Profiloberstufe

Profilfach Geschichte

Strukturmerkmale der europäischen Zivilisation -
Die antik-mittelmeerische Kultur: Athen und Rom

Augustus
Problemaufriss


12. Thema
Das Augustusforum -
Architektur im Dienste politischer Propaganda

Kein römischer Staatsmann vor Augustus hat so viel Geld für öffentliche Bauten ausgegeben wie er. Mit Recht konnte er sich am Ende seines Lebens rühmen, Rom, die Hauptstadt des Imperium, in eine Marmorstadt verwandelt zu haben. Zu allen Zeiten versuchten große und kleine Potentaten ihren Nachruhm durch repräsentative Bauten zu fördern, aber selten stand die Architektur so unmittelbar im Dienste politischer Propaganda wie unter Augustus. Ihm und seinen Helfern gelang es in einer bis dahin unbekannten Eindringlichkeit, öffentliche Bauten zu Trägern gezielter politisch-repräsentativer Programme zu machen. Damals wurden die publica opera neben der Münzprägung zum wirkungsvollsten Propagandainstrument. Das Augustusforum ist neben dem Apollotempel auf dem Palatin die größte und bedeutendste Bauunternehmung des ersten Princeps in Rom.

Mit seinem Forumbau entsprach Augustus einem elementaren Bedürfnis der Stadt. Seit langem fehlte es an Platzanlagen mit den dazugehörigen überdachten Räumen für den Gerichtsbetrieb. Schon Caesar hatte den Bau des Forum Iulium begonnen, um das alte Forum Romanum zu entlasten und Gerichtsräume zu gewinnen. Hominum et iudiciorum multitudo gab auch den Anstoß zum Bau des Augustusforum. 

Durch den auf privatem Grund errichteten gewaltigen Bau bewies Augustus in besonders eindrucksvoller Form seine munificentia gegenüber dem römischen Volk. Zugleich erfüllte er damit aber ein vor der Schlacht von Philippi im Jahre 42 v. Chr. getanes Gelübde. Damals, als es um die Niederwerfung von Caesars Mördern ging, soll der junge Octavian dem Mars Ultor einen Tempel gelobt haben. Vierzig Jahre später, am ersten August des Jahres 2 v. Chr., weihte er als Augustus und Pater Patriae Forum und Tempel ein. [...]
Es ist bezeichnend, dass sowohl das Caesar- wie das Augustusforum als Tempelplätze konzipiert sind. Diese waren ihrer Bestimmung gemäß seit je abgeschlossene Bezirke im Gegensatz zu den spätklassischen und frühhellenistischen Agorai der griechischen Poleis, die ganz andere Funktionen und Gestalt hatten. Als Marktplätze dienten sie zugleich der autonomen Bürgerschaft als Versammlungszentren. Dementsprechend waren sie in das Straßensystem eingebunden und hatten Durchgangsverkehr. Auch auf das republikanische Forum Romanum mündete eine Vielzahl von Straßen und Wegen. Im Verlauf des zweiten und ersten Jahrhunderts v. Chr. trennte man indes auch diese Stadtplätze nach und nach vom Straßensystem ab. Sie wurden zu geschlossenen Verwaltungs- und Repräsentationszentren. In diesem Prozeß spiegelt sich der Wandel der politischen Ordnung: Die entpolitisierten Bürger werden künftighin von Verwaltungszentren aus regiert. Für die Abgeschlossenheit der Kaiserfora kann man demnach gleicherweise auf die Tradition der Tempelplätze wie die späthellenistische Entwicklung der Agorai und Fora verweisen. Das Augustusforum ist die erste konsequent als Repräsentationszentrum konzipierte Platzanlage. Es sollte weder von Marktbetrieb noch von Verkehr belastet sein, es war nicht für Volksversammlungen bestimmt, sondern sollte, wie Caesar das schon für das Forum Iulium gewünscht hatte, dem täglichen Verwaltungs? und Schulbetrieb, in erster Linie aber den Gerichten dienen. [...]

Den Titel Pater Patriae betrachtete Augustus als seine höchste Ehrung. Mit Tränen in den Augen nahm er sie in der Senatssitzung vom 5. Februar des Jahres 2 v. Chr. entgegen. Die neuere Forschung sieht im Titel Pater Patriae eine Art Oberbegriff für Macht und Würden des Princeps, einen Schlussstein in der kunstvollen Konstruktion der neuen Staatsordnung. Der offizielle Titel des Princeps lautete jetzt: Caesar Augustus Divi Filius Pater Patriae. So las man es auch unter der Quadriga auf dem Augustusforum.

Man hat bisher übersehen, wie vollkommen Bildausstattung und Funktion des Augustus-forum diesem neuen Titel entsprechen. Wie die verschiedenen Ehrenbezeichnungen im Pater Patriae zusammengefasst sind, so sind auf dem Augustusforum die politischen Programme der früheren augusteischen Kunstpropaganda zu einem folgerichtigen System geordnet.

Der Titel wurzelt in einer militärischen Ehrenbezeichnung. Der Retter in Kriegsnot wurde im alten Rom als parens verehrt, was eine moralische Bindung der Geretteten an ihren Retter einschloss. Diese militärische Tradition der Ehrung bleibt auf dem Augustusforum voll gewahrt. Augustus erscheint als Triumphator, umgeben von siegreichen Feldherrn. Aus innerer und äußerer Bedrohung hatte er den Staat gerettet. Ob cives servatos kam ihm der Titel Pater Patriae zu. Doch wird die militärische Servator-Vorstellung wie schon bei Caesar und wie bei der Verleihung der corona civica an Augustus im Jahre 27 v. Chr. mit einem umfassenderen politischen Gehalt potenziert.

„Es ist aber schwer, ein solches Reich zu regieren, wenn es nicht einem einzigen wie einem Vater übergeben wird. Denn wie hätten die Römer und ihre Verbündeten sich eines solchen Wohlstandes erfreuen können, wie ihn der Kaiser Augustus allen verschafft hat, seitdem er die unumschränkte Macht übernahm.“ Das schreibt Strabo, ein Zeitgenosse des Augustus. Die Vaterschaft des Augustus bezieht sich nicht nur auf die alte Res publica, sondern auf das ganze Imperium Romanum. Die damalige Publizistik verglich, wie die Strabostelle zeigt, den Pater Patriae ganz selbstverständlich mit einem Pater familias, was ein Pietätsverhältnis zwischen Herrscher und Untertanen impliziert. Wie der Pater familias seine Söhne um sich versammelt, so steht der Pater Patriae Augustus auf seinem Forum inmitten der summi viri und seiner Ahnen. Man hat denn auch schon öfter darauf hingewiesen, dass die Anregungen zu der nationalen Ruhmesgalerie in den Exedren und Portiken von den imagines der Vorfahren stammen könnten, die in den atria der römischen Häuser standen und bei den öffentlichen Leichenbegängnissen der Angehörigen der großen Familien mitgeführt wurden. Wie diese sollten die Statuen der summi viri erzieherisch wirken, den Nachgeborenen exempla virtutis sein. Die Vaterschaft wird aber nicht nur auf die ganze Vergangenheit ausgedehnt, auch die entscheidenden Staatsakte der Gegenwart und Zukunft sollen sich vor den Augen des Pater Patriae Augustus abspielen. Wie den Pater familias umgibt den Pater Patriae eine Aura von Heiligkeit. Sancte pater redet ihn Ovid an. Auf dem Forum wird er in bedeutungsvolle Beziehung zum pius Aeneas und zum Pater Romulus gesetzt. Bei seiner Nähe zu Pater Mars befremdet es nicht, daß der Divus Augustus nach seiner Apotheose und vor der Fertigstellung seines eigenen Tempels im Mars-Ultor-Tempel verehrt wurde. Daß die Kaiser als Patres Patriae umfassende potestas besaßen, ist bekannt. „Die Benennung Väter gibt ihnen (den Kaisern) eine Gewalt über uns alle, wie sie einst die Väter über die Söhne ausübten«, schreibt später Dio Cassius. 

Das Augustusforum ist in den Einzelheiten ein Meisterwerk der Andeutungen und halben Aussagen. Als Ganzes verstanden enthüllt das Bildprogramm wie kein anderes augusteisches Monument die unumschränkte Machtstellung des Princeps. Seine Gestalt steht ü-berragend im Zentrum aller Bezüge. Augustus selbst hatte gefordert, die Nachwelt solle ihn nach dem Vorbild der Männer beurteilen, die er in den Exedren und Portiken des Forum aufgestellt hatte. Das Bildprogramm nahm der Gegenwart und Nachwelt dieses Urteil ab. Es zeigte klar, wie weit der Sohn des Divus lulius seine berühmten Vorgänger übertraf. Wen konnte man schon vergleichen mit dem Urenkel des Aeneas, dem neuen Romulus, in dem Mars selbst zum Glück aller wirkte? Jedermann konnte es sehen, dass Rom erst durch den Pater Patriae Augustus zu der Größe aufgestiegen war, die ihm die Götter von Anfang an zugedacht hatten.

Die Wirkung des Bauwerkes auf die Zeitgenossen muss groß gewesen sein. Noch der ältere Plinius rechnet es unter die schönsten Bauten der Welt, und Apollodor hat den uns nicht namentlich bekannten Architekten durch zahlreiche zum Teil wörtliche Zitate geehrt. Aber nicht nur die Architektur, auch das Bildprogramm wurde nachgeahmt. In mehreren Provinzstädten in und außerhalb Italiens wurden Nachbildungen der Elogia der Portiken und Exedren - teils in Auszügen, teils wörtliche Kopien - gefunden. Nachahmungen der Statuen des Aeneas und Romulus und der Kultbildgruppe wird es nicht nur in Pompeji, Nordafrika und am Rhein gegeben haben. Solche Wiederholungen des politischen Programms werden auf jede Weise von oben gefördert und honoriert worden sein. Die propagandistische Wirkung des Forum - das kann man schon aufgrund der zufälligen Funde sagen - erstreckte sich auf das ganze Imperium. 

Den Römern wurde das Bildprogramm des Augustusforum nach dem Tode des Princeps noch einmal eindrucksvoll vor Augen geführt. Wie einen Triumphator zog man den toten Pater Patriae beim Staatsbegräbnis durch die Stadt. Seiner Leiche trug man ein mit den Triumphalgewändern behängtes Bildnis voran. Im Zug wurden die Masken seiner Vorfahren, der lulier und Claudier, und aller Römer, „die sich irgendeinmal ausgezeichnet hatten bis auf Romulus“, mitgeführt, auch das Bild des großen Caesar?Gegners Pompejus war im Zug zu sehen. Es folgten „alle Völker welche Augustus hinzugewonnen hatte, in ihrer heimischen Tracht“.

(Paul Zanker: Forum Augustum. Das Bildprogramm. In: Gerhard Binder (Hrsg.): Saeculum Augustum. Bd. 3: Kunst und Bildersprache. Darmstadt: wissenschaftliche Buchge-sellschaft 1991. S. 60 - 110.)
 
 


 
 
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