Profiloberstufe

Profilfach Geschichte

Strukturmerkmale der europäischen Zivilisation -
Die antik-mittelmeerische Kultur: Athen und Rom

Das Theater der Griechen
Problemaufriss


8. Thema
»Antigone«:
Spiel mit dem Mythos - 
Das Theater der Griechen

Kultisches Spiel wollte das Theater im klassischen Griechenland sein, ausgetragen zu Ehren des Rauschgottes Dionysos. Aber Gottesdienst war das Schauspiel nicht, es diente schon bald der Selbstdarstellung der Polis und ihrer Bürger. So wichtig wie die Dichter, Regisseure und Schauspieler waren die Sponsoren des Chores: Bedeutende Politiker fanden sich darunter wie Themistokles, Perikles und Alkibiades, die mit dem glanzvollen Auftritt ihr Prestige mehrten und sich für öffentliche Ämter empfahlen. So dachten auch die Bürger, die die mächtigen Schüsseln der Spielstätten füllten, nicht an Zerstreuung und Freizeitvergnügen: Die Anteilnahme am Bühnengeschehen war Bestandteil des Engagements für die Belange der Gemeinschaft. Dem trugen die Autoren mit ihren Stücken Rechnung. Der Mythos, von dem sie handelten, wurde gleichsam aktualisiert, aufbereitet für die Diskussion entscheidender Belange des Staatswesens. Sophokles stellte mit der Tragödie des Ödipus Beziehungen zu einem umstrittenen Repräsentanten der politischen Klasse her. In der »Antigone« ging es um die Achtung göttlicher Gesetze, ohne die jeder Staat zerbricht. Erika Fischer-Lichte erläutert diesen Zusammenhang:

Die griechischen Tragödien und Komödien [...], die uns überliefert sind, haben bis auf wenige Ausnahmen [...] nichts mit dem Gott Dionysos zu tun, zu dessen Ehren sie aufgeführt wurden. Und damit nicht genug. Die Tragödien, die bis auf Aischylosí »Perser« (aufgeführt 472 v. Chr.) mythische Begebenheiten darstellen, zielen nicht auf den vergegenwärtigenden Nachvollzug der dargestellten Ereignisse in der Aufführung, sondern auf deren Interpretation; sie gewinnen der alten Geschichte neue, zum Teil überraschende Bedeutungen ab. Und diese Bedeutungen zielen weniger auf eine ferne mythische Vergangenheit als auf die gegenwärtige Polis Athen und ihre Bürger.

Dies zeigt sich geradezu augenfällig in den Anspielungen, mit denen die Tragödien auf aktuelle Ereignisse in der Polis Bezug nehmen. So sind in Aischylosí »Orestie« (aufgeführt 458 v. Chr.) die mannigfaltigen Anspielungen auf die aktuelle Situation nicht zu überhören, die sich im letzten Teil der Trilogie, den »Eumeniden«, häufen und in der Einsetzung des Areopags durch Athene kulminieren. Die Aufführung fiel in eine Zeit politischer Unruhen und Umbrüche. 461 war die Verfassung durch eine einschneidende Maßnahme verändert worden: die Entmachtung des Areopags. Ephialtes hatte die Volksversammlung veranlasst, diesem uralten, von Solon neu eingesetzten Obersten Gerichtshof, dem vorwiegend Adlige angehörten, die Behandlung politischer Gegenstände zu verbieten. Man schränkte seine Zuständigkeit auf Fragen der Blutsgerichtsbarkeit ein.

Damit hatte sich die Volksversammlung, in der jetzt zunehmend Angehörige der unteren Schichten hervortraten, ihres bedeutendsten Gegners entledigt. Eine stärkere Politisierung der Bürger aus mittleren und unteren Schichten war die Folge. Wie immer man die Einsetzung des Areopags durch Athene in den »Eumeniden« interpretieren mag, in jedem Fall stellte sie einen geradezu provozierenden Bezug zum aktuellen politischen Geschehen her. Sophokles spielte mit der ersten Szene seines »König Ödipus« nicht nur auf die Pest an, die ein Jahr vor seiner Aufführung (höchstwahrscheinlich 428 v. Chr.) grausam in Athen gewütet hatte. Durch die Pest hatte Athen seinen »besten Mann«, Perikles, in einer besonders kritischen Situation verloren - nämlich im zweiten Jahr des Peloponnesischen Krieges, der mit dem Zusammenbruch Athens erst 404 enden sollte. Gegen Perikles hatten fromme Bürger schon längst den Verdacht gehegt, dass er seine Frömmigkeit nur äußerlich zur Schau stellte, in Wahrheit jedoch weder an Orakel noch an Sehersprüche glaubte. War doch einigen seiner engsten Freunde wegen Gottlosigkeit der Prozess gemacht worden, darunter dem Bildhauer Phidias und dem Philosophen Anaxagoras, der lehrte, dass nicht die Götter die Welt lenkten, sondern die Vernunft.

Als nun Perikles den »schweren Fehler« beging, weder die »Göttergeißel« Pest vorausgesehen zu haben, noch in der Lage war, ein Mittel gegen sie zu ersinnen, setzten ihn die aufgebrachten und erbitterten Athener mit einem Scherbengericht ab. Zwar wurde er bald darauf vom Volk reumütig wiedergewählt, starb jedoch kurze Zeit später an der Pest. Indem Sophokles den allgemein bekannten Ödipus-Mythos mit dem Motiv der Pest in Verbindung brachte, stellte er daher zugleich eine deutliche Beziehung zwischen Ödipus und Perikles her - wie auch immer man diesen Bezug deuten mochte.

Aber nicht nur in Anspielungen auf aktuelle Ereignisse beziehen sich die Darstellungen mythischer Begebenheiten in den Tragödien auf die Polis. Sie setzen vielmehr Wahrnehmungsweisen, Einstellungen, Werthaltungen, Verhaltensweisen, Selbst- und Fremdbilder, Identitätsentwürfe und ähnliches der Athener in Szene, stellen sie vor dem betrachtenden Blick der Zuschauer aus und überantworten sie so deren reflektierendem Bewusstsein.

So präsentiert Aischylos in der »Orestie« zwei verschiedene Entwürfe von Identität: die Identität des »Hauses« beziehungsweise des Stammes, die durch die physische Natur, durch die »Körper«, bestätigt wird und durch deren »Tat«, die, anderen Gewalt antuend, wieder Gewalt erzeugt. Um diese Identität in Misskredit zu bringen, verbindet Aischylos sie mit dem Fluch, der auf dem Hause der Atriden lastet. Ihr stellt er die auf die Polis bezogene Identität - und in diesem Sinne eine politische Identität - gegenüber, die durch Akte der Übereinkunft bekräftigt wird, mit denen die Bürger ihre Rechtsordnung selbst etablieren wie in der Abstimmung über Orests Schuld oder Unschuld, und zwar durch das »Wort«, das wie Athenes »Wort« an die Erinnyen »überreden« und »überzeugen« soll.

Man erweist sich als ein echter Bürger Athens, wenn man an der Erhaltung seiner Rechtsordnung durch Argumentation und Abstimmung teilhat und an Entscheidungsprozessen dadurch mitwirkt, dass man Andersgesinnte allein durch die Macht des Wortes zu einer Meinungsänderung zu bewegen sucht. Während die Identität des »Hauses« beziehungsweise Stammes durch die Gewalttat, mit der ein Mitglied des Hauses ein anderes umbringt, als wichtigster Identitätsfaktor sich selbst als negativ enthüllt hat, lässt das überredende Wort als fundamentaler Identitätsfaktor die politische Identität im hellsten Licht erscheinen.

Diese Form einer politischen Identität wird auch in vielen Tragödien des Sophokles als ein verbindliches Ideal dargestellt. In der »Antigone« (aufgeführt ca. 441) - die ihm die hohe Auszeichnung der Strategie im Samischen Krieg einbrachte - vertritt die tragische Heldin gegen den Herrscher der Stadt jene Werte, in denen die Polis und die politische Identität ihrer Bürger gründen sollten. Kreon hat sie mit dem Bestattungsverbot, das er gegen Polyneikes Leichnam ausgesprochen hat, gleich zweifach missachtet. Denn einerseits verstößt das Verbot gegen das »ungeschriebene, untilgbare (Gesetz) der Götter«, zu dem die Polis aufgrund ihrer Verfassung niemals in Widerspruch treten darf, und andererseits hat Kreon dieses Gesetz ohne Rücksprache mit der Volksversammlung erlassen. Sich »als Obrigkeit« zum alleinigen »Herrn im Hause« aufwerfend, handelt er wie ein Tyrann, nicht aber wie ein demokratischer Führer der Polis. [...]

Indem Antigone ihren Bruder bestattet, leistet sie als einzige von allen Bürgern Thebens den göttlichen Geboten Folge, die für die Polis bindende Grundlage sind, und führt so ihren Mitbürgern, denen »Furcht ihren Mund« verschließt, vor Augen, welche Pflichten der Polis wahrhaft obliegen. Sie stirbt, weil sie »Heiliges heilig gehalten«, als ein Opfer der Tyrannis und zugleich als ein Sühneopfer, das den echten Werten und Idealen der Polis dargebracht wird.

Während in der »Orestie« die Götter ihre Macht zum Wohl des Menschen gebrauchen, lassen sie in Sophokles' Tragödien kein besonderes Interesse an ihm erkennen. Sie stehen ihm, wenn nicht feindlich, so doch zumindest gleichgültig gegenüber. Weshalb sie ihre Macht in der Weise gebrauchen, in der sie es tun, entzieht sich jeder menschlichen Kenntnis. Hilfe braucht der Mensch in keinem Fall von ihnen zu erwarten. Diese Gewissheit eignet allen Sophokleischen Helden. [...]

Dem Ödipus haben die Götter noch vor seiner Geburt bestimmt, dass er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten werde. Er selbst hat alles Menschenmögliche getan, um dies zu vermeiden. Die Falle aber, welche die Götter ihm gestellt haben, ist zu geschickt konstruiert: Ödipus wird sich unvermeidlich in ihr verfangen. Sein »forschender Verstand«, der für sein Selbstverständnis grundlegend ist, wird von den Göttern ad absurdum geführt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Was ihm bleibt und ihn als Menschen auch gegen die Götter erhebt, ist dennoch sein »Verstand«, der ihn, rücksichtslos gegen ihn selbst, kompromisslos zu seinen eigenen Worten und Taten stehen heißt, zu seinen bewusst intendierten Sprechakten ebenso wie zu seiner blinden und verletzlichen Physis. Von Menschen und Göttern verlassen, bleibt ihm doch unverlierbar das Bewusstsein von seinem eigenen Selbst und von seiner unantastbaren Menschenwürde.


 
 
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