Projekt:
Historische Anspielungen in Titelbildern
des SPIEGEL



 
 

DER SPIEGEL 35 / 1995
"Goldrausch"


Titel-Geschichte

Der Kampf um Schürfrechte

In diesem Jahr werde sich der Verdrängungswettbewerb der Fernsehsender zu einem „Vernichtungswettbewerb“ verschärfen, prophezeit ZDF-Intendant Stolte. Seit Samstag präsentieren die Sender auf der Funkausstellung in Berlin die Stars und Programme, mit denen sie diesen Wirtschaftskrieg bestehen wollen.

Wenn er ehrlich sei, sagt Eberhard Ebner, müsse er zugeben, dass W ihm das Medium bis heute verschlossen geblieben sei. Immer wieder überrasche ihn, „welche Sendungen viele Zuschauer haben und welche nicht“. Und ob Herr Kirch den Sender ausplündere oder nicht, könne er auch nicht sagen, er wisse schließlich nicht, wie viel hunderttausend Mark andere Sender pro Spielfilm und Serie zahlten. Wenn er ehrlich sei, sagt Wilhelm Sandmann, müsse er zugeben, daß es im Aufsichtsrat immer wieder Debatten gebe über die hohen Kosten und die schmalen Gewinne bei Sat 1. „Aber gegensteuern können wir sowieso nicht, wir halten ja nur 20 Prozent.“ Ebner und Sandmann sind Zeitungsverleger und vertreten die 114 Verlage im Aufsichtsrat, die 20 Prozent am Fernsehsender Sat 1 besitzen. Sie sollen das Finanzgebaren und das Programm eines Milliardenunternehmens beaufsichtigen, doch sie wirken wie Kandidaten beim „Glücksrad“, die irgendwelche Zahlen an sich vorbeirauschen sehen. Unternehmen von der Größenordnung der Fernsehanstalten könne „man nicht durch Gremien von Dilettanten kontrollieren“, resümierte einst Carlo Schmid seine Arbeit in öffentlich-rechtlichen Rundfunkräten. Doch elf Jahre nach dem Start des Privatfernsehens muß man bilanzieren: Auch die privaten Sender werden von Dilettanten kontrolliert, geführt und überwacht.

Wie das Fernsehgeschäft funktioniere, sei ihm immer noch „ein großes Geheimnis“, räumt Ebner ein, und mit diesem Geständnis ist er in guter Gesellschaft. Sieben Programmdirektoren hat Sat 1 in zehn Jahren verschlissen, und wenn die ehrlich sind, müßten die meisten Herren ihrem Kontrolleur zustimmen; auch die Landesmedienanstalten, die alle Privatsender überwachen sollen, wissen zuwenig vom TV-Geschäft, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Oft durchschauen sie nicht einmal, in wessen Händen sich der Sender tatsächlich befindet, den sie kontrollieren sollen; und in den TV-Sendern, in den großen wie in den kleinen, sitzen Führungskräfte in den mittleren und höheren Etagen, die ein großer freier Fernsehproduzent „Deutschlands bestbezahlte Praktikanten“ nennt.

Von „Schürfrechten“ hat Leo Kirch gesprochen, jener Mann, der sich im deutschen TV-Geschäft auskennt wie kein anderer, und tatsächlich hat sich das Privatfernsehen in Deutschland so geordnet entwickelt wie die Erschließung der Bodenschätze Kaliforniens während des Goldrausches. Was jetzt eine Zwölf-Milliarden-Mark-Branche ist, hat vor 14 Jahren begonnen mit einer Katastrophe, drei Leichen und einem Wunder. Ein Jet der belgischen Luftwaffe prallte gegen einen 330 Meter hohen Sendemast in Düdelingen im Süden Luxemburgs, schleuderte den Piloten in den Tod und ließ den Mast auf eine Familie stürzen. Das Kind überlebte unverletzt. Der Sendeturm wurde neu aufgerichtet, diesmal höher als zuvor, so daß seine Wellen nun 150 Kilometer weit ins Saarland und nach Rheinland-Pfalz reichten. Am 1. Januar 1984 begann Radio Luxemburg (RTL) – unter Umgehung deutschen Rechts – deshalb, täglich vier Stunden Fernsehprogramm auszustrahlen für die Deutschen zwischen Saarbrücken und Mainz, unterbrochen von ein bißchen Werbung, zusammengestellt von Helmut Thoma, 43. 

Genau ein Jahr später kündete Antonin Dvoraks „Aus der Neuen Welt“ vom Sendestart des Konkurrenten Sat 1 – abgespielt in einem Keller in Ludwigshafen, vom Satelliten ECS 1 abgestrahlt in die ersten 133 000 Kabelhaushalte der Republik. Das Konsortium aus deutschen Großverlagen, Zeitungsverlegern und der Firma „PKS“ des Münchner Filmhändlers Leo Kirch war von Unionspolitikern zusammengebracht worden, um dem Privat-fernsehen in Deutschland auf die Beine zu helfen und RTL nicht die Lufthoheit zu überlassen.

Die SPD hatte sich lange gegen die Verkabelung der Republik gestemmt, fürchtete „negative Folgen für eine humane zwischenmenschliche Kommunikation“, hatte aber 1984 eingelenkt. CDU und CSU wollten „eine Stärkung des Grundrechts der freien Meinungsäußerung“, in Wahrheit aber „die Entautorisierung der öffentlich-rechtlichen Anstalten, besonders der ARD“, und schufen deshalb die technischen Voraussetzungen für privates TV.

„Eine Sache, größer als Gorleben“, nannte CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht damals die Operation Kabelfunk, eine aus heutiger Sicht niedliche Untertreibung. Was vor elf Jahren mit einem Piratenakt begonnen hat, ist heute eine Schlüsselindustrie, die Bertelsmann-Aufsichtsrat Manfred Lahnstein in ihrer Bedeutung mit „Großchemie, Automobilbau und Stahlbau“ vergleicht.
34 Millionen Fernsehhaushalte machen den deutschen Kommunikationsmarkt zum zweit-größten der Welt, knapp 9 Milliarden Mark Werbegelder fließen inzwischen in die TV-Branche, dazu kommen über 5 Milliarden Mark Fernsehgebühren und 550 Millionen Mark aus Sponsoring und Merchandising.

Jahrelang bekämpften sich auf den Märkten der Branche – dem Zuschauer-, dem Programm- und dem Werbemarkt – die öffentlich-rechtlichen und die privaten Sender und trieben die Preise in die Höhe. 1984 kostete ein in den USA gekaufter Spielfilm im Schnitt noch 180 000 Mark, jetzt 600 000 Mark. Die Kosten der selbstproduzierten Fernsehfilme und -serien haben sich verdoppelt, ebenso die Gagen der Hauptdarsteller.

Starmoderatoren sind heute zehnmal so teuer wie ihre Kollegen vor zehn Jahren. Bei den „Ewings von Hürth“ sind einige Millionen der Milliarden gelandet, die seit einem Jahrzehnt ins Fernsehgeschäft fließen. Die Brüder Bremer aus der Kleinstadt bei Köln hatten das Glück, eine bankrotte Fabrik zu besitzen, die eines Tages einem vorbeifahrenden RTL-Direktor auffiel. Der Sender suchte eine Halle, um Hella von Sinnens Tortenschlacht „Alles Nichts Oder?!“ billig produzieren zu können. Für ihre Turmdrehkräne brauchten die Ewings nur die Parkflächen des Außengeländes, die verlassenen Hallen vermieteten sie gern. Im Laufe der Jahre wuchs die ehemalige Barackenbaufabrik zur Magic Media Company mit 700 Beschäftigten, einem Jahresumsatz von 56 Millionen Mark und einem Geschäftsführer, der sagt: „Alle wollten Geld drucken im TV-Markt, aber inzwischen haben alle gemerkt, was das kostet.“
Rund um die MMC siedelten sich andere Studios an, mittlerweile zählt der Geschäftsführer der MMC Hürth zu den „größten Fernsehfabriken Europas“. Auftragsproduktionen in Höhe von 2,4 Milliarden Mark haben die Sender im letzten Jahr an Produktionsfirmen vergeben; über 500 Unternehmen drehen Serien, TV-Filme, Gameshows.

Nicht mehr öffentlich-rechtliches und privates Fernsehen sind nun die Hauptkonkurrenten, zumal sie oft dieselben Produktionsfirmen für sich arbeiten lassen, sondern die O-GANDO /LAIF Medien-Multi Kirch: Vom Monopol träumen Familie Kirch (Sat 1, Pro Sieben, Kabel 1, DSF) und die zerstrittene CLT/Bertelsmann-Gruppe (RTL, RTL 2, Super RTL, Vox) ringen um die Vormacht in der Branche.
Schon als Filmlieferant für ARD und ZDF hat sich Kirch in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren die 15 000 Spielfilme gesichert, die der Grundstock sind für seinen un-übertroffenen Einfluß im deutschen TV-Geschäft. Er kaufte die langfristigen Abspielrechte in Hollywood ein und verkaufte sie in Paketen mit Aufschlag an die Öffentlich-Rechtlichen. 1959 nahm er noch 29 500 Mark pro Film, 1965 schon 70 000 Mark, 1976 dann 126 000 Mark. Sein schönster Traum sei es, verriet er 1987 dem Manager Magazin, „ein Monopol zu haben“, und um diesen Traum zu verwirklichen, hat er sich ein Netz von über 30 Firmen und Firmenbeteiligungen in der Medienszene gesponnen.

Die wichtigsten Säulen seines Imperiums sind der Axel Springer Verlag (Anteil: 35 Prozent) und Sat 1 (43 Prozent). Sat 1 bezieht 90 Prozent seiner Spielfilme und Kaufserien aus dem Kirch-Lager in Unterföhring; die eigenproduzierten Serien des Senders werden oft von Produktionsfirmen Kirchs gedreht; und Übertragungslizenzen von Sportveranstal-tungen erwirbt Sat 1 über die Agentur ISPR, die zur Hälfte dem Springer Verlag gehört – und Kirch. Der Münchner beherrscht Sat 1 über seine Zulieferfirmen und über seine Vertrauten, die an den Schaltpositionen des Senders sitzen. Sein wichtigster Drahtzieher ist der Bremer Anwalt Joachim Theye, der als Vorsitzender des Aufsichtsrates der wahre Chef des Senders ist. Das räumt selbst Sat-1-Chef Jürgen Doetz ein, wenn er davon spricht, der Aufsichtsrat habe „bei uns schon aus der Historie eine stärkere Stellung als anderswo“.

Bereits in der Anfangsphase, etwa im Poker um die Minutenpreise, die Kirchs „PKS“ vom Sender für Spielfilme und Serien erhalten soll (650 Mark oder 450 Mark), verprellte Theye die Mitgesellschafter so, daß die ersten absprangen: FAZ, Burda und dann Bauer.
Die von der Politik verfügte Zwangsheirat zwischen Kirch und den in der Gruppe „Aktuell Presse-Fernsehen“ (APF) zusammengeschlossenen 139 Zeitungsverlegern sorgt für chronischen Streit, aber noch mehr lähmte den Sender Kirchs Kampf um die Vorherrschaft im Springer Verlag, den er über Sat 1 austrug. „In dem Augenblick, in dem Fernsehen anders betrieben wird als bisher“, hat Filmhändler Kirch erkannt, „ist dafür ein Instrument notwendig, um diese Entwicklung zu beschleunigen – und das kann nur die Presse sein.“

Wo es um Schürfrechte geht, wird geschossen: Kirch sei von Springer als Krimineller beschimpft worden, heißt es vor Gericht aus der Springer-Chefetage, Kirch sei einer, der mit „Bestechung“ und „Mafia-Methoden“ arbeite. Ein ehemaliger Geschäftsführer der APF nennt den Sender, den er mit aufgebaut hat, „eine Geldbeschaffungsmaschine für den Miteigner und Programmlieferanten Kirch“. Und Werner Klatten, fünf Jahre lang Sat-1-Geschäftsführer, bilanzierte kurz vor seiner Entlassung: „Beim Privatfernsehen machen nicht die Sender, sondern Programmlieferanten und Lizenzgeber die Gewinne.“

Wieviel Kirch jährlich aus Sat 1herausholt, weiß nur er selbst. Allein für Spielfilme kassierten er und seine Geschäftspartner 1993 280 Millionen Mark und für Sportrechte jährlich 100 Millionen Mark. 1994 gab Sat 1 für Kaufserien und -filme über 480 Millionen Mark aus, dazu kommen circa 300 Millionen Mark für eigen-produzierte Filme und Serien an Kirchs Fernsehfirmen.

Von Beginn an war Sat 1 nur Kirchs Kassetten-Einschiebe-Station, dazu verurteilt, sein Spielfilmarchiv in unendlicher Wiederholung zu versenden. Daß das Fernsehen als Geldmaschine vor allem dann funktioniert, wenn das Medium wie ein Recyclingapparat betrieben wird, hat der Filmhändler als erster begriffen. Ware verkaufen, versenden, lagern, wieder versenden, neuen Sender gründen, alte Ware wieder senden, lagern. Seine Ware läßt Kirch bei Sat 1 laufen, bei Pro Sieben und bei Kabel 1, und auch noch bei der ARD und beim ZDF.

Publizistisch fiel Sat 1, der TV-Sender der Zeitungsverleger, in zehn Jahren nur dreimal auf: als Versender von „Talk im Turm“, als Abspielstation für die Kohl-fromme Interview-Soap „Zur Sache, Kanzler“ und mit der Exklusiv-Meldung, Thomas Gottschalk sei Scientologe – eine Verwechslung mit einem Schweizer Namensvetter. Solange sich Kirch darauf beschränkte, zu kaufen und zu verkaufen, Geld zu leihen und zu machen, wirkten die Warnungen seines Lieblingsfeindes Helmut Thoma, da spinne ein neuer Hugenberg ein gefährliches Netz, wie das kalkulierte Gezänk eines berechnenden Konkurrenten. Doch seit sich der Filmhändler, aus Langeweile oder aus Übermut, aufführt wie der missionarische Erbe Axel Springers (SPIEGEL 34/1995), lenkt er selbst Verdacht auf sich. Was Kirch mit Geld, Macht und Weitsicht erreicht hat, schaffte Thoma mit Geist, Bauch und Schamlosigkeit. Schwarz-Schilling, Kirch und er sind die drei Pioniere des Privatfernsehens in Deutschland: der eine legte die Kabel, der andere zog die Strippen, und Thoma zimmerte das Programm.

Thomas RTL ist der Privatsender, der den Deutschen das neue Fernsehen gebracht hat. Auf ziemlich simple Weise: Thoma kopierte das US-Fernsehen so lange, bis er herausgefunden hatte, was man dem deutschen Zuschauer zumuten kann; er ließ Gameshows, Reality-TV, Talkshows, Daily Soaps und Sitcoms auf sie los, bis ihm die Quoten und die Werbebuchungen sagten, was hier läuft und was sich rechnet. Thoma war keine List zu billig und kein Schachzug zu teuer, um seinen Sender großzukriegen: Im Zulassungsantrag für RTL hat er die Programmgrundsätze „fast wörtlich“ vom ZDF abgeschrieben; er hat den Kirchen versprochen, sie im Programm zu berücksichtigen; er schenkte den Par-teien kostenlose Werbezeiten; er sendete Spielfilme, „die vor uns zu Recht keiner gezeigt hatte“; er ließ die Bestien wüten und die Titten hüpfen; er ließ Serien drehen, „die triefen wie die Heftchen“; er klaute den Öffentlich-Rechtlichen Wimbledon und die Bundesliga; er kaufte ihnen die Stars weg und machte sich auf den Medien-Foren über ihre Tele-Moral lustig – Thoma war die feixende Wildsau, die in die Kulturveranstaltung „Fernsehen“ stürmte und triumphierte.

Keine Vermittlungsinstanz für Moral sei das Fernsehen, brachte er unters Volk, sondern ein Transportunternehmen, das Botschaften von A nach B schaffe: B sei der Zuschauer, A sei der Werbetreibende, und ein Fernsehsender habe für A die richtigen B vor dem Schirm zu versammeln.

Seinen Gesellschaftern, dem luxemburgischen Konsortium CLT und dem deutschen Medien-Multi Bertelsmann, konnte Thoma schon 1992 die Rückzahlung der Anlaufverluste (260 Millionen Mark) ankündigen und seither jedes Jahr dreistellige Millionengewinne überweisen. Der CLT ist das zwar zuwenig (SPIEGEL 33/1995), sie drängt auf Kostensenkung und mehr Wiederholungen im Programm, aber Thoma will die Investitionen ins Programm nicht verringern.

Sinkende Zuschauerquoten signalisieren dem meistgesehenen deutschen Sender, daß die Konkurrenten das kopierte Programmschema von RTL erfolgreich kopieren und den Programm-Machern bei RTL Phantasie und Professionalität fehlen, um das Schema mit überraschenden Sendungen zu füllen. „Gefangen wie im Wasserfall“ möchte Thoma den Zuschauer sehen, gebannt durch die immer gleiche Folge von Unglück und Glück, von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, von Streit und Harmonie, von „Explosiv“ und „Traumhochzeit“, aber seinen Leuten scheint der Stoff auszugehen, mit dem sie die Zuschauer süchtig machen können. Zu kalt, zu unerfahren und zu unsicher seien die Redakteure der Kölner Fernsehfabrik, kritisieren Autoren und Produktionsgesellschaften, die für RTL Serien und TV-Movies machen.

Mit der Kopie der Kopie versucht der Sender die Zuschauer zu halten, aus „Hans Meiser“ klonte er „Ilona Christen“, aus „Ilona Christen“ macht er jetzt „Bärbel Schäfer“; neben die eine Daily Soap setzt er die nächste, nach „Dr. Stefan Frank“ läuft die „Stadtklinik“, aber die großen Stars des Herz-und-Schmerz-Gewerbes überläßt RTL dem Konkurrenten Sat 1 – zu teuer. Weil Heinz Hoenig, der böse Aktienschieber aus dem „Großen Bellheim“, 17 500 Mark pro Drehtag für eine neue Zuhälterserie wollte, ließ RTL das Projekt platzen. Wer mit billigen Schauspielern Marktführer ist, warum soll er sein Geld für teure verschleudern? Thomas Leidenschaft ist nicht die Produktion von Programm, sondern die Produktion von Zuschauern. Seine Lieblingssendung: „immer die mit der größten Reichweite“. 

Die Reichweite mißt sich in Millionen Zuschauern, sie ist die Währungseinheit dieser seltsamen Branche, die nicht Produkte verkauft, sondern Zeit. Der TV-Sender liefert bunten, flimmernden Zeitvertreib, und der Zuschauer zahlt mit Aufmerksamkeit, guckt Filme und Werbespots, und je länger der Zuschauer guckt, desto mehr Geld bekommt der Sender. Ob die Deutschen die 18 nationalen und 61 regionalen Programme sehen wollen, die sie jetzt sehen können, ist nicht bekannt. 

Anfang der achtziger Jahre sollte in Kabelpilotprojekten das Bedürfnis nach mehr Fernsehen getestet werden, aber dann flog ein Jet gegen einen Sendemast, der Rest ist bekannt. Die tägliche Fernsehzeit der Deutschen hat sich zwar seit dieser Katastrophe um 20 Minuten erhöht, aber 37 Prozent aller Haushalte nutzen die ihnen angepriesene Vielfalt des Kabelfernsehens nicht, obwohl sie technisch könnten. Um über 500 Prozent ist das täglich gesendete TV-Programm gestiegen, dennoch gucken die Zuschauer kaum mehr, die Jugendlichen im letzten Jahr sogar weniger. Nur 16 Prozent aller Seher nutzen das Fernsehen pur, ergab eine RTL-Studie, die restlichen essen, bügeln oder schlafen, während sie in die Ferne schauen.

Die Leute gucken nicht viel mehr als früher, das Gerät hat sich auch nicht viel verändert, und dennoch ist dieser Apparat im Wohnzimmer jetzt ein vollkommen anderer. Aus dem Fetisch auf der Säule ist ein Kasten geworden, der „so selbstverständlich ist wie das Lichtanknipsen in der Dunkelheit“ (Sat-1-Chef Doetz). Solange es nur ARD und ZDF gab, bestimmte der Fernseher, was er ist. Jetzt bestimmt der Zuschauer, was der Fernseher ist: Zerstreuungskiste, Nachrichtenquelle, Spielzeug, Kiosk, Aquarium, Kino, Kulturforum, Peep-show, Volkshochschule, Plattenspieler, Lagerfeuer, Uhr, Schlüsselloch, Zeitmaschine.

Die Qualität einer Sendung ergibt sich aus ihrem Gebrauchswert, jeder benutzt Fernsehen anders, und deshalb beginnt die Fernsehkritik zu begreifen, daß es keinen Sinn mehr macht, das Fernsehen mit den Maßstäben des Kinos, des Theaters, des Buches oder der Aufklärung zu traktieren. Das „Glücksrad“ entzieht sich (fast) jeder ästhetischen Beurteilung, und dennoch kann es ein kultureller Genuß sein, sich am Pech der Spielkandidaten zu erfreuen oder Maren Gilzers Mienenspiel zu entschlüsseln oder Peter Bond zu hassen.

Die scheinbar unendliche Vielfalt des Fernsehens ist gleichzeitig seine Schranke: Nur noch mit Hilfsmitteln kann der Zuschauer das Geschehen auf dem Bildschirm begreifen, die Zahl der Programmzeitschriften hat sich nahezu verdoppelt, die Gesamtauflage ist auf 34 Millionen Exemplare gestiegen, doch es hilft alles nichts. Die Reize, die der Apparat abstrahlt, sind lauter, stärker und bunter geworden, er schreit nach Aufmerksamkeit, aber mehr als drei Stunden wollen die Deutschen ihm offenbar nicht schenken, egal, was er bietet. Gerade die Generation, die mit dem Fernsehen groß geworden ist, schaut am wenigsten TV, nutzt das Popmedium TV flüchtig und oberflächlich. Es ist für sie kein Ereignis, sondern so etwas wie ein Inhaltsverzeichnis der Gesellschaft, mit dem man sich schnell und billig einen Überblick verschaffen kann. Mehr nicht.

Elf Jahre nach seiner Entfesselung stößt das Fernsehen in Deutschland der großen Sender stagnieren. Aber bestimmte Programme sind so teuer geworden, daß die Sender sie über die Reklamespots nicht mehr finanzieren können: RTL macht mit der Übertragung der Champions League trotz hoher Quoten jedes Jahr 15 Millionen Mark Verlust und mit den Sendungen aus Wimbledon 10 Millionen Mark minus; Sat 1 hat das Abenteuer Bundesliga bisher 130 Millionen Mark Verlust gebracht; aufwendige Fernsehfilme und Serien spielen bei der ersten Ausstrahlung nur 60 Prozent ihrer Kosten wieder rein, erst bei Wiederholungen und dem Verkauf an andere Sender rentieren sie sich.

Der Exportpreis amerikanischer Fernsehserien hat sich verzehnfacht. Und die Ware Spielfilm ist nicht nur teuer geworden, sondern auch rar: Die Neuproduktion von Spielfilmen geht in den wichtigsten Produktionsländern USA, Italien und Frankreich deutlich zurück, auf jetzt 750 Filme jährlich, gleichzeitig hat sich die Zahl der Spielfilmplätze im deutschen Fernsehen in sechs Jahren auf über 13 000 vervierfacht. Der Kampf der Sender um den Ausstoß der Hollywood-Studios erlaubt Major Companies, ihre Ware inzwischen wie auf Auktionen feilzubieten. „Drei Millionen Dollar pro Film sind schon der Normalpreis“, sagt Thoma, „und wenn die gut im Kino laufen, geht es bis sechs Millionen Dollar rauf, und dafür darf ich sie dann dreimal zeigen in fünf Jahren.“

Von einem „Schlüsseljahr“ spricht ZDF-Intendant Dieter Stolte, weil die Kostenexplosion die Öffentlich-Rechtlichen in dreistellige Millionendefizite treibe und die Werbeeinnahmen der großen privaten Sender durch die Zulassung von vielen neuen Spartenkanälen geschmälert werden. Der Verdrängungswettbewerb werde sich zum „Vernichtungswettbewerb“ verschärfen, prophezeit Stolte.
Die 15 Landesmedienanstalten, die den Krieg beaufsichtigen sollen, tun alles, um ihn anzuheizen: Eigentlich wollte die „Laienspielschar“ (so Berlins Medienwächter Hans Hege) ihre Kontrolle koordinieren und sich nicht mehr von den Privatsendern gegeneinander ausspielen lassen. Doch die Kontrolleure aus Nordrhein-Westfalen preschten vor und versprachen Super RTL eine Lizenz, bevor der neue Sender ein schlüssiges Programmschema vorgelegt hatte: „Da steht vormittags Shiloh Ranch, mittags Shiloh Ranch und abends Shiloh Ranch“, zitiert die Zeit einen Medienaufseher.

Weil der schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin das Gebaren ihrer Landesmedienanstalt inzwischen merkwürdig vorkommt und sie Zweifel hat, ob bei der Zulassung des Kirch-Senders Pro Sieben alles mit rechten Dingen zugegangen ist, will sie die Aufsichtsbehörde gerichtlich zwingen, alle Zulassungsunterlagen herauszugeben. Von einer „Verwilderung der Sitten“ spricht Hege, aber so wild ist es vom ersten Tag an zugegangen in dieser Branche der Goldschürfer. Das Zwölf-Milliarden-Geschäft ist zu schnell gewachsen, als daß irgend jemand Zeit gehabt hätte, auf irgendwelche Sitten zu achten. Fernsehen sei ein langer Highway aus Plastik, hat der neue Sat-1-Programmdirektor Fred Kogel in den USA gehört, „ein Highway, auf dem Zuhälter und Diebe frei herumlaufen und gute Menschen wie Hunde sterben“. Alle möglichen Figuren hat das Flimmermedium im letzten Jahrzehnt angesaugt, aber kaum jemanden ausgespuckt. Wenn einer seinen Job verlor, wartete an der nächsten Ecke der neue Sessel. „Wir Deutschen machen drei- oder viermal mehr Fernsehen, als wir Leute dafür haben“, sagt einer, der als freier TV-Berater (fast) alle Sender von innen kennt. Könner und Versager, Ge-nies und Verrückte, Zocker und Moralisten tummeln sich hinter der Scheibe, die für die Zuschauer die Mattscheibe ist, und wer sich durch die Studios und Büros zappt, wird besser unterhalten als in jeder Soap-opera.
 


 
DER SPIEGEL 24 / 1997
"Der Pleite-Staat"


Titel-Geschichte

,,Avanti Dilettanti"

SOS in Bonn: Die Koalition bekommt die Finanzen nicht in den Griff, die Schulden explodieren. Eine Verschlankung des Staatsapparats ist überfällig. Im engsten Führungszirkel der Regierung wird eine Verschiebung der europäischen Währungsunion nicht mehr ausgeschlossen.

Mißmutig blickte der Kanzler über den Rhein. „Auch für mich gibt es Grenzen des Zumutbaren“, warnte Helmut Kohl mit belegter Stimme die Partei- und Fraktionschefs seiner konservativ-liberalen Koalition, „das sollte hier jedem bewußt sein.“ Endzeitstimmung kam auf beim Krisengipfel im Kanzlerbungalow am vorvergangenen Sonntag abend. In mehrstündiger Sitzung hatten Unionisten und Liberale erneut ihre Unfähigkeit demonstriert, sich zusammenzuraufen.

Alles Wesentliche blieb ungeklärt: Wie soll der Haushalt 1997 finanziert werden? Wie lassen sich die strengen Maastricht-Kriterien für die Währungsunion einhalten? Was wird eigentlich aus der als „Jahrhundertwerk“ angekündigten Steuerreform? 

Als dann auch noch die Nachricht vom Wahlsieg des französischen Sozialisten Lionel Jospin eintraf, war die Stimmung im Kanzlerbungalow restlos dahin. Mit Ausnahme von Spanien und Deutschland sind nun überall in der Europäischen Union Sozialdemokraten mit an der Macht.

Ein genervter Kanzler verbat sich jegliche Euro-Ausstiegsdiskussion, wie sie in den Reihen der CSU bereits geführt wird: „Das wäre tödlich für Deutschland.“ Jetzt komme es in Europa noch mehr auf die Deutschen an.

„Damit das ganz klar ist“, warnte Kohl: Er werde Mitte Juni nicht am Amsterdamer EU-Gipfel teilnehmen, ohne seinen Amtskollegen mit Blick auf die Maastricht?Defizit-kriterien klipp und klar sagen zu können: „Wir Deutschen haben unsere Hausaufgaben gemacht und schaffen es.“

Aber wie? Der Regierung fehlt beides das Geld im Staatshaushalt und ein für CDU, CSU und FDP gleichermaßen akzeptables Konzept, wie die fehlenden Milliarden zu beschaffen sind. Die Koalition im Juni: verschuldet, verkracht, ratlos.

Mit den üblichen Notoperationen kommt Theo Waigel, der dienstälteste Kassenwart der Republik, nicht mehr weiter.
Steuererhöhungen wären bequem doch die FDP will ihr Wort halten, keine zuzulassen. Wenn erneut an der Steuerschraube gedreht wird, sagt FDP-Bundestagsvizepräsident Burkhard Hirsch, „ist Schluß“. Schon wenn die Union an der geplanten Absenkung des Soli-Zuschlags rüttele, drohte FDP?Wirtschaftssprecher Paul Friedhoff, „stellt sich die Koalitionsfrage“.

Gegen die Neubewertung des Goldschatzes und eine Ausschüttung der so gewonnenen Milliarden setzte sich die Bundesbank [...] erfolgreich zur Wehr. Sparen durch weiteren Sozialabbau ist selbst in der Union für viele tabu.

Bleiben die Gutverdiener und die Konzernkassen: Doch die sind kaum mehr für den deutschen Fiskus erreichbar. Schon jede Ankündigung einer Mehrbelastung treibt Privatvermögen und Unternehmen ins Ausland.

Neue Schulden auftürmen und auf bessere Zeiten hoffen, auch dieser Weg ist verbaut. Waigel hat sich, gedrängt von seinem CSU?Rivalen, Bayerns Premier Edmund Stoiber, auf eine punktgenaue Erfüllung der Maastricht-Kriterien festgelegt.

Stoiber bleibt auch nach Bekanntwerden der neuen Haushaltslücken stur, er will seinem Parteichef keinen zusätzlichen Verschuldensspielraum einräumen: Die Maastricht-Kriterien aufweichen? fragt die WIRTSCHAFTSWOCHE. „Auf keinen Fall!“ sagt Stoiber.

Die Schuldenfalle, so scheint es, ist zugeschnappt, die Regierung zappelt nur noch. Mit ihrer fragilen Zwölf-Stimmen-Mehrheit im Bundestag und gegen einen SPD-dominierten Bundesrat ist eine Selbstbefreiung kaum mehr möglich.

Sieben Jahre nach der deutschen Einheit mündet die seit Jahren latente Finanzmisere in einer Regierungskrise. Die Kohl-Mannschaft wirkt nervös, die Abgeordneten von Union und FDP, die in der vergangenen Woche im Bundestag knapp die Abwahl ihres Finanzministers verhinderten, taumeln von Haushaltsloch zu Haushaltsloch.

Aufmerksam registriert die Regierungsmannschaft, daß sich im europäischen Ausland das konservative Zeitalter dem Ende neigt. Die Bürger in Frankreich, Italien und Großbritannien haben sich, genervt durch jahrelangen Sparzwang, den Linken anvertraut.
In Frankreich regiert nun der Traditions-Sozialist Lionel Jospin, der die Wirtschaft mit staatlichen Programmen ankurbeln will. In Großbritannien verspricht Labour-Premier Tony Blair eine „neue soziale Gerechtigkeit“ und Geld für die in der Thatcher-Ära Gebeutelten.

Die große Gemeinschaftsaktion der Europäer, die neue Einheitswährung, wackelt. Selbst die Franzosen, die nun wieder staatliche Wohltaten verteilen wollen, verabschieden sich mit ihrer neuen Spendierfreudigkeit vom Euro - freilich ohne schon offiziell adieu zu sagen.

In den deutschen Parteien wächst der Zweifel, ob der Weg nach Maastricht überhaupt noch zu schaffen ist. In der vergangenen Woche forderten erneut namhafte Ökonomen die Verschiebung der ehrgeizigen Währungspläne.

Der letzte Versuch der Regierung, mit Hilfe des Bundesbank-Goldes die Krise zu lösen, hat alles nur noch schlimmer gemacht. Noch nie hat eine Bundesregierung gleichsam über Nacht dermaßen an internationalem Renommee verloren.

Verstrickt in Verträge und Versprechungen, gab der Kanzler unmittelbar vor seinem Washington-Trip am Mittwoch vergangener Woche im Parlament eine Vorstellung ohne Wegweisung oder gar Vision. Scheinbar blind für die Umbrüche in Europa, wo nun überall das Thema Sozial- und Beschäftigungspolitik auf der Tagesordnung steht, beharrte Kohl auf seinem Kurs: „Unsere Politik hat sich nicht verändert.“

Mausgraue Gesichter auf den Regierungsbänken. Der grüne Fraktionschef Joschka Fischer schmetterte dem Kanzler fröhlich ein „Avanti Dilettanti“ entgegen.

Zwar schaffte es die Koalition, den Ablösungsantrag gegen Waigel abzuwehren. Aber die Schlacht um Haushaltslöcher und Euro - damit das Schicksal der christliberalen Allianz - ist noch keineswegs entschieden.

Nur zu gern würden führende Politiker der Kohl?Koalition inzwischen den Maastricht-Zug bremsen oder ihn zumindest für ein Weilchen stoppen. Doch „wir dürfen darüber nicht reden“, waren sich Kohl und Waigel spontan einig, „von uns darf es nicht kommen“. Denn die Nachbarstaaten, die auf deutschen Druck ein Sparpaket nach dem anderen schultern mußten, würden „sich reingelegt fühlen“. Der politische Schaden wäre immens.

Doch Waigel will versuchen, das schier Aussichtslose noch zu schaffen und das deutsche Staatsdefizit in diesem Jahr bei 3,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu halten. Er hofft: „Wir kommen spitz hin.“

Dafür will der Bonner Finanzchef jetzt auf die Schnelle ein neues Sparpaket schnüren, mit einem Volumen von sechs bis acht Milliarden Mark. Entschieden ist nichts. An den Details wird noch gearbeitet. Gesucht sind „Aktionen, die wir selber machen können“, gab Waigel seinen Fachleuten Order. Also Maßnahmen, die nicht der Zustimmung des SPD-dominierten Bundesrates bedürfen. Politisch heikel sind sie gleichwohl.

So soll noch einmal die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit kräftig kürzen. Ob man denn nicht auf die mehr als zwei Milliarden Mark verzichten könne, mit denen die Arbeitsämter im zweiten Halbjahr 1997 Arbeitsbeschaffungs? und Ausbildungsmaßnahmen bezahlen wollen, erkundigten sich Waigel-Helfer bei den Fachleuten des Arbeitsministeriums.

Die Beamten im Arbeitsministerium waren entsetzt. Zwei Drittel der eingesparten Mittel würden an anderer Stelle sofort wieder fällig - um die bis ZU 200.000 zusätzlichen Arbeitslosen zu bezuschussen, die Bonn auf diese Weise produzierte. „Das wird auf keinen Fall laufen“, kündigt CDU-Haushälter und Ostlobbyist Manfred Kolbe vorsorglich Widerstand aus der Fraktion an.

Auch andere neue Sparideen aus dem Hause Waigel dürften heftige Proteste auslösen. So könnte etwa den Beamten das Weihnachtsgeld noch in diesem Jahr kräftig gekürzt oder gar gestrichen werden. Die FDP-Führung, der Waigel seine Vorhaben noch recht vage ankündigte, ist skeptisch: Damit werde der Christsoziale in seiner Union wohl nicht durchkommen.

„In den nächsten Tagen“, ermahnte Waigel Unionsfreunde und Koalitionspartner, „müssen die Entscheidungen fallen - wir halten das nicht mehr lange durch.“ In dieser Woche schon sollen sich die Partei- und Fraktionschefs deshalb auf die Grundlinien für den Haushalt 1998, den Nachtragshaushalt 1997 und zusätzliche Sparaktionen festlegen.

Ende Mai hatte der Finanzminister rund 90 Prozent seiner Kreditlinie fürs ganze Jahr ausgeschöpft. Die üblichen Reservekassen des trickreichen CSU-Chefs - sogenannte Personalverstärkungsmittel zum Beispiel oder überhöhte Posten für bestimmte Osthilfen - sind längst geleert. Seine Beamten verzögern jede Auszahlung, nutzen jede Mark für ihr „cash management“: Sie kassieren Zinsen für Geld, das anderen zusteht.

Damit sind die gigantischen Haushaltslöcher allerdings nicht zu stopfen. Was Unionsfraktionschef Wolfgang Schäuble, mit leichtem Weichzeichner, als „objektiv schwierige Situation“ beschreibt, definiert der Haushaltsfachmann der SPD, Karl Diller, klarer: „Waigel ist finanziell am Ende.“

FDP-Fraktionschef Hermann Otto Solms informierte seine Parteifreunde vorige Woche über die neueste Addition der Fehlbeträge: 20 Milliarden Mark in diesem Jahr, 30 Milliarden im nächsten „und noch mehr“ - rund 40 Milliarden Mark - für 1999. „Es ist möglich, daß wir das hinkriegen“, so Solms vor der Fraktion, „aber es kann auch sein, daß alles platzt.“

Die Staatsfinanzen seien „noch viel fundamentaler in Unordnung“ als an diesen Zahlen ablesbar, warnte der CDU?Haushaltsexperte Aldolf Roth. Die Menschen stöhnten unter einer immer drückender empfundenen Steuerlast, aber in die Staatskassen komme immer weniger, und auf der Ausgabenseite explodierten die Kosten des sozialen Netzes. Ohne grundlegende Reformen, so Roth, gehe es „immer weiter in die falsche Richtung“.

Dabei hatte die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg als Staat ohne große Defizite begonnen. Fritz Schäffer, CSU-Politiker und erster Finanzminister der Republik, hatte ganz andere Probleme: nicht zuwenig Geld, sondern zuviel; kein Minus, sondern ein Plus in der Kasse.

Bis Mitte der fünfziger Jahre häufte der knauserige Jurist mit spitzem Bleistift und eiserner Sparsamkeit den legendären „Juliusturm“ auf: 1,6 Milliarden Mark Plus im Jahr 1953, rund 2,8 Milliarden im Jahr 1954 und gar 3,6 Milliarden 1955. Schließlich hatte Schäffer überschüssige liquide Mittel von 7 Milliarden Mark in der Kasse.

Paradox genug: Ausgerechnet diese Überschüsse brachten dem spröden Münchner damals ständig Ärger ein. Er sei ein kleinlicher „Fiskalist“, mäkelten Freunde und Gegner; und selbst Konrad Adenauer sagte über seinen Sparminister: „Ich wetze mich an ihm wie ein Messer an einem Schleifstein.“

Immer wieder malte Schäffer die Gefahr eines Bankrotts an die Wand, während er Million über Million anhäufte, immer wieder drohte er, um sich Gehör zu verschaffen, mit Rücktritt - ehe er schließlich 1957 ins Justizministerium wechselte. Von dort mußte er mit ansehen, wie der „Juliusturm“ schnell wieder zertrümmert wurde.

So begann der Weg in die Schuldenrepublik Deutschland. Schäffers Nachfolger Franz Etzel verließ das Finanzministerium 1961 mit einer Gesamtverschuldung von 57 Milliarden Mark. Schon Wirtschaftswundermann Ludwig Erhard mußte als Kanzler 1966 ein Haushaltssicherungsgesetz einbringen - über das seine Koalition und seine Kanzlerschaft schließlich zerbrachen [...].

Allzugern schöpften die Regierenden in Bonn, vor allem die Sozialdemokraten, die von 1969 an mit Willy Brandt den Regierungschef stellten, in den nächsten Jahren aus dem vollen und liehen sich für ihre stetig wachsenden Haushalte das Geld, das sie nicht besaßen. Der wirtschaftstheoretische Zeitgeist sorgte für Rückenwind: „Deficit spending“ war schick in den sechziger und siebziger Jahren. Die Lehre, die dahinter stand, hatte ein Brite in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts entwickelt: John Maynard Keynes (1883 bis 1946).

Der Ökonom und Diplomat zog damit seine Lehren aus der Weltwirtschaftskrise, aus den verheerenden Folgen der Massenarbeitslosigkeit. Der Markt allein, so urteilte Keynes, könne es nicht richten; der Staat müsse korrigierend eingreifen.
Gerade wenn die Wirtschaft in der Rezession steckt, sei die Regierung gefordert, mit zusätzlichen Ausgaben die Konjunktur anzukurbeln. Schulden, so der Tenor des Keynesianismus, sind nicht per se schlecht.

Die Politiker in Europa, aber auch in den USA hörten diese Doktrin nur allzugern. „Wir sind jetzt alle Keynesianer“, urteilte US?Präsident Richard Nixon Anfang der Siebziger.

Doch die Mächtigen vergaßen dabei die zweite Hälfte der Keynes?Lehre: In guten Zeiten nämlich, wenn die Wirtschaft wieder boomt, sollte der Staat seine Ausgaben zurückfahren, ja sogar Überschuß erwirtschaften, um die aufgenommenen Schulden abzutragen. Die Fiskalpolitiker sollten sich „antizyklisch“ verhalten.

Daraus wurde nichts: Den Regierenden fiel es, mit Blick auf die nächsten Wahlen, stets schwer, bei ihrer Klientel einmal gewährte Leistungen wieder einzukassieren.

Das mußte schon Karl Schiller erleben, der von 1966 an wie kein anderer in Deutschland die Thesen von Keynes verbreitete. Der sozialdemokratische Wirtschaftsminister schuf zwar das immer noch gültige Stabilitäts- und Wachstumsgesetz und verankerte dort die Regel von der antizyklischen Fiskalpolitik.

Doch als Schiller im Frühjahr 1972, inzwischen zum Superminister für Wirtschaft und Finanzen aufgestiegen, gegensteuern wollte und Ausgabenkürzungen von 2,5 Milliarden Mark an mahnte, ließ ihn das Kabinett der sozialliberalen Koalition im Stich. Resigniert trat Schiller am 7. Juli 1972 zurück. Zuvor hatte er auf dem SPD-Steuer-Parteitag in Bonn noch einmal getobt: „Genossen, laßt die Tassen im Schrank.“

Die Regierungsparteien waren nicht bereit, die Ansprüche der Wähler zurückzuschrauben. Die Folgen der Ausgabenfreude zeigten sich erstmals nach der Ölkrise 1973/74, als die Scheichs die Energiepreise (und damit die Produktionskosten in den Industrieländern) radikal verteuerten: Die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an, die Steuern blieben hinter den Erwartungen zurück, die Schulden explodierten.

Erst erreichte die Staatsverschuldung 168 Milliarden Mark (1973), dann 192 Milliarden (1974), schließlich 256 Milliarden Mark (1975) ? SPD?Kanzler Helmut Schmidt und sein Finanzminister Hans Apel kamen Mitte der siebziger Jahre schließlich mit dem Aufstellen neuer Kalkulationen kaum nach. „Ich glaube“, so urteilte damals FDP-Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs, „wir haben über unsere Verhältnisse gelebt.“ Der Koalitionsbruch deutete sich an.

Die sozial?liberale Regierung, angetreten, um alles zu verbessern - mehr Gesundheit, bessere Ausbildung, weniger Armut, höheres Kindergeld, mehr Renten mußte erkennen, daß sie in der Schuldenfalle steckte. Im schlimmen Krisenjahr 1975 fehlten Bund, Ländern und Gemeinden insgesamt 60 Milliarden Mark.

Doch große Teile der SPD mochten sich der Sparsamkeit nicht verschreiben. Zu stark war ihr Glaube an staatliche Konjunkturprogramme, zu mächtig der Druck der Gewerkschaften. Die Funktionäre wünschten sich einen Staat, der anschiebt, eingreift, selbst macht. Insgesamt beschlossen die SPD-geführten Regierungen Brandt und Schmidt (1969 bis 1982) neun große Konjunkturprogramme mit einem Finanzvolumen von 59,5 Milliarden Mark.

Die Arbeitslosigkeit wurde dadurch nicht nennenswert verringert, die Staatsschuld aber wuchs und wuchs. Letztlich stürzte die sozial-liberale Koalition 1982, wie schon die christliberale 1966, über die Wirtschafts? und Finanzpolitik. Am 10. September 1982 griff die sozial?liberale Koalition zum letzten verbliebenen Mittel und brachte im Bundestag ein Haushaltssicherungsgesetz ein, das Sozialleistungen kürzte. Eine Woche später war sie am Ende.

Die neue, konservativ-liberale Regierung versprach eine Korrektur der Finanzpolitik. Unter Kanzler Helmut Kohl galten die Theorien von Keynes nicht mehr.

Statt einer Nachfrage- war nun eine deutsche Variante der klassischen Angebotspolitik angesagt: weniger Staat, statt dessen mehr Freiraum für die private Wirtschaft.

Es galten nun eher die ökonomischen Lehren des Monetarismus: Milton Friedman, Nobelpreisträger aus Chicago, und seine Mitstreiter hielten nichts von Konjunkturprogrammen, sie propagierten vielmehr Liberalisierung, Deregulierung und weniger Wohlfahrtsstaat - Losungen, die vor allem von Ronald Reagan und Maggie Thatcher willig aufgenommen wurden. Und dieser ökonomischen Zeitwende folgten in abgeschwächter Form auch die neuen Machthaber in Bonn.

Staatliche Leistungen wurden zurückgeschnitten, Schüler-Bafög gestrichen, Wohngeld und Mutterschaftsgeld gekürzt. Die ersten Erfolge der Kohl-Regierung stellten sich ein: Christdemokraten und Liberale schafften es, bis 1989 die Staatsquote, den Anteil aller öffentlichen Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt, von 50,1 auf 45,8 Prozent zu senken. Auch die Nettoneuverschuldung des Bundes drückten sie zeitweise von 37,2 Milliarden Mark (1982) auf 22,9 Milliarden Mark (1986).

Finanzminister Gerhard Stoltenberg sah die Ordnung der Staatsfinanzen als „eine zutiefst sittliche Frage“ an, träumte gar vom Ende jeglicher Kreditaufnahme („wie zu Fritz Schäffers Zeiten“). Die Medien lobten, etwa die ZEIT, seine „gußeiseme Souveränität“ - und in Popularitätsumfragen rangierte Stoltenberg ganz weit oben.

Mit seiner Sparpolitik drängte er sogar die Inflation auf eine „negative Zuwachsrate“ von minus 0,2 Prozent zurück - erstmals seit 1953. Mit einer dreistufigen Steuerreform wollte Stoltenberg sein Meisterstück abliefern, senkte die Abgaben und führte einen linear-progressiven Tarif ein.

Doch schon vor der deutschen Einheit geriet die Finanzpolitik aus dem Tritt. Auf die Kalkulationen der Koalition war spätestens 1988 kein Verlaß mehr, auch wenn der Kanzler unverdrossen verkündete: „Das Gütesiegel bleibt unsere Haushaltssolidität.“ Denn kaum hatte das Jahr 1988 angefangen, fehlten plötzlich zehn Milliarden Mark im Haushalt: weil der Dollar gesunken war; weil die Subventionen zu üppig angesetzt waren; und weil die Regierung sich bei den Steuereinnahmen schlicht verrechnet hatte.

So schlug sich Stoltenberg mit immer neuen Finanzlöchern herum, auch damals schon wurde im Frühsommer ein Nachtragshaushalt fällig. FDP-Wirtschaftssprecher Graf Lambsdorff wetterte: „Wir haben uns benommen wie jemand, der in einem fürstlichen Restaurant ein opulentes Mal zu sich nimmt und nachher erstaunt ist, wenn er die Rechnung sieht.“

Sieben Jahre CDU/FDP-Regierung hatten ausgereicht, um die Schulden des Bundes um mehr als die Hälfte zu erhöhen. Der so erfolgreich gestartete Stoltenberg mußte im April 1989, sieben Monate vor dem Mauerfall, zurücktreten. Vom britischen Magazin EUROMONEY wurde er zum „schlechtesten Finanzminister“ des Jahres gekürt. Der Jurist Theo Waigel begann seinen Dienst als Kassenwart.

Exakt 497 Milliarden Mark Schulden erbte der CSU-Mann, mitsamt den Defiziten von Ländern und Gemeinden waren es sogar 929 Milliarden Mark. Doch die vergleichsweise glücklichen Tage waren gezählt.

Das Ende des real existierenden Sozialismus wurde für Waigel zum real existierenden Debakel. Es war eine Mischung aus falschen Entscheidungen, falschen Hoffnungen und falschen Rechnungen, die das Milliardenminus in neue Dimensionen trieb.

Der Umtauschkurs für die DDR?Bürger war mit 1:1 beziehungsweise 1:2 für höhere Sparguthaben zu großzügig angesetzt. Die Bundesrepublik mußte nun auch die Staatsschulden der DDR übernehmen, den volkseigenen Betrieben raubte die gigantische Aufwertung die Absatzmärkte im Osten.

Ein Milliardentransfer an Subventionen begann, der auch heute noch mit 130 Milliarden Mark jährlich zu Buche schlägt. Weil der Westen zum Verzicht nicht bereit war, wurde der Aufbau Ost weitgehend auf Pump finanziert.

Bonn glaubte, daß „der ganze Salat“ (Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder) der DDR-Wirtschaft womöglich 600 Milliarden Mark wert sei, doch die VEB und LPG waren völlig marode.

Waigel und Kohl hofften noch immer, daß wie von selbst zusammenwachse, was plötzlich zusammengehörte. Steuern, so versicherten sie, würden nicht erhöht. Die Milliardentransfers wurden mit immer neuem Leihgeld bestritten, allein 1990 wurden drei Nachtragshaushalte fällig.

Helmut Kohl, der vor der Wahl versprochen hatte: „Wenn ich sage, wir machen keine Steuererhöhung, dann machen wir keine“, mußte schließlich 1991 doch die Steuern raufsetzen - für Benzin, Tabak und Versicherungen - und den Solidaritätszuschlag einführen. Selbst BILD kanzelte den „Steuerlügner Kohl“ (SPD), mit einem Foto quer über die volle Breite der Titelseite gelegt, als „Umfaller“ ab.

Doch die Annahmen waren noch immer zu positiv. Die zusätzlichen Steuern, die Waigel eintrieb, reichten nicht, die Löcher zu stopfen. Binnen kurzem hatte sich der Oberkassierer zum Oberschuldner entwickelt - allein 1990 nahm der Bund 46,7 Milliarden Mark Kredit auf und 1991 gar 52 Milliarden.

Irritiert nahm die Europäische Gemeinschaft „das Ausmaß und die Plötzlichkeit des Umschwungs“ im Haushalt der Bundesrepublik zur Kenntnis. Ende 1989 entsprach das gesamte öffentliche Defizit noch knapp 42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, Ende 1996 dagegen schon über 60 Prozent.

Waigel nahm es bei der „Kostenstelle Vaterland“ (WELT) nicht sonderlich genau: „Wer täglich nur nach den Kosten fragt“, wehrte er 1990 seine Kritiker ab, „stellt die nationale Einheit Deutschlands in Frage.“

Wer dennoch fragte, der mußte sich durch eine ganz neue Haushaltsarithmetik kämpfen, durch Schatten- und Nebenetats, die erst heute, wo sie unter die Schuldenkriterien der Europäischen Währungsunion fallen, vielen bewußt werden.

Noch bis zum Mauerfall flossen die Kredite vorwiegend in den offiziellen Bundeshaushalt. Seither ist angesichts etlicher Sondertöpfe erst auf den zweiten Blick erkennbar, wie ungeniert die Bundesregierung auf Pump lebt:
 

  • So verbergen sich im Erblastentilgungsfonds, den Waigel mit dem Gewinn aus den neubewerteten Goldreserven der Bundesbank reduzieren möchte, die Staatsschulden der DDR (28 Milliarden), die Verluste der Treuhandanstalt (205 Milliarden), die Kosten der Währungsumstellung (30 Milliarden) oder die Verbindlichkeiten der DDR?Wohnungs-bauunternehmen (29 Milliarden) Ende 1996 alles in allem 332 Milliarden Mark.
  • So versteckte der Finanzminister 84 Milliarden Mark im Fonds „Deutsche Einheit“; dahinter verbergen sich Kredite, mit denen bis 1994 Zuweisungen für die ostdeutschen Länder finanziert wurden.
  • So schlummern im ERP-Sondervermögen größtenteils die Hilfen für ostdeutsche Existenzgründer und Unternehmer - nochmals 34 Milliarden Mark.
Wieviel von den 1,2 Billionen Mark, die Bund, Länder und Gemeinden seit 1989 zusätzlich aufgetürmt haben, dabei indirekt oder direkt dem Mauerfall zuzurechnen sind, können selbst Experten nicht exakt beziffern. Die Bundesbank schätzt: mehr als die Hälfte. Das Bonner Institut für Wirtschaft und Gesellschaft glaubt: etwa ein Drittel.

Fest steht: Der Westen des Landes hat versucht, die neue Aufgabe zusätzlich zu schultern. Obwohl die Republik unter den Lasten der Einheit ächzt, stiegen die Zuwendungen für die Klientel im Westen weiter an. Niemand wollte verzichten - die Regierung schon gar nicht. Selbst die Einführung der Pflegeversicherung, die erneut die Lohnnebenkosten erhöhte, wurde noch durchgesetzt, als das Debakel längst in Sicht war. 

Auch bei den direkten Subventionen gab es kein wirkliches Zurück: Die Kohlekumpel wurden bedient, die Landwirte sowieso, auch die Industriesubventionen flossen ungemindert weiter.

Deutschland, so bemängelt EU?Wettbewerbshüter Karel van Miert, ist mit Staatszuwendungen von 32 Milliarden Mark jährlich allein an die Industrie inzwischen „Europameister“ - noch vor Italien (23 Milliarden Mark) und Frankreich (13 Milliarden Mark). Dabei seien die Bonner Geldgeber, so kritisiert der Bundesrechnungshof in seinem jüngsten Bericht, oft „nicht in der Lage, die Zielerreichung, Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit von Subventionen einzuschätzen“.

Die muntere Ausgabenpolitik der Regierenden schlägt bis nach unten durch - in die Länder, Landkreise und Gemeinden. Eine Kultur der Sparsamkeit und der ökonomischen Effizienz hatte in Deutschland bisher keine Chance, am wenigsten in sozialdemokratischen Spitzenschuldenländern wie Nordrhein-Westfalen, Bremen oder dem Saarland. Selbst Hamburg, die angeblich wohlhabendste Stadt Europas, ist mit über 18000 Mark pro Einwohner verschuldet. In den Amtsstuben herrscht allen Sparrunden zum Trotz - eine zum Teil unbekümmerte Ausgabenfreude.

Rund 60 bis 70 Milliarden Mark, so schätzt der Bund der Steuerzahler, werden durch die vielen kleinen und großen Verfehlungen jährlich verschleudert. In seinem neuen „Schwarzbuch“, das im Oktober erscheint, rügt der Steuerzahlerbund erneut unzählige unfaßbare Fälle von Steuerverschwendung.

Im Keller des Nürnberger Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge sollen 500 Telefone, 78 Arbeitsplatzcomputer, 250 Terminals und 84 Laserdrucker zum Teil seit Jahren unbenutzt und originalverpackt verstauben - Gesamtwert: 1,4 Millionen Mark.

Im Saarland soll das Büro des Umweltministers für rund 34.000 Mark renoviert worden sein, obwohl der Umzug in ein anderes Gebäude längst feststand und das neue Büro acht Monate später ebenfalls renoviert wurde. Kosten: 10.000 Mark.

Doch es sind nicht allein die Ausgaben des Staates, die für das Milliardendefizit sorgen. Auch die Einnahmen lassen sich in den neunziger Jahren immer schwerer kalkulieren. Denn Steuervermeidung ist zum Volkssport geworden.

Waigel macht dabei ein Phänomen immer stärker zu schaffen, um das sich ein Fritz Schäffer noch nicht kümmern mußte: die Globalisierung. „Das Elend der deutschen Finanzpolitik“, urteilte bereits 1993 Konrad Littmann, langjähriger Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bonner Finanzministerium, erkläre sich „aus der anhaltenden Unfähigkeit der Politik und der Bürokratie, notwendige Antworten auf eine sich ändernde Welt zu geben“.

In Zeiten des freien Waren- und Kapitalverkehrs lassen die globalen Konzerne ihre Steuern immer mehr dort anfallen, wo die Sätze niedrig sind: in Irland, in Belgien und in den Niederlanden oder in Steueroasen wie auf den Kanalinseln oder in Gibraltar. Mittels firmeninterner Verrechnungspreise und anderer Tricks können die Steuerspar? Trupps der Multis Gewinne an fast jeden beliebigen Ort der Erde transferieren.

„Die Ära, in der der Staat den Unternehmen Regeln vorgeben konnte, ist vorbei“, glaubt auch der amerikanische Ökonom Lester Thurow. Seine Prognose: „Es wird sich als zunehmend schwierig erweisen, unmittelbar für den Bürger bestimmte Konsumleistungen über die Besteuerung der Unternehmen zu finanzieren.“

Notfalls siedeln selbst urdeutsche Konzerne ihre Zentrale einfach im Ausland an. So residiert die Holding des Handelsriesen Metro (Kaufhof, Horten, Vobis) ebenso in der Schweiz wie die des niederrheinischen Getränkeherstellers Underberg.

Und das Kapital des Pharmakonzerns Boehringer Mannheim, vor 138 Jahren am Rhein gegründet, wurde zuletzt durch eine Firma auf den Bermudas gesteuert, bis vor zwei Wochen der Schweizer Konzern Roche einstieg. Folge: Der deutsche Finanzminister bekommt vom höchsten Kaufpreis, der je für ein hiesiges Unternehmen bezahlt wurde - von 19 Milliarden Mark -, keinen Pfennig. „Waigel“, sagt der bisherige Boehringer-Chef Curt Engelhorn, „wird sich ärgern.“

Die Gewichte haben sich verschoben: Noch 1960 zahlten die Unternehmen doppelt soviel in die Staatskasse ein wie das gemeine Steuervolk, ohne daß das Wirtschaftswunder Schaden nahm. Heute tragen die Unternehmen nur noch mit rund acht Prozent zum gesamten Steueraufkommen der Republik bei, während der Anteil der Lohnsteuer etwa viermal so hoch liegt.

Egal, ob Siemens, Daimler, MAN oder BMW - fast alle Konzerne bemühen sich, ihre Steuerlast im Inland zu senken und beschäftigen ganze Heerscharen von Finanzexperten, die die Last der Abgaben weltweit optimieren. Auch deshalb entwickelten sich Waigels Einnahmen, wie die Bundesbank nüchtern anmerkt, „in den letzten beiden Jahren deutlich schwächer, als nach der gesamtwirtschaftlichen Datenlage anzunehmen war“.

Mit einfachen Sparmaßnahmen  ein paar Kürzungen hier, eine Einschränkung da - ist dem Bonner Etat nicht mehr zu helfen. Allein die Zinsen für bereits bestehende Kredite treiben die Schulden immer weiter nach oben. Schon 1996 gingen rund 25 Prozent aller Steuereinnahmen des Bundes für Zinsen drauf, im Jahr 2000, so prognostiziert der Bundesrechnungshof, muß die Regierung erstmals mehr als loo Milliarden Mark im Jahr für Zinsen zahlen.

Mit vielen kleinen und großen Einsparungen will die Regierung doch noch der Schuldenfalle entkommen. Auch Immobilien und Firmen in Staatsbesitz sollen nun verhökert werden wie bei einem Totalausverkauf wegen Geschäftsaufgabe.

Zehn bis allenfalls zwölf Milliarden könnten dadurch noch in diesem Jahr eingenommen werden, ein etwa gleicher Batzen im nächsten. Doch auch das, rechnete Christdemokrat Armin Laschet nach, „wird nicht reichen“.

Alle Ressorts sollen noch einmal ausgekämmt, alle Zahlungen - die nicht rechtlich zwingend sind - gekürzt werden: Von den Sprachkursen der Goethe-Institute in aller Welt bis hin zum Zuschuß für Inter Nationes in Bonn. Jede Ausgabe über eine Million muß künftig überWaigels Schreibtisch.

Keine Idee ist zu abwegig, alles wird versucht. Nach den Gold? und Devisenreserven der Bundesbank fiel der Blick der Bonner Schuldenmanager auf die nationale Rohölreserve für Krisenzeiten: Für 1,5 Milliarden Mark wollen sie nun Öl verkaufen. „Leider haben wir als strategische Reserve keine Butterberge mehr“, spöttelt FDP-Altvater Hans?Dietrich Genscher.

Tiefdeprimiert verfolgt das Fußvolk der Koalition die plan- und glücklosen Aktionen ihrer VIPs. Der Bundestagsneuling Peter Altmeier (CDU), bei der Führung gelegentlich durch Aufsässigkeit aufgefallen, monierte in der Fraktionssitzung vorige Woche: „Das Elend“ habe man doch bereits vor Monaten erkennen müssen.

Nötig wären ohnehin grundlegende Reformen. Vor allem die jungen CDU?Chefs in den Ländern wünschen sich einen „schlanken Staat“, eine „Effizienzrevolution in den Amtsstuben“, wie sie von Experten seit Jahren gefordert wird.

Nur so läßt sich die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben auf Dauer schließen. Nur so kann der Staat wieder mehr Freiraum für Investitionen schaffen und für eine spürbare Entlastung der Steuerzahler sorgen.

Selbst die Grünen des Joschka Fischer wollen das Problem der Staatsverschuldung grundsätzlich angehen. Sie wissen: Eine Ökosteuer, zusätzlich zur bisherigen Staatsfinanzierung, hat keine Chance. Der Staat muß vorher schlanker werden.

Deutschland ist in Europa das Land mit dem geringsten Anteil an Selbständigen und dem höchsten Prozentsatz von Staatsdienern. Auf 1000 Einwohner kommen hierzulande 40 Beschäftigte im Öffentlichen Dienst. In Italien sind es nur 27, in Irland 19.

Gemessen am Standard vergleichbarer europäischer Länder, ermittelte das Institut der deutschen Wirtschaft, leistet sich die Bundesrepublik einen Überhang von mehr als einer halben Million öffentlich Beschäftigter.

Den Unternehmen hat die aufgeblähte Bürokratie nicht weniger, sondern mehr Arbeit gebracht. Mit ihren langwierigen Genehmigungsverfahren und den komplizierten Steuergesetzen kostet sie die Wirtschaft jährlich 58 Milliarden Mark, errechnete das Bonner Institut für Mittelstandsforschung.

Um das Mehrwertsteuergesetz befolgen zu können, müssen sich die Firmen heute mit rund 58o Erlassen, Verfügungen und Schreiben vertraut machen. In der Sozialversicherung sind bis zu 8o Meldepflichten zu beachten.

Experten aus der Wirtschaft fordern eine durchgreifende Rationalisierung des Staatsapparates. Der verkrustete und unwirtschaftlich arbeitende Öffentliche Dienst müsse sich einer ähnlichen Roßkur unterziehen, wie sie die meisten deutschen Großkonzerne hinter sich haben.

Die Unternehmensberatung Arthur D. Little hat den deutschen Staat wie eine Firma untersucht und dabei ein Sparpotential von 260 Milliarden Mark errechnet. Innerhalb von vier Jahren könnte es ausgeschöpft werden.

Nach den Erfahrungen, die die Experten durch ihre langjährige Beratungspraxis für den Öffentlichen Dienst gewannen, werden sich in diesem Zeitraum 25 bis 40 Prozent der heutigen Aufgaben erledigen durch den Abbau dadurch überflüssig gewordener Stellen ließen sich 30 Milliarden Mark sparen.

Der Umzug nach Berlin böte eine einmalige Chance, die aufgeblähte Bonner Ministerialbürokratie zu verkleinern. Allenfalls 40 Prozent der dort verrichteten Arbeit sind noch politischer Natur, die meisten Ministerialen beschäftigen sich inzwischen mit Verwaltungstätigkeiten, die ebenso gut von nachgeordneten Behörden erledigt werden könnten.

Für überbesetzt halten die Unternehmensberater vor allem die sogenannten Zentraldienste in den Ministerien und Behörden. Durchschnittlich 35 Prozent der Beschäftigten kümmern sich dort um Dinge wie Personal, Organisation und Haushalt. Etwa zwei Millionen Staatsdiener arbeiten nicht für die Bürger, sondern verwalten die Verwaltung.

Eine Quelle der Verschwendung von Steuergeldern ist die mangelnde Transparenz bei den öffentlichen Ausgaben. „Hundert Jahre Betriebswirtschaftslehre sind scheinbar spurlos an der öffentlichen Verwaltung vorübergegangen“, klagt Michael Endres, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank.

Das größte Einsparpotential mit weit über hundert Milliarden Mark orteten die Unternehmensberater von Arthur D. Little bei den antiquierten Arbeitsabläufen in den Amtsstuben. „Einfachste Grundsätze unternehmerischer Organisation sind bisher nicht beachtet worden“, kritisieren sie.

Auch ein Abbau der staatlichen Subventionen würde dem Staat Milliarden sparen. Nach dem offiziellen Bericht der Bundesregierung summierten sich die Finanzspritzen 1995 auf 116 Milliarden Mark.

Der Betrag ist gewaltig, doch bei der Rechnung sind viele Posten wie Wohngeld, Krankenhauszuschüsse oder die Hilfen für die Bahn gar nicht berücksichtigt.

Das wahre Ausmaß ermittelten jüngst Forscher vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Sie kamen bei der Auswertung der Haushaltsbücher auf nicht weniger als 303 Milliarden Mark an „Vergünstigungen, die der Staat ausgewählten Produktionszweigen gewährt“.

Die Masse der Steuerzahler wird geschröpft, damit eine Minderheit in den Genuß staatlicher Wohltaten kommt. Dabei weiß keiner so recht, ob der Geldsegen wenigstens den Begünstigten nutzt. „Meist werden keine überprüfbaren Ziele sowie Maßstäbe vorgegeben, an denen der Erfolg einer Maßnahme gemessen werden könnte“, kritisiert der Bundesrechnungshof.

Ökonomen sind sicher, daß die Hilfen letztlich ihr Ziel verfehlen. Marode Branchen wie der Steinkohlebergbau, mit 120 000 Mark pro Kumpel und Jahr einer der größten Geldfresser, werden über Jahrzehnte künstlich am Leben gehalten. Der Strukturwandel in den betroffenen Regionen verzögert sich. Für zukunftsweisende Investitionen fehlt das Geld.

Doch zu einer grundlegenden Staatsreform fehlt der Regierung jede Vorarbeit und oft auch die Macht, weil sie durch ein kraftvolles System von Gegenmächten eingeschränkt wird: durch den Bundesrat, das Bundesverfassungsgericht oder das Bundeswahlgesetz, das fast zwangsläufig zu Koalitionsregierungen führt. Und auch der politische Wille fehlt: Die Spitzenpolitiker von CSU, CDU und FDP glauben, daß sie den Wahltag auch so erreichen werden.

Die SPD soll dabei helfen. Schäuble präsentierte der Öffentlichkeit am Montag die verblüffende Idee, schon 1998 wesentliche Teile der Steuerreform vorzuziehen. Ganz schnell soll es nun neue Gespräche mit den Sozialdemokraten geben. Schäuble gibt sich offen „für alles, was gemeinsam geht“.

Er will die Sozis dafür gewinnen, belastende Teile des Steuerpakets - etwa das Streichen von Vergünstigungen ? sofort, die entlastenden Steuersenkungen aber erst mit Verzögerung in Kraft zu setzen. Das fülle zunächst den SPD?Ländern ebenso die Kassen wie dem nahezu bankrotten Bundesfinanzminister.

Der Clou des Plans: Die Liberalen könnten Steuererhöhungen zustimmen, ohne das Gesicht zu verlieren. Denn das Paket würde selbstverständlich die Aufschrift „Steuerreform“ tragen.

Pech nur für Schäuble, daß die Freidemokraten sogleich abwinken. Solms kategorisch: „Mit uns läuft das nicht.“

Einen großen Brocken, mit dem eigentlich die Steuerentlastungen einer großen Reform finanziert werden sollen, hat ohnehin schon Waigel im Auge: den sogenannten Verlustrücktrag.

Der Finanzminister klagt mit Recht darüber, daß die Unternehmen und Großverdiener trotz prächtiger Profite kaum Steuern zahlen. Einer der Gründe dafür ist: Verluste eines Jahres können nachträglich mit den Gewinnen der beiden Vorjahre verrechnet werden.
Nun will Waigel den Verlustrücktrag schleunigst kappen, möglichst sogar noch in diesem Jahr. Das würde 1998 rund 500 Millionen Mark bringen. Doch er mußte sich belehren lassen, daß der gebotene Vertrauensschutz ihn an raschem Handeln hindert.
Unternehmen, die 1997 einen maroden Konkurrenten vor allem deshalb für ein paar Mark übernommen haben, weil dessen Verluste mit eigenen, sonst steuerpflichtigen Gewinnen aus 1996 und 1995 verrechnet werden, müssen nicht um ihre Steuerprofite bangen. Das Fallbeil saust erst 1998 nieder, Geld gibt es dann für den Fiskus 1999.

Zum Durchwursteln gehört auch, daß die Liegenschaftsabteilung schon seit Monaten jedes Grundstück, jedes nicht benötigte Haus des Bundes verkauft, für das sich ein Käufer findet. Nach den undurchsichtigen Maastricht?Spielregeln darf Waigel Erträge aus dem Verkauf von Anteilen an Wohnungsbaugesellschaften nicht auf das Defizitkriterium anrechnen. Der Verkaufserlös für einzelne Häuser dagegen hilft bei der Neuverschuldung.

Eine bombastische Aufstellung aus freidemokratischer Feder, was der Bund alles verkaufen könne, um damit den Haushalt zu sanieren, schrumpfte bei etwas genauerer Prüfung durch das Finanzressort schnell auf ein bescheidenes Niveau. Eingeleitet und damit für die nächste Zukunft relevant sind, neben der Zehn-Milliarden-Aktion mit Telekom-Anteilen, gerade mal neun Privatisierungsvorhaben.

Neben einer Restzahlung aus dem Lufthansa-Verkauf und einem hübschen Batzen, den Bonn für 75 Prozent der Postbank-Anteile erwartet, hat Waigel dabei freilich auch Ladenhüter im Angebot. So wird ihm der Käufer etwa der Saarbergwerke allenfalls einen symbolischen Preis zahlen.

Wie groß die Kluft zwischen den Haushaltsannahmen über die Privatisierungserlöse und der Realität liegen kann, zeigt das Beispiel zweier Wohnungsgesellschaften.

Für 38700 Wohnungen der Deutschbau und weiterer knapp 10 000 der Frankfurter Siedlungsgesellschaft kalkulierte Bonn schon 1996 vier Milliarden Mark an Einnahmen ein. Herein kam gar nichts.

In diesem Jahr, immerhin, fließen für den 58,8-Prozent-Anteil des Bundes an der Deutschbau 1,2 Milliarden in die Waigel-Kasse. Aber das ist nicht einmal halb soviel wie erhofft. Für 52 000 Mark pro Wohnung - in rechnerischem Durchschnitt - wurde der Immobilienbesitz verschleudert.

Beamte des Finanzministeriums glauben inzwischen sogar, daß der Chef das Ausmaß seines Haushaltselends noch gar nicht kennt, weil er vor schlechten Nachrichten abgeschottet wird.

Indiz: Kritische Vermerke von Referatsleitern bleiben auf der Abteilungsleiterebene hängen. Sie kommen mit der Notiz zurück, dem Minister sei mündlich vorgetragen worden.

Der Ausverkauf von Telekom, Postbank oder Lufthansa hilft den Deutschen nicht in ihrem Ringen, unter dem Kreditlimit des Maastricht-Vertrages zu bleiben. Da der Staat dabei etwa Aktien gegen Bargeld tauscht, wird er in der Logik der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen dadurch nicht reicher. Die Erlöse gelten folglich nicht als Einnahmen. Gibt der Finanzminister sie aus, um seine Beamten zu entlohnen oder Straßen zu asphaltieren, muß er sich das Geld auf dem Kreditkonto anrechnen lassen.

Sparen oder Steuern erhöhen, anders kann Bonn die Euro?Hürden nicht nehmen. Wenn nichts geschieht, so eine FDP-Kalkulation, summieren sich die neuen Schulden im laufenden Jahr auf 3,2 bis 3,5 Milliarden Mark.

Für die Liberalen kein großes Problem: Wir haben uns auf eine buchhalterisch exakte Zielerfüllung von 3,0 „nie festgelegt“, sagt das FDP?Führungstrio Wolfgang Gerhardt, Guido Westerwelle und Hermann Otto Solms. Das sei „allein Waigels Problem“.

Für den CSU?Finanzminister ist der Weg „eines erkennbar weichen Euro“, so sein Parteifreund Michael Glos, versperrt: „Kommen wir selber auf 3,2 oder 3,3, liegen die Franzosen dann bei 3,8 und deren Spezis, die Italiener, bei 4,1. Wir kommen zu keiner ordentlichen Grenzziehung mehr.“ Für Waigel gibt es keine Alternative: „Wir müssen die Kriterien punktgenau erfüllen.“

Noch würgt Kanzler Kohl jede Euro-Diskussion in der Koalition ab. Dabei denkt auch er in engstem Kreise über Alternativtermine nach. „Eine geordnete Verschiebung des Euro-Starts im Zeitrahmen bis 2002“, so ein Kabinettsmitglied, wurde intern für „machbar“ gehalten - wenn auch, für Kohl, nicht „wünschbar“.

Eisern hält der Kanzler am Verdikt fest: Öffentlich darf es kein Zaudern geben. Kritische Fragensteller spüren die ganze Wucht seines Unmuts.

Dennoch wuchert der Zweifel in beiden Fraktionen, ob die Opfer für die Währungsunion gerechtfertigt sind. „Der Euro-Skeptizismus hat sich eindeutig verstärkt“, analysiert der sächsische CDU?Parlarnentarier Kolbe die Gemütslage der Union.

Waigel verfolgt die Trendumkehr verbittert: Kaum ein anderer in Bonn stand der Euro-Idee einst so skeptisch gegenüber. Er wollte anfangs nicht einmal ein verbindliches Datum für den Euro?Start akzeptieren. Aus Loyalität zu seinem Kanzler muß er nun täglich ein Maastricht?Hurra rufen. Und mit jedem Tag wird er dabei unglaubwürdiger, vor allem in den eigenen Reihen.

Manchem in Bayern ist er schon eine Bürde. Waigel sei „der teuerste Bundesgenosse“ des Kanzlers, lästert ein einflußreicher CSU-Bezirksvorsitzender. Unter Franz Josef Strauß sei das anders gewesen, „der war Kohls härtester Kritiker“.

„Eine merkwürdige, ja gespenstische Stimmung“ habe geherrscht, berichtete ein Teilnehmer, als Waigel vorigen Montag in München vor dem CSU-Vorstand seinen Streit mit der Bundesbank zu rechtfertigen versuchte und unverändert strenge Euro-Kriterien anmahnte: „Wir schaffen beides.“

In Ton und Wortwahl vorsichtig, dafür in der Substanz um so kritischer, nahm die weiß-blaue Führungsriege ihren glücklosen Vorsitzenden an. Waigel solle gefälligst einmal „die Stimmung in den Bierzelten“ aufnehmen, klagte Kultusminister Hans Zehetmair. Die Währungsunion müsse notfalls verschoben werden, verlangte Stoiber, wohl wissend, daß er damit von Waigel die Kapitulation verlangte.

Allerdings: Auch Stoiber weiß, an Kohls Männerfreund Waigel hängt die Statik der Bonner Koalition. Ein Rücktritt des Finanzministers wäre wohl wirklich „das Ende der Ära Kohl“ (Fischer) und damit einer bürgerlichen Regentschaft am Rhein.

Auf eine Große Koalition, das hat Oskar Lafontaine klargemacht, läßt sich die SPD in diesem Stadium nicht mehr ein. Und vorgezogene Neuwahlen wären bei dem gegenwärtigen demoskopischen Hoch von Rot-Grün für Kohl ein Husarenritt. „Dann würden wir wohl wie die Konservativen in England und Frankreich abgewählt“, glaubt Waigel-Freund Glos.

Bleibt der Koalition die Hoffnung auf Zeitgewinn, auf das Wunder einer wirtschaftlichen Wende. Doch zunächst muß sie sich in die Sommerpause retten. „Nach dem Urlaub auf Mallorca“, sucht Euro-Fighter Kohl seine aufgescheuchten Koalitionäre zu beruhigen, „kommen die Leute immer mit besserer Laune heim.“

 


 
DER SPIEGEL 45 / 2000
"Wohin steuert Amerika?"


Hausmitteilung

6. November 2000 Betr.: Titel

Der erste US-Präsident George Washington (1732 bis 1799) ist ein Nationalheld. Kaum ein Schulkind, das nicht jenes kolossale Gemälde kennt, auf dem er 1776 den vereisten Delaware-Fluss überquert und damit den Aufbruch zur eigenen, unabhängigen Nation beginnt. Der Deutsche Emanuel Leutze hat die Szene 1851 gemalt, die jetzt zum Titelbild des SPIEGEL wird im Boot allerdings eine frische Besatzung. Die Pose Washingtons nimmt der scheidende Präsident Bill Clinton ein, denn egal, ob Al Gore oder George W. Bush an diesem Dienstag sein Nachfolger wird, Clinton hat die Richtung vorgegeben. „Deshalb ist von Wahlfieber so wenig zu spüren“, sagt Titel-Autor Erich Follath, „Amerika ist nicht fasziniert von der Wahl, sondern von sich selbst“ (Seite 234).
 
 

Titel-Geschichte

Clinton und die Klone

Gore und Bush liegen Kopf an Kopf beim Kampf ums Weiße Haus – aber die meisten Amerikaner geben sich desinteressiert und selbstzufrieden. Sie vertrauen darauf, dass der Boom der letzten Jahre anhält. Hat Glückskind Clinton das Land wirklich fit gemacht für die Internet-Zeiten?

Überdimensional groß prangten die Lettern auf der Titelseite der „New York Post“: DYNASTY. Die Erbfolge, die da beschworen wurde, bezog sich auf die Yankees, die gegen die Mets die Baseball-Meisterschaft gewonnen hatten – schon zum wiederholten Male. Im Inneren des Blattes das Übliche: Millionenpreise beim Lotto; dramatische Kursgewinne an der Wall Street, die einen Teil der dramatischen Verluste der Vortage wieder wettmachten; das mit Spannung erwartete Debut der Schaupielerin Donna Hanover in „Die Vagina-Monologe“.

Willkommen in den Vereinigten Staaten von Amerika, „Gottes eigenem Land“ und letzte verbleibende Supermacht, in der heißesten Phase des Wahlkampfs: Einige hunderttausend Wechselwähler könnten entscheiden, wer für die nächsten Jahre zum mächtigsten Mann der Welt wird. Eine Weichenstellung für die Zukunft des Landes – der neue Präsident wird in seiner Amtszeit beispielsweise bis zu vier der neun Obersten Richter neu ernennen und allein durch diese Entscheidung die Zukunft von so zentralen Fragen wie der Legalität der Abtreibung und den Sonderrechten der farbigen Minderheiten bestimmen.

Eine Weichenstellung auch über möglicherweise häufigere militärische Einsätze in Krisenregionen – nie in der modernen Geschichte hat ein Land die Welt militärisch (wie übrigens auch wirtschaftlich und kulturell) so dominiert wie die USA, die mehr für Rüstung ausgeben als die fünf nächstmächtigen Staaten zusammengenommen. Gefordert ist ein Mann im Weißen Haus, der führen und delegieren kann, der sich auf die Entschärfung von Konflikten versteht und trotzdem glaubhaft die Diktatoren in den Schurkenstaaten der Dritten Welt abschreckt – ein Spagat etwa von Gandhi bis Godzilla.

Aber deshalb Wahlfieber?

Kaum ein Hauch ist im Amerika dieser Tage davon zu spüren. Lähmende Langeweile liegt über dem Land, politische Apathie prägt die Vereinigten Staaten, von Alaska bis Alabama – als wollten die Amerikaner diese Wahlen nur irgendwie hinter sich bringen, um sich endlich wieder, mit wem auch immer an der Staatsspitze, den wichtigen Dingen des Lebens zu widmen: Baseball beispielsweise, der Jagd nach dem nächsten Paycheck beim Zweit- und Dritt-Job (Unterklasse) oder nach dem neuesten BMW (Oberklasse).
Dieses Land hat andere Prioritäten als den Kampf um Washington – und glaubt offensichtlich nicht mehr daran, dass der Mann im Weißen Haus einen so großen Unterschied für ihren Alltag bedeutet. Die Vorbilder, die Sehnsüchte haben sich seit der Aufbruchstimmung in der frühen Clinton-Ära dramatisch verändert – von linksliberal zu neoliberal, von den Alten Industrien zum Neuen Markt.

Große Konzerne wie Microsoft entwerfen derzeit Lehrpläne schon für Fünfjährige und wollen sie stromlinienförmig auf Internet-Karrieren vorbereiten; das Geldhaus Liberty Financial hat einen „Special Mutual Fund“ für Elfjährige aufgelegt. Corporate America sei „allgegenwärtig und lebensbestimmend“ geworden, schreibt der Sozialkritiker Morris Berman in seinem Buch „Zwielicht der amerikanischen Kultur“, Reichwerden zu einer nationalen Obsession.

So hip sind die Konzerne der Internet-Industrien geworden, „dass sie und nicht irgendwelche Fuzzis mit elektrischen Gitarren oder anstrengende Maler und Literaten den kulturellen Untergrund besetzen“, schreibt der Autor Martin Kilian in seinem neuen Buch „Yo, Amerika“. Dazu trägt schon ihr Äußeres bei: Die neuen Top-Manager sehen oft aus wie der Drop-out von nebenan: Nike-Turnschuhe, Jeans, T-Shirts.

Dafür haben es die salbungsvollen und meist erzkonservativen Fernsehprediger schwerer als früher, die lange Zeit auf allen Kanälen Erlösung durch Glauben – und Spenden zu ihren Gunsten – predigten. Amerika ist toleranter geworden in den letzten Jahren: Vom ständigen Beobachten der Börsenkurse und dem Geldverdienen erschöpft, haben offensichtlich immer weniger Amerikaner große Lust, sich über die Gefahren der Pornographie Gedanken zu machen. Die Nation verzeiht Seitensprünge – die Mehrheit auch ihrem Präsidenten.

Mammon, und zwar als Mittel zum eigenen Luxus, ist für viele der neue Gott. Und das Internet, das allen einen gleich schnellen Zugriff auf die nächste Information, auf die nächste Chance verheißt, ist sein Medium. 

Ein Taxifahrer in New York, der an seinem kleinen TV-Schirm neben dem Lenkrad Nasdaq-Zukunftswerte handelt und dabei Millionen macht. Ein 16-Jähriger, der im kalifornischen Palo Alto mit einem neuen Software-Programm eine Erfolgsfirma aus dem Boden stampft. „Irgendwie scheinen alle in diesen Jahren Millionäre zu werden“, schreibt die Autorin Maureen Dowd. „Und meine Kinder werden mich eines Tages fragen: Was hast du in dieser Zeit gemacht?“

Bei vielen 68ern war Geld noch ein schmutziges Wort. „Plünderung und Ladendiebstahl kann dir ein High verschaffen“, proklamierte der Polit-Hippie Jerry Rubin. Nun hat er eine Drehung um 180 Grad gemacht: Geld sei das neue Rauschmittel, meint er, und der neue Rausch habe neue Helden geschaffen.

Microsoft-Chef Bill Gates ist so einer – eine Art Sonnenkönig des Informationszeitalters, 60 Milliarden Dollar schwer. Er baute sich ein Schloss namens „Xanadu“ mit 45 Zimmern, die teuerste Privatvilla der Welt. Oracle-Boss Larry Ellison (58 Milliarden) machte sich gerade im Mittelmeer vor Capri den Spaß, mit seinem Powerboot die Yacht des drittreichsten Mannes der Welt (Paul Allen, Microsoft-Mitbegründer, 36 Milliarden) so zu schneiden, dass alle an Bord nass wurden. „Ein Streich unter Heranwachsenden, kann ich nur empfehlen“, kommentierte er.

Soziales Engagement steht nicht gerade im Zentrum des Denkens dieser Selfmade-Männer. Das erfolgsbesessene, nie von gegenseitigem Neid zerfressene Amerika scheint ihnen das nicht zu verübeln. Ebenso wenig wie dem Super-Golfer Tiger Woods oder der Super-Sprinterin Marion Jones ihre zig Millionen schweren Werbeverträge.

Hollywood regiert – und lässt den Präsidenten gerade mal mitspielen. Clinton durfte Clinton mimen, in einem Film über ein sterbendes Mädchen, dem er den letzten Wunsch erfüllte: einen Besuch im Weißen Haus. Wenn der Starregisseur Steven Spielberg (mit dem Gates in der Medienfirma Dreamworks geschäftlich verbunden ist) zu einem Dinner bittet, ist der Präsident bereit, auch wichtige außenpolitische Besuche zu verschieben. Er schwärmt von Sharon Stone. Er sieht sich begeistert Julia Roberts an – vor allem, wenn die eine sozial engagierte Kämpferin wie in „Erin Brokovich“ spielt.

Amerika – du hast es besser? Ist es das, wovon Bill Clinton vor acht Jahren geträumt hat, als er wie ein neuer Kennedy ins Weiße Haus einzog? Politische Botschaften via Hollywood, Laisser-faire statt sozial engagierter Beeinflussung der Wirtschaft: Steuern die Vereinigten Staaten in diese Richtung?

Politik lief jedenfalls in der Boulevardpresse weitgehend unter Kleingedrucktem – und nicht nur auf den Sportseiten war der Traum von einer Dynastie unverkennbar. 61 Prozent der Amerikaner waren zuletzt mit Bill Clintons Amtsführung zufrieden. Er hatte damit als einziger Nachkriegspräsident höhere Popularitätswerte als zum Beginn seiner Präsidentschaft. Viele Amerikaner wünschten sich nichts anderes als eine Fortsetzung, als Kontinuität: Yankees forever, Bill forever.

Der mächtige Schatten des begnadeten Kommunikators im Weißen Haus überlagerte die Diskussionen über Amerikas Zukunft. Und so entwickelte sich der Wahlkampf in der Schlussphase zu einer Suche nach dem idealen Clinton-Klon (minus der sexuellen Ausschweifungen des Originals). „Wer übernimmt Clintons dritte Amtszeit?“, fragte Frank Rich in seiner „New York Times“-Kolumne.
Natürlich merkten die jede Umfrage auswertenden, jede Kandidatenminute verplanenden, von jeden Skrupeln und jeglicher politischer Substanz freien Imageberater beider Parteien, wie der Hase lief. Sie trimmten Al Gore, aber auch George W. Bush auf Status quo. „Wir haben einfach kein vergrätztes Wahlvolk, das die Bastarde rausschmeißen will“, erklärte der republikanische Stratege Sal Russo.

Und so war es bei den Wahlkampfreden gar nicht leicht herauszuhören, wer von den beiden denn nun der republikanische Herausforderer war und für einen Machtwechsel kämpfte, wer für eine Fortsetzung der demokratischen Dominanz im Weißen Haus warb. Selbst die Nominierungsparteitage der Republikaner und Demokraten glichen mit ihrem Pep Talk und den bis auf die Sekunde programmierten und inszenierten Beifallsszenarien wie ein Ei dem andern – und ein wenig auch den Jubelfesten einer ehemaligen Weltmacht: KPdSU plus Konfetti.

„Dies ist ein bemerkenswerter Augenblick in der Geschichte unseres Volks. Niemals war das Versprechen auf Wohlstand so strahlend“, formulierte einer der Kandidaten, dabei fast Wort für Wort Bill Clintons letzte Ansprache zur Lage der Nation übernehmend. Der das so kämpferisch hinausposaunte, war Oppositionsführer Bush. Vor George W.’s Umarmungen war gar nichts sicher: weder Babys noch die Programme seiner Gegner. Er gab sich als überparteilicher Versöhner, als charmanter Mann des Volkes. Als begnadeter Populist, der um die Vorbehalte gegenüber Big Government in der Hauptstadt wusste. Nicht „denen da in Washington“ vertraue er, sagte Bush, als wolle er gar nicht nach Washington, sondern „euch da draußen in Amerika“. Der Republikaner suggerierte, es ginge bei der Wahl 2000 gar nicht so sehr um politische Inhalte, sondern um „Charakter“, um Führungskraft.

Kandidat Bush kokettierte geschickt mit seinen Defiziten, seiner manchmal erschreckenden Unkenntnis wichtiger Fakten. Bei einem Interview hatte er unter anderem den Ministerpräsidenten Indiens nicht benennen können. „Was für ein Glück, dass jetzt dieser Milosevic weg ist“, sagte Bush vorletzte Woche. „Schon wegen der vielen unaussprechlichen Silben.“ Das amüsierte die Amerikaner, geht es doch den meisten von ihnen mit diesen komplizierten Ausländernamen ebenso.

Und selbst ein so böser Scherz wie der des TV-Talkmasters Jay Leno konnte dem Kandidaten wenig anhaben: „In Texas haben sie jetzt einen Mann mit dem IQ von 63 hingerichtet. Kaum zu glauben – nicht einmal vor seinesgleichen macht dieser Bush mehr Halt!“
Al Gore fand lange keine Einstellung zur Taktik seines Gegners. Auch seine Imageberater versuchten, mit Humor die Schwächen des Kandidaten zu überdecken – Gore allerdings wirkte dabei wie ein Musterschüler, der peinlich auf Kumpel macht. „Ich werde nicht immer ein besonders aufregender Politiker sein, aber ich werde euch nie im Stich lassen“ – das ging noch. Aber dann ließ sich der Vizepräsident in einem Werbefilm von seinen Imageberatern tatsächlich auf lockeren Vogel trimmen. Gab vor, in der Freizeit gern riskant zu surfen, den Kindern Iglus zu bauen und den Gartengrill anzuwerfen.

Dabei weiß jeder, dass Gore ein Intellektueller ist und die kaum vorhandene Freizeit vor seinem PC verbringt – alles andere als „easy-going“. In seinen Bewegungen robotersteif, wie ein schon existierender Beweis für die These des Informatikers Ray Kurzweil, Mensch und Computer glichen sich eines Tages so an, dass man sie nicht mehr auseinander halten könne.

Image statt Substanz, Talkshow-Auftritte statt ernsthafter Diskussionen um Sachfragen: Gores Wahlkampf-Strategie wurde durch die Vorgaben seines Gegners bestimmt. Auch der Demokrat konzentrierte sich bei seinen Argumenten überwiegend auf die „Schaukelstaaten“, auf die wenigen hunderttausend Unentschiedenen, die nach der Arithmetik über Sieg und Niederlage entscheiden.

Dabei war für Gore stets oberstes Gebot: möglichst wenige potenzielle Wähler verärgern, „Minenfelder vermeiden“ (Berater-Jargon). Obwohl der Vizepräsident ein strikter Befürworter schärferer Waffengesetze ist, sprach er das Thema kaum an. In den wichtigen, womöglich entscheidenden „Swing States“ Pennsylvania und Michigan leben viele Jäger und andere Waffenenthusiasten. Die „Message“ jedes Präsidentschaftskandidaten wird immer mehr auf Zielgruppe getrimmt.

Wer sich so auf Minderheiten konzentriert und so nach Präferenzen auf sehr begrenzten Politikfeldern agiert, riskiert die Lustlosigkeit der Mehrheit. Die Wirtschaft läuft gut, die meisten Wähler trauen offensichtlich beiden Kandidaten zu, das Schiff auf Kurs zu halten – ein Grund für die allgemeine Lethargie. Bei der Wahl 2000 springt aber auch deshalb kein Funke über, weil sich viele Amerikaner offensichtlich von den Tricks und Manipulationen der Polit-Profis abgestoßen fühlen. Sie sind zynisch und illusionslos geworden, und die jüngste „Basisarbeit“ der Parteistrategen hat sie darin bestärkt: „Spontane“ Anrufe beider Kandidaten wurden großflächig ins Telefonnetz eingespeist. „Die Menschen sehen die Wahl immer mehr als eine Art Drama, das keine direkte Auswirkungen auf ihr Leben hat“, sagt der Kulturkritiker und Buchautor Neal Gabler („Life the Movie“). „Selbst Politik-Junkies werden zu Nichtwählern.“ Oder sie entscheiden sich für Ralph Nader, den Kandidaten der Grünen. Der Verbraucheranwalt sagt, die beiden großen Parteien hätten „sich verkauft“ an ihre reichen Gönner und Spezialinteressen. In manchen Bundesstaaten wollen bis zu acht Prozent dem Außenseiter ihre Stimme geben – zum Schaden von Al Gore, da viele von ihnen ehemalige Anhänger der Demokraten sind.

Erst in den letzten Wochen der Wahlkampagne ging der Vizepräsident mit Sachargumenten verstärkt zum Angriff über. Er zeigte, dass es doch Unterschiede zum Programm seines Kontrahenten gab: Gore plant Steuersenkungen nur für mittlere und untere Einkommen und würde einen Großteil des erwarteten Haushaltsüberschusses für die Verbesserung des desolaten Schulsystems und die Sanierung der Sozialversicherung aufwenden sowie Schulden abbezahlen; Bush dagegen verspricht allen großzügige Steuersenkungen, nicht weniger als 40 Prozent der Milliardengelder kämen dem einen Prozent der Superreichen zugute; Pensionsfonds sollen künftig bis zu einem Sechstel ihres Kapitals auf dem Aktienmarkt anlegen dürfen. Eine Gore-Regierung würde auf eine Reduzierung des Ölverbrauchs drängen, in den Nationalparks von Alaska Ölbohrungen verbieten – Bush setzt beim Umweltschutz allein auf freiwillige Leistungen der Industrie und will von Gesetzen nichts wissen. Wie er überhaupt auf das Gute im Menschen setzt (der dann seine guten Taten absetzen darf): Er versprach, „Steuerzahlern neue Anreize zu geben, für die Wohlfahrt zu spenden“.

Gore will Wahlkampf-Materialschlachten wie die jetzige dem amerikanischen Volk künftig ersparen: Nach europäischen Modellen soll künftig der Staat verstärkt den Werbeaufwand der Parteien finanzieren. Den Kandidaten blieben so die Bettel-Dinner, auf die sie derzeit angewiesen sind, weitgehend erspart. Auch in dieser Frage ist Konkurrent Bush wieder mehr für den Status quo – als säße sein Vertrauter im Weißen Haus.

Bill Clinton aber, der Amtsinhaber und begabteste aller Volkstribunen, spielte in diesem Wahlkampf bis zuletzt kaum eine öffentliche Rolle. Gore wollte „sein eigener Mann“ sein, fürchtete offensichtlich von der Persönlichkeit des Präsidenten überstrahlt, von seinen Skandalen verdunkelt zu werden. Doch Gores Distanz zu Clinton führte dazu, dass sich der Vize immer mehr auch von den Erfolgen der gemeinsamen Regierungsarbeit abkoppelte – und damit von seinem größten Faustpfand.

Wie muss es Bill Clinton in den Fingern und in der Stimme gejuckt haben, wie es ihn gekränkt haben, dass die Gore-Truppe nicht einmal nach seinem Expertenrat gefragt hat! Wie hätte er – stünde das Gesetz nicht gegen die dritte Amtszeit – diesen unbedarften Politiklehrling in der Luft zerrissen! Was für ein Triumph wäre das gewesen: nach dem Sieg über George Bush senior vor acht Jahren nun auch den Junior politisch zu begraben!

Doch nichts ist bei dieser Wahl so wie bei der von 1992, und das weiß auch Bill Clinton. Damals ging es um einen Meilenstein für die amerikanische Nation, jetzt gerade mal um eine Wegmarke. Damals stand ein Generationenwechsel auf dem Programm, eine Wachablösung.

Zum ersten Mal hatte ein Babyboomer, ein 68er, geprägt von Vietnamkrieg und Woodstock, beim Kampf ums Weiße Haus gesiegt. Clinton schlug mit Bush senior einen Kriegshelden, der wie seine Vorgänger die Uniform seines Landes getragen hatte und vom moralischen Universum des Zweiten Weltkriegs geformt worden war. Und er war angetreten, aufzuräumen mit der muffigen Spießigkeit und der Ego-Gesellschaft der Republikaner-Ära.

Neuanfang versprach jede seiner Bewegungen, jedes seiner Worte. Er spielte Saxofon in Talkshows, ließ sich von seinem Team „Elvis“ titulieren, kokettierte damit, jünger als Mick Jagger zu sein. Für längere Wahlkampfreisen nahm er den Bus – und fühlte sich mit Al Gore und den anderen bei den Überlandfahrten „wie Rockstars“. Der Bus war für die Blumenkinder-Generation ein fast mythisches Fortbewegungsmittel: Tom Wolfe hatte Ende der sechziger Jahre den Trip einer Kommune quer durch die USA beschrieben („Unter Strom“) – als eine Art Odyssee der Gegenkultur.

Zum ersten Mal nach 1976 war im Jahr 1992 die Wahlbeteiligung wieder angestiegen. Clinton wollte voller Enthusiasmus die Politik wieder „zum größten und ehrenvollsten Abenteuer machen“, wie es John Bunyan in „Die Pilgerreise“ geschrieben und Kennedy immer wieder zitiert hatte. Schluss mit der Katerstimmung, die zwölf Reagan-Bush-Jahre zurückgelassen hatten: Staatsschulden, die auf fast zwei Drittel des Bruttosozialprodukts angewachsen waren – die Zinslast machte einen höheren Betrag aus, als Washington im letzten Bush-Jahr für Bildung und Wissenschaft zusammen aufgewendet hatte. Habgier hieß damals das Schlagwort der Wall Street, wo sich Schwindler mit Insidergeschäften die Taschen voll stopften.

Bill Clinton, sein Vize und vor allem die sozial engagierte First Lady Hillary hatten einen Plan, wie sie die konservative Versteinerung der Republikaner-Ära aufbrechen konnten: Sie wollten die Schandmale des amerikanischen Systems beseitigen – endlich den Ärmsten würdige Lebensbedingungen und eine Krankenversicherung verschaffen; dabei aber die Vorteile des amerikanischen Wegs nicht gefährden, sondern noch verstärken – die Mobilität der Arbeitnehmer, die Flexibilität des Arbeitsmarkts, die Innovationslust der Unternehmer.

Bei der Wahl 2000 will sich das Land nur perpetuieren; 1992 wollte es sich runderneuern, so wie das die USA wohl in jeder Generation einmal versuchen.

Clinton hat nach acht Jahren Regierungszeit einerseits eine glänzende Bilanz aufzuweisen: Die Wirtschaft feiert die längste Boom-Periode ihrer Geschichte, kein größerer Konflikt auf der Welt kann ohne Washington gelöst werden (freilich sind auch mit Washingtons Hilfe nicht alle zu lösen).

Clinton hat andererseits eine düstere Bilanz aufzuweisen: Noch immer sind 35 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung, und auch wenn die Zahl derer, die unter der Armutsgrenze leben, leicht gesunken ist, bleibt sie erschreckend: 32 Millionen. Und nie war die Kluft zwischen Reich und Arm so groß wie heute. Ein Top-Manager verdient das 400fache eines Arbeiters.

Was bleibt übrig von der Clinton-Ära, was ist das Vermächtnis des ersten Rock’n’-Roll-Präsidenten? Haben Comeback-Kid Bill und seine Babyboomer das Land wirklich fit für die Zukunft der neuen Internet-Industrien gemacht, haben sie die demokratischen Institutionen gestärkt – oder hat der Mann aus Arkansas das höchste Amt des Staates irreparabel beschädigt?

Stationen einer Reise im Oktober 2000, die quer über das Land führt, wie einst die Bus-Tour der wahlkämpfenden Clinton-Truppe: in eine Stadt in Texas; aufs Land nach Tennessee; an die Wall Street von New York.

Midland atmet Öl, denkt Öl, lebt Öl. Es ist sogar die Zeitrechnung der texanischen Kleinstädter. „Damals, als wir den Stoff gefunden haben“, sagen die Menschen, wenn sie die Mitte der zwanziger Jahre meinen; „als die Blase platzte“ heißt Mitte der Achtziger.
Es gibt ein Petroleum Museum und jeden Oktober eine Internationale Öl-Show. Der Hogan Park Golf Course bietet an Loch zehn außer der Sandkuhle noch eine ortstypische Schwierigkeit: Der Golfer muss einen Bohrturm inmitten des Platzes umspielen. „Ich weiß nicht, wie viel Prozent von mir dieses Midland einnimmt“, sagt George W. Bush. „Aber wer mich verstehen will, muss verstehen, wie dieser Ort tickt.“ Midland hilft auch zu begreifen, warum Bill Clinton bei den Reichen und Superreichen des Landes so anerkannt ist.
Nicht dass man viele Demokraten unter den 95 000 Midlanders fände – Dschiihsus, no, allein bei dem Gedanken schütteln sie sich im „Cattleman’s“ über ihren Steaks und Budweisers, die Knarren neben sich liegend oder draußen, im Handschuhfach ihres Mercedes, verstaut: Dies ist tiefstes Republikaner-Territorium.

Sie sind hier alle für die Todesstrafe und durchaus stolz darauf, dass ihr Bundesstaat vorn liegt bei der Zahl der Exekutionen. Viele leben in Gated Communities außerhalb des Stadtkerns. Zäune schützen die Villen, private Wachfirmen die schnellen Motorboote und die Privatflieger am Hangar, für deren Parkplätze es eine Warteliste gibt. „Der Himmel ist die Grenze“, lautet der offizielle Stadt-Slogan.

Schon mehr als ein Drittel der Einwohner Midlands sind Latinos. Die meisten kamen als Ölarbeiter aus Mexiko, einige aber sind auch Executives. Es ist in der Ära der großen amerikanischen Freihandelszone leichter geworden, Aufenthaltsgenehmigungen in den USA zu bekommen. Die illegal über die Grenzen kamen, wurden aber noch härter verfolgt als früher. Für Texas ist das keine ideologische Frage. Es braucht frisches Blut, wenn das Geschäft boomt.

Midland ist eine manische Stadt, mit extremen Ausschlägen nach oben und unten: Nach Jahren der Depression stehen die Zeichen nun schon seit Anfang der Neunziger auf himmelhoch jauchzend. Auch, weil die Menschen nach Pleiten nie aufgegeben haben, sondern hoffnungsfroh immer wieder neue Unternehmen gründeten. „Diese Stadt gehört den Risikofreudigen“, sagt George W. Bush. „Es ist meine Stadt.“ Tatsächlich spiegelt das Auf und Ab Midlands, das „Wir lassen uns nicht unterkriegen“ perfekt sein Leben wider.

Er wurde 1946 in Connecticut geboren, wo sein Vater, der spätere Präsident, zwei Jahre später sein Studium an der Eliteuniversität Yale abschloss. Er war noch keine vier Jahre, als seine Eltern mit ihm nach Midland zogen. Bush senior und seine resolute Frau Barbara bauten innerhalb weniger Jahre ein erfolgreiches Öl-Imperium auf. George junior verriet wenige andere Interessen als Baseball.

„Bücher waren ihm ein Gräuel“, sagt sein alter Schulfreund Terry Throckmorton, „und eigentlich hatte er immer irgendwelchen Blödsinn im Kopf.“ Überlebensgroß war wohl schon damals der Schatten des Vorbild-Vaters: George junior war der Schrecken der Lehrer, wurde einmal sogar verhaftet, als er einen Weihnachtskranz aus einem Hotel in Midland stahl. Trotz Schulzeiten im Internat von Andover (auch da war der Papa mal gewesen), trotz Abschlüssen in Yale und Harvard, trotz Pilotentraining bei der Nationalgarde und eigenem Geschäftsstart 1976 als Öl-Unternehmer in Midland: George junior blieb der Außenseiter in der Erfolgsfamilie.

Bei einer Feier der Bushs steuerte er einmal eine matronenhafte Freundin seiner Mutter an und sagte: „Was ich schon immer mal wissen wollte: Wie ist das eigentlich mit Sex über 50?“

Im Weißen Haus, wo ihn Mutter Barbara beim Dinner mit der britischen Queen sicherheitshalber weit weg vom Ehrengast gesetzt hatte, kämpfte er sich feuchtfröhlich zu Ihrer Majestät Elizabeth II. vor und sagte: „Gestatten, ich bin das schwarze Schaf der Bushs. Wer ist das in Ihrer Familie?“ Die überraschte Queen, not amused, ließ ihn laut Augenzeugen abblitzen: „None of your business.“

Erwachsen wurde George W. Bush erst mit 40. Als Laura, eine Bibliothekarin, die er zwischenzeitlich geheiratet hatte, ihn wegen seiner Alkohol-Exzesse zu verlassen drohte. Als er sah, wie seine Zwillingstöchter in den Kindergarten kamen und ihn als Vater brauchten. Doch geschäftlich wollte und wollte es nicht klappen. Die Freunde wurden zu Millionären, seine Firma „Arbusto“ ging Pleite. Auch als Bush junior endlich trocken war, sprudelte kein Öl.

Sein Leben lang wollte George W. Baseball Commissioner werden (viel mehr, gestand er seinen Midland-Freunden noch vor wenigen Monaten, als Präsident der USA). Das klappte nicht. Aber immerhin schaffte er es, Miteigentümer einer Baseball-Mannschaft zu werden, der „Texas Rangers“. Als späterer Manager des Teams wurde er geschäftlich erfolgreich und gesellschaftlich vorzeigbar.
Noch einmal hat George W. gezögert, ob er wirklich in die riesigen Fußstapfen des Vaters treten sollte. Nach dessen Amtsantritt ließ er von Bush seniors Wahlkampfstab eine Untersuchung anfertigen, was aus den Kindern von Präsidenten wurde. Doch auch als er las, dass zwei von John Adams’ Söhnen zu Alkoholikern wurden, ließ er sich nicht abschrecken, sondern konzentrierte sich aufs Positive: Der dritte Sohn war Adams ins Präsidentenamt nachgefolgt.

1993, nach der Wahlniederlage seines Vaters gegen Bill Clinton, kündigte Bush seine Kandidatur für den Gouverneursposten an; nun in einer neuen, endlich selbständigen Rolle, die ihm sehr gefiel – als Rächer seines von den Demokraten gedemütigten Vaters. George W. gewann im November 1994 gegen die favorisierte demokratische Amtsinhaberin Ann Richards. Vier Jahre später wurde er mit einer Mehrheit von 69 Prozent wieder gewählt.

Er hat härtere Maßnahmen gegen die Jugendkriminalität durchgesetzt, die Schulen durch private Konkurrenz zu verbessern versucht, „überflüssige“ Sozialhilfe gestrichen. Und George W. hat sich allzeit und ganz treu als Freund des Big Business gezeigt: Nirgendwo in den USA darf die Großindustrie so ungestört die Umwelt verschmutzen wie in Texas. Houston hat in Bush juniors Amtszeit Los Angeles als Smog-Kapitale Amerikas abgelöst. In Odessa, Midlands nur 20 Kilometer entfernter, hässlicher Schwesterstadt, müssten Fabriken wie die des Kunststoffherstellers Huntsman wohl nach europäischen Richtlinien längst geschlossen werden: Hochgiftige Benzoldämpfe verpesten die Luft.

Es war der Politikstil, der die Texaner größtenteils für ihren Gouverneur einnahm: Er versuchte – obwohl Mann der Großindustrie – parteiübergreifend zu arbeiten und gab sich als integrierende Kraft einer neuen Mitte. „Ich konnte Bill Clinton nie leiden“, sagt der Bush-Freund und ehemalige Geschäftspartner Mike Conaway in Midland. „Aber ich muss sagen, alle Achtung, wie der Präsident nach seinem Start als Linker in die Mitte gerückt ist und sich seine Träumereien abgewöhnt hat. Ich denke, diese Politik hat George W. beeinflusst – er hat sich ihm von der anderen Seite angenähert.“
Auch die anderen Erfolgsunternehmer von Midland können der Amtszeit Bill Clintons durchaus Positives abgewinnen.
Diesen Clinton mögen sie hier in Bush-City: den Champion des Freihandels. Den gewendeten Wirtschaftspolitiker, der sich, einmal im Amt, schnell von der im Wahlprogramm angesagten BTU-Tax trennte, einer Energiesteuer. Den ideologisch Flexiblen, der sich nach den ersten chaotischen Monaten den republikanischen Berater David Gergen in seinen Stab holte.

Aber genau diesen schnellen Übergang vom Auch-Idealisten zum Nur-noch-Realpolitiker werfen Clinton andere vor. Der Wirtschaftsprofessor Robert B. Reich hatte voller Enthusiasmus sein Amt als Arbeitsminister im ersten Kabinett Clinton angetreten. Dem zweiten wollte er nicht mehr angehören, weil er meinte, nichts Fundamentales in Sachen sozialer Gerechtigkeit sei geschehen: Noch immer besaßen 10 Prozent der Amerikaner 70 Prozent der – stark ansteigenden – Aktien, mit den Plänen zu einer umfassenden Krankenversicherung war die Regierung kläglich an der allmächtigen Pharmalobby gescheitert.

„Clinton laviert nach rechts, wenn der Wind so bläst, und das tut er jetzt“, erläuterte Wahlkampfmanager Dick Morris dem Arbeitsminister. „Aber er verliert nie sein Ziel aus den Augen.“ Reich fragte nach: „Welches Ziel denn genau?“ Morris: „Seine Wiederwahl ins Weiße Haus.“

Bill Clinton schaffte es, mit einer weitaus niedrigeren Wahlbeteiligung als beim ersten Mal. Das Glück blieb ihm treu: Die Wirtschaft boomte weiter. Zum großen politischen Wurf fehlte ihm aber trotz vieler sinnvoller Regierungsinitiativen wie den 68000 zusätzlich angestellten Polizisten – wohl auch der letzte kreative Elan.

Bush junior hat sich zu Clintons Regierungsstil selten geäußert, aber er verfolgte nach Aussagen seiner Freunde den Mann im Weißen Haus genau. Manchmal kam er auch nach Midland in den exklusiven Petroleum Club. Dann legten sie ihm seinen Lieblingssong „Wake Up, Little Suzie“ auf und redeten von den alten Zeiten, als sie noch Frösche mit Dynamit in die Luft jagten. George W. ist ein Mann, der alte Freunde nicht vergisst und es wie Clinton genießt, Hände zu schütteln und auf Rücken zu klopfen. Immer noch ist er ganz seines Vaters Sohn. Tränen schießen ihm in die Augen, wenn er an „sein schönstes Erlebnis“ zurückdenkt: als Papa ihm bei der Amtseinführung als Gouverneur die Manschettenknöpfe des Großvaters überreichte. „Das war ergreifend“, sagte George W. Bush zu seinen Kumpels. „Vor allem, wenn man weiß, dass Vater sich einen idealen Sohn etwa so vorstellt wie diesen Al Gore.“

Es ist ein weites, fruchtbares Hügelland mit großen Herrensitzen und gemütlichen Dörfern. Country- and Western-Music weht über den Cumberland-Fluss, eine knappe Autostunde östlich von Nashville (Tennessee). „You are entering Gore Country“ steht auf einem verwitterten Schild nahe der 2600-Seelen-Gemeinde Carthage und zwischen den Weilern Difficult (Schwierig) und Defeated (Geschlagen).

„Diese Dörfer von Tennessee habe ich immer als meine Heimat empfunden“, pflegt Präsidentschaftskandidat Gore in Interviews zu sagen. Ihre Namen nennt er nie – und mag dabei neidisch an Bill Clinton denken, an dessen Heimatort in Arkansas.

“A place called Hope“ eignete sich wunderbar für die Wahlkampfwerbung. Aber „A place called Defeated“?

Die Farmer, die sich heute im B&B-Drive-Inn am Cookeville Highway zu Bier und gegrillten Hähnchen treffen, glauben an den Sieg des Lokalmatadors. Die Gores sind hier noch mehr ein Bestandteil der Gemeinschaft und lokalen Folklore als die Bushs in Midland. Al war in dieser Kneipe Stammgast wie sein Vater. Und eigentlich war allen klar, dass aus dem Kleinen, der allen immer einen Gefallen tun wollte, einmal etwas Großes würde.

Wenn George W. mit 40 Jahren erwachsen wurde, so wurde Al junior etwa mit zehn Jahren erwachsen.

Er konnte als Baby gerade kriechen, da war er schon im Büro von Präsident Truman. Er war kaum in der Schule, da nahm ihn Vizepräsident Nixon in einer Sitzungspause mit aufs Podium hoch über dem US-Senat und gab ihm den Hammer zum Spielen. Er war gerade Gymnasiast, da ließ ihn der Vater ein Telefongespräch mit dem neuen Präsidenten John F. Kennedy mithören – und bereute es bitter: JFK gebrauchte Schimpfworte, für die Al senior den Sohn noch nicht reif fand.

Gore junior hatte in Wahrheit zwei Plätze, an denen er aufwuchs. Einmal die Familienfarm in Tennessee, dann ein Zwei-Zimmer-Apartment im Fairfax Hotel von Washington. Sein Vater saß für die Demokraten erst im Kongress, später war er 18 Jahre lang Senator für Tennessee. Al gewöhnte sich rasch an das „Doppelleben“ – und dass Politik es bestimmte.

Er lernte, sich jeder Situation perfekt anzupassen, ein Ausbund von Disziplin, ob in der Eliteschule der Hauptstadt oder auf der Farm. Schon als Teenager sog er Wissen auf wie ein Schwamm. Suchte seine Grenzen und erprobte seine Macht über seine Umwelt. Beispielsweise, indem er (auf der Farm) Hühner zu hypnotisieren versuchte oder (in der Stadt) einen DinnerAbend über den Niedergang der Metapher in Amerika abhielt: „Ich bin mit der Neigung aufgewachsen, erst nach dem Kopf, dann nach dem Herzen zu handeln.“

Eine Seminararbeit an der Harvard University beschäftigte sich mit dem „Einfluss des Fernsehens auf die Präsidentschaft“. Er versuchte sich in Nashville als Zeitungsredakteur, berichtete als Armeereporter aus Vietnam – er hatte sich freiwillig zum Einsatz gemeldet, um den Kontrahenten seines Vaters keine Wahlkampfmunition zu liefern. Vietnamkriegsgegner Gore senior verlor 1970 dennoch die Wahl – und weinte bitterlich. Politik bestimmte nicht das Leben, es war das Leben.

Der Alte wollte, dass der Junge die politische Fackel weitertrug, dazu hatte er ihn schließlich erzogen. Und Al junior erfüllt einmal mehr die Erwartungshaltung. Mit 28 Jahren wird er Kongressabgeordneter, mit 36 Senator, mit 39 bewirbt er sich um die Präsidentschaftsnominierung der Demokraten – und scheitert nur knapp. Er nimmt sich eine kurze Auszeit, schreibt ein kluges Buch über Politik und Umwelt („Earth in the Balance“). Er ist 44, als Bill Clinton ihn zu seinem Vize erwählt. Ein genialer Schachzug des politischen Naturtalents aus Arkansas: Gore ergänzte den Glamour des Sonnyboys mit Sachkenntnis und Solidität.

Er lässt sich von Clinton schriftlich zusichern, bei allen wichtigen Kabinettssitzungen dazugeholt zu werden. Er stürzt sich in die Arbeit, verblüfft immer wieder mit Detailkenntnissen und hilft wesentlich dabei, die aufgeblähte Regierungsbürokratie zu verschlanken. Er hat großen Anteil an der Gesetzgebung, die den neuen Medien ihren Siegeszug ermöglichte. Aber immer steht sich Al Gore auch selbst im Wege. Für Erich Segals Roman „Love Story“ seien seine Frau Tipper und er die Vorbilder gewesen – belegen konnte er dies nicht. Und Gore behauptete, in Vietnam beschossen worden zu sein – nachweislich falsch. Das wurde zu einem unübersehbaren Charakterzug des Vize, zu einem Angriffspunkt für Bush: sein Geltungsdrang, seine Gefallsucht.

Der Vizepräsident, der immer auf den Wortlaut des Gesetzes pochte, wurde ganz nach Washington-Art zum Insider: Er bog sich das Gesetz zurecht, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Er nutzte sein Amtstelefon im Weißen Haus zum Spendensammeln für den Wahlkampf, er zapfte dubiose Quellen an. So hielt er Clinton den Rücken frei, auch als der Präsident in die Lewinsky-Affäre und in ein Amtsenthebungsverfahren stolperte. Auf Al Gore konnte sich der Commander-in-Chief verlassen. Der Vize nannte ihn in den düstersten Stunden öffentlich „einen der größten Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten“ – übertrieben wie immer, loyal wie immer.
In der Kneipe seines Heimatorts in Tennessee würden sie Al Gore den Einzug ins Weiße Haus sehr gönnen – aus persönlichen Gründen. Aus politischen weniger. Wo früher Farmland war, sind jetzt Einkaufszentren entstanden – und Fertigungsanlagen wie die des japanischen Autoherstellers Nissan. „Den ausländischen Firmen und den reichen Internet-Kids haben sie im Weißen Haus den Weg geebnet“, sagt ein Nachbar der Gores, der nur Jim genannt werden will. „Aber die Farmer und die kleinen Leute haben sie nicht besser gestellt. Und die Wohlfahrtsreform war richtig brutal.“

Selbst eine Prognose des Clinton-Gesundheitsministeriums bestätigte dies – eine Million Kinder würden zusätzlich verarmen, wenn das Programm durchgezogen wäre. Die Regierung ließ sich nicht beirren: Essenszuschüsse für die Bedürftigsten sowie für Immigranten wurden beschnitten, Gelder für Behinderte gekürzt; allein erziehende Mütter wurden in den Arbeits-markt hineingezwungen.

Das Gesetz ebnete die Zusammenarbeit mit dem republikanisch dominierten Kongress, es kam dem „gesunden Volksempfinden“ nahe. Es ging Gore gegen den Strich (sein jetziges Wahlkampfprogramm ist in sozialen Fragen wieder ehrgeiziger). Aber er hatte sich einer Tendenz gebeugt, die er einmal so beschrieb: „Ich begann meinem eigenen politischen Urteilsvermögen zu misstrauen, so fragte ich die Meinungsforscher um Rat.“

Extremer machte das noch sein Boss: Stellenweise sah es so aus, als würde im Weißen Haus nur noch nach Umfragen regiert. Clinton entschloss sich sogar dazu, seinen Urlaub nicht wie geplant im wohlhabenden Martha’s Vineyard zu verbringen, sondern in Wyoming – weil das angeblich besser ankam. Und sein Berater Morris riet ihm in Sachen Lewinsky nach Umfragen zur Lüge – die Öffentlichkeit würde auf die Wahrheit negativ reagieren.

So etwas ist für die einfachen Menschen auf den Feldern von Difficult und Defeated nicht nachvollziehbar. Einen manipulierten und manipulierenden Präsidenten wollen sie nicht. Sie sind gegen die Anti-Raucher-Politik, die Gore so vehement vertritt: Schließlich haben viele Farmer hier Tabakfelder. Aber Al Gores geliebte Schwester Nancy, eine starke Raucherin, ist 46-jährig an Lungenkrebs gestorben. „Ich kann ihm nicht übel nehmen, dass ihn das beeinflusst hat“, sagt Nachbar Jim.

Während George W. seinen Heimatstaat Texas klar gewinnen dürfte, steht es in Tennessee auf Messers Schneide. Als wolle er die alten, siegreichen Rock-’n’-Roller-Zeiten von 1992 beschwören, begab sich Al Gore (Lieblingsalbum: „Magical Mystery Tour“ der Beatles) letzte Woche auf eine Busreise durch die weite amerikanische Provinz: Tipper war dabei, der Vizepräsidentschaftskandidat Joe Lieberman und seine Frau Hadassah, dazu der Rockstar Jon Bon Jovi.

Aber die jungen Amerikaner kann Gore mit einem solchen Nostalgie-Trip kaum mehr einfangen; nicht einmal ein Drittel der 18- bis 25-Jährigen werden wohl wählen gehen. Die junge Elite kümmert sich ausschließlich ums Geldverdienen am Neuen Markt oder um den Spaß mit der musikalischen Internet-Tauschbörse. Sie sind nicht mehr die „Kinder von Marx und Coca-Cola“, wie Regisseur Jean-Luc Godard einmal die 68er genannt hat; sondern die Kinder von Nasdaq und Napster.

In New York City sprechen die Medien von der neuen „Millionärs-Mittelklasse“ – und das in durchaus mitleidigem Ton. 
Wer gerade mal eine Million US-Dollar besitzt, hat Probleme, sich im Big Apple ein einigermaßen luxuriöses Leben zu machen. Ein Vier-Zimmer-Appartement in einer attraktiven Gegend ist um diesen Preis nicht zu haben. Personal Trainer, Schönheitschirurg, Garderobe, das alles geht ins Geld. Das Abendessen in einem In-Lokal wie dem „AZ“ in Mid-Manhattan kostet für ein Paar mit zwei Kindern gut und gern tausend Dollar.

Was für ein Glück, dass die wirklich Reichen in Amerika zunehmen: In der Clinton-Ära hat sich die Zahl der Zehn-Millionen-Männer auf 275000 vervierfacht; 41 000 davon leben in New York. In besonderen Seminaren werden die Kinder der Superreichen von Psychologen auf ihre Existenz vorbereitet.

Der Kampf ums Weiße Haus hat für die Elite der New Economy wie die Internet-Tycoons Jerry Yang und Scott McNealey wenig Gewicht. Sie wissen, dass mit dem Notenbankpräsidenten Alan Greenspan ein Mann im Amt ist, der unabhängig und intuitiv jede Geldmarktentscheidung richtig trifft. Sie wissen inzwischen auch, dass Clinton nicht als Linker, sondern als Wirtschaftsliberaler in die Geschichtsbücher eingehen will.

„Wir sind in das Informationszeitalter eingetreten, in die globale Ökonomie“, sagte der Präsident bei seiner Rede zur Lage der Nation 1998. „Wir haben einen Dritten Weg gefunden.“ Und er forderte ein Programm, das nun Gore vertritt: Haushaltsdisziplin, mehr Geld für Erziehung und Forschung – ansonsten: Laisser-faire. Die Daten-Autobahnen: freigeschaltet. Die wirklichen Straßen: oft Bürgerinitiativen und deren Spenden überlassen – „Adopt a highway“.

Was aber passiert, wenn die so viel beschworene weiche Landung ausbleibt, die überhitzte amerikanische Ökonomie in die Kernschmelze übergeht? Wirtschaftswissenschaftler wie Paul Krugman halten das zumindest für möglich. Der Investment-Boom hat die Profite und die Aktienmärkte aufgepumpt. Sollten die Wertpapiere dramatisch fallen, würden sich die Konsumenten zurückhalten und mehr sparen. Weder Bush noch Gore haben bei ihren Wahlversprechen einen solchen Konjunktureinbruch auch nur in Erwägung gezogen – er passt nicht zum Daueroptimismus in Amerika.

Wer nicht spekuliert, hat in Manhattan kaum mehr eine Chance. Die ehemalige Mittelklasse – darunter Ärzte, Professoren, Angestellte – kämpft gegen einen immer höheren Schuldenberg. 40 „Anonyme Schuldner“-Hilfsgruppen haben sich zusammengefunden und spenden sich gegenseitig Trost.

Das große Protzen mag bei den Milliardären noch en vogue sein, bei der neuen Generation der Dot-Commies ist es nicht angesagt. Die jungen Leute, die 16 Stunden arbeiten, tun das meist in spartanischen Absteigen in Brooklyn oder Queens: Bett, CD-Player, Espresso-Maschine. Luxus ist nicht out, aber vertagt – um etwa 20 Jahre. Sie planen den Rückzug aus dem Arbeitsleben bis 40. Viele sind Single, kaum einer ist politisch interessiert.

„Bush oder Gore – das hat keinen realen Bezug mehr zu unserem Leben“, sagt der Programmierer Paul Smith. Mit den Babyboomern und Blumenkindern kann der 22-Jährige nichts anfangen. Sein Loft ist schwarz und hat weder Stuhl noch Bett, keine Dekoration. Manchmal träumt er davon, aufs Land zu ziehen, das Telefon abzumelden und ohne Elektrizität bei Kerzenschein zu leben – wie das so viele schon tun. Aber sein Logo für sein Internet-Programm auf dem Bildschirm ist eine Nelke.

Der amerikanische Autor David Brooks glaubt, jenseits der Yuppies und Dot-Commies einen neuen Trend in den USA ausgemacht zu haben: Amerikas Zukunft gehört demnach den „Bourgeois Bohemians“, den „Bobos“. Dieser Elite soll nichts Geringeres gelingen als die Vereinigung zweier widersprüchlicher Prinzipien: der intellektuellen Welt der Boheme-Hippies der sechziger Jahre und der knallharten Internet-Unternehmer und Börsianer der Achtziger und Neunziger – erleuchtete Kapitalisten.

Der bürgerliche Bohemien ist gleichzeitig politisch liberal und ökonomisch konservativ, er ist für das Recht auf Abtreibung, schärfere Waffengesetze und setzt sich im Ausland für Ziele wie den Schutz der Regenwälder ein. Er beruhigt sein Gewissen durch bewussten Konsum – indem er Stoffe aus Tibet kauft. „Dies ist eine Elite, die erzogen wurde, gegen Eliten zu rebellieren. Die Bobos sind wohlhabend, ohne habgierig zu sein“, sagt Autor Brooks. „Sie haben es an die Spitze geschafft, ohne zu offensichtlich auf andere interessiert sich diese neue Elite nicht. 

Wer ist nun der bessere Clinton-Klon, wer der Bill-ohne-Peinlichkeiten, von dem Amerika zu träumen scheint? Bei den Wählern, die „Clintons Regierungsleistung gutheißen“, aber ihn „persönlich nicht mögen“, liegt erstaunlicherweise der Republikaner George W. Bush mit 55 Prozent gegenüber Al Gore (24 Prozent) klar in Front. Und immer noch nicht soll sich der Präsident auf Gores Wunsch in die Schlussphase des Wahlkampfs einmischen dürfen.

In einem gerade veröffentlichten Interview mit dem US-Magazin „Esquire“ schwärmt der Präsident davon, der Job habe ihn zu einem besseren Menschen gemacht, die USA sei durch seine Amtsführung ein besseres Land geworden. Die Zeit im Weißen Haus sei eine „wunderbare Erfahrung, auch für meine Familie, meine Frau, meine Tochter“. William Jefferson Clinton ist mit sich im Reinen.

War da nicht mal was – mit einer Praktikantin namens Monica, mit einem Amtsenthebungsverfahren? Die Republikaner, meint Clinton in dem Interview, sollten sich „für das Impeachment-Verfahren beim amerikanischen Volk entschuldigen“ – schließlich habe er sich ja auch für sein persönliches Fehlverhalten entschuldigt. Clinton wird mit seinen 54 Jahren bald der jüngste Ex-Präsident seit Theodore Roosevelt sein. Der wurde mit dem Ruhestand nie fertig, schoss auf alles, was ihm vor die Flinte kam – bei afrikanischen Sa-
faris allein 17 Löwen, 20 Rhinozerosse, 11 Elefanten. Roosevelt schoss sich auch auf seine Nachfolger ein, verbittert bis ans Lebensende. Wird es auch Clinton so gehen, wenn das grelle Scheinwerferlicht erlischt?

Er habe noch seinen Mustang-Sportwagen, erzählt er. Nein, er könne sich nicht vorstellen, dass der Neue im Weißen Haus darunter leide, dass er weiterhin Präsident sein wolle. Er könne das Leben auch jenseits des Weißen Hauses durchaus genießen.

Dem amerikanischen Autor Joe Klein („Primary Colors“) führte Clinton neulich vor, wie er sich das ausmalt. Auf dem Heimweg nach einer Veranstaltung in Washington ließ er zum Entsetzen seiner Leibwächter die Wagenkolonne stoppen: Der Präsident hatte ein McDonald’s-Restaurant gesichtet und konnte nicht widerstehen. In dem Chaos um ihn herum bestellte er in aller Ruhe ein Chicken-Sandwich und „tonnenweise Pommes“: „Wenn ich schon wieder Normalbürger sein muss, dann benehm ich mich besser auch wie einer.“

Und so wird sich bald der Mann verabschieden, der eines der größten politischen Talente der amerikanischen Nachkriegszeit war. Ein Präsident, der das Machbare durchsetzte und seine Visionen schnell – manchmal gar zu schnell – zu den Akten legte. Ein Präsident, der seinen selbstzerstörerischen Zug nie besiegen konnte und von dem vor allem ein Satz in Erinnerung bleiben wird: „I did not have sexual relations with that woman.“

Aber auch dieser Satz wird verblassen, wenn erst Bush oder Gore ins Weiße Haus eingezogen sind. Der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson hat einmal geschrieben: „Jeder Held wird einmal ein Langweiler.“

Im Moment haben die Parteistrategen beider Seiten ein anderes Problem, das sie mit fieberhaften Auftritten und starken Sprüchen in den letzten Wahlkampfstunden angehen: Wie macht man aus einem Langweiler einen Helden?

(Erich Follath)
 
 
 

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