Dr. Dirk Dähnhardt
Thomas Gransow
 

Prag und der Hradschin
 

2.5.1. Wenzelsplatz (Václavské námestí)



 

Geschichte und Gegenwart

Losgeritten, das Land zu retten, wie doch die Legende versprochen hatte für den Fall größter Gefahr, das ist er nie. Immer hat er zugeschaut statt dessen, von seinem Sockel dort oben, hat mit seinem aufmerksamen, leicht nach links geneigten Blick sie defilieren, marschieren, laufen sehen: die stolzen Gründer der Ersten Republik 1918, Hitlers Wehrmachtstruppen, die Rote Armee gleich zweimal, in den Jahren 1945 und 1968, die Kommunisten nach der Machtergreifung 1948, Bürgerrechtler und einen nackten Allen Ginsberg.

Alle kamen sie den Platz entlang, an dessen oberem Ende Wenzel auf seinem Roß thront und auf die leicht abfallende, lange Fläche schaut wie auf eine ausgestreckte Riesenzunge. Wenzel, National- heiliger der Böhmen, glückloser Landesherr und Märtyrer von des eigenen Bruders Hand, ist Herr der Bühne, die sein Platz allen Aufzügen und Stücken dieses Jahrhunderts geboten hat. Seit 1912 sitzt er dort, seitdem nach dreißig Jahren des Zankens und Planens Roß und Reiter des Bildhauers Josef Václav Myslbek endlich auf ihren Sockel gehievt worden waren ein Zeuge jedes Anbeginns nebst folgendem Untergang und all der namenlosen Morgen, mit denen die Wirklichkeit die Zeiten zwischen den großen Momenten der Historie füllt. Eine Geschichte des Wenzelsplatzes, das ist die Geschichte eines Tages und dieses Jahrhunderts. [...]

Es war ein großer Morgen vor siebzig Jahren. Einer so voller Hoffnung, als die Erste Republik hier ihren Anfang nahm und einen spitzbärtigen Philosophieprofessor zu ihrem Präsidenten machte. Es war das Jahr 1918, als Tomáš Garrigue Masaryk im Triumph aus dem amerikanischen Exil zurückkehrte, um nach jahrhundertelanger Herrschaft der Habsburger die Tschechen und Slowaken in die gemeinsame Unabhängigkeit zu führen. Mit einer Arbeit über den "Selbstmord als soziale Massenerscheinung der modernen Zivilisation" hatte sich Masaryk einst habilitiert. Und geriet nun, mit 68, in die wilde Blüte dieser kleinen, klugen Republik, die sich in den Jahren zuvor als Monumente zuallererst mal ein Theater und ein Museum geschaffen hatte. Wie eine Gloriette thront das Nationalmuseum am Kopfende des Wenzelsplatzes, finanziert von einem bömisch-nationalen Förderverein schon 1885; Symbol eines Staates, den es noch gar nicht gab und in dessen Pantheon die Großen der böhmischen Geschichte, Jan Hus, Smetana, Dvo?ák, Seite an Seite mit ausgestopften Bären, zwei Mammut- schädeln und dem mittels Spenden vor hundert Jahren erworbenen Skelett eines Finnwals stehen, wie es selten in solcher Vollständigkeit gefunden worden sei, so zu lesen auf dem vergilbten Schild darunter.

In der Morgenfrühe der Ersten Republik existierte ein Prag, das nicht für rauschgoldhafte Nostalgie stand, sondern für neue Architektur, Jugendstil, Sezession, Kubismus, für moderne Automobile und den Schuhmagnaten Tomáš Bat'a mit seinem Geschäftshaus am Wenzelsplatz. Eine Stadt, über deren Bewohner Egon Erwin Kisch spottete, daß sie so stolz seien auf ihren Inselperron zwischen den Tramlinien auf dem Wenzelsplatz, den es sonst nur in Berlin gebe. Ein Ort, an dem sich "die Lyriker wie Bisamratten vermehren", befand der Wiener Karl Kraus.

Der Wenzelsplatz war das Nervenzentrum dieses Prag: mit seinen Geschäften, seinen Cafés dem Automat Koruna, wo Professoren und Straßenkehrer an stählernen Stehtischen ihren Matjeshering verzehrten, dem Hotel Evropa, einem Jugendstiltraum aus gebeiztem Holz, Marmor und geschliffenem Glas. Im Spiegelsaal im Mezzanin hielt Franz Kafka im November 1916 seine einzige, halböffentliche Lesung und amüsierte sich hinterher im Brief an Milena Jesenská über das Publikum. [...] Kafka, schreibt der Literat Christoph Braendle, habe im Café Evropa die Vorlage gefunden für die Erzählung "Vor dem Gesetze": in der Vergeblichkeit, zu einer Verabredung im Café zu kommen, dessen Plätze sämtlich von feisten Touristen besetzt seien, von denen auch nicht einer Anstalten machte, seinen Platz zu räumen.

Den "stolzesten Boulevard der Welt" nannte der deutsche Dichter Detlev von Liliencron 1898 den Wenzelsplatz und kam damit der Wahrheit recht nahe. Denn eigentlich ist er so recht kein Platz, zu schmal, ein Boulevard schon eher, geschaffen zum Flanieren.

Aber das 20. sollte ein schlechtes Jahrhundert werden für Flaneure. Aufmärsche waren zeitgemäßer. Außerdem hatte mit einem Aufmarsch der Wenzelsplatz schließlich auch seinen Anfang genommen. Das heißt, begonnen hatte alles, wie meistens in Prag, noch viel früher.

Karl IV. verfügte 1348 die Maße des Areals - als Roßmarkt, Umschlagplatz der Fuhrleute aus ganz Böhmen, Mähren, Galizien, Ort der Bordelle, Kneipen und des Prangers. Ein halbes Jahrtausend lang wurde an diesem Ort gefeilscht, gevögelt, gehenkt, aber keine Geschichte gemacht. Bis 1848, bis das böhmische Volk die Macht nicht länger nur den eigenen Herren und den Habsburgern überlassen wollte. So ein Volk braucht Platz - und fand den Roßmarkt, wo der Aufstand von 1848 seinen Anfang wie sein Ende nahm, als böhmische Kanoniere im Dienste Habsburgs die böhmische Intelligenzija niederschossen. Fortan aber trug der lange Fleck einen neuen, heiligen Namen: Wenzelsplatz. 

Wann immer es etwas zu feiern, zu stürzen, zu demonstrieren gab, traf man sich hier am Tummelplatz der empörten Volksseele. Die Macht sprach deutsch und mochte auf der Burg, dem Hradschin, zu Hause sein, im Rathaus am Altstädter Ring. Hier, am Wenzelsplatz, aber lebten die Handwerker, die einfachen Leute, dies war immer das tschechische Prag.

Bis im kalten März 1939 die Panzer der Wehrmacht über den Wenzelsplatz rollen und zu Füßen des bronzenen Reiters zwei Gulaschkanonen aufstellen. "Deutscher Eintopf für die hungernden Tschechen", die Henkersmahlzeit der Republik. Tausende applaudieren auf dem Wenzelsplatz den Paraden des Reichsprotektors, bevor es für sechs Jahre sehr still werden wird in Prag. [...] Bis zum Ende, als Deutschlands Westen im Mai 1945 längst von den Alliierten eingenommen ist, dauert die Schreckenszeit der Herrenmenschen in Prag. Und findet ihr Ende - wo sonst - am Wenzelsplatz: Hier bricht am 5. Mai der Aufstand los, wendet sich die Grausamkeit wahllos gegen alle Deutschen, ob Besatzer oder Zivilisten, die an den Straßenlaternen des Platzes aufgeknüpft werden. Wieder sieht Wenzel auf seinem Roß die Panzer rollen, am 9. Mai rückt die Sowjetarmee ein.

Aber am Wenzelsplatz wiederholt sich Geschichte nicht einfach. Hier schlägt sie Haken, burleske Kapriolen, verwebt Aufstieg und Fall wechselnder Mächte zur tragischen Farce: Im Mai 1945 ist der Platz voll von Jubelnden, genauso wie 1939, nur wehen andere Fahnen. Aber der selben Roten Armee, deren erschöpfte Kämpfer die Prager nun mit Küssen und Tränen der Erleichterung begrüßen, sollten sie 23 Jahre später, im Sommer 1968, am selben Ort mit ohnmächtiger Wut zusehen, als ihr Staat überrollt wurde. [...]

Das sonore Brummen tief fliegender Transportmaschinen verkündete am Morgen des 21. August 1968 das Ende des Prager Frühlings. Über den Wenzelsplatz rollten die Panzer der Bruderarmeen, und die Prager blickten in die verwirrten, schmalen Augen kirgisischer Jugendlicher in Uniform, denen niemand gesagt hatte, daß sie hier nicht beim imperialistischen Feind gelandet waren, und die vergeblich nach Straßenschildern suchten, da diese über Nacht verschwunden waren, ersetzt durch Wegweiser, die nur eine Richtung wiesen: Moskau. An den Mauern überall Zettel mit den neun Geboten der Ohnmächtigen: "Wir haben nichts gelernt, wir wissen nichts, wir haben nichts, wir geben nichts, wir verstehen nichts, wir verkaufen nichts, wir helfen nicht, wir verraten nicht, wir werden nichts vergessen."

Keiner auch hatte den Invasoren gesagt, daß das Parlament sich in dem braunglänzenden Schachtelbau am Rand des Wenzelsplatzes befand und von solch realsozialistischer Scheußlichkeit war, daß die Soldaten mit mehr Sinn für bauliche Ästhetik prompt begannen, das Nationalmuseum unter Beschuß zu nehmen - in der irrigen Annahme, ein prunkvoller Bau an so prominenter Stelle könne nur das Parlament sein. Froh jedenfalls, das vermeintliche Hauptquartier der Konterrevolution endlich gefunden zu haben, begann ein Dutzend Panzer, die Sandsteinfront in Trümmer zu schießen, bis der Irrtum geklärt war. "Es gab groteske Szenen", erinnerte sich die Schriftstellerin Libuše Moníková, "eine Reklamefahne vor einem Hotel wurde von den Russen triumphierend eingezogen; damit hatten sie es der Konterrevolution gezeigt." [...]

Seit jenem Jahr, als der Wenzel die hellen Flammen sah, die ein benzingetränkter Mensch schlägt. Jan Palach, der 21jährige Student, der geschworen hatte, "mit allen Mitteln etwas gegen das Böse zu unternehmen", stand ein paar Dutzend Meter vor seinem Sockel und brannte. Am 16. Januar. Ein Trambahnschaffner, der noch versuchte, ihn mit einer Decke zu löschen, bekam eine Medaille als Lebensretter. Jan Palach starb, wofür er brennen wollte.

Denn den Toten wurden sie nicht los, die dem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" ihre Abfuhr erteilt hatten. Der Sozialismus mit dem Gesicht der nackten Macht verbot jede Demonstration auf dem Wenzelsplatz. Eine Blume konnte hier zum Corpus delicti werden, versuchte man, sie niederzulegen. "Es war immer ein Kampf, jedes Jahr, um dieselbe Stelle: Wenzels Denkmal”, erinnert sich Ji?ina Šiklová einst Dozentin von Jan Palach, dann Putzfrau und Bürgerrechtlerin, nun wieder Soziologin: “Alle folgten dem Glauben, daß, wer die Hoheit über diesen Ort habe, auch die Stadt, das Land, die Macht kontrolliere. Und so ist es tatsächlich gekommen." [...] Knapp 21 Jahre nach Jan Palachs Tod, in der klammen Regenkälte des November 1989, füllte sich der Wenzelsplatz aufs neue. Hundertausende kamen, immer wieder, "Welcome Godot!" stand auf den Fahnen und "Wer, wenn nicht wir" - bis das korrodierte Korsett der KP-Herrschaft nach Wochen mit leisem Ächzen zu Boden ging. Die "Samtene Revolution" war der zarteste Umsturz, seit es Revolutionen gibt in Böhmen. [...] Der Dichter Václav Havel, im Januar 1989 noch wegen "Rowdytums" am Wenzel für fünf Monate weggesperrt, weil er Blumen für Palach niederlegen wollte, wurde zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten der Tschechoslowakei seit Jahrzehnten. [...]

Der Wenzelsplatz, dieses Wirtstier aller Prager Befindlichkeiten, ist zurückgefallen unter die Hökerer und Huren, die Gauner, die Wahrsagerin, die eines unwilligen Passanten Hand so festhält, als stände ihr eigenes Schicksal in deren Linien geschrieben. [...] Fünfzehn Reklametafeln mit Hintergrund- beleuchtung verkünden: "Faust" wird gegeben, produziert von einer "Happy End Production". Eine unmögliche Kombination, aber ein gelungenes Bild für jene Illusion, die der Schriftsteller Ota Filip in Worte faßte: "Es ist schon sonderbar, daß jedem auf dem Wenzelsplatz begonnenen Umsturz, jedem revolutionären Ausbruch, der unterm Pferd mit stürmischem Jubel begrüßt wurde, Resignation und eine nur schwer definierbare Ernüchterung folgten." Immer haben die Tschechen ihre Gescheiterten, ihre Umgebrachten verehrt, Wenzel, Jan Hus, Jan Palach. Nicht die Sieger. Aber das waren meist ohnehin die anderen, die Katholiken, Habsburger, die Deutschen und die Armeen der sozialistischen Bruderstaaten.

(Christoph Reuter: Unter Wenzels Augen. In: Merian 51. Jg. (1998) H. 10, S. 100 - 110)
 


 
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