer Ethik und philosophischen Glaubens nicht mehr atmen); und drittens der Wunsch nach einem universalistischen Prinzip, einem einigenden geistigen Band im Vielvölkerreich, das es nur in Form der Staatsmacht bzw. des damit identischen und als Religion ausgegebenen Kaiserkults gab. Warum die christliche Lehre im Verlaufe von drei Jahrhunderten den anderen, anfangs erfolgreicheren Religionen, die ihr in den Grundprinzipien sehr ähnlich waren, den Rang ablief, hatte vor allem fünf Gründe: Einmal wandte sich das Christentum nicht primär an die Herrschenden, sondern versprach in der jenseitigen Welt eine Umkehrung der gesellschaftlichen Hierarchie. Zweitens überzeugte die Mittlerfunktion zwischen Erde und Himmel durch einen Menschen (Jesus), der den Weg vorgezeichnet hatte, wie man durch ein entsprechendes Leben von "hier" nach "dort" gelangen kann. Drittens wirkte überzeugend, daß Werte, wie beispielsweise die gepredigte Nächstenliebe, nicht nur als abstrakte Prinzipien einer Lehre galten, sondern konkrete und sichtbar praktizierte Lebensaufgaben waren. Viertens war die christliche Lehre bis zu ihrer Dogmatisierung, die im 4. / 5. Jahrhundert begann, äußerst elastisch und anpassungsfähig und übernahm erfolgreich gewordene Elemente aus anderen Kulturen und Religionen. Und fünftens - und dies sollte sich in der weiteren Geschichte als die "revolutionärste" Errungenschaft bzw. Neuerung herausstellen - war es die Befreiung des einzelnen aus dem Verfügungsrecht der Gemeinschaft, die Entdeckung des Individuums, das nicht mehr nur der "polis", sondern auch dem eigenen Gewissen verpflichtet war. Während andere Religionen in Staat und Gesellschaft integriert werden konnten, geriet das Christentum vor allem mit seinem Beharren auf die Freiheit des Gewissens in Konflikt mit der römischen Autorität. Hieraus resultierten die sogenannten Christenverfolgungen, die aber nur sporadisch, vor allem in Krisenzeiten und regional begrenzt, vor allem im Osten des Reiches erfolgten.

Doch 313 durch das "Toleranzedikt von Mailand" selbst zu einer der Staatsreligionen geworden, setzte das Christentum mit Hilfe der römischen Kaiser seinen Weg zur Staatskirche fort. Bald begannen die ersten gewaltsamen Zerstörungen "heidnischer" Heiligtümer. Am 24. 2. 391 n. Chr. war das Ziel erreicht: Kaiser Theodosius erklärte das Christentum zur Staatsreligion; alle "heidnischen" Kulte wurden verboten und wenig später auch die Güter der Nichtchristen eingezogen. Unter das Verbot fielen auch kulturelle Veranstaltungen. So fanden 394 die letzten Olympischen Spiele statt.

Die römischen Kaiser, die die christliche Staatsreligion als "geistige Klammer des Reichs" interpretierten, festigten auch die Rechtsstellung der Kirche: Nach längeren Auseinandersetzungen räumten sie dem Papst die Vorrangstellung und den Bischöfen auch Richterfunktionen ein; mit dem Konzil schufen sie eine Institution, in der unter ihrer Oberaufsicht die Einheit der christlichen Lehre festgelegt wurde und damit deren Dogmatisierung erfolgen konnte: denn so bestimmte die oberste Kirchenhierarchie, 'was richtig und geglaubt bzw. was falsch ist und nicht geglaubt werden durfte. [...]

Was jedoch noch entscheidender für die weitere Entwicklung der nächsten tausend Jahre in Europa sein sollte, war die durch die Kirche betriebene Vernachlässigung bzw. Unterbindung jeglicher Kultur und Wissenschaftsförderung, Schon bald nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches 467 (jenes im Osten hielt sich noch bis 1453) verbreitete sich mangels Schulen und Universitäten allgemeiner Analphabetismus (selbst Priester und Bischöfe waren des Lesens und Schreibens häufig nicht mächtig), konnten mangels Juristen keine Verträge geschlossen werden (bei Staatsakten holte man sich Rechtsgelehrte aus Konstantinopel), geriet das »kollektive Bewußtsein« mangels Geschichtsschreibung in eine tiefe Krise, zerfielen mangels Ingenieuren öffentliche Infrastrukturen (u. a. konnten die Aquädukte nicht restauriert werden, und der dadurch verursachte unsaubere Trinkwasserverbrauch aus Tiber und Stadtwasser führte in Rom zu wiederholten verheerenden Pestepidemien). Kurz: Die zur hohen Fertigkeit sich entwickelnde religiöse Nabelschau der neuen Staatskirche führte im beginnenden Mittelalter zum Rückfall in vorzivilisatorische Zustände. Die hellenistisch-römische Tradition wurde mit dem "Heidentum" gleichgesetzt und verdammt; alles außerhalb der christlichen Lehre besaß weder Wert, noch konnte es Wahrheit beanspruchen, noch Erkenntnisse produzieren. [...] 

Die beherrschende Macht der christlichen Kirche auf weltliches, geistiges und religiöses Leben, die das mittelalterliche Europa gekennzeichnet hatte, begann in Italien schon im 13. Jahrhundert zu zerbrechen. Aufgrund der prosperierenden wirtschaftlichen Verhältnisse festigten die Städte Mittel- und Oberitaliens (wie Florenz, Genua, Mailand und Venedig) ihre Autonomie und entwickelten sich zu souveränen Stadtstaaten und Republiken. In ihren Mauern war eher die "virtu" gefragt, was Klugheit, Entschlossenheit, rationale Entscheidung, Mut, Tüchtigkeit und lustvolle Bewältigung des Lebens zugleich bedeutete, als kirchliche Tugendlehre. Die Kaufleute und Bankiers, Diplomaten, Politiker, Wissenschaftler und Künstler begannen, ihr Leben selbständig und entsprechend den Einsichten der Vernunft und nicht mehr nach einer kirchlichen Wertordnung zu bestimmen. Diese Lebenshaltung dominierte mit ideologischem und wissenschaftlichem Rückgriff auf die Antike ab 1350 für zweihundert Jahre die italienische Gesellschaft und später weite Teile der europäischen.

Die Renaissance entstand demnach nicht im papalen Rom. Nicht einmal zur Zeit der "Babylonischen Gefangenschaft" (1303 - 77), als sich die Päpste unter den Schutz Frankreichs nach Avignon begaben, gelang es Rom, dem Beispiel anderer Renaissancestädte wie Florenz zu folgen und ein souveräner, weltlicher Stadtstaat zu werden: Rom "krankte" daran, ideelles Zentrum der Christenheit zu sein. Was Stadtregierung und Bürger vor allem mangels entwickelter ökonomischer Basis nicht erreichten, realisierten die Renaissancepäpste nach ihrer Rückkehr aus dem "Exil". Vor allem das blühende Florenz der Medici (die auch mehrere Päpste stellten) wurde zum Vorbild. Rom und der Kirchenstaat sollten in ihrer politischen Struktur, im Finanz- und Steuerwesen sowie im kulturellen Leben diesem angeglichen werden. Der Papst wurde zum Renaissancefürsten, der als Feldherr an der Spitze von Söldnerheeren sein Land "befriedete" und neues eroberte, Güter anderer Adelsgeschlechter einzog und ständig danach strebte, seinen und seiner Verwandten Reichtum zu mehren, seine Stadt prunkvoll auszubauen und sich als Mäzen der schönen Künste hervorzutun. Das geistige Amt trat in den Hintergrund, wurde zum Mittel der weltlichen Politik der Päpste: Staatliche - und das hieß zumeist persönliche - Einnahmen erhöhte man u. a. durch den Verkauf geistlicher Titel und Würden und durch abgestufte Taxen für "Sünden". Erst 1513 verbot Papst Julius II., das päpstliche Amt meistbietend zu verkaufen. Gleichzeitig hatte man jedoch schon das Taxensystem für Sünden über den Kirchenstaat hinaus ausgedehnt, und überall in Europa waren päpstliche Marktschreier unterwegs, um mit dem "Ablaßhandel" die Schatullen zu füllen. Die Verhältnisse in Rom begannen sich herumzusprechen, und nicht wenige rechtgläubige Christen verlangten nach einer Reform der Kirche. Doch der Aufbau eines prunkvollen Vatikans, den die Renaissancepäpste sich nun endgültig zur Residenz erkoren hatten, kostete Geld. An der Errichtung von Palästen, der Ausmalung von Prunkgemächern und Kirchen arbeiteten u.a. Bramante, Michelangelo und Raffael. Auch die Peterskirche sollte schöner und größer neu erbaut werden, um den Universalitätsanspruch der römischen Kirche zu demonstrieren. Als man aber diesen geheiligten Ort der Christenheit mit Ablaßabgaben zu finanzieren begann, brach ein Sturm der Entrüstung vor allem außerhalb Italiens los und förderte insbesondere die deutsche Reformationsbewegung. Und als 1527 der in Spanien residierende deutsche Kaiser Karl V. eine "Strafaktion" in die Wege leitete, bei der deutsche und spanische Söldnerhaufen die Stadt plünderten (der berüchtigte "Sacco di Roma"), bedeutete dies das Ende der weltlichen Macht der Renaissancepäpste. Das Papsttum sollte sich unter der strengen Oberaufsicht der spanischen (deutschen) Krone wieder auf seine religiöse Aufgabe besinnen.

Für Rom bedeuteten diese 150 Jahre etwas anderes als für andere italienische Renaissancestädte wie etwa Venedig. Zwar wurde hier ebenso wie dort das Mäzenatentum für die schönen Künste gepflegt und der prächtige Palazzo zum Statussymbol. Doch während es dort heimische Aristokratie, Bankiers oder zu Fürsten aufgestiegene Kaufmannsfamilien (wie die Medici) waren, handelte es sich in Rom um Päpste, Kardinäle, Bischöfe, die von außen kamen und den ansässigen Adel und das Bürgertum unterdrückten, so daß diese politisch einflußlos blieben. Die italienischen Stadtstaaten waren durch Handel und Geldwesen reich und mächtig geworden; in Rom fehlte Jegliche produktive ökonomische Basis. Das Geld wurde nicht erwirtschaftet, sondern kam von außen, und der einzige Wirtschaftszweig blieb das Baugewerbe und die Grundstücksspekulation. Für Rom bedeutete die Renaissance die endgültige Abschaffung aller zivilen Institutionen und den Beginn der absoluten Inbesitznahme durch Papst und Kurie. Das Zentrum der Stadt verlegten die Päpste vom republikanischen Kapitol in die Tiberschleife gegenüber dem Vatikan. Der Aufbau der neuen Stadt geschah mangels anderer Baumaterialien mit den Quadern der Tempel, Basiliken und Theater des alten Roms. Im Zeichen der "Wiedergeburt der Antike" betrieben die Renaissancepäpste den "größten Vandalismus", der je am historischen Erbe Roms verübt Wurde. Reisende jener Zeit berichteten, wie Tag und Nacht die Marmormühlen ratterten, die die Säulen zu Staub für Kalk und Putz zermahlten. Und selbst Raffael muß ein ungutes Gefühl beschlichen haben, denn er erreichte beim Papst, zum "Oberaufseher" der alten Bauten ernannt zu werden; in dieser Eigenschaft katalogisierte er genau die Standorte und Maße antiker Bauten, bevor sie als Steinbruch freigegeben wurden. Und aus dem Schutt der zweitausendjährigen Geschichte ist die Stadt der Hochrenaissance erwachsen. [...]

Durch Renaissance und Reformation hatte das Papsttum in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts seinen Anspruch auf Universalität verloren. Mit dem Konzil von Trient (1545 - 1563) versuchte die katholische Kirche, ihre Macht neu zu festigen und ihre Dominanz zurückzugewinnen. Die Inquisition lebte wieder auf, die Zensur wurde eingeführt. Zu den bekanntesten Inquisitionsopfern der katholischen Reaktion gehörte der Naturphilosoph Giordano Bruno. Galileo Galilei überlebte seinen Prozeß nur, weil er seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse widerrief. In den Dienst der Gegenreformation, deren Auswirkungen über 150 Jahre fühlbar waren, stellten sich neugegründete Orden wie z. B. die Jesuiten oder Kapuziner. Mit Hilfe des Schul- und Erziehungswesens sollte der wahre Glauben in die Bevölkerung getragen werden. Eine Einheitskultur prägte zahlreiche Generationen, die in Ehrfurcht und Gehorsam vor der bestehenden Autorität und der Überlieferung erzogen wurden. Die in der Renaissance gesellschaftlich dominierenden Kräfte des Bürgertums wurden im Zeitalter der Gegenreformation bzw. des Absolutismus durch die Restauration von Kirche und Adel politisch entmachtet.

Um alle, die noch der Kirchenreform oder Ideen der Renaissance anhingen, der katholischen Kirche wieder zuzuführen, stellte man auch die Kultur in den gewaltigen Propagandafeldzug der "Ecclesia militans". Rom wurde Ausgangspunkt und Zentrum zugleich für die "Kultur der Gegenreformation". Der Askese und Strenge, der Predigt durch das Wort und daher eher bilderfeindlichen Einstellung des Protestantismus antwortete die katholische Kirche mit künstlerischen Inszenierungen, die sich an die Sinnlichkeit und die Gefühle des Betrachters richten sollten. Die Kunstwerke sollten erstaunen und verzaubern, aber auch erschüttern und erschrecken. Die Spannung zwischen glühender Religiosität, mystischer Frömmigkeit und überschwenglicher Daseinsfreude wurde so zum Wesen des Barock. Barocke Kunst - das ist eine Architektur von bewegter Linienführung, eine Bildhauerei von ausdrucksgeladenen Formen, eine illusionistische Malerei mit Licht- und Schatteneffekten und eine Musik, die die starren Rhythmen und Harmonien aufbrach, mehrfache Stimmenführung und die Oper erfand. Auch die Stadt selbst wurde wie eine bühnenhafte Kulisse inszeniert: Kirchen, Paläste, Brunnen und Plätze, mal festlich und heiter, nicht ohne Theatralik, mal streng und schlicht, prägten das repräsentative, pompöse Rom des Barock. Leisten konnte sich der barocke Kirchenstaat diese theatralischen baulichen Inszenierungen, weil er von dem aus den eroberten Kontinenten angehäuften Reichtum der Kolonialmächte Spanien und Portugal profitierte, die der katholischen Reaktion verpflichtet waren.

(Rolf Uessler: Rom. Stadtreisebuch. Hamburg: VSA 1990. S. 81ff., 105ff., 143f.)
 
 

Die italienische Hauptstadt

Text 5
Der Umbau Roms

Nachdem sich Ferdinand Gregorovius (1821 - 1891) in Königsberg schon mannigfach als demokratisch gesinnter Dichter, Publizist und Historiker betätigt hatte, brach er ohne alle Mittel am 2. April 1852 nach Italien auf. Am 19. April traf er in Venedig ein, Anfang Juli ging er nach Livorno und besuchte vom 14. Juli bis zum 5. September die Insel Korsika. Die Schilderungen der Insel für die "Allgemeine Zeitung" sicherten ihm zunächst den weiteren Aufenthalt in Italien. Auch. später lebte er ausschließlich von seinen schriftstellerischen Arbeiten. Am 2. Oktober 1852 traf er in Rom ein, das auf 22 Jahre sein ständiger Wohnsitz wurde. 1854 faßte er den Entschluß, die Geschichte Roms im Mittelalter zu schreiben. Die dazu nötigen Archivarbeiten führten ihn in die meisten größeren Städte des Landes. Im Juni/Juli 1853 besuchte er Neapel und seine Umgebung und bereiste im ganzen September Sizilien. Die oberitalienischen Städte, Florenz, Perugia, Assisi, Tarent, Bari und viele weitere Städte folgten. Deutschland besuchte er erstmals im Juli bis September 1860 wieder. Eine Professur an der Universität München schlug er 1862 und 1863 aus. Am 6. Februar 1874 wurde seine achtbändige "Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter. Vom 5. Bis zum 16. Jahrhundert" (1859 – 1872) auf den päpstlichen Index gesetzt. Am 15. Juli verließ er Rom und siedelte zu seinen Geschwistern nach München über, besuchte aber bis 1890 alljährlich einmal Rom. 1876 wurde er für sein Geschichtswerk als erster Deutscher und als erster Protestant zum Ehrenbürger der Stadt Rom ernannt.

Ein angesehener Mitarbeiter der »Allgemeinen Zeitung« hat sich bei seiner Besprechung des neuen vom Buchhändler Joseph Spithöver in Rom herausgegebenen Stadtplans auf die von mir ausgesprochene Hoffnung bezogen, daß man beim Umbau Roms die Wünsche der ganzen gebildeten Welt berücksichtigen und nicht ohne äußerste Not das Alte zerstören möge. Er hat dann hinzugefügt: »Aber er (nämlich der jene Hoffnung aussprach) hat zugleich zugestanden: Von dem alten uns teuer gewordenen historischen Angesicht Roms haben wir seit dem Jahre 1871 für immer Abschied nehmen müssen. Wenn dies die Empfindung derer ist, die dem Ergebnis des 20. September, dem Sturze der weltlichen Macht des Papsttums, entgegengejubelt haben und ihm nachzujubeln nicht müde werden, so kann man ihnen freilich nur sagen, daß sie es so gewollt haben.«

Diese Bemerkung ist es, was diese Zeilen veranlaßt hat.

Im Anfange seiner Anzeige des neuen Stadtplans sagt der Schreiber derselben selbst, daß die Veränderung des Antlitzes der Stadt Rom »schon vor der gegenwärtigen großen Umwandlung begonnen habe«. Er führt die Region an, wo vor dem Jahre 1871, infolge der Anlegung der Eisenbahn und ihres Zentralhofs neben den Thermen Diocletians, uralte, dem Römer wie dem Fremden liebgewordene Lokale »modernen Bedürfnissen hatten Platz machen müssen«.

Er weiß demnach sehr wohl, daß der Umbau Roms nicht urplötzlich aus der Gewalttat der Italiener seinen Ursprung genommen hat, welche das weltliche Papsttum entthronten, noch daß der Wille derjenigen damit in Verbindung steht, die diesem Sturz entgegengejubelt haben oder (lassen wir den Jubel beiseite) die als Menschen der Gegenwart mit freudiger Genugtuung anerkennen, daß der Untergang der mit der Verfassung und den Aufgaben der heutigen Welt nicht mehr vereinbarten Priesterregierung in Rom eine geschichtliche Notwendigkeit und segensreiche Tatsache gewesen ist.

Wenn ich nun das Ende des Jahres 1870 oder den Beginn des folgenden als den Zeitpunkt bezeichnet habe, von welchem eine neue große Metamorphose auch der äußeren Stadt Rom zu rechnen ist, so tat ich das in bezug auf den völligen Abschluß einer geschichtlichen Epoche, mit welchem zugleich der Umbau der Stadt unter einer neuen Regierung mit neuer Energie betrieben werden mußte.

Das Bedürfnis dieser Verbesserungen, welches sich bereits vor 1871 fühlbar machte, würde noch stärker zur Geltung gekommen sein, wenn die städtische Bürgerschaft bemittelter gewesen wäre und endlich die päpstliche Regierung selbst über reichere Finanzquellen hätte gebieten können oder von der Furcht vor Neuerungen minder wäre geängstigt worden.

Die Macht des Bedürfnisses ist jedoch in unserer Zeit so groß, daß sie selbst dem Regiment von Priestern, welches naturgemäß die konservativste aller Regierungen sein mußte, viele Zugeständnisse abzwang. Gregor XVI. hatte die größte Erfindung des menschlichen Geistes in neuer Zeit, die Eisenbahn, als ein Werk des Teufels verwünscht, aber sein Nachfolger Pius IX. war genötigt worden, sie und die Telegraphen im Kirchenstaat einzuführen - und das kann ihm nur zum Ruhm gereichen.

Der mönchische Gregor ahnte freilich die unabsehbare revolutionäre Gewalt, die in der Eisenbahn wirksam ist. Denn diese ist es wesentlich, die das Antlitz der politischen und sozialen, selbst der geographischen Welt verändert hat und fortdauernd verändern wird. Sie macht, mit dem Telegraphen vereinigt, die Räume zusammenschrumpfen. Königreiche, welche noch zur Zeit des Eroberers Napoleon 1. groß erschienen und es waren, zog sie zu kleinen Provinzen zusammen, die in wenigen Stunden durcheilbar sind. Sie erst fügte die durch die dynastische Politik unnatürlich getrennten Glieder von Völkern wieder zusammen. Sie half Deutschland und Italien einigen, und sie wird die Hauptarbeit an dem großen Werke geleistet haben, wenn früher oder später Europa ein System von Vereinigten Staaten geworden ist.

Die Eisenbahn aber war die unwiderstehliche Macht, welche schon unter Pius IX. Rom zu verändern begonnen hat.

Da nun der Verfasser jener Anzeige die Geschichte der Stadt während des ungewöhnlich langen Pontifikats dieses Papstes sehr genau kennt, so darf ich ihn nicht daran erinnern, wie viele Veränderungen überhaupt Rom schon vom Jahre 1846 bis 1871 erlebt hatte. Ich darf ihm nicht bemerken, daß während dieser Zeit der größte Teil der altertümlichen Basiliken einen Umbau erfahren und oft durch ungeschickte Behandlung im Innern, namentlich durch grelle Ausmalung, eine häßliche Verwandlung erlitten hat.

Ich darf ihm nicht mitteilen, daß man eine berühmte Kirche, Sant' Angelo in Pescheria, ganz abgebrochen und dann von Grund auf neu aufgebaut hat, daß sogar die Spolia Christi genannte Kirche am Platze Carleone, aus Bedürfnis der Straßenerweiterung, für immer abgetragen worden ist. Da diese Zerstörung durch päpstliches Edikt geschah, so wird man heute das Munizipium Roms nicht gerade der Tempelschändung zeihen dürfen, weil es aus demselben Bedürfnis die Kirche der Bretonen, Sant' Ivo an der Scrofa, niederreißen ließ. Jedermann weiß, wie der vatikanische Borgo, wie Teile Trasteveres, selbst des Marsfeldes, selbst die Piazza Navona, der Pincio, einige Gegenden der Monti, der Tiberufer usw. schon unter der Regierung Pius IX. ihr Aussehen so sehr verändert haben, daß ein Besucher Roms noch aus der Zeit Gregors XVI. Mühe gehabt hätte, manche Lokale wiederzuerkennen. Was ferner das prätorianische Lager und den Bezirk zwischen Viminal, Esquilin und Quirinal betrifft, welcher heute die gewaltsamste Verwandlung erleidet, so weiß ein jeder, daß die italienische Regierung in Rom den kühnen Plan, dort ein neues Viertel aufzubauen, aus den Händen des bekannten Monsignor de Merode, eines hohen Würdenträgers der päpstlichen Kurie, geerbt oder übernommen hat. Von diesem ehemaligen Kriegsminister Pius IX. rührt der Keim her, aus welchem sich die jetzige Via Nazionale entwickelt.

Kurz und gut, der Umbau des veralteten und vemachlässigten Rom war eine Forderung, die das Leben der Stadt selber machte, so gut wie es die Einführung der Eisenbahn und jene der Gasbeleuchtung gewesen ist. Diese aber hat die sehr träumerische und mystische, jedoch etwas schauerliche und nicht ausreichende Beleuchtung ersetzt, welche Rom ehemals nur von den Lampen empfing, die vor den christlichen Laren, den Bildern der Madonna an den Straßenecken brannten.

Die Dinge alle unter dem Monde müssen sich wandeln, das ist das unvermeidliche Gesetz des Lebens und die Geschichte der Welt. Keine irgend namhafte Stadt, sei es Paris, London, Berlin oder Mailand und Florenz, sieht heute noch aus wie die vor fünfzig oder nur vor dreißig Jahren ausgesehen hat. Denn der Puls des Völkerlebens überhaupt ist beschleunigt und die umwandelnde Arbeit des Bürgertums in den Städten vertausendfacht.

Wie wir nun heute von dem uns gewohnt und teuer gewordenen historischen Angesicht Roms Abschied nehmen müssen, so taten dasselbe sicherlich mit ähnlichem Gefühle, die vor uns lebten, und zwar sooft diese ehrwürdigste aller Menschstädte in eine neue Epoche ihrer Verwandlung trat. Wie viele Umgestaltungen hat nicht die Ewige Stadt unter den Kaisern seit Cäsar und Augustus und unter den Päpsten erlebt?

Von den älteren Transformationen in den karolinischen und nachfolgenden Zeiten zu schweigen, so erinnere man sich nur an die weitgreifende Umwandlung der Stadt während des 15. und 16. Jahrhunderts, unter so baulustigen Päpsten wie Nicolaus V., Sixtus IV., Julius II. und gar Sixtus V.! In den wenigen Jahren ihrer flüchtigen Regierung haben diese Priesterkönige, unterstützt durch die Mittel der vom Vatikan her gebrandschatzten Christenheit, Rom mit einer so imperatorischen Kühnheit angegriffen, so rücksichtslos umgestaltet, daß alles, was das neue nur auf die Finanzen der Stadt und Italiens angewiesene Regiment seit 1871 hier ausgeführt hat, dagegen gering erscheint.

Ich darf auch den Verfasser jener Besprechung nicht an den schonungslosen Vandalismus erinnern, mit welchem gerade die Päpste der Renaissance die Stadt, welche sie zu ihrem bleibenden Ruhme verschönerten und teilweise umbauten, behandelt haben; denn er selbst hat genug Gelegenheit gehabt, die von ihnen an den Altertümern begangenen Frevel zu verzeichnen und zu beklagen.

Wenn er heute wieder nach Rom käme, würde es mir ein Vergnügen sein, mit ihm, dem gelehrten und verdienten Manne, die erlauchte Stadt zu durchwandern, deren Geschichte wir beide so viele Jahre der Studien gewidmet haben; ich würde dann meine oft wiederholten Klagen mit den seinigen vereinigen, wenn wir nämlich dort, wo jetzt am meisten gebaut wird, statt jener klassischen Idyllen im größten historischen Stil, statt jener erhabenen Wildnisse voll weihevoller Stille und feierlicher Majestät nichts anderes mehr vor uns finden als, auseinandergezerrte Weinberge, abgegrabene Flächen, ganz isolierte, wie in einer fremden Welt dastehende Ruinen oder gar neue Häuserreihen im langweiligen Kasernenstil oder dichte Staubwolken, die das Ameisengewühl des Neubaues aufwirbelt, so daß jenes Rom dort wie ein von Motten zerfressener Prachtteppich erscheint, welcher ausgestaubt wird und darüber in Fetzen zerfällt.

Aber auf solchem schwermütigen Gange (und die Empfindung, die er erweckt, ist die umgekehrte jener Petrarcas auf den Ruinen Roms) würde ich meinen Gefährten zu dem Geständnisse bringen, daß das römische Munizipium und die nationale Regierung beim Umbau bisher mit möglichster Schonung und Achtung vor der Geschichte der Stadt verfahren sind.

Sie haben in Wahrheit niemals den Gedanken gehabt, antike Ruinen, noch dauernde Monumente der großen Römerzeit mutwillig abzubrechen, wie das einst Sixtus IV., Sixtus V., der Zerstörer des Septizonium, Paul V., der Zerstörer des zu seiner Zeit noch in herrlichen Resten erhaltenen Tempels der Minerva, Urban VIII. und andere Päpste getan haben. Die italienische Regierung hat es geduldet, daß die Kapellen der Stationen und das große Kreuz in der Arena des Kolosseums entfernt wurden, aber würde sie wohl jemals auf den Einfall kommen, das berühmte Amphitheater so barbarisch zu mißhandeln, ja mit Vernichtung zu bedrohen, wie es Sixtus V. getan hat?

Genug! Die menschliche Klage um das unvermeidliche Schwinden vieler Charakterzüge in dem ehrwürdigen Angesichte der Stadt, die sich erneuern muß, steht uns frei - aber sie sei ehrlich und gerecht.

In den lebhaften Wunsch, daß nicht ohne die äußerste Not das Alte dort zerstört werde, stimmt ja jeder ein, der irgendeinmal die ewige Roma zu seinem Pilgerziel gemacht und dort vom Wasser Trevi getrunken hat. Und diesem Wunsche werden die Römer zu entsprechen wissen.

(Ferdinand Gregorovius: Der Umbau Roms. Zit. n. Merian (1984) Heft 12, S. 122 - 124.)
 
 

Text 6
Der Blick vom Gianicolo

Mit welch liebevollem, inbrünstigem Blick betrachtete er Rom, das Rom seines Buches, das neue Rom, von dem er träumte! Hatte ihn zuerst das Gesamtpanorama ergriffen, wie es in der leicht verschleierten Anmut des wunderbaren Morgens vor ihm lag, so unterschied er jetzt Einzelheiten und verweilte bei bestimmten Bauwerken. Mit kindlicher Freude erkannte er sie alle, denn er hatte sie seit langem auf Stadtplänen und Photographien studiert. Dort unten, am Fuße des Gianicolos, erstreckte sich Trastevere mit dem Gewirr seiner alten rötlichen Häuser, deren sonnverbrannte Dächer den Lauf des Tibers verbargen. Er war etwas überrascht, daß die Stadt von der hochgelegenen Terrasse aus flach wirkte, wie eingeebnet durch den Blick aus der Vogelperspektive; die berühmten sieben Hügel waren im weiten Meer der Häuserfronten kaum zu erkennen. Was sich rechts unten in dunklem Violett von dem in bläulicher Ferne liegenden Albanergebirge abhob, mußte der Aventin mit seinen drei Kirchen sein, die vom Laub halb verdeckt wurden. Da war auch der entkrönte Palatin, den eine Reihe Zypressen wie eine schwarze Borte umsäumte. Dahinter verschwand der Monte Celio fast unter den vom Goldstaub der Sonne entfärbten Bäumen der Villa Mattei. Gegenüber, ganz am andern Ende der Stadt, bezeichneten der schlanke Turm und die beiden kleinen Kuppeln von Santa Maria Maggiore den Gipfel des Esquilins, während Pierre auf der Höhe des Viminals nur ein in Sonne getauchtes Gewirr weißlicher, von dünnen braunen Linien durchzogener Blöcke erkannte, offenbar Neubauten, die an einen verlassenen Steinbruch erinnerten. Lange suchte er das Kapitol, ohne daß er es entdecken konnte. Er mußte sich erst orientieren und war schließlich überzeugt, deutlich den Campanile von Santa Maria Maggiore zu sehen, den viereckigen Turm dort hinten, der so bescheiden wirkte, daß er im Gewirr der benachbarten Dächer unterging. Links kam dann der Quirinal, erkennbar an der langgestreckten Fassade des königlichen Schlosses, die der Front eines Krankenhauses oder einer Kaserne glich, in hartem Gelb, flach und von zahllosen regelmäßigen Fenstern durchbrochen. Als er sich aber ganz umwandte, bot sich ihm ein Anblick, der ihn erstarren ließ. Außerhalb der Stadt, über den Parkbäumen der Villa Corsini, tauchte die Kuppel der Peterskirche auf. Sie schien auf den Baumwipfeln zu ruhen, und ihr zartes Blau verschmolz mit dem unendlichen Blau des Himmels. Die steinerne Laterne, die die Kuppel krönt, schien weiß und leuchtend in der Luft zu hängen.

Pierre konnte sich nicht satt sehen, seine Blicke schweiften immer wieder von einem Ende des Horizonts zum andern und verweilten bei den edlen Zacken, der stolzen Anmut des mit Ortschaften besäten Sabiner- und Albanergebirges, deren Kette den Himmel begrenzte. Unermeßlich weit dehnte sich die römische Campagna, kahl und majestätisch wie eine Todeswüste, graugrün wie ein erstarrtes Meer; schließlich erkannte er den niedrigen runden Turm vom Grabmal der Caecilia Metella, hinter dem eine dünne weißliche Linie die Via Appia Antica bezeichnete. Trümmer von Aquädukten lagen über das kurze Gras verstreut, das im Staub zusammengestürzter Welten sproßte. Er ließ seine Blicke zurückschweifen, und wieder lag die Stadt vor ihm, das planlos entstandene Häusergewirr. Ganz in der Nähe erkannte er den gewaltigen fahlroten Würfel des Palazzos Farnese an seiner dem Fluß zugekehrten Loggia. Die niedrige, kaum sichtbare Kuppel dahinter mußte das Pantheon sein. Sein Blick sprang weiter zu den frisch geweißten Mauern von San Paolo fuori le Mura, die den Wänden einer riesigen Scheune glichen, dann zu den Statuen, die San Giovanni in Laterano krönen und von fern zierlich, kaum so groß wie Insekten wirkten; dann kamen die vielen Kuppeln von der Jesuitenkirche Il Gesù von San Carlo ai Catinari, Sant'Andrea della Valle und San Giovanni dei Fiorentini. Da waren viele andere von Erinnerungen umwobene Bauwerke, die Engelsburg mit ihrer schimmernden Statue, die Villa Medici, die die ganze Stadt beherrschte, die Terrasse des Pincios, wo zwischen den Parkbäumen weiße Marmorskulpturen glänzten, und in der Ferne das dunkle Laub der Villa Borghese, deren grüne, schattenspendende Wipfel den Horizont begrenzten. Vergebens suchte er das Kolosseum. Ein leichter, sanfter Nordwind begann die Morgennebel zu zerteilen. In der dunstigen Ferne zeichneten sich ganze Stadtteile kräftig ab wie Vorgebirge in einem sonnenbeschienenen Meer. Hier und da leuchtete in dem undeutlichen Häusergewirr ein weißes Mauerstück auf, eine Fensterscheibe blitzte, ein Garten bildete einen schwarzen Fleck; es war ein atemberaubendes Farbenspiel. Alles übrige, das Durcheinander von Straßen, Plätzen und zahllosen, nach allen Richtungen zerstreuten Häuserinseln verwirrte sich und verschwamm im strahlenden Glanz der Sonne, während von den Dächern weiße Rauchsäulen langsam in die unendliche Reinheit des Himmels aufstiegen.

Ein geheimer Instinkt bewog Pierre jedoch bald, sich nur noch für drei Punkte des unermeßlich weiten Panoramas zu interessieren. Die Reihe der schlanken Zypressen dort drüben, die den Gipfel des Palatins dunkel umsäumte, ergriff ihn; dahinter war nichts als Leere, die Paläste der Cäsaren waren verschwunden, zerfallen und von der Zeit dem Erdboden gleichgemacht. Er beschwor sie in Gedanken herauf und glaubte zu sehen, wie sie sich gleich goldenen Phantomen verschwommen und zitternd im Purpurglanz des herrlichen Morgens aufrichteten. Seine Blicke wanderten zur Kuppel der Peterskirche zurück, die sich schützend über den Vatikan erhob, der, wie Pierre wußte, sich an die Flanke des Kolosses lehnte. Sieghaft stand die Kirche da, himmelblau, fest und gewaltig, so daß sie Pierre wie der König der Riesen vorkam, der über die Stadt herrschte und überall und immer sichtbar war. Dann blickte er wieder geradeaus zu dem andern Hügel, zum Quirinal, hinüber, wo ihm der Palast des Königs nur wie eine gewöhnliche, niedrige gelbgetünchte Kaserne vorkam. Die jahrhundertealte Geschichte Roms mit ihren häufigen Umstürzen, ihrer fortwährenden Wiederauferstehung, lag vor ihm in dem symbolischen Dreieck der drei Hügel, die sich über den Tiber hinweg anblickten: das aufblühende antike Rom mit seinen zahlreichen Palästen und Tempeln, mit der ungeheuren Entfaltung kaiserlicher Macht und Pracht; das päpstliche Rom, das im Mittelalter siegreich die Welt beherrschte und der Christenheit die Last der in Schönheit wiedererstandenen gewaltigen Kirche auferlegte; und schließlich das heutige Rom, das er nicht kannte, mit dem er sich noch nicht beschäftigt hatte und dessen kahler, kalter Königspalast auf ihn einen schlechten Eindruck machte, den eines engstirnigen, ärgerlichen, geradezu frevelhaften Modernisierungsversuches, an einer Stadt zumal, die man besser ihren Zukunftsträumen hätte überlassen sollen. Er unterdrückte das fast schmerzliche Gefühl einer lästigen Gegenwart, er wollte sich nicht bei einem neuen Viertel aufhalten, einer offensichtlich noch im Bau befindlichen hellen, kleinen Stadt für sich, die er deutlich bei der Peterskirche am Flußufer erblickte. Er hatte sich ein anderes neues Rom erträumt und träumte noch davon, sogar angesichts des im Staub der Jahrhunderte versunkenen Palatins, angesichts der Peterskirche, in deren mächtigem Schatten der Vatikan schlummerte, und angesichts des neu hergerichteten und frisch gestrichenen Palastes auf dem Quirinal, der wie ein Spießbürger über den neuen Vierteln thronte, die überall aus dem Boden schossen und mit ihren roten Dächern das Bild der alten, in der hellen Morgensonne liegenden Stadt zerstörten.

(Émile Zola: Rom. Leipzig: Dieterich 1991. S. 20 - 24.)
 
 

Text 7
Der Blick von der Peterskuppel

Erst bei dem Spaziergang auf dem Dach der Kirche und beim Aufstieg zur Kuppel erlebt man die grandiose Masse dieses Bauwerks, überblickt man die Weite des vatikanischen Palastbezirks und begreift, daß diese Kuppel adäquater Ausdruck der Romideologie ist, d. h. der Idee einer universalen Religion und eines universalen Reiches. [...]

Dem Blick von der Plattform der Kuppel in die vier Himmelsrichtungen bieten sich vier völlig verschiedene Bilder von Rom: vor uns, in der großen Schleife des Tiber, das Rom der Renaissance; so wird mit einigem Recht das Viertel zwischen Tiber und Via del Corso genannt; zur Linken, im Norden, das Rom der Piemontesen (das Viertel Prati mit den Kasernen); zur Rechten, gegen Süden, der Gianicolo, mit dem Tal der Via delle Fornaci und den Villen im Hintergrund; und rückwärts gewandt, gegen Westen, das neue Rom der christdemokratischen Verwaltung und Korruption, das sich in großem Halbkreis vom Gianicolo bis zum Monte Mario erstreckt. Diese vier Bilder entsprechen verschiedenen Phasen der nationalen Geschichte.

In Rom der Renaissance, dem universalen, "ewigen" Rom, leben, wie in allen alten Städten, die Proletarier, eingenistet zwischen den großen Palästen, ja z. T. in den Palästen selbst, in den Poren der Keller und Erdgeschosse. Die Symbiose von reich und arm war funktional, denn die Reichen brauchten eine Vielfalt von Dienstleistungen, und die Armen lebten direkt von den Reichen. Im Rom von 1870 lebten von den 200.000 Einwohnern ca. 60.000 von der "Mildtätigkeit" der Klöster und Paläste. Mit deren Verarmung im Zuge der Entwicklung einer neuen, der bürgerlichen Gesellschaft wurde dieses Band zwischen reich und arm zerrissen, und die Paläste, aber vor allem natürlich die Behausungen der Armen, verkamen zusehends. Um den sozialen und architektonischen "Knoten" von Palästen und Häusern aufzulösen, d. h. um physisch und sozial im Stadtzentrum Fuß fassen zu können, machte sich das Bürgertum, unter dem Slogan der "Sanierung", an den Abbruch ganzer Häuserblocks. Diesem Zweck diente auch der Bau zweier Verkehrsadern, des Corso Vittorio und des Corso Rinascimento (für unsere unsensiblen Augen sind das heute kleine Straßen), die zunächst das Zentrum dem Verkehr erschlossen und es mit dem neuen Stadtteil Prati verbanden. Zum Glück hat das zugereiste Bürgertum bis vor wenigen Jahren die Neubauten dem alten Gemäuer, in dem nichts funktioniert, vorgezogen, so daß der Großteil der Abbruchspläne auf dem Papier blieb. Erst vor etwas mehr als einem Jahrzehnt begann die systematische und kostspielige Restaurierung alter Palazzi im Stadtzentrum auf privater Grundlage. Die Mieten stiegen, und der Auszug der Proletarier aus dem Zentrum wurde nicht mehr, wie unter Mussolini, durch die Polizei, sondern sehr viel umfangreicher und stiller durch die Marktgesetze erzwungen.

Von der Kuppel sind ganz deutlich zwei vom Faschismus geplante, aber erst in der Nachkriegszeit wirklich vollzogene Abbrüche zu sehen: rechts von der Engelsbrücke liegt die Brücke Vittorio Emanuele und rechts von ihr, für uns unsichtbar hinter den Ausläufern des Gianicolo, die Brücke Amedeo, die auf die Kirche S. Giovanni dei Fiorentini hinführt, deren Fassade und Kuppel wir sehen. Die Verbindung zwischen Brücke und Corso Vittorio ist ein Durchstich durch ein Gewirr alter Häuser. Aus der Nähe wirken die Abbruchstellen wie Zerstörungen durch einen Bombenangriff. Säuberlich abgerissen wurde hingegen der Mittelteil des Borgo, um den Bau der Via della Conciliazione (Straße der Versöhnung) zu ermöglichen, ein Produkt der Versöhnung von Kirche und Staat. Am 11. Februar 1929 war der Lateranvertrag, das neue Konkordat zwischen dem italienischen Staat und der Kirche unterzeichnet worden. Damit wurde der fast 60-jährige Streit um die Einnahme des Kirchenstaates, um die "Gefangenschaft" des Papstes und die Konfiszierung bestimmter kirchlicher Güter beendigt. Das faschistische Regime wurde gestärkt, der Vatikan erhielt erheblichen Einfluß auf das öffentliche und politische Leben eingeräumt und eine Zahlung von 3 Milliarden Lire (für die damalige Zeit eine riesige Summe, die z. T. zur Finanzierung großer, kirchlicher Bauten diente, die mit dem gleichen Geist wie die Bauten des Regimes in das Grün des Gianicolo und anderer Hügel geklotzt wurden). Die Abbrucharbeiten an der Via della Conciliazione wurden 1937 begonnen (am gleichen Tag, an dem Mussolini im EUR eine Pinie pflanzte), während des Krieges, etwa nach einem Drittel der Arbeiten, unterbrochen und zum heiligen Jahr 1950 vollendet. (Man beachte an den obeliskartigen Säulen die römische Zahl VII: bekanntlich führte das faschistische Regime eine neue, zweite Zeitrechnung ein - 1923 = I - auf die man bei genauerem Hinsehen immer wieder stoßen wird, übrigens auch bei Kirchenneubauten aus jener Zeit.)

Links von der Via della Conciliazione erkennen wir das Dächergewirr des erhalten gebliebenen Borgo Pio, wiederum ein "quartiere popolare", d. h. ein Viertel des "niederen Volks" (und daher wie die meisten derartigen Viertel trotz der Nähe des Vatikans "rot"), und weiter links Prati, ein großer, rational angelegter Stadtteil, dessen Bau nach der Einigung Italiens begonnen und in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg fertiggestellt wurde. Im Hintergrund der weiße Würfel des Justizministeriums, von hier relativ harmlos, aus der Nähe aber ein idealer Bau für eine Kafka‘sche Bürokratie. Prati ist offensichtlich ein völlig unrömisches Viertel: regelmäßige Straßenzüge und Platanenalleen, homogene soziale Zusammensetzung der Bevölkerung, die überwiegend aus kleinen Beamten und Angestellten besteht, in der Mitte weitläufige Kasernen. So stellten sich eben die Piemontesen eine Stadt vor.

Doch obgleich dieser geschlossene Fremdkörper nichts mit dem ästhetischen und sozialen Charakter Roms zu tun hat, bleibt dieses Viertel zusammen mit dem EUR doch der beste Beitrag, den das neue Italien Rom gegeben hat. Wir brauchen uns nur weiter nach links zu drehen, um den Unterschied zwischen dem Viertel des alten, kleinkarierten Bürgertums und dem Viertel der Spekulation nach dem zweiten Weltkrieg zu sehen. Es entbehrt nicht der Ironie, daß der rückwärts gewandte Blick von der Peterskuppel so scheußlich ist. Es handelt sich um Scheußlichkeiten; für die der Vatikan indirekt durch seine massive Unterstützung der römischen Christdemokraten und direkt durch seine Beteiligung an großen Baufirmen und Immobiliengesellschaften verantwortlich ist.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war die Hügellandschaft hinter dem Vatikan eine seltsame Peripherie, in der Ziegeleien arbeiteten (ein verlassener Betrieb ist unterhalb der Villa Doria Pamphili noch zu sehen), in der Bauarbeiter und Taglöhner ihre Barackenwohnungen hatten und in der im Winter die Hirten aus den Abruzzen ihre Herden bis dicht an die Stadt weiden ließen. Die Viertel, die hier aus dem Boden gestampft wurden, waren für das "bessere" Bürgertum des qualifizierten Dienstleistungsbereichs bestimmt und werden auch vorwiegend von diesem bewohnt, vor allem auf dem Monte Mario und an den Hängen des Gianicolo. Trotzdem ist die städtebauliche Qualität hier wesentlich geringer als in dem für das "Kleinbürgertum" gebauten Prati. Der "signorile" (herrschaftliche) Charakter des Viertels wird nicht durch Verfügbarkeit von Raum, Luft und Licht dokumentiert, sondern durch Verwendung teuren Materials bei der Ausstattung der Eingangshallen, der Pförtnerlogen, der Aufzüge, Treppenhäuser usw. Das Bürgertum, dessen Ausdruck diese Neubauviertel sind (auch andere Viertel, vor allem Parioli, das wir hinter dem Pincio im Nordosten sehen, Monteverde, hinter dem Gianicolo im Südwesten, usw.) ist nicht einmal mehr entfernt Abglanz einer universalen oder Träger einer vitalen nationalen Idee, sondern ist Ausdruck eines reinen, selbst den Schein einer Legitimation entbehrenden Parasitentums. In der materiellen Situation dieser Funktionslosigkeit liegt die Erklärung für das asoziale Verhalten dieses Bürgertums, für seine tiefe Frustration und schließlich für die völlige Ineffizienz des Verwaltungsapparats, dessen Träger es ja ist. Wie soll sich auch in einer Stadt ohne Industrie, ohne moderne Hochfinanz, ohne moderne Forschung, also ohne Impulse aus der Entwicklung dieser Zweige, ein moderner Staatsapparat bilden können? Kein Zufall, daß diese Viertel Hochburgen der konservativen Christdemokraten oder der Faschisten sind und daß die Nahtstelle des Neubauviertels mit dem alten, kleinbürgerlichen Prati (nämlich die Via Ottaviano und die Piazza Risorgimento, direkt neben dem roten Borgo) strategische Sammelplätze der faschistischen Veranstaltungen und "Expeditionen" sind. Die deutlich voneinander unterschiedenen politischen Färbungen der römischen "quartieri" sind auch für den aufmerksamen Touristen wahrnehmbar - nämlich durch die Spraydosen-Slogans an den Häuserwänden.

Schließlich der Blick nach Süden, auf den Gianicolo und das Gelände der Villa Abamelek und der Villa Doria Pamphili. Hier, zwischen Pinien und Lusthäusern, verteidigte vor 130 Jahren der beste Teil des aufstrebenden, jungen Bürgertums unter dem Befehl von Garibaldi die römische Republik. Im November 1848, während in ganz Europa und, was Italien betrifft, vor allem in Sizilien und im damals österreichischen Venetien und der Lombardei Kämpfe für die verfassunggebende Versammlung und gegen die Fremdherrschaft stattfanden, wurde in Rom ein Minister der päpstlichen Regierung ermordet. Wenige Tage darauf floh der Papst nach Gaeta. Im Februar wurde unter der Führung Mazzinis die römische Republik ausgerufen. Im April landete Frankreich ein Expeditionskorps in Civitavecchia, das dem Papst zu Hilfe eilen sollte. Unter der Führung Garibaldis, der nach der Niederlage in Oberitalien hierher geflohen war, bereitete die Republik ihre Verteidigung vor. Der Gianicolo und der Park der Villa Doria Pamphili wurden im Juni zum Schlachtfeld gegen die Franzosen, die nach diesem Sieg bis zum deutsch-französi-schen Krieg und zur Schlacht von Sedan Ende August 1870 Rom besetzt und die weltliche Herrschaft des Papstes aufrechthielten. Die Schlacht bei Sedan veränderte das internationale Kräfteverhältnis so, daß die italienischen Patrioten nur noch der Form halber eine Bresche in die aurelianische Mauer bei der Porta Pia schlagen mußten, um Rom zu erobern (20. September 1870).

Italien und Deutschland sind diejenigen unter den größeren Ländern, die als letzte die kleinen Fürstentümer beseitigten und einen Nationalstaat schufen. Beide in den Jahren 1870/71, beide nicht durch eine vom Volk getragene Revolution, sondern durch eine "Revolution von oben" unter Führung einer inneren Hegemonialmacht, hier Piemont, dort Preußen.

Mir ist der Blick von der Kuppel auf den Gianicolo besonders lieb, nicht nur weil er ahnen läßt, wie die Hügel- und Parklandschaft der römischen Peripherie noch vor ein paar Jahrzehnten ausgesehen haben mag, sondern auch aus folgendem Grunde: wie man den Bau der Peterskirche im Gegenlicht der Bauernkriege sehen kann und sollte, läßt sich die römische Republik und ihre Verteidigung auf dem Gianicolo (im historischen Roman "Garibaldi" beschrieben von Ricarda Huch) erst im Kontext der europäischen Ereignisse richtig erkennen. Die grünen Hügel da drüben sind ein Schauplatz von Kämpfen, die vor 130 Jahren das ganze demokratische Europa verbanden.

(Peter Kammerer: Rom. In: Ders., Ekkehart Krippendorff: Reisebuch Italien. Über das Lesen von Landschaften und Städten. Berlin: Rotbuch 1979. S. 129 - 134.)
 
 
 

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