Dr. Dirk Dähnhardt
Thomas Gransow
 

Prag und der Hradschin
 

2.4.1 Altneu-Synagoge


 
 
Text 1

Die zweite Synagoge der Judenstadt (nach der "Altschul") hieß ursprünglich Neue oder Große Schule. Der Legende nach wurzelt die Bezeichnung "Alt-Neu" im hebräischen "al tnaj", sinngemäß der Bedingung, daß die auf wunderbare Weise in den Grundmauern verankerten Steine des Salomonischen Tempels in Jerusalem am Jüngsten Tag zurückgebracht werden müssen. Errichtet wurde das ehrwürdige Gebetshaus wohl wegen des Zuzugs deutscher Juden aus Worms, Speyer und Regensburg um 1270 von der Königlichen Bauhütte, die damals am Agnes-Kloster arbeitete. Stilistisch weist es Beziehungen zur frühen Zisterziensergotik auf. Das im 15. Jahrhundert hinzugefügte hohe Satteldach mit spätgotischen Giebeln erinnert dagegen an norddeutsche Backsteingebäude. Die niederen Anbauten dienten als Vorhalle und Frauensaal.

Das Südportal trägt ein frühgotisches Weinstock-Relief als Zeichen ewigen Lebens. Zwei achteckige Pfeiler teilen den Innenraum. Auffallend ist die fünfgliedrige Gewölbeform: Vierstrahlige Rippen vermied man vermutlich, um nicht die Assoziation des christlichen Kreuzes hervorzurufen. Vom Almemor oder Bima, der "Tora-Bühne" in der Raummitte, wird die Tora vorgetragen. (Tora/Thora bedeutet Gesetz oder Lehre, im jüdischen Sprachgebrauch die fünf Bücher Mose, griechisch Pentateuch.) Aufbewahrt werden die Tora-Rollen in der Aron ha-Kodesch genannten Wandnische an der Ostseite. Die Fahne der Prager Juden, das "Hohe Bannen", verlieh Karl IV. 1357; die heutige Fahne stammt aus der Zeit Karls VI. (1716). Beim Judenmord zu Ostern 1389 färbten sich die Synagogenwände mit Blutspritzern. Rabbi Avigdor Kara verfaßte auf dieses Ereignis eine Elegie (Selicha), die bis heute am Versöhnungstag gesungen wird.

(Anneliese Keilhauer: Prag. 2., neubearb. Aufl. München: Prestel 1993. S. 128f.)



Text 2

Etwa dreihundert Meter vom Altstädter Ring entfernt an der Pariser Straße steht ein Gebäude, das auf den ersten Blick einer hochgiebeligen alten Scheune gleicht. Es ist die Alt-Neu-Synagoge, die älteste erhaltene frühgotische in Europa, etwa 1270 erbaut. Da sie ein ganzes Stück tiefer liegt als das Straßenniveau, hat man das Gefühl, sie könnte gerade eben ausgegraben worden sein. Tatsächlich gibt es eine uralte Legende über ihre Erbauung, die etwas Ähnliches berichtet. Die Ältesten der Gemeinde konnten sich lange nicht einigen, wo die neue Schule zu bauen sei. Es wurde hin und her beraten, bis ein ehrwürdiger Greis ihnen verkündete, sie möchten einen Hügel aufgraben, der sich an der Stelle befand, wo heute die Synagoge steht. Kaum hatte man nur einige Ellen tief gegraben, so legte man den Bau bloß, wie man ihn heute sieht. Eine andere Legende sagt, Engel hätten die Synagoge aus dem gelobten Land nach Prag gebracht, und sie sei die älteste auf der Welt nach jener in Jerusalem. Die Engel hätten befohlen, den Bau nicht zu verändern, sondern ihn in seiner ursprünglichen Gestalt zu lassen. Deswegen verunglückten alle Baumeister, die etwas verändern wollten, und auch jene Gemeindeältesten, die solches zuließen. Als 1558 ein Brand im Ghetto wütete, blieb die AltNeu-Schule wunderbarerweise verschont. Inbrünstig hatte die Gemeinde mitten in ihrer Angst und Not darum gebetet, und plötzlich waren zwei Tauben auf das Dach geflogen, die dort solange verblieben, bis das Feuer ringsum erstickt war und keine Gefahr mehr drohte. Aus diesen Zeugnissen spricht die Liebe und Verehrung, welche der Bau genoß, und die tiefe Verbundenheit, die der gläubige Jude mit seinem Gotteshaus empfindet.

An der südlichen Längsseite des rechteckigen Baus betritt man ihn durch eine kleine Türöffnung und kommt zunächst in einen niedrigen Umgang, der sich in jenem Teil fortsetzte, der den Frauen während des Gottesdienstes vorbehalten war. Nur die Männer durften den hohen zweischiffigen Saal betreten, dessen Kreuzgewölbe zwei schlanke Pfeiler tragen. Um das Kreuz aber als Symbol auszuschließen, ist jeweils eine fünfte, gleichsam blinde Gewölberippe eingezogen. Der Raum ist sehr dunkel, geheimnisvoll schimmern die Kultgeräte aus Gold und Silber - eine unerhörte Stille herrscht in diesem Tempel Gottes. Der eigentliche Altarraum wird von einem schönen Eisengitter umschlossen; hier steht ein großer neunarmiger Leuchter, hier hängt ein rotsamtener, goldbestickter Thoravorhang, hier ist der erhöhte Sitz für den Oberrabbiner, den alle die berühmten Gelehrten eingenommen haben, unter denen der hohe Rabbi Löw wohl der berühmteste war. Er und alle seine Vorgänger und Nachfolger bis auf den heutigen Tag mußten aus einer auswärtigen Gemeinde nach Prag berufen werden, damit innerhalb der Gemeinde nicht Streit um die Nachfolge entstehe. 

(Johanna Baronin Herzogenberg: Prag. Ein Führer. 9., durchgesehene Aufl. Darmstadt: Wissenschaft- liche Buchgesellschaft 1997. S. 238f.)
 


 
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