Profiloberstufe

Profilfach Geschichte

Strukturmerkmale der europäischen Zivilisation -
Die antik-mittelmeerische Kultur: Athen und Rom

Der Parthenonfries
Problemaufriss


6. Thema
Der Parthenonfries - 
Symbolische Botschaft oder historische Interpretation?

Der Parthenonfries hat ganz unterschiedliche Deutungen erfahren: den einen gilt er als Sinnbild einer harmonischen und demokratischen Gesellschaftsordnung, den anderen als Vision der griechischen Einheit, wie sie Perikles im Attischen Seebund unter der Führung Athens zu verwirklichen suchte. Der englische Kunsthistoriker Ian Jenkins hat zuletzt auf einen ganz anderen Aspekt aufmerksam gemacht:

The symbolic message of the frieze focuses upon the Athens of Pericles’ own day: Athens, according to the argument, is presenting herself as the new mistress of the Aegean and of the Asiatic Greeks, whom she has liberated from the Persian yoke. Persian imperial propaganda is thus appropriated and adapted by neo-imperialist Athens for the purposes of promoting her own selfimage. Points of comparison, however, between the Athenian and Persian reliefs are very superficial and it must be a source of embarrassment to such a notion that Athens’ tribute-paying subjects cannot be identified in the frieze.

[There] is the historical interpretation which, in contrast to the symbolic view, would see the frieze as evoking a very specific event, the Great Panathenaia celebrated by the Athenian community shortly before the Battle of Marathon in 490 BC. This was the contest during the war against Persia in which the Athenians […] saved the freedom of mainland Greece from oriental tyranny. It has been argued that the purpose of the frieze is to celebrate the heroisation of those who fell at Marathon by showing them participating in the festival prior to the battle. They are shown on horseback, or riding in chariots, even though in real life they were infantrymen, in order to indicate their status in the afterlife. The exclusion of the foot soldiers, who normally played a prominent role in the procession, is thus explained. It is further claimed that the horsemen and selected figures in the chariot sequence may be counted as 192, the very number of heroes who fell at Marathon.

Altogether, this is an ingenious interpretation, which answers objections to seeing a contemporary event on a religious building by setting the frieze in the historical past and incorporating it into the repertoire of images celebrating the cult of heroes. It also meshes well with the generally accepted view that the Parthenon as a whole commemorates Athens’ part in victory over the Persians. More specifically, the battle scenes in the metopes and on the statue of Athena itself have been seen as allegories of the contest between Greeks and Persians. 
(Ian Jenkins: The Parthenon Frieze. London: British Museum Press 1994. S. 30)
 
 

Die Bedeutung des Sieges in der Schlacht von Marathon stellt der Althistoriker Christian Meier heraus:

Erstmals hatte eine griechische Armee [bei Marathon] eine persische in offener Schlacht besiegt. Die Angst, den Truppen des östlichen Weltreichs unterlegen zu sein, war gebrochen. Die Phalanx der schwerbewaffneten Hopliten, jenes Instrument innergriechischer Kriege, gebildet aus einer überschaubaren Zahl gleichberechtigter Bürger, berechnet auf eine Art Turnierkrieg, in dem es auf den frontalen Zusammenstoß ankam, ohne viel Ein-greifen von Reiterei und Leichtbewaffneten, hatte sich im Kampf mit dem sieggewohnten, auf großräumige Operationen eingestellten persischen Heer bewährt.

Man kann es pars pro toto nehmen: Was das Heer konnte, konnte von jetzt an auch die Polis; erstmals standen diese kleinen Gebilde von Gleich zu Gleich der kontinentalen Großmacht gegenüber. Es hatte nicht mal die Spartaner gebraucht. Die mussten sich mit der Besichtigung des Schlachtfeldes, auf die sie übrigens Wert legten, begnügen. Sie konnten die Athener nurmehr beglückwünschen.

Abweichend von der späteren, möglicherweise aber schon damals geltenden Sitte wurden die 192 gefallenen Athener nicht in die Stadt überführt. Vielmehr errichtete man, nachdem man ihre Körper verbrannt hatte, über ihnen an Ort und Stelle einen Grabhügel, etwa zehn Meter hoch und fünfzig Meter im Durchmesser. Auf ihm stellte man später Tafeln auf, auf denen ihre Namen, phylenweise, Mann für Mann, verzeichnet waren.  [...] Auch Miltiades bekam ein Denkmal, und es wurde ein Siegeszeichen aus hellem, wohl pentelischem Marmor errichtet. Um 460 ließ sein Sohn Kimon ein großes Gemälde der Schlacht in der »Bunten Halle« (Stoa Poikile) am Nordrand der Agora anbringen, was zugleich dem Ruhm seines Vaters diente.

Noch jahrzehntelang galten die Marathon-Kämpfer als die Verkörperung besten Athenertums: nicht nur tapfer, sondern auch rechtschaffen, genügsam, Bürger im wahren Sinne des Wortes. Ihr Sieg schien noch den bei Salamis zu überstrahlen. Er hatte nichts Technisches, war vielmehr im Nahkampf Mann gegen Mann erfechten, und zwar gemäß der alten Art. Mit den Seesiegen, den Schiffen verknüpfte sich der Gedanke an die Ruderer aus der untersten Schicht, an die Größe, aber auch an die Problematik des groß gewordenen Athen. Marathon hatte dagegen den Reiz des Anfangs. Und es war, so groß auch der persönliche Anteil des Miltiades am Erfolg gewesen ist, in weit höherem Maße als etwa Salamis das Werk aller Beteiligten. [...]

Marathon, Salamis, Platäa traten den mythischen Beispielen großer Heldentaten zur Seite. So wurde in der Stoa Poikile [...] ursprünglich neben dem Bild der Schlacht bei Marathon eins des Trojanischen Kriegs und eins des Abwehrkampfs der Athener gegen die Amazonen angebracht. [...] Die mythischen Kämpfe zwischen Ost und West, zwischen Griechen und Barbaren respektive, schlimmer noch, Amazonen erschienen als Vorgänger der eigenen. [...] Für die Athener lag es nahe, Marathon, nicht Salamis darstellen zu lassen, da sie nur in Marathon allein gesiegt hatten. Und es war ein Sieg der Hopliten gewesen.

(Christian Meier: Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte. Berlin: Siedler 1993. S. 254f. u. 288f.)


 
 
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