Profiloberstufe

Profilfach Geschichte

Strukturmerkmale der europäischen Zivilisation -
Die antik-mittelmeerische Kultur: Athen und Rom

Die Etrusker
Problemaufriss


Abendschatten (Ombra della Sera) Votivstatue. Museum Guarnacci, Volterra

 
 
Das Rätsel der Etrusker

Ernst blicken sie uns an, oft auch heiter. Ihre Münder aber bleiben verschlossen, ihre Sprache können wir bis heute nicht verstehen. Sie schufen die früheste Hochkultur des westlichen Mittelmeerraums, gründeten Rom - und erforschten besessen die Vorzeichen des eigenen Untergangs.

Während des Ersten Weltkrieges wurde in Italien ein wichtiger Rohstoff knapp: Eisenerz. Nicht Bergingenieure, sondern Altertumsforscher zeigten einen Ausweg. Sie führten die Hüttentechniker in die kleine Bucht Porto Baratti, die der Insel Elba gegenüberliegt. Der Berg über der Bucht trägt das winzige Nest Populónia. Darunter wächst die Macchia, aber auf einem Boden, der nicht leuchtend rot ist wie sonst in der Toskana, sondern braunrot wie Rost. Die Techniker machten Stichproben und stellten fest: Ungeheure Mengen von Schlacken lagerten zu Füßen des Hügels, und diese Schlacken enthielten etwa 30 Prozent Eisen. Es waren die Abraumhalden einer Hüttenindustrie, die vor 2500 Jahren ganz Italien mit dem begehrten Metall versorgt hatte.

Was die Altertumsforscher wußten: Populónia hieß damals Pupluna, und es besaß das Recht, eigene Münzen zu prägen. Der Schmiedegott Vulcanus mit Hammer und Zange war darauf abgebildet. Als einzige ihrer Zeit lag diese Stadt direkt am Meer, denn hier wurden Erze verarbeitet, die man von der Insel Elba herüberschaffte. Pupluna war eine reiche und große Stadt. Den Rauch seiner Schmelzöfen, Zeitgenossen berichten es, konnten die Seeleute schon von weitem sehen. Noch heute wühlen sich die Bagger in den Schlackenberg, profitiert eine moderne Industrie von der mühsamen Handarbeit eines Volkes, dessen Geschichte vor etwa 3000 Jahren geheimnisvoll begann und nach 1000 Jahren - von ihm selbst genau vorausberechnet - endete: Die Rede ist von den Etruskern. Auch die Altertumsforscher profitierten von der Arbeit der Bagger. Denn unter dem Schlackenberg stießen sie auf eine Nekropole, eine unterirdische Stadt, die die Etrusker für ihre Toten angelegt hatten. Die Funde zeigen: Schon im 8. Jahrhundert vor Christus wurde hier Eisen erschmolzen, beherrschte man eine Technologie, die immerhin eine Temperatur von etwa 1500 Grad Celsius erfordert.

Woher hatten die Etrusker diese Kenntnisse? Nicht nur die Funde in der Nekropole von San Cerbone bei Populónia heizten die Frage nach Herkunft und Entstehung dieses Volkes wieder an. Auf jedem Kongreß der Etruskologen wird sie von neuem diskutiert. Dabei waren schon im Altertum die Meinungen darüber geteilt. Der Grieche Herodot, Vater der Geschichtsschreibung, erzählt von einer Hungersnot in Lydien. Unter Führung des Königssohnes Tyrrhenos sei ein Teil der Lyder ausgewandert und habe sich in Mittelitalien niedergelassen. Für die Griechen war damit die Sache klar. Sie nannten das Volk fortan Tyrrhener und das Meer an seiner Küste Tyrrhenisches Meer. Dionys von Halikarnass dagegen meinte, die Etrusker seien Ureinwohner Italiens. Zwischen Herodot und Dionys schwankt noch heute die moderne Etruskologie, und es gibt gute Gründe für die eine und für die andere Seite.

Woher haben die Etrusker ihre profunden metallurgischen Kenntnisse? Um die Jahrtausendwende war die Technik der Eisenschmelze im Orient erfunden worden. Hatten die Etrusker sie von dorther mitgebracht, wie auch ihre außerordentlichen Fähigkeiten in der Goldschmiedekunst? Die frühen Grabfunde zeigen einen Hang zu orientalischen Ornamenten. Die Etrusker waren hervorragende Hydrauliker - vor allem die Römer wurden nicht müde, ihre Fähigkeiten in der Bewässerungs? und Drainagetechnik zu loben -, verriet sich da nicht die Kunst der Wasserbauingenieure aus dem Zweistromland? Und ihr besessener Hang zur Hepatoskopie, zur Deutung der Zukunft aus der Leber von Tieren, hatte damit nicht das alte Babylonien italienischen Boden betreten? Dionys hielt dagegen: Schaut sie euch doch an. Nichts Orientalisches ist an ihnen, nichts unterscheidet sie in ihrem Äußeren von Griechen, Sabinern, Umbriern, Italikern.

Das, woran man die Herkunft der Etrusker am leichtesten hätte festmachen können, läßt sich leider in keine Theorie einfügen: ihre Sprache. Die ist weder indoeuropäisch noch orientalisch, ja, sie ist keiner Sprachgruppe zuzuordnen, sie ist nach wie vor das größte Hindernis bei der Erforschung der Geschichte dieses Volkes. Man kann die etwa 10 000 schriftlichen Zeugnisse zwar mühelos lesen ? die Etrusker benutzten das Alphabet, das auch die Griechen von den Phöniziern übernahmen, mit dem Unterschied, daß sie die erste Zeile von links nach rechts, die nächste von rechts nach links und so weiter schrieben - aber verstehen kann man ihre Sprache damit noch nicht. Etwa 300 Wörter, immerhin, sind den Etruskologen inzwischen bekannt. Sie haben sie mühevoll aus dem griechischen und lateinischen Schrifttum herausgeklaubt (etwa bei Livius: "Schauspieler heißt auf tuskisch hister") oder durch kombinatorische Methoden erschlossen. Viel nützt aber auch das nicht, denn alle wichtigen schriftlichen Zeugnisse sind verloren und die meisten Inschriften wenig aufschlußreich. Sie besagen nichts oder wenig darüber, wie dieses Volk sich selbst verstand. Wie nahe sind wir ihm wirklich gekommen, wenn wir diese Inschrift genau übersetzen können: Aska mi eleivana, mini mulvanike mamarce velchanas (ich bin ein Ölgefäß, Mamarce Velchanas hat mich gestiftet)?

Um die Etrusker kennenzulernen, müssen wir ihre Nekropolen, ihre Totenstädte besu-chen. Da sie davon überzeugt waren, dass ein Teil ihres Wesens nach dem irdischen Ende weiter existiert, bauten sie ihren Toten Wohnungen, die im Gegensatz zu denen der Lebenden bis heute erhalten blieben. Ihre luftigen Häuser aus Holz und Ziegeln gruben sie maßstabsgerecht in den Tuffstein und füllten sie mit allem, was der Tote zu Lebzeiten um sich hatte. Was sie ihm nicht gegenständlich mitgeben konnten seine Arbeitswelt, Spiele, Feste, Musik, die Liebe war imaginär vorhanden, in leuchtenden Farben an die Wände seiner stillen Behausung gemalt. So anschaulich führen uns die Toten ihr gehabtes Leben vor Augen, daß die Konturen dieses Volkes, ergänzt man sie durch die Zeugnisse griechischer und römischer Zeitgenossen, vom banalen Alltag bis zu seinem geistig?religiösen Selbstverständnis erstaunlich klar hervortreten.

Als vergleichsweise unwichtig gilt heute die Frage nach dem Woher der Etrusker. Wahrscheinlich überdauerten sie als ethnische und sprachliche Insel die Stürme der Völkerwanderung und verschmolzen in einem allmählichen Prozess mit Einwanderern aus Kleinasien zu einem neuen Volk, das viele hervorragende Eigenschaften stark und mächtig machte, das aber gleichzeitig von einer seltsamen Besessenheit nicht lassen konnte und damit den Keim der Selbstzerstörung in sich trug.

Was sie am meisten auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, ja, ihr Eifer, fremdes Gedankengut aufzunehmen und eigenes weiterzugeben. Von den Griechen übernahmen sie die politische Lebensform des Stadtstaates. Aber sie gründeten nicht nur eigene Städte, sondern lehrten auch die Völker ihres Einfluss- und Herrschaftsbereichs, in Städten zu leben. Sie waren die Geburtshelfer und Lehrmeister Roms. Könige aus Tarquinia ummauerten das Hirtendorf, das Rom damals war, entwässerten sein sumpfiges Forum - die von ihnen gebaute cloaca maxima ist heute noch in Gebrauch -, errichteten die ersten Tempel auf dem Kapitol, gaben Rom einen etruskischen Geschlechternamen (rumu) und eine Verfassung: Liktorenbündel und Doppelaxt sind Inventarstücke der Etrusker.

Sie unterwarfen sich andere Völker nicht mit Gewalt, wie später die Römer es taten, sondern machten sie von sich abhängig. Als geschickte Händler, begabte Baumeister, geniale Agrar- und Hydrotechniker besaßen sie eine überzeugende Sachautorität. Sie lebten nicht auf Kosten der anderen, sondern sorgten dafür, dass es allen besser ging. Was auch Probleme mit sich brachte. Der Historiker Polybios schreibt: „In Norditalien begannen die Gallier, die mit den Etruskern in Verbindung kamen, da sie deren Nachbarn waren, voller Neid auf den wirtschaftlichen Wohlstand der Gegenden zu schauen. . .“

Die Etrusker liebten das Leben, gaben sich ihm in vollen Zügen hin. Ihre Bankette - auf den Wandbildern der Tomben (Grabhäuser) getreulich dargestellt - erregten neidvolles Missfallen bei vielen griechischen und römischen Autoren. Am meisten schockierte die Kritiker, dass die etruskischen Frauen an allen Vergnügungen gleichberechtigt teilnahmen. Sie saßen bei den Spielen neben ihren Männern auf den Zuschauerbänken, lagerten bei den Banketten neben ihnen auf den klinen (Liegen). In Olympia dagegen hatte nur die Priesterin der Demeter das Recht, bei den Spielen dabei zu sein, in Athen nahmen nur die Hetären, gebildete Halbweltdamen, an den Banketten teil. Die Partnerschaft von Mann und Frau in der etruskischen Gesellschaft, ja, Zärtlichkeit und eheliches Glück, spiegeln sich ganz unverstellt in den Darstellungen auf Sarkophagen und in den Wandmalereien der Grabhäuser und lapidar auch in den Inschriften. Während der Römer nach seinem Vor? und Nachnamen nur noch den Namen seines Vaters erwähnt, fügt der Etrusker im-mer den Namen seiner Mutter hinzu.

Gegen Ende des 2. Jahrhunderts vor Christus werden die vorher so lebensfrohen Darstellungen in den Grabmälern zusehends düsterer. Finstere Todesgötter und ?boten erscheinen an den Wänden, Ausdruck der Überzeugung des etruskischen Volkes, daß es sich in der Endzeit seiner Geschichte befindet. Die Zerstörung seiner Städte durch Rom bestätigte es in seiner Überzeugung. Das Leben ihrer Nation - davon waren die Etrusker überzeugt, ja geradezu besessen - sei in zehn Saecula eingeteilt. Wir verstehen darunter ein Jahrhundert, für die Etrusker war es ein Zeitabschnitt, dessen Länge die Götter bestimmten. Deren Willen herauszufinden, war Sache des Haruspex, der die Zeichen der Himmelserscheinungen beobachtete und die Leber von Tieren studierte. Von diesem ihrem orientalischen Erbe konnten sich die Etrusker bis zum Schluss nicht befreien. Als Kaiser Claudius, erzogen von einem Etrusker, in erster Ehe mit einer etruskischen Prinzessin verheiratet, Verfasser der (verschollenen) Tyrrhenika, einer 20bändigen Geschichte des etruskischen Volkes, im Jahre 54 nach Christus von seiner römischen Gemahlin Agrippina ermordet wurde, verkündete der Haruspex das Ende des letzten Säkulums und damit den Untergang der etruskischen Nation. Aber gehen Völker wirklich unter?

Genau anderthalb Jahrtausende später, 1554, wird in Arezzo die etruskische Chimäre gefunden. Schon lange vorher hat das Land eine Fülle schöpferischer Impulse verspürt, die zu einem neuen Anfang drängen: Die Ratio verbindet antike Formen und Inhalte zu einem Humanismus, der den Menschen aus seiner Unmündigkeit herausführen möchte. Die Renaissance entsteht. Sie entsteht nicht in Rom, sondern im Stammland der Etrusker. Geburt und Wiedergeburt Italiens haben dieselbe Wiege: die Toskana.

(Hans Markus Thomsen: Das Rätsel der Etrusker. In: Merian 33. Jg. (1980) H. 9, S. 50 - 55.)


 
 
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