Dr. Dirk Dähnhardt
Thomas Gransow
 

Prag und der Hradschin
 

2.6.1. Die Kleinseite (Malá strana)



 
 

Geschichte

Überquert man die Karlsbrücke, so kommt man durch den die beiden Brückentürme verbindenden Torbogen in die Mostecká ulice (Brückengasse), die seit dein frühesten Mittelalter den Haupt- verkehrsweg der Kleinseite bildete. Wir betreten hier die Prager Kleinseite, die von Premysl Otakar II. im Jahre 1257 gegründete zweite Prager Stadt.

Den ersten Höhepunkt ihrer Entfaltung erreichte die Kleinseite unter Karl IV., der sie baulich wesentlich erweiterte und mit neuen Befestigungen versah, zu denen auch die heute noch erhaltene sog. Hladová zed‘ (Hungermauer) gehörte. Auch die aus der Premyslidenzeit stammenden, zum Teil noch romanischen, vor der Gründung der Kleinseite angelegten Kirchen wurden umgebaut oder vollendet. Als Katastrophen, aber auch als Anstoß zum weiteren Ausbau der Stadt erwiesen sich mehrere Stadtbrände. So brannte die Kleinseite zum erstenmal 1419 während der Kämpfe zwischen den Pragern und der königlichen Burgbesatzung nieder. Kaum waren im Verlaufe des 15. Jahrhunderts die Schäden einigermaßen behoben, wurde die Stadt im 16. Jahrhundert von zwei furchtbaren Feuersbrünsten heimgesucht, wobei der Stadtbrand im Jahre 1541 auch viele Burgbauten ergriff und katastrophale Folgen hinterließ.

Nach diesem Stadtbrand erhielt die Kleinseite ihren typischen, von dein der Altstadt deutlich abweichenden Charakter. In unmittelbarer Nähe der Burg entstand eine Residenzstadt, wo der reich gewordene Adel und die Kirche prunkvolle Paläste und kirchliche Bauten errichten ließen.

In der baulichen Entwicklung und im Erscheinungsbild hat der Barock (17. und 18. Jahrhundert), der auch die meisten älteren Renaissancefassaden überdeckte, die Kleinseite am markantesten geprägt. Nach der Schlacht am Weißen Berg mußten ganze ältere Häuserblocks, Straßen und Gärten den Prunkbauten der feudalen Adelsgeschlechter - der Waldstein (Wallenstein), Liechtenstein, Michna, Nostitz, Buquoy, Slavata und Fürstenberg -, die ihre Residenzen in möglichst unmittelbarer Nähe der Burg bauten, weichen. Allein dem Waldstein-Palast, dem ersten Monumentalbau des Prager Barocks, mußten dreiundzwanzig Häuser, eine Ziegelei und drei Gärten Platz machen.

Bis zur Gegenwart sind die meisten Haus- und Palastfassaden sowie die Kirchen und ihre Innen- gestaltung vom Barock geprägt, und ebenso bildete sich auch der Charakter der Straßen und vieler entzückender Plätze heraus: Waldsteinplatz, Großprioratsplatz, Malteserplatz und andere. Zur Dominante der aristokratischen Kleinseite wurden die Kuppel und der Glockenturm der Nikolauskirche, einer Schöpfung des hervorragenden Architekten Kilian Ignaz Dientzenhofers und seines Schwieger- sohnes Anselmo Luragos. Die Schönheit und der eigentümliche Reiz der Kleinseite werden noch durch zahlreiche terrassenartig an den Hügellehnen angelegte Gärten - eine Besonderheit in Mitteleuropa - hervorgehoben.

Als die politische Verwaltung Böhmens endgültig nach Wien verlegt worden war, büßte auch die Kleinseite wesentlich an Bedeutung ein. Der Adel verließ die Paläste, die Gärten verödeten und die Kleinseite wurde zu einem von einfachen Leuten, Handwerkern, Bürgern und Beamten bevölkerten Viertel.

Von der regen Bautätigkeit des 19. und 20. Jahrhunderts blieb die Kleinseite glücklicherweise bis auf wenige Eingriffe, wie der Durchbruch der Karmelitská ulice u. ä., unberührt. Heute zeigt sie sich den Besuchern in ihrer historischen Unversehrtheit als Stadtviertel prächtiger Barock-Paläste, Gärten, entzückender Plätze und Bürgerhäuser und lädt zu romantischen, geruhsamen Spaziergängen ein.

(Ctibor Rybár: Prag. Stadtführer - Informationen - Karten. Prag: Olypia Verlag 1979. S. 143.)


 
 
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