Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

Problemstellung und Themen

 

Problemstellung

Johannes Willms
Paris - Hauptstadt Europas 1800 - 1914

Zu den Besonderheiten der europäischen Kultur gehören die Städte. Gewiß, urbane Zentren, Riesenstädte, Megalopoleis, von quirlendem Leben überbordende Agglomerationen gibt es überall, vor allem in der Dritten Welt. Dort sind sie die großen Sammelbecken der Landflüchtigen, der vor endemischen Bürgerkriegen Fliehenden, der Hungrigen und Hoffenden, der Verzweifelten und Vergessenen. Solcher Zustrom bewirkt eine permanente Erweiterung und Veränderung, eine Verdichtung und gleichzeitige Aufweichung des Stadtraums, der ins Uferlose ausquillt, das Umland verschlingt, ja selbst die riesigen Müllhalden sich als prekären Lebensraum für Hunderttausende erobert. Solche Städte sind nur noch eine ungezügelte, ungeordnete und unüberschaubare Masse von Hochhäusern aus Stahlbeton und Hütten aus Holz und Blech, von abgeschotteten Villenghettos und Slums, ein einziger Stadtbrei, ohne Kern und Zentrum, ohne inneren Halt und Mitte.

Charakteristisch für die europäische Stadt hingegen ist, daß sie seit der Antike vor allem zwei Bedingungen erfüllt: Mitte und Maß. Die Mitte ist zumeist identisch mit dem historischen Stadtkern, der mit weltlichen oder religiösen Repräsentationsbauten, deren Ensemble die "Stadtkrone" bilden, dicht besetzt ist. Um diesen Kern haben sich in mehr oder weniger konzentrischen Kreisen, meist bedingt durch topographische Besonderheiten, im Laufe der Jahrhunderte die Stadtviertel angelagert, die sich in der Regel erst im 19. Jahrhundert in ihrer funktionalen Zuordnung in Wohn-, Geschäfts-, Gewerbe- und Industrieviertel zu unterscheiden begannen. Sie überwanden damit jene ältere urbane Binnenstruktur, die dadurch ausgewiesen war, daß in einzelnen Straßen oder innerstädtischen Bezirken bestimmte Gewerbe konzentriert waren.

Für das Maß steht die Entwicklung dieser urbanen Zivilisation ein, die zu keiner Zeit, auch wenn dies allem Anschein widerspricht, organisch oder regellos vonstatten ging. Ihre Ordnungskategorien waren nicht nur, wie dies überall seit dem späten 18. und 19. Jahrhundert der Fall ist, durch innerstädtische Zwänge der öffentlichen Hygiene oder der Verkehrsregulierung bedingt, sondern definierten sich auch aus dem Gegensatz von Stadt und Umland. Diesen Gegensatz markierten gleichermaßen besondere städtische sicherheits-, wirtschafts- und steuerpolltische Interessen, die in den Stadtmauern, in denen nur einige wenige Tore den Zugang zur Stadt wie dem Umland gestatteten, ihren materiellen Ausdruck fanden.

Vor dem Hintergrund dieser beiden Bedingungen bildeten die europäischen Städte ihre jeweilige Individualität und Bedeutung aus, entfalteten sie eine kulturelle, wirtschaftliche und auch politische Ausstrahlung, die eine regionale, nationale, wenn nicht gar europäische Reichweite besaß. Eine solche europäische Ausstrahlung hatte einst eine ganze Reihe von Städten, - Prag, Florenz, Rom -, ehe ihre Bedeutung mit dem Fortschreiten der Neuzeit mehr und mehr verblaßte. Eine Ausnahme von dieser Regel macht Paris, das seit dem späten Mittelalter seine Rolle als eines der wichtigsten Zentren der europäischen Zivilisation behaupten konnte, um dann im 19. Jahrhundert zur europäischen Hauptstadt schlechthin oder, wie sie Walter Benjamin in seinem Fragment gebliebenem "Passagenwerk" treffend charakterisierte, zur "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts" avancierte.

Die Ausnahme von jener Regel, die Paris darstellt, war im wesentlichen dadurch bedingt, daß die Bedeutung dieser Stadt seit dem Ancien régime untrennbar mit der Durchsetzung und Steigerung der königlichen Macht in Frankreich verknüpft war. Mit jedem Sieg, den die Krone über die partikularen Interessen und ständischen Geltungsansprüche errang, wurden die zentralisierenden Tendenzen verstärkt, wuchs die Bedeutung von Paris. Unter Henri IV., dem diese Stadt bekanntlich "eine Messe wert war", wurde Paris endgültig zum politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkt Frank- reichs. Gleichzeitig damit begann sich die Entwicklung der Stadt mehr und mehr von der Bevormun- dung durch die königliche Politik zu lösen und ihrer eigenen Dynamik zu folgen. Deutlich machen dies die wiederholten Versuche der Krone, das weitere, ungezügelte Wachstum von Paris zu begrenzen. 1638 ließ Louis XIII. an der Bebauungsgrenze der 14 Vorstädte, der Faubourgs de Paris, Grenzsteine aufstellen, jenseits deren der Häuserbau oder die Anlage neuer Straßen untersagt sein sollte. Wie vergeblich dieses Unterfangen war, zeigte sich daran, daß Louis XIV. 1672 diese Grenzen ein ganzes Stück weiter ziehen mußte. Entsprechende, ebenso wirkungslos bleibende Anstrengungen wurden auch unter Louis XV. gemacht. Den Ausschlag für diese stets fruchtlosen Bemühungen gaben jeweils Befürchtungen, daß eine zu große Stadt der sozialen wie politischen Kontrolle entglitte und damit für die Krone eine dauernde Gefahr im Innern des Landes darstelle.

Andererseits hatte aber auch die französische Monarchie selbst Anteil daran, daß diesen Initiativen kein Erfolg beschieden war. Vor allem die Entscheidung Louis XIV., den Befestigungsgürtel, der Paris einschnürte, zu beseitigen und an seiner Stelle breite Boulevards anzulegen, die für das weitere Ausufern des urbanen Lebensraums keinerlei Hindernis mehr darstellten, erwies sich als folgenreich: Eine vollkommen neue Stadt sei in den letzten 40 Jahren an die Stelle der alten getreten, meinte ein Besucher 1698 feststellen zu können. Auch wenn diese Behauptung übertrieben war, so enthielt sie eine prognostische Wahrheit, denn mit Louis XIV. begann sich ein neues Verhältnis zur Stadt als Lebensraum durchzusetzen: Paris, die wichtigste und größte Stadt Frankreichs, sollte Zeugnis von der grandeur französischer Macht und Kultur ablegen. Mit dem Niederreißen des von Charles V. angelegten Mauerrings, von dem lediglich die Bastille erhalten blieb, wurde signalisiert, daß nun die Sicherheit von Paris an den Grenzen des Landes verteidigt werde. Gleichzeitig war diese Maßnahme aber auch das Symbol für die endgültige Unterwerfung der Stadt - die ihre politische Eigenständigkeit noch gegen Henri IV. mit Waffengewalt verteidigt hatte - unter den politischen Willen der Krone. Paris wurde damit zum wichtigsten Juwel im Diadem der absoluten Monarchie.

Diese neue repräsentative Funktion der Stadt wurde auf vielfältige Weise unterstrichen: Die alten Stadttore wurden durch prächtige Triumphbogen ersetzt, Standbilder der französischen Könige wurden auf öffentlichen Plätzen in jenen Stadtvierteln aufgestellt, die von den jeweiligen Herrschern angelegt oder erneuert worden waren. Diese mit Louis XIV. einsetzende symbolische Zuordnung des Weichbilds von Paris zur Macht und Größe der absoluten Monarchie bedingte auch eine neue urbane Ästhetik, die sich am Vorbild einer idealisierten Antike orientierte. Deren Hauptmerkmale waren eine strikt geometrische Anordnung der Bauten, die Symmetrie der Baukörper, die durch die Betonung der Linienführung besonders deutlich wurde, sowie die Harmonie, die sich in der vollkommenen Proportion der Ausdehnung der Plätze zur Höhe der sie begrenzenden einheitlichen Randbebauung verkörperte.

Im Laufe des 18.Jahrhunderts und bedingt durch die Verlegung des höfischen Lebens nach Versailles erlahmte diese von den Souveränen inspirierte Bautätigkeit und wurde durch private Spekulations- vorhaben abgelöst, die in den letzten dreißig Jahren vor Ausbruch der Revolution eine umfangreiche Bautätigkeit auslösten. Diese endete nach dem Juli 1789 abrupt. Mit der voranschreitenden Radikallsierung der Revolution, die den in Paris ansässigen Adel vertrieb und eine wirtschaftliche Rezession zur Folge hatte, begann eine Periode des urbanen Niedergangs, die erst von Napoleon beendet wurde, der dem Traum nachjagte, Paris zur "Welthauptstadt" auszubauen. Noch in seiner Verbannung auf Sankt Helena vertrieb er sich gelegentlich seine Langeweile damit, Phantasien zur Verschönerung von Paris auszuspinnen.

Auch wenn nur das Wenigste von dem, was Napoleon I. an urbanen Projekten für Paris plante, zeit seiner Herrschaft verwirklicht werden konnte, so gab er damit dennoch ein Beispiel, dem sich sein Neffe, Napoleon III., zwischen 1850 und 1870 verpflichtet fühlte. Ihm und seinem Pariser Präfekten Georges Eugène Haussmann ist jene gigantische "Transformation de Paris", der umfassende Umbau der französischen Hauptstadt zu danken, die die Kapitale Frankreichs endgültig zur "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts" machte und ihr jenes Aussehen verschaffte, das noch heute die zahllosen Besucher dieser Metropole entzückt.

(Johannes Willms: Paris.Hauptstadt Europas 1800 - 1914. München: Beck 2000. S. 7 - 10.)
 
 

Thematik 

Willms' Ausführungen umreißen den zeitlichen Rahmen der vorliegenden Materialsammlung über Paris und deuten die intendierte Problematik an. "Wenn städtebauliche Strukturen und wenn Gebäude nach einem Wort Benjamins »Beweisstücke im historischen Prozeß« sind, dann gilt es eine Wahrnehmung für Geschichtlichkeit in ästhetischem Gewande zu entwickeln, die uns fähig macht, gebaute Umwelt als bessere Zukunft zu konzipieren. Und es scheint, als hätten wir angesichts des Drucks, der von seiten der verschiedenen Interessenten auf unserer Umwelt lastet, geradezu die Pflicht, Alternativen zu entwickeln. Daß die Geschichte (und auch die der Kunst und Architektur) dabei nicht zur Requisitenkammer degradiert werden darf wie so oft im 19.Jh., daß sie aber andererseits nicht einfach über Bord geworfen werden kann wie in sog. »Kulturrevolutionen«, dürfte klar sein. Wir müssen uns das kulturelle Erbe, das gerade in diesem Bereich ja nicht einfach abzuschütteln ist, also aneignen, und wir müssen möglichst produktiv mit ihm umgehen." (Kimpel)  Die Auseinandersetzung mit der Kunst und Architektur der französischen Hauptstadt des 18. und 19. Jahrhundertsrmöglicht das auf interessante Weise.
 

 

Einzelthemen 

Die Einzelthemen orientieren sich an Örtlichkeiten in Paris und Versailles. An ihnen können - beispielsweise - die nachfolgenden Probleme erarbeitet werden:

Thema 1: Reiseberichte: Wie deutsche Intellektuelle auf die Französische Revolution reagierten

Thema 2: Das Schloß von Versailles: Wie ein König sein Volk disziplinierte

Thema 3: Musée du Chateau / Louvre: Jacques-Louis David- Vom Maler der Revolution zum Maler des Kaiserreiches

Thema 4: Pariser Königsplätze: Wie in Repräsentationsarchitektur sich wandelnde Herrschaftsauffassungen sichtbar werden

Thema 5: La Rome Française: Wie aus Paris das "neue Rom" werden sollte

Thema 6: Louvre: Nike von Samothrake -Die Entwicklung der griechischen Plastik

Thema 7: Louvre: Die kaiserkrönung Napoléons I. - Wie man eine neue Herrscherdynastie begründet

Thema 8: Louvre: Gabrielle d'Éstrée - Wie man einen politischen Mord vertuscht

[Weitere Themen folgen]


 
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