Dr. Dirk Dähnhardt
Thomas Gransow
 

Prag und der Hradschin
 

2.1. Die Altstadt (Stáre mesto)



 
 

Geschichte

Irgendwann während der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts entstanden im Bereich der späteren Altstadt die ersten kleinen und verstreuten Wohnsiedlungen. Für die weitere Entwicklung dieser Ansiedlung waren die drei Hauptwege, die von der Moldaufurt zwischen der heutigen Karlsbrücke und der Mánes-Brücke ausgingen, von größter Bedeutung. Die erste führte zum Vyšehrad, die zweite ungefähr zum späteren Pulverturm und die dritte durch die jüdische Niederlassung zur Moldaufurt am Po?í?í, wo gegen Ende des 11. Jahrhunderts eine Kolonie deutscher Kaufleute ansässig war. Der Marktplatz - der spätere Altstädter Ring - bestand spätestens seit dem Ende des 10. Jahrhunderts, und nicht viel später entstand hier der fürstliche Hof im Tein, der fremden Händlern Aufnahme und Schutz bot. In diesen Hof für fremde Kaufleute, den Teinhof bzw. Ungelt, kamen Händlerkarawanen, um hier ihre Waren auszutauschen oder zu verkaufen. [...]

Einen gewaltigen Aufschwung nahm die Besiedelung am Altstädter Moldau-Ufer zu Beginn der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, und zwar vor allem im Raum zwischen Marktplatz und Moldau. Hier wurden zahlreiche stattliche gemauerte Häuser errichtet, und hier führte seit dem 12. Jahrhundert die Judithbrücke über die Moldau, um eine erste Verbindung hinauf zur Burg herzustellen. Diese Stein- brücke galt als ein großartiges Bauwerk, und hatte im damaligen Mitteleuropa nur noch in Regensburg ihresgleichen.

Die romanischen Bauten rings um den Marktplatz verbanden sich mit den übrigen Gebäuden nach Errichtung der Stadtmauern im Jahre 1230 zu einem festen Siedlungskornplex. Damals wurde ein Teil des Areals innerhalb der Befestigungen neu besiedelt, und durch Kolonisierung entstand die sog. Gallusstadt (Havelské mesto). Die Umwandlung der Unterburg zu einer mittelalterlichen Stadt war damit abgeschlossen, und es entstand die Prager Altstadt.

Damals, zu Beginn des 13. Jahrhunderts, gab es auf dem Gebiet des heutigen Prag bereits mehr als vierzig kirchliche Bauten. Die Besiedlung der Altstadt hatte ihren Schwerpunkt am Marktplatz, und im Hinblick auf ihre räumliche Ausdehnung (mehr als siebzig im romanischen Stil erbaute Häuser wurden bisher entdeckt) gehörte sie bereits zu den europäischen Großstädten.

Die romanischen und ebenso auch die ersten gotischen Hausbauten befanden sich zwei bis drei Meter unter dem Niveau der heutigen Straßen in einem von Hochwasser bedrohten Gelände. Durch Aufschüttungen, mit denen man bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts begann, wurde das Straßenniveau erhöht, und die Erdgeschosse der romanischen Häuser verwandelten sich in Kellerräume der gotischen Bauten.

Im Jahre 1338 erwirkten die Altstädter Bürger das Recht zum Bau eines eigenen Rathauses. Es wurde zum politischen Zentrum der Stadt, die unter Karl IV. einen außerordentlichen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung erlebte. Im Jahre 1348 wurde die Universität gegründet.

Auf dem Gipfel ihrer Macht und ihres Ruhms stand die Prager Altstadt im 15. Jahrhundert. Die revolutionäre Hussitenbewegung brachte Prag politisch die führende Stellung in der Reihe der königlichen Städte. Diese Position behauptete die Altstadt bis zur Schlacht am Weißen Berg (1620). Im Altstädter Rathaus fanden wichtige Sitzungen des Bürgerstandes statt, und die dem Rathaus gegenüberliegende Teinkirche war zum Zentrum der böhmischen Kalixtiner (Utraquisten) geworden. Nach dem Jahre 1620 verlor die Altstadt an Bedeutung, aber im Verband der Prager Städte wahrte sie ihr Übergewicht bis zum Jahre 1784, wo der Zusammenschluß der Prager Städte zu einer Verwaltungseinheit vollzogen wurde. Das Altstädter Rathaus wurde zum Sitz der zentralen Stadtverwaltung und der Altstädter Ring zum Mittelpunkt und Herzen der Stadt.

(Ctibor Rybár: Prag. Stadtführer - Informationen - Karten. Prag: Olypia Verlag 1979. S. 85f.)
 


 
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