Profiloberstufe

Profilfach Geschichte

Strukturmerkmale der europäischen Zivilisation -
Die antik-mittelmeerische Kultur: Athen und Rom

Die griechische Polis
Problemaufriss


1. Thema
Die griechischen Polis –
Vorbild für die Stadt des 21. Jahrhunderts?

Die Polis Athen hatte im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert Einfluss auf Architektur und Städtebau nicht nur in Europa, sondern auch in der „neuen Welt“, wie die politische Repräsentationsarchitektur etwa in Washington verdeutlicht. Man denke auch an Langhans' Brandenburger Tor, Schadows Quadriga, Schinkels Schauspielhaus und andere Bauten im „Spree-Athen“. Und nicht zufällig werden die 95 Thesen zum Städtebau, die führende Architekten 1933 formulierten und die die Stadtplanung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflussten, „Charta von Athen“ genannt. Deshalb kann auch Grytzko Mascioni behaupten, „[...] dass die Griechen mit ihrer polis für alle Zeiten eine soziale Dimension vorgezeichnet haben, die vielleicht die einzige ist, in der der Mensch wirklich leben kann. Keine echte und zivile Gemeinschaft ist nämlich vorstellbar, wenn die Grenzen einer realen, wenn auch nur theoretischen Möglichkeit überschritten sind, alle ihre Mitglieder persönlich zu kennen oder ihnen hin und wieder zu begegnen; und dis war in der polis gegeben.” Leonardo Benevolo erläutert diesen Zusammenhang:

Der neuartige Charakter des sozialen Zusammenlebens in den griechischen Poleis zeigt sich besonders an folgenden vier Faktoren:

1. Die Stadt bildete eine Einheit, in der es weder Sperrbezirke noch selbständige Stadtteile gab. Nach außen hin waren einige Städte durch Mauern von der Umgebung abgegrenzt, aber im Innern existierten keine Grenzen wie bei den fernöstlichen Städten. Die einzelnen Wohnhäuser waren alle nach dem gleichen architektonischen Prinzip gebaut und unterschieden sich nur in ihrer Größe. Sie waren über das ganze Stadtgebiet verteilt, und es existierten keine Stadtviertel, die nur einer bestimmten Klasse oder Kaste zugänglich waren. An einigen, hierfür besonders eingerichteten Orten - der Agora oder dem Theater - konnte sich die gesamte Bürgerschaft oder zumindest ein großer Teil von ihr versammeln, so dass sich tatsächlich jeder unmittelbar als Teil einer einzigen zusammengehörenden Gemeinschaft fühlen konnte.

2. Das Stadtgebiet war in drei Bereiche aufgeteilt: den privaten Bereich mit den Wohnhäusern, den heiligen Bereich mit den Tempeln für die Götter und den öffentlichen Bereich für die politischen Versammlungen, den Handel, Theateraufführungen, sportliche Wettkämpfe usw. Der Staat als Verkörperung der allgemeinen Interessen der Gemeinschaft war für den öffentlichen Bereich direkt verantwortlich und an der Verwaltung des privaten und des heiligen Bereichs beteiligt. Die Unterschiede zwischen diesen drei Bereichen ergaben sich vor allem aus ihren unterschiedlichen Funktionen. Die Tempel hoben sich deutlich vom übrigen Stadtbild ab, aber nicht so sehr wegen ihrer Größe, sondern vor allem aufgrund ihrer Lage und ihrer architektonischen Gestaltung. Sie waren in einiger Entfernung von den übrigen Gebäuden an Orten errichtet, die von weither sichtbar waren. Ihre Formen folgten schlichten, aber strengen, durch vielfache Erprobung perfektionierten Konstruktionsprinzipien: der dorischen und der ionischen Ordnung. Die Bauweise war bewusst einfach gehalten - steinerne Mauern und Säulen, die den Architrav und die Dachbalken trugen -, damit sich die Technik so wenig wie möglich der Kontrolle der Form entgegenstellte. Davon abweichende, kompliziertere Konstruktionsprinzipien, wie zum Beispiel Gewölbe, wurden an anderen, weniger bedeutenden Bauten angewandt.

3. Die Stadt stellte in ihrer Gesamtheit ein künstliches Gebilde dar, das in die sie umgebende natürliche Landschaft eingefügt wurde, und beide stehen in einem ausgesprochen leicht zu störenden Verhältnis zueinander. Die griechische Stadt respektierte die vorgefundene Form der Landschaft, ließ sie an vielen, besonders charakteristischen Stellen unangetastet oder interpretierte sie bzw. integrierte sie in die architektonische Gestaltung. Der Gleichmäßigkeit der Tempel, die sich aus der strengen symmetrischen Form und aus den einheitlichen, den ganzen Tempel säumenden Säulen ergab, stand fast immer die ungleichmäßige Anordnung der umliegenden Gebäude gegenüber, die sich ihre in der Ungleichmäßigkeit der natürlichen Umgebung auflöste. Dieses je spezifische Gleichgewicht zwischen Natur und Kunst gab jeder Stadt einen unverwechselbaren individuellen Charakter.

4. Das Gefüge der Stadt entwickelte sich im Laufe der Zeit weiter, aber an einem bestimmten Punkt erreichte es eine gewisse Stabilität, die die Bevölkerung nicht einmal mehr durch partielle Veränderungen stören wollte. Das Anwachsen der Bevölkerung führte nicht zu einer kontinuierlichen Ausdehnung der Stadt, sondern es wurde, sobald die Einwohnerzahl eine bestimmte Höhe überschritten hatte, in der unmittelbaren Umgebung eine ähnliche oder sogar größere Stadt neu erbaut; man sprach dann von der Paläopolis, der alten Stadt, und von der Neapolis, der neuen Stadt. Wenn nicht in der unmittelbaren Umgebung eine neue Stadt erbaut wurde, so gründete ein Teil der Bevölkerung in weiter entfernten Ländern eine neue Kolonie.

Aufgrund dieser vier Charakteristika - Einheit, interne Offenheit, ausgewogenes Verhältnis zur Natur und bewusste Begrenzung des Wachstums - gilt die griechische Polis bis heute als das Vorbild für jede Stadtplanung überhaupt. Sie bildete einen adäquaten und dauerhaften materiellen Rahmen für die Verwirklichung des Ideals eines sozialen menschlichen Zusammenlebens.

(Leonardo Benevolo: Die Geschichte der Stadt. Frankfurt a. M. / New York: Campus 1990. S. 96.)


 
 
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