Profiloberstufe

Profilfach Geschichte

Strukturmerkmale der europäischen Zivilisation -
Die antik-mittelmeerische Kultur: Athen und Rom

Das Menschenbild der Griechen
Problemaufriss


4. Thema
Von der statuarischen Säule zur raumgreifenden Komposition -
Das Menschenbild der Griechen

Die letzte Kultur des Mittelmeerraumes mit magischen Grundstrukturen war die ägyptische. Dies prägte sich auch in einer ganz überpersönlich und überindividuell gestalteten Plastik aus. Ihr begegnete die werdende Welt der Griechen, indem sich zunehmend ein individuelles und persönlich verantwortetes Denken herausbildete. Zwar gab es nach der dorischen Wanderung intensive Verbindungen zwischen Griechenland und Ägypten, doch behauptete sich die Eigenart des griechischen Wesens - und das bis heute. Es wurde der eine Quell abendländischer Kultur, deren Ziel es war, sich Schritt um Schritt aus der Umklammerung magischer Mächte durch ein Denken zu befreien, das aus dem unmittelbaren Anschauen der Dinge hervorging. Dies machte in der Bildnerei Gestaltungsprinzipien möglich, die auf eine freie und sich immer mehr verlebendigende Gestaltung der für sich stehenden menschlichen Gestalt zielten. Das Prinzip einer körperhaft-sinnlich durchgebildeten Freiplastik und deren Entwicklung von der statuarischen Säule zur bewegten, raumgreifenden Komposition soll [...] verdeutlicht werden. Es ist dies das klassische Prinzip schlechthin, das in der europäischen Geschichte der Kunst immer dann wieder aufgenommen werden wird, wenn sinnenhafte Anschauung und individuelles Persönlichkeitsdenken mit humanistischem Gedankengut zusammentreffen

Die Grundhaltung der griechischen Kunst war eine durchaus plastische. Ihr Hauptziel war die Formung der menschlichen Gestalt als eines von innen heraus plastisch belebten Körpers, der den Gesetzen einer nicht weiter erklärbaren idealen rhythmischen Vorstellung und ebensolchen sich allmählich herausbildenden und klärenden Verhältnissen folgt. Im klassischen Zeitalter des 5. vorchristlichen Jahrhunderts hat, wie man schon im späteren Altertum annahm, diese plastische Idee ihre geradezu absolute Vollkommenheit erreicht. Ihr Wesen, ihr Verhältnis zu Raum und Zeit können vielleicht am besten an den schon seit jeher als mustergültig geltenden Gestalten des Polyklet oder an den wundervollen Figuren des Parthenonfrieses abgelesen werden. [...]  

Kennzeichnend für die archaische Plastik sind zwei Grundtypen, die das neue Menschenbild der Griechen verkörpern: Der Kuros und die Kore. [...] Sie zeigen eine strenge Frontalität, trotz vollplastischer Modellierung wirken sie daher flächenhaft. Die Körperformen sind zwar anatomisch richtig proportioniert, dennoch fehlt es den Figuren an Lebendigkeit, vor allem auf Grund der starren Schrittstellung und der hölzern wirkenden Armhaltung. Die am Körper hervorspringenden Muskelpartien sind summarisch vereinfacht, wo-durch aber die Figur an monumentaler Ausdruckskraft gewinnt. Der geometrische Stil der vorarchaischen Kunst ist in diesen frühen Stücken noch deutlich erkennbar, vor allem in den schematisch gewellten Haaren, dem graphischen Linienverlauf der Gewandfalten und der linearen Zeichnung der Gesichter. Neu ist das erstmals in der Kunst erscheinende „archaische Lächeln“, Ausdruck der Diesseitsfreude, eine vorher nie zugestandene Form des Menschseins.

In der Klassik überwinden die griechischen Bildhauer die archaische Frontalität und symmetrisch strenge Gliederordnung; in diese Epoche fallen die Erfindung der Ponderation, also des harmonischen Ausgleichs der Körperverhältnisse, und des Kontraposts. Darunter versteht man den Ausgleich zwischen Ansteigen und Fallen von Kräften, das Gegenspiel von Bewegung und Ruhe, die Spannung zwischen Schreiten und Stehen. Wie der Tempel des 5. Jahrhunderts hat auch die klassische Statue, schon in Rücksicht auf die frontale Anlage der menschlichen Gestalt, eine Hauptansichtsseite, aber wie dies beim Tempel der Fall ist, muss man auch die klassischen Statuen umschreiten, um ein vollständiges Bild ihres plastischen Gehaltes zu bekommen. Auch sie genügen sich selbst, auch sie sind Mikrokosmen, die einer Umrahmung oder eines architektonischen Hintergrundes nicht bedürfen. Als körperlich ausgedehnte Form erzeugen sie einen künstlerischen Existenzraum, aber dieser Raum bleibt passiv, denn er wird durch die Statue in keiner Weise aktiv geformt. 

Im Hellenismus ändert sich dieses Verhältnis zum Raum. Im 2. vorchristlichen Jahrhundert werden Statuen und Gruppen ganz in der Ebene entwickelt, die frontale Wirkung allein zählt, der Beschauer muß sich der Plastik gegenüber genauso verhalten wie zum frontalen Schaubild des hellenistischen Tempels. Nun wird die Statue auch in eine bestimmte architektonische Umgebung gestellt, die ihren Existenzraum abschließt, sie rückt an die Architektur der Wand, die ihre frontale Wirkung steigert, oder sie wird in eine Nische gestellt, die eine ganz ähnliche abschließende und richtunggebende Wirkung ausübt. Wie sehr die raumschaffende und raumausstrahlende Dynamik die barocke Phase der späthellenistischen Plastik beherrscht, zeigt die Nike von Samothrake besonders eindrucksvoll. Aus einem felsigen, schluchtartigen Hintergrund auftauchend und dem Herankommenden eine genau berechnete Ansicht bietend, scheint die stürmische, triumphale Bewegung die Unendlichkeit des Meeres- und Himmelsraumes zu beschwören. [... ] Schon diese wenigen Beispiele lassen den Wandel erkennen, der die Entwicklung vom klassischen 5. Jahrhundert zum späten Hellenismus charakterisiert. Die sich selbst isolierende, rein plastisch geschlossene Haltung wird aufgegeben zugunsten einer verstärkten, raumschaffenden Wirkung  nach außen hin. [... ]

Fast man zusammen, dann kann man sagen, dass eine Abwanderung des künstlerischen Interesses von der plastischen Formung des Körpers zur Raumformung in Griechenland seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. deutlich feststellbar ist und im 2. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht. Diese Entwicklung findet ihre Grenze in der Beschränktheit der schöpferischen Möglichkeiten des griechischen Kunstwollens, dem es seiner Natur entsprechend nicht gegeben ist, das Medium des Körpers durch das Medium des absoluten Raumes zu ersetzen.

(Guido Kaschnitz von Weinberg: Das Schöpferische in der römischen Kunst. Reinbek: Rowohlt 1961. S. 43 u. 67f.; [2. und 3. Absatz:] Gottfried Lindemann: Hermann Boekhoff (Hrsg.): Lexikon der Kunststile. Bd. 1. Reinbek: Rowohlt 1970. S. 10ff.)


 
 
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