Profiloberstufe

Profilfach Geschichte

Strukturmerkmale der europäischen Zivilisation -
Die antik-mittelmeerische Kultur: Athen und Rom

Die Akropolis
Problemaufriss


7. Thema
Das Bauprogramm der Akropolis - 
Gibt es eine demokratische Kunst?

Bei der Interpretation der griechischen Plastik des 5. vorchristlichen Jahrhunderts ist der Versuch unternommen worden, die Neuverteilung von Proportionen und Gewichten als Umsetzung derjenigen Prinzipien zu verstehen, die der attischen Demokratie zugrunde lagen. So wird z. B. der Doryphoros des Polyklet als Verkörperung demokratischer Ordnungsprinzipien in der Kunst gedeutet. Dagegen ist in der Architektur nachweisbar, dass Formprinzipien, die dem Begriff Demokratie unterlegt werden, wie beispielsweise die Austauschbarkeit der Einheiten statt hierarchischer Ausrichtung etwa bei Tempeln auf Fronten und Zentren, erst im 4. Jahrhundert v. Chr. Zu beobachten ist. Lambert Schneider und Christoph Höcker erläutern diese Problematik am Bauprogramm der Akropolis:

Parthenon, Propyläen, Nike-Tempel und Erechtheion - diese vier strahlenden Marmorbauten, deren Überbleibsel heute das Bild der Akropolis prägen - entstanden innerhalb der kurzen Zeitspanne von der Mitte bis zum Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. Als Symbol der Lebensanschauungen einer neuen, demokratischen Gesellschaft zeugten sie über Jahrhunderte vom Glanz und Ruhm Athens, sogar in Zeiten, als die Stadt selbst an Bedeutung verlor. Diese vier Bauten [...] waren [...] wie kein anderes Monument bis in ihre Details hinein Ausdruck und Ergebnis nicht allein von Harmonie, sondern ebenso von widerstreitenden Interessen und Anschauungen. In der radikalsten Phase der athenischen Demokratie entstanden, drückten sie nicht den Willen eines Einzelnen oder einer homogenen Gruppe, sondern einer vielfältigen Gesellschaft aus. Auch stand nicht nur schlichte Begeisterung für Formvollendung und Proportion hinter der Errichtung dieser großartigen Bauten. Architektur und Skulptur waren vielmehr Träger von Botschaften, sie sollten dem Betrachter ein Bild von Stärke und Selbstverständnis des neuen demokratischen Athen vermitteln, der Hegemonialmacht über fast die ganze Ägäis-Welt: Religion im Dienst der Politik. Nicht nur das Aussehen der fertigen Bauten mit ihrem Skulpturenschmuck war neu und einzigartig, auch die Art, wie sie geplant und errichtet wurden, war ein Novum in der Geschichte - und entspricht ebenso wenig unserer heutigen Vorstellung von einem Bauprojekt. Große, durchkonzipierte künstlerische Projekte halten die meisten modernen Menschen für ein Resultat des schöpferischen Genius', oft als Planer und Realisator in einem tätig. Ob Michelangelo, Rembrandt, Goethe, Fellini oder Sir Norman Foster: Immer scheint es die individuelle Persönlichkeit mit ihrer Kraft und Inspiration zu sein, die bleibende Kulturwerte schafft. Diese Überzeugung wird heute ja auch immer wieder gegen die Mitbestimmung einer breiten Öffentlichkeit bei konzeptionellen künstlerischen Fragen ins Feld geführt. Und doch: Eben ein solches gemeinsames Planen, Gestalten und Ausführen durch eine große Bevölkerungsgruppe ließ die klassischen Bauten auf der Akropolis entstehen. Falsch wäre jedoch die idealisierte Vorstellung, dass alle an einem Strick zogen, alle wie von selbst das gleiche wollten; das Streitgespräch, die Suche nach Anhängerschaft, nach Verbündeten, und schließlich das Abstimmen in Gremien waren es, was die Athenische Demokratie zur Demokratie machte. [...]

Die vier klassischen Bauten der Akropolis ergeben einzeln betrachtet jeweils für sich einen Sinnzusammenhang, der in enger Verbindung mit der wirtschaftlichen, sozialen, machtpolitischen und geistigen Lebensrealität des damaligen Athen steht. Zusammengenommen aber bilden sie ein historisches Ganzes, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Wie in der Musik eine Phrase, eine Melodie durch eine andere weitergeführt, beantwortet oder auch negiert wird, so bilden die klassischen Akropolis-Bauten mit ihrem ornamentalen und figürlichen Schmuck ein Gesamtgeflecht, in dem jeder zeitlich nachfolgende Bau und jede Skulptur auf das jeweils Vorangegangene antwortet: verändernd, bestärkend oder auch verneinend.

Innerhalb dieses größeren strukturellen Zusammenhanges erst offenbaren die Kunstwerke ihre volle Bedeutung. Keines von ihnen stellt die Verkörperung einer einzigen Idee dar, sondern sie alle sind das Ergebnis von Prozessen, an denen viele Menschen mit durchaus unterschiedlichen Meinungen und Interessen beteiligt waren. In der Abfolge und dem gegenseitigen Bezug der Gebäude aufeinander zeigen sich ebenso gemeinsame Bestrebungen wie mühsam errungene Kompromisse und schließlich auch ungelöste Widersprüche der athenischen Gesellschaft im 5. Jahrhundert v. Chr. Nur harmonisch, unparteiisch?tendenzlos oder gar realitätsfern wollten diese Bauten und Skulpturen zu ihrer Zeit nie sein. Erst nachfolgende Jahrhunderte und Jahrtausende haben diesen Werken den Stempel inhaltslosen Wohlgefallens aufgedrückt, sie in eine abgehobene Sphäre zeitloser Klassizität entrückt.

(Lambert Schneider/Christoph Höcker: Die Akropolis von Athen. Eine Kunst- und Kultur-geschichte. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2001. S. 111f. u. 180f.)


 
 
Zurück zu:    Profilfach Geschichte