Profiloberstufe

Profilfach Geschichte

Strukturmerkmale der europäischen Zivilisation -
Die antik-mittelmeerische Kultur: Athen und Rom

Die Gründung Roms
Problemaufriss


10. Thema
Romulus und die Gründung Roms -
Mythos ...

Anfangs war Rom nur ein kleiner, unbedeutender Ort an einer Furt über den Fluss Tiber. Im Laufe mehrerer Jahrhunderte wuchs Rom in unzähligen Kriegen zu einem Riesenreich, das fast die ganze damals bekannte Welt, von der Nordsee bis Afrika und vom Atlantik bis zu den Wüsten Arabiens einschloss. Das erfüllte viele Römer mit Stolz. Sie fragten sich aber auch, wie es zu diesem Reich gekommen war und von wem und wie ihre Hauptstadt gegründet worden war. Über die Gründung erzählten Römer gern eine alte Sage, die mit dem Trojanischen Krieg anfängt.

Homers „Ilias“ schildert den Krieg der Griechen gegen die Stadt Troja. Homer spricht am Anfang seiner Erzählung vom Unglück der Griechen. Achilles, ihr größter Held, weigert sich, in den Kampf zu ziehen. Wie ist es zu dieser Situation gekommen? Am Anfang des Trojanischen Krieges stand ein Streit unter den Göttern: Alle Göttinnen und Götter sind zu einer Hochzeit eingeladen, nur nicht Eris, die Göttin des Streites. Sie kommt ungeladen und wirft einen goldenen Apfel in die festliche Runde. Diesen Apfel soll die Schönste unter den Gästen bekommen. Hera, die Gattin des Zeus, Athene, die Göttin der Weisheit, und Aphrodite, die Göttin der Liebe, beginnen einen heftigen Streit um den Apfel. Daraufhin entscheidet Zeus, daß der trojanische Königssohn Paris den Apfel der schönsten Göttin zusprechen soll. Dieser gibt ihn Aphrodite, die ihm dafür die schönste Frau der Welt verspricht. Diese Frau ist Helena, die mit König Menelaos von Sparta verheiratet ist. Paris verliebt sich in sie und entführt sie nach Troja, Als die Trojaner die Rückgabe Helenas verweigern, sammelt Agamemnon, der Bruder des Menelaos und König von Mykene, ein Heer aller Griechen. Viele Helden unterstützen ihn, besonders Odysseus, der König von Ithaka, und Achilles. Die Griechen belagern zehn Jahre lang Troja. Auch die Götter ergreifen Partei: Athene und Hera stärken den Kampfgeist der Griechen, Apollon und Aphrodite helfen den Trojanern. Im zehnten Jahr kommt es zwischen Agamemnon und Achilles zum Streit um eine Sklavin. Achilles zieht nicht mehr in den Kampf. An dieser Stelle beginnt die „Ilias“, in der Homer die Kämpfe zwischen Trojanern und Griechen bis zum Tode des trojanischen Prinzen Hektor schildert. Vom Ende des Krieges erfahren wir aus der „Odyssee“. Die Griechen greifen zu einer List, die sich Odysseus ausgedacht hat. Troja wird daraufhin erobert und zerstört, [...] nur wenige Trojaner konnten sich retten. Einer von ihnen war Aeneas, der Sohn der Göttin Venus. Er trug seinen Vater aus der brennenden Stadt und führte seinen Sohn Iulus mit. Er sammelte weitere Trojaner und floh mit ihnen auf Schiffen, um sich in der Ferne eine neue Heimat zu suchen. Aber erst nach langen Irrfahrten erreichte er das Land, das ihm durch ein Orakel versprochen worden war: Italien. Die Trojaner landeten in Latium am Unterlauf des Tibers. Dort mußten sie aber mit den ansässigen Stämmen Krieg führen, bis sie als Nachbarn geduldet wurden. Aeneas heiratete nach dem Friedensschluss sogar die Tochter des Königs von Latium. Ihr Sohn gründete in der Nähe die Stadt Alba Longa, in der seine Nachkommen lange Zeit herrschten. Nach vielen Generationen kam es unter den Königssöhnen Amulius und Numitor zum Streit um den Thron; der rechtmäßige König Numitor wurde von Amulius vertrieben, und seine Tochter wurde dazu verurteilt, nicht zu heiraten und kinderlos zu bleiben. Der Kriegsgott Mars aber verband sich mit Numitors Tochter, und sie brachte die Zwillinge Romulus und Remus zur Welt. Amulius fürchtete deswegen um seinen Thron; also ließ er die beiden in einem Korb auf dem Tiber aussetzen. Die Säuglinge wurden jedoch am Fuße des Hügels Palatin angeschwemmt und lockten durch ihr Geschrei eine Wölfin an, die sie säugte. Schließlich fand ein Hirte die Jungen und zog sie auf.

Als Romulus und Remus junge Männer waren, brachten sie ihren Großvater Numitor wieder auf den Thron und beschlossen, auf dem Palatin eine Stadt zu gründen. Die Frage, wer ihr Herrscher sein sollte, entschieden sie durch Beobachtung des Vogelflugs: Jeder beobachtete, wie viele Adler in einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Bereich des Himmels flogen. Romulus zählte in seinem Bezirk zwölf Adler, Remus nur sechs. So wurde Romulus der König, und die Stadt wurde nach ihm „Roma“ genannt. Als Bewohner nahm er junge Hirten aus der Umgebung auf. Als die Stadtmauern noch niedrig waren, übersprang Remus sie, um Romulus zu verspotten. Aus Zorn darüber tötete dieser seinen Bruder mit den Worten: „So soll es jedem ergehen, der diese Mauern übersteigt!“
Den „Römern“ fehlten anfangs jedoch die Frauen. Deshalb luden sie die benachbarten Sabiner zur Einweihung ihrer Stadt ein und raubten während der Feier deren heiratsfähi-ge Mädchen. Natürlich versuchten die Sabiner, die Mädchen wieder zurückzugewinnen. Aber da die Geraubten bei ihren Räubern bleiben wollten, versöhnten sich Sabiner und Römer wieder und verschmolzen zu einem Volk.

(Vera Bittner u. a.: Geschichte und Geschehen A 1. Stuttgart: Klett 1994. S. 78 u. 102.)
 
 

... und Wirklichkeit

Im Gründungsmythos von Rom sind die Zwillinge Romulus und Remus Kinder einer Prinzessin aus Latium, die den aus dem zerstörten Troia geflohenen Aeneas zum Ahnen hatte. Für sie sind die Namen Rhea Silvia und Ilia überliefert, von denen der Letztere mit Ilion zusammenhängt, einer anderen Bezeichnung für Troia. Der Stadtgründer Romulus hatte die trojanische Herkunft also von der Mutter geerbt, denn sein Vater war Mars, der zu den wichtigsten Göttern Italiens zählte. Sein heiliges Tier war der Wolf, weshalb eine Wölfin die ausgesetzten Zwillinge säugte, während ihre Mutter, die das Keuschheitsgelübde der Vestalinnen gebrochen hatte, zur Strafe in den Tiber gestoßen wurde. Der Flussgott aber machte sie zu seiner Gemahlin, und als solche hieß sie einfach Ilia.
Ilias Sohn von Mars gründete am Strand des Tiber ein neues Ilion, Rom. Die Römer rechneten ihre Zeit von der Stadtgründung an: „ab urbe condita“. In unsere Zeitzählung übertragen, handelt es sich um das Jahr 753 v. Chr. Für die Zerstörung Troias durch die Achäer hatte nun die hellenistische Gelehrsamkeit das Jahr 1183 v. Chr. angesetzt. So klaffte zwischen den beiden Ereignissen nahezu ein halbes Jahrtausend mit den sprichwörtlich dunklen Jahrhunderten. Sie waren im Gegensatz zur Bronzezeit auch arm an Mythen und werden nur durch gezielte archäologische Grabungen allmählich etwas erhellt. Die Entwicklung Roms führte zur Schöpfung verschiedener Legenden über seine Ursprünge, von denen die oben mitgeteilte vor allem durch das Nationalepos der Römer, die „Aeneis“ Vergils, allgemein geworden ist.

Der erste König Roms war der Stadtgründer Romulus, auf den weitere Könige folgten. Von ihnen waren die beiden Tarquinier etruskischer Herkunft; der jüngere hatte den Beinamen Superbus, der Hochmütige. Gegen ihn erhob sich Widerstand aus der eigenen Familie und von Seiten des Volkes - Brutus, der erste Konsul Roms, war ein Neffe des Superbus. Nach der Vertreibung der Tarquinier im Jahr 509 v. Chr. gab es in Rom eine neue Staatsform mit gewählten, jährlich wechselnden Konsuln. Ihre beiden Namen definierten die Jahre bis in die Spätantike. Man spricht von  der römischen Republik, die weit ins 1. Jahrhundert v. Chr. reichte, bis mit Augustus die Kaiserzeit begann. In deren  Anfänge gehört der schon genannte Dichter Vergil, dessen „Aeneis“ für die folgenden Ausführungen grundlegend, aber nicht die einzige Quelle ist.

Die Zeit der Gründung Roms fällt in eine Epoche, in der in Italien viele andere Städte entstanden - von Sizilien bis zur Poebene. Im Süden waren es die Griechen, die von Syrakus bis zum Golf von Neapel in Städten siedelten, im Norden von Rom die Etrusker. Diese lebten so wenig wie die Griechen Unteritaliens und Siziliens in Flächenstaaten, sondern jede Stadt hatte ihre eigene Tradition: in der Verehrung von Gottheiten, im Handel und auf vielen anderen Gebieten. Die in der Königszeit Roms in Italien herrschende Stadtkultur prägte bestimmte historische Begriffe bis heute. Wenn wir von Römern oder von römischer Geschichte sprechen, meinen wir nicht nur die Stadt, sondern das gesamte Imperium Romanum, ein antikes Weltreich, dessen Anfänge in der Zeit der Mittleren Republik - dem 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. - lagen. Es war die gleiche Zeit, in der sich die Besonderheit der etruskischen Städte allmählich verlor - sie fielen an Rom. Die Blütezeit der Etrusker lag im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr., doch waren etruskische Persönlichkeiten zum Teil noch in der frühen Kaiserzeit präsent. Man denke an den Freund des Augustus, Maecenas. Er fühlte sich als Lyder, sah also seine Urheimat im nordwestlichen Anatolien, gar nicht weit von Troia. Das stimmt mit dem überein, was der Vater der Geschichte, Herodot, von der Herkunft der Etrusker berichtet.

Die Stadtkultur hatte im Vorderen Orient bekanntlich eine viel längere Tradition. Deshalb interessierten sich die Etrusker und ihre italischen Nachbarn für berühmte Städte des Ostens und leiteten ihre Vorväter von dort her. Besonderer Ruhm war mit Troia verbunden, weil es im Zentrum der homerischen Epen stand, die nicht nur in den Städten mit griechischer Sprache bekannt waren. Schon im ersten Satz der „Odyssee“ ist die „heilige Stadt Troia“ genannt. Außerdem herrschten in den Städten des Epos Könige, die nicht allein standen, sondern von Familienmitgliedern, aus denen die Nachfolger kamen, umgeben waren. So war vor allem das große Königsgeschlecht von Troia berühmt, zu dem auch Aeneas zählte, der durch Götterwillen überlebte. In den Städten Mittel- und Norditaliens waren wie im Epos vornehme Familien an der Regierung, die das Königtum geerbt hatten. So lag es für die etruskische Aristokratie nahe, die berühmten Könige des Epos nachzuahmen. Das geschah in größerem Stil als im damaligen Griechenland, denn die Etrusker waren - nicht zuletzt durch ihre hervorragend entwickelte Eisenindustrie - ungleich wohlhabender. Jener Wohlstand wurde aber nicht, wie man annehmen könnte, in geprägtem Geld gemessen. Die griechischen Städte in Unteritalien und Sizilien waren zwar im 6. Jahrhundert nach den Vorbildern lydischer und mutterländischer Städte zur Münzprägung übergegangen, jede, wie sich versteht, mit eigenen Symbolen. Für die Et-rusker aber spielte der Umgang mit Münzen keine große Rolle - eine ihrer wichtigsten Städte, Caere (heute Cerveteri), kam trotz ihres bedeutenden Hafens Pyrgi ohne eigene Münzprägung aus. Im Handel mit Phönikern und Griechen herrschte der Tausch, und an den Höfen der Adeligen brachte man sich gegenseitig Geschenke - beides wie in den homerischen Epen. Man versteht vor diesem Hintergrund, weshalb sich die reichen etruskischen Geschlechter in das „heilige Troia“ zurückversetzen konnten.

(Erika Simon: Rom und Troia. Der Mythos von den Anfängen bis in die römische Kaiser-zeit. In: Troia. Traum und Wirklichkeit. Begleitband zur Ausstellung. Hrsgg. vom Archäologischen Landesmuseum u. a. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2001. S. 154 - 173.)


 
 
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