Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

Das Schloss von Versailles

 

Text 1
„Als Sinnbild wählte ich die Sonne ...“

Als Sinnbild wählte ich die Sonne, die nach den Regeln der Wappenkunst das vornehmste Zeichen vorstellt. Sie ist ohne Zweifel das lebendigste und schönste Sinnbild eines großen Fürsten, sowohl deshalb, weil sie einzig in ihrer Art ist, als auch durch den Glanz, der sie umgibt, durch das Licht, das sie den anderen Gestirnen spendet, die gleichsam ihren Hofstaat bilden, durch die gerechte Verteilung des Lichtes über die verschiedenen Himmelsgegenden der Welt, durch die Wohltaten, die sie überall spendet, durch das Leben, die Freude und die Tätigkeit, die sie überall weckt, durch ihre unaufhörliche Bewegung, bei der sie trotzdem stets in ständiger Ruhe zu schweben scheint, durch ihren ständigen und unveränderlichen Lauf, von dem sie niemals abweicht. [...]
Gott, der die Könige über die Menschen gesetzt hat, wollte, daß man sie als seine Stellvertreter achte, und er selbst hat sich das Recht vorbehalten, über ihren Wandel zu urteilen. Es ist sein Wille, daß, wer als Untertan geboren ist, willenlos zu gehorchen hat.

(L. Steinfeld (Hrsg.): Ludwig XIV. Memoiren. Basel 1931. S. 187, 271. Zit. n.: Ottmar Carls, Wolfgang Rieger: Herrschaftsauffassung Ludwigs XIV. In: Praxis Geschichte 1 (1988) 4, S. 28 - 32; S. 31.)
 
 

Text 2
Ein Schloss für den Sonnenkönig

Das ganze riesige Gesamtkunstwerk von Versailles: Gartenkunst, Architektur, Plastik, Malerei, Dekor, Embleme usw., ist einer einzigen übergreifenden Allegorie unterstellt. Versailles ist der Ruheort der Sonne, des Helios, der hier in den hesperischen Gärten des Westens von seinen Taten ausruht. Helios ist aber nach der dem barocken Menschen durchaus geläufigen Devise "Quod sol in coelis id rex in terra" allegorisches Sinnbild des Königs, hier in Versailles ganz konkret [...] Ludwigs XIV., des "roi-soleil". [...]

Durch welche verschiedenartigen Formen und Motive kann eine bestimmte allegorische Bedeutung (Sonne) sich darstellen? Es sind ihrer eine ganze Anzahl und darunter nicht wenige architektonische. Die allegorische Intention "Sonne" wird "imaginiert" 

  1. durch eine plastische oder gemalte Sonnenscheibe mit Strahlen und allenfalls einem Gesicht (emblematisch) ;
  2. durch die Gestalt des Apoll-Helios als gemalter oder plastischer Figur für sich allein oder verbunden mit Darstellungen aus dem Apoll-Helios-Mythos: Apoll sein Viergespann lenkend, die der Weltordnung feindlichen Mächte der Finsternis überwindend, von seinen Taten ausruhend usw.;
  3. durch das Motiv der strahlenförmig von der Mitte des Schlosses - wo der König-Sonne, das Licht der Welt, sein Lager hat - ausgehenden Alleen;
  4. durch die lichtverwandten, lichtbringenden und lichtverwandelnden Materien: durch Spiegel, spiegelnde Wasserflächen, lichtreflektierende Fontänen und Kaskaden, durch die Lichtfülle schaffenden Fenstertüren, durch die lichtdurchlässigen Hecken, welche lichtere, verklärtere Schatten werfen, als wir es gewohnt sind; vor allem immer wieder durch Spiegel [...];
  5. durch die Goldmaterie, die Verwendung von purem Gold, sei es massiv, sei es als Vergoldung; so besonders eindeutig an dem ganz vergoldeten Bett des "roi-soleil";
  6. durch die Ostung (Orientierung) des Gebäudes: das Schlafzimmer des Königs liegt - allen Vorschriften der Baulehre widersprechend - nicht an der stilleren Parkseite, sondern an der Hofseite; es muß wie die Apsis einer christlichen Kirche geostet (orientiert) sein, um die Beziehung zur aufgehenden Sonne architektonisch darzustellen; 
  7. auch das Zeremoniell des "Lever" und "Coucher" ist in seinem tieferen Sinne nur zu verstehen als allegorisches Sinnbild auf den täglichen Aufgang und Untergang des "Lichtes der Welt" - eine Art säkularer mythischer Liturgie; 
  8. durch die Lage des Gebäudes "im Westen" (der Welt) - das heißt in diesem konkreten Fall im Westen von Paris; weil eben die hesperischen Paradiesesgärten, wo Apoll-Helios von seinen Taten ausruht, gegen Sonnenuntergang liegen.
Mit dieser zerstückelnden Aufzählung sind eben nur die gröbsten Vehikel für die Verkörperung der Intention "Sonne" an diesem konkreten Beispiel Versailles genannt. Es gibt noch sublimere Bezüge. Und erst in ihrem Ineinanderspielen entfaltet sich der ganze Reichtum der Darstellungsmöglichkeiten zu einer polyphonen allegorischen Symphonie. Die Sinnbilder wurden von den gebildeten Zeitgenossen ohne weiteres verstanden, ja genossen. "Man lebt in einer wahren Gedankenpolyphonie. In jeder Vorstellung erklingt ein harmonischer Akkord von Symbolen." (Huizinga)

Gewiß haben die meisten dieser Formen und Motive neben der allegorischen auch noch eine formale, stilistische raison d'être. Doch ist das eine von dem anderen kaum zu trennen. Falsch wäre jedenfalls die Annahme, daß die Allegorien erst nachträglich zu den aus anderen Voraussetzungen entstandenen Formen hinzugebracht worden seien.

(Hans Sedlmayr: Allegorie und Architektur. In: Martin Warnke (Hrsg.): Politische Architektur in Europa vom Mittelalter bis heute. Repräsentation und Gemeinschaft. Köln: DuMont 1984. S. 157 - 174; hier S. 163 - 166.)
 
 

Abb. 1
Das Schloss von Versailles zu Beginn des 18. Jahrhunderts

Schloß von Versailles. Radierung, Anfang 18. Jahrhundert. 
In: Michael Klant, Josef Walch: Grundkurs Kunst 3. Hannover: Schroedel 1993. S. 152.

 
Text 3
Entstehungsgeschichte

Als Ludwig XIV. nach vierundfünfzigjähriger Regierungszeit 1715 im Sterben lag, ließ er seinen Urenkel ans Bett rufen. "Mignon", so sagte der König zu seinem Nachfolger, "Du wirst einmal ein großer König werden. Aber tue es mir nicht gleich, sondern lasse die Finger vom Bauen und Kriegführen ... Denke an Deine Aufgabe und an Deine Verpflichtungen gegenüber Gott, achte darauf, daß Deine Untertanen ihn ehren. Laß Dich gut beraten und handle entsprechend, versuche das Los Deines Volkes zu bessern, wie ich es unglücklicherweise nie tun konnte. Mein liebes Kind, ich gebe Dir von ganzem Herzen meinen Segen."

Dieses Vermächtnis Ludwigs XIV. enthält eine indirekte, aber wesentliche Aussage [...]. Denn aus dieser Aussage geht hervor, daß für den König Bauen und Kriegführen gleichwertige politische Zwänge waren: während die äußeren Feinde in Kriegen besiegt werden mußten, sollte der innere Feind durch den Schloßbau in Schranken gehalten werden - in welcher Form, das wird zu zeigen sein.

Das Schloß Ludwigs XIV., Versailles, ist deshalb nicht ein Kunstwerk mit politischer Funktion, sondern es ist vor allem ein politisches Bauwerk in künstlerischer Gestalt, das heißt, daß es nicht als die Widerspiegelung der Politik zu begreifen ist, sondern daß es selbst als politische Wirklichkeit anzusehen ist. So sind die Macht und der Machtanspruch Frankreichs in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts innerhalb Europas primär an außenpolitischen Erfolgen, an gewonnenen Kriegen, an Erweiterungen des französischen Territoriums und darüber hinaus durchaus am Schloßbau von Versailles abzulesen. [...]

Was hat also den König dazu bewogen, Versailles entstehen zu lassen? Zunächst war die Errichtung von Versailles eine eindeutige Absage an Paris. Dazu muß man wissen, daß Ludwigs einschneidendstes Jugenderlebnis der Aufstand des Adels in der sogenannten "Fronde" von 1649 bis 1652 war. Damals versuchte der Adel, sich gegen die Steuerpolitik zu stellen und dem Königshaus die Macht zu entreißen, die nach dem Tode von Ludwig XIII. durch Ludwigs Mutter Anna von Österreich und den unpopulären Kardinal Mazarin bestimmt wurde. Der Aufstand verhinderte, daß der junge König in Paris, im Louvre, dem angestammten Königssitz, sich einrichtete.

Als Ludwig XIV. die Regierung übernahm, existierte in Versailles ein kleines Jagdschloß, das in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts, also in der Regierungszeit des Vaters, errichtet worden war. Dieses Jagdschloß bedeutete Ludwig XIV. offenbar viel, denn er weigerte sich bei allen Um- und Erweiterungsbauten seines Versailles, die Stadtfassaden abreißen oder auch nur verkleiden zu lassen.

Erst das Erlebnis der Einweihung des Schlosses von Vaux-le-Vicomte 1661, das sich Ludwigs Finanz- minister Nicolas Fouquet mit Geldern aus der Staatskasse hatte errichten lassen, veranlaßte den König, Versailles auszubauen. In Vaux-le-Vicomte, in der Nähe von Fontainebleau, lernte Ludwig XIV. ein Ensemble von Architektur, Dekoration, Innenausstattung und Gartenkunst kennen, das an Einheitlichkeit, Aufwand und Großartigkeit alle bisherigen Schöpfungen dieser Art in Frankreich in den Schatten stellte. Doch stand es einem Finanzminister nicht zu, seine persönliche Macht derart zur Schau zu stellen; konsequenterweise ließ der König ihn drei Wochen nach der Einweihung von Vaux-le-Vicomte verhaften und seinen Besitz konfiszieren. Der König beanspruchte nämlich für sich allein das Recht auf Prachtentfaltung, auf Machtdemonstration und Machtausübung durch Architektur und bildende Kunst. Die drei Schöpfer von Vaux-le-Vicomte, Louis Le Vau, der Baumeister, Charles Le Brun, der Maler und Dekorateur, und André Le Nôtre, der Gartenarchitekt wurden vom König mit der Planung und Ausführung des Schlosses und Parks in Versailles beauftragt, damit es Vaux-le-Vicomte übertreffe. [...]

Die Schloßfassade in Versailles zum Garten hin ist die großartigere, die eigentliche Hauptfassade. Eine etwas ungewöhnliche Tatsache, wenn man davon ausgeht, daß man üblicherweise zur Stadt hin, der Bevölkerung, den ankommenden Besuchern gegenüber imponieren, sich mit einer beeindruckenden, machtvollen Architektur selbst darstellen wollte. In Versailles aber ist die Gartenseite die eigentlich wichtige, denn dort tummelt sich der Adel, eine Formulierung übrigens, die bereits Zeitgenossen geprägt haben.

Ludwig XIV. hatte den gesamten Hof nach Versailles verlegt, um jeden einzelnen Adligen stets in seiner Nähe und somit unter seiner Kontrolle zu haben. Die Erinnerung an die "Fronde" ließ den König nie vergessen, daß es galt, den Adel abhängig, ohne Macht und politischen Einfluß zu halten. Das konnte nur in Versailles gelingen, durch ein strenges Hofzeremoniell, durch ständige Beschäftigung und Ablenkung, wie vor allem durch die unzähligen Feste in Park und Schloß.

Niemand erhielt die Erlaubnis, Versailles für längere Zeit zu verlassen. Der König wollte seinen Adel unter ständiger Aufsicht halten und das Temperament der Leute beobachten, wie er es nannte, um sich ein eigenes Urteil über ihre Eignung als Offiziere in der Armee oder als vertrauenswürdige Staatsdiener bilden zu können. Das Schloß von Versailles war eigentlich mehr als ein Schloß, es war eine Stadt für sich, in der viele tausend Menschen lebten, allerdings nicht wie normale Bürger; die einzelnen Familien konnten keine sozialen Einheiten bilden, nach deren Bedürfnissen Raumeinheiten entsprechend aufgeteilt, gestaltet und gegeneinander abgeschlossen waren. Alle lebten als Mitglieder einer höfischen Gesellschaft im gewaltigen Gebäudekomplex des Königs, von dem sie abhängig waren.

(Brigitte Walbe: Das französische Schloß. In: Werner Busch (Hrsg.): Funkkolleg Kunst. Eine Geschichte der Kunst im Wandel ihrer Funktionen. Bd. 2. München: Piper 1987. S. 424 - 450; hier S. 424, 434 - 436.)

 

Text 4
Der "Hof"

Das, was wir als "Hof" des "ancien régime" bezeichnen, ist zunächst einmal nichts anderes als das außerordentlich erweiterte Haus und die Haushaltung der französischen Könige und ihrer Angehörigen mit allen Menschen, die im engeren oder weiteren Sinne dazugehören. Die Ausgaben für den Hof, für diese ganze riesige Haushaltung der Könige sind in der Aufstellung über die Ausgaben des gesamten französischen Königreichs unter dem charakteristischen Namen "Maisons Royales" zu finden. Es ist wichtig, sich das von vornherein zu vergegenwärtigen, um die Entwicklungslinie zu sehen, die zu dieser Ausgestaltung des königlichen Haushalts hinführt. Dieser Hof des "ancien régime" ist ein hochdifferenzierter Abkömmling jener patriarchalen Herrschaftsform, deren "Keim in der Autorität eines Hausherrn innerhalb einer häuslichen Gemeinschaft zu suchen ist" (Max Weber).

Das Walten der Könige als Hausherren inmitten ihres Hofes hat sein Korrelat im patrimonialen Charakter des höfischen Staates, d. h. des Staates, dessen Zentralorgan der Haushalt des Königs in erweitertem Sinne, also der "Hof" bildet. 

"Wo der Fürst seine politische Macht ... prinzipiell ebenso organisiert wie die Ausübung seiner Hausgewalt, da sprechen wir von einem patrimonial-staatlichen Gebilde. Die Mehrzahl aller großen Kontinentalreiche hat bis an die Schwelle der Neuzeit und auch in der Neuzeit noch ziemlich starken patrimonialen Charakter an sich getragen." (Max Weber) [...]

Die Königsherrschaft über das Land war nichts anderes als eine Aus- und Angliederung an die Herrschaft des Fürsten über Haus und Hof. Was Ludwig XIV., zugleich Höhe- und Umschlagspunkt dieser Entwicklung, unternahm, war dementsprechend der Versuch, sein Land als sein persönliches Besitztum, als Erweiterung des Hofhalts zu organisieren. Man kann das nur verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß der Hof für ihn - und für ihn vielleicht in stärkerem Maße als für die Könige, die noch an der Spitze ihres Heeres persönlich gegen ihre Feinde kämpften - immer den primären und unmittelbaren Wirkraum darstellte, das Land aber nur den sekundären und mittelbaren.

Durch den höfischen Filter mußte alles, was aus dem weiteren Königsbesitz, aus dem Königreich kam, hindurch, ehe es zum König gelangen konnte; durch den Filter des Hofes mußte alles hindurch, ehe es vom König ins Land kam. Auch der absoluteste König wirkte nur durch Vermittlung der am Hofe lebenden Menschen auf sein Land. So bildeten der Hof und das höfische Leben den Ursprungsort für die gesamte Erfahrung, für die Menschen- und Weltauffassung der unumschränkten Könige des "ancien régime". So ist die Soziologie des Hofes zugleich eine Soziologie des Königstums.

Allerdings blieb dieser primäre Aktionsbereich der Könige, der Hof, begreiflicherweise von der allmählichen Erweiterung und der wachsenden Größe des königlichen Herrschaftsbereiches nicht unberührt. Die Notwendigkeit, die für den königlichen Hausherrn am Ende dieser Entwicklung bestand, von seinem Hause und durch seinen Haus- oder Hofhalt hindurch das ganze große Land zu regieren, wirkte begreiflicherweise umgestaltend auf diesen Hofhalt, auf die "Maison du Roi" selbst. Das weithin sichtbare Produkt dieser Wechselwirkung zwischen der Größe des Landes und der Größe des königlichen Hofhalts ist das Schloß, ist der Hof von Versailles, innerhalb dessen die persönlichsten Aktionen des Königs immer den zeremoniellen Charakter von Staatsaktionen hatten, wie außerhalb seiner zugleich jede Staatsaktion den Charakter einer persönlichen Aktion der Könige erhielt.

(Norbert Elias: Die höfische Gesellschaft. 2. Aufl. Darmstadt: Luchterhand 1975. S. 68 - 70.)
 
 

Abb. 2
Funktion von Schloss und Hof



 
 

Richard Schult: Versailles. In: Eberhardt Schwalm (Hrsg.): Folienbuch Geschichte 2. Bilder für den Unterricht. 
Vom 16. Bis zum 19. Jahrhundert. Lehrerheft. Stuttgart: Klett-Perthes 1993. S. 55 - 58; S. 57.


 

Text 5

Das Schloss

Nähert sich ein Besucher, von der unübersichtlichen Großstadt Paris kommend, Versailles, so trifft er auf ein klar organisiertes Straßengefüge, das auf das Schloß als beherrschende Architektur ausgerichtet ist. Die Mittelpunktrolle des Schlosses ergibt sich schon aus der leicht erhöhten Lage, in der es wie ein gewaltiger Theaterprospekt erscheint. Dieser Eindruck eines großartigen Bühnenbildes entsteht durch ein Ensemble von Architekturen, das sich um eine weitläufige, in die Tiefe gestaffelte Hofanlage gruppiert.

Jenseits des Schlosses, im dahinter liegenden Park, setzt sich die Richtung der mittleren der drei Straßenzüge, die fächerförmig die Stadt Versailles durchschneiden und vor dem ersten Schloßhof zusammentreffen, bis zum Horizont fort.

Wir gewinnen also einen ersten Eindruck von einem Absolutismus, der Erde, Natur und Menschen unterwarf und ordnete. Wie das gesamte Umland auf das Schloß Versailles, so ist das Schloß selbst auf seine Mitte, auf das Zentrum ausgerichtet, das der König bewohnte. Dieses Zentrum zeigt sich vom Haupteingang, von der Stadt Versailles kommend, im Schloß als ein in der Ferne liegender Abschluß einer weitläufigen, festlichen Architektur, zurückgezogen hinter Schranken vergoldeter Gitter kaum wahrnehmbar in der weiten Perspektive der Gebäudefluchten. Den Auftakt des langen Weges zu diesem Zentrum bildeten im 17. Jahrhundert die beiden, die Mittelachse frankierenden Marställe, die zur Unterbringung der Pferde und Wagen dienten. Ihre tief einschwingenden Fassaden schlossen den ersten Platz des Schlosses, die sogenannte Place d'Armes, zur Stadt hin ab. Heute sind die Ställe durch Parkplätze ersetzt worden. Der halbkreisförmige, leicht ansteigende Vorplatz mündete in die Cour des Ministres, die von zweigeschossigen Wirtschafts- und Ministergebäuden begleitet wurde, die heute allerdings aufgrund späterer, aus dem Ende des 18. Jahrhunderts stammender Veränderungen, ein anderes Aussehen haben als zur Zeit Ludwigs XIV. Auf diesen Hof der Minister folgte hinter einem aufwendig gestalteten Gitter die Cour Royale, der königliche Hof, der auch als Ehrenhof, als Cour d'Honneur, bezeichnet wird, und, sich weiter verengend, in den Marmorhof, zur Kernanlage des Schloßbaus führt. Dieser innerste Bezirk ist gegenüber den voran- gegangenen Hofanlagen durch ein um fünf Stufen erhöhtes Bodenniveau hervorgehoben. Nicht nur diese Erhöhung, sondern auch der mit weißen und schwarzen Marmorplatten belegte Boden, der eher zu einem feierlich dekorierten Innenraum gehört, vermehrten Wagen und Reitern den Zutritt. Nur zu Fuß also konnte man in die unmittelbare Nähe des Königs vordringen.

Der Kernbau des Schlosses wird durch übersichtliche Dimensionen bestimmt, durch Zweigeschossig- keit, durch Baumaterialien aus rotem Ziegelstein und grauem Haustein und schließlich durch die steilen Dächer mit ihren Fenstergauben und Kaminen, die hinter einer umlaufenden Balustrade aufsteigen. Es wird der Eindruck eines privaten, traditionellen französischen Schlosses erweckt, wie es seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts in Paris durch Adelspaläste an der Place des Vosges und durch Bürger- häuser an der Place Dauphine auf der Ile de la Cité bekannt war.

Zu einer Königsschloßfassade wird die Stadtseite von Versailles erst durch die zahlreichen römischen Kaiserbüsten, den vergoldeten Dachfirst und vor allem durch den vorspringenden Mittelteil, den sogenannten Mittelrisalit. Die drei Fensterachsen hinter denen das Schlafzimmer des Königs liegt, werden durch zwei Kolossalpilaster, zwei flache Wandpfeiler an den Außenseiten, durch einen Portikus von vier Doppelsäulen, der einen mit vergoldetem Gitter geschmückten Balkon trägt, hervorgehoben. Die Mitte ist durch ein Mezzanin-Geschoß überhöht, auf dem gleichsam giebelförmig, Herkules und Mars, zwei antike Göttergestalten, eine Uhr einrahmen, [...] die den Zeitablauf symbolisierte, obwohl sie nicht wirklich lief, sondern die Todesstunde des vorangegangenen Königs anzeigte.

Den Park und mit ihm die Rückseite des Schlosses erreicht man durch Arkaden des nördlichen Seitenflügels, in dem auch der Hauptzugang zu den Staatsgemächern im Schloßinnern liegt. Betrachtet man die Gartenfront des Schlosses, so erkennt man auf den ersten Blick, daß sie die eigentliche Haupt- fassade des Bauwerks ist, sie steht in schroffem Gegensatz zur Hofseite. In ihr erst kommen die Auffassungen des Königs von "Größe" und "Einheit" der Architektur zum Ausdruck, hier begegnen wir einer anderen Architektursprache. Die Fassade zum Park erstreckt sich über eine Gesamtlänge von 680 m, die sich nicht, wie im Hof, in die Tiefe, sondern in die Breite entwickelt. Hier findet man keine kleinteilige Flügel- und Pavillon-Struktur wie an der Hofseite, wo das Zentrum im Hintergrund entrückt erscheint, sondern hier zeigt sich eine blockhafte Geschlossenheit, deren Mitte weit in den Park vortritt, wie um einen imponierenden Herrschaftsanspruch geltend zu machen. Das Baumaterial besteht durchgehend aus hellem Sandstein - also kein farbiger Wechsel von roten Ziegelsteinen und grauem Haustein mehr. Durch klare Regeln, durch vereinheitlichende, zusammenfassende Horizontalen und gliedernde Vertikalen ist die Architektur zu einer Großform geworden.

Das Erdgeschoß ist als Sockel, das erste Geschoß durch Pilaster- und Säulenstellungen als Hauptgeschoß und das zweite Obergeschoß als Attika ausgebildet. Die Fassade wird durch eine Balustrade bekrönt, die mit prachtvollen Vasen und Trophäen geschmeckt, das flache Dach verbirgt und dem Ganzen eine kubisch geschlossene Wirkung verleiht.

Vergegenwärtigen wir uns nun, von welchem Standort aus diese große Gartenfront des Schlosses wahrgenommen wurde, so stellen wir fest, daß dies der Park von Versailles ist, dessen Grundriß sich wie ein Bauplan liest. Mit Lineal und Zirkel scheinen Boden und Vegetation bearbeitet. Alle langen Achsen aus weiten Kiesflächen, Wegen, Hecken, Waldstücken und Wasserstraßen führen zum Schloß hin, das seinerseits die Dimensionen des Parks bestimmt. Der Park erscheint als eine sich ins Unendliche erstreckende gestaltete Natur, die zu einer Festszene geworden ist.

(Brigitte Walbe: Das französische Schloß. In: Werner Busch (Hrsg.): Funkkolleg Kunst. Eine Geschichte der Kunst im Wandel ihrer Funktionen. Bd. 2. München: Piper 1987. S. 424 - 450, hier: S. 425 - 430.)
 

 

Text 6
Das Hôtel
Bezeichnend für die Wohnweise der höfischen Menschen ist zunächst, daß sie alle oder mindestens ein bedeutender Teil von ihnen zugleich ein Logis im Hause des Königs, im Schloß von Versailles und eine Wohnung, d. h. ein Hôtel in der Stadt Paris hatten. [...] Man kann das Schloß von Versailles, das eigentliche Gehäuse des französischen Hofes als Wohnsitz des höfischen Adels und auch des Königs, nicht für sich allein betrachten und verstehen. Es bildet das Spitzenphänomen einer in allen ihren Äußerungen hierarchisch gegliederten Gesellschaft. Man muß sehen, wie der höfische Adel bei sich wohnt, um zu verstehen, wie der König wohnt und sein Adel bei ihm. Die Stadthäuser des Adels, die "Hôtels", zeigen zunächst einmal in einer relativ klaren und einfachen Form jene soziologisch relevan- ten Wohnbedürfnisse dieser Gesellschaft, welche vervielfacht, ineinandergeschachtelt und durch die besonderen Herrschafts- und Repräsentationsfunktionen der Könige kompliziert, zugleich die Gestalt des Königspalastes bestimmen, der die Gesellschaft als Ganzes beherbergen soll. 
Abb. 3: Hôtel Lambert, Grundriss des Obergeschosses. Stich von Maritte. 
In: Dieter Kimpel: Paris. München: Hirmer 1982. S. 202.
Das Gebäude, das der höfische Adel des Ancien Régime bewohnte, hieß - je nach dem Rang des Besitzers und dementsprechend je nach der Größe - "Hôtel" oder "Palais". [...] Vor sich sieht man ein Gebäude, dessen Teile um einen großen rechteckigen Hof gruppiert sind. Zur Straße hin wird die eine Schmalseite des Hofes durch einen nach außen abgeschlossenen Säulengang gebildet, in dessen Mitte die breite "Porche" Eingang und zugleich Durchgang für die Karossen bildet. Rechts und links an den beiden Flügelbauten entlang wird der Säulengang bis zu dem Mittelgebäude an der anderen Schmalseite fortgesetzt, so daß man vom Eingang her immer trockenen Fußes bis zu diesem Mittel- gebäude gelangen kann. Dieser Mittelbau, hinter und neben dem sich der große Garten hinzieht, beherbergt die Gesellschaftsräume; der anschließende Teil der beiden Flügel faßt die "Appartements privées" in sich. Auf ihrer Rückseite liegt, hier durch eine große Galerie, dort durch Bade- und Toilettenräume von dem großen Garten getrennt, rechts und links je ein kleinerer Blumengarten. In den näher an der Straße liegenden Teilen der Flügel endlich, sind die Ställe, Küchen, Diener- wohnungen und Vorratsräume untergebracht. Sie gruppieren sich rechts und links um je einen kleineren Hof, "basse-cour" genannt, der durch Gebäudeteile von den kleinen Blumengärten vor den Fenstern der Appartements privées abgetrennt ist. Im Bereich dieser kleinen Höfe, wo ein Teil der Küchenarbeiten verrichtet wird, wo zwischen Ställen die Besuchskutschen abgestellt werden, nachdem ihre Besitzer im großen Hof an der Treppe des Mittelgebäudes ausgestiegen sind, spielt sich das Leben der "domestiques" ab. [...] Die Domestiken leben gewissermaßen hinter den Kulissen, vor denen das große Spiel des höfischen Lebens abläuft [...]. Während in all jenen Schichten und Gesellschaftsformen, wo die Frau des Hauses die Funktion der Hausfrau hat oder wo die Herrschaft ebenfalls in irgendeiner Form die Überwachung des Haushaltspersonals selbst in der Hand zu halten wünscht, die Bedienungsräume nach Möglichkeit so liegen, daß eine mehr oder weniger ständige Überwachung nicht zu schwer wird, ist hier, wie man sieht, die relative Absonderung der Bedienungs- räume, vor allem auch der Küchenräume, von den Herrschaftsräumen ein bezeichnender Ausdruck dafür, daß die Herrschaft mit diesen Angelegenheiten hinter den Kulissen möglichst wenig in Berührung kommen will. Die höfische Dame ist keine Hausfrau. Diese völlige Fernhaltung der Küchenräume von intern Aufsichtsbereich bezeugt es.
Abb. 4: Hôtel Lambert, Hoffassade. In:
Dieter Kimpel: Paris. München: Hirmer 1982. S. 201.
Das Gebäude, das der höfische Adel des Ancien Régime bewohnte, hieß - je nach dem Rang des Besitzers und dementsprechend je nach der Größe - "Hôtel" oder "Palais". [...] Vor sich sieht man ein Gebäude, dessen Teile um einen großen rechteckigen Hof gruppiert sind. Zur Straße hin wird die eine Schmalseite des Hofes durch einen nach außen abgeschlossenen Säulengang gebildet, in dessen Mitte die breite "Porche" Eingang und zugleich Durchgang für die Karossen bildet. Rechts und links an den beiden Flügelbauten entlang wird der Säulengang bis zu dem Mittelgebäude an der anderen Schmalseite fortgesetzt, so daß man vom Eingang her immer trockenen Fußes bis zu diesem Mittel- gebäude gelangen kann. Dieser Mittelbau, hinter und neben dem sich der große Garten hinzieht, beherbergt die Gesellschaftsräume; der anschließende Teil der beiden Flügel faßt die "Appartements privées" in sich. Auf ihrer Rückseite liegt, hier durch eine große Galerie, dort durch Bade- und Toilettenräume von dem großen Garten getrennt, rechts und links je ein kleinerer Blumengarten. In den näher an der Straße liegenden Teilen der Flügel endlich, sind die Ställe, Küchen, Dienerwohnungen und Vorratsräume untergebracht. Sie gruppieren sich rechts und links um je einen kleineren Hof, "basse-cour" genannt, der durch Gebäudeteile von den kleinen Blumengärten vor den Fenstern der Appartements privées abgetrennt ist. Im Bereich dieser kleinen Höfe, wo ein Teil der Küchenarbeiten verrichtet wird, wo zwischen Ställen die Besuchskutschen abgestellt werden, nachdem ihre Besitzer im großen Hof an der Treppe des Mittelgebäudes ausgestiegen sind, spielt sich das Leben der "domestiques" ab. [...] Die Domestiken leben gewissermaßen hinter den Kulissen, vor denen das große Spiel des höfischen Lebens abläuft [...]. Während in all jenen Schichten und Gesellschaftsformen, wo die Frau des Hauses die Funktion der Hausfrau hat oder wo die Herrschaft ebenfalls in irgendeiner Form die Überwachung des Haushaltspersonals selbst in der Hand zu halten wünscht, die Bedienungs- räume nach Möglichkeit so liegen, daß eine mehr oder weniger ständige Überwachung nicht zu schwer wird, ist hier, wie man sieht, die relative Absonderung der Bedienungsräume, vor allem auch der Küchenräume, von den Herrschaftsräumen ein bezeichnender Ausdruck dafür, daß die Herrschaft mit diesen Angelegenheiten hinter den Kulissen möglichst wenig in Berührung kommen will. Die höfische Dame ist keine Hausfrau. Diese völlige Fernhaltung der Küchenräume von intern Aufsichtsbereich bezeugt es.

Was man da bei der Beobachtung des Lebens und Treibens rings um die beiden basses-cours sieht, ist ein Reichtum an Personal, eine Differenzierung der Dienstleistung, welche für die Ansprüche und die Durchformung des Geschmacks ebenso wie für die häusliche Kultur dieser Gesellschaft sehr charakteristisch ist. Da ist der Hausintendant, der für den Herrn und die Dame alles Geschäftliche erledigt. Da gibt es den "Maître d’Hôtel", der das Personal überwacht und z. B. meldet, wenn die Tafel angerichtet ist. Da findet man, um ein besonders charakteristisches Beispiel zu nennen, nicht nur eine große Küche und eine kleinere "Garde-manger", wo man das leicht verderbliche Dessertfleisch, besonders das Geflügel verschließt, sondern darüber hinaus noch ein "Office" mit besonderen Öfen und Geräten, beaufsichtigt durch einen von dem "Chef du cuisine" wohl zu unterscheidenden "Chef d'office", wo u. a. die Kompotte, die Konfitüren und das feine Gebäck zubereitet werden; ein anderer Herd daneben, der eine besonders zarte Wärme gibt, dient der Herstellung von Bisquits, Gateaux und ähnlichem trockenem Gebäck; es schließt sich ein "Laboratoire d'office" an, wo das Eis angefertigt wird [...]. Weiter gibt es daneben einen besonders gut verschließbaren Raum, "Office paré", wo unter der Aufsicht des "Officier d'office", der im übrigen auch das Decken der Tafel zu überwachen hat, das Silberzeug verwahrt wird. Zuweilen aber nimmt hier auch der Herr des Hauses mit seinen Freunden das Dejeuner ein. [...] So ist fast alles, was sich im großen Maßstab beim König vorfindet, in kleinerem auch beim Grandseigneur zu finden. Selbst die Schweizer Wache fehlt nicht. Ein kleiner Raum in der Nähe des Eingangs auf der einen, der Ställe und Remisen auf der anderen Seite bildet das "Logement du Suisses". Aber es werden natürlich nicht immer echte Schweizer gewesen sein, denen der einzelne Edelmann die Wache seines Hauses übertrug. Oft genug begnügte man sich wohl damit, Lakaien in die Uniform von Schweizern zu stecken.

Während die Räume für solche häuslichen Verrichtungen [...] und für die Bediensteten, die damit zu tun hatten, sorgfältig von den Wohn- und Gesellschaftsräumen abgesondert werden, findet zugleich der Aufbau der höfischen Gesellschaft auf einer breiten dienenden Schicht seinen Ausdruck unmittelbar im Aufbau der Herrschaftsräume selbst. Vom Eingang führt der Weg zu jedem der ver- schiedenen Wohn- oder Gesellschafts-Appartements durch ein oder mehrere Antichambres. Sie sind zu finden vor dem Schlafzimmer des Herrn und vor dem der Dame des Hauses, vor dem Paradeschlaf- zimmer, wie vor der "salle de compagnie". Dieser Raum, das Antichambre, ist geradezu ein Symbol der höfischen guten Gesellschaft des Ancien Régime. Hier warten in steter Dienstbereitschaft die livrierten oder nichtlivrierten Lakaien und Diener auf die Befehle der Herrschaft. Kaum etwas ist charakteristischer für deren Haltung zu ihren Dienern als eine Bemerkung, welche fast die Hälfte des kurzen Artikels bildet, den die "Encyclopédie" dem Antichambre widmet: "Da das erste Antichambre immer für die ,Livrée’ bestimmt ist, macht man selten Gebrauch von Kaminen. Man begnügt sich, Öfen davor aufzustellen, die alle Teile eines Appartements vor der kalten Luft bewahren, welche die dauernde Öffnung der zum Eingang in die Herrschaftsräume bestimmten Türen mit sich bringt."

Man darf nicht vergessen, wenn man so etwas liest, daß der adeligen Kerntruppe, der "monde" des 18. Jahrhunderts, die Vorstellung, in einem bestimmten Sinn seien [...] alle Menschen "gleich", durchaus fremd war. [...] Der selbstverständliche Glauben an die Ungleichheit der Sozialschichten brauchte sich keineswegs in schlechter Behandlung der Dienstboten zu äußern. Er konnte ihren Ausdruck auch in einer Art von Vertraulichkeit gegenüber einzelnen Dienstboten finden. Aber was in ihr immer gegen- wärtig blieb, war die unaufhebbare Distanzierung, das in der Tiefe wurzelnde Empfinden, es bei diesen Männern und Frauen, von denen eine mehr oder weniger große Armee den Haushalt füllte, und deren ständige Gegenwart, also der ganzen Situation der höfischen Menschen, gemessen an der unseren, eine andere Gestalt und Atmosphäre verlieh, mit einem fremden Menschenschlag zu tun zu haben, mit Menschen des "gemeinen Volkes". Und die Anordnung der Räume, welche vor jedem herrschaftlichen Raum mindestens ein Antichambre vorsieht, ist also ein Ausdruck dieser Gleichzeitigkeit von ständiger räumlicher Nähe und ständiger sozialer Ferne, von innigem Kontakt in der einen Schicht und strengster Distanz in der anderen. [...]

Eine ganz bestimmte Seite im Verhalten des höfischen Menschen findet in diesem Zusammenhang ihre Erklärung: Die ständige Verfügung über eine Menschenschicht, deren Gedanken der Herrenschicht völlig gleichgültig sind, bringt es mit sich, daß die Menschen dieser Herrenschicht sich [...] unbe- kümmert, etwa beim An- und Auskleiden, aber auch im Bade oder selbst bei anderen intimen Verrichtungen, vor anderen Menschen nackt zeigten [...]. Der Adel zeigte sich so vor seiner Dienerschaft und der König so auch vor dem Adel. [...] Hier stehen die Grandseigneurs und "grandes dames", welche als Herrschaft auf der vorigen Stufe die Niedrigerstehenden in das Antichambre verweisen, nun ihrerseits als Dienende im Antichambre und warten auf den Wink ihres Herrn, des Königs.

Es gibt, wie man sah, in jedem der beiden Flügel des Hôtels, anschließend an die Flügelteile vor den "basses-cours", ein "Appartement privée", nämlich eins für den Herrn und eins für die Dame des Hauses. Das eine liegt auf der linken, das andere auf der rechten Seite des großen Hofes. Beide Appartements sind fast völlig gleich aufgebaut; Schlafzimmer und Schlafzimmer liegen einander genau gegenüber. Aber sie sind durch die ganze Breite des Hofes getrennt. Und die Bewohner sehen sich nicht etwa in die Fenster; denn die Fensterfronten gehen bei beiden - um das Geräusch der häufig an- und abfahrenden Wagen zu vermeiden, [...] rückwärts nach den Blumengärten. Herr und Dame haben beide anschließend an ihr Schlafzimmer ihr eigenes Kabinett, in dem sie bei oder nach der Toilette Besuche empfangen können, beide anschließend daran ihr eigenes Antichambre und beide selbstverständlich ihr eigenes Garderobezimmer.

Man kann die Stellung von Mann und Frau in dieser Gesellschaft kurz und knapp kaum deutlicher charakterisieren, als durch den Hinweis auf diese gleichmäßige, aber völlig getrennte Anlage ihrer privaten Appartements. [...] Diese Gesellschaft ist so weiträumig, daß Mann und Frau verschiedene Verkehrskreise haben können. Der Spielraum für ein Eigenleben ist schon von hier aus, aber ganz gewiß nicht von hier aus allein, für die Verheirateten ein ganz anderer, als in einer engräumigen Gesellschaft.

Auf der anderen Seite sind bestimmte Kontakte zwischen den Ehegatten durch Anstand, Konvention und Repräsentationspflichten gefordert. Dieses Minimum an Kontakten, das von der Gesellschaft gefordert wird, bildet an bestimmten Stellen Schranken für das Eigenleben der beiden Gatten. [...] Die Pflicht gegenüber der Gesellschaft, [...] im weiteren Sinne die Aufrechterhaltung des Ansehens und der Ehre des "Hauses", blieb als das Gemeinsame zurück, wenn andere individuelle Gemeinsamkeiten sich verloren, und wenn die fehlende Neigung jeden der Ehepartner von seinem Freiheitsspielraum Gebrauch machen ließ. [...] Was die Gesellschaft kontrolliert, ist in erster Linie die Beziehung dieser beiden Menschen als Repräsentanten ihres Hauses nach außen; im übrigen rnochten sie sich lieben oder nicht, sich die Treue halten oder nicht, ihre Beziehung mochte so kontaktarm sein, wie es nur immer ihre Verpflichtung zu gemeinsamer Repräsentation zuläßt. In dieser Hinsicht ist die gesell- schaftliche Kontrolle lässig und schwach. Die beschriebene Anordnung der herrschaftlichen Privat-Appartements bildet gewissermaßen die optimale Lösung für die Wohnungsbedürfnisse, welche diesem höfischen Typus der Ehe - man kann kaum den bürgerlichen Begriff "Familie" anwenden - entsprechen

Wenn man das häusliche Feld der großen Herren und Damen des Ancien Régime derart in Gedanken abschreitet, dann sieht man in seinem Aufbau zugleich [...] den Aufbau des Beziehungsnetzes, in das sie verflochten sind. Man findet die eigentümliche Art ihrer Beziehung zum Dienstpersonal ausgedrückt in der Absonderung der Räume um die "basses-cours" und dem Antichambre. Man findet die eigentümliche Beziehung zwischen Mann und Frau ausgedruckt in der charakteristischen Distanzierung ihrer "Appartements privées". Und man findet endlich die Art ihrer Verflochtenheit in die Gesellschaft oder "Society" in gewisser Weise dargestellt in den Anlagen der Gesellschaftsräume. Daß diese den Haupt- und Mittelteil des repräsentativen Erdgeschosses einnehmen und überdies einen größeren Raum als die beiden "Appartements privées" zusammen, ist an sich schon ein Symbol für die Bedeutung, die im Leben dieser Menschen die Beziehung zu ihrer Gesellschaft hat. Das Schwergewicht ihres Daseins liegt hier.

Die Gesellschaftsräume sind zweigeteilt. In ihrer Mitte liegt, im allgemeinen, die Höhe der zweiten Etage weltumfassend und zumeist ausgeschmückt mit korinthischen Säulen, der große Salon, das Zentrum der höfisch-aristokratischen Geselligkeit. Der Gast steigt an der Freitreppe vor dem Haupt- gebäude aus seiner Kutsche, durchschreitet ein großes rechteckiges Vestibül und gelangt von dort in den großen runden Salon. Auf der einen Seite von diesem liegen, durch einen eigenen Zugang vom Vestibül aus erreichbar, die Räume des "Appartement de société", Antichambre und Garderobe voran; dann folgt eine »salle de compagnie«, ein kleinerer intimerer ovaler Salon, ein Eßsaal, neben dem das Büfett liegt, u. a. Auf der anderen Seite des großen Salons liegt das »Appartement de parade«, zu dem kleinere Parade-Salons und Paradekabinette gehören, anschließend an den einen Salon dann eine große Galerie, welche weit über den anschließenden Flügel hinaus den großen Garten von dem kleineren Blumengarten trennt. Außerdem aber gehören zu diesem Parade-Appartement auch Parade-Schlafräume mit allem Zubehör.

Diese Zweiteilung der Gesellschaftsräurne hat einen ganz bestimmten gesellschaftlichen Sinn. Das "Appartement de société" ist für den engeren Verkehrskreis des Herrn und vor allem wohl der Dame bestimmt. Hier empfangen sie, gewöhnlich am Nachmittag, die Menschen, welche kommen, um ihnen Gesellschaft zu leisten. Hier in diesen nicht primär auf Repräsentation, sondern etwas mehr auf Behaglichkeit abgestellten Räumen hat jene etwas intimere und durch Etikette-Rücksichten nicht allzusehr gefesselte Geselligkeit ihre Stätte, die man als Salon-Geselligkeit aus der Geschichte des 18. Jahrhunderts kennt. Das Parade-Appartement dagegen ist das Symbol jener eigentümlich öffentlichen Stellung, welche die Großen des Ancien Régime einnehmen, auch wenn sie keinerlei Amt bekleiden. Hier empfangen sie, meist am späten Vormittag, die offiziellen Visiten gleich- und höherstehender Menschen; hier verhandeln sie all jenen "Affairen" des höfischen Lebens, welche sie mit Menschen der höfischen Gesellschaft außerhalb ihres engeren Verkehrskreises in Berührung bringen; hier nehmen sie Besuche entgegen als Repräsentanten ihres "Hauses". Das Parade-Schlafzimmer mit seinem eigenen Antichambre und eigenen Kabinetten dient außerdem der Aufnahme von hohen und besonders zu ehrenden Gästen; dann aber nimmt hier, auf dem "lit de parade" die Dame als Repräsentantin des "Hauses" bei besonderen Angelegenheiten z. B. nach einer Entbindung, die offiziellen Besuche entgegen. Und diese Einbeziehung vieler Seiten des Lebens, die wir dem Privatleben zurechnen, in den Kreis des öffentlich-gesellschaftlichen Lebens, wie sie sich hier, ebenso wie an vielen anderen Punkten, zeigt, ist für den Lebensaufbau dieser Menschen höchst charakteristisch. Sie erst macht die Differenzierung der Gesellschaftsräume in ein "Appartement de société" und ein "Apparternent de parade" voll verständlich. [...]

So hat der gesellschaftlich gesellige Verkehr [...] in der höfischen Gesellschaft ein eigentümliches Doppelgesicht: er hat einmal die Funktion unseres Privatlebens, Ausspannung, Vergnügen, Unterhal- tung zu geben; er hat gleichzeitig die Funktion unseres Berufslebens, unmittelbares Instrument der Karriere und Selbstbehauptung, Medium des Auf- und Abstiegs, als Pflicht erlebte Erfüllung gesell- schaftlicher Forderungen und Zwänge zu sein. [...] Dieses Doppelgesicht kommt in der Differenzierung der Gesellschaftsräume zum Ausdruck. Bei den Zusammenkünften in den "Appartement de société" sind wohl Vergnügen und Unterhaltung stärker akzentuiert, aber die andere mehr öffentliche Seite fehlt nicht. Bei denjenigen Zusammenkünften dagegen, zu denen man die Paraderäume öffnet, steht der öffentliche Charakter des Granden, die Wahrung der Interessen und des Geltungsanspruchs seines Hauses im Vordergrund.

(Norbert Elias: Die höfische Gesellschaft. 2. Aufl. Darmstadt: Luchterhand 1975. S. 71 - 84.)

 

Text 7
Die Etikette: Das Lever

Es ist immer von einer gewissen Bedeutung, welcher Wohnfunktion man dadurch einen besonderen Akzent gibt, daß man ihr den Raum oder die Räume im Mittelpunkt des eigenen Hauses zuweist; und das gilt ganz besonders für das "ancien régime", wo die obere Schicht, voran der König, nicht vorge- gebene, durch rationale Kalkulation beengte Räume nachträglich ermietete und ausfüllte, sondern wo primär die Wohn- und vor allem die Prestigebedürfnisse die Ausgaben und damit die Gestaltung des Baues bestimmten.

In diesem Sinne ist es also nicht uninteressant, wenn man sieht, daß [im Schloß von Versailles] das Mittelzimmer des ersten Stocks, von dessen Fenstern man in gerader Linie die ganze Auffahrt, Marmorhof, Cour Royale und auch noch die Weite des Avant Cour überblicken konnte, zum Schlaf- zimmer des Königs bestimmt war.

In dieser Anlage kam zunächst gewiß nichts anderes zum Ausdruck als ein Gebrauch, der sich häufig bei Landsitzen der hohen Herren fand. Auch diese gaben gern dem Mittelraum des ersten Stocks die Funktion des Schlafzimmers. Diese Anordnung im Schloß mag man also als einen Ausdruck dafür nehmen, wie sehr der König sich hier als Hausherr fühlte; aber [...] diese Funktionen, die des Königs und die des Hausherrn, verschmolzen bei Ludwig XIV. in einem Maße miteinander, das für uns zunächst fast unvorstellbar ist. Die Größe der Königsherrschaft wirkte sich in der Ausgestaltung seiner häuslichen Funktionen aus. Der König war gewissermaßen Hausherr im ganzen Land und Landesherr noch in seinen scheinbar privatesten Gemächern. Die Ausgestaltung des königlichen Schlafzimmers [...] steht mit diesem Sachverhalt im engsten Zusammenhang. Dieses Zimmer war bekanntlich Schau- platz eines eigentümlichen Rituals, das an Feierlichkeit einer Staatszeremonie kaum nachgab. In ihm wird unmittelbar sichtbar, wie sehr die Charaktere des Herrschers als Hausherr und als König hier ineinander verschmolzen. [...]

Gewöhnlich um 8 Uhr, jedenfalls zu der Zeit, die er selbst bestimmt hat, wird der König morgens geweckt, und zwar von dem ersten Kammerdiener, der zu Füßen des königlichen Bettes schläft. Die Türen werden den Kammerpagen geöffnet. Einer von ihnen hat inzwischen bereits den "grand chambellan" (den Großkämmerer) und den ersten Kammerherrn benachrichtigt, ein zweiter die Hofküche wegen des Frühstücks, ein dritter stellt sich an der Tür auf und läßt nur die Herren eintreten, die das Vorrecht des Eintritts haben.

Dieses Vorrecht war ganz genau abgestuft. Es gab sechs verschiedene Gruppen von Menschen, die nacheinander eintreten durften. Man sprach dabei von den verschiedenen "Entrées". Zuerst kam die "Entrée familière". An ihr hatten vor allem Teil die legitimen Söhne und Enkel des Königs ("Enfants de France"), Prinzen und Prinzessinnen von Geblüt, der erste Arzt, der erste Chirurg, der erste Kammer- diener und Kammerpage.

Dann kam die "grand entrée", bestehend aus den "grands offlciers de la chambre et de la garderobe" (dem Adel vorbehaltene käufliche Hofämter) und den Herren von Adel, denen der König diese Ehre zuerkannt hatte. Es folgte die "première entrée" für die Vorleser des Königs, den Intendanten der Vergnügungen und Festlichkeiten und andere. Darauf folgte als vierte die "entrée de la chambre", die alle übrigen "officiers de la chambre" umfaßte, außerdem den "grand-aumonier" (Groß-Almosenier), die Minister und Staatssekretäre, die "conseillers d'État", die Offiziere der Leibgarde, die Marschälle von Frankreich u. a. Die Zulassung zu der fünften Entrée hing bis zu einem gewissen Grade von dem guten Willen des ersten Kammerherrn ab und natürlich von der Gunst des Königs. Zu dieser Entrée gehörten Herren und Damen von Adel, die in solcher Gunst standen, daß der Kammerherr sie eintreten ließ; sie hatten so den Vorzug, sich dem König vor allen anderen zu nähern. Schließlich gab es noch eine sechste Art des Eintritts, und das war die gesuchteste von allen. Man trat dabei nicht durch die Haupttür des Schlafzimmers ein, sondern durch eine Hintertür; diese Entrée stand den Söhnen des Königs, auch den illegitimen, samt ihren Familien und Schwiegersöhnen offen, außerdem auch z. B. dem mächtigen "surintendant des batiments". Zu dieser Gruppe zu gehören, war Ausdruck einer hohen Gunst; denn die zugehörigen Menschen durften in die königlichen Kabinette zu jeder Zeit eintreten, wenn der König nicht gerade "conseil" hielt oder eine besondere Arbeit mit seinen Ministern begonnen hatte, und sie konnten im Zimmer bleiben, bis der König zur Messe ging und selbst, wenn er krank war.

Man sieht, es war alles recht genau geregelt. Die ersten beiden Gruppen wurden zugelassen, wenn der König noch im Bett war. Dabei trug der König eine kleine Perücke; er zeigte sich niemals ohne Perücke, auch dann nicht, wenn er im Bett lag. Wenn er aufgestanden war und der Großkämmerer mit dem ersten Kammerherren ihm die Robe hingelegt hatten, rief man die folgende Gruppe, die "première entrée". Wenn der König die Schuhe übergezogen hatte, verlangte er die "officiers de la chambre", und man öffnete die Türen der nächsten Entrée. Der König nahm seine Robe. Der "maitre de la Garderobe" zog das Nachthemd beim rechten Ärmel, der erste Diener der Garderobe beim linken; das Taghemd wurde von dem Großkämmerer oder von einem der Söhne des Königs, der gerade anwesend war, herbeigebracht. Der erste Kammerdiener hielt den rechten Ärmel, der erste Diener der Garderobe den linken. So zog der König das Hemd an. Darauf erhob er sich von seinem Fauteuil und der "maître de la garderobe" half ihm die Schuhe befestigen, schnallte ihm den Degen an die Seite, zog ihm den Rock an, usw. War der König fertig angezogen, betete er kurz, während der erste Almosenier, oder ein anderer Geistlicher in dessen Abwesenheit, mit leiser Stimme ein Gebet sprach. Inzwischen wartete der ganze Hof bereits in der großen Galerie, die nach den Gärten zu, also hinter des Königs Schlafzimmers, in voller Breite den Mittelteil im ersten Stock des Schlosses einnahm. Das war das "Lever" des Königs.

Was dabei am meisten in die Augen fällt, ist zunächst die peinliche Genauigkeit der Organisation. Aber es handelte sich, wie man sieht, nicht um eine rationale Organisation im modernen Sinne, so genau auch jeder einzelne "Gang" vorausbestimmt ist, sondern um einen Organisationstypus, bei dem jeder Aktus den Prestigecharakter erhielt, der mit ihm als Symbol der jeweiligen Machtverteilung verbunden war. Was im Rahmen des gegenwärtigen Gesellschaftsaufbaus zumeist, wenn auch vielleicht nicht immer, den Charakter von Sekundärfunktionen hat, besaß hier weitgehend den von Primärfunktionen. Der König nutzte seine privatesten Verrichtungen, um Rangunterschiede herzustellen und Auszeichnungen, Gnadenbeweise oder entsprechend auch Mißfallensbeweise zu erteilen. Damit deutet sich bereits an: die Etiquette hatte im Aufbau dieser Gesellschaft und dieser Regierungsform ein symbolische Funktion von großer Bedeutung.

Norbert Elias: Die höfische Gesellschaft. 2. Aufl. Darmstadt: Luchterhand 1975. S. 125 - 129.)

 

Abb. 5
Schloß von Versailles, Grundriß des ersten Stocks
(Guide Michelin: Paris. Deutsche Ausgabe. Paris: Michelin 1990. S. 262)
Kapelle
a   Vestibül

Großes Appartement
b   Salon des Überflusses
c   Salon der Venus
d   Salön der Diana
e   Salon des Mars
f   Salon des Merkur
g   Salon des Apollo

Appartement der Königin
h   Schlafzimmer der Königin
k   Salon des Noble de la Reine
m  Antichambre du Grand Couvert
n   Saal der Garde des Königin

Krönungssaal
p   Saal von 1792

Appartement der Mme de Maintenon
19  Großes Kabinett
 

Appartement des Königs
1    Gardesaal
2    Erstes Vorzimmer
3    Zweites Vorzimmer
4    Prunkschlafzimmer
5    Grand Cabinet du Roi

Privates Appartement des Königs
6    Schlafzimmer
7    Uhrenkabinett
8    Vorzimmer der Hunde
9    Kleines Speisezimmer
10  Eckzimmer
11  Hinteres Kabinett
12  Goldenes Kabinett
13  Bibliothek
14  Porzellansalon
15  Spielsalon

Privares Appartement der Königin
16  Goldenes Kabinett
17  Bibliothek
18  Méridienne-Zimmer


 
 
Text 8
Ein Tag im Leben der Marie Antoinette

Ich stehe um neuneinhalb oder um zehn Uhr auf, kleide mich an und sage mein Morgengebet. Dann frühstücke ich und gehe zu den Tanten, wo ich gewöhnlich den König treffe. Das währt bis zehneinhalb Uhr. Hierauf, um elf, gehe ich mich frisieren. Zu Mittag ruft man meinen Hofstaat, und da dürfen alte eintreten, außer Leuten ohne Rang und Namen. Ich lege Rot auf und wasche mir vor den Versammelten die Hände, dann entfernen sich die Männer, die Damen bleiben, und ich kleide mich vor ihnen an. Um zwölf ist Kirchgang. Ist der König in Versailles, so gehe ich mit ihm, meinem Gatten und den Tanten zur Messe. Ist er abwesend, so gehe ich allein mit dem Herrn Dauphin; aber immer zur selben Zeit. Nach der Messe essen wir öffentlich zu Mittag, aber das ist um einhalb zwei Uhr zu Ende, denn wir essen beide sehr rasch. Hierauf gehe ich zum Herrn Dauphin, und wenn er beschäftigt ist, kehre ich in mein Zimmer zurück, ich lese, schreibe oder arbeite, denn ich mache für den König einen Rock, mit dem es nur langsam vorwärtsgeht, aber ich hoffe, daß er mit Gottes Hilfe in einigen Jahren fertig sein wird. 

Um drei Uhr gehe ich wieder zu den Tanten, bei denen sich der König um diese Zeit einfindet; um vier Uhr kommt der Abbé zu mir, um fünf Uhr der Klavierlehrer oder der Gesangslehrer, bis sechs Uhr. Um einhalb sieben gehe ich fast immer zu den Tanten, wenn ich nicht spazierengehe. Du mußt wissen, daß mein Gatte fast immer mit mir zu den Tanten geht. Von sieben bis neun Uhr spielt man, aber wenn es schön ist, gehe ich spazieren, und dann findet das Spiel nicht bei mir, sondern bei den Tanten statt. Um neun Uhr speisen wir zu Abend, und wenn der König nicht da ist, essen die Tanten bei uns. Aber wenn der könig anwesend ist, gehen wir nach dem Nachtessen zu ihnen. Wir erwarten den könig, der gewöhnlich um dreiviertel elf Uhr kommt. Ich aber lege mich inzwischen auf ein großes Kanapee und schlafe bis zur Ankunft des Königs, aber wenn er nicht da ist, gehen wir um elf Uhr schlafen. So ist meine Tageseinteilung.

(Stefan Zweig: Marie Antoinette. Frankfurt a. M.: Fischer 1980. S. 52-53.)
 
 

Text 9
La "mécanique" de la journée du Roi

Le Temps du Roi est tellement réglé que Saint-Simon parle de "mécanique" ("mécanique des conseils", "mécanique des après-soupers"). C’est à Versailles que cette mécanique fonctionne de mieux. Quand le Roi est aux armées (souvent d’avril à juillet), quand il va avec quelques personnes choisies dans ces maisons de plaisance de Trianon ou Marly, ou même pour les séjours d’automne en son château de Fontainebleau, la journée du Roi n’est plus aussi réglée. "On n’avait qu’à savoir quel jour, quelle heure il était pour savoir ce que le Roi faisait." (Saint-Simon)


 
08.00 h
08.15 h
08.30 h
09.30 h
10.00 h
11.00 h
13.00 h
14.00 h
17.00 h
19.00 h
.
.
22.00 h
23.00 h
.
Éveil
Petit lever
Grand lever
Audiences particulières
Messe
Conseil
Dîner au petit couvert
Promenade ou chasse
Audiences particulières
Appartement
ou Comédie
ou Travail
Souper au grand couvert
Grand coucher
Petit coucher
Chambre du Roi
Chambre du Roi
Chambre du Roi
Grand Cabinet du Roi
Chapelle
Grand Cabinet du Roi
Chambre du Roi
Parc
Grand Cabinet du Roi
Grand Appartement du Roi
Salle de Comédie
Appartement de Mme Maintenon
Antichambre du Grand Couvert
Chambre du Roi
Chambre du Roi
4*
4
4
5

5
4

5
b - g
.
.
m
4
4

[* Die Ziffern und Kleinbuchstaben beziehen sich auf die Legende zu Abb. 6.]

(Béatrix Saule: La journée du Roi au château de Versailles. Paris: Blanchard 1986. Faltblatt Nr. 3 aus der Serie "Mieux voir. Mieux connaître".)

 

Text 10

Luxus als Ehrenpflicht

Das Jahr 1700 begann mit einer Reform, der König erklärte, daß er fortan für die Kosten der Verände rungen, die die Höflinge in ihren Wohnungen vornähmen, nicht mehr aufkommen würde. Zwischen Mariä Lichtmeß und Aschermittwoch bestand der Hof nur aus ununterbrochenen Festlichkeiten und Bällen. Der König veranstaltete für die Duchesse de Bourgogne große Feste in Versailles und Marly, geistreiche Maskeraden, prachtvolle Umzüge, Ballette, die auch ihm selbst viel Freude bereiteten. Bei Mme. de Maintenon fanden Konzerte und private Aufführungen von Komödien statt. Monseigneur veranstaltete ebenfalls Bälle, und die wichtigsten Persönlichkeiten wetteiferten, die Duchesse de Bourgogne zu prächtigen Darbietungen zu laden. Monsieur le Prince gelang es, in seinem kleinen, aus nur wenigen Räumen bestehenden Appartement den Hof und die Gesellschaft mit den bezauberndsten, sinnreichsten und wohlgeordnetsten Festen zu überraschen; ein Ball-paré, Maskeraden, Entrées, Verkaufsstände, Jahrmarktsbuden mit Waren aus aller Herren Ländern, ländliche Idylle, Erfrischungen in den entzückendsten Aufmachungen; der ganze Hof hatte Zutritt, dennoch machte sich kein Gedränge bemerkbar, es kam zu keinen Zusammenstößen, und man brauchte nicht über Platzmangel zu klagen. [...]

Das Jahr 1702 wurde in Versailles mit Bällen und Maskenfesten eröffnet. Die Duchesse de Maine, die schwanger war und zu Bett lag, veranstaltete gleichfalls einige Maskenbälle, was ein recht seltsames Schauspiel bot, auch in Marly fanden Bälle statt, doch meist ohne Masken. Die Duchesse de Bourgogne unterhielt sich dabei jedesmal ganz vorzüglich. Der König wohnte häufig, doch stets nur im engsten Kreis und stets bei Mme. de Maintenon, der Aufführung erbaulicher Stücke bei, so wurden unter anderem "Absalon" und "Athalie" gegeben. Die Duchesse de Bourgogne, der Duc d'Orléans, der Comte und die Comtesse d'Ayen, der junge Comte de Noailles und Mlle. de Melun spielten in prächtigen Theaterkostümen die Hauptrollen; der alte Baron, ein hervorragender Schauspieler, unterrichtete sie und beteiligte sich gemeinsam mit ihnen und einigen Dienern des Marschalls de Noailles an der Aufführung, denn der Marschall und seine kluge, rührige Frau waren die Anreger und Veranstalter dieser privaten Vergnügen; sie hofften, sich auf diese Weise und durch die familiären Bindungen zu Mme. de Maintenon allgemach doch noch ins Vertrauen des Königs einzuschleichen. Der Platz reichte für höchstens vierzig Zuschauer. Außer Monseigneur, seinen beiden Söhnen, der Princesse de Conti, Mme. du Maine, den Palastdamen, Mme. de Noailles und ihren Töchtern, die ständig anwesend waren, wurden also nur noch einige wenige Personen zugelassen. In ihren Trauergewändern erschien auch Madame; weil sie das Theater besonders liebte, hatte der König sie eingeladen, und da sie zu seiner nächsten Verwandtschaft gehöre, so ließ er verlauten, brauche die Trauer sie nicht von einer Darbietung auszuschließen, die in seiner Gegenwart und in so engem Kreise stattfände; und Mme. de Maintenon wollte Madame mit dieser Gunst zu verstehen geben, daß sie das Vergangene wirklich vergessen hatte. [...]

Apropos höfische Sitten: der Luxus bei Hofe und in der Stadt hatte auch in der Armee Platz gegriffen; es war unvorstellbar, was man dort alles an vorher unbekannten Delikatessen hinschleppte. Bei Märschen und Streifzügen war nur noch von Essenspausen die Rede, und die Lebensmittel, die man während der Belagerung in die Laufgräben brachte, waren nicht nur überreichlich, sondern die Früchte und das Eis gaben den Mahlzeiten den Anschein von Festgelagen, dazu flossen Getränke und Liköre in reichen Mengen. Der Aufwand ruinierte die Offiziere, die sich in dem Bestreben, glanzvoll zu erscheinen, gegenseitig überbieten wollten: um die notwendigen Dinge herbeizuschaffen, war man gezwungen, Dienerschaften und Mannschaften, die ihrerseits häufig darbten, zu vervierfachen. Schon lange beklagte man sich darüber, sogar eben jene, die diese Verschwendung betrieben, durch die sie sich ruinierten, ohne daß einer wagte, die Ausgaben zu verringern. Schließlich traf der König in diesem Frühjahr eine Anordnung, die den Generalleutnanten verbot, mehr als vierzig, dem Obersten mehr als dreißig und den Hauptleuten mehr als fünfundzwanzig Pferde zu haben. Die Verordnung erlitt das Schicksal so vieler anderer Verordnungen zum gleichen Gegenstand. Es gibt kein Land in Europa, wo man so viele und so gute Gesetze und so treffliche Regelungen findet, wo jedoch die Einhaltung von so kurzer Dauer ist: man hielt sich an keine, und so geschah es, daß meistens schon im ersten Jahr alles wieder seinen alten Lauf nahm und daß man im zweiten gar nicht mehr daran dachte. [...]

Man veranstaltete im Winter [1707] viele Bälle in Marly, der König gab keinen in Versailles, aber die Duchesse de Bourgogne besuchte etliche bei Madame la Duchesse, bei der Marschallin Noailles und bei anderen, meist waren es Maskenbälle. So auch bei Mme. du Maine, die sich mehr und mehr befleißigte, mit ihren Domestiken und einigen alten Schauspielern Komödien aufzufahren. Der ganze Hof ging dorthin; man begriff nicht, wozu sie sich dieser närrischen Anstrengung unterzog, sich als Komödiantin verkleidete, die größten Rollen auswendig lernte und deklamierte, um ein öffentliches Schauspiel auf einem Theater zu veranstalten. M. du Maine, der ihr nicht zu widersprechen wagte, aus Furcht, sie könne, wie er Mme. de Saint-Simon einmal unumwunden erklärte, am Ende vollkommen überschnappen, saß in einer Ecke bei der Tür und machte die Honneurs. Einmal abgesehen von der Lächerlichkeit: diese Vergnügungen waren nicht gerade billig. [...]

Indem er eigens die Namen derer nannte, die daran teilnehmen durften, benutzte der König diese ständigen Feste, die Reisen und die Spaziergänge in Versailles, an denen nur einige wenige teilnehmen durften, um Auszeichnungen zu verleihen oder Zurückweisungen spürbar werden zu lassen und als Mittel, jeden zu ermuntern, sich eifrig und unablässig um seine Gunst zu bemühen. Er wußte nur allzu gut, daß er bei weitem nicht genug tatsächliche Gnaden zu spenden hatte, um eine dauernde Wirkung zu erzielen; er ersetzte also die Realität durch Einbildung, durch Eifersucht, durch kleine Bevorzugungen, die ihm dank seiner Gewitztheit tagtäglich, ja, man könnte sagen, jeden Augenblick zur Verfügung standen. Wie viele Hoffnungsträume ließen sich mit solch kleinen Bevorzugungen und Auszeichnungen wecken! Niemand war in dieser Hinsicht erfinderischer als er, und Marly bot ihm später die beste Gelegenheit dazu; auch Trianon, wo ihm zwar jedermann seine Aufwartung machen konnte, wo jedoch den Damen die Ehre vorbehalten blieb, mit ihm speisen zu dürfen, Damen, die zu jeder Mahlzeit besonders ausgewählt wurden. Die Justaucorps à brevet waren eine weitere dieser Erfindungen: blau- und rotgefütterte Überröcke mit roten Aufschlägen und roter Weste, in prachtvollen goldenen und silbernen Mustern bestickt, die einzig diese Gewänder zierten. Es gab nur eine bestimmte Anzahl davon, für den König, seine Familie und die Prinzen von Geblüt; aber diejenigen, die wie die meisten Höflinge danach strebten, fühlten sich sehr geehrt, wenn ihnen einer zuteil wurde. Die durch Herkunft oder durch Gunst ausgezeichneten Personen des Hofes pflegten sich diesen Rock vom König zu erbitten, und es galt als eine ganz besondere Gnade, ihn zu erhalten. Er war erfunden worden für die wenigen, denen es zustand, ohne eigens dazu aufgefordert zu sein, den König auf seinen Spaziergängen in Saint-Germain und in Versailles zu begleiten; aber als diese Gewohnheit außer Brauch kam, verliehen diese Gewänder auch keinerlei Privileg mehr außer dem, sie auch bei Hof oder Familientrauer zu tragen und zu Zeiten, wo es ausdrücklich verboten ist, sich mit Gold oder Silber zu schmücken. Es ist unglaublich, was der König alles auf diesem Gebiete ersann; je älter er wurde und je mehr sich die Feste veränderten oder verringerten, wechselten die Methoden und änderten sich, doch die Lockmittel, die er anwandte, um einen zahlreichen Hof um sich zu versammeln, lassen sich gar nicht alle aufzählen und erläutern.

Der König forderte die ständige Gegenwart nicht nur des gesamten hohen, sondern auch des niederen Adels bei seinem Lever, bei seinem Coucher, bei seinen Mahlzeiten, wenn er durch die "Appartements" ging, oder bei den Spaziergängen in den Gärten von Versailles, auf denen ihn nur einige Höflinge begleiten durften, immer und überall ließ er die Blicke wachsam nach rechts und nach links schweifen, er sah und bemerkte einen jeden, keiner entging seiner Aufmerksamkeit, selbst jene nicht, die nicht die geringste Hoffnung hegten, gesehen zu werden; er registrierte genauestens die Abwesenheit derer, die zum Hof gehörten, oder derer, die nur vorübergehend zu erscheinen pflegten: er rechnete die allgemeinen und besonderen Ursachen dieses Nichterscheinens zusammen, und er versäumte keine Gelegenheit, die Betreffenden dementsprechend zu behandeln. Es wurde den Vornehmen übel vermerkt, wenn sie den Hof nicht zu ihrem ständigen Aufenthaltsort machten, den anderen, wenn sie nur selten erschienen, und jene, die sich nie oder fast niemals blicken ließen, konnten der vollkommenen Ungnade gewiß sein. Wenn einer von diesen irgendeinen Wunsch äußerte, antwortete der König mit eisigem Stolz: "Ich kenne ihn nicht!" War es jemand, der sich nur gelegentlich zeigte, dann hieß es: "Ich habe den Mann nie gesehen!" Und eine solche Verurteilung war unwiderruflich. Nicht nach Fontainebleau zu kommen galt gleichfalls als Verbrechen; bestimmte Leute machten sich überdies strafbar, wenn sie nicht baten, in Marly zugelassen zu werden; für Männer und Frauen, die zugelas- sen waren, bedurfte es einer stichhaltigen Entschuldigung, um fernzubleiben. Leute, die sich in Paris wohl fühlten, konnte er ganz und gar nicht leiden, mehr Nachsicht übte er mit jenen, die das Landleben liebten, wenn man sich allerdings für etwas längere Zeit entfernen wollte, tat man gut, einige Vorkehrungen zu treffen, und das beschränkte sich nicht etwa nur auf Personen, die ein Amt innehatten oder zu Vertrauten und Bevorzugten gehörten, auch war es unabhängig vom Alter und von dem, was die einzelnen darstellten. [...]

Über alles liebte er Pracht, Glanz, verschwenderische Fülle und üppigen Aufwand. Aus Politik erhob er diese Neigung zum Grundsatz und flößte sie seinem ganzen Hof ein. Um ihm zu gefallen, stürzte man sich in Riesenausgaben für festliche Gelage, Gewänder, Pferde, Karossen und verausgabte sich bei der Errichtung von Bauwerken und beim Spiel. Das gab ihm Anlaß, mit jemandem zu sprechen; was er in Wirklichkeit erstrebte und auch erreichte, war, die Geldmittel der Gesellschaft zu erschöpfen. Indem er den Luxus zur Ehrenpflicht und teils sogar zur Notwendigkeit machte, gedachte er allmählich jedermann in vollkommene Abhängigkeit von seinen Gunstbezeugungen und Zuwendungen zu bringen. Auch befriedigte er seine Hoffart durch einen prunkvollen Hof und durch das stetig wachsende Durcheinander, das mehr und mehr alle natürlichen Unterschiede zum Erlöschen brachte. Nachdem diese Sucht erst einmal ihren Anfang genommen hatte, ist sie zu einem Krebsgeschwür geworden, das an jedem einzelnen zehrt, weil es vom Hof nach Paris und von dort in die Provinzen und damit bis in die Armee übertragen wurde, so daß fortan Leute, die irgendeinen Posten haben, nur noch nach ihren Gelagen und nach ihrem Aufwand eingeschätzt werden - ein inneres Krebsgeschwür, das an jedem einzelnen zehrt, da es jene, denen die Möglichkeit offensteht, geradezu zum Diebstahl zwingt, weil sich die meisten, um ihre Ausgaben zu bestreiten, gar nicht anders verhalten können; ein Krebsge- schwür, das von der Unterschiedslosigkeit der Stände, das von dem Dünkel und sogar von der Wohlanständigkeit gespeist wird, das durch die Haltlosigkeit der großen Menge ständig zunimmt, dessen Folgen unabsehbar sind und das mit nichts anderem als mit dem Ruin und dem allgemeinen Umsturz endigen kann.

(Louis de Rouvroy Duc de Saint-Simon: Die Memoiren. Hrsgg. u. übers. v. Sigrid von Massenbach. 4 Bde. Frankfurt a. M.: Ullstein 1991. Bd. 1, S. 238 u. 319; Bd. 2, S. 79 u. 100f.; Bd. 3, S. 289f. u. 293f.)

 

Text 11
Speisen als Ritual

Besonders charakteristisch für den Hof in Versailles war, daß es keinen eigentlichen Speisesaal gab, denn traditionsgemäß pflegte der König in seinem Schlafgemach oder im Vorzimmer zu speisen. Präzise Regeln den Ablauf jeder Mahlzeit betreffend, waren bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts von König Heinrich III. festgelegt worden. Doch erst Ludwig der XIV. war bereit, sich diesen unterzuordnen. Und als sein Leben nach 1690 in gesetzteren Bahnen verlief, gewöhnte sich der König daran, sein Abendessen öffentlich in seinem Vorzimmer einzunehmen.

Folgt man Saint-Simon, so sah das Zeremoniell eines Diners etwa so aus: Gegen halb zehn kam die erste Prozession der Dienerschaft aus der Küche, begleitet von vier Soldaten und einem Zeremonienmeister, der die Schaulustigen aus dem Weg drängte. Nachdem der Tisch anschließend aus der Wachstube, wo er normalerweise stand, hereingebracht worden war, traten zuerst die vornehmsten Höflinge ein, danach alle, die irgendwie Namen hatten, und der erste Edelmann des königlichen Gemachs ging, um den König zu benachrichtigen. Er bediente den König auch, wenn der Großkämmerer nicht da war. Bevor der König nun zu essen beginnt, müssen sowohl die Speisen, Getränke als auch das Geschirr vorgekostet' werden. Letzteres geschieht, indem man die Teller und Schüsseln mit Brot abreibt, das dann probiert wird. „Am Ende jedes Ganges bringt man dem König nicht, wie es im Mittelalter üblich war, eine Schüssel, sondern eine nasse Serviette, die zwischen zwei Gold? oder Silbertellern liegt“.

Mittelpunkt des Tisches ist ein Tafelaufsatz in Schiffsform mit Pfeffer und anderen Gewürzen, Salzfaß, Senftiegel und Essigflasche. Zwischen duftenden Kissen liegen die Mundtücher seiner Majestät. Außerdem lagen Löffel und Messer im Rumpf des Schiffes. Keine Gabel. Zwar besaß Ludwig der XIV. Gabeln, sogar schon mit drei oder vier Zinken, aber wie wir wissen, lehnte er es ab, sie zu benützen. Übrigens genoß der Tafelaufsatz eine ganz besondere Stellung: Wie dem Prunkbett des Königs gebürte auch dem silbernen Schiffchen die Ehre einer devoten Verbeugung, doch das nur am Rande.

In der Regel speiste der König alleine in aller Öffentlichkeit zu Mittag, das heißt inmitten seines ehrfürchtig schweigenden Hofstaates. Die ganze Szenerie sah etwa so aus: Die Türen des Zimmers sind geöffnet, jedoch von den Scharen der Höflinge versperrt, deren erste Reihe bis auf wenige Schritte an den Tisch heranreicht. Die Menge drängt sich auch im Vorzimmer und noch weiter draußen. Es wäre falsch, anzunehmen, daß sich hier nur Männer und Frauen zusammenpressen, die auf eine Gunst erpicht sind oder sich einfach in Erinnerung bringen wollen. Es sind auch sehr viele Menschen darunter, die ausschließlich als Zuschauer aus ganz Europa gekommen sind. Manchmal sieht man sogar Türken und andere Leute in exotischer Kleidung. Das Prestige Ludwigs XIV. kennt keine geographischen und ethnischen Grenzen.

Es gibt nichts unangenehmeres, als allein zu essen, wenn man zwanzig Kerle um sich herumstehen hat, die einem beim Kauen zusehen und die Bissen zählen", jammerte des Königs Schwägerin des öfteren. Dem König hingegen machte es absolut nichts aus. Er war nicht eine Sekunde befangen oder verärgert noch in seinem Appetit gestört noch auch nur eine Sekunde weniger majestätisch. Freundlich wendet er sich an einzelne Personen, stellt Fragen, hört aufmerksam zu. Auch das kürzeste Gespräch wird registriert, und man kann sicher sein, daß es Stoff für hunderte von Unterhaltungen bietet.

Lassen wir einen unbekannten Augenzeugen zu Wort kommen: „Ludwig XIV. sitzt kerzengerade auf einem vergoldeten Fauteuil allein an einem viereckigen, nicht sehr großen Tisch, den man kurz vorher mit großer Feierlichkeit hereingebracht hat. Der König, der Frankreichs schönster Mann gewesen ist, der erträumte Liebhaber aller seiner Untertaninnen, der glänzendste Tänzer, noch immer einer der besten Reiter Europas, ist jetzt 46 Jahre alt. Ihm gegenüber steht die Menge, die ihm beim Essen zusehen wird. Ludwig XIV. behält seinen Hut auf. Er trägt einen anliegenden braunen Rock mit feiner Stickerei, der sich leicht über einer reichbestickten Weste aus Satin öffnet.“

Allein zu speisen oder zumindest keinen Fremden beim Diner an seinem Tisch zu haben, beruhte jedoch nicht auf einer aus Stolz entstandenen Idee Ludwigs XIV., sondern auf einem Brauch, der nicht nur in Frankreich über Jahrtausende verbreitet war: Der Herrscher speist allein. Das galt nicht nur für Kaiser Karl den Großen, im Mittelalter aßen nicht die Könige, sondern auch Fürsten und regierende Herzöge allein, bedient von Adligen hohen Ranges. Der französische König Heinrich III. etwa pflegte nicht nur alleine zu Tisch zu sitzen, die Etikette bestimmte sogar die Gruppe der Edelleute, die mit ihm sprechen durften. Doch damit nicht genug, auch die Distanz, aus der er angesprochen werden durfte, war ebenso reglementiert, wie die Frage. ob man sich dabei auf einen Sessel stützen durfte.

Nach der Überlieferung eines unbekannten Zeitgenossen, deren Richtigkeit allerdings nicht verbürgt ist, wird behauptet, daß man nur ein einziges Mal während der 72jährigen Amtszeit Ludwigs eines Morgens in Versailles einen anderen Mann am Tisch des Königs und mit ihm speisen gesehen habe - Molière. Grund waren die Intrigen einiger Edelleute, die Molière nicht wohlgesinnt waren. Ihnen wollte Ludwig XIV. mit dieser Gunst eine Lektion erteilen.

So blieb es nur der Königin, die normalerweise ebenfalls alleine speiste, vorbehalten, an der Tafel ihres Gatten Ludwig XIV. Platz zu nehmen, der wie ein unersättlicher Gott seinen irdischen Gelüsten nachging. Ansonsten hielt Ludwig XIV. mehr als jeder andere Herrscher seiner Zeit an den Schranken fest, die ihn nicht nur von seinem Volk, sondern auch von seinem ganzen Hofstaat trennten, weil er mehr als jeder andere ein Gefühl für die Bedeutung der persönlichen Macht hatte.

(B. Michael Andressen: Barocke Tafelfreuden an Europas Höfen. Stuttgart: Belser 1996. S. 66f.)
 
 

Text 12
Wirkungen I

Es sei zum Schluß kurz auf den Einfluß des Schlosses von Versailles hingewiesen, den es auf das übrige Europa ausgeübt hat.

Ludwig XIV. konnte seine Vorherrschaftsansprüche in Europa nicht dauerhaft verwirklichen. Aber die französische Kunst, die französische Konversation und Lebensart haben Europa erobert. In diesem Rahmen kam dem Schloßbau von Versailles geradezu eine sinnbildliche Bedeutung zu, war doch das Schloß als Zentrum der Macht auch Inbegriff aller Repräsentation, der sie zu ihrer Ausübung bedurfte. [...] Die Fachliteratur hat zwar immer wieder darauf hingewiesen, daß Versailles zum Schlüsselbau der gesamten europäischen Schloßbaukunst geworden ist, doch kann man bei näherer Betrachtung feststellen, daß Versailles nicht wirklich kopiert worden ist, sondern daß höchstens bestimmte Einzelformen von Schloß und Garten von Versailles übernommen worden sind. Gewirkt hat der Anspruch, den Versailles verkörpert.

Versailles war [...] das Werk eines absoluten Herrschers, dem eine Vielzahl von ökonomischen und politischen Machtinstrumenten zur Verfügung stand. Es konnte aufgrund der andersartigen politischen Struktur des damaligen übrigen Europas als Ganzes gar nicht nachgebaut werden. Selbst die größten Schlösser Europas, wie Schönbrunn in Österreich, Mannheim in Deutschland, Caserta in Italien unterscheiden sich von Versailles aufs deutlichste. Es finden sich zwar Einzelübernahmen, etwa in dem kleinen Arolsen in Hessen, wo die Pferdeställe denen in Versailles nachgebaut worden sind, oder in Dresden, wo die Hofkirche ihre Anlehnung an die Versailler Hofkirche nicht verleugnen kann, aber die eigentliche, fast wörtliche Nachbildung von Versailles findet erst am Ende des 19. Jahrhunderts im Schloß Herrenchiemsee statt, das sich König Ludwig II. von Bayern als schon anachronistischer Herrscher ohne Macht und Einfluß auf einer Insel im bayerischen Chiemsee als private Rückzugsmöglichkeit hatte errichten lassen - in paradox offizieller Form: er spielte dort König, während Ludwig XIV. Die reale Macht nach strengen Spielregeln ausübte.

(Brigitte Walbe: Das französische Schloß. In: Werner Busch (Hrsg.): Funkkolleg Kunst. Eine Geschich- te der Kunst im Wandel ihrer Funktionen. Bd. 2. München: Piper 1987. S. 449f.)

 

Text 13
Wirkungen II

Die nationalsozialistische Repräsentationsarchitektur ist in ihrem darstellenden und legitimierenden Gestus, verbrämt durch den Topos "Bauten für die Ewigkeit", vor allem auch monumentalisierte Werbung. Sie wird jeweils der politischen Lage und den Interessen des Regimes entsprechend eingesetzt.

Besonders die Planungs- und Baugeschichte der 1939 fertiggestellten Neuen Reichskanzlei, die im Auftrage Hitlers nach Entwürfen von Albert Speer erbaut wurde, ist für das Verhältnis von Architektur und Politik im Dritten Reich und für den propagandistischen Einsatz von Architektur im politischen Kalkül äußerst aufschlußreich. [...]

In die repräsentativen Innenräume der Neuen Reichskanzlei gelangte man nicht, wie man vermutet hätte, durch eines der Monumentalportale an der Voßstraße, sondern durch ein massives Bronzetor, das sich von der Wilhelmstraße zum Ehrenhof hin öffnete. Die Grundrißkonzeption der Repräsenta- tionsräume sollte an Schloßarchitektur erinnern. Auf dem Weg zu Hitlers Arbeitszimmer durchschnitt man Räume, die in Dekor und Gestaltung wechselnd, ähnlich dem Enfilee einander zugeordnet waren. Nach "Vorhalle", "Mosaiksaal", "Rundem Saal" folgte die 146 m lange "Marmorgalerie". Sie entspricht in ihrer Ausdehnung der ganzen Länge des Mitteltells der Fassade an der Voßstraße. Erst hier kommt es also im Ablauf der Repräsentationsräume zu einer Entsprechung zwischen Fassadengliederung und dem Rang der dahinter liegenden Räume. Mit der Marmorgalerie ist eine direkte Assoziation an Schloßarchitektur bezweckt. So sind die tiefen Fensternischen, die streifenartig Licht einlassen, der Galerie von Fontainebleau entlehnt. Besonders aber die Lage der Marmorgalerie vor Hitlers Arbeits- zimmer war eine gezielte Anspielung auf die Spiegelgalerie von Versailles. Die Bedeutung der Marmorgalerie ist auch darin zu sehen, daß sie durch ihre Länge, was ausdrücklich in der Presse betont wurde, das Vorbild Versailles übertrumpfte und damit nun architektonisch die Niederlage des Ersten Weltkrieges, den "Schandvertrag von Versailles", der in jener Galerie unterzeichnet worden war, symbolhaft auslöschte. Durch diese architektonische Manifestation sollte hier eine nationale Identifizierung mit dem Bau ermöglicht werden. Zu den Repräsentationsräumen gehörte noch der Empfangssaal am Ende der Marmorgalerie sowie der nie benutzte Kabinettsitzungssaal.

Die Wirkung der Neuen Reichskanzlei liegt vor allem in der propagandistischen Verwertung der Repräsentationsräume durch die häufigen, ja massenweisen Veröffentlichungen in Zeitschriften und Film. [...] Erst in der Reproduktion der Repräsentationsräume wurde die Neue Reichskanzlei zu einem öffentlichen Gebäude. Es ist bezeichnend, daß die Räume fast ausschließlich menschleer gezeigt wurden und somit ihr Denkmalscharakter noch gesteigert wurde. Auf der anderen Seite ermöglichte die Reproduktion auch die Teilhabe an Macht und Repräsentation, allerdings vermittelt über die Distanz der Fotos.

(Angela Schönberger: Die Neue Reichskanzlei in Berlin von Albert Speer. In: Martin Warnke (Hrsg.): Politische Architektur in Europa vom Mittelalter bis heute. Repräsentation und Gemeinschaft. Köln: DuMont 1984. S. 247, 254 - 256.)

 

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