Dr. Dirk Dähnhardt
Thomas Gransow
 

Prag und der Hradschin
 

2.4. Die Judenstadt (Josefov)
 
 

Geschichte



 

Jüdische Kaufleute kamen bereits im 9. Und 10. Jahrhundert auf Handelswegen nach Prag. Zunächst siedelten sie auf der Kleinseite und am Fuße des Vyšehrad. Spätestens seitdem 12. Jahrhundert bildete sich eine jüdische Gemeinde in der Nähe des internationalen Marktplatzes an der Breiten Gasse (Široká ulice) um die "Altschul" oder Spanische Synagoge. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts entwickelte sich um die Altneu-Synagoge eine der ältesten und berühmtesten Judenstädte, zeitweise die größte Europas. Das ummauerte Ghetto blieb bis ins 19. Jahrhundert bestehen. Räumliche Enge und mittelalterliche Besitzrechte führten zu unhaltbaren hygienischen Verhältnissen. 1893 bis 1912 wurde der Großteil des Ghettos niedergerissen; nur Kulturdenkmäler blieben verschont. 

Das Schicksal der Prager Judenwechselte - wie im ganzen Abendland - zwischen Blüte und Verfolgung. König Ottokar II. unterstellte sie dem Schutz der Königlichen Kammer (servi camerae). Seit der Prager Synode (1349) unter Karl IV. waren die Juden vom Handel ausgeschlossen und wurden in die verpönten Geldgeschäfte gedrängt, sie mußten im Ghetto leben, gelbe Kleidung und Spitzhüte tragen. Pest, Großbrände und Pogrome suchten das Ghetto heim. Zweimal wurden die Juden vertrieben - 1541 unter Ferdinand I. und 1744 unter Maria Theresia -, aber wieder zurück- geholt. Vom 15. Jahrhundert an fanden auch deutsche und ukrainische Juden Zuflucht in Prag. 

Höchste wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlebte die Prager Judenstadt in der 2. Hälfte des 16. Jahrhundert Oberhaupt der Gemeinde war zu dieser Zeit Mordechai Maisel, der Hofbankier Rudolfs II. Zum Dank für seine Hilfe im Türkenkrieg erhielt er 1598 das Privileg, frei über sein Eigentum verfügen zu dürfen. Er ließ Talmud-Schulen, Synagogen, Bäder und das Rathaus errichten und alle öffentlichen Plätze pflastern. Vor dem Brand von 1689 zählte das Ghetto 300 Häuser und 13 Synagogen, Anfang des 18. Jahrhundert etwa 12.000 Einwohner. Mit dem Toleranzpatent Josephs II. von 1781 lockerten sich auch die strengen Ghetto-Vorschriften: Juden zogen auch in andere Stadtteile, Christen ins Ghetto Die Mauer fiel jedoch erst im Revolutionsjahr 1848, gleichzeitig mit der Anerkennung jüdischer Bürgerrechte. Um die Jahrhundertwende folgte die Assanierung der "Josephstadt" - so hieß das Ghetto jetzt in Erinnerung an Joseph II. Vom Altstädter Ring bis zur Moldau verläuft seither der Pariser Boulevard (Parizka), gesäumt von prunkvollen Bürgerhäusern im Stil des späten Historismus und der Sezession. Zur Zeit des wachsenden tschechischen Nationalismus fühlten sich die meisten Prager Juden dem deutschen Kulturkreis zugehörig, blieben aber dennoch heimatlos, von Deutschen und Tschechen getrennt. 

Eine "Faszination durch das Dunkle, Gespenstige, Makabre" bemächtigte sich der deutschsprachigen jüdischen Literatur. Franz Kafka starb mit 40 Jahren an Lungentuberkulose (1924), Ernst Weiß beging Selbstmord, Max Brod emigrierte nach Israel, Franz Werfel und Johannes Urzidil gingen in die USA. Seit 1940 betrieben die Nationalsozialisten die systematische Ausrottung der Juden; von 35.000 Prager Juden überlebte nur ein Sechstel. Für das geplante "Museum einer ausgestorbenen Rasse" in Prag sammelten die Nazis Kultgegenstände und Dokumente aus ganz Europa, die den Hauptbestand- teil des heutigen Staatlichen Jüdischen Museums in den ehemaligen Synagogen bilden.

(Anneliese Keilhauer: Prag. 2., neubearb. Aufl. München: Prestel 1993. S. 128.)


 
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