Thomas Gransow

Projekt:
Historische Anspielungen in Titelbildern
politischer Zeitschriften
 

1. Konzeption


Ausgangspunkt der Überlegungen für dieses Projekt, das zusammen mit Schülerinnen und Schüler der 13. Jahrgangsstufe des Gymnasiums am Mühlenberg in Bad Schwartau durchgeführt werden soll, ist die nachfolgende Untersuchung des Didaktischen Arbeitskreises Lübeck über Geschichtsbewußtsein, Geschichtskenntnisse und Geschichtsbilder in der Öffentlichkeit aus dem Jahr 1984. 

 

Didaktischer Arbeitskreis Lübeck:
Historische Anspielungen in Titelbildern des SPIEGEL
(1967 - 1983)

1. "Der Lotse geht von Bord"



 
 
Als im Dezember 1983 auf einer Einkaufsstraße Lübecks etwa 400 Passanten gefragt wurden, wen das oben wiedergegebene Bild darstelle und auf welche geschichtliche Begebenheit angespielt werde, erkannten 89 % der Befragten sofort Helmut Schmidt. 40 % aller Männer, allerdings nur 16 % der angesprochenen Frauen wußten, daß der SPIEGEL auf die Entlassung Bismarcks anspielte - was es allerdings mit diesem Ereignis im näheren auf sich hatte, konnten die meisten nicht sagen. Zum Teil kamen geradezu abenteuerliche Zuordnungen und Bewertungen Aber an das Bild erinnerten sich alle; auch denen stand es vor Augen, die über konkrete und verläßliche Geschichtskenntnisse nur in ungenügender oder fragwürdiger Weise verfügten Ist also das Geschichtsbild, das die meisten Menschen haben, ein Bild, dessen sie sich erinnern?

Zeitungen, zumal clevere Magazine, scheinen das anzunehmen. Und so kramt der SPIEGEL eine alte Karikatur heraus, um seine Botschaft weiterzugeben. Diese Bismarck-Karikatur - so wollen wir zunächst formulieren - ist nun in der Tat ein wohlbekanntes Bild. Es ist in vielen Geschichtsbüchern enthalten, und es steht ja auch tatsächlich für ein Ereignis, das damals die Welt erschüttert hat. So jedenfalls hat man später gedacht. In Deutschland freilich war die Reaktion „unglaublich“ - so schrieb der k. u. k. Gesandte nach Wien, wie alles so glatt laufe ... Fontane, der scharfsinnige Beobachter, bemerkte mehr sarkastisch als ehrerbietig: „Es ist ein Glück, daß wir ihn los sind ...“ Ein weiterer Zeitgenosse schreibt nur wenig später: „Es ist wie ein freies Aufatmen nach Aufhören eines schweren Drucks ...“

Wie hatte es auch anders sein können? War nicht der Lotse, den die europäische Diplo-matie bewunderte und dem sie (nach Zögern und Irritationen) schließlich vertraute - war nicht Bismarck, der Junker, auch der Mann des kaltblütigen Staatsstreiches, war er nicht der Politiker der Sozialistengesetze gewesen? Konnten Arbeiter Bismarck vertrauen? Aber nicht nur sie hatten da Bedenken; wenig später wird der Reichstag mit Mehrheit einen Antrag ablehnen, Bismarck anläßlich seines 80. Geburtstages eine Glückwunschadresse zu übermitteln!


 
 
John Tenniel: Dropping the pilot.
In: The Punch vom 29. März 1890.

 
 
Aber bald nach Bismarcks Weggang setzte eine immer stürmischer werdende  Bismarck-Verehrung ein, und eben die Karikatur dem englischen satirischen „Punch“, allerdings mit einer veränderten Unterschrift („Der Lotse verläßt das Schiff“) hat dieser Stimmung einen starken Ausdruck gegeben. 
Als die SPIEGEL-Karikatur erschien, waren den meisten Bildbetrachtern die Einzelheiten und Umstände der Entlassung Bismarcks nicht mehr gegenwärtig, aber für sie alle war wohl Bismarck der sichere und ruhige Steuermann oder Lotse, der das Schiff mit fester Hand gelenkt hatte und es auch in den Hafen geführt hätte. Und jeder wußte, als er die Karikatur sah: Die Bedeutung Helmut Schmidts soll hier mit der Bedeutung von Bismarck verglichen werden.

Schmidt hat, wie Bölling berichtet, das Signal des SPIEGEL auch genau so aufgefaßt und sich darüber gefreut. Sicher hat die allgemeine Geschichtserinnerung der Deutschen weiter gedacht: Nach Bismarck setzte der Zickzack-Kurs des Kaisers Wilhelms II. ein, und alles ging verloren, was der Kanzler geschaffen hatte. Die Assoziationen des SPIEGEL-Lesers gingen also über die erste Bildaussage hinaus. Nicht nur sollte die Bedeutung Schmidts ausgedrückt werden, sondern der SPIEGEL wollte wohl auch und ebenso vor der Zukunft (ohne Schmidt-Bismarck) warnen. Die politische Grafik fungiert hier also nicht nur als Symbol, sondern auch als Vehikel für Stimmungen.
Aber - bei wem denn? Die alten Veteranen der Arbeiterbewegung mußten doch noch um Bismarcks Rolle bei den Sozialistengesetze wissen, und die junge Linke auch. Dieses scheint bei der Redaktionsentscheidung keine Rolle gespielt zu haben, und offensichtlich hat auch Schmidt nicht, an diese Zweideutigkeit gedacht, die man in die Grafik hineininterpretieren kann. Eigentlich ist das ein interessanter Hinweis auf den Bewußtseinszustand der SPD bzw. der SPD-Führung Anfang der 80er Jahre.

Das Schmidt-Bild ist nicht ganz dasselbe wie das Bismarck-Bild. Die Hauptfigur hier wie dort: der Blick ist in die Ferne gerichtet, langsam und nachdenklich gehen beide die Treppe herunter - stützen sie sich mit der Hand? Nehmen sie mit der gleitenden Hand Abschied von liebgewordenen Schiff? Beim Bismarck-Bild lehnt sich der Kaiser, der sei-nen Piloten hat fallen lassen, über die Reling, um dem Alten nachzusehen. Der (neue) Kapitän fehlt bei Schmidt. Wer hätte es auch sein sollen? Kann man annehmen, der „normale“ SPIEGEL-Leser die Lücke in der Analogienbildung erkannt? Hat der Grafiker die Lücke, die Auslassung wahrgenommen oder gar gewollt? 

Noch eine weitere Überlegung mag sich anschließen. Die Unterschrift der Grafik lautet: „Der Lotse geht von Bord“. Aber genau genommen befand er sich ja zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Schiff. Das konstruktive Mißtrauensvotum war noch nicht über die Bühne des Bundestages gegangen. Der SPIEGEL bringt seinen Abgesang kurze Frist vor dem Ende des Schauspiels. Dazu hieß es damals in einer redaktionellen Notiz, daß eigentlich eine Karikatur des „Königsmörders“ Lambsdorff hatte erscheinen sollen, aber zurückgezogen worden war, plötzlich. Warum wohl? Sollte die FDP geschont werden? War vielleicht der Abgesang des SPIEGEL gar kein Urteil über die geschichtliche Rolle Schmidts, sondern der (letzte) Versuch, das Ruder noch herumzureißen? Bei FDP-Abgeordneten und war am ehesten vorauszusetzen, daß sie das verschlüsselte Signal ihres Hintermannes Augstein empfingen ...

Quellenkritik zeitgenössischer Grafik ist im Vorteil, die Beteiligten, sogar den Quellenautor selbst, befragen zu können. Hermann Degkwitz, der Künstler, der diesen SPIEGEL-Titel gemacht hat, schreibt dazu den Verfassern dieses Beitrags:

Die Entstehung des SPIEGEL-Titels „Der Lotse geht von Bord“ ist etwas anders verlaufen, als Sie sich das offensichtlich vorstellen. Aber da ich mich voll mit dem Titel und den damit verbundenen Intentionen der Chefredaktion, die mir aus späteren Gesprächen bekannt sind, identifiziere, will ich gerne versuchen, Ihnen zu antworten.

Ich arbeite schon seit Mitte der sechziger Jahre mit dem SPIEGEL bei der Titelgestaltung als freier Mitarbeiter zusammen. Titel entstehen ganz unterschiedlich. Einmal kommt die Idee von der Chefredaktion, manchmal bringen die Autoren der Titelgeschichte eine Vorstellung für die Gestaltung des Titels mit. In der Regel aber wird die Idee für die Titelgestalturg von einer speziellen Redaktion unter Leitung von Herrn Wachsmuth entwickelt und auch realisiert.

An der Titelgestaltung arbeiten neben Herrn Wachsmuth zwei festangestellte Grafiker; ferner gehört dazu ein Fotolabor mit zwei Fotografen - Redakteuren und etwa 6 - 8 technischen Kräften. Für die Gestaltung im einzelnen werden dann noch jede Menge von freien Mitarbeitern - Fotografen, Grafikern, Technikern etc. etc. hinzugezogen. Die Ideenfindung, liegt aber in der Regel bei den 5 festen Mitarbeitern des SPIEGEL, Wachsmuth, Grafiker, Fotografen. Die meisten Ideen kommen von Herrn Wachsmuth. Sehr selten kommen Ideen aber von einem allein. In aller Regel ist das echtes Teamwork. 

In diesem Umfeld müssen Sie nun auch den vorliegenden Titel sehen. „Dropping the pilot“ aus dem Punch ist die in Deutschland bekannteste politische Karikatur überhaupt, sie ist wie einige hundert weitere jedem, der sich mit der Visualisierung politischer Problematiken beschäftigt, jederzeit gegenwärtig. Auf dieses Motiv zu kommen, bedarf es also keiner „Idee“.

Ihre Fragestellung veranlaßt mich zu einer weiteren, zur Klärung erforderlichen Bemerkung. Die Titelgestaltung beim SPIEGEL ist zweifelsohne „Kunst“. Hinter dieser Arbeit steckt aber eine Absicht und auch zum Teil Geisteshaltung, die mit dem, was landläufig unter „Kunst“ verstanden wird, überhaupt nichts zu tun hat, ihr zum Teil entgegensteht. Hier stellt sich kein Künstler dar, hier findet keine Selbstverwirklichung statt. Sondern hier wird der Versuch gemacht, das Image eines Politikers, der politischen Lage, des Problems zu visualisieren, in ein Bild zu setzen, ein Bild davon zu geben. In jedem Fall rangiert die „Richtigkeit“ dieses Bildes vor dem „Witz“, der „Idee“ etc. Das entspricht genau der Haltung der Künstler des Mittelalters, deren Ehrgeiz es war, auf ihren Altarbildern, die heilige Familie, den Opfertod, die Herrlichkeit Gottes etc. den Wünschen und Vorstellungen ihrer Auftraggeber entsprechend zur Förderung des Glaubens (sprich zur Manipulation) bestmöglich zu gestalten. Wir (ich) visualisieren die Botschaft des SPIEGEL, überflüssig zu sagen, dass wir (ich) uns in der Regel damit identifizieren, ja stolz sind, hier mitarbeiten zu dürfen.

Man sollte in diesem wie in anderen Fällen weniger nach der Idee fragen. Die Frage muss lauten: wollte der SPIEGEL durch die Übernahme dieser Karikatur seinen Lesern den Eindruck vermitteln dass der SPIEGEL Helmut Schmidt für einen zumindest ähnlich bedeutenden Kanzler hält wie Bismarck? Wollte der SPIEGEL durch die Übernahme der traditionell falschen Übersetzung „Der Lotse geht von Bord“ das nochmnal unterstreichen? Sollte genau, wie im Falle Bismarck durch diesen Text (bewusst ungenau) die Tragik, dass beide im grunde durch die eigene Partei gestürzt wurden, besonders herausgearbeitet werden?

Und in der Tat, so war die Stimmung in diesen Tagen im SPIEGEL, so war die Reaktion, die man dem Leser vermitteln wollte. - Deshalb wurde diese Karikatur gewählt. Klar, das Schiff, das versteht wohl jeder so, steht für die Bundesrepublik. Und Lotse, das ist der Mann, der mit dem Schiff umgehen kann, der die Fährnisse der Fahrt einerseits und den möglichen Weg andererseits kennt. So wollten wir (ich), dass Helmut Schmidt ge-sehen werden sollte. Und ich bin heute noch der Überzeugung dass es in der Bundesrepublik keinen kompetenteren Politiker gibt. Zugleich war klar, dass damals seine Re-gierungszeit (Schuld der SPD) abgelaufen war. Wenn heute ein Schmidt-Titel zu malen wäre, mUsste er der heutigen Lage entsprechend ganz anders aussehen.

Wie war die konkrete Lage bei der Erstellung des Schmidt-Titels vor fast anderthalb Jahren: Man rief mich an. Ich bin ein Spezialist gerade für Federzeichnungen Ich erfuhr, was man machen wollte. Das Konzept hatte meine volle Zustimmung. Als ich dann 40 Minuten später in der Redaktion eintraf, waren alle Unterlagen für mich fertig. - Wir arbeiten alle seit zwanzig Jahren zusammen. Die Karikatur des Herrn Tenniel hatte man so weit vergrößert, dass der Kopf des Bismarck etwa 5 - 6 Zentimeter groß war. Einige Abzüge waren gemacht worden noch mit dem Bismarckkopf drin, bei anderen hatte man ihn schon herausretouschiert. Entsprechend war verfahren worden mit dem Kopf Kaiser Wilhelms. Die Absicht war, Kaiser Wilhelm durch Kohl zu ersetzen. Die am besten für diese Stellungen geeigneten Portraitfotos der Politiker lagen bereit. Ich packte die Sachen ein und war zwei Stunden später mit den fertig gezeichneten und montierten Köpfen wieder in Hamburg. Ich hatte es bei der fertigen Zeichnung gleich gesehen, der Kohl gehörte da oben nicht hin. Ich hatte folglich gleich eine Version, so wie der Titel dann auch ausgesehen hat, erstellt, bei der die Originalkarikatur oben einfach abgeschnitten war.

Alles war mit mir einig. Das wars! So sahen wir die Lage, die Bundesrepublik würde für lange Zeit in schwierigem Gewässer ohne sachkundige Führung sein, und eindrucksvoller, als 1000 Leitartikel das vermögen, hat dieser Titel, dieses Bild der Lage sich in die Gehirne eingeprägt - so „eindrucksvoll“, dass Sie sich noch anderthalb Jahre später damit beschäftigen.

Es ist selten, schreibt Degkwitz weiter, daß ein Titelbild so gut gelingt. Warum bringt der SPIGEL solche Grafiken, die auf geschichtliche Ereignisse anspielen? Eine Untersuchung dieser Frage könnte ein Beitrag sein zur Erforschung allgemeinen Geschichtsbewußtseins.

Die SPIEGEL-Macher geben ja offen zu, daß ihre Titelbilder beeinflussen wollen, und sie wissen, daß nicht die komplizierte und nuancierte Titelgeschichte, sondern das pointierende Bild Einstellungen hervorbringt. Das historische Kostüm, das man dem zeitgenössischen Politiker umhängt, schafft zunächst eine verfremdende Distanz, auch dann, wenn der Leser die historischen Anspielungen gar nicht versteht. Man müßte nun danach fragen, ob die Bilder auch allein durch ihre eigene Sprache das mitzuteilen in der Lage sind, was die Redaktion in ihr Manipulations-Programm aufgenommen hat. - Man müßte weiter fragen, in welchen gedanklichen Zusammenhang die Bilder zu den Geschichten stehen, denen sie vorangestellt sind. Leiten sie ein? Überhöhen sie, oder geben sie kontrastierende Gegenimpulse? Sollen sie Motivieren, oder sollen sie Einstellungen präfiguriert?
 
 


2. „FDP - Rettung in höchster Not“


 

 
Bei der Titelbildvorlage handelt es sich um ein Gemälde des Malers Hans Bohrdt (1857 - 1945): Der letzte Mann (Seeschlacht bei den Falklands 1914). Das Bild stammt vermutlich noch aus dem Jahr 1914.

 
Hans Bohrdt: Der letzte Mann. Zeitgenössische Postkarte.
(Das Gemälde selber gilt seit 1916 als verschollen.)

 
Der historisch-politische Kontext für den SPIEGEL-Titel ist die Bundestagswahl am 6. März 1983. Nach dem Bruch der SPD-FDP-Koalition schien das Ende der FDP nahe. Zwei Wochen vor den Wahlen ist die Tendenz der FDP in der Wählergunst wieder leicht steigend. Dies wird vor allem dem Wirtschafts- minister Graf Lambsdorff zugeschrieben.

Das Titelbild zeigt - als Ausschnitt der Vorlage, bei der am linken Bildrand ein weiteres Schlachtschiff zu sehen ist, einen Matrosen, der, stehend auf einem Wrackteil eine FDP-Fahne hochhält. Die Körperhaltung wirkt dynamisch, der Gesichtsausdruck ist interpretierbar von „voller Verzweiflung“ bis „aggressiv-wütend“. In der Bildvorlage von Hand Bohrdt signalisiert der Matrose den Topos vom „Untergang mit wehender Fahne“, bei dem eine rational begründbare Hoffnung auf Rettung nicht mehr möglich ist. Dies ist um so deutlicher, wann man weiß, daß Wilhelm II. eigenhändig einen aus den Wolken herab segnenden Engel in das Bild hineinmalen wollte. Es stellt sich die Frage, ob das SPIEGEL-Titelbild diese Irrationalität der Hoffnung auf Rettung veranschaulichen will oder, in Umkehrung der Tendenz des Originals, die Fahne als Hilfssignal versteht.

Diesen beiden Möglichkeiten entsprächen dann zwei Deutungsmuster für die Intention des SPIEGEL: 

  • indem der SPIEGEL die Durchhalteparolen der FDP torpediert (hier bliebe man auch sprachlich im Bild), macht er seinen Wunsch nach Untergang der FDP deutlich; 
  • der SPIEGEL will (Augstein ist FDP-Mitglied) die FDP retten. 
Die Bildunterschrift: „Rettung in höchster Not“ bleibt als Frage unbeantwortet: das im Mittelgrund des Bildes sichtbare Kriegsschiff brennt - kommt somit als Retter nicht in Frage. Eine Antwort wäre dem historisch versierten SPIEGEL-Leser nur dann möglich, wenn er die Verbindung Falkland-Schlacht - I. Weltkrieg - Niederlage ziehen würde: Die einzigen militärisch bedeutenden Seestreitkräfte des Deutschen Reiches waren im Ostasiengeschwader unter dem Kommando des Admirals Graf Spee zusammengefaßt. Im Herbst 1914 hatte das Geschwader den Stillen Ozean überquert und am 1. November ein unterlegenes englisches Geschwader vor der Westküste Südamerikas versenkt. Großbritannien reagierte, indem es zwei hochmoderne Schlachtkreuzer unter Admiral Sturdee in den Südatlantik in Marsch setzte. Am 8. Dezember trafen die beiden Geschwader überraschend vor den Falklandinseln aufeinander, denn das Geschwader Spee hatte inzwischen das Kap Horn umrundet. Die Überlegenheit der britischen Kriegsschiffe ließ den Kampf von vornherein aussichtslos erscheinen. Bis auf den Kreuzer „Emden“, der sich wegen seiner Schnelligkeit der Vernichtung entziehen konnte, wurden alle deutschen Schiffe versenkt. Damit hatte sich Großbritannien nicht nur der uneingeschränkten Seeherrschaft versichert, sondern die deutschen Kolonien waren praktisch schutzlos dem Zugriff der Alliierten ausgesetzt.

Die im Originalbild gemalte Reichskriegsflagge als Symbol das Kaiserreichs wird also nicht wirklich gerettet, sondern „übersteht“ nur noch vier Jahre! Womöglich ein Hinweis darauf, daß der FDP vom Zeichner des SPIEGEL-Titels nur mehr vier Jahre - eine Legislaturperiode - gegeben werden, bis sie endgültig untergeht.

Es zeigt sich, daß vielfältige Ansätze zur Interpretation des Titelbildes bei einer etwas differenzierteren Kenntnis der his-torischen Anspielung auftauchen: die „Emden“ entkommt, wird aber im März (!) 1915 ebenfalls versenkt.

Auch der Versuch, durch Bezugnahme auf die Titelgeschichte zu einem weniger vieldeutigen Verständnis des Titelbildes zu gelangen, erweist sich als schwierig. Der größte Teil der Titelgeschichte hat keinen unmittelbaren Bezug zum Titelbild, sondern beschreibt die Geschichte der FDP. Die ersten 1 1/2 Seiten stellen allerdings - auch sprachlich - einen Bezug her: „noch einmal davongekommen“, „Retter in höchster Not“, „es geht um alles oder nichts - ums Überleben“, „ums Überleben kämpfen“, „Überlebensangst", „untergehen/Untergang“, „tapfer“. Das Bemerkenswerte an der Kombination Titelbild - Titelgeschichte ist, daß auf die grundlegende Frage, ob die FDP überleben wird, im eigentlichen Sinne keine Antwort gegeben wird. Wenn wir weiter unten zu dem Schluß kommen werden, daß sich das Titelbild einer sofortigen und eindeutigen Wertung entzieht, gilt dies gleichermaßen für die Titelgeschichte selbst. Die Tatsache, daß in der Titelgeschichte Helmut Kohl zitiert wird, der der FDP einen Sprung über die 5 %-Hürde zutraut, steht dazu nicht im Widerspruch.
Das Titelbild macht also einen Teil der Titelgeschichte (1 1/2 von 5 Seiten) überspitzend deutlich, ohne aber Informationswert zu besitzen oder die aufgeworfene Frage nach der Zukunft der FDP zu beantworten.

Insofern ist zu vermuten, daß die Funktion des Titelbildes die ist, bei unterschiedlichen Adressaten Aufmerksamkeit zu erregen, ohne sich auf eine offensichtliche Deutung festzulegen; sie dient somit mehr der Animation als der Information.

Die abschließende Frage, wie der SPIEGEL an seine Bildvorlagen kommt, läßt sich für das vorliegende Beispiel leicht klären: durch Rückgriff auf das Hausarchiv. Am 26. April 1982, also kaum ein Jahr vor dem von uns bearbeiteten Titel, findet sich im SPIEGEL Nr. 17 ein Abdruck des Bohrdt-Bildes (im Zusammenhang mit der damaligen Titelgeschichte um den drohenden Falkland-Krieg zwischen Argentinien und Großbritannien). Hier (im SPIEGEL Nr. 17) wird dem Maler Bohrdt in offensichtlich ironischer Distanzierung die historische Fehlerhaftigkeit seines Bildes nachgewiesen, ebenso wird dessen Intention lächerlich gemacht.

Wenn man für die beiden SPIEGEL eine interpretative Kongruenz unterstellte, bedeutete das für unseren SPIEGEL-Titel, daß das Deutungsmuster a) (s. o.) zuträfe. Aber auch damit wäre die Aussage, der SPIEGEL wollte sich nicht festlegen, nicht hinfällig, denn nur bei einem Zusammentreffen mehrerer Bedingungen (historisches Vorwissen, Kenntnis der Bildvorlage, Kenntnis des SPIEGEL-Titels von 1982) wäre die eine Deutung möglich; zwingend ist sie nicht einmal dann. Über die statistische Wahrscheinlichkeit mögen sich die Mathematiker streiten.
 
 


3. „Frankreich: Triumph der Linken - 
Sozialist Mitterrand“


 

 
Nach den zwei Grafiken zu deutschen Politik (mit dem historischen Hintergrund Erster Weltkrieg und Bismarck) folgen nun zwei Grafiken zur französischen Politik (mit dem historischen Hintergrund Französische Revolution und Ludwig XIV.)

Auf dem SPIEGEL-Titelblatt vom 22. Juni 1981 wird Mitterrand abgebildet. Eigentlich überflüssig ist die zusätzliche Angabe: „Sozialist Mitterand“, denn sowohl das Bild wie auch die zentrale Überschrift „Frankreich: Triumph der Linken“ sind in der damaligen Situation klar und eindeutig. Bei der Abbildung Mitterrands fallen zwei Dinge ins Auge: die rote Mütze und die altmodisch-vornehme Kleidung. Im Hintergrund ist der Elysee-Palast zu sehen, der Sitz des französischen Staatspräsidenten, mit der Trikolore.

Was nimmt ein Leser vor allem auf? Die rote Mütze - das irgendwie Fremdartige, Gefährliche? Die vornehme Kleidung, vor allem der Schal - das Seriöse, das Solide, das Bourgeoise, das Staatsmännische? In diesem Zusammenhang bekommt die Angabe „Sozialist Mitterrand“ ihren besonderen ironischen Reiz. Was gilt: die Mütze oder der Anzug? Auch das Gesicht ist auffallend: kühl, abweisend, distanziert, ernst, energisch, unnahbar, hintergründig. -

Die rote Mütze sie verweist den Leser wohl auf Mitterrands Bündnis mit den Kommunisten: Mitterrand also auf dem Weg zum Sozialismus-Kommunismus? Die Kleidung, sie markiert seinen Antikommunismus: Mitterrand als harter Kritiker der UdSSR und enger Bündnispartner der USA und politischer Partner Reagans! Das Gesicht, es strahlt ein wenig Napoleon aus: Mitterand, der seinen eigenen Weg geht? Insgesamt stellt sich die Frage: Wie links ist er eigentlich? Was ist nur Staffage? Der Leser wird irritiert, ist fasziniert. Ist das ein neuer Sozialismus, einer ohne Moskau? Die Fahne ist blau-weiß-rot, nicht rot. Ist das Volksfront? Insgesamt also ist das ein Bild ohne festen Boden, ein dialektisches Bild, ein widersprüchliches, ein Polaritäten vereinigendes.

Das SPIEGEL-Titelbild erschien zwischen dem 1. und 2. Wahlgang zur Wahl der Nationalversammlung. Vorausgegangen war der Sieg des Sozialisten Mitterrand, der bei der Wahl zum Staatspräsidenten den Amtsträger Giscard d'Estaing deutlich überrundete. Bei der folgenden Wahl zur Nationalversammlung erhielt die sozialistische Partei eine absolute Mehrheit der Mandate, wenngleich nicht der Wähler (Folge des besonderen Wahlrechts). Insgesamt stellten die beiden Wahlen (mit ihren jeweils zwei Wahlgängen) einen einschneidenden Wechsel der Mehrheitsverhältnisse in Frankreich dar, der erste Machtwechsel seit Gründung der Fünften Republik 1958. Der SPIEGEL spricht daher mit Recht von einem „Triumph der Linken“. Durch das Bild wird die unbezweifelbar besondere Rolle Mitterrands für den Wahlsieg unterstrichen, zugleich auch auf die herausragende Stellung, die der Staatspräsident nach der französischen Verfassung ausübt, verwiesen. 

Nicht allen Lesern dürfte die Bedeutungen der Mütze deutlich sein. Es handelt sich dabei um die Jakobinermütze aus der Französischen Revolution. Diese Mütze ist ursprünglich die Kopfbedeckung eines kleinasiatischen Seeräubervolkes gewesen. Im antiken Rom wurde die phrygische Mütze zum Freiheitssymbol. Freigelassene erhielten von ihrem Herren einen Hut oder eine Mütze zum Zeichen der Freiheit. Das die Antike liebende 18. Jahrhundert erinnerte sich dieser Tradition. In Frankreich wurde diese Mütze 1789 nach der Revolution durch die befreiten Galeerensträflinge von Brest populär gemacht. Schnell bürgerte sie sich als Kopfbedeckung der gesinnungsfreudigen Republikaner ein, besonders der Mitglieder des Jakobinerklubs, was ihr den Namen Jakobinermütze eintrug. Jakobiner - das ist die volkstümliche Bezeichnung des Klubs der „Societé des amis de la constitution“ im Dominikaner-Kloster St. Jakob zu Paris. Die Freiheitsmütze ist in viele Fahnen und Hoheitszeichen der Welt eingegangen, vor allem in Latein- und Nordamerika. Auch der Senat der USA führt sie in seinem Siegel. In Europa kam die Freiheitsmütze bald aus der Mode, da sie durch das während der Schreckensherrschaft - vor allem Robespierres - vergossene Blut befleckt war. Die Freiheitsmütze ist kein nationales, sondern ein weltumfassendes Symbol. Sie verkörpert den Gedanken der Mensch-heitsbefreiung. Das wird auch deutlich in dem 1792 entstandenen Lied „Die Fahrten der roten Mütze“ (Strophe 1,2 und 5):

„Die Feiheitsmütze leuchtet und kommt voll Kühnheit daher;
sie trotzt den Despoten. Ihr Lauf umfaßt das Universum;
überall zerbricht sie die Ketten der tapferen Sansculotten.
Schon prägt dies Heilzeichen gerechten Schrecken auf die Stirn der Despoten. 
Sie bewaffnen sich vergebens dagegen! Die Szepter fallen heute vor den Sansculotten.
Endlich gründet sich die Freiheit von Paris bis nach Japan, vom Afrikaner bis hin zum Lappen. 
Das Schicksal der Tyrannei ist entschieden. 
Die Freiheitsmütze wird um die ganze Welt ziehen."

„Le bonnet de la liberté / Fera de tour du monde“. Mitterrand mit der Jakobinermütze - das bedeutet also: Mitterrand steht in der Tradition der Jakobiner, knüpft daran an und setzt deren Ideen fort. Die Sozialisten in Frankreich haben sich schon immer als die wahren Erben der Jakobiner betrachtet. Mitterrand also ein Robespierre, des 20. Jahrhunderts, der Radikalität, Tugend, Moral, Kompromißlosigkeit und Freiheit verkörpert. Mitterrand, so sagt dieses Bild, verspricht den Franzosen nach langen Jahren des „Ancien Régime“ eine neue Freiheit. Die Macht der Etablierten zerbricht, das bürgerliche Frankreich ist geschlagen. Der Vergleich mit dem Wechsel von der ersten Phase der Französischen Revolution zur zweiten drängt sich auf: Statt formaler Freiheit nun soziale Freiheit. Statt Montesquieu nun Rousseau. Und vielleicht macht das Beispiel Schule wie nach 1789 auch, und andere Staaten gehen denselben Weg. Vielleicht hat der Grafiker die sozialistische Landkarte Europas im Kopf gehabt: In Portugal stand damals ein Wahlsieg des Sozialisten Soares zu erwarten, in Spanien des Sozialisten Gonzales, in Griechenland des Sozialisten Papandreou. In Italien stand die Ministerpräsidentschaft des Sozialisten Craxi zur Diskussion. Die skandinavischen Länder hatten ohnehin eine lange sozialdemokratische Tradition. Und auch in Österreich und in der Bundesrepublik regierten damals die Sozialdemokraten. Lediglich Großbritannien und die Benelux-Staaten fielen aus diesen Rahmen. 

Die Jakobinermütze als Freiheitsmütze hat einen starken ideologischen und zugleich auch beinahe sakralen Anspruch. Sie birgt in sich sowohl einen beherrschenden Anspruch, einen Wahrheitsanspruch, und einen Heilsanspruch. Die Mütze verweist damit zugleich auf einen hohen moralischen Anspruch. Aber Selbsterhöhung und Abweisung des Andersdenkenden sind nah verwandt. Auch die Guillotine steckt - versteckt - unter der Jakobinermütze. Mitterrand - ein neuer Robespierre? Solche Deutungen sind nicht eindeutig dingfest zu machen, verbleiben der Phantasie des Rezipienten. Wer sich über den Sieg des Sozialisten freut, denkt anders darüber als der, der Angst hat. Der polemische Wahlslogan der deutschen Konservativen („Freiheit oder Sozialismus“) schwingt auf eine sehr indirekte Weise mit. Diese Überlegungen verweisen auf die Frage des Standorts des Grafikers bzw. des SPIEGEL. Sympathie oder Antipathie mit Mitterrand? Wohl beides nicht, vielleicht mehr ein Erstaunen, daß so etwas in Westeuropa möglich ist, vielleicht auch Freude am Wandel, an der Lockerung von Erstarrtem, Freude am Experiment - mit ein bißchen Angst - Robespierre!

Die Titelgeschichte zu diesem Bild hat die Überschrift: "Die Kommunisten in der Falle gefangen“. Der SPIEGEL spricht dort vom „Jahrhundertsieg“ des Sozialisten Mitterrand, der die Dauerherrschaft der Rechten beendet und Frankreich durcheinander gewirbelt hat. Besonders wird Mitterrands „strategisches Geschick“ betont, die mächtige KPF zu nutzen und zugleich auszuschalten. Kritik am alten System und Freude am Wechsel gehen aus folgendem Zitat hervor: „Die ehrwürdige monarchische Republik des Generals Charles Marie André de Gaulle geriet in die Hände des Sozialisten Mitterrand, und der Pariser Eiffelturm steht immer noch.“ Mitterrand wird als Bannerträger eines neuen Sozialismus in Europa gesehen. Aber er betont auch die Ähnlichkeiten mit dem Gründer der Fünften Republik, de Gaulle, „salbungsvoll, lyrisch und distanziert alle beide.“ De Gaulle wiederum ist Gegenstand der folgenden Untersuchung.
 
 

4. "De Gaulle"


 

 
Das Titelbild des SPIEGEL vom 27. März 1967 zeigt eine Büste, die - wie auch der Name im Sockel verrät - Charles de Gaulle darstellt. Modische Attribute, wie die lange Allonge-Perücke, das gefältelte Gewand und das aus dem Hals herausragende Spitzentuch, sowie Herrschaftssymbole, wie die Ordenskette und der mit Fransen und Troddeln verzierte Purpurvorhang (der den Hintergrund fast bedeckt), lassen den französischen Staatspräsidenten als Angehörigen der aristokratischen Oberschicht und absolutistischen Herrscher des 17./18. Jahrhunderts erscheinen. Allerdings zeigt die Büste ein deutlich gealtertes Gesicht: Hals und Stirn sowie Mund- und Augenwinkel sind von vielen Falten durchzogen; der Blick ist glanzlos. Auch die purpurne Farbe des Vorhangs ist verblichen; einige der einstmals goldenen Fransen fehlen bereits. Die Untertanenperspektive ist aufgegeben: Im Gegensatz zu den zumeist Jugendlichkeit und Vitalität ausstrahlenden zeitgenössischen Herrscherdarstellungen des Absolutismus, zu denen der Betrachter aufblickt, zeigt die vorliegende Karikatur also einen gealterten Herrscher vor einem glanzlosen, verblichenen Hintergrund.

 
Gianlorenzo Bernini: Louis XIV, 1665.
Schloss von Versailles, Salon de Diane

 
Die Darstellung des französischen Staatspräsidenten als Ludwig XIV. ist in der politischen Grafik nicht neu. Sie gilt im allgemeinen als Verweis auf das vordemokratische Staatsverständnis und den autokratischen Regierungsstil de Gaulles („L'état c'est moi!“). Neben diesem innenpolitischen Aspekt wird vom SPIEGEL in der  der Karikatur zugeordneten Titelgeschichte auf das Selbstverständnis de Gaulles abgehoben, „[...] die menschlichen Bedürfnisse der Franzosen mit jenem Nährfutter von Grandeur und Gloire stillen zu können, an dem er sich selbst zu stärken pflegt.“ Mit dem „Nährfutter“ wird auf die Außenpolitik Ludwigs XIV. angespielt, die in der modernen Historiographie - nach W. Hubatsch - charakterisiert wird „[...] durch das Staatsinteresse, durch politische Leidenschaft und die barocken Vorstellungen der Gloire, Réputation und Magnificence.“ Diese Parallele verstärkt der SPIEGEL, indem er Äußerungen des „Sonnenkönigs Karl“ zitiert: „Ohne Größe kann Frankreich nicht Frank-reich sein.“ Oder: „Wir sind eine große Nation, die ganze Welt erkennt es an.“ De Gaulle habe damit das Selbstverständnis insbesondere des französischen Großbürgertum artikuliert: „[Er] füllte das [durch die Katastrophe zweier Weltkriege] atrophierte Selbstverständnis der Nation wieder auf. Er löste Frankreich aus dem Magnetfeld der beiden Supermächte in Ost und West. [...] Mit der Ausdauer eines Dompteurs dressierte er die Franzosen dazu, den Kopf wieder hoch zu tragen.“ Die Wortwahl („Dompteur“, „dressieren“) verweist wiederum auf das eingangs erwähnte Staatsverständnis de Gaulles.

Damit ist das historische Vorbild, nicht jedoch die Art der Darstellung erklärt.

Bei den französischen Parlamentswahlen am 13. März 1967 erlangten die Gaullisten und ihre Verbündeten lediglich dank des Mehrheitswahlrechts eine „arithmetische Mehrheit“ in der neuen Kammer: 244 von 486 Sitzen. Von 22 Millionen Wählern stimmten 14 Millionen für die Oppositionsparteien. Der SPIEGEL sieht in diesem Wahlausgang ein Symbol für das Scheitern de Gaulles: „[Am 13. März 1967] verriet Frankreichs nationalkonservatives Bürgertum seinen erlauchtesten Sohn, der den Namen des alten Gallien trägt, um entgegen Tradition, Erziehung und Interesse erstmals in seiner Geschichte links zu wählen.“ Die Ursache für diesen Verrat, eine verfehlte Wirtschafts- und Sozial-politik, wird auf die Formel gebracht: „Sie [die Franzosen] möchten Komfort statt Ruhm und Duschen statt Glanz.“ So entspricht denn auch die Selbsterkenntnis des französischen Staatspräsidenten der Situation: „Gegenwärtig denken die Franzosen nur an ihren Lebensstandard, aber das ist kein Ehrgeiz, der einer Nation würdig ist.“ Und: „Als alter Mann stehe ich hier, in Prüfungen ermattet, von der Geschäftigkeit der Welt gelöst; so spüre ich das Nahen der ewigen Kälte und werde doch nie müde, im Dunkel nach einem Schein der Hoffnung auszuspähen.“ Es scheint, als habe der Karikaturist diese zuletzt zitierte Äußerung wörtlich genommen, um einen zu Lebzeiten zu einem Denkmal gewordenen Politiker zu karikieren.

So soll also die Karikatur deutlich machen, daß ein politisches Kon-zept, das auf außenpolitischen statt wirtschafts- und sozialpolitischen Erfolgen beruht, unzeitgemäß und veraltet ist, eine Einsicht, die dem betrachtenden Bundesbürger, der in einem in seiner Außenpolitik zwar beschnittenen, aber durch wirtschaftliche Blüte und soziale Sicherheit gekennzeichneten Staat lebt, durchaus einleuchten mag, Es scheint, als erwarte der SPIEGEL von einem Nachfolger de Gaulles, daß er sich die Bundesrepublik Deutschland in sozial-, wirtschafts- und außenpolitischer Hinsicht zum Vorbild nehmen solle.

Diese offensichtliche Übereinstimmung zwischen Titelbild und Titelgeschichte ist nicht zufällig, denn (so die Auskunft des Grafikers) die Anfertigung des Titelbildes ging in diesem Fall der Abfassung der Titelgeschichte voraus - eine Ausnahme für die Arbeit des SPIEGEL!

Dennoch scheint die Wirkung der Karikatur nicht in erster Linie auf der skizzierten Übereinstimmung zu beruhen, weil sowohl die Person Ludwigs XIV. als auch die de Gaulles sowie die Verschmelzung beider in der politischen Karikatur der sechziger Jahre beim SPIEGEL-Leser als bekannt vorausgesetzt werden können. Die Aussage des Titelbildes muß also auch unabhängig von der Titelgeschichte gesehen werden.

Wie aber wird nun diese bekannte Karikatur gedeutet?


 
Stern Nr. 21 vom 17. Mai 1984

 
Ein Indiz dafür mag das Titelbild des „Stern“ vom 17. Mai 1984 sein, das - in Anspielung auf die Parteispenden-Amnestie - die berühmte Darstellung Ludwigs XIV. durch H. Rigaud von 1701 zeigt, in die der Kopf des Bundeskanzlers H. Kohl montiert worden ist. Die Bildunterschrift lautet: „Der Staat bin ich!“ In beiden Fällen dient die historische Kostümierung der Ironisierung eines Staatsverständnisses, das die Eigenbelange über die des Staates stellt und als dessen Repräsentant Ludwig XIV. in den Augen der deutschen Grafiker gilt. Während jedoch beim zuletzt genannten Beispiel die Darstellung eindeutig zur Abwertung der Person des Bundeskanzlers führt, ironisiert das Titelbild des SPIEGEL eher die Tragik eines großen Staatsmannes, der 250 Jahre zu spät geboren worden ist.

In diesem Zusammenhang ist es notwendig, auf die unterschiedliche Rezeption der Vorlage in Frankreich und in der Bundesrepublik Deutschland einzugehen. In Frankreich trägt nämlich die Person des „Sonnenkönigs“ im wesentlichen positive Züge, wobei französische Geschichtsbücher besonders politische Weitsichtigkeit, unermüdlichen Arbeitseifer, vollendete Selbstbeherrschung und gesunden Menschenverstand als wesentliche Charaktermerkmale hervorheben. Deutsche Schulbücher zeichnen dagegen ein eher negatives Bild: Sie betonen die Kriegslust des Königs, seinen selbstherrlichen Regierungsstil, den Hang zu Luxus und Verschwendungssucht sowie den selbstinszenierten Herrscherkult. (Es ist bezeichnend, daß die Titelgeschichte des SPIEGEL die drei zuletzt genannten Merkmale auch de Gaulle zuschreibt!) Wenn der SPIEGEL-Leser dieses Bild Ludwigs XIV. auf den französischen Staatspräsidenten anwendet, so erfährt die der französischen Diskussion entnommene Karikatur als Titelbild des SPIEGEL einen Wertewandel: Während sich beim französischen Betrachter die Tragik Charles de Gaulles eher mit einer Bewunderung für „Frankreichs größten Sohn“ vermischt, scheint beim deutschen Betrachter das Unzeitgemäße des historischen Vorbildes auf Unverständnis und Ablehnung zu stoßen. Und auf diese Erwartungshaltung des Lesers zielt nun wiederum die Titelgeschichte des SPIEGEL.
 
 

5. „Falkland-Inseln: England auf Kriegskurs“


 

 
Auf dem Titelbild ist Margaret Thatcher in Ritterrüstung dargestellt. Mit offenem Visier holt sie, mit beiden Händen ein flammendes Schwert umfassend, zum Schlag aus. Ihre blauen Augen blicken entschlossen nach vorn. Ihr Gesichtsausdruck strahlt Siegesgewißheit aus. Oberarm und Schulterpartie sind überaus kraftvoll. In Form einer Schlagzeile wird das Thema der Titelgeschichte genannt: „Englands Flotte auf Kriegskurs“. Wer das Gesicht der dargestellten Person noch nicht erkannt hat, wird im Untertitel aufgeklärt. Die Farbgebung des hintergrundlosen Bildes erinnert an die britische Flagge: blau - rot - weiß.

Aus den Medien waren die Leser dieser SPIEGEL-Ausgabe in der Vorwoche über die Eskalation des Konflikts ausführlich informiert: Die Falkland-Inseln waren bereits am 2. April 1982 von Argentinien besetzt worden. Der UN-Sicherheitsrat hatte eine Resolution zur diplomatischen Beilegung des Konflikts verabschiedet. US-Außenminister Haig hatte seinen Vermittlungsversuch begonnen. Die harte englische Reaktion war aus Fernseh-beiträgen bekannt: Eine 36 Kriegsschiffe starke Flotte hatte am 5. April Portsmouth verlassen, und am 7. April proklamierte Großbritannien die 200-Meilen-Zone um die Falkland-Inseln zum Sperrgebiet. Der SPIEGEL nimmt also dieses in der Vorwoche deutlich herausragende außenpolitische Ereignis auf, dessen Fortgang und Ausgang ungewiß ist. 

Welche Aussage vermittelt nun das Titelbild dem Betrachter, der den Text der Titelgeschichte noch nicht kennt? Die Sache, um die es geht, wird in der Schlagzeile mehrdeutig formuliert: „Englands Flotte auf Kriegskurs“ kann meinen, daß die britische Flotte bereits mit einem Angriffsbefehl in Richtung Falkland-Inseln fährt. Es kann aber auch bedeuten, daß England auf einen Krieg zusteuert, der noch zu verhindern ist. Die erste Deutung paßt nicht zu den dem Leser aus der Vorwoche bekannten Informationsstand. Man erwartet eine erfolgreiche Vermittlung der USA. Weiß der SPIEGEL - wieder einmal - mehr als andere? Das Bild selbst setzt nur die den SPIEGEL-Lesern seit der Wahl 1979 bekannte Charakterisierung M. Thatchers als „Eiserner Lady“ bildlich um, indem sie in eine Ritterrüstung gekleidet wird. Ähnlich plakativ wird der Ausdruck „auf Kriegskurs“ bildlich umgesetzt: Die Metapher „zum Schwert greifen“ für Kriegsbeginn oder gewaltsame Auseinandersetzung ist wohl allen geläufig. Sie wird bereits im Neuen Testament verwendet und findet sich in vielen politischen Reden der Vergangenheit! „So muß denn das Schwert entscheiden“, sagte Kaiser Wilhelm am 6. August 1914 in seinem Aufruf an das deutsche Volk. Soll diese Grafik also lediglich die politische Entschlossenheit der britischen Premierministerin bildlich darstellen, oder ist der Krieg bereits unvermeidbar geworden? Die Offenheit der politischen Situation und die Mehrdeutigkeit der Aussage von Bild und Text der Titelseite wecken die Neugier des Lesers - wenn er dem Titelbild überhaupt so viel Aufmerksamkeit schenkt.

Wer die Titelgeschichte liest, erfährt, daß die Falkland-Inseln 200 „unbedeutende“, „öde“, „gottverlassene“ Felseneilande sind. Ein Krieg zwischen England und Argentinien wäre „absurd“. Die geradezu „welthistorische Komik“ dieses Konflikts ergebe sich allein schon aus dem Mißverhältnis von „Streitobjekt und Aufwand“. Nach Meinung des SPIEGEL unternehme die englische Premierministerin und ihre Regierung alles, um die „Hysterie“ in der englischen Öffentlichkeit „anzuheizen“, um von innenpolitischen Mißerfol-gen abzulenken. Nach Auffassung des SPIEGEL gebe es aber deutliche Anzeichen für eine diplomatische Lösung des Konflikts, was auch vernünftig wäre, denn England, das mit „Anstand fast das ganze Empire losgeworden ist“, könne auch mit Anstand die „letzten Empire-Reste“ abstoßen.

Aus der Kenntnis der Bewertung von Person und Sache in der Titelgeschichte ergibt sich so eine neue Sicht der grafischen Darstellung; Frau Thatcher ist entschlossen, einen „anachronistischen Krieg“ zu führen. Sowohl die Bewaffnung als auch ihre Bereitschaft zum Kriege selbst entsprechen nicht den Erfordernissen politischer Konfliktlösungen in der Gegenwart. Die Pose auf dem Bild gibt nicht die Meinung des SPIEGEL wieder, sondern kennzeichnet die von M. Thatcher aus innenpolitischen Gründen angenommene Pose. der Selbststilisierung zu einer Heldin. Diese Pose hat sie in den englischen Medien in propagandistischer Absicht verbreitet, in bewußter Anknüpfung an den „spätviktorianischen Hurra-Patriotismus“. Das flammende Schwert kann nun als Ironiesignal verstanden werden. Es verdeutlicht die Bemühungen der Premierministerin, die Kriegshysterie in England anzuheizen. Aus der Sicht der Titelgeschichte würden sich England und die Premierministerin selbst lächerlich machen, falls sie sich tatsächlich auf „Kriegskurs“ befänden. So ist das Bild keine Illustration einer politisch offenen Situation, sondern eine Karikatur, ein Kampfbild, das diejenigen Eigenschaften einer Person oder Sache satirisch übersteigert, die geeignet sind, das zu Bekämpfende dem Betrachter schlagartig zu verdeutlichen.

Bibelfeste und / oder historisch gebildete SPIEGEL-Leser, die Anspielungen wahrzunehmen verstehen, werden dieser Deutung aber noch eine weitere hinzufügen können: Mit einem „flammenden Schwert“ bewacht im Alten Testament der Erzengel Michael den Weg zum Baum des Lebens nach der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Im „Weltgericht“ von P. P. Rubens erscheint er als Himmelsstreiter in Ritterrüstung mit dem Flammenschwert: als Repräsentant des Himmels und Sieger über den Teufel. Eine historische Gestalt, zu der dieser Erzengel Michael nach eigenem Bekunden gesprochen hatte, war Jeanne d'Arc, die Im Auftrag des Himmelskönigs gegen fremde Besatzer kämpfte. Am 5. Mai 1429 schrieb sie in ihrem dritten Brief an die Engländer: „Euch Männern aus England, die Ihr kein  Recht auf das Königreich Frankreich habt, befiehlt der König des Himmels durch mich, Johanna die Jungfrau, Eure Bastionen zu verlassen und in Euer Land zurückzukehren. Wenn ihr das nicht tut, werde ich solch ein [Kriegsgeschrei] erheben, daß man ewig daran denken wird.“ Trotz einer Verwundung legte sie bei der Befreiung von Orléans ihre Rüstung an, die ihr der französische Kronrat zuvor bewilligt hatte, ergriff das Banner, auf dem Gottvater und kniende Engel abgebildet waren, und entflammte durch ihren Angriffsgeist die französischen Truppen. Die englischen Eindringlinge räumten ihre Stellungen unter Zurücklassung der Feldgeschütze und Schleudermaschinen. Orléans war frei. Die Ähnlichkeit der beiden historischen Situationen ist zweifellos gegeben.

Hat der SPIEGEL diese historische Parallele in seinem Titelbild ausdrücken wollen? In dieser SPIEGEL-Ausgabe fehlen alle Hinweise darauf. Erst in der Ausgabe vom 24. Mai 1982 - sechs Wochen später - findet sich der folgende Vergleich: „Doch unbeirrt stand Jeanne d'Arc Thatcher, Tochter eines methodistischen Laienpredigers, mit ausgeprägten Kreuzzugsideen ihren bisher härtesten Test durch.“ Wie Jeanne d'Arc führt auch Margaret Thatcher nach eigenem Selbstverständnis einen „gerechten Krieg“ gegen das „Böse“. Weshalb hat der SPIEGEL diesen sinnvollen historischen Vergleich erst mehr als einen Monat später nachgeliefert? Schätzte er das Vorwissen seiner Leser so hoch ein? Das wäre unüblich. Meistens gibt es die nötige Aufklärung entweder in der Hausmitteilung oder der Titelgeschichte. Es gibt tatsächlich ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, das Jeanne d'Arc in dieser Pose in fast ähnlicher Rüstung darstellt. Oder haben die Grafiker und Redakteure diese Analogie bei der Veröffentlichung des Titelbildes noch gar nicht gesehen? Laut Mitteilung des SPIEGEL wurde die Vorlage zum Titelbild von einer englischen Fotoagentur erworben. Sie ist mithin keine originäre Idee des SPIEGEL-Grafikers.

Aber auch wenn die historische Parallele gesehen worden wäre - aus der Sicht des SPIEGEL vom 12. April 1982 hätte der Vergleich Thatcher / Jeanne d'Arc gar keinen Sinn gegeben. Denn noch deutete der SPIEGEL die Haltung der Premierministerin als Pose, das Auslaufen der Flotte als Mittel, politischen Druck auf Argentinien auszuüben. Noch dachte man, der Konflikt werde diplomatisch gelöst. Erst einen Monat später, als alle Vermittlungsversuche gescheitert und britische Soldaten auf den Falkland-Inseln gelandet waren, konnte der Vergleich mit Jeanne d'Arc einen Sinn bekommen. Denn nun hilft er SPIEGEL-Redakteure zu erklären, weshalb dieser anachronistische Krieg nicht mit diplomatischen Mitteln lösbar war; weshalb nach „fast 30 Jahren Konfliktforschung“ die Briten trotz ihrer „politischen Kultur und außenpolitischen Erfahrung diesen Konflikt nicht rationaler bewältigten“. Als treibende Kraft und eigentliche Ursache dieses unsinnigen Krieges werden nämlich die politischen Wertvorstellungen von Margaret Thatcher ausgemacht: Ihre anachronistischen, an biblischen und mittelalterlichen Deu-tungsmustern anknüpfenden Überzeugungen haben die mögliche rationale Konfliktlösung verhindert. Diese Erklärung war aber am 12. Mai noch nicht möglich, weil die politische Situation noch offen schien. Nun kann das Titelbild auch als Karikatur auf die politischen Wertvorstellungen der Premierministerin gedeutet werden. Der Vergleich mit Jeanne d'Arc gibt besonders dann einen Sinn, wenn man die Geschichte der Rezeption dieser „kriegerischen Jungfrau“ berücksichtigt. Für den Engländer George Bernard Shaw ist sie, die „große Kriegsheilige“. Nach 1870 wurde sie in Frankreich zum Symbol des kämpferischen Nationalismus erhoben und „im Ersten Weltkrieg haben dann Maurice Barrès und Léon Bloy sie für ihre chauvinistischen Haßgefühle in Anspruch genommen.“  Am 16. Mai 1920 wurde sie von Papst Benedikt XV. heiliggesprochen. Diese Wertschätzung verdient Margaret Thatcher nach Auffassung des SPIEGEL allerdings nicht.


 
Zur Funktion historischer Anspielungen
in politischen Grafiken des SPIEGEL

Der SPIEGEL greift zuweilen auf historische Parallelen zurück, um gegenwärtiges Geschehen zu deuten. Einige der wichtigsten politischen Grafiken mit historischem Hintergrund, die in den letzten 15 Jahren im SPIEGEL erschienen sind, haben wir hier vorgestellt und zu interpretieren versucht. Es stellt sich die Frage, wann politische Grafik historische Beispiele aufgreift. 

Ein Grund für das historische Arrangement ist der Wunsch nach Kostümierung gegenwärtiger Politiker. Sie werden auf eine Bühne gestellt und spielen - Komödie oder Tragödie. Das geschichtliche Kostüm hat unterschiedliche Funktionen: es dramatisiert eine politische Situation (FDP); es wertet einen Politiker auf, wenn vorausgesetzt werden kann, daß die historische Anspielung mehrheitlich auch verstanden wird (Schmidt-Bismarck); es wertet Politiker ab; der historische Vergleich meint hier das Antiquierte, Unzeitgemäße, Anachronistische (de Gaulle als Ludwig XIV. und Thatcher als Jeanne d'Arc); es dient der Irritation der Leser wenn ein Politiker den deutschen Lesern noch nicht recht bekannt ist (Mitterrand). Immer stellt sich auch die Frage, ob der Anspruch, der hinter der historischen Parallele steckt, nicht zu hoch ist. Das Kostüm macht die Politiker mehr oder weniger lächerlich, fragwürdig, problematisch, selbst dann, wenn eine Grafik nicht direkt kritisch, sondern eher lobend gemeint ist. Grafik ist keine Ikonographie. Die politische Grafik mit historischem Hintergrund ermöglicht also vielfältige Brechungen. Überfordern sie den Leser?

Ein zweiter Grund für das historische Arrangement ist wohl, Entscheidungssituationen und Wendepunkte zu visualisieren. Schmidt am Ende, die FDP am Ende, Mitterrand am Anfang, Thatcher auf Kriegskurs. Nachher ist jeweils nichts mehr so wie vorher - nach Meinung des SPIEGEL. Vielleicht bieten sich gerade für solche Umbrüche historische Parallelen an, deren Wendepunktcharakter aus der Rückschau viel deutlicher ins Auge fällt: Bismarcks Abgang, die Jakobinerherrschaft, der Erste Weltkrieg, Jeanne d'Arc sind Beispiele solcher epochaler Wenden, auf die in den Grafiken verwiesen wird. Der historisch gebildete Leser weiß, wohin die Geschichte nach den Wendepunkten gegangen ist; die jeweils gegenwärtige Krise ist offen, der SPIEGEL wagt die Prognose, daß es sich um ähnlich epochale Situationsentscheidungen handelt wie beim historischen Zitat. Dabei wird die Prognose zugleich wieder durch die Art der Darstellung, durch ironische Distanz, relativiert. Was der Leser dann mit der Grafik macht, ist letzten Endes seine Sache. Der SPIEGEL entzieht sich eindeutiger Festlegung durch die Mehrdimensionalität von Bild und Text. Überfordert er den Leser? 

Ist das Titelbild eigentlich so wichtig, wie wir es hier genommen haben? Machen Leser den Kauf des SPIEGEL abhängig von Titelbild? Oder spielt nur das Thema eine Rolle? Die meisten kaufen den SPIEGEL ohnehin regelmäßig oder haben ihn abonniert. Aber das Titelbild bleibt möglicherweise im Gedächtnis haften. De Gaulle als Ludwig XIV., Schmidt als Bismarck, das bleibt leichter haften als viele verbale Interpretationen. Das historische Arrangement stellt einen Leseanreiz dar; es macht Lust auf die Titelgeschichte. Der SPIEGEL setzt dabei ein Geschichtswissen und Geschichts- bewußtsein beim Leser voraus, wenn auch ein eher triviales. Die Mehrzahl der Leser, die das historische Zitat versteht, besitzt zwar kein fest umrissenes Geschichtsbild, aber doch Bilder von der Geschichte (z.B. Ludwigs XIV. „Der Staat bin ich“, Jakobiner und Guillotine, Bismarck und Wilhelm II.). Das Bild von der Geschichte ist eine Summe von Geschichtsbildern, zumeist personalisierten Situationen, die verfügbar sind (beim Leser), die als Versatzstücke historischen Bewußtseins eingeplant und benutzt werden können. Der SPIEGEL benutzt diese personalisierten Situationen, um Kräfte, Hintergründe und Zusammenhänge deutlich zu machen und Einsichten zu vermitteln. Immerhin ein interessantes Beispiel für Geschichte im außerschulischen Bereich.
 
 



Zur vorläufigen Konzeption des Projekts

Zielsetzung
Der vorstehende Beitrag ist 1984 geschrieben worden. Nach 20 Jahren sollen nun zusammen mit Schülerinnen und Schülern der 13. Jahrgangsstufe in einem fächerübergreifenden Projekt (Kunst, Geschichte, Wirtschaft/Politik) historische Anspielungen in der Titelblattgestaltung politischer Wochenzeitschriften untersucht werden. Um nicht nur diachronische, sondern auch synchronische Vergleiche zu ermöglichen, sollen neben dem „Spiegel“ auch „Focus“ und „Stern“ sowie ausländische Publikationen (wie z. B. „Newsweek“) herangezogen werden. 

Ablauf
Folgende Arbeitsphasen sind geplant:

  1. Recherche (geeignete Titelbilder mit den dazugehörigen Titelgeschichten suchen und eine Auswahl treffen / Gruppenarbeit)
  2. Untersuchung (ausgewählte Titelbilder und -geschichten analysieren / Gruppen- und Einzelarbeit)
  3. Präsentation (in einem mündlichen Kurzreferat Untersuchungsergebnisse vorstellen / Einzelarbeit)
  4. Untersuchung und Vergleich (Charakteristika einzelner Zeitschriften in der Titelblattgestaltung herausarbeiten / Gruppenarbeit)
  5. Wenn möglich: mündliche / schriftliche Diskussion mit Redakteuren / Grafikern der Zeitschriften über die Ergebnisse
  6. Präsentation (in einer Power-Point-Präsentation Untersuchungsergebnisse vorstellen / Gruppenarbeit)
  7. Vergleich (Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Titelblattgestaltung der einzelnen Zeitschriften herausarbeiten (Plenumsarbeit)
  8. Präsentation (Ergebnisse einer schulinternen Öffentlichkeit durch geeignete Präsentationsformen vorstellen / Gruppenarbeit)
  9. Präsentation (Ergebnisse auf der Homepage der Schule veröffentlichen / Einzel- und Gruppenarbeit) 


Zeitraum
3. und 4. Kurshalbjahr im Schuljahr 2005/2006
 

 


 
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