Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

Königsplätze: Place des Victoires
 
 

Abb. 1
Place des Victoires

Stich von Claude Aveline. 
In: Dieter Kimpel: Paris. Führer durch die Stadtbaugeschichte. München: Hirmer 1982. S. 239.

 
 
Text 1
Place des Victoires: Ein städtebauliches Kleinod

Er hinterläßt heute einen zwiespältigen Eindruck, dieser Platz der Siege. Was ehedem als städtebauliches Kleinod von hohem Rang gelten durfte, ist zur verkehrsreichen Kreuzung eines betriebsamen Handelsviertels geworden. Warum diese Anlage »Place des Victoires« genannt wurde? Der Friede von Nimwegen beendete 1679 die "Holländischen Kriege" Ludwigs XIV. nach einer Reihe militärischer Erfolge; der König schien ganz Europa zu beherrschen. Zur Erinnerung an die Waffentaten und als Dank an den Monarchen ließ der Marschall de la Feuillade, als Held der blutigen Schlachtfelder zum Pair von Frankreich erhoben, dazu reich vom König dotiert, diesen Platz anlegen. [...]

Der Place des Victoires sind schlimme Verschandelungen widerfahren. Die Gesamtkomposition, von Mansart entworfen und ein Paradebeispiel für Regelmäßigkeit und Harmonie - hundert Jahre lang diente sie als Modell für die großen Platzanlagen Frankreichs - wurde empfindlich durch zusammenhanglose Änderung oder Neubauten anderen Maßstabs bei der Mehrzahl der umliegenden Häuser gestört. Der Durchbruch der Rue Etienne-Marcel irn Jahre 1883 riß buchstäblich einen urbanen Raum auf, dessen besondere Wirkung, zumindest dem Anschein nach, in seiner Geschlossenheit lag.

Die architektonische Reinheit des Platzes der Siege in seiner so hohen Qualität wurde zudem aus- gangs des vorigen Jahrhunderts stark durch die marktschreierischen Ankündigungen der Kaufmannschaft beeinträchtigt. Fassaden, Pilaster verschwanden hinter Reklameschildern. Glücklicherweise haben dem neuerdings Restaurierungsarbeiten [...] abgeholfen. Was als offenbarer Schandfleck wirkte, ist inzwischen verschwunden.

(Bernard Champigneulle: Paris - ein Führer. 2. Aufl. München: Prestel 1982. S. 264 - 266.) 
 
 

Text 2
Place des Victoires: Ein Denkmal lobhudelnder Submission

So wie zu Anfang des Jahrhunderts die Place des Vosges [...] entstanden zu dessen Ende zwei weitere Königsplätze, die diesem Typus städtebaulicher Raumgestaltung international zum Durchbruch verhelfen sollten: die Place des Victoires und die Place Louis-le-Grand. Sie haben beide eine verwickelte Bau- und Planungsgeschichte und sind in ihrem heutigen Zustand nicht mehr in ihrer ursprünglichen Konzeption wahrnehmbar. Während die Place des Victoires durch spätere Umbauten verunstaltet ist, die rückgängig zu machen wären, ist die Place Vendôme erst nach verschiedenen Planwechseln so zustande gekommen, wie sie sich uns heute darbietet. Beide Plätze leiden zusätzlich darunter, daß ihre sinngebenden Zentren jeweils entstellend verändert sind.

Der Maréchal de la Feuillade hatte nach dem für Frankreich vorteilhaften Frieden von Nymwegen bei dem Hofbildhauer Martin Desjardins ein Standbild Ludwigs XIV. bestellt (1679 - 1683) und ihm 1684 den Auftrag gegeben, eine [vier Meter hohe] Bronzestatue anzufertigen, die mit Sockel eine Höhe von etwa zwölf Metern erreichen sollte. Sie stellte den König in Krönungsornat dar, der von der Allegorie der Unsterblichkeit gekrönt wurde und irgendwelche "Untermenschen" [am Sockel befanden sich vier gefesselte Krieger, die Deutschland, Piemont, Spanien und Holland als besiegte Länder verkörperten] mit Füßen trat. Man versteht, wieso dieses Standbild in der Revolution eingeschmolzen und 1822 durch ein weniger provozierendes Reiterbild von Bosio ersetzt worden ist. Für den Platz ist jedoch wichtig zu wissen, daß die Idee des Stand- oder Kultbildes ausschlaggebend war, denn die erforderlichen Grundstückskäufe erfolgten erst ab 1685. Mit der diffizilen Planung war Jules Hardouin-Mansart (1646 - 1708) beauftragt, der wegen der unregelmäßigen auf den Platz mündenden Straßenverläufe diesem die Grundrißform eines Omega gab. Den Platzfassaden gab er eine kolossale jonische Ordnung über einem gebänderten Arkadengeschoß und krönte das Rund durch Mansart-Dächer. Die Fassadenhöhe war so berechnet, daß das Hauptgesims die Statue, auch wenn man sie von der Peripherie des Platzes betrachtete, nicht überragte. Durch neue Straßendurchbrüche, ein neues - in seiner Haupt- ansicht verdrehtes - Denkmal und durch die unproportionale Aufstockung der Gebäude und der angrenzenden Bauten ist der Platz nicht mehr als Kultstätte des Absolutismus erfahrbar. Man muß nämlich auch wissen, Daß die Statue des Königs ehemals von Pylonen umstanden, ständig bewacht und von vier "ewigen Leuchten" erhellt worden ist. Man mag solche Devotion seitens eines Höflings mit ihren Anleihen beim katholischen Kultus absurd finden, sie spiegelt jedoch sehr deutlich die Abhängigkeit wider, in welche der hohe Adel gegenüber dem absolutistischen Herrscher geraten war. Insofern ist die Place des Victoires vielleicht das eindrucksvollste Denkmal lobhudelnder Submission.

(Dieter Kimpel: Paris. Ein Führer durch die Stadtbaugeschichte. München: Hirmer 1982. S. 238 - 241.)
 
 

Text 3
Exkurs über das Schicksal plastischer Werke

In den frühesten Zeiten hatten die Eroberer zweifellos vor allem religiöse Gründe für ihren Raub, da sie mit den religiösen Kunstdenkmälern zugleich die Macht der fremden Götter ihrer Feinde wegnahmen und sie der eigenen unterwarfen und zufügten. Da weiterhin siegreiche Herrscher gewöhnlich die unterlegenen ersetzten (die häufig umgebracht wurden), so trat deren Bildwelt und die ihrer Dynastien in den Dienst des Siegers, und ihre Namen wurden an den Kunstdenkmälern durch den seinen ersetzt. Als mit der Zeit Bildwerke aus Gold, Elfenbein und anderen kostbaren Materialien angefertigt wurden, [...] begann auch die Habgier ein Rolle zu spielen. [...] Zuletzt wurden dann Kunstwerke wie in Griechenland und Rom um ihres eigenen künstlerischen Wertes oder dem Ruhm des Künstlers wegen geraubt. [...]

Mit den Christianisierungsmaßnahmen Kaiser Justinians wurden alle heidnischen Tempel in Griechenland und im ganzen Osten geschlossen. Während dabei zweifellos viele Kunstwerke von den eifrigen christlichen Geistlichen zerstört wurden, gelangten andere wiederum nach Konstantinopel [...]. Dies war die Athena Promachos, die Bronzestatue des Phidias, welche die Athener nach ihrem Sieg über die Perser auf der Akropolis als Weihgabe an die Göttin und Symbol des alten Ruhmes der Stadt aufgestellt hatten. Dreißig Fuß hoch ragte sie zwischen Parthenon und Erechtheion empor und konnte von den Schiffen schon von weitem gesehen werden. Nachdem sie nach Konstantinopel übergeführt worden war, überlebte sie dort weitere siebenhundert Jahre, nur um von den Kreuzfahrern in jenem verhängnisvollen Jahr 1204 zerstört zu werden, das der klassischen Tradition im Osten ein Ende setzte wie die Eroberung Roms durch die Barbaren im Westen. [...] Nach diesem Ereignis der Plünderung Konstantinopels, das in gewissem Sinn die Welt des Altertums beschließt, hören wir für Jahrhunderte nicht mehr von Kunsträubereien in entsprechendem Ausmaß. [...]

Als im Jahr 1792 die latente Revolution offen ausbrach, waren ihre Ziele, soweit es die Vergangenheit betraf, klar definiert; nämlich alle Spuren des vergangenen "ancien régime", d. h. der Monarchie, der Aristokratie und der Feudalmacht der Kirche zu vernichten. [...]

Am Tag nach der Plünderung der Tuilerien, es war der 10. August 1792, ergriff laut "Moniteur" der Abgeordnete Sers das Wort im Konvent und sagte: "Das Volk ist im Begriff, alle Statuen umzustürzen, die auf den öffentlichen Plätzen stehen. Diese Aktion kann, von ungeschickten Händen ausgeführt, das größte Unglück verursachen. Ich beantrage, daß man Ingenieure oder Architekten anstellt, die Arbeit zu leiten." Als ein anderer Abgeordneter einwarf, daß die Nationalversammlung doch nicht die Vernichtung der Statuen legalisieren könne, wurde ihm erwidert, es sei die Pflicht, Charakterstärke zu beweisen und nicht vor der Zerstörung aller Denkmäler des Despotismus, des Vorurteils und Hochmuts zurückzuscheuen. So wurde beschlossen, daß in Paris wie in ganz Frankreich alle Denkmäler und Inschriften entfernt werden sollten, welche der Kirche, dem Königtum oder Adel gewidmet waren. Unter den ersten Denkmälern, welche der Volkswut in Paris zum Opfer fielen, waren die Reiterstatuen Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. und sein Standbild auf der Place des Victoires. [...]

Wie zu erwarten war, brachten die fanatischen Zerstörungen und Plünderungen der Kunstwerke Reaktionen unter vernünftiger Denkenden hervor [...]. Damit begann eine neue Phase in der franzö- sischen Kunstpolitik. [...] Die Idee setzte sich durch, daß es sinnlos sei, Kunstwerke zu zerstören, die nationaler Besitz geworden seien. 

(Peter Wescher: Kunstraub unter Napoleon. Berlin 1976. S. 11f., 18, 20, 28, 33. Zit. n.: Klaus Kowalski: Plastik. Arbeitsheft. Stuttgart: Klett 1986. S. 40.)
 
 

Abb. 2
Denkmalssturz

Bildunterschriften:
1. 
Das Denkmal Ludwigs XV. wird auf der Place des Victoires niedergerissen. 11. - 13. August 1792. Nach einem zeitgenössischen Stich. Ausschnitt. In: Klaus Kowalski: Plastik. Arbeitsheft. Stuttgart: Klett 1986. S. 40.

2.
Die Pariser reißen die Statue Ludwigs XIV. auf der Place Vendôme vom Sockel: Wenn der Sonnenkönig fällt, wie lange wird sich Ludwig XVI. noch halten? In: Frank Bahr u. a. (Hrsg.): Grundkurse Geschichte. Darmstadt: Winklers 1984. S. 24.


 
 
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