Dr. Dirk Dähnhardt
Thomas Gransow
 

Prag und der Hradschin
 

2.7.1  Palais Czernin


 
 
 
Baugeschichte


Kolossal, dröhnend, donnernd, maßlos - so wird die Front des Czernin-Palais beschrieben. 29 Halb- säulen verbinden die beiden Hauptgeschosse und bestimmen den Eindruck. Diese Anordnung von plastischer Eindringlichkeit ruht auf einem hohen, aus sogenannten Diamantquadern geschichteten Sockelgeschoß, in das drei Portale führen. Ein eigenes Halbgeschoß mit stark gegliedertem Gesims trägt das Dach, welches ungegliedert in der ganzen Länge von über hundertfünfzig Metern aufsitzt. Von der Moldau aussieht man über der Silhouette der Burg diese Firstlinie wie einen schmalen Grat.

Der nie zu Ende gebaute Palast erhebt sich auf erhöhtem Terrain am Ende der Burgstadt, und sein Garten grenzte an die nördlichen Befestigungsanlagen. Durch das Reichstor, über die Brandstätte zog die alte West-Ost-Straße an dem Kloster Strahow und dem Palais Czernin vorbei. Der Erwerb des Geländes ging für den Bauherrn, Humprecht Johann von Czernin-Chudenitz, nicht ohne Schwierig- keiten vor sich. An der Ostseite des unebenen Platzes hatte der Bau des Loretoheiligtums seine erste Gestalt gefunden, im Norden stand das bescheidene Kapuzinerkloster, im Westen lagen die großen Befestigungsanlagen. Das Terrain mußte auf jeden Fall erst einmal ausgeglichen werden. Heute stört eine Stützmauer an der Auffahrt vor dem Palais, mitten durch den Platz, das eigenartige Widerspiel der Front eines riesigen weltlichen Palastes und der eines Marianischen Wallfahrtsheiligtums von graziöser Eleganz.

1666 war das Areal für 21.750 Gulden gekauft worden, und in den ersten Jahren waren oft mehr als hundert Mann zugleich an der Baustelle tätig. So etwa im März 1671: achtundsechzig Maurer, sechzig Handlanger, neun Steinbrecher, sechzehn Sandgrubenarbeiter und zwölf Fuhrknechte. Die Bauleitung hatte Francesco Caratti, [...] der bis 1692 den Bau führte. Mit ihm arbeiteten ferner de Capaoli, Abraham Leuthner und Giovanni Battista Pozzo. [...]

1673 steigerte sich das Bautempo, denn Kaiser Leopold I. hatte den Wunsch geäußert, anläßlich eines Besuches von Prag diesen Bau zu besichtigen, dessen grandiose Pläne in Wien bekannt waren und den Kaiser sehr beeindruckt hatten. In der Familientradition heißt es, daß Humprecht Johann Czemin zeigen wollte, was ein böhmischer Graf sei, auch wenn er nicht wie andere - die Lobkowitz oder Liechtenstein - in den Reichsfürstenstand aufgenommen wurde. Der Bau sollte seine Stellung repräsentieren. [...]

Der Rohbau, eine ungeheure Mauermasse, dürfte also 1673 im wesentlichen fertig gewesen sein. Das "Monumentum Czerninianum", eine in ihren Dimensionen hervorragende Bauleistung eines privaten Bauherren, wurde für die Familie aus altem böhmischem Adel durch hundertachtzig Jahre mehr eine Belastung als eine Freude. Das Schicksal war dem Bau nicht hold, und der Versuch, der in jeder Generation unternommen wurde, ihn dennoch fertigzustellen, führte zu einem ständigen finanziellen Desastre. Die Familie Czernin hat nie wirklich in diesem Palais gewohnt, der Innenausbau wurde nie fertig, also konnte man auch nicht so repräsentieren wie Humprecht Johann es sich für sich und seine Nachkommen gewünscht hat. Der Bau ruhte lange auch deshalb, weil binnen eines Jahres, 1667 - 68, die leitenden Kräfte, Caratti, Pozzo und de Capaoli, vom Tode dahingerafft wurden. Der Bauherr verlor die Lust daran, aber er verpflichtete vor seinem Hinscheiden, 1682, den Sohn Hermann Jakob, dieses Werk zu Ende zu führen. Der junge Graf hatte auf seiner "Kavalierstour" bereits Unterricht in der Architektur nehmen müssen, aber sein Interesse galt der großen Bilder-Galerie seines Vaters, die er aufzustellen und zu vermehren wünschte. So wurde zunächst der Galerietrakt, der, durch einen Hof getrennt, parallel zum Hauptgebäude läuft, 1684 eingerichtet und nach der damaligen Hängeweise die Wände mit zweihundertachtundachtzig Bildern bedeckt. Die Czerninsche Galerie war und blieb eine der kostbarsten Privatsammlungen der alten Donau-Monarchie. Ihre letzten Bestände können wir heute als Leihgabe eines Nachfahren Humprecht Johanns im Residenzmuseum zu Salzburg bewundern, wohin die Bilder nach vielerlei Irrfahrten gelangten, darunter auch ein Rubens und ein Rembrandt.

Graf Hermann Jakob fing auch in Wien einen Bau an, so daß natürlich in Prag alles etwas langsamer weiterging; vor allem fiel keine Entscheidung über den großen Saal, der der schönste Festsaal Prags hätte werden sollen. Die Bauführer wechselten: Giovanni Battista Maderna, dann Franz Maximilian Kanka, der schließlich unter dem Enkel des Erbauers, Franz Josef Czernin, letzte Hand an den Bau legte. Das Treppenhaus wird umgestaltet, große Künstler für die Ausschmückung gewonnen, darunter der Freskant Wenzel Lorenz Reiner und der Bildhauer Matthias Braun. Einen Augenblick scheint es, als sollte der Pracht liebende Enkel das Werk zu Ende führen. 1723 kommt es aber zu einer finanziellen Katastrophe und es muß eine "große Diät" eingeführt werden. Wie viele andere reiche Adelige, hatten auch die Grafen Czernin regelmäßig dem Kaiser große Kredite zu gewähren, so daß private Unternehmen dann zurückgestellt werden mußten.

Nach dem Tode Franz Josefs, 1733, wird ein Inventar angefertigt, das auf 282 Seiten die Herrlich- keiten aufzählt, die er in diesem immer noch unfertigen Haus aufgehäuft hatte. Allein an Gemälden aller europäischen Meister werden jetzt elfhundert gezählt, und das Mobiliar, Spiegel, Lüster, Silber, Porzellan, Teppiche, Gobelins stellten das Czerninsche Palais an die Seite der bedeutendsten europäischen Residenzen.

1742 drohte dem Palast während der bayerischen Besetzung die Sprengung, da er an hervorragender Stelle der Fortifikationen lag. Drei Monate lang hausten französische Kontingente der Bayern in greulicher Weise. Die Zerstörungen durch das Bombardement waren ebenso trostlos wie die Verwüstung im Innern. Dennoch begab man sich 1744 an Ausbesserungsarbeiten. Da kamen die preußischen Truppen und belagerten Prag, und für das Palais fürchtete man eine Explosion der dort noch gelagerten tausend Zentner Pulver. 1757 belagert Friedrich II. Prag noch einmal, und wieder treffen große Kanonenkugeln gerade diesen Bau sehr empfindlich.

Der nächste Besitzer, Prokop Adalbert Czernin, wohnte nur selten in dem verwüsteten Bau, dessen Ausbesserung und Instandhaltung enorme Summen verschlang. Sein Interesse galt dem berühmten Garten. 1779 bietet der Vormund des minderjährigen Erben Johann Rudolf, Fürst Rudolf Joseph Colloredo, dem Kaiser den Palast zum Kaufe an. Joseph II. besichtigt ihn, lehnt aber einen Kauf des einerseits unfertigen, andererseits wieder im Verfall befindlichen Komplexes ab. Nur ein einziges Mal erlebte dieser Architekturtorso königlichen Glanz: anläßlich der kurz aufeinander folgenden Krönungen Leopolds II. und Franz II. 1794 und 1792 zu böhmischen Königen fanden große Festlichkeiten in den dafür drapierten Räumen statt, und man hoffte insgeheim, daß vielleicht doch ein Verkauf möglich würde. Während der Napoleonischen Kriege war ein Teil des Palais Lazarett, später wurden Räume an Privatleute und Militär vermietet. 1851 kaufte schließlich der Fiskus das Gebäude, und es wurde zu einer Kaserne umgebaut. Der Zustand muß damals bereits so gewesen sein, daß den Besitzern keine andere Wahl blieb, da eine Erhaltung das Vermögen der Familie Czernin aufgezehrt hätte. Der Zustand, der nun eintrat, braucht wohl nicht geschildert zu werden, glücklicherweise blieb die Außenfront unangetastet.

Die erste Tschechoslowakische Republik faßte unter ihrem Präsidenten T. G. Masaryk den Entschluß, das ehemalige Palais wieder repräsentativen Aufgaben zuzuführen, und nach einer gründlichen und kostspieligen Restaurierung unter der Leitung von Professor Pavel Janak (1929 - 1934) zog das Außenministerium des jungen Staates unter Dr. Eduard Beneš, dem späteren Nachfolger Masaryks, dort ein. Auch heute dient es dieser Behörde, nach einem kurzen Zwischenspiel, als es 1939 - 1944 Sitz des "Reichsprotektors" war. Jan Masaryk, der Sohn des ersten Präsidenten der Republik, Diplomat und Grandseigneur, für viele die Personifikation einer demokratischen Tradition, wurde nach dem kommunistischen Umsturz in Prag im März 1948 unter einem der Fenster dieses Palastes tot aufgefunden. Mord? Selbstmord? Das Volk nennt es den "Dritten Prager Fenstersturz". Die Tragik des Unvollendeten, der überzogenen Maßstäbe, liegt wie eine dunkle Wolke über dem Bau, den heute wie eh nur wenige betreten dürfen.

(Johanna Baronin Herzogenberg: Prag. Ein Führer. 9., durchgesehene Aufl. Darmstadt: Wissenschaft- liche Buchgesellschaft 1997. S. 89 - 94.)
 


 

Teil der Fassade -
Vergleich der ursprünglichen Gestalt mit Janáks Rekonstruktion


 
 
 
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