Profiloberstufe

Profilfach Geschichte

Strukturmerkmale der europäischen Zivilisation -
Die antik-mittelmeerische Kultur: Athen und Rom

Perserkriege
Problemaufriss


5. Thema
Griechen und Perser - 
Kampf der Kulturen?

Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, sagt in der Vorrede zu seinen „Historien“,  er habe diese aufgezeichnet, damit das Andenken an große und wunderbare Taten nicht erlösche, welche die Hellenen und Barbaren vollbracht hätten. Das Thema seines Werkes ist der Perserkrieg, und mit „Barbaren“ bezeichnet er die Perser. Seither ist der Hellenen-Barbaren-Gegensatz Thema der europäischen Geschichtsschreibung geblieben. Der Hellenenname umfasst dabei alles Freiheitliche, kulturell Höherstehende, geistig Unabhängige, während im Barbarenbegriff alles Unfreie, schlechthin Despotische und geistig Minderwertige zusammengefasst wird. Gerold Walser setzt sich kritisch mit dieser Auffassung auseinander:

Mir scheint, dass diese Auffassungen von der griechischen Mentalität des 5. Jahrhunderts v. Chr. noch im nationalstaatlichen Denken des 19. Jahrhundert wurzeln und heute einer Revision bedürfen. Bekanntlich haben die führenden deutschen Darsteller griechischer Geschichte, Karl Julius Beloch und Eduard Meyer, die Perserkriege zu modernen Nationalkriegen verzeichnet, und letzterer bedauerte, dass der griechischen Kultur eines gefehlt habe: die politische Einheit der Nation, die Zusammenfassung aller Kräfte in dem lebendigen Organismus eines großen Staates“. Diesen Auffassungen, zu denen auch das nationalpolitische Verständnis des Barbarenbegriffs gehört, seien zwei Thesen entgegengestellt:

1. Von einer generellen Barbarenverachtung [...] ist in den Quellen der Perserkriegszeit nichts zu finden.

2. Das peiorative [abschätzige] Barbarenbild [...] scheint erst in der Mitte des 5. Jahrhundert entstanden. Es ist städtisch- athenischer Herkunft und hat literarischen, aber keinen praktisch-politischen Charakter.

Jeder unbefangene Leser des Aischylos wird zugeben, dass der Mitkämpfer von Marathon und Salamis seinen Gegnern kein verächtliches Urteil zollt. Das Thema der persischen Niederlage [bei Salamis] im Drama ist moralisch-religiös. Die Hybris des Xerxes hat sein Volk ins Verderben geführt. Er war abgefallen von der guten Regierung seines Vaters Dareios, und so ist der Tyrann gestürzt worden, wie die Stadt auch die eigenen Tyrannen beseitigt hatte. Das Bild des orientalischen Gewaltherrschers ist an der Vorstellung des städtischen Tyrannen orientiert, und Äußerungen national?chauvinistischer Art fehlen gänzlich. Auch die Perserepigramme geben die Stimmung dieser ernsten Kriegszeit würdig wieder: Es ist der Ruhm der Griechen, dass sie für Freiheit und Stadt gefallen sind. Über den Gegner wird kein abschätziges Wort laut. Wenn die Perser näher bezeichnet werden, so geschieht es in ethnographischer Manier: die Athener siegen über die „goldtragenden Meder“, sie kämpfen zu Fuß [...] gegen den berittenen Feind, was die Stärke des Gegners hervorhebt. [...]

Erst gegen die Mitte des 5. Jahrhundert kommen peiorative Züge in das Barbarenbild. Das früheste Beispiel ist vielleicht der Agon zwischen Teukros und Agamemnon im „Aias“ des Sophokles. Der Streit entsteht über die Leiche des Helden, die Teukros begraben, Agamemnon aber den Tieren zum Fraß überlassen will. Agamemnon bestreitet dem Teukros als dem Sohn einer Kriegsgefangenen das Mitspracherecht, schilt ihn einen Sklaven und Barbaren, der sich Freiheiten herausnehme, die ihm nicht zustehen. Darauf schlägt Teukros zurück: Agamemnons eigener Vater sei ja phrygisch-barbarischer Abstammung, seine Mutter eine Kreterin, und er erinnert an das unmenschliche Greuelmahl des Atreus. Was hier vorgetragen wird, ist ein Streit um die bürgerliche Rechtsfähigkeit, wie sie in Athen zur Zeit der Nóthos-Gesetzgebung (451/450) diskutiert wurde. Landesfremde und Minderbürtige haben in der Demokratie des Perikles kein eigenes Prozessrecht, sondern müssen sich vor Gericht durch Vollbürger vertreten lassen. Das hat dem attischen Polites bei der starken Zunahme der Bündner- und Fremdenprozesse seit der Verlegung der Bundeskasse nach Athen (454) ein ungeheures Überlegenheitsgefühl über die Fremden verschafft und wesentlich zur abschätzigen Beurteilung der Nichtbürger beigetragen.

(Gerold Walser: Hellas und Iran. Studien zu den griechisch?persischen Beziehungen vor Alexander. Darmstadt 1984. S. 1ff.)


 
 
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