Profiloberstufe

Profilfach Geschichte

Strukturmerkmale der europäischen Zivilisation -
Die antik-mittelmeerische Kultur: Athen und Rom

Universalismius und Eurozentrismus
Problematisierung


Problematisierung
Universalismus oder Eurozentrismus –
Sind Demokratie und Rechtsstaatlichkeit selbstverständlich?

„Es ist ein ehrwürdiges Vorurteil, das wir endlich überwinden sollten“, so heißt es in der Einleitung zum „Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler, „dass die Antike uns innerlich nahesteht, weil wir vermeintlich ihre Schüler und Nachkommen, weil wir tatsächlich ihre Anbeter gewesen sind. Die ganze religionsphilosophische, kunsthistorische, sozialkritische Arbeit des 19. Jahrhunderts war nötig, nicht um uns endlich die Dramen des Aischylos, die Lehre Platos, Apollo und Dionysos, den athenischen Staat, den Cäsarismus verstehen zu lehren - davon sind wir weit entfernt -, sondern um uns endlich fühlen zu lassen, wie unermesslich fremd und fern uns das alles innerlich ist, fremder vielleicht als die mexikanischen Götter und die indische Architektur.“ Walter Schweidler erläutert den Zusammenhang:

Beim Erscheinen von Spenglers Buch im Jahre 1918 waren solche Sätze für den gebildeten deutschen Bürger eine gewaltige Provokation. Humanismus und Aufklärung, Klassik und Romantik hatten sich auf die Antike als Vorbild und Urbild des Menschseins berufen, und der Umgang mit der altgriechisehen und lateinischen Sprache und Literatur trug in gewissen Bezirken der gebildeten Gesellschaft Züge eines Religionsersatzes.

Man sah sich geistig und sozial verbunden in der Anerkennung der Autorität klassischer Texte, die keinem institutionellen Druck, sondern der universalen geistigen Macht der in ihnen ausgedrückten Ideen entsprang. Das „finstere Mittelalter erschien als Abirrung von dem Weg „vom Mythos zum Logos“ (Wilhelm Nestle), wie er in der Antike richtungsweisend für die ganze Menschheit beschritten und in der Neuzeit wieder aufgenommen worden war. Das gesamte Schema: Antike, Mittelalter, Neuzeit ist ja selbst Ausdruck dieses Geschichtsbildes.

Heute hingegen könnten Spenglers Sätze schon beinahe als adäquate Formulierung des kulturellen Selbstbewusstseins in westlichen Gesellschaften gelten. Kaum jemand würde die Beherrschung der klassischen Sprachen und den Umgang mit der in ihnen verfassten Literatur noch als obligatorische Voraussetzungen dafür betrachten, dass man einen Menschen gebildet nennen kann. Das hat so gut wie nichts damit zu tun, dass die fraglose Verehrung „der Alten” etwa durch kritische Hinterfragung ihres Anspruchs entzaubert worden wäre, sondern viel eher damit, dass sie einer ebenso fraglosen Beschwörung von Zukunft und „Zukunftsfähigkeit” weichen musste.

Das Bewusstsein für den Eigenwert und die Pluralität der Kulturen auf der Welt und die Erschütterung des universalen Anspruchs der europäisch geprägten Denkweisen sind zum Bestandteil unseres eigenen Selbstverständnisses geworden. Allerdings verdanken auch sie sich gewiss weniger der Tatsache, dass unser Bildungshorizont sich erweitert hätte, als vielmehr ökonomischen und politischen Faktoren: Wir finden uns plötzlich nicht mehr als die Angehörigen jener Nationen vor, welche die Maßstäbe des Wachstums und des Wohlstandes auf der Welt allein setzen können, sondern wir müssen »mithalten« und sehen uns der lange nicht mehr gekannten Notwendigkeit gegenüber, uns an den Modernisierungsdruck anzupassen, der von fremden Völkern ausgeht, die sich im Zuge ihres Erfolges auf ihre eigenen geistigen Wurzeln besinnen.

Die alte universalistische Idee, dass es einen gemeinsamen Weg der Menschheit gebe, auf dem die Errungenschaften der Antike eine Schlüsselrolle gespielt hätten, gilt nun als „eurozentristisch”. Schon die Rede von »der« Antike ist ja problematisch. Welche Antike und wessen Antike? muss offenbar gefragt werden.

Von den „alten Meistern der Antike“ ist etwa auch im „Taote?king“ des Lao?tse die Rede. In annähernd der gleichen Zeit, in der die geistigen Leistungen „unserer” Antike ihren Höhepunkt erreichten, sah er sich im Kontext der chinesischen Kultur schon von einer zurückliegenden und richtungsweisenden Tradition getragen. Ist der Rückverweis auf eine normativ bedeutsame „Antike” nicht einfach ein Denkschema, das Menschen ganz verschiedener Kulturen, Nationen und Gesellschaften gewissermaßen als Ausgleich und notwendiges Pendant zu den jeweiligen Forderungen der „Moderne“ und der „Modernisierung“ nötig haben, um ihre Erfahrungswelt ordnen und strukturieren zu können?

Ausgehend von einer solchen kritischen Betrachtungsweise, ist nun allerdings auch ein unbefangenerer Blick auf die griechisch- römische Antike möglich. Wir können ihre Leistungen und ihre Bedeutung desto klarer ermessen, je weniger wir mit ihnen unsere eigene und womöglich die kulturelle ldentität der ganzen Menschheit identifizieren müssen. Ein solcher unverkrampfter Blick auf eben diese Antike aber zeigt, wie sehr wir ihr gerade das Bestreben verdanken, kritisch und selbstkritisch auch gegenüber unserer kulturellen Herkunft zu sein.

Warum sollen und wollen wir eigentlich kritisch gegen uns selbst sein? Warum bemühen wir uns, den Eigenwert fremder Kulturen, Nationen und Gesellschaften zu respektieren? Warum wehren wir uns gegen „Kulturimperialismus” und „Eurozentrismus”? Wenn man die selbstkritische, skeptische Wendung gegen die fraglose Weitergabe traditioneller Maßstäbe nicht einfach als Mitläufer übernehmen will, sondern wenn man noch gegenüber der eigenen Selbstkritik kritisch zu sein versucht, dann schält sich ein Kern unseres kulturellen und geschichtlichen Selbstbewusstseins heraus. Der verweist durchaus auf die Maßstäbe jener griechisch- römischen Antike zurück, zu deren tiefster Eigenart es gehört, dass sie durch selbstkritisches Fragen nicht bedroht, sondern aus ihm geboren und von ihm genährt ist. Die Distanzierung und Skepsis gegenüber unserer Geschichte und unserem kulturellen Hintergrund stellt in Wahrheit eine fundamentale Denkform dar, in der die kulturellen, vor allem aber die politischen Maßstäbe jener Antike in uns und durch uns auf dem ganzen Erdball weiterhin wirksam sind. 

(Walter Schweidler: Vernunft stand an der Wiege der Demokratie. In: Wolf Schön (Hrsg.): Die schöne Mutter der Kultur. Unsere Grundlagen in der antiken Welt. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1996. S. 11 – 21.)


 
 
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