Dr. Dirk Dähnhardt
Thomas Gransow
 

Prag und der Hradschin
 

2.1. Franz Kafka und Prag

Franz Kafka und der Altstädter Ring



 
 

Curriculum Vitae

"Ich bin am 3. Juli 1883 in Prag geboren, besuchte die Altstädter Volksschule bis zur 4ten Klasse, trat dann in das Altstädter deutsche Staatsgymnasium; mit 18 Jahren begann ich meine Studien an der deutschen Karl-Ferdinands-Universität in Prag. Nachdem ich die letzte Staatsprüfung absolviert hatte, trat ich am 1. April 1906 als Concipient beim Adv. Dr. Richard Löwy am Altstädter Ring ein. Im Juni legte ich das historische Rigorosum ab und wurde in demselben Monat zum Doktor der Rechte promoviert.
Ich war, wie ich es mit dem Herrn Advokaten auch gleich vereinbart hatte, in die Kanzlei nur eingetreten, um die Zeit auszunützen, denn schon am Anfang hatte ich die Absicht, nicht bei der Advokatur zu bleiben. Am 1. Oktober 1906 trat ich in die Rechtspraxis ein und blieb dort bis zum 1. Oktober 1907.

Dr. Franz Kafka

 

Horizont

"Hier war mein Gymnasium, dort in dem Gebäude, das herübersieht, die Universität und ein Stückchen weiter links hin mein Büro. In diesem kleinen Kreis" - und mit seinem Finger zog er ein paar kleine Kreise - "ist mein ganzes Leben eingeschlossen."

(Franz Kafka an seinen Hebräisch-Lehrer, Friedrich Thieberger)
 
 

Geburtshaus "Zum Turm"
Mikuláská 9 
(heute: U radnice 5/24)

Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 als erstes von sechs Kindern des Galanteriewarenhändlers Hermann Kafka und dessen Gemahlin Julie geboren. Das Geburtshaus an der Nordostseite des Altstädter Ringes lag am Rande des damals noch existierenden Prager Ghettos, in unmittelbarer Nachbarschaft zur barocken St. -Nikolaus- Kirche. Es war zwischen 1717 - 1730 von K. I. Dienzenhofer als "Prälatur von St. Nikolaus in der Altstadt" errichtet worden. Das Gebäude fand seit 1787, nach Aufhebung des Klosters unter Josef II., als Wohnhaus Verwendung. Die Familie Kafka lebte im Haus "Zum Turm" allerdings nur bis Mai 1885. Im Bestreben, die Wohnsituation zu verbessern, zog die Familie Kafka und mit ihr der kleine Franz mehrmals innerhalb weniger Jahre um, so wohnte man zwischen 1885 und 1888 am Wenzelsplatz, in der Geistgasse und in der Niklasstraße.

Anstelle des 1897 niedergebrannten Geburtshauses wurde 1902 ein Nachfolgebau (Architekt R. Krizenecký) aufgeführt, vom ursprünglichen Bau verblieb nur das Tor. Das Gebäude beherbergt heute eine kleine Franz-Kafka-Ausstellung.

1965 wurde an der Gebäudeaußenseite eine Gedenkbüste von Karel Hladík angebracht. Kafka war, im Vorgefühl des Prager Frühlings, als "revolutionärer Kritiker kapitalistischer Entfremdung" auch beim kommunistischen Regime salonfähig geworden.
 
 

Sixthaus
Celetná 2/553

Dieses Haus sah so illustre Persönlichkeiten wie Cola da Rienzi, Francesco Petrarca oder Johannes Faust in seinen Mauern. Später gehörte es dem im Jahre 1618 aus dem Fenster der Alten Landes- stube auf der Prager Burg geworfenen Schreiber Philipp Fabricius. Fabricius überlebte den Fenster- sturz und wurde daraufhin vom Kaiser mit dem Prädikat "von Hohenfall" nobilitiert.

Zwischen August 1888 und Mai 1889 wohnte die Familie Kafka im sogenannten Sixthaus in der Zeltnergasse Nr. 2. Das Gebäude, obwohl viel älter, ist über der Tür mit der Jahreszahl 1796 datiert - nach dem Adelsgeschlecht Sixt von Ottersdorf -, dem im 16. und 17. Jahrhundert das Gebäude gehörte und das dort einen Tuchladen betrieb. Es besitzt Kreuz- und Tonnengewölbe aus der Zeit um 1220.
 
 

Das Haus U minuty (Zur Minute)
Malé námestí 2/3

In diesem aus dem 17. Jahrhundert stammenden Haus lebte die Familie Kafka zwischen Juni 1889 bis September 1896. Franzens drei Schwestern Elli, Valli und Ottla wurden hier geboren. Sie sollten später in nationalsozialistischen Konzentrationslagern umkommen. Das Haus erinnert mit seinen Sgraffiti (die zu Kafkas Zeiten übermalt waren) an das Schwarzenberg-Palais auf dem Hradschin. Sie wurden etwa um 1615 angebracht und haben biblische und antike Stoffe zum Thema.

Von diesem Haus aus trat der kleine Franz auch seinen ersten Schulweg an. Aus einem Bericht an Milena Jesenská erfahren wir Einzelheiten vom allmorgendlichen Gang in die Fleischmarktgasse, in der sich die Volksschule (Deutsche Knabenvolksschule in Prag-Altstadt, heute Wohnhaus, Masná 16) befand:

"Unsere Köchin, eine kleine trockene magere spitznasige, wangenhohl, gelblich, aber fest, energisch und überlegen führte mich jeden Morgen in die Schule, Wir wohnten in dem Haus, welches den kleinen Ring vom großen Ring trennt. Da ging es also zuerst über den Ring, dann in die Teingasse, dann durch eine Art Torwölbung in die Fleischmarktgasse zum Fleischmarkt hinunter. Und nun wiederholte sich jeden Morgen das Gleiche wohl ein Jahr lang. Beim Aus-dem-Haus-treten sagte die Köchin, sie werde dem Lehrer erzählen, wie unartig ich zuhause gewesen bin. Nun war ich ja wahrscheinlich nicht sehr unartig, aber doch trotzig, nichtsnutzig, traurig, böse und es hätte sich daraus wahrscheinlich immer etwas Hübsches für den Lehrer zusammenstellen lassen. Das wußte ich und nahm also die Drohung der Köchin nicht leicht. Doch glaubte ich zunächst, daß der Weg in die Schule ungeheuer lang sei, daß da noch vieles geschehen könne (aus solchem scheinbaren Kinderleichtsinn entwickelt sich allmählich, da ja eben die Wege nicht ungeheuer lang sind, jene Ängstlichkeit und totenaugenhafte Ernsthaftigkeit, auch war ich, wenigstens noch auf dem Altstädter Ring, sehr im Zweifel, ob die Köchin, die zwar Respektsperson aber doch nur eine häusliche war, mit der WeltRespekts-Person des Lehrers überhaupt zu sprechen wagen würde. Vielleicht sagte ich auch etwas derartiges, dann antwortete die Köchin gewöhnlich kurz mit ihren schmalen unbarmherzigen Lippen, ich müsse es ja nicht glauben, aber sagen werde sie es. Etwa in der Gegend des Eingangs zur Fleischmarktgasse bekam die Furcht vor der Drohung das Übergewicht. Nun war ja die Schule schon an und für sich ein Schrecken, und jetzt wollte es mir die Köchin noch so erschweren. Ich fing zu bitten an, sie schüttelte denKopf, je mehr ich bat, desto wertvoller erschien mir das, um was ich bat, desto größer die Gefahr, ich blieb stehn und bat um Verzeihung, sie zog mich fort, ich drohte ihr mit der Vergeltung durch die Eltern, sie lachte, hier war sie allmächtig, ich hielt mich an den Geschäftsportalen, an den Ecksteinen fest, ich wollte nicht weiter, ehe sie mir nicht verziehen hatte, ich riß sie am Rock zurück (leicht hatte sie es auch nicht), aber sie schleppte mich weiter unter der Versicherung auch dieses noch dem Lehrer zu erzählen, es wurde spät, es schlug 8 von der Jakobskirche, man hörte die Schulglocken, andere Kinder fingen zu laufen an, vor dem Zuspätkommen hatte ich immer die größte Angst, jetzt mußten auch wir laufen und immerfort die Überlegung: "sie wird es sagen, sie wird es nicht sagen" -nun sie sagte es nicht, niemals, aber immer hatte sie die Möglichkeit und scheinbar eine steigende Möglichkeit (gestern habe ich es nicht gesagt, aber heute werde ich es ganz bestimmt sagen), und die ließ sie niemals los. Und manchmal - denke Milena - stampfte sie auch auf der Gasse vor Zorn über mich, und auch eine Kohlenhändlerin war manchmal irgendwo und schaute zu. Milena was für Narrheiten, und wie gehöre ich Dir mit allen Köchinnen und Drohungen und diesem ganzen ungeheueren Staub, den 38 Jahre aufgewirbelt haben und der sich in die Lungen setzt."

Franz Kafka, Briefe an Milena
 
 

Haus "Zu den drei Königen"
Celetná 3/602

Im Jahre 1896 zog die Familie Kafka in den ersten Stock des spätgotischen Hauses "Zu den drei Königen". Franz Kafka, der gerade in die vierte Gymnasialklasse kam, sollte dort während seiner weiteren Schuljahre bis zur Matura und weiter auch während seiner Studienjahre und während seines Gerichtsjahres in diesem Haus wohnen.

Franz bewohnte ein eigenes Zimmer und konnte direkt auf die mit Leben erfüllte Zeltnergasse sehen:

"Wer verlassen lebt und sich doch hie und da irgendwo anschließen möchte, wer mit Rücksicht auf die Veränderungen der Tageszeit, der Witterung, der Berufsverhältnisse und dergleichen ohne weiteres irgendeinen beliebigen Arm sehen will, an dem er sich halten könnte, - der wird es ohne ein Gassenfenster nicht lange treiben. Und steht es mit ihm so, daß er gar nichts sucht und nur als müder Mann, die Augen auf und ab zwischen Publikum und Himmel, an seine Fensterbrüstung tritt, und er will nicht und hat ein wenig den Kopf zurückgeneigt, so reißen ihn doch unten die Pferde mit in ihr Gefolge von Wagen und Lärm und damit endlich der menschlichen Eintracht zu."
(Franz Kafka, Das Gassenfenster)

Der erhalten gebliebene Bericht einer Hausangestellten vermittelt einen Eindruck von Franzens Zimmer im Haus "Zu den drei Königen" während seiner Studienzeit: "Sein Zimmer war einfach eingerichtet. Neben der Tür war ein Schreibtisch, auf ihm lag das römische Recht in zwei Bänden. Gegenüber vom Fenster war ein Schrank, vor ihm ein Fahrrad, dann das Bett, neben dem Bett ein Nachtkästchen, und bei der Tür ein Bücherregal und ein Waschbecken."

Auch das väterliche Geschäft wurde im September 1896 in die Zeltnergasse 3 umgesiedelt, Hermann Kafka avancierte zum "Vereidigten Gutachter" beim k. k. Handelsgericht, der Detailhandel mutierte zum Handel en gros.
 
 

Das Oppelthaus
Staromestske námestí 5/934

Ab November 1913 lebt die Familie Kafka in einer Sechszimmerwohnung im sogenannten Oppelthaus Ecke Pariser Straße (Parízská) / Altstädter Ring (Staromestske námestí). Aus seinem Zimmer konnte Kafka in die Parízská schauen:

"Geradeaus vor meinem Fenster habe ich die große Kuppel der russischen Kirche (St.-Niklas-Kirche) mit zwei Türmen und zwischen der Kuppel und dem nächsten Zinshaus den Ausblick auf einen kleinen dreieckigen Ausschnitt des Laurenziberges mit einer ganz kleinen Kirche. Links sehe ich das Rathaus mit dem Turm in seiner ganzen Masse scharf ansteigen und sich zurücklegen in einer Perspektive, die vielleicht noch kein Mensch richtig gesehen hat."

1945 wurden Teile des Oppelthauses beschädigt, es sieht heute deshalb anders aus als zu Kafkas Zeiten. Die Wohnung der Kafkas ist aber praktisch unverändert erhalten.

(Zusammengestellt nach: Harald Salfellner: Franz Kafka und Prag. Prag: Vitalis 1995. S. 9f., 12f., 15 u. 39.)


 
 
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