Dr. Dirk Dähnhardt
Thomas Gransow
 

Prag und der Hradschin

1. Problemskizze und Themen



 
 
 

Einleitung

Prag - das ist die Synthese mehrerer Städte sehr unterschiedlicher Struktur und Herkunft, die erst am Ende des 18. Jahrhunderts einer gemeinsamen Verwaltung unterstellt wurden. In den Namen der alten, gewachsenen Stadtviertel lebt die Erinnerung an die Prager Städte fort: Altstadt, Neustadt, Kleinseite und Hradschin- oder Burgstadt. Jedem dieser Quartiere hat die Geschichte ihren Stempel aufgedrückt, und aus ihrer Verschiedenartigkeit ergaben sich immer wieder Spannungen, die sich nicht nur in Prag entlu-den, sondern in ganz Europa auswirkten. Diese politisch-ethnisch-religiös- sozialen Spannungen haben ein Pendant in der Topographie: Über den Städten der Handwerker, der Kaufleute und des Adels thront die Burg - Grundschema der europäischen Stadt, in Prag grandios verwirklicht.

Grundmuster der Geschichte Prags als Hauptstadt Böhmens, der Tschechoslowakei oder Tschechiens und zeitweilig auch des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen ist bis in unsere Tage die Auseinandersetzung zwischen Souveränität und Fremdbestimmung, die oft genug überlagert war von religiösen, ethnischen und sozialen Konflikten. Ferdinand Seibt ist diesem Grundmuster Anfang der siebziger Jahre nachgegangen:
 
 

Text 1

Zwischen Souveränität und Fremdbestimmung

Metropole und Museum. Metropole - wer könnte das übersehen? Die Silhouette mit dem Burgberg über der Moldau, Herrschaftszentrale seit tausend Jahren wie kaum eine andere unter den europäischen Hauptstädten.

Und doch eine Hauptstadt mit stark musealem Einschlag; nicht nur, weil dem Kundigen die Denkmäler einer tausendjährigen Geschichte auf Schritt und Tritt begegnen, die er wiedererkennt, die er deutet, die er jetzt vielleicht zum ersten Mal in räumlichen Zusammenhängen greifbar vor sich sieht: die romanischen Kellergeschosse in der Altstadt, oft in den letzten Jahren erst freigelegt, manchmal als Weinkeller zugänglich; die vielen spätgotischen Sakralbauten aus der Epoche Karls IV., die sich darüberwölben, und die barocken Kirchen und Paläste, erwachsen aus dem nächsten mächtigen Kulturimpuls, der die Stadt von neuem umprägte - das alles macht Prag zu einem großartigen Freilichtmuseum.

Aber nicht nur der Kunstfreund empfindet das, auch der hellhörige Zeitgenosse. Es liegt etwas Museales über der Stadt. Da sind an vielen Fassaden die Gerüste, die ihre Restaurierung verhießen, schon wieder morsch geworden, da ist die Weltstadt gar zwischen grasbewachsenen Schutthaufen und verwilderten Klostergärten vergessen, wenn man einmal in der südlichen Neustadt die alten Kirchen besucht, abseits der Route der Stadtrundfahrt.

Da steht auf dem Altstädter Ring das Hus-Denkmal aus dem Jahr 1915 als Monument all der Sehnsüchte nach nationaler Selbständigkeit, von der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts besonders am hussitischen Beispiel geweckt; man sieht es und erinnert sich, daß damals, im 500. Todesjahr des Johannes Hus, der einstweilen noch un-bekannte Philosophieprofessor Thomas Masaryk in Genf die nationale Unabhängigkeit gefordert hatte, im Bewußtsein der historischen Kontinuität, wie er später schrieb. Unweit davon, an der Moldau, steht das Gebäude, in dem das Parlament der Ersten Republik seine Sitzungen abhielt. Ein Parlament, das immer gut funktionierte, trotz den Krisen, die fast gleichzeitig bei den Nachbarn in Polen, in Österreich und besonders in Deutschland den Parlamenta- rismus lähmten, und das doch mit Debatten und Mehrheitsbeschlüssen die Frage der Minderheiten in diesem Staat nicht lösen konnte, noch weniger die Weltwirtschaftskrise von 1930 und ihre Folgen. Also verschoben schließlich nationale und soziale Ressentiments das Gleichgewicht dieses Staates so weit, daß Hitler ihn umstürzen konnte.

Da ist, unweit eines modernen Hotels, das alte Messegelände, und man erinnert sich, daß die Wirtschaft von Böhmen und Mähren zur leistungskräftigsten ganz Europas gehörte, daß die größte europäische Strumpffabrik in Böhmen stand und in Mähren der erste europäische Schuh-Konzern (Bat'a) seinen Sitz hatte, mit einem weltweiten Filialennetz. Da steht auf einmal am Straßenrand ein vierzig Jahre alter Tatra-Wagen, das erste stromlinienförmige Auto mit Heckmotor. Da führt uns der Weg über den Judenfriedhof, zu den Synagogen, Mittelpunkte der jüdischen Gemeinden im Lande, deren Geistigkeit in den letzten hundert Jahren das deutsche wie das tschechische Element bereichert hatte, gerade in Prag, wo die 50 000 Deutschen auf ihrer Sprachinsel dem jüdischen Anteil an ihrem Kulturleben viel verdanken, in der Literatur, im Theater, in der Presse und im Musikleben. Da ist hier eine kleine Synagoge, auf deren Innenwänden mehr als 77 000 Namen stehen, die Namen all derer, die von Hitlers lautloser Mordmaschine umgebracht wurden. Dabei fehlen noch die Namen der jüdischen Toten aus dem ehemaligen deutschen Sprachgebiet.

Da sind noch mehr Erinnerungen an Tote in der Stadt, immer wieder kleine Gedenktafeln, mit den Namen der Gefallenen aus den Kämpfen in Prag vom 5. bis 8. Mai 1945, der tschechischen Gefallenen. Der Deutschen, die in diesen vier Tagen und danach in oft furchtbaren Straßenszenen ums Leben kamen, gedenkt man nicht.

Wir erinnern uns an eine kuriose Zahlenspielerei: 1918 gewann die Tschechoslowakei ihre staatliche Selbständigkeit; 1938 ging sie verloren. Nach dem Krieg wiedererrichtet, im Begriff, an der weltweiten westlichen Wirtschaftshilfe teilzunehmen, mußte sie außenpolitische Beschränkungen hinnehmen. 1948 wurde sie definitiv in die östliche Welthälfte eingegliedert. 1968 suchte sie auszubrechen - nicht auf den Bahnen politischen Kalküls, sondern vom Schwung der Emotionen fortgerissen, die am Ende in bitterer Demütigung versandeten.

1918 - 1938, 1948 - 1968. Und danach ein großes Warum. Gibt es darauf eine Antwort? Der Historiker glaubt sie zu wissen. Vielleicht holt er dabei zu weit aus, um der aktuellen Frage zu genügen, vielleicht ist er zu sehr vertieft in Abhängigkeiten zwischen Raum und Schicksal; und doch, die Beobachtung aus anderthalb Jahrtausenden kann wohl nachdenklich machen: So lange kann man nämlich die tschechische Geschichte zurückverfolgen, mit ihrer Hauptbühne in Böhmen, mit dem stilleren mährischen Nebenschauplatz.

Böhmen, das ist nur allzu bekannt, wird oft einer Festung gleichgesetzt, einer Zitadelle Europas, die gar, nach einem Wort, das man Bismarck zuschreibt, die Herrschaft über den Kontinent verheißt. Das ist nicht richtig. Das Land hat in Wahrheit keinen Festungscharakter. Die Rautenform seiner Wald- gebirge ist oft von Feinden durchbrochen worden, und niemals hat man eine Entscheidungsschlacht vor den Grenzen Böhmens ausgetragen. Aber in den großen Wandlungen des Kontinents, die über Jahrhunderte hinweg nur wenige Wendepunkte gesetzt haben, ist diese böhmische Raute wie ein harter Kern immer wieder einmal von der östlichen in die westliche Machtsphäre geraten oder umgekehrt. Denn die großen machtpolitischen Auseinandersetzungen, die säkularen Spannungen in Europa, folgten alle einer Ost-West-Achse.

Die Awaren griffen von Osten nach dem Land, vom sechsten bis zum achten Jahrhundert; die Franken gewannen es danach zurück, und die deutsche Reichsbildung hielt es fest; die habsburgische Monarchie fügte sich die böhmischen Länder ein, und in diesem Verband durchlebten sie den Aufstieg und den Höhepunkt der europäischen Kultur und ihre Expansion über die ganze Welt. Mit dem Ende der europäischen Ära in der Weltgeschichte, mit der Zweiteilung unserer Weit, die seit 1945 einen Friedensvertrag ersetzte, ja im harten Dualismus zunächst auch überflüssig machte, sind Böhmen und Mähren nun wieder in die östliche Hemisphäre geraten. Würden sie durch die Auflösung dieses Dualismus in eine Mehrzahl von Teilnehmenden jemals eine neutralere Position erringen?

Die Zeitspannen sind sehr knapp, auch das lehrt der große Überblick, in denen das tschechische Volk sich zwischen dem östlichen und dem westlichen Spannungsfeld unseres Kontinents selbständig halten konnte: Nur ein Menschenalter vermochte der sagenhafte König Samo im 7. Jahrhundert das Land gegen die Awarenherrschaft zu behaupten und gleichzeitig auch im Westen die Franken abzuwehren; nur fünfzehn Jahre konnte Boleslav, der Mörder des heiligen Herzogs Wenzel (+ 935), die Abhängigkeit vom Deutschen Reich ignorieren; nur für fünfundzwanzig Jahre vereinigte der große König Premysl Ottokar II. (+ 1278), der “Goldene”, aber auch der “Eiserne”, in der “kaiserlosen" Zeit des Deutschen Reiches zum ersten Mal die Keimzelle des späteren Donauraumes, Böhmen, Mähren und Österreich. Nur siebzehn Jahre (1419 - 1436) blieb die hussitische Revolution unabhängig gegenüber Kaiser und Papst, und nur zwei Jahre behauptete sich die nächste böhmische Revolution von 1618, ehe aus ihrer Niederlage vollends die Brandfackel des Dreißigjährigen Krieges aufflammte. 1848 - wieder die mysteriöse Acht in den böhmischen Annalen - wurde die Unabhängigkeit des Landes nur als Autonomie diskutiert, aber 1918 war sie erreicht und schied nun Deutschland und Österreich, Polen und Ungarn voneinander. Hitlers neuer Imperialismus zerschlug sie 1938, aber seine Niederlage hat sie nicht zurückgebracht: Die Idee einer gleichberechtigten Staatenfamilie traf auf die Wirklichkeit der beiden Weltmächte und ihrer Blockbildungen. Die Tschechoslowakei wandte sich 1948 vom Westen ab und dem Osten zu.

Wahrscheinlich ist die Idee eines unabhängigen Staatswesens mitten im Spannungsfeld des europäischen Kontinents, in einem Raum, den schon die barocke Anthropogeographie als das Herz der "Frau Europa" zu zeichnen wußte, eine mehr oder weniger fatale Illusion. Selbst in den Zeiten der augenscheinlichen Unabhängigkeit stand das Land natürlich als Element im politischen Kräftefeld, als Faktor des calvinistischen Republikanismus 1618 oder der französischen Hegemonie-Politik vor 1918. Aber der Anlauf zu eigenwilliger Distanz vom Ostblock, den man 1968 gewagt hatte, rührt in mancher Hinsicht aus der Struktur des Landes und der Mentalität seiner Bewohner. Der "Sozialismus mit menschlichem Gesicht" ist als Programm nur der Ausdruck einer gesellschaftlichen und ökonomischen Struktur, der auch fünfundzwanzig Jahre tiefgreifender Neuorientierung, in der Planwirtschaft wie in den Schulplänen, in der Erwachsenenbildung wie im Städtebau, ihren mitteleuropäischen Charakter nicht genommen haben. 

(Ferdinand Seibt: Im Spannungsfeld des Kontinents: Böhmen und Prag. In: Merian (1972))
 
 

Text 2

Zwischen Irritation und Aussöhnung

Das Verhältnis zwischen Prag und Berlin steht arg unter Spannung. Mal schrecken Vertriebenenver- bände den östlichen Nachbarn mit der Drohung auf, dessen geplanten EU-Beitritt verhindern zu wollen, dann wieder geißeln tschechische Politiker angebliche Bestrebungen in Deutschland, die Nachkriegsordnung in Frage zu stellen.

So schwadronierte jüngst der ODS-Abgeordnete Miloslav Bednár im Namen seiner Partei (der auch Parlamentspräsident Václav Klaus angehört) von einer “europäischen Achse des Bösen” zwischen München, Wien und Budapest. Hintergrund des verbalen Amoklaufs war, dass Politiker in den genannten Metropolen gefordert hatten, die Beneš-Dekrete aufzuheben. Durch die Verfügungen des tschechischen Nachkriegspräsidenten Edvard Beneš waren Deutsche und Ungarn enteignet und für rechtlos erklärt worden.

Mitte Februar erst war der Streit um die Dekrete und die Vertreibung der Sudetendeutschen eskaliert, nachdem Ministerpräsident Miloš Zeman den Abschub immerhin "milder als die Todesstrafe" bezeichnet hatte. Bundesaußenminister Joschka Fischer eilte daraufhin nach Prag, um "Irritationen" auszuräumen. Vergebens: Kanzler Gerhard Schröder sagte seinen lange geplanten Besuch an der Moldau dennoch ab - 57 Jahre nach Kriegsende.

Woran liegt es, dass sich die Tschechen mit den Deutschen so viel schwerer tun als die Polen, die ja unter der Nazidiktatur noch erheblich mehr zu leiden hatten? Immerhin sehen sich beide Staaten bis heute gleichermaßen den Forderungen von Vertriebenenverbänden nach Restitution und Entschädi- gung ausgesetzt. Mag sein, dass es den Polen leichter wurde, versöhnliche Bande zum ehemaligen Aggressor zu knüpfen, da viele von ihnen selbst aus dem Ostteil ihres Landes verjagt worden waren, der 1945 an die Sowjetunion fiel. Vertriebene scheinen Vertriebene besser zu verstehen. Vielleicht quält die Tschechen dagegen immer noch eine Art kollektives Unbehagen darüber, dass sie - anders als die Polen - nicht so stolz auf ihren Widerstand gegen die deutschen Invasoren zurückblicken können. Und weil sie nach dem Krieg ihre eigenen (früheren) Landsleute rauswarfen. Denn die Sudetendeutschen waren mit dem Ende des Vielvölkerstaates Östereich-Ungarn im Friedensvertrag von St. Germain 1919 eher gegen ihren Willen der neu entstehenden Tschechoslowakei zugeschlagen worden und hatten in der folgenden Zeit manche Diskriminierung auszuhalten. Die Schikanen uferten aber nicht derart aus, dass sie die deutsche Minderheit nahezu zwangsläufig in die Arme der Nazis getrieben hätten, wie es in Vertriebenenkreisen bis heute gern behauptet wird. Schließlich flohen 1933 Zehntausende deutscher Emigranten in die Tschechoslowakei - etwa der gesamte SPD- Vorstand und Schriftsteller wie Bert Brecht, Stefan Heym oder Heinrich Mann. "Prag empfing uns als Verwandte", bemerkte Heinrich Mann dankbar. Damit war es nach dem Münchner Abkommen 1938 vorbei, als das von Deutschen besiedelte Staatsgebiet - mit tatkräftiger Unterstützung der großen Mehrheit der Sudetendeutschen - "heim ins Reich" kam und die Nazis schließlich das übrige "Protektorat Böhmen und Mähren" in Besitz nahmen.

"Am Ende der dreißiger Jahre liegt der Schlüssel unserer nationalen Psychologie", sagt Tschechiens Senatspräsident Petr Pithart. Das Münchner Abkommen sei zwar ein schwerer Schlag gewesen, "noch härter aber war, dass wir nicht gegen die Nazis kämpfen durften. Diese Erniedrigung ist ein Trauma, schlimmer noch als Naziterror und Protektorat", so Pithart. "Die Polen haben gekämpft, wir haben uns das nehmen lassen." Während Polen in einem erklärten Krieg stand und sich gegen die Invasoren wehrte, war die "Rest-Tschechei" kampflos besetztes Land, dessen Industrieanlagen im Krieg als willkommene Ressourcen der deutschen Militärindustrie dienten - unter tätiger Mitarbeit von Tschechen. Den Arbeitern der Škoda-Werke sprach Hitler persönlich "Dank und Anerkennung" aus, und Protektorats-"Präsident" Emil Hácha entbot noch am 20. April 1945 dem Führer Geburtstagsgrüße.

Teil des Traumas wurde so auch die Kollaboration - vielleicht ein weiterer Grund, warum sich in Böhmen und Mähren der Hass auf die Deutschen in Mord und wilden Vertreibungen schlimmer als andernorts entlud und historische Wahrheiten verdrängt wurden. So denken viele jüngere Tschechen bis heute, die Deutschen seien mit Hitler gekommen und hätten mit ihm eben auch wieder gehen müssen. Und andere glauben, die Abschiebung habe erst nach der Konferenz von Potsdam begonnen.

Da hatte sich die Provisorische Nationalversammlung in Prag bereits 143 Dekrete ihres Präsidenten Beneš zu Eigen gemacht, die er zum Teil im Londoner Exil formulierte, darunter auch jene die Deutschen diskriminierenden Verfügungen. Dazu kam 1946 noch ein Amnestiegesetz, das rückwirkend für sämtliche Straftaten galt, die zwischen dem 30. September 1938 und dem 28. Oktober 1945 begangen wurden und "deren Zweck es war, einen Beitrag zum Kampf um die Wiedergewinnung der Freiheit" zu leisten. Bis heute scheitern nach diesem Persilschein alle Versuche, unzweifelhafte Verbrechen aus jener Zeit juristisch zu ahnden. [...]

Im Nachbarland Tschechien wird die schlummernde Furcht vor den "Nemci” besonders im Wahlkampf gern geweckt. Dabei gab es doch Hoffnung, nachdem Präsident Václav Havel gleich nach der Wende den Deutschen die Hand zur Versöhnung gereicht hatte, und erst recht, als Bundeskanzler Helmut Kohl und sein tschechischer Parteifreund, Ministerpräsident Václav Klaus, 1997 die nach zähen Verhandlungen formulierte "Deutsch-tschechische Erklärung" unterschrieben. Fünf Jahre nach diesem Vertragsabschluss reichen schon kleinere Anlässe, um wieder die alte große Verunsicherung zu mobilisieren. Wie bestellt tauchten so vor wenigen Tagen im Grenzgebiet um Karlsbad Aufkleber mit der Inschrift auf: "Das Sudetenland war und wird wieder deutsch" - eine schlichte Provokation. Vor allem in den ehemaligen Siedlungsgebieten der Deutschen verfehlen derartige Parolen ihr Ziel nicht. "Manche Leute haben hier immer noch Angst, dass sie ihre Häuser den einstigen Eigentümern zurückgeben müssen", sagt Markéta Ebrlová aus der westböhmischen Stadt Bochov. In Tschechien registriert die Öffentlichkeit jede Regung der "Landsmanšaft" mit großer Aufmerksamkeit. Die hatte schließlich lange Zeit erheblichen Einfluss auf die deutsche Politik. Noch 1995 machte der damalige Außenminister Klaus Kinkel eine Entschädigung der tschechischen Nazi-Opfer von Leistungen Prags für die Vertriebenen abhängig.

"Da hat sich eine eigenartige Gegenseitigkeit entwickelt", sagt Hans Lemberg, deutscher Vorsitzender der gemeinsamen Historikerkommission. Jahrzehntelang waren die meisten Deutschen kaum an der Tschechoslowakei interessiert, und nur die Sudetendeutschen brachten das Land immer wieder - und das nicht immer positiv - ins Gespräch." Gleichzeitig speiste sich das offizielle BRD-Bild der sozialistischen CSSR vor allem aus der “Sudetendeutschen Zeitung”. Dieser Mechanismus, stellt Lemberg fest, funktioniere bisweilen selbst heute noch. Da braucht dann nur das Schlüsselwort “Beneš-Dekrete” zu fallen, und diesseits wie jenseits der böhmischen Wälder treten die bekannten Nebelwerfer auf den Plan. "Die diskriminierenden Dekrete gehören sofort annulliert!", ruft die Sudetendeutsche Landsmannschaft und wähnt theatralisch die gesamte Wertegemeinschaft der EU auf der Kippe. Die Tschechen dagegen verhalten sich mehrheitlich umgekehrt dramatisch. Sie fürchten um die Rechtsgrundlage ihrer Republik und sehen gar die europäische Nachkriegsordnung zerbröseln.

Dabei ließe sich der elende Streit ebenso lösen, wie es Deutschland - in Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches - mit dem Münchner Abkommen getan hat: Dieser Vertrag wurde 1973 einvernehmlich mit Prag für "nichtig" erklärt; allerdings nicht rückwirkend von Anbeginn, damit Rechtsakte wie Eheschließungen, Adoptionen oder Einbürgerungen gültig blieben. Nach diesem Verfahren würden auch die Beneš-Dekrete Bestandteil der tschechischen Ordnung bleiben, wären aber keine lebenden Rechtsquellen mehr - und die nervenden Diskussionen hätten ein Ende. 

(Hans-Ulrich Stoldt: "Schlimmes Trauma". In: Der Spiegel Nr. 15 vom 8. April 2002, S. 70 - 74.)
 
 

Vorläufige Themen

1.   Legendenbildung I: Libussa

2.   Legendenbildung II: Der heilige Wenzel

3.   Die "Goldene Stadt": Karl IV.

3.   Revolutionäre Gottes: Die Hussiten

4.   Gegenreformation: Die Rekatholisierung Prags

5.   Musik und nationale Identität: Dvorak und Smetana

6.   Architektur und nationale Identität: Jugendstil und Kubismus

7.   Eine Hassliebe: Franz Kafka und Prag

8.   München und die Folgen: Deutsche und Tschechen im 20. Jahrhundert

9.   Auf dem Weg nach Westen: Prag im 21. Jahrhundert


 
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