Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

Königsplätze: Place des Vosges
 
 

Abb. 1
Place Royale (Place des Vosges)

Stich von Perelle. In: Heinz Coubier: Europäische Stadt-Plätze. Genius und Geschichte. 
Köln: DuMont 1985. Umschlagrückseite.

 

Text 1
Europäische Vorbilder

Brussels’ Grand’ Place and the Plaza Mayor of Salamanca are as classical in spirit as they are Baroque in ornament. Together with the piazzas of the Italian Renaissance, they are balanced and enclosed like palace courtyards. The 17th-century ‘places royales’ of France belong to that same tradition, and were created for a similar purpose: as symbols of power and glory in a disorderly world.

In 1600, Paris had a population of half a million, and just two public squares: the parvis of Notre-Dame and the Place de Grève (now the Place de l'Hôtel-de-Ville), both much smaller than they became in the 19th century. Open space was reserved for the use of church, crown and the nobility; the rest of the population was crammed into an insanitary warren of tenements and alleys within the medieval walls. Frorn the compressed triangle of the Place Dauphine on the Ile de la Cité, which Henry IV began in 1606, to the expansive Place de la Concorde, inaugurated by Louis XV in 1763, the professed intention of honoring the monarchy also served to develop the city and create usable public space.

The first planned square in Paris was the Place Royale (now Place des Vosges), which Henry IV commissioned in 1605 as a setting for royal fêtes and as the center of the Marais, an aristocratic faubourg that had supplanted religious foundations established in the 12th century on drained marshland. It was built over a horse market that occupied the site of ehe Hôtel de Tournelles, where Henry II had been killed in a tournarnent fifty years before. Mark Girouard suggests that the symmetrical arcaded square was inspired by the recently completed piazza of Leghom, a planned Florentine port city. Italian influence in France was strong, and Henry's wife was Marie de' Medici. The first plan was utilitarian: there was to be a silk workshop along one side, in place of Leghorn's church, and the other sides would have shops in the arcades and houses above.

The square was designed by Clément Métezeau, who had worked on the royal palace at Fonfainebleau, to become an exklusive residential enclave, with no commercial tenants. [...] Cardinal Richelieu, Molière, Corneille, ministers and nobles were among the first residents, and the graveled expanse of the square became a promenade for fashionable carriages and riders, a must-see for visitors. [...] The Place began to lose its status as soon as Louis XIV established his court at Versailles in 1686. Madame de Sévigné was born at No. 1, and Victor Hugo lived at No. 6 (now the Hugo Museum) but, by the end of the 18th century, the Marais had become a disfrict of artisans’ workshops and poor immigrants. During the Revolution [...] the square changed ist name with every shift of faction: Fédérés, Indivisibilité, Vosges [...]; then back and forwards from Royale to République as the monarchy was restored and dethroned.

(Michael Webb: The City Square. A Historical Evolution. New York: Whitney 1990. S. 84 - 86.)

 

Text 2
Der Typus "Place Royal"

Koinzidenz der Reife? Wer es war, der als erster die Konzeption gefaßt hat, läßt sich dann meist kaum mehr feststellen. Auf jeden Fall war wohl sie es, die als erste fertig dastand, die Place des Vosges in Paris, die aller Welt Beifall fand und ihren späteren Geschwistern als Modell diente. Überall erstanden sie, zahlreich und im Prinzip einander so gleichend, daß man getrost vom Schema sprechen darf, dem Typus "Place Royale".

Henri Quatre hatte sie erdacht. Den Kern des Baugeländes liefert der Grund eines Stadtpalais, das dem Königshaus durch Erbschaft zugefallen war und das Caterina von Medici hatte abreißen lassen. Den Rest des benötigten Raums, ein klares Quadrat, ließ der König rücksichtslos, wie mit einer Kuchenform aus dem Teig, aus dem dichten Häusergewirr herausstechen, das am Rande des dama- ligen Adelsquartiers im Marais sich angesammelt hatte. Hier erstand nun das ganz Neue. Der König, dessen oberstes Herrschaftsziel es war, jedem Franzosen das sonntägliche Huhn im Topf zu sichern, gab dem Platz nichts von der distanzierenden Kühle der Madrider Plaza Mayor, die kurze Zeit nach dem Pariser Königsplatz fertig wurde. Die Place des Vosges, ursprünglich "Place Royale", ist einheitlich in dem noblen und sehr wohnlich wirkenden Stil der französischen Spätrenaissance gehalten. [...]

Im Jahre 1605 hatte der König den Platz geplant und sofort in Arbeit genommen. 1612 schon war die Arbeit abgeschlossen, für Henri IV zu spät: er starb 1610 durch Mörderhand. So wurde anstatt des seinen in die Mitte des Platzes das Reiterdenkmal seines Sohnes und Nachfolgers gesetzt, Ludwigs XIII. Des Königs allmächtiger Minister, der Kardinal Richelieu, hatte es aufstellen lassen. Von nun an galt das königliche Reiterdenkmal für den Typus der Place Royale als obligatorisch.

(Heinz Coubier: Europäische Stadt-Plätze. Genius und Geschichte. Köln: DuMont 1985. S. 207f.)

 

Text 2
Privilegierte Residenz der aristokratischen Gesellschaft

Die Place Royale, seit der Revolution in Place des Vosges umbenannt, ist vielleicht das schönste städtebauliche Ensemble in Paris. Sie ist überdies der erste Pariser Königsplatz und wurde somit typenbildend für ganz Europa. Nachdem das Palais des Tournelles im Winkel zwischen der Rue St. Antoine und der Stadtbefestigung geschleift worden war, bestand dieses ominöse Areal zunächst aus einem öden Platz, dessen Grundstücke unverkäuflich blieben und auf dem ein Pferdemarkt abgehalten wurde. 1605 erließ Heinrich IV. eine Ordonnanz, wonach hier ein vierseitiger Platz entstehen sollte. Drei Seiten waren für Privatleute bestimmt, die hier "selon notre dessin", also nach den Plänen des Königs bauen sollten, während auf der Nordseite eine Manufaktur geplant war; auch diese ist dann jedoch wie die anderen bebaut worden. Der eigentliche, ursprünglich nur von der Nordwestecke für Fahrzeuge und durch drei Fußgängerarkaden zugängliche Platz war also verkehrsberuhigt geplant und sollte als "Promenoir" für "die in ihren Häusern stark eingeengten Bürger" dienen - eine sicherlich sehr populäre Maßnahme, die bis heute trotz des Straßendurchbruchs im Nordosten nachgewirkt hat. Auch die ästhetische Erscheinung war in dem Erlaß schon dahingehend festgelegt, daß "alles nach einer selben Symmetrie gebaut werden" und daß die "Fassadenmauern aus Haustein und Ziegeln" bestehen sollten. Die dreigeschossigen Häuser haben vier Achsen, die sich in die Lukarnen der steilen Schieferdächer fortsetzen. Die Arkadengalerien des Erdgeschosses sollten, ähnlich wie die späteren Passagen, verkaufsfördernd für die dort untergebrachten Läden dienen. Nachdem der Plan der Manufaktur - wohl auf Betreiben Sullys - aufgegeben und die schon begonnenen Arbeiterwohnungen wieder beseitigt waren, entwickelte sich der Platz zum repräsentativen Zentrum eines nunmehr vom Adel bevorzugten Viertels. 1612 wurde er, obwohl sicher noch nicht in allen Teilen fertig, durch ein Ringelstechen eingeweiht, und die in seiner Mitte angeschüttete Sandbahn sollte noch oft Schauplatz von Turnieren sein, womit eine alte Tradition weitergeführt wurde. 

Formalästhetisch ist der Platz sehr geschickt gestaltet, indem die Einzelhäuser durch ein eigenes Sattelwalmdach und die jeweils vergrößerten zwei Mittellukarnen zwar noch wahrnehmbar sind, aber die vier Fensterachsen verhindern eine zu starke Zentrierung der Einzelfassaden und verstärken den seriellen Effekt, weil das Auge sich nicht "festhält" und so die Reihung leichter wahrnimmt. Diese wird nur von dem Pavillon du Roi und dem Pavillon de la Reine in der Mitte der Nord- und Südseite unter- brochen: Sie haben zwar ebenfalls nur drei Geschosse, sind aber durch ein erhöhtes Untergeschoß, einen nachdrücklich betonten Bel Etage, ein gänzlich isoliertes steileres Dach und vor allem auch durch ihre fünf Achsen, die diesen Platzseiten eine Mitte geben, deutlich hervorgehoben. Diese Anordnung liefert ein schönes und sympathisches Abbild für das Selbstverständnis der Monarchie unter Heinrich IV., indem König und Königin nicht als Gleiche unter Gleichen rangieren, sich aber nur mäßig und bescheiden von ihrer Umgebung "distinguieren", in die sie ansonsten kompositorisch eingepaßt sind. Diese vornehme Zurückhaltung der Monarchie sollte schon bald aufgegeben werden, und die Place Royale sollte dabei eine gewisse Vorreiterrolle spielen; denn im Jahre 1639 ist hier eine in der Revolution zerstörte Statue von Ludwig XIII. aufgestellt worden. Damit war der Platz in viel stärkerem Maße ein Ort monarchistisch-absolutistischer Ostentation, ein "Königsplatz" geworden. Ulrich Keller hat den Typus des Königsplatzes definiert als einen architektonischeu Rahmen für ein Herrscherstandbild, wobei der Platz eine regelmäßige Form und seine Gebäude eine einheitliche Ordnung haben. [...] 

Die Place Royale liefert in ihrem Funktionswandel ein Musterbeispiel dafür, wie unterschiedlich ein Ort wahrgenommen werden kann. Als Bereich der Produktion, Zirkulation und Reproduktion geplant, wurde dieser Ort durch die Eliminierung der Manufaktur und Arbeiterwohnungen zur privilegierten Residenz des Adels. Als Turnierplatz war er dann zu einer Art Theater für die gehobene Gesellschaft geworden, und erst im Zuge dieser Entwicklung kamen dann die schmiedeeisernen Balkons der Häuser hinzu. Obwohl die Aufstellung des Standbildes von Ludwig XIII. die Autorität des Ortes erhöhte, blieb er doch Stelldichein für Duellanten, bis er in einen Dornröschenschlaf versank. Denn wenn hier auch das Zentrum neuerlicher demokratischer Öffentlichkeit in Gestalt des Salons der Madame de Sévigné gelegen haben mag, so war die Place Royale zu Zeiten von Victor Hugo doch eher Rückzugsgebiet.

(Dieter Kimpel: Paris. Führer durch die Stadtbaugeschichte. München: Hirmer 1982. S. 187 - 189.)

 

Text 4
Ruhmvolles Denkmal der französischen Architektur

Es war eine der großen Konzeptionen König Heinrichs IV. und eine völlig neuzeitliche, ganz persönliche Eingebung zugleich, einen großen, von Häusern umsäumten Platz anzulegen, bei dem jedes Bauelement [...] zu den wesentlichen architektonischen Grundzügen eines neuen Paris gehören sollten. Der König war Eigentümer jener Ländereien, wo sich einst das 1563 abgerissene 
Palais des Tournelles befunden hatte. Sie stellten im damaligen Zustand des Brachbodens eine Reihe von Parzellen des Marais-Geländes dar. Teilweise wurden sie von dem erwähnten Pferdemarkt in Anspruch genommen, den man in diesem Garten- oder Freigelände veranstaltete.

Wiewohl der König François Miron, den Prévot oder Vogt von Paris, hochschätzte, nahm er zusätzlich und durchaus willkürlich gewisse, der Pariser Bürgerschaft gehörige Stücke des verkommenen Bodens in Anspruch, mit der Begründung, "dieser schönen, willfährigen Stadt, voll von Annehmlichkeiten", das zukommen zu lassen, "was in seiner Macht stand". [...]

Der Baukontrakt von 1605 legte im Detail sorgfältig fest, daß die Häuser gleichen Aussehens sein müßten, wobei das Mauerwerk in dem Verbund roter Ziegel und heller, behauener Natursteine zu errichten sei, wie wir es heute erblicken, während die Dächer mit Schiefer gedeckt werden sollten. Als Nutzung für die Bodengeschosse hinter den überwölbten Bogengängen, die den Platz im Parterre umziehen, sah man Läden vor. Dieses Programm führte man höchst exakt durch, und seither hat sich an dem Bild kaum etwas geändert. Die Patentbriefe von 1605 besitzen für die Erhaltung des Bauzustandes der Häuser noch immer die alte Gültigkeit.

Der ungestüme, leidenschaftlich für das Bauwesen eingenommene Geist Heinrichs IV. ließ den Unternehmern keine ruhige Minute. Schon früh am Morgen fand er sich auf den Arbeitsplätzen ein. Das ganze Projekt entwickelte sich zu einem ausgezeichneten Geschäft für die Staatskasse. Die ersten Eigentümer sollten denn auch, wie konnte es anders sein, in der Mehrzahl Titelträger von königlichen Ämtern werden, sei es gezwungenermaßen oder daß sie die Gunst der Stunde erkannten. [...]

Wer der eigentliche Baumeister war? Sein Name ist nicht auf uns gekommen. Man darf aber unterstellen, daß es sich bei den Plänen um eine Gemeinschaftsarbeit handelte und daß der Geschmack Heinrichs IV. eine nicht unwesentliche Rolle dabei gespielt hat. Als seine ständigen Architekten fungierten damals Louis Métezeau und Jacques Androuet du Cerceau. Möglicherweise hatte auch Claude Châtillon, Ingenieur und Topograph, seine Hand im Spiel, der uns einen genauen Kupferstich des Platzes hinterließ. Sei dem, wie es sei, wir sehen uns Häusergruppen gegenüber, deren gleichmäßige Abfolge, weit entfernt, Langeweile und Monotonie zu erzeugen, genau die Großartigkeit und nachbarliche Nähe, die adelige Gesinnung und die schlichte Anmut des damaligen Lebens spiegelt. Das Rosa und Hell der Fassaden, das Blaugrau der Dächer bilden miteinander eine geradezu kostbare und dezente Harmonie. Dieser Farbzauber trägt viel dazu bei, daß die Gebäude einander zu gleichen scheinen, ohne es doch wirklich zu tun. [...]

In der städtebaulichen Wirklichkeit freilich blieb die Place Royale anstelle der Trümmer des Hôtels oder Palais des Tournelles eine umschlossene Enklave, ein eingefriedigter Raum mit zwei Durchgangstoren unter den hohen Pavillons im Norden und Süden. Eine weitere Passage an der Nordostecke ist verschwunden. Doch sollte der Platz bald zum Mittelpunkt des neuen Marais-Viertels werden. Man wußte seine sorgfältig geführten Gehsteige in einer Zeit enger Gassen zu schätzen. Noch bis zur Regierungszeit Ludwigs XIV. dauerte diese Beliebtheit an. Alte Familien wohnten hier noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, als das Quartier seine Anziehungskraft verlor. Der Platz kam aus der Mode, schien entlegen, bekam eine provinzielle Note. Die Revolution sollte die Reiterstatue Ludwigs XIII. in seiner Mitte zerstören, die Richelieu durch Biard hatte errichten lassen. Sie ist 1819 durch eine mittelmäßige Arbeit der Bildhauer Cortot und Dupaty ersetzt worden. Der Platz veränderte seinen Namen. 1790 nahm er den einer "Place de la Revolution" an, dann wurde er während des Konsulates zur "Place de Vosges", weil man in Paris erfuhr, daß die Landeskinder dieses Departements ihre Steuern am reichlichsten und voll Eifer für die neue Sache entrichteten.

Er ist der älteste und zugleich am vollständigsten erhaltene Platz der Hauptstadt. Zudem existiert nirgendwo in Frankreich, ausgenommen die Pariser Place Vendôme, eine solch geschlossene Häusergruppe, die bei allem Reichtum eine ähnliche Harmonie ausstrahlt. Es mutet wunderbar an, daß die Revolutionszeit, in der man so achtungslos mit den Monumenten umsprang, vorüberging, ohne einen Streich gegen dieses Werk aus der Zeit der Monarchie geführt zu haben. Gleichwohl bleibt dieser Platz ohnegleichen heutigentages außerhalb der Marschroute der meisten Touristen. Einzig jene mit dem Gespür des Kenners erscheinen, um dieses große Beispiel eines der ruhmvollsten Denkmäler französischer Architektur zu bewundern.

(Bernard Champigneulle: Paris - ein Führer. 2. Aufl. München: Prestel 1982. S. 196 - 200.)

 


 
 
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