Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

La Rome francaise
 
 

Abb. 1
Jacques-Louis David:
Bonaparte überquert den großen Sankt-Bernhard-Paß (1800)


 


(Öl auf Leinwand, 271 x 232 cm. Versailles, Musée National du Château, Inv. Nr. MV 1567.)


Text 1
Napoleon Bonaparte

"Korse von Geburt und Charakter, wird dieser junge Mann es weit bringen, wenn die Umstände ihm günstig sind." So wird Napoleons Zukunft 1784 im Abschlußzeugnis der Militärschule beurteilt. Welche Umstände fuhren nun dazu, daß der korsische Leutnant zum Kaiser von Frankreich avanciert? 

Als Napoleon Bonaparte 1769 als zweites von 12 Kindern, von denen vier bereits sofort nach der Geburt gestorben sind, geboren wird, ist Korsika erst ein Jahr zuvor von Genua an Frankreich verkauft worden. Die Genueser, als Besatzer in zahllosen Aufständen zermürbt, waren der Korsen überdrüssig geworden. Die Korsen waren und sind bis heute ein sehr stolzes, nach Autonomie strebendes Volk mit einer eigenen, vom Altitalienischen abstammenden Sprache. Der Vater Napoleons entstammt dem niederen italienischen Adel, der sich, ganz korsisch, der Widerstandsbewegung unter Pasquale Paoli gegen Frankreich anschließt. Doch um die Familie zu ernähren, muß auch er sich den französischen Besatzern beugen; Paroli bleibt dennoch das Vorbild für die Bonapartes.

Der kleine Napoleon zeigt bereits schon in der Grundschule ausgeprägten Siegeswillen: Als seine Lehrerin die Klasse in Römer und Karthager einteilt und er den Karthagern zugeordnet wird, tauscht er mit seinem Bruder, dem "Römer", um nicht zu den Verlierern zu gehören. Nach dem Tod des Vaters verschafft die Mutter, eine sehr schöne Frau, Napoleon durch Beziehungen ein Stipendium an einer Militärschule in Frankreich. Hier wird der kleine Korse wegen seiner Schwierigkeiten mit der französischen "Fremdsprache" in Wort und Schrift, die er nie ablegen wird, gehänselt. Seinen Namen spricht er "Napolioné" aus, was ihm von den Kameraden den Spitznamen "la-paille-au-nez" (Strohnase) einbringt. Zudem ist er klein und ungebildet. Er sieht die Kameraden seinerseits nur als aus guten - französischen - Familien stammende Unterdrücker an. Seine Leistungen sind schwankend: in Mathematik, Geographie und Kriegsspielen hervorragend, in Sprachen ein "Dummkopf", so urteilen die Lehrer.

1784 kommt er auf die Militärschule in Paris, an der er politische Literatur, Rousseau, Montesquieu, Plutarch und Tacitus, verschlingt. Nach dem Examen tritt er mit nur 16 Jahren die Offizierslaufbahn in der Artillerie an, was bereits eine herausragende Leistung für einen kleinen, "ungebildeten" Korsen darstellt.

In den ersten Jahren in der Armee bleibt es sein Ziel, in die Fußstapfen Paolis zu treten. Er nimmt unter dem Risiko des Verlustes seiner Stellung in der Zeit zwischen 1789 und 1793 häufig Heimaturlaub, um auf Korsika und unter Korsen zu sein. Als Frankreich auch die Nachbarinsel Sardinien annektieren will, glaubt Napoleon sich einem korsischen Traum nahe. Zwar befehligt er die Artillerie Frankreichs, bestehend aus drei Kanonen und einem Mörser, jedoch mit korsischen Freiwilligen. Diese aber vereiteln die Einnahme Sardiniens und damit Napoleons weitergehende Pläne. Er muß fliehen und kocht dabei vor Wut. Die Polis wiederum werfen ihm Verrat sowie Kooperation mit den Besatzern vor; sie schwören den Bonapartes "Vendetta". Gerade noch rechtzeitig flieht die Familie nach Marseille, wo sie in elenden Verhältnissen fortan leben muß. Napoleon ist 24 Jahre alt, zwar Hauptmann, aber ohne Anstellung. Er glaubt nicht mehr an das Gute im Menschen. Die Französische Revolution mit ihren Idealen betrachtet er desinteressiert. Er ist bereit, alles und allen zu dienen, gereicht es nur ihm selbst zum Vorteil.

Die Wirren der Revolution begünstigen in der Folgezeit auch den Aufstieg des arbeitslosen Hauptmanns Napoleon, denn die Regierenden müssen angesichts der instabilen politischen Lage immer wieder auf das Militär zurückgreifen. Als in der Provence 1794 der Bürgerkrieg tobt und außerdem die Engländer, Spanier und Sardinier Toulon besetzen, um die Provence zu erobern, sucht der Wohl- fahrtsausschuß einen ideenreichen Hauptmann, der Toulon für Frankreich hält, und findet ihn in Napoleon: er bezwingt die Besatzer und wird als "Retter der Nation" zum Dank von Robespierre und Barras zum Brigardegeneral befördert. Nur was, wenn die Schreckensherrschaft stürzt? Wie viele, fällt auch Napoleon mit derem Ende in Mißkredit. Er wird degradiert und entlassen, nachdem er die "schmachvolle" Versetzung zur Infanterie abgelehnt hat.

Doch bereits 1795 fühlt sich das Direktorium, welches das Erbe des Wohlfahrtsausschusses angetreten hat, durch aufständische Royalisten bedroht. Nur 8.000 Mann stehen 30.000 Royalisten gegenüber, und man besinnt sich alter Retter: Napoleon wird von Barras erneut berufen. Er gilt zwar zu diesem Zeitpunkt als "ungepflegt, langhaarig und schlecht gekleidet", doch "jeder ist gebannt von der Autorität, mit der er seine Anordnungen trifft" (Thiébault). Ein weiteres Mal siegt Napoleon. Dankbar gibt Barras Napoleon den alten Dienstgrad wieder und dazu den Oberbefehl über die Heimatarmee in Italien. Außerdem schlägt er ihm seine eigene Geliebte als Gemahlin vor. Es ist Josephine, Witwe mit nur 32 Jahren, Mutter zweier Kinder und mit hervorragenden Kontakten zu den mächtigen Männern Frankreichs. Er verliebt sich gleich in diese Schönheit und heiratet sie 1796. Er wird sie immer lieben; sie bleibt ihm jedoch nur verbunden und nutzt seine dauernde Abwesenheit zu Seitensprüngen, was seinen Ehrgeiz um so mehr beflügelt. In Italien schlägt er seine Gegner, diesmal italienische Staaten sowie Österreich, "mit den Beinen". Wie kein anderer Befehlshaber vorher bewegt er die Truppen überraschend und in unermüdlichen Gewaltmärschen von Schlacht zu Schlacht und von Sieg zu Sieg. Die Soldaten lieben ihn und unter den Generälen besitzt er Neider. Den Friedensschluß mit den Besiegten handelt Napoleon ohne Befehl des Direktoriums aus, was normal undenkbar, angesichts der allgemeinen Handlungsunfähikeit jedoch der sichere Weg zum Erfolg ist: Napoleon wird jetzt zum "Helden der Nation". So wird er denn auch begeistert bei seiner Rückkehr aus Ägypten empfangen, obwohl er von der englischen Flotte unter Lord Nelson vernichtend geschlagen worden ist.

Im November 1799 führt er zusammen mit zwei Mitgliedern des Direktoriums einen Staatsstreich im "Rat der Alten" durch, der fast mißlingt, weil er vor Schreck ohnmächtig wird, als die Jakobiner seiner Rede ein: "Ächtet ihn!" entgegenschleudern. Doch unter Einsatz des Militärs kann das Direktorium aufgelöst und durch drei Konsuln ersetzt werden. Napoleon ernennt sich zum ersten Konsul und wird von einer absoluten Mehrheit (knapp 2,5 Mio. von 3 Mio. Wählern) bestätigt.

Die neue Verfassung festigt unter dem Deckmantel der Demokratie seine Diktatur, denn es herrscht das Prinzip: "Alles wird für das Volk, im Namen des Volkes gemacht; nichts wird durch es noch unter seinem unüberlegten Diktat gemacht." (Cabanis)

Das Programm seiner Regierungsherrschaft formuliert Napoleon mit den Worten: "Bürger, die Revolution ist an die Prinzipien gebunden, nach denen sie angetreten ist. Die Revolution ist zu Ende." Er behält viele Errungenschaften der Revolution bei (z.B. Verkauf der Nationalgüter, freier Zugang zu allen öffentlichen Posten nach Leistung, Abschaffung der Zünfte, Laizität des Staates und vor allem die Einführung des "Code civil"). Außerdem schafft er eine stabile Währung. Indem er auch die Verwaltung so stark zentralisiert wie nie zuvor, verfügt er nun über mehr Macht als Ludwig XVI. je besessen hat, und das erst zehn Jahre nach der Revolution. Das Volk aber jubelt ihm zu. Es dankt ihm auch den innenpolitischen Frieden, denn Napoleon ruft die jakobinistische Linke zur Versöhnung auf: "Ihr werdet eure Köpfe und eure Posten behalten, aber ihr werdet euren Haß vergessen; ihr werdet den Katholiken erlauben, ihre Religion in Frieden auszuüben." Und zu den Vertriebenen sagte er: "Ihr sollt zurückkehren; die Liste der Emigranten wird zerrissen; ihr sollt eure Priester haben, aber eure Rache begraben."

Gleichzeitig erringt er wichtige militärische Erfolge zur Beseitigung der äußeren Bedrohung Frankreichs; so blüht diese Nation endlich wieder auf. Die große Mehrheit dankt es ihm und wählt ihn 1804 in einem Plebiszit zum Kaiser. Ist Napoleon nun größenwahnsinnig geworden? Will er sich wie ein dynastischer Monarch mit Hilfe der Kirche legitimieren? Hat er Angst vor möglichen Umsturzversuchen? Niemand weiß es.

Die Kaiserkrönung wird in der Kirche Notre-Dame de Paris feierlich zelebriert, sogar der Papst ist zugegen. Während der Feierlichkeiten aber degradiert er diesen und seine Kirche zum schmückenden Beiwerk, indem er mit jahrtausendalter Tradition bricht und sich sowie seiner Frau die Kaiserkrone selbst aufsetzt. Später will der kinderlose Napoleon auch seine dynastische Nachfolge sichern und heiratet 1810 Marie-Louise, die Tochter des österreichischen Herrschers Franz II., um in ein europäisches Herrscherhaus einzutreten. Dennoch erkennt kein Monarch den "Emporkömmling" als Seinesgleichen an. Kritiker sehen in dieser Heirat den Höhepunkt der "dynastischen Mimikry" Napoleons (H.-G. Haupt). 

Um diese Zeit steht Frankreich aufgrund der aggressiven Expansion auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung Oberhaupt: das Empire reicht von Brest bis Hamburg, von Amsterdam bis Rom und Madrid, umgeben von Satellitenstaaten (Rheinbund, Schweiz, ital. Republiken, Großherzogtum Warschau). Napoleon gilt in seiner militärischen Unberechenbarkeit als genial, schließlich besitzt er den Nimbus des Unbesiegbaren. So spricht man nur noch von der "Grande Armée", der "Grande Nation".

Aber das Empire bekommt bald Risse, denn einen dauerhaften Frieden kann Napoleon nicht schaffen. Die Kriegslasten bedrücken auch Frankreich, infolgedessen die besetzten Gebiete noch stärker ausgepreßt werden. Auch die Kontinentalsperre wird immer weiter ausgedehnt, was die Not im besetzten Europa steigert, England jedoch nicht in die Knie zwingen kann; aufdiktierte, auch positive, Reformen sollen zwar helfen, werden aber nur widerwillig durchgeführt. Man beginnt die französischen Besatzer zu hassen.

Napoleon muß seine Position wieder durch militärische Erfolge stärken. 1812 marschiert er mit 600.000 Mann in Rußland ein. Rußland aber, taktisch brillant, meidet die Schlacht mit dem "Unbesiegbaren" und zieht sich stattdessen in die Weiten des Landes zurück: am 14. September 1812 bereits marschiert Napoleon an der Spitze der Grande Armée in die Hauptstadt Moskau ein, dem vermeindlichen Ziel des Feldzuges. In der verlassenen und von russischer Hand eigenhändig niedergebrannten Stadt übergeben Zurückgelassene, was Napoleon bereits besitzt, nicht aber, was er braucht, die Kapitulation, den Sieg. Zar Alexander I. kann ein Friedensangebot Napoleons ablehnen, denn er hat auch ohne Hauptstadt zwei Trümpfe in der Hand: die unendlichen Weiten Rußlands und den hereinbrechenden Winter, der das Thermometer auf minus 35 Grad niedersinken läßt. Für beides ist die Armée nicht ausgerüstet. Zwar un-, jedoch schon niedergeschlagen, muß sie den Rückzug antreten. Der Obergang über die Beresina unter dem Feuer der nacheilenden russischen Armeen, die das Eis des zugefrorenen Flusses sprengen, wird zur Tragödie. Der Kaiser rettet sich, muß jedoch die Armee verlassen, um in Paris Putschversuchen zuvorzukommen, die gleich nach seiner Niederlage angezettelt worden sind. Er jagt sodann, was keiner für möglich hält, mit einer Handvoll Gefährten quer durch Europa und sichert zunächst in Paris seine Herrschaft.

Das Scheitern in Rußland aber ermuntert seine äußeren Gegner sich zusammenzuschließen. Bei der Völkerschlacht bei Leipzig (16. - 19. Oktober 1813) unterliegt das Empire unter ungeheurem Blutvergießen den zusammengeschlossenen europäischen Großmächten.

Zum Abdanken gezwungen (April 1814), flieht er als österreichischer Soldat verkleidet zur englischen Flotte, die ihn nach Elba ausschifft. Doch warum kehrt er im März des nächsten Jahres schon wieder zurück? Weil das Volk unzufrieden mit dem Bourbonen Ludwig XVIII. ist und Umsturzgerüchte kursieren? Weil er zu Recht einen Anschlag auf sein Leben fürchtet? Oder weil er es allen zeigen möchte und Europa doch besiegen will? Bei seiner Flucht hinterläßt er lediglich die Nachricht: "Der blau-weiß-rote Adler wird von Turm zu Turm fliegen bis zu den Zinnen von Notre-Dame." (1. März 1815)

Den Soldaten, die ihn verhaften wollen, zeigt er mit den Worten "Wenn einer unter Euch ist, der seinen Kaiser töten will, hier bin ich" die entblößte Brust. Aber ganze Regimenter schließen sich ihm an; das Volk jubelt seinem Kaiser zu, und am 20. März schläft er bereits wieder in den Tuilerien, ohne daß ein Schuß gefallen wäre. Ludwig XVIII. flieht. Napoleon muß sich jedoch wieder auf die gleichen Männer stützen, die ihn zuvor zum Abdanken gezwungen haben.

Die Großmächte, die die Schreckensnachricht von Napoleons Landung beim Wiener Kongreß ereilt hat, formieren sich erneut. Napoleon hat daher keine Zeit mehr zu verlieren. Am 18. Juni 1815 kommt es zur entscheidenden Schlacht bei Waterloo: 500 000 Franzosen gegen über eine Million Alliierte. Napoleon hat bereits die Preußen geschlagen und ein Drittel seiner Armee General Grouchy mit dem Befehl überantwortet, nicht ohne die versprengten Preußen endgültig aufgerieben zu haben, zurück- zukehren. Napoleon selbst eilte in Gewaltmärschen bei strömenden Regen den Engländern unter Wellington entgegen. Vier Tage später beginnt die Schlacht. Nachdem bereits gegen Mittag zehn- tausende Tote die Hügel bedecken und beide Heere ermüdet sind, wissen beide Feldherren, daß der den Sieg davontragen wird, der zuerst Verstärkung erfährt: Wellington durch die preußischen Truppen unter Blücher, Napoleon von Grouchy. Dieser, nur drei Fußmarschstunden von dem Schlachtfeld entfernt, hört an den Kanonaden, daß die entscheidende Schlacht begonnen hat. Doch faßt er, entgegen dem inständigen Rat seiner Offiziere, nicht den Mut zum Ungehorsam, sondern irrt weiter auf der Suche nach den Preußen sinnlos umher. Diese aber sind durch ein Schlupfloch zur Schlacht geeilt. Man hört: "Sauve qui peut!" und die "Grande Armée" wird vernichtet. Die einbrechende Nacht rettet dem Kaiser nur das nackte Leben.

Nach St. Helena verbannt, stirbt er dort einsam bereits am 5. Mai 1821. Sein Grabstein blieb vorerst leer, denn man kann sich nicht einigen, ob dort Napoleon Bonaparte, Kaiser oder General stehen soll.

Die Folgen seiner Niederlagen und der Ressentiments der Besiegten gegen Frankreich müssen seine Nachfolger tragen. Doch niemals hat die französische Armee den kleinen Hut, den grauen Rock vergessen, der alle Könige Europas besiegt und die Trikolore bis nach Moskau getragen hat. Seine Reformen bedeuten den Aufbruch in die Moderne. So wird er denn auch 1840 in den prächtigen Invalidendom nach Paris überführt, dessen Krypta für viele Franzosen noch heute ein Ort der Ehre bedeutet.

(Sibylle Witting)


 
Text 2
Via Triumphalis

Die Regierungszeit des Kaisers war nur kurz, so daß viele urbanistische Konzepte nicht ausgeführt werden konnten wie z.B. die Bebauung des Marsfeldes und der Colline de Chaillot, die erst in unserem Jahrhundert definitiv gestaltet wurde. [...] Spektakulär waren jedoch die Maßnahmen, die den Ruhm des Landes verkünden sollten und die, obwohl kaum eine bis 1815 abgeschlossen war, sich städtebaulich durchgesetzt haben. Sie konzentrierten sich auf die große Ost-West-Achse nördlich des Louvre mit ihren Querachsen und damit auch auf den Louvre selber. Dieser sollte auch im Norden mit den Tuilerien verbunden werden, eine Idee, die schließlich realisiert worden ist . Zu dieser Maßnahme zählte auch der sog. Kleine Triumphbogen, der seit 1806 im Innenhof der Tuilerien, die kaiserliche Residenz waren, zur Erinnerung an die Schlacht von Marengo errichtet worden ist. [...]

Quer zu dieser Achse stellte die neue Rue de Castiglione die Verbindung zur Place Vendôme her, eine Perspektive, die durch Abriß der Kapuzinerkirche und den Durchbruch der damaligen Rue Napoléon nun bis zum Boulevard de la Madeleine erstreckte und deren Mittelpunkt die Vendômesäule wurde. Wenn diese [...] die Dimensionen der Place Vendôme in höchst unerfreulicher Weise und wie ein überdimensioniertes militärisches Phallussymbol sprengt, [...] so gewinnt sie in der übergeordneten städtebaulichen Planung, der auch die Platzanlage jetzt subsumiert wird, eine ästhetisch nachvollziehbare Bedeutung. Sie richtet sich jetzt nicht mehr an den, der den Platz begeht, sondern an den Rezipienten, der das übergeordnete Gefüge als "Denkmal des Ruhmes" wahrzunehmen bereit ist. Die Idee zu solchen, an der römischen Trajanssäule orientierten Monumenten reicht einige Jahre zurück, aber erst nach der Schlacht von Austerlitz, die hier gefeiert wird, genehmigte Napoleon 1806 dieses Denkmal für sich und die Grande Armée. [...]

Die eigentliche Achse durch die Tuilerien und die Champs-Elysées war in der Hauptrichtung schon vorgegeben, und auch die Hauptquerachse war durch die Anlage der heutigen Place de la Concorde mit ihren die Mitte freilassenden nördlichen Pavillons und mit der Brücke, die noch unter dem Ancien Regime begonnen worden war und in ihrer heutigen Gestalt auf die Verbreiterung von 1930 zurückgeht, schon präjudiziert. Das vorgegebene Raster wurde also unter Napoleon lediglich bestätigt und verstärkt. Es scheint, daß die Konzeption dieses großen urbanistischen Zusammenhangs im Dienste der "gloire" das Primäre war und daß es folglich unerheblich ist, einzelnen Bauten eine städtebauliche Auslöserfunktion zuzuschreiben. Die Fassade des Palais Bourbon, der Madeleine und des "Großen Triumphbogens" sind also nur Teile eines umfassender gedachten Konzeptes von Stadtgestalt.

Die Querachse des "Großen Kreuzes" wird an ihren Enden markiert durch zwei antikische Tempelfassaden, die baulich sehr unterschiedlich begründet sind. Im Süden korrespondiert diese Fassade aus zwölf Säulen nämlich keinem entsprechenden Baukörper. [...] Deshalb dekretierte Napoleon 1806 den Bau der Fassade des Palais Bourbon nach den schon seit einigen Jahren vorliegenden und nun leicht veränderten Plänen von Poyet. Einem mächtigen Querblock ist als Risalit eine Tempelfassade aus zwölf Säulen vorgestellt, die 1810 fertig wurde. [...] Das nördliche Pendant dieses Peristyls ist die Madeleine in Gestalt eines riesigen korinthischen Peripteros. [...]

Mit dem Kleinen Triumphbogen, der ja ringsum von Gebäuden umschlossen war und somit die Funktion dieses Bautyps als weithin sichtbares und von einer Hauptstraße zu durchquerendes Monument nicht erfüllte, war der Kaiser zu Recht unzufrieden. Wiederum im Frühjahr 1806 begannen die Planungen für ein großes Monument, und nachdem man sich gegen die Place de la Bastille und für den Rondpoint de l'Etoile auf den Höhen von Chaillot als einen von weither sichtbaren Standort entschieden hatte, begann man im August 1806 nach Plänen von Chalgrin mit dem Bau. Der Architekt hatte sich den vergleichsweise kleinen und schlichten römischen Titusbogen mit nur einem Rundbogen zum Vorbild genommen, dessen Formensprache aber reduziert und zugleich monumentalisiert. Denn der Arc de Triomphe für die Große Armee sollte mit 50 Metern Höhe gigantische Ausmaße erreichen und wäre nur von den glücklicherweise nie ausgeführten Plänen von Speer für Berlin übertroffen worden. Chalgrin verzichtete auf Säulen und gestaltete die Pfeiler als weitgehend glatte Flächen. Besonders geschickt ist eine andere Abweichung von dem römischen Vorbild: Der mächtige Block ist auch in der Querachse von einem Bogen durchdrungen, so daß er allseitig wird und auf die Situation des Platzes Rücksicht nimmt, statt nur eindimensional auf die Triumphstraße.

(Dieter Kimpel: Paris: Führer durch die Stadtbaugeschichte. München: Hirmer 1982.)
 
 

Abb. 2
Das urbanistische Konzept Napoléons I.


 

(Günter Wachmeier: Paris. Mit Saint-Denis, Versailles und Fontainebleau. 2., erw. Aufl..
Zürich und München: Artemis 1984. Vorsatz vorne.)
 
 
 
 

Tab. 1
Das urbanistische Konzept Napoléons I.

Bauwerk
Bauzeit
Architekt
Funktion
Römisches Vorbild
Vendomesäule
1806 - 1810
Antoine Chaudet
Siegesdenkmal (Austerlitz)
Trajanssäule
L'Arc de Triomphe de l'Ètoile
1806 - 1836
Jean-Fr. Chalgrin
Siegesdenkmal 
(Grande Armée)
Titusbogen
La Madeleine
1808 - 1ß42
Pierre Vignon
"Temple de la Gloire"
(Grande Armée)
röm. Podiumstempel
(Peripteros)
Palais Bourbon
(Säulenhalle)
1806 - 1810
Bernard Poyet
"Temple de la Loi"
(Pendant zu La Madeleine
römisches Perystil
L'Arc de Triomphe du Caroussel
1806 - 1808
Jean de la Fontaine
Charles Percier
Siegesdenkmal
(Marengo)
Konstantinsbogen

 
 
Text 3
Die Lichtfackel der Antike wieder anstecken

Während in Venedig das Rokoko in einer ironischen und melancholischen Dämmerung verlischt, erlebt Rom 1789 die Erarbeitung einer Kunsttheorie und -praxis, die beide in dem nach späterer Übereinkunft so benannten "Empirestil" ihre Krönung finden sollte. In der Tat handelt es sich um einen europäischen Stil, der in England, Deutschland und Italien ebenso wie in Frankreich seine Verbreitung finden wird.

Rom ist in jenem Jahr 1789 weltbürgerlicher als je zuvor. Man trifft dort die ersten französischen Emigranten an, [...] aber man findet auch junge französische Künstler, die mit der Revolution sympathisieren, von der päpstlichen Polizei streng überwacht und wegen ihrer Verbindungen zur Freimaurerei belästigt werden. Die zukünftigen Architekten und Dekorateure Napoleons, Percier und Fontaine, sind 1789 in Rom. Percier ist von der Akademie beauftragt worden, den Aufriß der Trajanssäule anzufertigen; er verschafft sich zusammen mit Fontaine in Neapel und Pompeji ein Motiv- repertoire: er bildet dort sein Dekorationsvokabular aus, in das zahlreiche "etruskische" Bestandteile eindringen werden. Der Bildhauer Chinard verläßt Rom 1789, um 1791 dorthin zurückzukehren. Quatremère de Quincy hat soeben einen langen Aufenthalt daselbst hinter sich: er erinnert sich dessen in seinem "Wörterbuch der Architektur", in seiner Biographie Canovas und seinen Raffaelstudien. [...] Canova arbeitet an seiner Psycheund am Mausoleum Clemens'XIII. Angelika Kaufmann führt Salon. Goethe, dessen Portrait sie angefertigt hat, ist soeben nach Deutschland zurückgekehrt. Wilhehn Tischbein läßt sich, nach langen Jahren des Aufenthalts in Rom, in Neapel nieder. [...] 

Diese Künstler und Theoretiker lesen leidenschaftlich Winckelmann und Mengs. Die sie beseelende Begeisterung ist von einer theoretischen Reflexion begleitet: sie kehren wieder zum Antiken zurück - zur griechischen Bildhauerkunst, zu den Mustern der Vasenmalerei, zur römischen Baukunst - sie kommen auf Mantegna, Raffael, Michelangelo und Correggio zuirück: aber diese Rückkehr ist für sie nicht eine Laune des Geschmacks oder eine triebhafte Vorliebe; sie ist ein vernunftbegründeter Entschluß, eine überlegte Wahl. Nach einem Jahrhundert, das ihnen von der ungeordneten Überschwenglichkeit der Empfindungswerte und des äußerlichen Glücks geprägt scheint, schreiben sie sich die Mission zu, die Kunst unter die Herrschaft des Gedankens zurückzuführen. Im dramatischen Reichtum des Barock, in den subtilen Freizügigkeiten des Rokoko erkennen sie nicht mehr die Spur des Geistes: in ihren Augen sind dies lediglich Reizmittel eines trüben Vergnügens, bei dem die Seele abwesend ist. Sie wollen daher die tödlichen Verführungen der "Manieriertheit" und der Gefallsucht beseitigen; sie sehen darin nur einen Kräfteabfall. Und um zugleich die Einfachheit und die Kraft wiederzufinden, um die von zuviel Prunk gefesselte Seele zu befreien, rufen sie die Natur, das Ideal, die Kunst der frühen Jahrhunderte an. Sie suchen wieder von einer Wahrheit Besitz zu ergreifen, von der sie - dessen klagen sie das Barock und das Rokoko an - durch einen Wald von Illusionen abgeschnitten worden sind. [...]

Bei der Betrachtung ihrer Suche bemerken wir, daß die große Idee des Anfangs (oder des Wiederanfangs, der Regeneration), deren historische Offenbarung die Revolution gewesen ist, keineswegs nur im Bereich der politischen Institutionen ihr Anwendungsfeld findet. Goethe denkt während seiner Italienreise unaufhörlich über die Urpflanze und das ursprüngliche Bauprinzip des Pflanzlichen nach. Die Künstler, die er in Rom trifft, versuchen ebenfalls auf ihrem je eigenen Gebiet, sich dem Licht des Anfangs zu nähern. Sie leben in dem Bewußtsein, einer Revolution in der Gestalt einer Wiederbelebung beizuwohnen: "Die Lichtfackel der Antike wieder anstecken", heißt die Aufgabe in der Formulierung von Quatremère de Quincy. 

Wenn sie sich auf die Natur berufen, so in erster Linie auf ihre ursprünglichen Zwecke, die den Winkelzügen und Wunderlichkeiten, die das Widerstandsvermögen der Materie ihr aufzwingt, voraus- liegen. Und wenn sie die Bildhauer- und Zeichenkunst der Griechen nachahmen, so nur, weil diese, in völliger Freiheit aus der Quelle selbst schöpfend und noch ohne ein künstliches Vorbild vor Augen, das ihren Blick getrübt oder verdorben hätte, naiv und getreu die Sprache der Natur gesprochen haben.

Die Modernen können sich nur bemühen, die erlernten Verfahrensweisen zu vergessen, um in sich die antike Ausdruckskraft wirken zu lassen. Sie müssen die Wahrheit wiederfinden, sei es in der unmittelbaren Hingabe an den inneren Drang des Genies oder durch das Studium der beispielhaften Werke, in denen sich das Genie offenbart hat. Man appelliert zugleich an die höchstmögliche Freiheit der Spontaneität und die höchstmögliche Wachsamkeit der Reflexion. Der Künstler will erinnerungslos sein, aber er hört den Homer und betrachtet den Laokoon.

(Jean Starobinski: 1789. Die Embleme der Vernunft. München: Fink 1989. S. 78 - 80.)
 
 

Text 4
Römische Architektur

Schon früh war Rom unter den Einfluß der griechischen Kultur geraten. Die einst vermutlich aus Kleinasien nach Norditalien eingewanderten Etrusker hatten die Hügelsiedlungen am Tiber überhaupt erst zu einem Gemeinwesen verbunden und ihm seinen Namen - Rom - gegeben. Im 3. vorchristlichen Jahrhundert, bereits stark hellenisiert, waren sie dann Rom unterlegen, das seine Herrschaft in jener Zeit auf Griechenland und Kleinasien ausdehnen konnte.

Die Griechen dort, von den Stadtstaaten im Mutterland, das die Römer am Anfang des darauffolgenden Jahrhunderts eroberten, kaum abhängig, hatten schon früh eine Architektur entwickelt, die den klassischen Vorbildern nur bedingt folgte. Womöglich unter etruskischem Einfluß tendierten sie zu Axialität und Gigantismus und häuften teilweise mehrere Tempel an einem Platz an - wie beispielsweise im sizilianischen Selinunt.

Während der Herrschaft des Kaisers Augustus mündete dieses doppelte Erbe in eine eigenständige römische Kunst- und Architekturform, die über 400 Jahre Bestand hatte. Das ingenieurtechnische Können der Etrusker im Straßen-, Brücken- oder Tunnelbau vervollkommnete man ebenso wie ihre Fähigkeiten im Gewölbebau. Die Elemente der klassisch-griechischen Architektur sanken hingegen endgültig zu reiner Dekoration herab, wie etwa am Colosseum, an dem die Säulenordnungen stockwerksweise dem tragenden System der Bogenreihungen vorgeblendet waren.

Nicht zufällig wurde das schon im Hellenismus sehr beliebte korinthische Kapitell in Rom bevorzugt verwendet. Um es noch prachtvoller zu machen, erweiterte man es zum Kompositkapitell, bei dem über dem Akathusblattkranz reich verzierte Voluten prangen. Typisch wurden auch rechtwinklig vorspringende, verkröpfte Gesimse über funktionslosen, vor die Fassade gestellten Säulen.

In der Stadtplanung orientierte man sich ebenfalls an den regelmäßigen Straßenrastern der etruskischen Städte und griechischen Kolonien, ergänzte dieses System jedoch durch eine Nord-Süd- und eine Ost-West-Achse. Nahe der Kreuzung dieser beiden Hauptstraßen entstand das Forum, eine Weiterentwicklung der griechischen Agora, die das Zentrum des öffentlichen Lebens in der Polis war. Die Römer machten daraus einen geschlossenen Platz, um den meist axial öffentliche Gebäude wie die vor allem als Markt- und Gerichtshalle genutzte Basilika, Triumphbögen oder Tempel gruppiert waren - letztere wie bei den Etruskern auf hohem Sockel mit Freitreppe an der Eingangsseite, während die rückwärtigen und seitlichen Cellawände ungegliedert blieben oder mit Wandsäulen dekoriert wurden.

Der Städtebau zeigte sich zudem in prächtigen Theatern, Stadien und Thermen und im Villenbau, der dem Privatbereich mit Gärten, aufwendigen Terassenanlagen, Säulenhallen und Vorbauten, die teilweise bis ins Meer reichten, einen wichtigen Rang einräumte. Das starke Anwachsen der städtischen Bevölkerung machte zudem Wohnsilos erforderlich: der Massenbau entstand.

Für Rom war Architektur Ausdruck von Herrschaft. Überall ließ die Regierung öffentliche Gebäude zu zivilen Zwecken von der Armee errichten, auf natürliche Werkstoffe hatte sie ein Monopol, Ziegel wurden in eigenen Brennereien hergestellt. Symptomatisch scheint es da, daß der Bogen das prägende Element der römischen Architektur war: Während Säulengänge (Kolonnaden) wie beim griechischen Peristyl Ruhe und Statik ausstrahlen, wirken Bogenreihungen (Arkaden) bewegt und dynamisch; die Bögen streben in die Höhe, doch kehren sie immer wieder zur Erde zurück, um dort den Beginn eines neuen Bogens zu bilden und sich so über beliebige Distanz fortzupflanzen. Damit haftet ihnen etwas Expansives, in die Ferne Drängendes an, das durchaus zum Expansionsdrang des Römischen Reiches paßt, das große Gebiete eroberte, dorthin seine Archi tektur exportierte, Fernstraßen baute und mit seinen teils auf Aquädukten geführten Leitungen tief in die Landschaft stieß, um über weite Distanzen Quellwasser in die Städte zu leiten.

Indem sie ihre Technik des Gewölbe- und Kuppelbaus auf immer größere Dimensionen anwandten, gelang es den Römern, riesige Räume ohne Zwischenstützen zu schaffen, wozu ihre Version eines heute allgegenwärtigen Baustoffes behilflich war: Beton, den sie aus Kalk, Bruchsteinen, Wasser und der vulkanischen Erde aus dem nahen Puzzuoli bildeten, in Formen gossen, härteten und dann so vorbauten. Aus ihm besteht beispielsweise die Kuppel des Pantheon, die von außen aus konstruktiven Gründen kaum als solche zu erkennen ist. Als erster großer Kultraum der Antike war dieser Zentralbau ganz nach innen gerichtet.

Die meisten öffentlichen Gebäude zeigten aber auch im Inneren den römischen Hang zur Axialität. Ihre Wirkung wurde unterstützt durch den Schmuck der Gebäude, vor allem durch farbenprächtige Ausmalungen. Sonst war bei repräsentativer und prunkvoller Architektur freilich vieles mehr Schein als Sein, verbarg sich billiger Back-, Bruch- oder Gußstein hinter Marmorverkleidungen, Mosaiken oder Stukkaturen.

(Jan Gympel: Geschichte der Architektur. Von der Antike bis heute. Köln: Könemann 1996. S. 12f.)
 
 

Text 5
Exkurs : N = Napoléon?

[Die Avenue des Champs-Élysées] ist Teil und Grundelement eines Systems, das dem Relief der Neustadt von Paris, westlich des einstigen mittelalterlichen Mauerrings, als strukturelles Gerüst dient. Das gesamte System hat dabei die Form des großen N, das später zum Signet der Napoleoniden wurde. Doch stammt der Entwurf der Anlage noch von ihren Vorgängern, den Bourbonenkönigen. Freilich haben auch die beiden Bonaparte-Kaiser und nach ihnen die jüngere Republik das Ihre hinzugefügt, bei allen sonstigen Gegensätzen einig im Wettstreit um die Verschönerung der Stadt auf der einmal eingeschlagenen Linie.

Die Esplanade, die da als N auf dem Stadtplan erscheint, ist ein breiter Streifen, eine zusammen- hängende Abfolge von Gärten, grünumsäumten Avenuen, Plätzen und großen Gebäudegruppen. All das ist in seinen Dimensionen der Breite der Esplanade angepaßt: 200 Meter im Durchschnitt. In ihrer Mitte verläuft über die ganze Strecke eine Prachtstraße. Sie überspringt alle Hindernisse, umrundet die Plätze, überschreitet zweimal den Fluß als Brückenbahn, verschwindet im Mittelportal sich entgegenstellender Gebäudegruppen, um an deren Rückseite wieder zum Vorschein zu kommen und weiterzuziehen.

Ausgangspunkt im Nordosten ist der Louvre. Die Strecke, die ihn über die Place de la Concorde und die Avenue des Champs-Élysées mit dem Rond-Point verbindet, ist der nördliche Längsbalken der N-Figur. Dort, von dem großen, kreisrunden Platz mit seinen sechs Springbrunnen, biegt die Esplanade im spitzen Winkel nach Süden ab, überschreitet die Seine auf dem Pont Alexandre III, wird von der Esplanade des Invalides aufgenommen und prallt in voller Breite an die Vorderwand des Invalidenkomplexes. Diese Strecke vom Rond-Point bis zum Hôtel des Invalides ist der Schrägbalken des N. Der gigantische, von Louis XIV errichtete Baukomplex "Invalides" bildet zusammen mit der nicht minder voluminösen Gebäudemasse der École Militaire des fünfzehnten Ludwig den Eck- und Grundpfosten, an dessen Nordseite, bei Invalides, der Schrägbalken, der südliche Längsbalken aber in der Hauptfront der École Militaire verankert ist.

Beide Gebäude sind auf seltsam unfranzösische Art, nämlich unregelmäßig, wenn auch zweckbezogen, in geringer Entfernung zueinander übereck gestellt. Die Esplanade findet bei diesem übergroßen Hindernis ein Ende. Nur noch die beiden Mittelwege führen an der Rückseite aus den beiden Gebäudegruppen heraus und laufen in der Place de Lattre de Tassigny zusammen. Den südlichen Längsbalken unserer N-Figur bildet das Champ de Mars. Ursprünglich Exerzier- und Manöverplatz der Offiziersschüler der École Militaire, wurde es nach kurzer Zeit dem Generalstab eingeräumt. Der aber brauchte einen Sandkasten oder eine ganze Landschaft als Übungsgelände, nicht aber ein Exerzierfeld. So wurde das Marsfeld zum Einübungsplatz der eben zu sich selbst erwachenden grande nation, danach zum Gelände von Weltausstellungen.

Heute führt das Champ de Mars, auf den breiten Mittelweg zwischen schmalen Grünstreifen reduziert, die Esplanade von der École Militaire zum Eiffelturm weiter, zwischen dessen Beinen hindurch an die Seine und über den Pont de Jéna geradewegs in die weit aufgehaltenen Arme des Palais de Chaillot, eines modernen Ausstellungs- und Museumspalastes aus dem Jahre 1937 mit weitem vorgelagertem Gartenplatz. Das Palais de Chaillot ist das südwestliche Kopfstück des großen N. An seiner anderen Seite führt von der Place de Trocadéro aus ein ganzes Strahlenbündel von Ausfahrtstraßen aus der Stadt hinaus.

Was ist nun der Sinn des Systems, die Grundlage seiner Konzeption, seine Bedeutung im ganzen wie in den einzelnen Teilen? Welches im besonderen Sinn, Funktion und formgebendes Prinzip seiner Plätze? Praktisch wohl von Anbeginn, den westlichen Stadtteilen städtebaulich und verkehrstechnisch zum Skelett, zur Orientierung zu dienen. Es ist das Paris der Wohn- und Repräsentationsviertel, das Paris zum Herzeigen, das den Fremden, vor allem den Ausländer überwältigen soll. Schon Ludwig XIV. hatte planmäßig damit begonnen, das mittelalterliche Bild der Gemeindestadt auch äußerlich in den Barock der absoluten Monarchie zu übertragen. Allen anderen Fürsten voran hatte er den Mauerring, dies überflüssig gewordene, trübe, an feudales Fehdewesen und Kriege im eigenen Lande gemahnende Gemäuer abgerissen und durch einen Ring grün gerahmter, breiter und luftiger Boulevards ersetzt. Die große Esplanade nun sollte diesen äußeren Ring im Inneren ergänzen. Diesen Zweck erfüllte sie immer noch, als unter Napoleon III. der Baron Haussmann die ganze Stadt systematisch durchforstete, sie nach allen Seiten durch geradlinige breite Verkehrszüge durchbrach, wie es heißt, nach Weisung des Kaisers darauf achtend, daß man gegebenenfalls jede künftige Revolution schon im Keim durch Artilleriefeuer bekämpfen könne.

Der zweite und vermutlich auch in der Vorstellung der verschiedenen Väter gewichtigere Zweck des Systems aber ist wohl die Repräsentation an und für sich. Repräsentation im weitesten Sinne: der schöpferischen Kraft, der nationalen Kultur, der politischen Macht, des gesellschaftlichen Vermögens und Stils. Schön sollte das sein, doch auch machtvoll und prächtig, den Beschauer beeindrucken, der Stadt das Gesicht geben, nicht mehr der Stadt als Gemeinde, sondern der Stadt als Zentrum von Staat und Macht, von Herrschaft und Herrscher. [...]

Welchen Sinn aber, welche Bedeutung im besonderen, welche Aufgabe haben in diesem Ensemble, in der Komposition der Esplanade, die Plätze? Zunächst einmal jenen, den Ablauf in wechselnder Entfernung zu skandieren, die Intervalle zu bestimmen, aus denen sich jeweils das Folgende entwickeln soll. Dazu hat etwa die Place de la Concorde, nachdem sie die ursprüngliche Aufgabe, die Verherrlichung eines Königs, eingebüßt hatte, die neue Funktion gewonnen, Schwerpunkt des strömenden Verkehrs zu sein, der sich zwischen dem Ostteil der Stadt, ihrem Wirtschaftshof, und dem westlichen Wohn- und Repräsentationsraum hin und her bewegt. Einer ähnlichen Aufgabe dient auch der Rond Point.

Die anderen aber? Da ist die sichere Bestimmung oft schwierig. Ist die Place du Caroussel nicht eigentlich eine Parkfläche? Die Esplanade des Invalides - nicht eher ein Platz? Und die Place des Invalides? - doch wohl nur ein Teilstück der Esplanade? Dagegen der Ehrenhof des Invaliden-Hotels - zwar auch er noch immer ein Teil der Esplanade, doch von ihr durch Mauer und Terrasse deutlich abgesetzt - was ist er? Die Place de Varsovie zwischen den Terrassen des Palals Chaillot - wo fängt sie an? Und der Raum zwischen den Beinen des Eiffelturms, dessen unterste Plattform das Dach darüber bildet - was ist das überhaupt? - ein Platz oder was sonst? Der größte Teil dieser unbestimm- ten Räume dient offenbar als Scharnier oder als Übergang, um dem Blick auf die esplanadenbreiten Fassaden eingelagerter Gebäudegruppen den nötigen Abstand zu lassen. Die Place Joffre vor der École Militaire, der schmalste aller Plätze, doch genau genommen nur eine Teilstrecke der Avenue de la Motte? Die Place de l'École Militaire, der kleinste, genaugenommen nur ein Restbestand? Alles Übergänge, sich überschneidende Teilbereiche: platzähnliche Höfe im Innern der Riesenkomplexe, bloße Zufahrten draußen.

All diese Plätze haben ihre wirkliche Funktion als Teil der Gesamtanlage, sind ihr unentbehrlich und im übrigen ihr und ihren eigenen Zwecken völlig untergeordnet, Architekturelemente eines städtebaulichen Ganzen und wie dies Ganze zur Repräsentation bestimmt. Dem Sonnenkönig zuerst: "Líétat c'est moi"; der "grande nation", der "grande armée", dem Vorort westlicher Kultur, dem Zentrum des Zentralismus: dem Stadtkosmos Paris.

(Heinz Coubier: Europäische Stadt-Plätze. Genius und Geschichte. Köln: DuMont 1985. S. 219 - 225.)


 
 
 
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