Thomas Gransow
 

Rom und der Vatikan
 

Ankunft in Rom
 
 

Text 1

Ankunft in Rom 1312


König Heinrich VII. zog 1310 nach Italien, um dort die Reichsgewalt wiederherzustellen und sich zum Kaiser krönen zu lassen. Das Land litt unter den Gegensätzen zwischen Ghibellinen und Guelfen, unter den Städtekriegen und den Eingriffen des französischen Königs, des Papstes und des Königs von Neapel. Heinrich schlichtete, ordnete und kämpfte mit wechselndem Glück, aber ohne dauerhaften Erfolg.
Als das Heer am 23. April 1312 von Pisa aufbrach, wählte man den Weg entlang der Küste durch die Maremmen des Ombrone nach Viterbo, wo der König am 1. Mai ankam und bis zum Himmelfahrtstag (4. Mai) eine Pause einlegte. Am 5. Mai zog das Heer langsam weiter über Sutri und Baccanello nach Isola Farnese, dem alten Veji. In der Nähe dieses Ortes traf man auf offener Landstraße eine aus Rom zurückkehrende Gesandtschaft, die die Antwort brachte, Johann (ein Bruder des Königs von Neapel) habe die bestimmte Weisung, den Einzug König Heinrichs und des deutschen Heeres in Rom zu verhindern. In einer auf freiem Feld zusammengerufenen Beratung beschlossen der König und seine Umgebung, den Weg zur Krönungsstätte mit dem Schwert zu erkämpfen. Das Heer lagerte in der Nacht vom 5. zum 6. Mai 1312 unter freiem Himmel.
Am 6. Mai überschritt das Heer über die von den königstreuen Colonna besetzte Milvische Brücke unbehindert den Tiber, wurde aber dann von einem von den Guelfen in einem antiken Bauwerk in der Nähe der Brücke errichteten hölzernen Kastell, Tripezon genannt mit einem Hagel von Steinen und Pfeilen angegriffen. Abb. 1 schildert dieses erste Gefecht. In der Mitte ist der niedrige Turm dargestellt, von dem zwei Soldaten Steine herabwerfen, während ein dritter einen Pfeil abschießt. Am Fuß des Turmes richtet ein Angreifer seine Armbrust gegen die Besatzung des Turmes, ein anderer, durch den Schild als ein Herr von Fleckenstein ausgewiesen, versucht, sie mit einem Speer zu treffen. Zu beiden Seiten sehen wir Reiter in voller Rüstung im Kampf.
Die Vermutung lag nahe, daß es hier an der Mil- vischen Brücke zum Entscheidungskampf kommen werde. Nach alter Sitte erteilte der König vorher vor der (erwarteten) Schlacht einer Anzahl vor- nehmer Knappen den Ritterschlag, darunter an erster Stelle Rudolf, Herzog von Bayern. Das Bild
zeigt, wie der König den Herzog umarmt. - Zu einem entscheidenden Kampf kam es an diesem Tag jedoch nicht mehr. Prinz Johann zog sich mit seinen Truppen in die von ihm besetzten Teile Roms zurück.
Der Weg in die ewige Stadt oder doch wenigstens in Teile derselben war somit frei. Am 7. Mai, es war ein Sonntag, hielt der König seinen Einzug. Durch die Porta del Popolo ging der Zug, festlich empfangen vom ghibellinischen Adel, der Geist- lichkeit und viel Volk, wahrscheinlich vorbei am Kolosseum und am Kapitol, zum Lateran. In Begleitung der Kardinäle und seines geistlichen und ritterlichen Gefolges besuchte der König, im Gewand eines Domherrn, die Basilika S. Giovanni in Laterano. Im Lateranpalast nahm Heinrich Wohnung und gab dort am 9. Mai ein Festmahl. Noch mochte er hoffen, die untereinander verfeindeten Familien auszusöhnen und für sich zu gewinnen, und glauben, durch Verhandlungen die Anerkennung seiner Herrschaft in dem von Barrikaden und Befestigungswerken starrenden Rom und die Freigabe des Weges zur Krönungs- stätte, nach St. Peter, zu erreichen.
Der Westen Roms mit St. Peter, der Engelsburg und dem Trastevere-Viertel und die angrenzenden linksseitigen Tiberviertel befanden sich fest in der Hand der Orsini und der Neapolitaner. Nur einen kleinen Teil im Osten der Stadt um Santa Maria Maggiore und den Lateran hatten die Colonna behaupten und dem König einräumen können. Die dazwischenliegenden, zu Festungen umgebauten, meist antiken Großanlagen waren im Besitz verschiedener Adelsfamilien, wie der Annibaldi (im Kolosseum), der Pierleoni (im Marzellustheater), der Frangipani (auf der Tiberinsel) und der Savelli (am Aventin), die eine neutrale Stellung einnahmen. Nachdem aber durch den Zuzug florentinischer Truppen und die undurchsichtige Haltung Roberts von Neapel die Lage des Königs immer schwieriger wurde, mußte er bemüht sein, diese Neutralen auf seine Seite zu ziehen oder wenigstens ihre befestigten Plätze zu gewinnen. Als dies auf gütlichem Wege nicht gelang, hat Heinrich von den am Pfingstsonntag (14. Mai) zu einem Gastmahl Geladenen eine klare Stellungnahme oder die Herausgabe ihrer Festungen verlangt, andernfalls er sie gefangennehmen werde. Heinrich konnte so zwar die strategisch wichtigen, am Abhang des Quirinal gelegenen Türme der Milizen, in denen er dann Wohnung nahm, das Kolosseum und andere Gebäude gewinnen, hat aber durch diesen Gebrauch von List und Gewalt auch viele in das feindliche Lager getrieben. Nachdem schließlich am 18. Mal durch eine aus Neapel zurückkehrende Gesandtschaft die unannehmbaren Forderungen König Roberts (u. a. sollten der Kaiser und sein Heer vier Tage nach der Krönung Rom verlassen) bekannt geworden waren und die Kardinäle bereits am 10. Mai erklärt hatten, zu einer Krönung in St. Johann im Lateran nicht befugt zu sein, blieb den deutschen Rittern nur die Möglichkeit - wollten sie nicht einen schimpflichen Rückzug auf sich nehmen -, den Weg nach St. Peter freizukämpfen.
Die Erstürmung des Kapitols war durch eine mehrtägige Beschießung und die Einnahme des strategisch wichtigen Minoritenklosters S. Maria in Aracoeli vorbereitet worden. Am 25. Mal kapitulierte die gegnerische Besatzung. In einer feierlichen Gerichtssitzung auf diesem Platz einer über zweitausendjährigen Geschichte, über den Fundamenten des einstigen Jupitertempels, bestätigte König Heinrich den Grafen Ludwig von Savoyen, einen Neffen des Grafen Amadeus, in dem ihm bereits 1310 verliehenen Amt des Senators von Rom. Das Bild schildert diese Szene. Auf enem einfachen Thron sitzt der König in vollem Ornat mit Mantel und Lilienzepter, die Linke in der Mantelschleife, wie wir es auch auf den Königssiegeln sehen. Zu beiden Seiten stehen die Kardinäle und geistliches und weltliches Gefolge, im Vordergrund sitzen Bürger Roms.
Ein Angriff vom 26. Mai auf das Viertel der Orsini mit dem Ziel, die Engelsburg einzunehmen, brachte zwar beachtliche Anfangserfolge, endete aber mit einer blutigen Niederlage. Das Bild zeigt einen der Kämpfe dieses Tages. In der Mitte erkennen wir am roten Kreuz in Weiß Erzbischof Balduin, der eben einem Orsini (kenntlich an dem Bärenwappen - lat. urs, der Bär -, das aber nicht das Wappen dieser Familie ist) den Schädel spaltet. Hinzuweisen ist auch auf die verschie- denen Helmformen dieses Bildes, insbesondere auf den Helm mit Bügelvisier, der zwischen den beiden vorgenannten Kämpfern zu erkennen ist.
Diese Niederlage vom 26. Mai und die am gleichen Tage eintreffende Nachricht, daß eine Flotte der Pisaner, die auf sieben Galeeren 500 Bogenschützen zuführen sollte, an der Tibermündung von apulischen Schiffen abgefangen worden war, waren nicht dazu angetan, die Hoffnungen der deutschen Ritter auf einen Sieg zu stärken. Eine am 13. Juni inszenierte Versammlung im Forum vermochte zwar die Massen zu mobilisieren, hatte aber nur weitere, verlustreiche Straßenkämpfe zur Folge. So fand der Plan, die Kaiserkrönung nicht in St. Peter, sondern in St. Johann zu vollziehen, immer mehr Anhänger. Die Kardinäle aber weigerten sich, dieser Änderung ihres päpstlichen Auftrages zuzustimmen. Erst ein gesteuerter Volkstumult am 22. Juni veranlaßte sie, auch ohne Zustimmung des Papstes in eine Krönung in der Lateranbasilika einzuwilligen. 
Der König verlegte am 28. Juni seinen Wohnsitz nach S. Sabina auf dem Aventin, weil von dort der Weg zum Lateran sicherer war.
Am 29. Juni 1312 ritt der König von S. Sabina über den Aventin zur Brücke della Forma, wo ihn der Stadtpräfekt, der lateranensische Pfalzgraf, der Senat und die Richter der Stadt erwarteten. Vor ihnen leistete er einen Eid, die Stadt und ihre Rechte zu schützen. Dann zogen der König und seine Begleitung zum Lateran, an der Spitze der Stadtpräfekt und zwei Kämmerer, die Münzen unter das Volk warfen. 
Am Portal von St. Johann empfing der Klerus den König zum feierlichen Einzug in die Basilika. Kardinal Nikolaus Alberti von Prato feierte das Meßopfer, assistiert von den Kardinälen Arnaldus von Falgueri und Lucas von Flisco. Danach leistete der König den Eid nach einem von Papst Clemens geforderten Formular. Die drei Kardinäle legten ihm als Zeichen seiner Teilhabe am Priestertum eine über der Brust gekreuzte Stola um, setzten ihm eine weiße, zweispitzige Mitra auf, der Bischof von Ostia salbte ihn am rechten Arm und zwischen den Schultern und gürtete ihn mit dem Schwert. Dreimal schwang es der König und legte es mit einem goldenen Schild auf den Altar zum Zeichen, daß er der Kirche Schutz und Arm leihen wolle. Dann krönte ihn Kardinal Nikolaus mit der Kaiserkrone und reichte ihm das Zepter und den goldenen Reichsapfel.
Nach einem dem Krönungsordo der Päpste nachgebildeten Brauch traten dem neugekrönten Herrscher auf dem Krönungsritt vom Lateran nach S. Sabina die Vorstände der römischen Judenschaft entgegen und baten ihn um die Bestätigung ihrer Privilegien und namentlich um die Erlaubnis, nach ihrem Recht, dem Gesetz des Moses, leben zu dürfen. 
Das Bild ist dieser Begegnung, die sich den Teil- nehmern der Krönungsfeierlichkeiten besonders eingeprägt zu haben scheint, gewidmet. In der Mitte sehen wir den Kaiser, auf dem Haupt die Kaiserkrone, in der Linken das Zepter. Die goldene Kugel hält einer der Kardinäle, neben denen wir auch Erzbischof Balduin erkennen. Zwei hohe Würdenträger des Reiches mit pelzverbrämten Mänteln und Kappen leiten das Roß des Kaisers. Rechts sehen wir die Gruppe der Juden mit ihrer charakteristischen Kopfbedeckung. Ihrem Anführer reicht Kaiser Heinrich eben eine lange Schriftrolle, auf der die Form hebräischer Schriftzeichen nachgeahmt ist.
Die Darstellung des Krönungsmahls unterscheidet sich nur wenig von der Schilderung ähnlicher Feiern. In der Mitte, an einem besonderen und erhöhten Tisch sitzt der Kaiser. Die Form der Kaiserkrone, die durch den Bügel von der Königs- krone der vorangehenden Bilder unterschieden ist, entspricht nicht den Schilderungen schriftlicher Zeugnisse und des Pisaner Grabmals, denen zu entnehmen ist, daß Heinrich mit einer dem byzantinisch-normannischen Kamelaukion verwandten, mützenartigen, oben geschlossen, aber spitz zulaufenden und in einer aus wertvollen Steinen gebildeten Blume endenden Krone gekrönt wurde, wie sie ähnlich Friedrich II. getragen hat.  Die Form der Krone entspricht der (heute in Wien befindlichen) Reichskrone Ottos I. nur hinsichtlich des Bügels, während das von Konrad II. hinzu- gefügte Stirnkreuz fehlt.
Am 21. Juli verließ Heinrich Rom und zog nach Tivoli, der Stadt der Colonna. Am 20. August kehrte er noch einmal nach Rom zurück. Dann zog er mit seinem Heer nach Norden gegen Florenz. Papst Clemens V. hatte Ende Juli noch einmal versucht, den Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen dem Kaiser und König Robert zu verhindern und einen einjährigen Waffenstillstand geboten. Heinrich hat den darin ausgesprochenen Anspruch des Papstes, dem Kaiser Frieden gebieten zu können, entschieden zurückgewiesen und betont, daß die Macht des Schwertes die Sache des Kaisers und nicht des Papstes sei. Robert von Neapel sei ein Reichsfeind und Rebell; ihn zu strafen könne der Papst nicht verbieten. Und doch ist Heinrich nicht sofort gegen den Neapolitaner gezogen. Erst leitete er ein förmliches Gerichtsverfahren ein, und auch dies nicht in Rom, auf dem Gebiet des Papstes, sondern auf Reichsboden: in Arezzo wurde am 12. September 1312 das Zitationsedikt gegen Robert von Neapel öffentlich am Portal des Bischofspalastes angeschlagen. Innerhalb von drei Monaten solle Robert, der Verschwörung und des Bündnisses gegen das Reich beschuldigt und angeklagt, die Kaiserkrönung in Rom zu verhindern versucht und widerrechtlich Reichsgebiet besetzt zu haben, vor dem Gericht des Kaisers erscheinen und sich rechtfertigen.
Am 8. August 1313 brach das Heer auf zum Zuge gegen Robert von Neapel. Die Namen Kaiser Friedrichs II., Manfreds und Konradins und die Erinnerung an die Schlacht bei Tagliacozzo wurden lebendig. Aber noch bevor das Gebiet von Neapel erreicht war, starb der Kaiser am 24. August 1313 in Buonconvento.

(Text und Bilder zusammengestellt nach: Franz-Josef Heyen (Hrsg.): Kaiser Heinrichs Romfahrt. München: dtv 1978. S. 25, 27, 88 - 99.)


 
 
 
Text 2

Ankunft in Rom 1510

[Gegen Ende des Jahres 1510] traf er in Rom ein. Luther warf sich beim ersten Anblick der Stadt zu Boden: "Sei mir gegrüßt, heiliges Rom!" Durch die Porta del Popolo passierte er ein; gleich links war seine Herberge, das Augustinerkloster Santa Maria, das der Orden mit ausgesuchten Brüdern besetzt hatte, um beim Papst eine möglichst repräsentative Vertretung der Augustinereremiten vorweisen zu können. Das Kloster ist kaum zwei Jahrzehnte nach Luthers Besuch ein Opfer der Verwüstungen geworden, die im "Sacco di Roma" Kaiser Karls Soldaten anrichteten, aber die Kirche Santa Maria del Popolo, in der er seine Andachten verrichtete, steht noch. Luther hatte aber keine Augen für die Kunstschätze Roms, und übrigens war davon auch viel weniger zu sehen, als die vage Vorstellung vom Rom der Renaissance vermuten läßt. Für ein armes deutsches Mönchlein war der Zugang zu den Palästen mit ihren Sammlungen gänzlich versperrt. 

Was er sah, war das mittelalterliche Rom, schon beim Eingang durch die Porta del Popolo. Wenn Luther vom Ponte Molle aus bereits einen Blick auf die Heilige Stadt warf, sah er nicht die Kuppel von St. Peter, die für alle Späteren das Panorama beherrschte; die Fundamente für den Neubau waren erst gelegt, und es wurde dafür noch in der ganzen Christenheit mit Sonderablässen gesammelt, die in Luthers Leben ihre Rolle spielen sollten. [...]

Er pilgerte als Bettelmönch zu all den vorgeschriebenen Stationen. Im Kloster hatte man ihm den üblichen gedruckten Führer in die Hand gegeben, nach dem Muster der schon im Mittelalter bekannten "Mirabilia Romae". Von den neuen Kunstschätzen und Bauten war darin nicht die Rede und konnte nicht die Rede sein. In der Sixtinischen Kapelle stand noch das hohe Holzgerüst, auf dessen obersten Planken unter der Decke Michelangelo lag und malte, "wie eine Katze, die vom Wasser der Lombardei einen Kropf bekommt, den Bauch unters Kinn heraufgepreßt, den Bart himmelan gesträubt", so beschrieb er es in einem seiner Sonette; "vorn Pinsel tropft mir ein buntes Mosaik von Farben aufs Gesicht". In den Privatgemächern des Vatikans war Raffael an seinem ersten großen Auftrag in Rom tätig: die Zimmer des Papstes zu bemalen, jetzt als die "Stanzen" das große Museumsschaustück des Vatikans, damals nur wenigen Vertrauten zugänglich und bei weitem nicht vollendet. Es ist verlockend, sich zu denken, daß Luther dem Maler hätte begegnen können, der mit ihm fast gleichaltrig war, eben berühmt, verwöhnt vom sonst als geizig verschrienen Papst Julius, der mit Michelangelo um jeden Groschen feilschte. Der Mönch hätte sich nur verwundert über den schön gekleideten Künstler, der nie ohne ein ganzes Gefolge zur Arbeit schritt oder auch eine seiner Geliebten mitnahm in den Vatikan zur Erheiterung; derlei gab es in Deutschland nicht, wo auch die Größten Handwerksmeister blieben. [...]

Der vorgeschriebene Gang zu den sieben Pilgerkirchen war immer noch ein Wagnis, denn einige lagen weit draußen vor der Stadt. Luthers Führer nannte als erste Station San Paolo fuori le mura, auf dem Wege nach Ostia. Pilgerpfade führten durch struppiges Ödland zu der damals größten Kirche des Abendlandes, die noch aus konstantinischer Zeit stammte mit aller Pracht ihrer antiken Säulenreihen. Der Weg galt als unsicher wegen der Piraten, die vom Fluß her ihre regelmäßigen Rauhzüge unternahmen; die ganze Umgebung Roms war berüchtigt und blieb es bis ins 19. Jahrhundert. Große Herren ritten mit Trabanten und bewaffneter Begleitung; die kleinen Pilger taten sich wenigstens zu Scharen zusammen und wurden selbst dann oft gebrandschatzt. Man begann die anstrengende Pilgerfahrt, die an einem Tage zu bewältigen war, dort draußen in San Paolo und wanderte dann nach San Sebastiano an der Via Appia, nahe den Märtyrergräbern in den Katakomben, zum Lateran, zu S. Croce mit den Erinnerungen an das Heilige Kreuz, das Konstantins Mutter Helena in Jerusalem ausgegraben hatte, nach S. Lorenzo, S. Maria Maggiore und schließlich zur Peterskirche. Das war ein guter Tagesmarsch, im Sand und Lehm, auf dünnen Pfaden und schlechten Wegen. "Ich glaubte alles", sagte Luther später und meinte sogar, er habe fast bedauert, daß seine Eltern noch lebten; er hätte sie sonst durch den "großen Ablaß" im Jenseits selig machen können. Zum großen Ablaß gehörte vor allem der Lateran, als der älteste Sitz des Papstes, nach der Legende dem Papst vom Kaiser Konstantin geschenkt als Zeichen, daß ihm nun das ganze Abendland übergeben sei. Es war nun ein großer, ziemlich wirr zusammengebauter Gebäudekomplex mit antiken und mittelalterlichen Teilen, Türmen und Stützmauern, an denen wiederum der Schutt zu Bergen aufgehäuft lag. Der Pilgerpfad jedoch führte zum höchsten Heiligtum, der Treppe, die Christus zum Palast des Pilatus hinauf- geschritten war; unversehrt war sie durch die Engel nach Rom versetzt worden. Die 28 Stufen kniend zu erklimmen, verbürgte für jede Stufe neun Jahre Ablaß; die mit einem Kreuz bezeichnete Stufe, auf der Christus niedergebrochen war, zählte doppelt. Luther hätte gerne dort im Lateran eine Messe gelesen, aber das Gedränge war zu groß: "Konnte nicht zukommen und aß einen zubereiteten Hering dafür", wie er nachmals grob spottend sagte. Er aß damals nichts; der Pilger mußte nüchtern als letzte Station die Peterskirche erreichen, um dort das Abendmahl einnehmen zu können.

Über den Petersdom, der eine riesige Baustelle war, hat Luther nur wenig berichtet. Ein Teil der alten konstantinischen Basilika stand noch und war für den Gottesdienst abgetrennt. Stufen führten vom weiten ungepflasterten Platz vor dem Eingang hinauf zu einer Front aus schmalen Säulengängen und kahlen Mauerstücken auf beiden Seiten. Der Mönch verrichtete seine Andacht vor einigen der vielen Altäre; nur Kuriosa sind ihm in der Erinnerung geblieben: der Strick, an dem Judas sich erhängte, ein Stein, in den Petrus eine fingerbreite Rinne geweint hatte, als er Christus verriet.

(Richard Friedenthal: Luther. Sein Leben und seine Zeit. München: Piper 1967. S. 96 - 101.)
 


 
Text 3

Ankunft in Rom 1655

Kein Gesandter, eher ein politischer Flüchtling, ein Abtrünniger, mit "üppiger Figur, einem breiten Hinterteil, mit bizarrer Garderobe und einer Perücke", war Königin Christine von Schweden, die im Palazzo Farnese ein knappes Jahr verbrachte. Christine hatte, nachdem sie der schwedischen Krone entsagt und zum katholischen Glauben übergetreten war, Rom zu ihrem neuen Domizil erkoren, zur großen Freude, ja zum "Entzücken" des Papstes, Alexander VII. Als sie 1655 mit ihrem Gefolge durch das Tor der Piazza del Popolo einzog, hatte Alexander eigens aus diesem Anlaß eine Inschrift für den Torbogen verfaßt: "Felice faustoque ingressui anno salutis 1655", der glücklichen und schicksalhaften Einreise im Jahre des Heils 1655.

Der prominenten Konvertitin wurde in Rom ein Empfang zuteil wie seit den Tagen Karls des Großen nicht mehr: "Zuerst kamen zwei rotgekleidete Pagen, dann die Trompeter, gefolgt von einem Heerbann mit Schildern. Dann eine große Anzahl von Adelsherrn, den Kardinälen und dem römischen Adel. Dann kamen die Wagen und Kutschen der Kardinäle, eine jede von sechs Pferden gezogen, was zu wenig war für das Gewicht der Kostbarkeiten, mit denen sie verziert waren ..." Christine erhielt zahlreiche Geschenke, darunter eine Sänfte und ein Bett, für das Bernini die Entwürfe gemacht hatte, eine Kutsche, d. h. eine sechsspännige Staatskarosse mit Samtpolstern, in himmelblau gehalten, silberbestickt, Tapisserien, kostbare Porzellane - und zweihundert Kanonenschüsse donnerten ihr zu Ehren über den Tiber. Nach einem Bankett mit dem Papst (unvorstellbar bis dahin, pflegte doch der Pontifex in Gegenwart von Damen nicht zu speisen) begleitete sie ein Konvoi erlauchter Gäste zum festlich geschmückten, mit einer barocken Scheinfassade umstellten Palazzo Farnese, den ihr Odoardo Farnese, tief beeindruckt durch ihren Glaubenswechsel - und natürlich auch in Erwartung entsprechender Einschätzung höheren Orts zur Verfügung gestellt hatte.

Nach römischer Sitte werden ihr beim Einzug Holz, Kerzen, Wein und Lebensmittel überreicht, zum "Wohlergehen" des hohen Gastes. Indessen zeigt die von Christine mitgebrachte Dienerschaft alsbald schlechte Manieren: Sie klagt lauthals über kärgliche Entlohnung, zerhackt Türen und Fenster zu Brennholz und verkauft, was nicht niet- und nagelfest ist ...

Und dann sah der Palast noch eine handfeste Schlägerei. [...] Der Anlaß war eher von nichtiger Art. Da hatte der französische Botschafter am päpstlichen Hof, Duc de Crequi, im hohen Bewußtsein seines diplomatischen Ranges Christine wissen lassen, daß er als Vertreter des französischen Königs bei Besuchen bzw. Audienzen in ihrem Palazzo einen Lehnstuhl beanspruche. Den aber mochte die selbstbewußte und zuweilen eigensinnige Christine nicht bereithalten, wie sie ihrerseits den Botschafter wissen ließ.

Im Für und Wider dieser staatserhaltenden Angelegenheit, in die sogar der französische König Ludwig XIV. und auch der Papst eingriffen, entlud sich schließlich der aufgestaute Unmut beider Parteien in der französischen Botschaft, im Palazzo Farnese: Zwischen der Wachmannschaft des Botschafters und der Garde des Papstes kam es zu einer schweren Auseinandersetzung, in deren Verlauf die Gattin des Botschafters "in Mitleidenschaft" gezogen und ein Page getötet wurde. Ein "diplomatischer Zwischenfall" mit weitreichenden Folgen [für den Streit um den Bau der Spanischen Treppe].

(Ernst Batta: Römische Paläste und Villen. Leipzig: Insel 1992.)
 


 
Text 4

Ankunft in Rom 1786

Am frühen Abend des 29. Oktober 1786 sah der junge Giovanni Beri, der eben auf einem herbeigerollten Stein Platz genommen hatte, um in Ruhe einen Teller Makkaroni zu verzehren, einen Fremden dem aus nördlicher Richtung auf der Piazza del Popolo eingetroffenen Reisewagen entsteigen. Beri hatte gerade die Finger seiner Rechten in die noch heißen Nudeln getaucht, um sie bündelweise, wie weiße Würmer, in den Mund zu schieben, als der Fremde seinen Reisehut lüftete und ihn immer wieder hoch in der Luft schwenkte, sich dabei im Kreise drehend, als wollte er sich der ganzen Stadt Rom als Liebhaber und Freund präsentieren.

Der junge Beri hatte schon viele Reisende aus dem Norden auf diesem ehrwürdigen Platz ankommen sehen, doch noch selten hatte sich einer so merkwürdig benommen wie dieser stattlich gewachsene Mann in weitem Überrock, dem sich jetzt eine Gruppe von Wachbeamten näherte, um seinen Namen in die dafür vorgesehenen Listen einzutragen. Das Betragen des Fremden ähnelte einem Auftritt im Theater, es hatte etwas von Leidenschaft und großer Aktion und doch fehlten ihm auf dem weiten Platz, der durch die Parade der Kutschen beinahe vollgestellt war, die passenden Zuschauer.

"Mach weiter so, mach nur weiter!", dachte Beri, insgeheim belustigt, während er mit Daumen und Zeigefinger nach den entwischenden ölgetränkten Nudeln griff und sie langsam durch den über den Teller verstreuten Käse streifte. Jetzt riß sich der Fremde den Überrock vom Leib, warf den Hut auf den kleinen Koffer, breitete die Arme aus und dehnte den ganzen Körper wie eine gespannte Feder. Beri grinste, vielleicht hatte man es mit einem Schauspieler zu tun! Doch das Grinsen verschwand augenblicklich, als er bemerkte, daß ihn das merkwürdige Gebaren zur Unachtsamkeit verführt hatte. Für einen Moment hatte sich der Teller offensichtlich in Schräglage befunden, ein kleinerer Haufen der köstlichen Makkaroni lag schon auf dem Boden.

"Daran bist Du schuld!" entfuhr es Beri, der sich jedoch gleich darüber wunderte, wie brüderlich er den Fremden insgeheim anredete. Irgend etwas Anziehendes hatte dieser Tänzer, irgend etwas, das einen noch schlummernden Teil seiner Seele berührte! Beri hielt den Teller für einen Augenblick mit der Rechten und fuhr sich mit der Linken durchs Gesicht. Träumte er? Hatte ihm das Glas Weißwein zugesetzt, das er an diesem warmen Nachmittag getrunken hatte?

Der Fremde ließ die Wachbeamten einfach stehen. Er durchmaß den weiten Platz mit großen Schritten, stemmte dann und wann die Hände in die Hüften, ging in die Hocke, drehte sich plötzlich nach allen Seiten und warf immer wieder die Arme in die Höhe, als wollte er die ganz fernen Abendwolken herbeilocken, zu seinem Auftritt tanzend zu wirbeln. "Warte nur", dachte Beri, "das geht nicht lange gut", doch die beiden Wachbeamten, die den Mann endlich erreicht hatten, wurden dadurch überrascht, daß der Fremde sich nun rasch in Bewegung setzte, zunächst quer über den Platz, dann, langsamer werdend, im Kreis um den hohen Obelisken, der etwa auf der Mitte des Platzes stand.

Immer dann, wenn die hinter dem Fremden herhastenden Beamten ihr Opfer gestellt zu haben schienen, brach der Herumeilende wieder nach einer anderen Seite aus, so unerwartet, so gewitzt, als wollte er mit den beiden atemlos werdenden Verfolgern seinen Spaß treiben. Beri lächelte, dann aber begann er immer lauter zu lachen; er hielt den warmen Teller krampfhaft in der Rechten, um nichts von der wertvollen Speise zu verschütten, doch das Lachen rüttelte ihn so durch, daß die weißen Nudelkäsewürmer auf dem Teller zu tanzen begannen. Immer wilder hüpften sie umeinander, sprangen über den Rand, warfen sich übermütig auf das Pflaster, so daß Beri, lauthals lachend, den Tränen nahe, sie in einem Gefühl plötzlichen Überschwangs in einem großen Bogen durch die Luft fliegen ließ.

Was tat er? Warum war er so außer sich? Der Fremde schien das üble Spiel, das er mit den beiden Wachbeamten trieb, gar nicht zu bemerken, jetzt hatten sie ihn eingeholt, an der kleinen Wasserstelle neben dem Obelisken, einer von ihnen hatte ihn fest zu packen bekommen, oben, an der Schulter, so daß er sich heftig herumdrehte.

Was für eine Nase! Beri grinste, ruhiger werdend. Was für ein unruhiger Mund, die Lippen zuckten unaufhörlich, als hätten sie sich an den heißen Würmern verbrannt! Nun hatten sie ihn also gestellt, nun würde er niemandem mehr entkommen!

Beri saß da mit offenem Mund, der leere, ölverschmierte Teller glitt ihm aus der Hand und zersprang auf dem Pflaster. Der Fremde umarmte die beiden Beamten. Er drückte sie an sich, als sei er guten Freunden begegnet, er hakte sich bei ihnen ein und ging mit ihnen langsam, schlendernd, als habe er sie nie düpieren wollen, zu seinen Koffern zurück. Jetzt hatte er beide Arme um ihre Schultern gelegt, sie lachten sogar, sie ließen es sich gefallen, offenbar machte er einige Scherze, offenbar unterhielt er sie gut.

Beri hustete. Der Teller war zersprungen, über die Nudeln machten sich die Katzen her. "Du bist mir was schuldig", dachte er und wischte sich mit der Linken über den Mund. Dann stand er langsam auf, streckte sich, scharrte die Scherben des Tellers mit der Fußspitze zusammen und ging quer über den Platz, dem Fremden seine Dienste anzubieten.

Der aber gestikulierte noch vor den Wachbeamten, als Beri sich der Gruppe mit einem der hölzernen Karren näherte, die auf dem weiten Platz zu jedermanns Gebrauch abgestellt waren. Jetzt hörte er den Fremden sprechen, er sprach ein fehlerhaftes, aber frisch daherfließendes Italienisch, das sich aus lauter aufgeschnappten Wendungen zusammenzusetzen schien. Auch auf die Beamten schien er einigen Eindruck zu machen, denn immerhin hatten sie sich auf eine kurze Verhandlung darüber eingelassen, ob er den Reisewagen wieder besteigen müsse oder den Weg zum Packhof auf eigenen Wunsch zu Fuß zurücklegen dürfe.

Als der Mann den jungen Beri mit seinem Karren gewahr wurde, geriet die Szene gerade zu einer kleinen Debatte. Die Wachbeamten bestanden darauf, daß er mitsamt seinem Gepäck wieder einsteigen müsse, während er Beri als einen guten Geist vorstellte, der das Gepäck auf dem kleinen Karren rasch zum Packhof befördern werde.

Die Widerreden schienen sich immer mehr zu beschleunigen, als der Neuankömmling plötzlich ruhig wurde, sich sammelte, den Blick starr in die Richtung der langen Meilen des Corso richtete und mit wiederum verblüffender Hingabe davon sprach, wie schön der Abend sei. Die Wachbeamten schienen sich auch sofort zu besinnen, sie schauten seinen Blicken hinterher, der mit einem Male in beredten Worten den leuchtenden Abend schilderte, die sonntäglichen Paradefahrten der Kutschen hin zur Piazza Venezia, das Leben auf den Balkonen, das Rufen, Winken und Plärren aus den Fenstern, alles aber so freundlich und warm, als begrüßte er Szenen seiner Heimat.

Die Wachbeamten fragten denn auch sofort nach, ob der Fremde Rom schon früher einmal besucht habe, worauf er erwiderte, mit seiner Seele habe er die Stadt bereits Hunderte von Malen in Besitz genommen, während er nun bemüht sei, auch seinem Körper die Gegenwart dieses Paradieses zu gönnen.

Die unerwartete Erwähnung des Paradieses ("il paradiso", sagte er, mit einem solchen Nachdruck auf dem langen "i", als wollte er immerfort darin verweilen) in Verbindung mit der Stadt Rom ließ die Wachbeamten jedoch anscheinend umdenken. Durch ein knappes Zeichen verständigten sie sich darauf, daß der Fremde den eingetroffenen Postkutschen auf dem Weg zum Packhof zu Fuß folgen dürfe. Einer von ihnen setzte sich denn auch bald an die Spitze des Zuges, und so ging es den Corso hinab, die Kutschen voran, der große Mann hinterdrein und ganz am Schluß der junge Beri mit seinem Karren, auf dem man das Gepäck des Fremden untergebracht hatte.

(Hans-Josef Ortheil: Faustinas Küsse. Roman. Berlin: Goldmann 2000. S. 7 - 11.)
 


 
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