Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

Königsplätze : Innenhof des Palais Royal
 
 
 

Abb. 1
Palais Royal mit Innenhof im 17. Jahrhundert

Stich von Perelle. In: Heinz Coubier: Europäische Stadt-Plätze. Genius und Geschichte. Köln: DuMont 1985. S. 212.
 
 

Text 1
Der Innenhof des Palais Royal

Zwischen Place des Vosges und Place Vendôme, ebenso räumlich wie zeitlich betrachet, liegt ein dritter Freiraum, der, obgleich nicht Place Royale und genaugenommen überhaupt kein Stadtplatz, doch in den Gesamtkonnex gehört: der Innenhof des Palais Royal. Von diesem Riesenbau, den Kardinal Richelieu sich selbst in nächster Nähe des Königsschlosses errichtete, ist nur eine Galerie an der Ost- seite erhalten. Der Rest fiel im Jahre 1871 dem Aufstand der Kommune zum Opfer und wurde danach recht und schlecht rekonstruiert. In seinem Testament hatte der Kardinal die Königsfamilie zu Erben des Palastes eingesetzt, die ihn auch vorübergehend bewohnte, bis sie von einem Aufstand des Adels daraus vertrieben wurde. Das Palais kam an das Haus Orléans, das den Garten der Pariser Öffentlichkeit öffnete. Und nun erfüllte dieser Innenhof, der die meisten Pariser Plätze räumlich weit übertrifft, die Funktion des ursprünglichen Stadtplatzes mit überraschender Vollkommenheit. In den hier untergebrachten Clubs, Spiel- und Kaffeehäusern traf sich tout Paris im Gespräch. Die stadtbürgerliche Kommunikation funktionierte wie in der besten Zeit. Hier wuchs die Revolution heran, und hier brach sie aus. Hier warteten die großen Akteure von Frankreichs Geschichte auf die Minute ihres Auftritts. Heute ist der Garten eine Insel wohltuender Ruhe im Betrieb der Innenstadt, fast ein Spitzweg-Winkel mit seinen kleinen Läden: Antiquitäten, Briefmarken, Buchhandel. 

(Heinz Coubier: Europäische Stadt-Plätze. Genius und Geschichte. Köln: DuMont 1985. S. 213.)
 
 

Text 2
Das Palais Royal: Frühes Beispiel warenästhetischer Architektur

Wie anders eine Architektur aussieht, hinter der sich kein solcher aufklärerisch-moralischer Impetus wie beim Théâtre de lOdéon steht, zeigt das Palais Royal. Schon verschiedentlich war dieser Palast des Kardinal Richelieu, nachdem er der Krone und dann der Nebenlinie der Orléans angehört hatte, verändert und umgebaut worden. 1780 geriet er in den Besitz des Herzogs von Chartres (des künftigen Philippe-Egalité), der die günstige Lage in einem beliebten Stadtteil zu einer groß angelegten Spekulation nutzte. 1781 beauftragte er den Architekten Victor Louis, der sich in Bordeaux mit dem Bau des Stadttheaters schon profiliert hatte, mit der Umbauung des riesigen Gartengrundstücks, das gleichzeitig von drei neuen Straßen umsäumt und ausgegrenzt wurde. Auf diese Weise entstand ein geschlossenes und aufgrund der Proteste der Anlieger auch bepflanztes rechteckiges Areal, das auf drei Seiten von Arkadengängen umgeben war, auf die sich Geschäftslokale mit einem Mezzaningeschoß öffneten. In dieser Anordnung wurden die Läden des Palais Royal vorbildlich für die Passagen des 19. Jahrhunderts. Über ihnen befanden sich in einem Bel Etage, einem Mezzanin und einem Attikageschoß Wohnungen. Die Investition hat sich offenbar gelohnt, denn die Lokale waren schnell vermietet, und noch in der Revolution war das Palais Royal mit seinen Läden, Cafés und Spielhöllen der vielleicht beliebteste Ort von Paris, wo u. a. Camille Desmoulins seine Reden hielt.

Der kommerzielle Charakter dieses Viertels sollte noch weit ins 19. Jahrhundert hinein anhalten. Der spätere Bürgerkönig Louis-Philippe, Sohn des Philippe-Egalité, ließ nämlich an der Südseite des Hofes die Galerie d'Orléans bauen, einen ehemals mit einer Eisen-Glas-Wölbung versehenen Trakt, der Läden und einen mittleren Gang enthielt und somit eines der frühesten Beispiele für den im 19. Jahrhundert so beliebten Bautyp der Passage darstellte. Nur die Kolonnade hat sich davon erhalten.

Man muß die bürgerlichen (und übrigens sehr anglophilen) Einstellungen des Duc de Chartres und seine durchaus an Profitinteressen orientierten Absichten kennen, um zu verstehen, warum bei der Gestaltung des Palais Royal dieser spezifische Architekturstil zum Zuge kam. Der Hof ist umstanden von einer schier unendlich scheinenden Reihung sehr flacher kolossaler Kompositpilaster, deren Monotonie durch die Bepflanzung wenigstens im Sommer eingeschränkt wird. Jeder einigermaßen aufmerksame Besucher wird aber sofort erkennen, in welchem Maße diese Kolossalordnung reines Applikat ist, indem nämlich z. B. die Arkadenpfeiler viel weniger tief sind als die Pilaster breit. Bedenkt man, daß diese Architekturkulisse in erster Linie verkaufsfördernd wirken sollte, dann stellt sich die scheinbar heitere, dem Louis XV nachempfundene Fassadengestaltung als fragwürdig dar. Ihre nostalgische Instrumentierung entspräche dann der Technik moderner Verkaufsstrategie: Indem sie eine Scheinwelt vorgaukelt, ermuntert sie zu anscheinend sorglosem Konsum und Vergnügen und wäre damit ein frühes Beispiel warenästhetischer Architektur. Zugleich wurde den Bewohnern die Illusion vermittelt, wirklich fürstlich zu wohnen. Auch wenn sich solche Absichten bei der Planungs- genese nicht nachweisen ließen, handelt es sich doch im Vergleich zu der moralisch sehr strengen Architektur des Odéon um eine Konzeption, die, wem auch immer, gefällig sein will.

(Dieter Kimpel: Paris. Führer durch die Stadtgeschichte. München: Hirmer 1982. S. 289 - 292.)
 
 

Text 2
Das Palais-Royal: Architektonische Noblesse ohne Fehl

Bus- und Métrostation führen seinen Namen, und doch ist das, was den Zauber des Palais-Royal ausmacht, sein ringsumschlossener Garten, nur schwer zu finden. [...] Er öffnet sich nur durch Säulenreihen, Winkelgängen und versteckte Passagen, deren Einlässe man kaum wahrnimmt. Ein Ort der Stille im Herzen von Paris, ein langer, klassischer Garten, wundervoll eingefaßt. Diese Einfassung ist von einer architektonischen Noblesse ohne Fehl. [...] 

Anfangs trug [das Palais-Royal] den Namen Palais-Cardinal. Das ging so zu: Richelieu hatte 1624 das Hôtel de Rambouillet erworben, den Treffpunkt der "Preziösen", eines Zirkels von Damen der Aristo- kratie um die Marquise de Rambouillet, der Umgangsform und Ausdrucksweise der Epoche zu veredeln trachtete - die "Kostbaren" besitzen einige historische Bedeutung, denn sie sollten die französische Hochklassik der Sprache vorbereiten, allerdings auch ihre metaphorische Gespreiztheit. Das Hôtel war ein großes Gebäude des 14. Jahrhunderts, dem man nachsagte, es stamme aus einer "rauhen, kraftvollen Epoche". Der Kardinal gedachte daraus eine seiner Persönlichkeit würdige Behausung nach eigenem Geschmack zu machen. Man begann damals eben, die Mauern Karls V. zu schleifen. Von dem verfügbaren Terrain ließ sich der allmächtige Minister gewisse Partien zuteilen. Er kaufte obendrein anschließende Ländereien und ließ ein großes Rechteck abstecken, das in einen Garten verwandelt wurde. An der Südseite entstand sein Hôtel, eher ein Palast. [...] Von dem alten Bau ist freilich nur eine, zudem sehr veränderte Galerie übriggeblieben, die noch immer die berühmten Flachreliefs von früher schmücken. Sie stellen Schiffsschnäbel und -anker dar, um zu symbolisieren, daß der einstige Erbauer gleichzeitig Oberintendant der Seefahrt unter Ludwig XIII. war. Molière ließ in "Le Menteur" durch Géronte mit einem Grau Ironie die Großartigkeit der Kardinalsbehausung dergestalt preisen: 

"L'Univers entier ne peut rien voir d'égal
Aux superbes debors du Palais-Cardinal,
Toute une ville entière, avec pompe bâtie,
Semble d'un vieux fossé par miracle sortie."

Zwei Jahre vor seinem Tod hatte der Kardinal das Palais Ludwig XIII. vermacht, um allen den Mund zu stopfen, denen seine Prunksucht Anlaß zu Gerede gab. In der Tat, das aufwendige Bauwerk, von dem Molière sprach, hatte obendrein lange gebraucht, um fertig zu werden. Es gab sogar Ärger - Richelieu vermochte nicht, eine gewisse Reihe von Häusern an sich zu bringen, die eine wenig ansehnliche Enklave bildeten. Aber das Innere mag ihn getröstet haben. Es zeigte sich von einer Großartigkeit, die fast jener seines Schlosses südlich der Loire glich, das seinen Namen trug und noch trägt.

Nach dem Abbruch der Porte Saint-Honoré und der Umwallungen erneuerte man das gesamte innerstädtische Viertel dahinter. Im Westen des Palastes legte man eine große, gradlinige Straße an, wie man sie nie zuvor gesehen hatte. Natürlich hieß sie Rue de Richelieu und erweckte die Bewunderung von Paris. Das berühmteste Teilstück des Kardinalspalastes war sein großer Theatersaal, den man 1641 eröffnete. Aufführungsstätten gab es im damaligen Paris nicht viele; es waren meist kleine, improvisierte Bühnen, auf denen man gelegentlich spielte. Er sollte das Schauspielhaus Molières werden, als er das Petit-Bourbon verlassen mußte.

Richelieu starb [...] am 4. Dezember 1642, und Ludwig XIII. sechs Monate später. Anna von Öster- reich, für die ihr alter Wohnsitz im Louvre mit soviel trüben Erinnerungen belastet war, wählte den ihr zugefallenen Palast als Behausung - seither nannte man das stolze Bauwerk das Palais-Royal. Sie zog dort mitsamt ihrem Sohn ein, den man, derzeit noch ein Kind, bald "Louis le Grand" nennen sollte. Es war Ludwig XIV.

Die Bedeutung des Palais-Royal schwand buchstäblich mit dem Bau von Versailles. Aber mit dem nachfolgenden Regenten aus der brüderlichen Familie d'Orléans kam es dennoch erneut zu einem unerwarteten Ruhm. Mit geistiger Überlegenheit die Gehässigkeiten und Umtriebe der nachgebliebenen, überalterten Hofhaltung des 1715 gestorbenen Ludwigs XIV. hinnehmend, ergriff Philippe II. d'Orléans für den minderjährigen Ludwig XV., Enkel seines Namensvorgängers auf dem Thron, für acht Jahre die Macht. Für Orléans verkörperte sich in Versailles allzuviel Intrige, allzuviel langweiliges Zeremoniell, als daß er dort hätte residieren mögen. Im Palais-Royal richtete er sich sein tägliches Leben in völliger Zwanglosigkeit ein, als Staatsmann arbeitsam wie er war, während er sich nachts Ausschweifungen hingab. Er überließ das Parterre der immer schwächlichen Madame d'Orléans und bezog die erste Etage. Die Ausstattung ließ er von Oppenord im modischen Zeitgeschmack erneuern. Coypel malte für diese Ausgestaltung die Geschichte des Äneas in vierzehn Bildern. Die Wände waren mit karmesinrotem Damast bespannt, die weißen Decken goldgestreift. Spiegelscheiben reflektierten die Auflegearbeiten und das Blitzen der Lüster aus Bergkristall. Die Rosenfarbe, Symbol des Verführe- rischen, brachten die "petits appartements" bald ins Gerede. Ein Durchgang verband sie mit den "bals publics" der Oper, den öffentlichen Maskenbällen, auf denen sich das Régime den sehr berechtigten Vorwurf der Schamlosigkeit erwarb. Der Regent nahm lebhaften Anteil am damaligen Frühling der Künste und Wissenschaften, der für sein Zeitalter kennzeichnend bleibt und auch ein Lenz der Sinne war. Mochte eine Frau die Liebhaberin für eine Nacht oder für einen Monat gewesen sein, niemals sollte ein weibliches Wesen auch nur einen Blick in die Staatsgeschäfte tun.

1730, schon unter Ludwig XV., wird der Park durch Claude Desgots, einen Neffen Le Nôtres, verändert. Hüben und drüben der großen Mittelallee pflanzt er Reihen von Ulmen, die den Durchblick auf ein dekoratives abschließendes Gitterwerk freigeben. Dahinter führt eine Treppe hinab und gewährt Zugang zur Rue des Petits-Champs.

Ludwig XIV. - dies ist nachzuholen - hatte das Palais, entgegen dem Testament Richelieus, 1692 seinem Bruder, dem Herzog von Orléans nebst dessen männlicher Nachfolge übertragen. Ein Urenkel des Regenten, Philippe Herzog von Chartres und später fünfter Herzog von Orléans, derselbe, der seit 1792 den Namen Egalité annahm, um seine republikanische Gesinnung zu bekunden - dieser Orléans- Sproß wird zum Urheber einer Umgestaltung von großer Tragweite. Unter ihm vollzieht sich eine monumentale Umwandlung des Parks und die Anlage von Galerien, will sagen, eines langgestreckten Häuservierecks in nördlicher Richtung. Lebhaften Geistes, unternehmend dazu, jeder Neuheit offen, verschwenderisch bis zum Exzeß, hatte er sich stark verschuldet. Um sich aus der Klemme zu ziehen, verfiel er auf den Gedanken, aus seiner weitläufigen Erbschaft Gewinn zu schlagen. Die Anlieger seines Parks hinter dem Palais-Royal mißbrauchten die Lage ihrer Häuser ohnehin und fanden es ganz natürlich, gastliche Zusammenkünfte und Musikveranstaltungen vor ihrer Haustür, mithin im prinzlichen Garten, zu veranstalten. Damals kam, vornehmlich bei dem Herzog selbst, der Gedanke auf, rings um die Anlagen eine große Häuserzeile für Mieter und Käufer anlegen zu lassen, wobei sich der Garten um etwa ein Drittel der Fläche verkleinerte. In den Untergeschossen der Bauten sollten überdachte Galerien Geschäftslokalen Platz gewähren, während die oberen Etagen Wohnzwecken vorbehalten blieben. Die Zuwege wollte man durch die rückwärtigen Fassaden führen, und zwar mittels den Häuserzeilen entlang laufender Straßen, denen Philippe d'Orléans die Namen seiner Kinder gab. Valois, Beaujolais und Montpensier. Die drei Straßen haben ihr ursprüngliches Aussehen bis heute bewahrt. [...]

Als der Plan des Herzogs von Chartres zur Umwandlung seines Gartens in ein umbautes Gelände Gestalt annahm, schrie jedermann Zetermordio, als sei es sein eigener Garten. Trotz der Öffentlichkeit, die jenen Spazierpark als rechtmäßige Erholungsmöglichkeit für jedermann betrachtete, und trotz allgemeiner Empörung ließ der Prinz die Axt an die Bäume legen, in deren Schatten einst zur Zeit des Regenten die heimlichen Rencontres mit den weiblichen Mitgliedern des Opernensembles stattfanden. Niemals und nirgendwo hatten diese Theaternymphen, sofern sie rechtschaffen waren, mehr erröten müssen, als in dieser fast allzu bekannten Allee! Fast konnte man den Park des Palais-Royal als den schönsten Ballsaal von Europa betrachten. In wenigen Stunden wurde er vernichtet! Als die Bäume trotz der so laut aufbegehrenden Öffentlichkeit am Boden lagen, schwieg das Publikum. Wie es scheint, gewannen die Pariser, nachdem der Prinz seinen Plan verwirklicht hatte, entgegen ihrem sonstigen Widerspruchsgeist bald den Eindruck, daß die neue Promenade Glanz mit Behagen verband, und daß sie der früheren noch vorzuziehen sei. [...]

Der Park des Palais-Royal war gleicherweise von der Aristokratie, der Bürgerschaft und dem einfachen Volk besucht. Er bildete außerdem einen Treffpunkt der Künstler, der Schriftsteller und jener Schreiber, die uns von dem damaligen Pariser Leben berichtet haben. Er diente nicht zuletzt als bevorzugtes Jagdrevier der leichten Mädchen. [...]

Seit dem Regenten besaß das Palais-Royal den Ruf von Liberalität, nein Libertinität und Verschwendung. Die Freizügigkeit der Sitten konnte sich immer provozierender und um so dreister zur Schau stellen, als die Polizei nicht das Recht besaß, in die prinzliche Domäne einzudringen. [...] Die Freiheitlichkeit, die im Palais-Royal herrschte, und die sehr weitgehende Liberalität seines Eigentümers half zu einem guten Teil jenen Gruppen, die zur Verbreitung revolutionären Ideen beitrugen. Am 12. Juli 1789 sollte Camille Desmoulins auf einen Tisch vor dem Café de Foy springen und zu den Waffen aufrufen. Louis-Philippe d'Orléans, Mitglied des Konvents, glaubte seinen Kopf vor dem Fallbeil zu retten, indem er für den Tod des Königs stimmte. Das ihm gehörige Palais-Royal nannte man daraufhin das "Palais-Egalité" und seinen Park "Garten der Revolution", was keineswegs etwas daran änderte, daß sein Eigentümer auch das Schafott bestieg. Das Palais-Royal selbst entging den Revolutionswirren mit einigem Glück. Aufgebrachte Bürger hatten zwar begonnen, Feuer an die Seite des Théâtre Français zu legen. 1791 verbrannte man dort eine Puppe in Gestalt des Papstes, im folgenden Jahr erlitt eine in Gestalt von Lafayette das gleiche Schicksal. Deputierte warf man in das Wasserbecken vor der Oper; die Zuschauer beschimpften sie.

Als der Sohn von Philippe-Egalité, der Bürgerkönig Louis Philippe, 1830 den Thron bestieg, nahm er sich des alten Hauses der Orléans an. Es gab Anlaß zur Restaurierung. Viele der alten Dekorationen zeigten sich stark beschädigt oder gar zerstört. Die neue Säulengalerie im Süden des Gartens wurde von Fontaine - Napoleons Architekt arbeitete immer noch - im Geist der übrigen Architektur angelegt. Die Arkaden befreite man von den Reklameschildern und Aushängetafeln, die sie nach und nach überdeckt hatten. 1837 endlich forderte man auch die leichten Mädchen auf, ihre Aktivitäten anderwärts auszuüben. Die Spielhöllen - es gab deren sechsundvierzig - wurden verboten. Louis-Philippe, der sich selbst in den Tuilerien eingerichtet hatte, ließ in der ehemaligen königlichen Bleibe eine Gemäldegalerie unterbringen. Sie hatte nur kurze Zeit Bestand. Es kam die Revolution von 1848, und einmal mehr wurde der Palast in Brand gesteckt.

Die städtebauliche Politik Napoleons III. und seines Präfekten Haussmann rückten zwar der monumentalen Schöpfung des Herzogs von Orléans bedenklich zu Leibe, respektierte sie indessen. Der Durch- bruch der Avenue de l'Opéra mündete an der neugeschaffenen Place du Théâtre-Français. Dieses selbst dehnte seine Fassade durch den Einbau einer Prunktreppe und der Foyers aus. Die Place du Palais-Royal gewann ihr heutiges Aussehen.

1871 versuchte die Kommune noch einmal, sich der Bauten zu bemächtigen. Wenn ihr der Anschlag auf die Tuilerien vollkommen gelang, beim Palais-Royal glückte er nur zur Hälfte. Indessen, der Pavillon de Valois und die Ostseite der Fassade gingen in FIammen auf. Einige Räume des Staatsrates blieben verschont. Seit Anfang unseres Jahrhunderts wird der östliche Flügel des Palastes vom Ministerium des Schönen Künste benutzt.

(Bernard Champigneulle: Paris - ein Führer. 2. Aufl. München: Prestel 1982. S. 241 - 251.)
 
 

Text 3
Exkurs: Die Passage

Eine durchaus profane und keineswegs nobilitierte Bauaufgabe waren im 19. Jahrhundert die Handelsbauten. Damit sind nicht jene gemeint, in denen sich das Handelskapital repräsentierte wie in Börsen oder Handelskammern, sondern die, in denen die Warenzirkulation tatsächlich erfolgte. Man könnte in diesem Zusammenhang die Geschichte der Einzelhandelsläden oder etwa die des Schaufensters erörtern, wichtiger ist für Paris jedoch die Herausbildung von zwei neuartigen Bautypen, die sich über ganz Europa verbreiten sollten: die Passage und das moderne Warenhaus.

Während das schon seit vielen Jahren angekündigte Passagenfragment von Walter Benjamin immer noch nicht erschienen ist, liegt das von Johann Friedrich Geist verfaßte Passagenbuch nun schon in einer dritten erweiterten Auflage vor. In diesem Werk wird der Gegenstand definiert, typologisch geordnet und in seinen baugeschichtlichen und allgemein kulturhistorischen Aspekten gründlich abgehandelt. Geist hat mehrere Faktoren benannt, die zur Entstehung und friihen Verbreitung des Bautyps gerade in Paris geführt haben. Die Straßen in ihrem veralteten Zustand und mit ihrem regen Verkehr machten es für den Fußgänger immer gefährlicher, in ihnen zu verkehren, da sie bis auf wenige Ausnahmen keine Trottoirs hatten, ein Zustand, der seit Jahrhunderten beklagt worden ist. Mit der [...] in Frankreich ruckartigen Herausbildung der neuen demokratischen Öffentlichkeit in den letzten Jahren des Ancien Régime entstand zugleich ein Bedarf an öffentlichem, störungsfreiem Raum. Gleichzeitig bedurfte die durch die liberalistische Gesetzgebung geförderte Luxusindustrie eines Ortes, wo ihre Waren angeboten werden konnten - und die Straßen boten sich wegen der genannten Verkehrsverhältnisse dazu kaum an. Es kam hinzu, daß durch die Enteignung des innerstädtischen Besitzes von Adel und Klerus gerade im Inneren der neuen Blockbebauung Möglichkeiten für derart lukrative Nutzungen gegeben waren. 

Den Prototyp der Passagen stellen die von 1786 bis 1788 erbauten Galeries de Bois im Palais Royal dar, die 1828 abgerissen und durch die Kolonnade ersetzt wurden, die bis heute besteht. In einem für Fußgänger reservierten Bereich lagen sie im Zentrum des damaligen öffentlichen Lebens. In den vom Duc d'Orléans vermieteten Räumlichkeiten, in den angrenzenden Läden, Spielsalons, Lokalen für politische Geheimclubs und Bordellen trafen sich Angehörige aller Schichten, und man hat hier zu Recht das Zentrum der französischen Revolution gesehen. Die durch Oberlicht erhellte Passage bot also einen Raum zum ungestörten Beschreiten, wobei man die Auslagen der in den "Seitenschiffen" untergebrachten Geschäfte begutachten konnte. Mochte es im Palais Royal noch recht ungestüm zugegangen sein, so wird mit der geradezu inflationären Entwicklung des Bautyps die Passage zum bevorzugten Aufenthaltsort des Flaneurs, der, von dem "ennui" als dem "mal du siècle" geplagt, hier seine ungefährdete Zerstreuung sucht, wobei er - und diesen Typ gab es nach Benjamin - als Ausdruck seines Widerstandes gegen die Hektik der Stadt eine Schildkröte spazieren führt. [...]

Der Typus der Prachtpassage, wie er uns heute noch in der Galleria Vittorio Emanuele in Mailand oder der römischen Galleria Colonna entgegentritt, die aus der zweiten Jahrhunderthälfte stammen, war in Gestalt der Galerie d'Orléans, die anstelle der Galeries de Bois noch unter der Restauration in den Jahren 1828 bis 1830 entstand und die erst 1935 abgerissen wurde, ebenfalls vorgegeben. Schon hier war die Passage zu einem Ort des exklusiven "window-shopping" für die gehobenen Schichten geworden [...]. Urbane Kommunikation findet nicht mehr statt: der Freiraum bleibt leer, und die vereinzelten zahlungskräftigen Konsumenten beschränken sich auf das Studium der Auslagen. Die Passage als Handelsort verkümmerte, indem sie obsolet oder exklusiv wurde, und erst in den letzten Jahren hat sie als Umschlagplatz wieder an Bedeutung gewonnen, weil sie den sich individualisierenden Bedürfnissen der Konsumenten so wie ein Flohmarkt entgegenkommt. Es wäre zu fragen, wie dieser Bautyp für zukünftige kommunikativ-urbane Planungskonzepte revitalisiert werden kann.

(Dieter Kimpel: Paris. Führer durch die Stadtbaugeschichte. München: Hirmer 1982. S. 346 - 349.)


 
 
Zurück zu:  Paris:  Inhaltsverzeichnis   /   Weiter zu: Paris:  Passage des Panoramas