Profiloberstufe

Profilfach Geschichte

Strukturmerkmale der europäischen Zivilisation -
Die antik-mittelmeerische Kultur: Athen und Rom

Vom Mythos zum Logos
Problemaufriss


2. Thema
Vom Logos zum Mythos –
Sieg der Vernunft?

Die griechischen Philosophen suchten nach jenen Prinzipien, die dem Werden und Vergehen der Natur zugrunde liegen, die das Woher und Wohin des Menschen lenken und ihr Zusammenleben bestmöglich regeln. Was heute als Grundlage aller Wissenschaft gilt, die Reflexion auf die eigenen Begriffe und Methoden, die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der menschlichen Erkenntnis, wurde unter der Sonne Kleinasiens und Griechenlands geboren. Martin Hielscher erläutert diesen Zusammenhang:

Die Wiege der abendländischen Philosophie liegt im antiken Griechenland. Einmalige wirtschaftliche und soziale, religiöse und kulturelle Bedingungen wie etwa die Sprache und die Schrift schufen Bedingungen, unter denen das menschliche Denken und Ahnen zwischen Götterglauben und Alltagswelt jene besondere Richtung nahm, die wir Philosophie nennen.

Dort, in den Epen des Homer und des Hesiod und im Denken der rund dreißig Weisen, die man später die Vorsokratiker nannte, wurde der entscheidende geistige Schritt vollzogen, der mit dieser Folgerichtigkeit und Leidenschaft und mit mehr als zweitausend Jahre anhaltender Wirkung damals nur im antiken Griechenland geschah: der Schritt vom Mythos zum Logos.

Damit meinen wir den Übergang von einer mythisch-religiösen Welterklärung mit Hilfe von Göttergenealogien und -geschichten, einer dämonisch belebten Natur und einem in strengen Dogmen und Riten befangenen Alltagsleben zu rationalen Modellen der Welterklärung (logos = Vernunft), in denen sich zugleich auch der einzelne denkende Mensch emanzipiert. Wenn die Welt sinnvoll und nach ewigen Gesetzen geordnet ist und der Mensch als Teil dieser Welt in seiner Vernunft ein Werkzeug hat, die Ordnung dieser Welt zu erkennen, dann wird damit der einzelne denkende Mensch aufgewertet, die Vernunft bekräftigt. Der vernünftige Bürger befreit sich somit von den Dogmen etwa einer Priesterkaste oder den irrationalen Vorschriften politischer Tyrannen. (Darum waren Philosophen, wenn sie sich nicht ausdrücklich einer Staatsmacht oder einer politischen Philosophie der Herrschaft verschrieben, immer schon eine Gefahr für die Macht.)

Griechenland wurde damit aber gleichermaßen zum Ursprungsort für das abendländische Denken, das heißt für die europäische Philosophie und Wissenschaft, wie für eine Kultur des Individuums, das heißt für die Idee der Ausbildung der Persönlichkeit, für den Gedanken der Gleichberechtigung der Bürger und die Idee des demokratischen Rechtsstaates, der ihnen mit seinen Gesetzen Rechtssicherheit verschafft.

Was aber ist die gemeinsame Ursache für eine sinnvoll geordnete Welt und den Verstand, der dies erkennt?

Die Philosophie sucht nach dem Ursprung der Welt und ihrer Einheit wie der Mythos, aber sie erzählt keine Geschichten, sondern formuliert Fragen, auf die ihre rationalen Modelle Antwort geben sollen. Sie stellt die gleichen Fragen wie die Religion, aber sie gibt andere Antworten, die nicht in der freudigen Unterwerfung der Vernunft unter den Glauben münden, sondern in eine fortlaufende Geschichte der Vernunft selbst. Sie erforscht die einzelnen Bereiche der Natur, des Menschen und der Gesellschaft wie die Wissenschaften, aber sie fragt nach deren Zusammenhang und denkt über ihre eigenen Methoden und Begriffe nach. Sie sucht nach der Verschmelzung mit dem von ihr erkannten obersten Prinzip wie die Mystik, aber sie verliert dabei nie den Verstand.

Die Philosophie entringt sich dem Mythos und der Religion beziehungsweise der Mystik, ohne dabei nur noch Einzelwissenschaft zu sein, und trägt doch die Spuren all dieser in sich, und ihre Geschichte, schon in den Anfängen, spiegelt das Wechselspiel vielfältigster Durchdringung von rationalen und mythischen, religiösen und mystischen Motiven mit solchen der Einzelwissenschaften. [...]

Der Anfang allen Philosophierens, schrieb Aristoteles später in seiner „Metaphysik“, ist das Staunen oder Sichwundern: „Weil sie sich nämlich wunderten, haben die Menschen zuerst wie jetzt noch zu philosophieren begonnen; sie wunderten sich anfangs über das Unerklärliche, das ihnen entgegentrat.“

Dieses Unerklärliche waren aber zunächst für die Menschen der Antike die Naturphänomene, die sie umgebende und beherrschende Welt, die Naturgewalten und die Gestirne, das Werden und Vergehen und der Tod, dessen Schrecken ja nach Arthur Schopenhauer - überhaupt alles mythisch?religiöse und philosophische Spekulieren auslöst. So war die Philosophie [...] des Thales, des Pythagoras, der sich als erster „Philosoph“ nannte, des Anaximander oder des Heraklit, des Zenon oder des Demokrit, in einem sehr weit gefass-ten Sinne „Naturphilosophie“.

Im letzten Drittel des 5. Jahrhunderts v. Chr. vollzog sich ein Wandel in der philosophischen Spekulation, der im Auftreten einer der bedeutendsten philosophischen Gestalten, nämlich des Sokrates, gipfelte. Dieser Wandel bezeichnet den Übergang von Beobachtung und Anschauung (theorein) der Natur zum Nachdenken über das Wesen des Menschen, der Gesellschaft und des richtigen Handelns und wie man dieses erkennt. Der Blick wendet sich vom gestirnten Himmel, dem Kosmos, nach innen: Der Gegenstand des Denkens ist nunmehr der Mensch selbst.

Zunächst förderte das komplexer, vielfältiger und auch in seinen geistigen Anforderungen an den Bürger härter gewordene Leben in Griechenland die Entstehung eines neuen ur-banen Ideals der geistigen Bildung (paideia), für deren Erlangung man Experten brauchte, Könner, die ihr Wissen und ihr Denken, ihre Rhetorik und ihre Anschauungen gegen Geld zur Verfügung stellten, Schulen gründeten und Vorträge hielten: die Sophisten (sophia = Kunst im Sinne von Können, Weisheit). Im Unterschied zu den Naturphilosophen und Weisen, die wir genannt haben, untersuchten die Sophisten nicht die Natur, sondern die Kultur und ihre Gesetzmäßigkeiten. Sie dachten nicht spekulativ, indem sie in abs-trakten Sätzen nach den hinter der Erscheinungswelt verborgenen Prinzipien, nach Ursprung und Einheit der Welt forschten, sondern induktiv, indem sie von der Erfahrungs-welt ausgingen, vom alltäglichen Leben und den Fragestellungen, die dieses aufwarf. Sie wollten keine Schüler heranziehen, die dann wieder Philosophen wurden, sondern die Laien bilden.

Im günstigsten Fall waren sie Aufklärer, die Bildung verbreiteten, erste Überlegungen zum Naturrecht (jeder Mensch hat von Natur aus bestimmte allgemeingültige Menschenrechte) anstellten, über den Staat als einen formalen Vertrag unter gleichberechtigten Einzelnen nachdachten, die um der Funktion des Ganzen willen einzelne Rechte an den Staat abtraten (was später Rousseau als „Contrat social“ bezeichnete und als Modell mo-derner Gewaltenteilung ausformulierte). Zugleich waren sie Skeptizisten, die den Menschen in seiner jeweiligen Verfassung zum Maßstab der Erkenntnis machten und eine objektive Erkenntnis ablehnten. Im ungünstigsten Falle waren sie daher totale Relativisten, die ihr Denken und Können jedem, der dafür zahlte, zur Verfügung stellten und die Philosophie als Wahrheit in Misskredit brachten: „Sophismus” ist bis heute ein Schimpfwort für vertrackte Rhetorik.

„Am Ende des 5. Jahrhunderts“, so schreibt Wilhelm Nestle, „hat die griechische Philosophie die Bahn, die vom Mythos zum Logos führt, schon vollständig zurückgelegt. Der gebildete Grieche hat sich der Autorität der Religion entwunden und mit seinem Denken auf eigene Füße gestellt.“

(Martin Hielscher: Woher wir kommen, wohin wir gehen. In: Wolf Schön (Hrsg.): Die schöne Mutter der Kultur. Unsere Grundlagen in der antiken Welt. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1996. S. 11 – 21.)
 


 
 
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