Profiloberstufe

Profilfach Geschichte

Strukturmerkmale der europäischen Zivilisation -
Die antik-mittelmeerische Kultur: Athen und Rom

Die Entstehung der Minoischen Kultur auf Kreta
Problemaufriss


Die Entstehung der Minoischen Kultur auf Kreta - 

Diffusion ...

Schon in der Zeit des frühesten Ackerbaues, als man den Boden noch nicht aufzufrischen vermochte, scheinen Trecks landsuchender Bauern aus Kleinasien nach der Ägäis und auch nach Griechenland gelangt zu sein. Sie ließen sich überall dort nieder, wo sich fette Ackerböden anboten. Auch auf manchen Inseln richteten sie Niederlassungen ein, um den Verkehr über die Ägäis hinweg zu erleichtern. Nun finden wir auch in Hellas die ersten festen Siedlungen, Anzeichen von Ackerbau und einer systematischen Viehzucht. Jene weltgeschichtlich so bedeutsame Bewegung, die wir als „Vorderasiatische Kulturtrift“ bezeichnen, hatte damit ihren Anfang genommen. Es handelte sich um Wanderungen von bäuerlichen Landsuchern und mit ihnen von Kulturgütern, von Menschen also und Waren, von Kenntnissen und Ideen, immer in der gleichen Richtung von Vorderasien nach Europa strömend, eine Bewegung, die vielleicht schon im sechsten, mindestens aber im fünften Jahrtausend begann und bis zum Beginn des dritten andauerte, eine Bewegung, die der Überlegenheit der vorderasiatischen Kultur entsprungen war. [...]

Auch nach der Erfindung des Töpfergewerbes blieb die aus dem Osten kommende Strömung weiter in Bewegung. Hatte sie zuerst Ackerbau, geordnete Viehzucht und Sesshaftigkeit gebracht, so folgten nun das Töpfergewerbe, die Verzierung der Vasen durch Ritzung oder Bemalung und die Verwendung von Stempelsiegeln, besonders aber auch die weitere Ausgestaltung des Kultes der Großen Muttergottheit und ihre bildliche Darstellung durch Idole und auf Vasen. [...]

Im Laufe des Neolithikums bahnte sich allmählich ein wichtiger Fortschritt an, als man Kupfer, Gold und Silber zu gewinnen lernte. Wiederum war Kleinasien führend, wo es reiche Lagerstätten, vor allem an Kupfer und Silber, gab. Metall wurde zuerst nur für Schmuckzwecke in Gestalt von Draht und Nadeln verwendet; später erzeugte man aus Kupfer auch mancherlei Werkzeuge und Waffen und bevorzugte schon bald - der größeren Härte wegen - Legierungen mit anderen Buntmetallen. [...]

Mit der endgültigen Vorherrschaft eines metallurgisch bestimmten Lebensstils beginnt in Kleinasien und auf Kreta etwa um 2600 v. Chr. die Metallzeit, und zwar die „Frühbronzezeit“. [...]

Das zweite Jahrtausend v. Chr. wurde allenthalben zum Zeitalter der großen Paläste. Wir finden sie in Mesopotamien und Syrien, in Kleinasien und auf Kreta. In Ägypten erhoben sich die Paläste der Pharaonen, daneben riesige Tempel, die gleichsam als Paläste der Götter und Priester gelten können. Was verlieh diesen Palästen ihre Eigenart und Bedeutung? Gewiss spielte dabei das enge Verhältnis von König und Göttern, das „Gottesgnadentum“ der Fürsten und die absolute Macht der Territorialherren eine besondere Rolle. Aber es dürften darüber hinaus auch wirtschaftliche Faktoren entscheidend gewesen sein. Die Aufgliederung des Gewerbes in vielerlei Sparten des Kunsthandwerks und anderer Berufe, wie sie bei höherem Kulturanstieg notwendigerweise eintritt, erschwerte je länger desto mehr eine unmittelbare Honorierung der Spezialleistungen. Wohl gab es schon Edelmetall, das man gelegentlich zuwog, doch fehlte das gemünzte Geld; noch herrschte der Tauschverkehr. Nicht immer konnte zum Beispiel der Meister feiner Elfenbeinarbeiten für seine Erzeugnisse Eier oder Fische in unmittelbarem Tauschwert erhalten.

Was man also dringend brauchte, war eine Art von Tauschzentrale, die Produktion und Nachfrage auf dem Wege der Verteilung aufeinander abstimmte. So wird man zwar nicht für jeden Einzelnen, wohl aber für gewisse Berufsgruppen gleichsam Konto und Verrechnung geführt haben. Diese Funktion haben offenbar bereits im dritten Jahrtausend die Paläste und großen Tempel in Mesopotamien und Ägypten übernommen, und im zweiten Jahrtausend die Paläste und manche Tempel in Kleinasien und Syrien und ebenso auch die Herrschersitze von Kreta. Von Palast zu Palast wird auch der Fernhandel durchgeführt worden sein. 
(Fritz Schachermeyr: Ursprung und Hintergrund der griechischen Geschichte. In: Golo Mann u. Alfred Heuss (Hrsg.): Propyläen Weltgeschichte. Bd. III/1. Frankfurt a. M. 1976. S. 28ff., 38f., 45f.)
 


... oder Evolution?

Die erste wirkliche Hochkultur Europas entfaltete sich in der Ägäis um rund 2000 v.Chr. Zuerst sind auf Kreta mit der Kultur, die als die minoische bekannt ist, und dann auf dem griechischen Festland mit den Siedlungen, die als mykenische bezeichnet werden, Paläste mit künstlerisch hochstehenden Produkten von spezialisierten Handwerkern und zahlreiche andere Anzeichen einer komplexen und hoch organisierten Gesellschaft zu entdecken, die wir als Zivilisation bezeichnen. Die vorherrschende traditionelle Sicht über diese Entwicklungen in Griechenland ist die, dass sie entweder durch Einwanderung oder durch Diffusion (Verbreitung, Übertragung, Einfluss) aus dem Nahen Osten zustande kamen. [...]

Die vermuteten Wanderungen und die „Einflüsse“ aus dem Nahen Osten, von denen jedes Handbuch erzählt, sollten mit mehr Skepsis betrachtet werden. Es kann keinen Zweifel geben, daß es tatsächlich Kontakte zwischen Kreta und sowohl der Levante als auch Ägypten von ungefähr 3000 v. Chr. an gab, aber eine kritische Prüfung macht es zweifelhaft, ob diese von großer Folgewirkung für die Gesellschaft waren. Ich glaube in der Tat, daß diese erste europäische Hochkultur sehr stark eine europäische Entwicklung war und daß die meisten ihrer Merkmale nicht auf die zugestandenermaßen früheren Hochkulturen des Nahen Ostens, sondern auf Vorläufer auf eigenem Boden und auf Prozesse zurückgeführt werden können, die sich in der Ägäis über das vorangegangene Jahrtausend abspielten. Unzweifelhaft kristallisierte sich die Palastorganisation, das Zentrum sowohl der minoischen als auch mykenischen Kultur, viel früher schon auf Kreta heraus, und um ihre Ursprünge zu verstehen, müssen wir uns die vorhergehenden Perioden auf Kreta ansehen. [...]

Die Diffusionstheorie überschätzt die Intensität des Kontaktes zwischen dem Nahen Osten und der Ägäis, missversteht den Charakter des Handels, der stattfand und unterstellt, dass die ökonomische Grundlage der ägäischen Zivilisation der der Sumerer glich. Ich meine, dass wir jetzt ein anderes Modell vorstellen können, das dem gerechter wird, was wir zur Zeit über das frühe Kreta und die Ägäis wissen. Diese Erklärung beachtet sehr viel mehr die sozialen und ökonomischen Folgen örtlicher Entwicklungen. [...]

Der erste nachdrücklich zu betonende Punkt ist die große Kontinuität zwischen dem späten Neolithikum (7. - 3. Jahrtausend v. Chr.) und der frühen Bronzezeit in allen Teilen der Ägäis. Aus einer Reihe von Gründen haben erst in jüngster Zeit Ausgräber geschich-tete archäologische Ablagerungen der Periode entdeckt, die der frühminoischen Kultur unmittelbar vorausging. Auf Kreta scheint der Grund darin zu liegen, dass die Erbauer des ersten Palastes den Boden ziemlich drastisch eingeebnet hatten und in Knossos viel von dem entfernten, was damals die Spitze des Hügels bildete - nämlich die letzten neolithischen Schichten. Dies hat zu einer Lücke im archäologischen Befund geführt. Von einer solchen Lücke ausgehend war es ganz natürlich, dass die frühminoischen Funde sehr viel anders aussahen als die einige Jahrhunderte älteren neolithischen vom anderen Ende der Lücke. Aber erst kürzlich hat man bei Ausgrabungen in Knossos Schichten gefunden, die zwischen dem späten Neolithikum und dem Beginn der frühminoischen Kultur liegen, welche die Kontinuität viel offensichtlicher machen. [...]

Schon in der letzten neolithischen Periode war die Metallverarbeitung in allen Teilen der Ägäis entwickelt: es gibt Funde auf Kreta und auf dem Festland ebenso wie weiter im Norden. [...] Vielleicht hatte die Entwicklung der Metallverarbeitung auch etwas mit der Entstehung von Häuptlingstümern in der Ägäis zu tun, die wir in dieser Zeit feststellen können. Ganz sicher bergen Grabstätten in zahlreichen Gegenden beeindruckende Anzeichen von Rangunterschieden, die sich in der Verschiedenheit von Grabbeigaben widerspiegeln. Und viele Metallgegenstände - goldene Weinbecher und Diademe zum Beispiel - waren ganz offensichtlich Statussymbole. [...]

Eine wesentliche Basis für eine Gesellschaft mit Häuptlingstum ist ein System der Wiederverteilung von Gütern, das vom Häuptling selbst organisiert und kontrolliert wird. Dies kann natürlich in einer Gesellschaft funktionieren, wo die meisten Menschen die gleichen Pflanzen anbauen, aber es ist ökonomisch wesentlich nützlicher, wo eine Vielfalt der Produktion existiert. In der Tat macht die Verschiedenheit, die aus der mediterranen Mischkultur resultiert - wo der eine mehr Olivenöl produziert, als er verwenden kann, aber zugleich wenig Weizen hat, während ein anderer Weintrauben im Überfluss hat, aber mehr Fleisch möchte - geradezu ein Redistributionssystem (Wiederverteilungssystem) notwendig. Dieses ist genau die Funktion, die von den Palästen der minoisch- mykenischen Kultur erfüllt wird, indem sie die Produkte verschiedener Felder, Weingärten und Weiden sammeln und in Vorratshäusern unterbringen, sogar in relativ kleinen Gebieten wie in Südgriechenland. Der Bestand der Paläste war gegründet auf einer so gearteten Wiederverteilung von Gütern, die von dem Fürsten kontrolliert wurde und die ihm erlaubte, Vollzeitspezialisten von Handwerkern zu unterhalten. [...]

Nahezu alles, was wir in den Palastkulturen der voll entwickelten minoisch?mykenischen Zeit finden, trägt seine Vorläufer in der entscheidenden formprägenden Periode des 3. Jahrtausends v. Chr. [...]

Anstatt zunächst in Kategorien von Diffusion und Übernahme, von Erfindungen von außerhalb zu denken, sollten wir [...] Veränderungen in der Landwirtschaft, technologischen Fortschritt und Entwicklungen in der sozialen Organisation bedenken, die aus den ägäischen Bedingungen selbst heraus untersucht und erklärt werden können.

(Colin Renfrew: Before Civilization: The Radio Carbon Revolution and Prehistoric Europe. Harmondstworth 1973, S. 2f. 11f., 222ff, 230ff.)


 
 
Zurück zu:    Profilfach Geschichte