Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

Königsplätze: Place Vendôme
 
 

Abb. 1
 Place Louis-le-Grand (Place Vendôme)

Stich von Claude Aveline. In: Michael Webb: The City Square. A Historical Evolution. New York: Whitney 1990. S. 88.
 
 

Text 1
Place Vendôme: Repräsentation als Selbstzweck

Mit der "Place des Vosges" hatte nicht nur Henri IV, sondern nun auch Ludwig XIII. seine "Place Royale". Dessen Nachfolger, der vierzehnte Ludwig, erhielt die seine weiter im Westen der Stadt, die "Place Vendôme". Auch hier wurde zu diesem Zweck ein Quadrat aus der Bausubstanz ausgestochen. Auch hier bildete den Kern des Geländes ein älteres Stadtpalais, eben das des Herzogs von Vendôme. Nur war nun schon ein neues Element im Spiel: die Bodenspekulation. Der große Baumeister des Zeitalters, Jules Hardouin-Mansart, hatte das Palais und einiges andere in seiner Umgebung aufgekauft, die Fläche arrondiert und parzelliert und wollte sie nun einheitlich bebauen, um sie stückweise weiterzuverkaufen oder zu vermieten. Der Minister Louvois legte sich ins Mittel und veranlaßte ihn, aus dem Ganzen eine neue "Place Royale" zu machen, den Königsplatz des neuen Königs. Doch hatte sich die Zeit geändert und mit ihr der Zeitgeist. Nicht mehr wohnlich sollte er sein, sondern majestä- tisch, ein Repräsentationsraum. Auch die Gebäude sollten nun nicht mehr als Wohnung dienen, sondern der Selbstdarstellung des Staates: die Akademie, eine Bibliothek, die Münze und ein Gästehaus für hohe Staatsgäste im Rang eines Sonderbotschafters. Und noch etwas hatte sich entscheidend geändert: Nicht mehr auf die Gebäude als ein integriertes Ganzes kam es an. Wichtig war zuoberst die Fassade. War sie nur einheitlich, so konnte man was, sich dahinter verbarg, höchst individuell und ganz unterschiedlich ausführen, sowohl den Bau wie seine Einteilung. Die Fassade um ihrer selbst willen, Repräsentation als Selbstzweck. [...] Das Gesamt in seiner kühlen, gelassenen, in seiner spezifisch französischen Schönheit, der wir nun immer wieder begegnen werden: Regelmäßigkeit, Symmetrie, geradlinige Klarheit - übersichtlich, vernünftig, ohne irritierendes, doch auch verlockendes Geheimnis. Auch die Place Vendôme ist in jeder Hinsicht ein geschlossener Raum. [...] [Über den Arkaden] gibt es Pilaster, zwei Stock hoch, und noch etwas höher steile französische Dächer mit den typischen, nach ihrem Erbauer benannten Mansardenfenstern, die den Platz in ununterbrochenem Zuge umschließen. Der Platz zeigt noch heute das ursprüngliche Gesicht: kühl, angenehm, festlich-distanziert, doch nicht abweisend.

(Heinz Coubier: Europäische Stadtplätze. Genius und Geschichte. Köln: DuMont 1985. S. 208 - 211.)
 
 

Text 2
Place Vendôme: Residenz der Hochfinanz

Hardouin-Mansart war auch an der Place Vendôme beteiligt, und zwar nicht nur als deren Architekt (die Planung der schließlich gebauten Wohnungen und sonstigen Innenräumlichkeiten wurde von deren Eignern dann anderen Architekten übertragen), sondern auch als Spekulant. Er hatte sich nämlich mit anderen Geldgebern zusammengetan, um hier an der Stelle des alten Hôtel Vendôme ein neues städtebauliches Zentrum zu errichten, dessen Attraktivität durch die Unterbringung hoher Institutionen wie der königlichen Bibliothek, der Münze, der Staatskanzlei, wissenschaftlicher Akademien und Botschaften gesteigert werden sollte. Der eigentliche Initiator war jedoch der Superintendent des Bauwesens Louvois, der es als Nachfolger des allmächtigen Colbert dem Marschall de la Feuillade gleichtun wollte, um in der Huld des Königs nicht hintanzustellen.

Zunächst wurden die Baumaßnahmen z.T. aus der königlichen Privatschatulle finanziert, weil sie Gewinn versprachen. Hardouin-Mansart ließ die Fassaden eines riesigen, 152 x 177 m messenden rechteckigen Platzes errichten, dessen südliche Seite unbebaut war und sich auf die Rue St-Honoré als Hauptverkehrsader dieses vornehmen Stadtteils öffnete, während an der Nordseite eine Straßenschlucht die Fassade der ehemaligen Kapuzinerkirche als Point-de-Vue hatte. Dieser erste Planungszustand wurde von den Königsplätzen in Bordeaux und Lissabon kopiert, blieb aber hier ein Potemkinsches Dorf. Denn über Jahre hinaus standen die Fassaden, die jene der Place des Victoires vor allem dadurch zu übertreffen suchten, daß sie statt einer ionischen eine korinthische Kolossalordnung erhielten, als Attrappen herum. Man hatte 1686 Interessenten mit großer Publizität und Steuervor- teilen gelockt und die Fassaden zunächst auch aus deren Einlagen bezahlt, aber es fanden sich nicht genug, um die weiteren Baumaßnahmen zu finanzieren. Die nun folgende Kriegswirtschaft verhinderte vorerst weitere Aktivitäten, und erst 1699 wurde das für die Platzmitte bestimmte bronzene Reiterstandbild des Königs von Girardon aufgestellt, das jedoch von vornherein zur Konzeption des Platzes gehört hatte.

1699 trat auch beim König ein Sinneswandel ein, den Hardouin-Mansart, der in diesem Jahre Superintendent der königlichen Bauten geworden war, mitbestimmt haben dürfte und der zur heutigen Platzgestalt führte. Der König "schenkte" nämlich nun das mißglückte Spekulationsobjekt der Stadt mit der Auflage, daß diese als Gegenleistung ein "Hôtel des Mousquétaires" - also eine Art Kaserne - zu errichten hatte, deren Bau- und Folgekosten somit vom Staats- auf den Stadthaushalt umgebucht wurden. Die Stadt kompensierte diese finanziell sicher nicht unerhebliche Verpflichtung, von der wir nicht wissen, ob sie letzten Endes vorteilhaft oder nachteilig war, durch eine Neuplanung der ehemals so genannten "Place Louis-le-Grand". Man riß die bestehenden Platzfassaden ab, verkleinerte den Platz auf 140 x 124 m, umbaute ihn, um mehr Interessenten zu finden, jetzt auf allen Seiten, gab ihm durch die schräg gestellten Risalite mit Giebeln in den vier Ecken einen achteckigen Grundriß und öffnete auf der Südseite lediglich eine Straße, die ihrerseits durch eine Kirchenfassade (die unter Napoleon abgerissenen "Feuillantines") einen Point-de-Vue erhielt. Das neue Konzept war insofern erfolgreich, als sich nun die "Hochfinanz" und auch der berühmte Jean Law hier ansiedelten. Damit wurde der Platz also Zeugnis für einen anderen Aspekt des "Königsmechanismus", für die Allianz von absoluter Monarchie und Finanzkapital, denn im Verständnis des alten Adels wohnten hier vor allem "Neureiche".

Auch bei der Place Vendôme muß man wissen, wie sich deren Erscheinungsbild verändert hat, um die ursprüngliche Bedeutung wieder erfahren. Unter Napoleon wurden die Kirchenfassaden am Ende der nördlich und südlich einmündenden Straßen abgerissen, und der Platz wurde stärker in den städtischen Verkehr einbezogen, so daß er nicht mehr als ein auf den König zentriertes innenräumliches Gefüge wahrnehmbar ist. Am stärksten wird dieser Eindruck durch die Vendôme-Säule konterkariert, die hier jegliche Maßstäblichkeit sprengt.

(Dieter Kimpel: Paris. Führer durch die Stadtbaugeschichte. München: Hirmer 1982. S. 241 - 243.)
 
 

Text 3
Bewohner I

Die Place Vendôme, ein architektonisches Juwel, strotzt von interessanten Menschen und Lebensläufen. Das Haus Nummer 8 wurde von illustren Mietern, Herrn und Frau von Marigny, bewohnt. Der Marquis war ein Bruder der Madame Pompadour und Verwalter der königlichen Grundstücke.

In der Nummer 10 befand sich die Hauptverwaltung der "Compagnie de Suez", mit dem berühmten Ferdinand von Lesseps als Präsidenten.

In der Nummer 12 lebte und starb Frédéric Chopin. Einige Zeit später war dies die Wohnung der Gräfin von Montijo mit ihrer Tochter Eugénie, die eines Tages ihren Nachbarn heiratete und Kaiserin wurde. Nachbar war Napoleon III., der in der Nummer 6 wohnte, im "Hôtel du Rhin". Dieses Haus Nr. 12 ist so schön, daß sich nach einiger Zeit auch die Suezgesellschaft dort einmietete. 1907 wurde ein Laden daraus, aber nicht irgendeiner. Der Juwelier, der hier einzog, Chaumet, war einer der großen seines Fachs und bekannt für teuerste Pretiosen. Aus seinem Atelier stammen die Kronen von Napoleon I. und seiner Frau Marie-Louise, der Degen des Kaisers und der Schmuck der Kaiserin, aber auch Pretiosen des englischen Königshauses.

Im Nebenhaus, in der Nummer 16, wurde öffentliche Meinung gemacht. Hier saßen die Redakteure der Staatszeitung "Le Moniteur" bis 1854, ehe das Blatt auf die andere Seite der Seine wechselte.

Im Haus Nummer 15 residierte der bekannte und gefürchtete "Credit Mobilier", eine Bank für Unternehmensfinanzierungen im ganz großen Stil. An der Spitze standen Émile und Isaac Pereire, geniale Leute, die Kreditgeber für ganz Europa, leider auch die größten Börsenjobber und Spekulanten, die auf Kosten anderer den totalen Crash im aufblühenden Frankreich riskierten. [...] Paris wurde umgebaut mit Krediten von Pereire, die der Seinepräfekt Eugène Haussmann für die neuen breiten Pariser Boulevards ausgab, 2,5 Milliarden Francs, und nichts davon zum eigenen Nachteil. Um die Wertpapiere auf den Namen Crédit Mobilier rissen sich die Käufer. Die Hausse entstand, weil Napoleon III. und seine Regierung als Protegés auftraten, ebenfalls unter Umgehung eigener Nachteile. Mit Krediten wuchs Frankreich über sich und seine Nachbarländer hinaus. Paris lebte vom Kredit, vom Crédit Mobilier, von Pereire. Typisch für Kredite ist es, daß sie zurückgezahlt werden müssen. Oder es folgt eine Kettenreaktion von Katastrophen. Die Schuldenreiterei der Pereires, des Staates, die Nettokreditaufnahme, wie dieses selbstmörderische Verfahren im Sprachgebrauch der modernen Machthaber unserer 70er Jahre genannt worden ist, nahm ein qualvolles Ende. Die Aktien des Crédit Mobilier fielen von 2000 Francs im Jahr 1856 auf armselige 145 Francs am 21. November 1867. Émile und Isaac Pereire hatten den Bogen überspannt und waren am Ende, die Aktionäre hatten alles verloren. [...]

Der Crédit Mobilier zog sich in die Bedeutungslosigkeit zurück. Am 13. Juli 1896 wurde auch das attraktive Bankgebäude verkauft, das unter neuen Vorzeichen einer großartigen Blüte entgegenging. Der Käufer war Cesar Ritz, einst Hilfskellner im berühmten "Voisin". [...] Er hatte das Haus für 1,7 Millionen Francs gekauft und gliederte ihm auch das Nachbargebäude Nr. 17 an. Der Weinkeller des Hotels reicht weit bis unter den Platz. Sohn Charles Ritz führte das Hotel bis zu seinem Tod 1976, dann ging das renommierte Haus, in ägyptische Hände über, für 25 Millionen Dollar!

Isaac Pereire war übrigens einer der fleißigsten in der Bank Crédit Mobilier. Er kam und ging als erster und letzter, was ihm besonders leicht fiel, denn er wohnte privat in unmittelbarer Nachbarschaft zur Bank, Place Vendôme 20.

(Siegfried Papst: Paris für Neugierige. Ein Führer zu Menschen, Ereignissen und Schauplätzen. Frankfurt a. M.: Umschau 1986. S. 102 - 109.)
 
 

Text 4
Bewohner II

Im Hôtel Moufle, 16 Place Vendôme, wirkte 1778 bis 1785 der Magnetiseur Franz Anton Mesmer, dessen therapeutische Séancen sich ungeheuren Zulaufs erfreuten. Im Mittelpunkt der Sitzungen stand das von Mesmer konstruierte "baquet", eine mit Wasser und Eisenspänen gefüllte Wanne, der über metallene Stäbe das heilende Fluidum entströmen sollte. Natürlich fand Mesmer mit seinen Behan lungsmethoden nicht nur Zustimmung: Eine Untersuchungskommission, der Benjamin Franklin, Lavoisier und der nachmals so berüchtigte Dr. Guillotin angehörten, kam zu einem vernichtenden Urteil. Seiner Beliebtheit tat dies keinen Abbruch, ebensowenig der Tod einiger Patienten. Erst die Revolution vertrieb den inzwischen schwerreich Gewordenen aus Paris.

Das Haus gegenüber (Nr. 13) ist das Justizministerium. Links vom Eingang wurde 1799 eine Marmorplatte angebracht, die die Pariser mit dem neu eingeführten metrischen System vertraut machen sollte; bis dahin waren als Längenmaße perche (Rute), toise (Klafter) und pied (Fuß) üblich gewesen. Entgegen einer weitverbreiteten Ansicht handelt es sich hier nicht um das berühmte Urmeter: Dieses wird im Keller des Bureau International des Poids et Mesures in Sèvres bei gleichbleibender Tempera- tur und Luftfeuchtigkeit aufbewahrt und - ähnlich wie Karfreitags der Gral - einmal im Jahr im Rahmen einer kleinen Zeremonie ans Tageslicht gehoben.

Im Nachbarhaus (Nr. 15) wohnte 1891 - 1895 Theodor Herzl, damals Pariser Korrespondent der "Neuen Freien Presse". Unter dem Schock der antisemitischen Hetze gegen den Artilleriehauptmann Dreyfus schrieb er hier das bahnbrechende Werk des säkularisierten Zionismus: "Der Judenstaat" (Gedenktafel). 1898 erwarb der Schweizer Bauernsohn César Ritz, der sich vom Tellerwäscher bis zum Geschäftsführer des Londoner "Carlton" emporgedient hatte, das Gebäude und machte daraus sein legendäres, allerdings nur für Ölmagnaten erschwingliches Hotel. Weniger betuchte Zeitgenossen können es aber auch um den Preis einer Kinokarte besichtigen: Billy Wilders Film "Love in the Afternoon" mit Audrey Hepburn, Cary Grant und Maurice Chevalier wurde in den Räumen des Hotels gedreht.

(Jörg von Uthmann: Paris für Fortgeschrittene. Ein ungewöhnlicher Reiseführer. Hamburg: Hoffmann und Campe 1981. S. 25 - 27.)


 
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