Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

Paris in Reiseberichten

 

Text 1
Die Entstehung des Tourismus

Hier, wo es darum geht, die Vorgänger des Touristen im modernen Sinne aufzuspüren, kann nicht von den 70.000 Kreuzfahrern unter Konrad III. Mitte des 12. Jh.s oder dem Zug der 100.000 Franzosen unter Ludwig XII. donauabwärts gen Palästina noch von den Entdeckungs- und Forschungsfahrten des 16. Jahrhunderts die Rede sein. Die Ahnentafel des modernen Touristen reicht nur bis ins 17. und 18. Jahrhundert. [...]

In der geschlossenen ständischen Gesellschaft des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts war soziales Verhalten standesgebunden normiert und wurde von standesgebundenen Institutionen tradiert. Die soziale Stellung und damit der Verhaltenskodex des einzelnen waren durch seine Geburt, seine Familie nahezu unverrückbar festgelegt. Die strengen Zunftregeln des Handwerks schlossen die Zunft nicht nur nach außen ab, sondern bestimmten auch das Verhalten der Zugehörigen. Jeder wußte, was von ihm verlangt wurde und was er vom anderen verlangen konnte. Sitte und Brauch gewährleisteten die Verhaltenssicherheit. Der einzelne war stets nur Glied des übergeordneten patriarchalisch strukturierten Sozialkörpers. Die Standesorganisationen schlossen die ihnen Zugehörigen nach dem Muster einer großen Familie zusammen.

So reglementierten die Zünfte auch das Wandern ihrer Gesellen. Die Zunftordnungen schrieben oft ganz genau vor, wieviele Jahre sich der Geselle sein Handwerk zu erwandern hatte und an welchen Orten er gearbeitet haben mußte, wenn er zu Haus je Meister werden wollte. Der Sinn dieser Wanderordnungen, die selbstverständlich auch die Meister verpflichteten, den Wandergesellen aufzunehmen oder ihm so viel zu geben, daß er zum nächsten Ort wandern konnte, um dort bei einem Meister Unterkunft und Arbeit zu finden, lag zumindest in zweierlei: 1. es konnte nicht jeder Meister werden, so daß der Wanderzwang zu einem institutionalisierten Ausleseverfahren wurde, das man nur in seltenen Fällen durch hohe Geldsummen ablösen konnte; 2. der Geselle sollte sehen und lernen, wie sein Handwerk anderenorts betrieben wurde, und die "Tugend der Weite" nach Hause mitbringen. Daß das Wandern selbst, die Vorsprache beim Meister, das Verhalten zu den anderen Gesellen usw. in Sitten, Bräuchen und Redewendungen genau reglementiert waren, bedarf hier keiner Erörterung, denn der Wandergeselle ist alles andere als ein Tourist oder ein Vorläufer des Tourismus gewesen. Wir haben ihn nur erwähnt, um an einem naheliegenden Beispiel die Funktionen einergeschlossenen Gesellschaft zu skizzieren, in der es so gut wie keine vertikale Mobilität gab. Diese Gesellschaft hatte jedoch, indem die Tugend in der Weite gesucht wurde, die vorübergehende regionale Mobilitätin ihrer bildenden Funktion institutionalisiert, d. h. durch Einbau von Verhaltenssicherungen auf Dauer gestellt.

In derselben Gesellschaft, nur auf einer anderen sozialen Ebene, der des Adels nämlich, finden wir aber auch den Träger der "Grand Tour", der als "Fossil" des modernen Touristen anzusprechen ist. Wie das Wandern des Handwerkers diente auch die "Grand Tour" des jungen Adligen der Vorbereitung auf den späteren Beruf. Sie gehörte zur Ausbildung der Führungselite. Im Vordergrund der "Grand Tour" stand daher auch mit Rücksicht auf die spätere "diplomatische Laufbahn" das Bildungsmoment. Die Reise, die ein, zwei oder auch drei Jahre dauerte, wurde Jahre vorher geplant und vorbereitet; sie folgte dabei häufig dem Vorbild der väterlichen Tour. Nur die begabtesten Söhne wurden allein, zu zweit oder zu dritt mit Reisemarschall, Mentor, Tutor, Domestiken und Kutschern auf die Reise geschickt, deren Ablauf und Ziele genau festgelegt waren. Man wußte, was man sehen und mit- bringen wollte. Wie der wandernde Geselle wurde auch der junge Adlige auf seiner Tour nie aus den Stützen und Fesseln seiner dünnen sozialen Schicht entlassen. Man war Mitglied einer internationalen Elite, deren Ziel die Bewahrung der ritterlich-adligen Herrschaftsinteressen war. So war es selbst- verständlich, daß einen die "Tour" zu seinesgleichen führte - man wurde auf der Reise von der eigenen Gesellschaftsschicht getragen und kam mit anderen Schichten womöglich noch weniger als zu Haus zusammen.

Diesem Dirigismus entgehen zu wollen, war im Hinblick auf die spätere Laufbahn praktisch unmöglich. Schon der Tutor, für den eine erfolgreiche Bildungsreise seines Schützlings einen unmittelbaren sozialen Aufstieg bedeuten konnte, wachte über rechten Verlauf und Gewinn der Reise. Darüber hinaus enthielten aber auch die Berichte der Gesandtschaften oft genug Hinweise über Verhalten, Begabung und spätere Verwendungsmöglichkeiten des diplomatischen Nachwuchses. Die Reiseziele wurden zwar weitgehend von politischen Motiven bestimmt, dennoch gehörte auch die reine Kunst- und Bildungsreise nach Italien zur "Tour". [... ]

Da das Ziel der Grand Tour nie die Auswanderung, sondern immer die meist schon fest umrissene Stellung zu Haus war, wurde diese "Reise fürs Leben" zugleich Prüfstein für die eigenen diplomatischen Fähigkeiten. Man lernte sich Fürsten präsentieren, ging sie u. U. um Reisebelhilfen, Sinekuren (Ämter ohne Aufgaben), Titel, Offizierspatente und vage Versprechungen an, vervollkommnete sich im Reiten, Tanzen und Fechten und schlug vielleicht dann und wann einmal, weil man jung war, die Zeit auch anders tot. Das Vergnügen war, wie Bildung und Ausbildung, ein Bestandteil der Tour.

Die Grand Tour wurde zwar in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auch zum Vorbild bürgerlicher Kreise, aber sie blieb immer das Vorrecht einer dünnen privilegierten Schicht. Besonders in England wurde im 18. Jahrhundert das Reisen durch eine verhältnismäßig breite, stereotype Reiseliteratur [...] zum Sozialanspruch des gehobenen Bürgertums. Die englische Literatur über die Italienreisen zeigt jedoch, wie oberflächlich und hastig das Interesse geworden war. Bücher, Gemälde und Stiche von bekannten Gebäuden, Plätzen und Kunstschätzen wurden bereits nur noch von wenigen mitgebracht. Aber nicht nur Italien, wo Rom bald zum Inbegriff des Landes wurde, war Ziel der Grand Tour. Ein "aufgeweckter Geist" mußte auch noch London, Paris, Amsterdam und Madrid in seine Reise einplanen lassen [... ]. Hinzu kam, daß man zu jener Zeit nur im Ausland etwas über das erfahren konnte, was in der Welt - vor allem im Fernen Osten - in Kunst, Kultur und Wissenschaft vor sich ging. Gleichgültig, ob das Interesse dieser Reisen im einzelnen mehr Kunst und Bildung im humanistischen Sinne, der Kenntnis und Beherrschung gesellschaftlicher Umgangsformen und dem Vergnügen oder mehr der Ausbildung galt, gemeinsam war ihnen allen, daß sie nur mit Hilfe eines Reisestabes, der mit Reise- marschall und Tutor begann und bei den Kutschern aufhörte, durchzuführen waren. Der Grund hierfür dürfte nicht allein darin gelegen haben, daß man diesen "Stab" seiner sozialen Stellung schuldig war. Vielmehr brauchte der jugendliche Kavalier, sollte die Reise erfolgreich sein, die Hilfe erfahrener Funktionäre. Pferdewechsel und Unterkunft waren zu organisieren, Sprachschwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, Wesentliches sollte von Unwesentlichem geschieden und erklärt werden. Etikette- fragen bedurften einer Antwort, die Erziehung war zu vervollständigen, die Finanzen zu verwalten usw.

Mit den sich Mitte des 18. Jahrhunderts in Europa anbahnenden revolutionären Veränderungen in Landwirtschaft, Staat und Industrie endet das eigentliche Zeitalter der Grand Tour. Die reine Bil- dungsreise ist für die Reisen der nun folgenden Zeit nicht mehr typisch. Sie wandelt sich weitgehend in die zweckgebundene Informationsreise. Zunächst zieht es die Franzosen zu den Wundern der englischen Agrarrevolution; nach der industriellen Revolution folgen die Deutschen. Diese Verquickung der "adligen Grand Tour" mit dem aus Erwerbsstreben geborenen Informationsbedürfnis, das zukunfts- gerichtet ist, entspricht nicht mehr dem traditionsgeleiteten Sozialcharakter. Wir begegnen hier einem neuen Idealtyp und einem Typ des Reisenden, der nicht mehr Tourist im eigentlichen Sinne ist. Die "Tour" des Adligen hatte trotz der verschiedenen funktionalen Motive, die zu der Reise führten, durchaus noch Mußecharakter. Der neue Reisende dagegen reist mit dem beruflich konkreten Ziel der Information.

(Hans-Joachim Knebel: Soziologische Strukturwandlungen im modernen Tourismus. Stuttgart: Enke 1960. S. 11 - 14.) 
 
 

Text 2
Johann Gottfried Herder (1769)

Es ist freilich vortrefflich, die französische Sprache und Nation von ihr selbst aus zu kennen; aber wenn man schon wählen muß, wenn man nicht lange Zeit, nicht viel Geld zu reisen hat und am meisten noch nicht reisen gelernt hat: muß man da Frankreich wählen? Für die Kunst, für die Wissenschaft, was ist da zu sehen, wo alles in dem großen Paris versteckt liegt, wo alles mit Luxus, Eitelkeit und französischem Nichts verbrämt ist? Wie viel große Leute gibt's denn, die für mich so merkwürdig sind? Etwa einen Wille, und wird der nicht vielleicht bloß Künstler sein? Einen Diderot, und hat der sich nicht vielleicht schon ausgelebt? Einen Buffon, Thomas, Duclos, d'Alembert, Marmontel - und sind die nicht gewiß in einen Hefen französischer Welt und Anstandes und Besuchs eingehüllt? Und wem kann ich mich denn mitteilen? Wem Interesse an mir einflößen? Gegen wen mir den Stempel des Ausdrucks geben, der nach der französischen Denkart allein den Menschen von Geschmack und von Geist ausmacht? Ton, Anstand, Geschwindigkeit, Wendung! siehe, dahin ist alles geflohen. Armer! wirst du dich mit deiner deutschen Denkart, die mit deiner Muttersprache so zusammengewachsen ist, mit deiner deutschen Langsamkeit dich nicht durch alle französische Literatur nur durchbetteln müssen? Und in welche Kluft stürzst du dich alsdenn von Beschämungen, Mißvergnügen, unaufgeräumten Stunden, verfehlten Visiten, müßigen Tagen? Wo wirst du einen Freund finden, der mit dir dies Land der Fremde für dich durchreise? Louvre und Luxembourg aufsuche, Tuileries und Gärten durchprome- niere, dir Bibliotheken und Naturkabinette aufschließe, dich Künstler und Kunstwerke betrachten lehre? Wo wirst du ihn finden? und wird's ein Franzose oder ein Deutscher sein?

Ich habe A. gesagt; ich muß auch B. sagen: ich gehe nach Frankreich. [...] Nun ist also die franzö- sische Sprache nach der Mundart der Nation, nach ihrem Ton und Nasenlaut, nach ihrem Geschmack und Schönheit und Genie mein Hauptzweck - und da, denke ich, in 14 Tagen, wie mir mein Freund Berens Hoffnung gemacht hat, in den Ton zu kommen, und mit ihr, wie viel habe ich, in Sonderheit in Riga, gewonnen! Welche Schande, bei Landräten und Sekretären von Wind und von Geschmack kein Französisch zu sprechen! Welche Schande, eine Schweizerfranzösin und einen durchwandernden Franzosen, in Sonderheit wenn es ein Abbé wäre, nicht zu verstehen! Welcher Vorteil hingegen, mit jedem Narren nach seiner Narrheit zu reden! den Geschmack auch in der Sprache des Geschmacks hören zu lassen! Werke des Geschmacks in Poesie, Prosa, Malerei, Baukunst, Verzierung auch in der Sprache des Geschmacks zu charakterisieren! Anekdoten von Paris zu wissen! wenigstens alles das kennen, wovon andere plaudern! - Ferner, die französische Oper und Komödie zu studieren, zu schmecken! die französische Deklamation, Musik und Tanzkunst zu genießen! mir wenn nicht neue Äste der Vergnügen, wenigstens neue Farben zu geben! Kupferstecher-, Maler- und Bildhauerkunst, wenn es möglich ist, unter der Aufsicht eines Wille zu studieren! Von allem, was zum Jahrhundert Frankreichs gehört, lebendige Begriffe zu haben, um z. E. einen Clément, einen de la Place, einen Fréron recht verstehen zu können! - Ferner die französischen Gelehrten kennen zu lernen, wäre es auch nur, wie sie aussehen, leben, sich ausdrücken, bei sich und in Gesellschaft sind! Auch sie nur kennen bringt Leben in ihre Werke, und wenn nicht einen Stachel der Nacheiferung, so doch ein gutes Exempel, sich wie sie zu betragen. Das ist alsdenn ein Kursus der domestiken Literatur in Frankreich, der viel erklärt, an sich und im Kontrast von Deutschland, und viel aufschließt! - Endlich die franzö- sische Nation selbst, ihre Sitten, Natur, Wesen, Regierung, Zustand: was daraus auf ihre Kultur und Literatur folge? was ihre Kultur eigentlich sei? die Geschichte derselben? ob sie verdiene, ein Vorbild Europas zu sein? es sein könne? was der Charakter der Franzosen dazu beigetragen? durch welche Wege sie das Volk von Honnêteté, Sitten, Lebensart und Amusements geworden sind? wie viel sie dabei Wesentlicheres verlieren? und es anderen Nationen durch die Mitteilung ihrer Narrheit rauben und geraubt hatten! - ja endlich! sollte sich denn keiner finden, der mein Freund und mein Muster werde, als Mann von Welt, um seine Kenntnisse recht vorzutragen, in unserer Welt geltend zu machen, als Mann von Adresse und von Umgang, um auch in den Sachen, für die ich reise, es zu werden und das in meiner Zeit auszurichten, wozu ich da bin! Gütiges Schicksal, gib mir einen solchen, lehre mich ihn kennen! und gib mir Biegsamkeit, mich nach ihm zu bilden! Vorjetzt bin ich schon in Frankreich, ich muß es nutzen: denn gar ohne französische Sprache, Sitten, Anekdoten und Kenntnisse zurückzukommen, welche Schande! [...]

Meine Reisegesellschaft von Paimboeuf nach Nantes: es ist immer wahr, daß eine Niedrigkeit dem Ding anklebt, von solchen Gesellschaften nach der Manier Teniers' und Tristrams Gemälde nehmen wollen. Ich verstand weder Pilot noch Wirtin noch alte Weiber mit all' meinem Französischen. So müßte ebenfalls ein Grieche daran sein, wenn er nach Griechenland käme. O Pedanten, leset Homer, als wenn er auf den Straßen sänge; leset Cicero, als wenn er vor dem Rate deklamierte!

(Johann Gottfried Herder: Journal meiner Reise im Jahre 1769. In: Heinz Nicolai (Hrsg.): Sturm und Drang. Dichtungen und theoretische Texte in zwei Bänden. Bd. 1. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1971. S. 185 - 257; S. 236 - 238.)
 
 

Text 3
Joachim Heinrich Campe (1789)

Das Glück, mein lieber T., gerade jetzt in Frankreich, und zwar in der Hauptstadt dieses Landes, dem Geburtsorte und der Wiege der neugebornen französischen Freiheit, zu sein; gerade jetzt, da aller Welt Augen auf diesen Mittelpunkt der größten und merkwürdigsten dermaligen Weltbegebenheiten voll Bewunderung und Erstaunen gerichtet sind; gerade jetzt, da man hier aus dem dumpfen Zustande eines in langer schmähliger Knechtschaft verträumten Daseins zu einem Leben erwacht ist, welches die Brutusse und die Cato's selbst mitzuleben sich nicht weigern würden; gerade jetzt, da alle Geister dieses Volks, bis in die niedrigsten Stände hinab, die Schranken ihrer ehemaligen kleinlichen und elenden Existenz, wie Spinngewebe, zerrissen und von Stund an sich zu einer Höhe der Empfindung und der Begriffe erhoben haben, zu welcher das blinzende Auge des Ausländers sie

kaum begleiten kann - dieses Glück rechne ich dankbar und gerührt zu den vielfältigen unverdienten Begünstigungen, wodurch die Vorsehung mein unbedeutendes Leben, fast in jeder Periode desselben, auszuzeichnen für gut gefunden hat. Man fühlt sich hier, auch als bloßer Zuschauer schon, in allen seinen Empfindungen, an allen seinen Kräften und Fähigkeiten - ich weiß nicht wie - zugleich erhöht, zugleich mit veredelt; und wenn ich nicht merklich besser, nicht mit einem merklichen Zuwachs an Gemeingeist, an Mut, Kraft und Trieb zu jeder Handlung, welche Selbstvergessenheit und Aufopfe- rungen erfordert, zu Euch zurückkehre: so hat die Schule, in der ich mich jetzt befinde, keine Schuld daran. [...]

Ein Mensch, der von seiner Geburt an nie aus dem Bezirk dieses wunderbaren Zauberorts gekommen wäre, könnte sich rühmen, an Welt- und Menschenkenntnis, wie an Genuß und Vergnügen jeder Art - den einzigen Naturgenuß ausgenommen - keinem nachzustehn, der die ganze Oberfläche der Erdkugel der Länge und der Breite nach durchreist hätte.

Aber nicht die Pracht, nicht der Reichtum, nicht die zahllosen Mittel zum Genuß und zum Vergnügen, welche man hier [im Palais Royal] vereinigt findet; sondern das große, reiche, mannigfaltige und sonderbare Menschengemälde, welches dem Beobachter hier zu jeder Zeit des Tages, ganz vorzüglich aber in den Abendstunden dargeboten wird, fesselt unsere Aufmerksamkeit. Es ist unmöglich, glaube ich, einen, in dieser Betrachtung interessanteren Standort in irgendeinem Teile der Welt zu finden. Hier sieht man Greise und Jünglinge, Matronen und Mädchen, Weltleute, und Priester, ehrbare Frauen und feile Buhlerinnen, reiche Prasser und hungrige Künstler, spekulative Erwerber und törichte Ver- schwender, Enthaltsame und Wollüstlinge, Kluge und Dumme, Weise und Narren. Einen an des andern Seite sitzend, stehend oder herumlaufend, in der allermannigfaltigsten, buntesten, sonderbarsten und tolerantesten Vermischung; und - was diese Schauspiele für den Menschenbeobachter am aller- interessantesten macht - jedermann überläßt sich hier, jedoch mit Vermeidung aller auffallenden Unanständigkeiten, dem innern Antriebe seiner besondern Gemütsstimmung, seiner Neigungen und Abneigungen, ohne alle Bedenklichkeit und Zurückhaltung. Alles, was hier gesagt oder getan wird, bleibt innerhalb der Mauern des Palais; kein Mensch nimmt weiter Notiz davon; kein Mensch bekümmert sich weiter darum. Schon seit vielen Jahren war dieser Ort, ungeachtet er mitten in Paris und dem Throne des Despotismus so nahe lag, der Sitz einer unbeschränkten bürgerlichen und gesellschaftlichen Freiheit, wo man redete was man dachte, und wo man tat was man wollte, ohne daß jemand ein Ärgernis daran nahm. Der Pariser hörte auf, sobald er diesen Ort betrat, ein Pariser und ein Franzose zu sein; er war für den Augenblick ein vollkommener Republikaner, ein Weltbürger, der keine bürgerlichen und keine konventionellen Einschränkungen und Fesseln kannte. "Hier", schrieb Mercier vor acht oder neun Jahren schon, "schaut man sich einander mit einer Unerschrockenheit ins Gesicht, welche in der ganzen Welt nirgends als zu Paris, und in Paris nirgends als im Palais Royal sittlich ist; man schreit hier, statt zu reden; man rennt gegen einander an; man ruft sich von weitem; man nennt bei ihren Namen die vorbeigehenden Damen, ihre Männer, ihre Liebhaber; man wirft ihnen ein charakterisierendes Wort in den Rücken, man lacht einander fast ins Angesicht - alles ohne jemand beleidigen, ohne jemand demütigen zu wollen. Hier hätte Lavater seine Physiognomik schreiben müssen!" Hier, füge ich hinzu, entwickelte sich seit vielen Jahren schon der Keim der französischen Freiheit, welche jetzt in schönster Blüte steht, und welche der Himmel durch Tau und milden Sonnenschein zu ihrer Reife fördern wolle! Hier, und zwar besonders in den beiden berühmten Kaffeehäusern unter den Arcaden dieses Palais, dem Café de Foix und dem du Caveau, welche mit debattierenden Politikern vom Morgen bis an den Abend angefüllt sind, ward jener Keim, ohne daß die Regierung es merkte oder verhindern konnte, gepflegt und genährt, bis er endlich zu einem so schönen, geraden und mächtigen Stamme urplötzlich in die Höhe schoß! Hier war es endlich, und hier konnte es auch nur sein, wo die wunderbare Staatsumwälzung ihren Anfang nahm, als ein edler Bürger - sein Name scheint nicht bekannt geworden zu sein - auf einen der Stühle dieses Gartens sprang, und dem bei Tausenden herbezuströmenden Volke, welches Lambesc aus den Tuilerien verjagt hatte, den kühnen Rat entgegenrief: die Cocarde anzulagen und sich zu bewaffnen. 

Es ist eine Bemwerkung, welche wohl keinem entgeht, der die Tuilerien dund das Palais Royal hintereinander besucht, daß die nämlichen Menschen, die er dort sah, hier nicht mehr die nämlichen sein scheinen. Nach jenen geht man, um sich zu zerstreuen, zu erholen und zu vergnügen; nach diesem, um politische Neuigkeiten auszuwechseln und über die öffentlichen Angelegenheiten sich zu beratschlagen. Dort hängt man also nur den sanfteren, geselligen Empfindungen, hier den Sorgen für das gemeine Beste und der eifersüchtigen Fürsorge für die Erhaltung, Befestigung und Vermehrung der neuerrungenen Freiheit nach. Dort sieht man also auch lauter ruhige, heitere und fröhliche Ge- sichter, welche teils in dichten und bunten Haufen um die Stämme der alten ehrwürdigen Kastanien- bäume und zwischen denselben auf kleinen, hier bei Tausenden zur Miete stehenden Stühlen sitzen, teils in sanftwallenden Strömen auf den langen und schönbeschatteten Bahnen zwischen den viel- fachen Baumreihen lustwandelnd auf und niederwogen; hier hingegen erblickt man, und zwar oft an den nämlichen Menschen, die man dort eine Stunde vorher so heiter und so ruhig sah, fast lauter ernste Gesichter, mit angespannten Muskeln und mit Augen, die nicht selten patriotische und republikanische Funken sprühen. Dort sieht man noch Franzosen, aber veredelte, zu einer für ein freigewordenes Volk sich geziemenden Simplizität und Würde in Kleidung und Sitten zurückgekehrte Franzosen: hier hingegen glaubt man lauter Engländer, wo nicht gar Griechen und Römer, die sich über das gemeine Beste beratschlagen, vor sich zu sehn. Die Bemerkung dieses Unterschieds, welcher jedem, auch dem stumpfesten Beobachter, von selbst in die Augen springt, hat etwas eben so Angenehmes als Auffallendes.

Nichts kann unterhaltender und interessanter sein, als sich hier in eine der großen, lauten, aus mehreren hundert dicht ineinander geschobenen Figuren bestehenden Gruppen zu mischen, welche sich auf diesem Platze schon in den Morgenstunden bilden, und den ganzen Tag hindurch, bis tief in die Nacht hinein, des unaufhörlichen Zuflusses wegen, wodurch die Abgehenden in jedem Augenblick ersetzt werden, immer die nämlichen zu bleiben scheinen. 

(Joachim Heinrich Campe: Briefe aus Paris. Braunschweig 1790.)
 
 

Text 4
Justus Erich Bollmann (1792)

Paris, 12. August 1792. Um neun Uhr morgens am 10. zogen die bewaffneten Haufen, sich gebärdend wie rasend Tolle, vorbei an meinem Fenster gegen die Tuilerien zu, dem Aufenthalt des Königs. Ich verließ sogleich mein Zimmer, um zu sehen, was es geben würde. Ich kam noch vor Ankunft der Horde in den Garten der Tuilerien. Ich sah einen großen bewaffneten Haufen von braven Schweizern und Nationalgarden sich langsam vom Schlosse weg gegen die Nationalversammlung hinbewegen. Der König, seine Schwester, seine Frau und seine zwei Kinder waren in ihrer Mitte. Der brave Röderer, Generalprokurator des Departements, unfähig, zur Ruhe noch etwas zu wirken, hatte den König gebeten, sich mit den Seinigen in die Mitte der Nationalversammlung zu begeben; der einzige Weg, um ihr Leben zu sichern. - Ich sah den König hineingehen und war glücklich genug, mich auch hineinzudrängen. - Nie vergesse ich diesen merkwürdigen Anblick. Der König stellte sich zur Seite des Präsidenten. Die Frauenzimmer setzten sich gegenüber auf eine Bank an den Schranken der National- versammlung. - Aber der König durfte da nicht bleiben, weil die Konstitution in seiner Gegenwart den Gliedern der Nationalversammlung zu verhandeln verbietet, und ihre Verhandlungen waren doch notwendig. Es entstand die Frage: Wo ihn hintun? - Während der Beratungen darüber lag der König auf seine Hände gestützt, mit dem Bauche halb über den Tisch, der vor dem Präsidenten stand. Kindisch läppisch und kindisch gutmütig, sorglos und unbekümmert, in diesem ernsten, gefährlichen Augenblick auch ohne die mindeste Spur von Würde, von Überlegung, von Ideenarbeit, hörte er den Reden für und wider der verschiedenen Mitglieder zu, ohngefähr wie einer, der zum erstenmal so etwas hört und in einer dummen Erstattung halb lachend zu sich sagt: "Das ist doch närrisch." Gegenüber saß die Königin, in deren Gesicht man erstaunt war, alles, alles, gleichsam doppelt gehäuft zu finden, was man am Könige vermißte. Sie hatte Rock und Kamisol an von blauem Zitz mit weißen Blumen, ein einfaches weißes Tuch ohne Spitzen und Verzierung um ihren Hals, eine Art von Haube auf ihrem Kopf. Sie hatte den Dauphin auf ihrem Schoß - einen kleinen, bildschönen Knaben. Sie drückte ihn zuweilen an sich, mit Beklemmung, als dächte sie, was wird aus dir werden? Sie sah tiefsinnig und kummervoll von Zeit zu Zeit um sich her, sie faßte mit Ernst und hoher Verachtung jedes Mitglied ins Auge, dem in diesem Augenblick der Schonung und Menschlichkeit unglimpfliebe Ausdrücke entschlüpften. Ich versichere Sie, die Königin war sehr rührend in diesem Augenblicke. Sie ist nicht so schlecht, wie Parteisucht und Privathaß sie gemacht hat und wie ich selbst anfänglich glaubte. Ich habe seitdem viele Züge von Edelmut und Menschenliebe von ihr gesammelt. Sie war ausschweifend und verschwenderisch, wie die meisten Weiber von Paris, aber beides hingerissen, arglos und ohne Berechnung der Folgen. Wohlwollend und gütig von Natur - hat sie auch manches Leiden getröstet. Ihre Fehler hat sie hart gebüßt. Ihre Haare sind grau geworden seit acht Monden. Ihre Fehler schienen mir nie verzeihlicher als in der Nationalversammlung, wo ich gegen ihr über, in dem Augenblick so ganz geschildert, den bemitleidenswerten, guten, armen, unvermögenden Ludwig XVI.., ihre große Entschuldigung sah. - Dem Könige und seinem Hause wurde endlich eine Loge zur Seite des Präsidenten angewiesen. Es war eine Loge mit Gitterwerk. Er wurde der ferneren Beobachtung entzogen! Der brave Röderer hielt darauf einen Vortrag, worin er auseinandersetzte, was er zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe hatte tun wollen und nicht hatte tun können. Er sagte, er habe der Schweizergarde, die das Schloß bewache, Befehl gegeben, nicht anzugreifen, aber Gewalt mit Gewalt zurückzutreiben, wenn man das Schloß bestürmen wolle! - Bald darauf hörte man die ersten Kanonenschüsse. Die Nationalversammlung erstarrte auf einige Augenblicke. Sie sprach hernach aus Angst. Ich entfernte mich und war hernach immer in der Nähe des Gefechts, weil ich nicht mehr zurück konnte; denn alle Zugänge der Nationalversammlung waren besetzt, und man feuerte von allen Seiten. - Die Horde von Pikenträgem und Föderierten war gegen das Schloß angezogen und hatte die Schweizergarde aufgefordert, es zu übergeben. Diese hatte sich geweigert. Die Föderierten feuerten, die Schweizer feuerten wieder. Auf beiden Seiten ladete man die Kanonen mit Mitraille. Die Schweizer, kaum tausend Mann, verließen sich auf die Unterstützung der Nationalgarde, aber diese ließ sie schändlicherweise im Stich, floh zum Teil, machte zum Teil gemeinschaftliche Sache mit der angreifenden Horde. Die armen Schweizer, bestürmt von allen Seiten, überwältigt von der Menge, streckten endlich das Gewehr. Ihrer waren nur wenige im Gefecht geblieben. Aber jetzt, nachdem sie sich ergeben hatten, fiel man jämmerlich über sie her, zwanzig über einen und ermordete sie jämmerlich. Man hat sie totgeschlagen, wo man sie fand, in den meisten Straßen von Paris lagen Leichen. Ich habe Szenen gesehen, worüber die Menschheit schaudert. Man hat sie lebendig ins Feuer geworfen; man hat sie geschunden und verstümmelt. Weiber, immer die wütendsten, die grausamsten, sogen ihr Blut. Selbst die toten Körper blieben von keiner Art der Mißhandlung frei. Abends führte man die verstümmelten Leichname fort, dreißig bis vierzig auf einem Wagen; oben darauf setzten sich Pikenträger, triumphierend, immer gegen die toten, nackten Körper noch wütend. - Ihre zerrissenen Kleidungsstükke, ihre Köpfe auf Stangen hat man im Triumph umhergetragen. Man hat die Schweizer in den Häusern aufgesucht, die Türhüter waren. - Und diese braven Schweizer alle folgten ihrer Order, verteidigten ihren Posten und taten also ihre Pflicht. - Es sind außerdem viele Menschen erschlagen worden, und auch von der Partei der Horde sind im Gefecht eine große Menge geblieben. Auf dem Schlosse ist alles zuunterst zuoberst gekehrt, alles verrückt worden. Viele kleine Häuser drum herum, Kasernen und dergleichen stehen noch im Feuer. - Der König ist an demselben Tage seiner Amtsverrichtungen entsetzt, seine Einkünfte sind eingezogen worden, denn kein Mensch in der Nationalversammlung wagte, der herrschenden Partei zu widersprechen. Der Pöbel schwärmt noch wütend in den Straßen umher. Man reißt die Bildsäulen der Könige, diese Meisterstücke der Kunst, die Zierden der öffentlichen Plätze, nieder. Sogar die von Heinrich IV., dem besten der französischen Könige, dem Frankreich so viel zu danken hat, ist nicht unverschont geblieben. Man fürchtet für noch mehrere Ausschweifungen, denn man ist des Pöbels nun gar nicht mehr Meister. Zucht und Ordnung ist verloren. - In der Nacht vom 10. zum 11. war ganz Paris, wie man in Zeiten der Gefahr zu tun pflegt, erleuchtet. Aber wie schaurig war diese Erleuchtung! In den Straßen, sonst unablässig voll Gewühl, voll Getümmel, voll Wagen und voll Menschen bis spät nach Mitternacht hin, bewegte sich keine Seele, als hie und da eine langsam auf und ab ziehende Patrouille, als hie und da ein scheuer, einzelner, schleichender Mensch. Die Würger waren satt und müde und besoffen für diese Nacht vom geraubten Wein in den Königlichen Kellern. Aber die guten Menschen waren verschlossen in den Häusern, sie ließen sich nicht sehen, sie schienen die Geister der Erschlagenen zu fürchten. - Auch am Tage sind alle Läden geschlossen, alles Gewerbe, alle Betriebsamkeit ist unterdrückt. Es ist dumpfig und öde und grauenvoll in Paris!

(Justus Erich Bollmann: Brief vom 12. August 1792. In: Gustav Landauer: Die Französische Revolution in Briefen. 3. Aufl. Hamburg: Rütten und Loenig 1961. S. 361 - 363.)
 
 

Text 5
Georg Forster (1793)

Paris, ich habí es Ihnen schon gesagt, mein Freund, ist die Quelle der öffentlichen Meinung, das herz der Republik und der Revolution. [...] Daher war in der Tat der Anschlag nicht so übel erdacht, im vorigen Jahre schnurstracks hierher zu marschieren und die Revolution zu ersticken, indem man Paris von der Erde vertilgte, oder wenigstens auf ein Paar Jahrhunderte, wie Antwerpen, in den kläglichen Zustand zwischen Leben und Tod versetzte. Paris gibt den Ton an, nicht bloß wegen seiner Bevölkerung und Größe, sondern weil der Umlauf des Handels, der Ideen, der Menschen selbst, im Lande noch unbedeutend ist. Kaum der zwanzigste, vielleicht nicht einmal der dreißigste Einwohner Frankreichs kommt aus seiner Stelle; indes in England wahrscheinlich der vierte Teil der ganzen Volksmenge wenigstens einmal im Jahre durch London getrieben wird, und dadurch einen Grad von Unabhängigkeit, von Übung und von Klarheit im Denken erlangt, den in Frankreich nur der Pariser haben kann. Schon unter der monarchischen Regierung lebte der Französische Adel und alles, was wohlhabend war, das ganze Jahr hindurch in Paris; da hingegen in England den Sommer über alles auf die Landgüter hinausströmt, und überall sein Interesse von dem der Stadt zu trennen weiß. Bei uns ist Paris der einzige Maßstab der Vollkommenheit, der Stolz der Nation, der Polarstern der Republik. Hier allein ist Bewegung und Leben, hier Neuheit, Erfindung, Licht und Erkenntnis. Paris ist der Kommunikationspunkt zwischen allen übrigen Städten, zwischen allen Departements der Republik; alles fließt hier zusammen, um erst von hieraus nach den Provinzen zurückzuströmen. Die Gesetze des Geschmacks und der Mode wurden seit einem Jahrhundert in Paris gegeben und promulgiert. Frankreich gehorchte ihnen wie Göttersprüchen; und ohne daß wir es verlangten, huldigte ihnen Europa. Noch jetzt wird ihre Oberherrschaft jenseits unserer Grenzen anerkannt, wie schon die bloße Existenz Eurer Modejournale beweisen muß; aber im Bezirke der Republik selbst gebietet jetzt Paris auf eine weit wirksamere Art: durch die Kraft der öffentlichen Meinung.

Wer der Revolution gefolgt ist, wird wissen, daß alle ihre Hauptereignisse in Paris angelegt und ausge- führt wurden. Das Pariser Volk war ein wirksames Instrument in den Händen derer, die es wagten, die Stimmung der Nation auf die Probe zu stellen, und zuerst den Sinn der Menge laut auszusprechen. Nichts beweist so sonnenklar und unwiderleglich die Reife der Franken für eine republikanische Verfassung, als der Umstand, daß die Hauptstadt, der Sitz des frechsten Luxus und des ungezähmtesten Sittenverderbnisses, bei diesem Umsturze der Monarchie den Ton angegeben hat. Allerdings mußten in diesem ungeheuern Sammelplatze des Reichtums, der Schwelgerei und des Egoismus, die Feinde der Revolution zahlreicher und durch ihre Vereinigung stärker, als in irgend einem andern Punkte des ganzen Landes sein; und auf diese Art erklärt sich das Phänomen der ununterbrochenen Gärung, die in Paris, mehr oder weniger offenbar, seit dem Anfange der Sitzungen der ersten Nationalversammlung fortgedauert hat. Alles, was nur durch Ränke, Verschlagenheit, Verleumdung, Bestechung und Verführung, durch Bubenstücke und Abscheulichkeiten aller Art, verübt werden konnte, um den Fortschritt des Freiheits- und Revolutions-Geistes zu hemmen: alles hat man versucht und mit unermüdetem Beharren angewendet; und alles hat gleichwohl die Überlegenheit derer, die das Gegenteil wollten, durch Kraft und Unerschrockenheit vereitelt. [...]

Dafür spielt nun auch, werden Sie mir einwenden, Paris im Staat eine Rolle, die sich das verzogenste Kind in einer Familie nicht heraus nehmen dürfte, ohne wenigstens den Haß, den Neid, die Verwünschungen der übrigen auf sich zu laden. Es ist wahr, oft hat die Stimme der Pariser für die Stimme des ganzen Volkes gegolten; aber, bemerken Sie den Unterschied: das ganze Volk hat dieser Stimme Beifall gegeben, und alle Versuche, die Departements mit Paris zu entzweien, sind jederzeit mißlungen. Übrigens ist eine halbe Million Menschen, die, so wie hier, auf einem kleinen Flecke versammelt ist, kein übles politisches Barometer. Die Frage, worauf es in Revolutionen ankommt, ist ja auch nicht die: hat dieser oder jener Teil des Volkes seine Rechte überschritten? sondern die: hat es durch eine solche Anmaßung im Staate herrschen, oder ihn nur aus augenblicklicher Gefahr retten wollen? Wer weiß nicht, daß der 31ste März und der 2te Juni das Werk der Pariser Commune waren? Damals schien auf einen Augenblick das Ansehen und die Macht des National-Konvents vor ihr zu verschwinden. Verschwunden waren sie wirklich, wie in dem Falle einer Krankheit die individuelle Größe des Patienten vor dem Arzte verschwindet. Allein der Kranke ist genesen, und steht in höherem Ansehen, also noch je zuvor; ja, sogar die Commune von Paris selbst, die damals so viel auf ihre Verantwortung nahm, hat sich neuerlich schon ein paarmal unter die gewaltigere Hand des Konvents beugen müssen. Kaum hatte Chaumette, der Gemeinde-Prokurator, vom Gemeinderate den Schluß fassen lassen, daß alle Revolutionär-Ausschüsse aus den achtundvierzig Sektionen sich zu einem gemeinschaftlichen Körper mit dem Gemeinderate vereinigen und gemeinschaftlich mit ihm beratschlagen sollten, so schlug ein Dekret des Konvents diese Zentral-Versammlung mit dem Anathema, das immer bereit ist, gegen jede Anhäufung untergeordneter Autoritäten geschleudert zu werden; und die Gemeinde von Paris, anstatt wie eine furchtbare Skolopender auf achtundvierzig Füßen zu laufen, ist vielmehr, wegen der Macht, die den Revolutionär-Ausschüssen zugeordnet ist, in achtundvierzig unbedeutende Insekten zerschnitten worden, deren jedes sein Leben für sich hat. Chaumette, der außer dieser Lektion neuerlichst noch, wegen des mit großem Geräusch abgeschafften Katholizismus hart mitgenommen worden ist, hat die weiseste Partei ergriffen, sich in die Zeiten zu schicken und die Rute zu küssen. Seine Popularität in der Stadt war unbegrenzt und ist noch jetzt sehr groß, ungeachtet des Stoßes, den sie erlitten hat. Sein Substitut, Hébert, der bekannte Verfasser des Blättchens, welches einen Tag um den andern unter dem Namen des Père Duchesne herauskommt, steht ebenfalls noch auf den Füßen, wiewohl man ihm neulich von einer gewissen Seite sehr zu Leibe gewollt hat. Von Pache, dem Maire, spricht jedermann mit Ehrfurcht, wie von einem Manne, dessen Tugend die Probe schon bestanden hat, und allgemein anerkannt worden ist. Man versichert mir, daß man seine Bekanntschaft nicht mache, ohne sein Freund zu werden. Ein solcher Mann scheint geschaffen, der Revolution das Siegel der Vollendung und Vollkommenheit aufzudecken oder -

Eine Menge Menschen, die immer nur berechnen, was mit dem Überschusse von Leidenschaft anzufangen sei, der in diesem oder jenem Kopfe, in dieser oder jener Masse von Köpfen gärt, haben jetzt schon neue Spaltungen, neue Revolutionen, neue Koryphäen ersonnen, und wissen, als hätten sie es mit den auswärtigen Mächten abgeredet, genau zu bestimmen, wer zuerst werde springen, und wer zunächst werde folgen müssen. Wenn man sie anhört, und die Cascade von Parteien und Untergängen sich versinnlicht, so möchte man glauben, es wäre ganz darauf angelegt, noch den letzten von allen unseren fünfundzwanzig Millionen Patrioten durch die Guillotine aus dem Wege räumen zu lassen. Vor ein paar Tagen noch hinterbrachte man mir, daß wir innerhalb zehn Monaten ein neues dénouement gewiß erfahren würden. Die Frist ist nicht übel, dachte ich, für Leute, die, wenn es wahr ist, keinen Augenblick ihres Lebens sicher zu sein glaubten. Ich ahne auch manchmal, daß es ohne manchen harten Kampf nicht abgehen wird; allein wer auf diese innerlichen Reibungen die ganze Hoffnung setzt, Frankreich wieder unter das Joch zu bringen, und ungequetscht davon zu kommen - guter Himmel! Nicht doch, Ihr Herren. Ihr schlagt die Volte falsch, wie Ihr möget. Paris ist immer unsere Karte, und Ihr habt verloren.

(Georg Forster: Parisischer Umriß, 1793. In: Karsten Witte (Hrsg.): Paris. Deutsche Republikaner reisen. Frankfurt a. M.: Insel 1980. S. 49 - 56.)
 
 

Text 6
Johann Gottfried Seume (1802)

Gestern habe ich ihn auch endlich gesehen, den Korsen, der der großen Nation mit zehnfachem Wucher zurückgibt, was die große Nation seine kleine seit langer Zeit hatte empfinden lassen. Es war der vierzehnte July und ein großes Volksfest, wo der ganze Pomp der seligen Republik hinter ihm herzog. Früh hielt er große Parade auf dem Hofe der Tuilerien, wo alles Militär in Paris und einige Regimenter in der Nachbarschaft Revue passierten. Ich hatte daher Gelegenheit, zugleich die schönsten Truppen von Frankreich zu sehen. Die Konsulargarde ist unstreitig ein Korps von den schönsten Männern, die man an Einem Ort beysammen denken kann; nur kann ich mir in den französischen Soldaten, ich mag sie besehen wie ich will, immer noch nicht die Sieger von Europa vorstellen. Wir sind mehr durch den Geist ihrer Sache und ihren hohen Enthusiasmus, als durch ihre Kriegskunst geschlagen worden. Die taktische Methode des Tiraillierens, die aber vielleicht nur der Überlegene an Anzahl brauchen kann, hat das ihrige auch getan. Von Bonaparte sollte ich wohl lieber schweigen, da ich nicht sein Verehrer bin. Einen solchen Mann sieht man auf zweyhundert Meilen vielleicht besser als auf zehn Schritte. Es scheint aber in meinem Charakter zu liegen, Dir über ihn etwas zu sagen, und das will ich denn mit Offenheit tun. Ich bin keines Menschen Feind, sondern nur der Freund der Wahrheit, Freyheit und Gerechtigkeit. Neid und Herabsetzungssucht sind meiner Seele fremd, ich nehme immer nur die Sache. Ich bin dem Manne von seiner ersten Erscheinung an mit Aufmerksamkeit gefolgt und habe seinen Muth, seinen Scharfblick, seine militärische und politische Größe nie verkannt. Problematisch ist er mir in seinem Charakter immer gewesen, und ist es jetzt mehr als jemahls, wenn man ihn nicht geradezu verdammen soll. Bis auf den Tag von Marengo, wo ihn Desaix Tod aus den republikanischen Gränzen heraushob, hat er als Republikaner im Allgemeinen handeln müssen: seitdem hat er nichts mehr im Sinne eines Republikaners gethan.

Als er aus Egypten kam, trat er die Krise seines Charakters an. Wir wollen sehen was er in Paris thut, dachte ich, und dann urtheilen. Ich tadle ihn nicht, daß er das Direktorium stürzte: es war keine Regierung, die unter irgend einem Titel die Billigung der Vernünftigen und Rechtschaffenen hätte erhalten können. Ich tadle ihn nicht, daß er so viel als möglich in der wichtigen Periode das Ruder des Staats für sich in die Hände zu bekommen suchte: es war in der Vehemenz der Faktionen vielleicht das einzige Mittel, diese Faktionen zu stillen. Aber nun fängt der Punkt an, wo sein eigenster Charakter hervorzutreten scheint. Seitdem hat er durchaus nichts mehr für die Republik gethan, sondern alles für sich selbst; eben da er aufhören sollte irgend etwas mehr für sich selbst zu thun, sondern alles für die Republik. Jeder Schritt, den er that, war mit herrlich berechneter Klugheit vorwärts für ihn, und für die Republik rückwärts. Land gewinnen heißt nicht die Republik befestigen. Die Erste Konstitution zeigte zuerst den Geist, den er athmen würde. Sie wurde mit dem Bajonett gemacht, wie fast alle Konstitutionen. Es that mir an diesem Tage wehe für Frankreich und für Bonaparte. Das Schicksal hatte ihm die Macht in die Hände gelegt, der größte Mann der Weltge- schichte zu werden: er hatte aber dazu nicht Erhabenheit genug und setzte sich herab mit den übrigen Großen auf gleichen Fuß. Er ist größer als die Dionyse und Cromwelle; aber er ist es doch in ihrer Art, und erwirbt sich ihren Ruhm. Daß er nicht sah, daß seine Konstitution die neue Republik zertrümmern und dem vollen Despotismus die Wege wieder bahnen würde, das läßt sich von seinem tiefen Blick nicht denken: und über seine Absichten mag ich nicht Richter seyn. Ich habe wider das Konsulat nichts, nichts wider das erste Konsulat. Aber seine Macht war sogleich zu exorbitant, und die Dauer war nicht mehr republikanisch. Ich gebe zu, daß die Dauer der römischen Magistraturen von Einem Jahre zu kurz war, zumahl bey der Unbestimmtheit und Schlaffheit ihrer Gesetze de ambitu; aber die Dauer der neuen französischen von zehn Jahren war zu lang. Der letzte Stoß war, daß der alte Konsul wieder gewählt werden konnte. Ein Mann, der zehn Jahre lang eine fast grenzenlose Gewalt in den Händen gehabt hat, rnüßte ein Blödsinniger oder schon ein öffentlicher verächtlicher Bösewicht seyn, wenn er nicht Mittel finden sollte, sich wieder wählen zu lassen, und sodann nicht Mittel, die Wahl zum Vortheil seiner Kreaturen zu beherrschen. Kleine Bedienungen mögen und dürfen in einer Republik lebenslänglich seyn; wenn es aber die großen sind, geht der Weg zur Despotie. Das lehrt die Geschichte. Ich hätte nicht geglaubt, daß es so schnell gehen würde; aber auch dieses zeigt den Charakter der Nation. Fast sollte man glauben, die Franzosen seyen zur bestimmten Despotie gemacht, so kommen sie ihr überall entgegen. Sie haben während der ganzen Revolution viel republikanische Aufwallung, oft republikanischen Enthusiasmus, zuweilen republikanische Wuth gezeigt, aber selten republikanischen Sinn und Geist, und noch nie republikanische Vernunft. Nicht, als ob nicht hier und da einige Männer gewesen wären, die das letzte hatten; aber der Sturm verschlang sie. Es sind durch diese Staatsveränderung freylich Ideen in Umlauf gekommen und furchtbar bis zur Wuth gepredigt worden, die man sich vorher nur sehr leise sagte, und die so leicht nicht wieder zu vertilgen seyn werden: aber die halbe oder falsche Aufklärung dieser Ideen und der Mißbrauch derselben geben den etwas gewitzigten Gegnern die Waffen selbst wieder in die Hände. Die Republik Frankreich trägt so wie die römische, und zwar weit näher als jene, ihre Auflösung in sich, wenn man keine haltbarere Konstitution bauet, als bis jetzt geschehen. Mir thut das leid; ich habe vorher ganz ruhig dem Getümmel zugesehen und immer geglaubt und gehofft, daß aus dem wildgährenden Chaos endlich noch etwas vernünftiges hervortauchen würde. Seitdem Bonaparte die Freyheit entschieden wieder zu Grabe zu tragen droht, ist mirs, als ob ich erst Republikaner geworden wäre. Ich bin nicht der Meinung, daß eine große Republik nicht dauern könne. Wir haben an der römischen das Gegentheil gesehen, die doch, trotz ihrer gerahmten Weisheit, schlecht genug organisiert war. Ich halte dafür, daß in einer wohlgeordneten Republik am meisten Menschenwürde, Menschenwerth, allgemeine Gerechtigkeit und allgemeine Glückseligkeit möglich ist. Beweis und Vergleichung weiter zu führen, würde wenig frommen und hier nicht der Ort seyn. Wo nicht der Knabe, der diesen Abend in der letzten Strohhütte geboren wurde, einst rechtlich die erste Magistratur seines Vaterlandes verwalten kann, ist es Unsinn von einer vernünftigen Republik zu sprechen. Privilegien aller Art sind das Grab der Freyheit und Gerechtigkeit. Schon das Wort erklärt sich. Eine Ausnahme vom Gesetz ist eine Ungerechtigkeit, oder das Gesetz ist schlecht. In Deutschland hat man klüglich die Geistlichen und Gelehrten in etwas Theil an manchen Privilegien nehmen lassen, damit der Begriff nicht so leicht unbefangen auseinandergesetzt werde, und die Beleuchtung Publicität gewinne. In Frankreich hat man zwar die Privilegien mit einem einzigen Machtstreich zertrümmert und glaubt nun genug gethan zu haben. Aber sie werden sich schon wieder einschleichen und festsetzen; und man arbeitete schon selbst dadurch für sie, daß man auf der Gegenseite ohne Schonung stürmte, und zu weit ging. [...] 

Die Errichtung der Ehrenlegion mit Anweisung auf Nationalgüter ist der erste Schritt zur Wiedereinführung des Lehnsystems; das ward allgemein gefühlt: aber niemand hat die Macht, dem Allmächtigen zu widerstehen, der den Bajonetten befiehlt. Die Bajonette sind, wie gewöhnlich, sehr fein mit ins Spiel gezogen, und die meisten Führer derselben nehmen sich nicht die Mühe, bis auf übermorgen vorwärts zu denken. Wo die Regierung militärisch wird, ist es um Freyheit und Gerechtigkeit gethan. Rom fiel, sobald sie es ward. Die Geistlichkeit spricht wieder hoch und laut. Freylich wird sie nicht so schnell wieder zu der enormen Höhe steigen, wo sie vorher stand, so wenig wie der Adel. Aber das alte System wurde auch nicht in Einem Tage gebaut. [...]

Daß die Katholicität in Frankreich noch vielen Anhang, theils aus Überzeugung, theils aus Gemächlich- keit, theils aus Politik hat, beweist das Konkordat sehr deutlich. Man hat wirklich den Katholicismus zur Staatsreligion, das heißt zur herrschenden gemacht, und ich stehe nicht dafür, wenn es so fort geht, daß man in hundert Jahren das Bekehrungsgeschäft nicht wieder mit Dragonern treibt. Ich selbst wurde durch die Rolle, die Bonaparte dabey spielte, gar nicht überrascht; es war seine Konsequenz. [...] Es wird erzählt, er habe sogar die Fahnen weihen wollen, sey aber durch das Gemurmel der alten Grenadiere davon abgehalten worden, die doch anfingen die Dose etwas zu stark zu finden. Ein Mann, der in Berlin und Petersburg entschieden republikanische Maßregeln nimmt, gilt dort mit Grund für widerrechtlich und die Regierung verfährt gegen ihn nach den Gesetzen; das Gegentheil muß aus dem nehmlichen Grunde seit zehn Jahren in Frankreich gelten: man müßte denn in der Berechnung etwas höher gehen; welches aber sodann jedem Revolutionär im utramque parte zu Statten kommen würde. [...]

Ich sage Dir, was man hier und da bedächtlich an einem öffentlichen Orte spricht; denn laut zu reden wagt es niemand, weil seine lettres de cachet eben so sicher nach Bicetre führen, als unter den Königen in die Bastille. Als das bekannte Buch über das lebenslängliche Konsulat erschien und er es nicht mehr unterdrücken konnte und doch den Verfasser, der ein angesehener und von der Nation allgemein geachteter Mann war, willkührlich gewaltsam in der Krise anzutasten nicht wagte, begnügte er sich zu sagen: Es sey alles sehr gut, aber jetzt nur noch etwas zu früh. Jedermann der etwas weiter blickte, behauptete, es sey leider etwas zu spät. Das Gesetzgebende Korps nennt man hier nur die Versammlung, durch welche er Gesetze giebt. [...] 

Man nennt ihn hier mit verschiedenen Nahmen, le premier consul, le grand consul, le consul vorzugs- weise. Die beyden andern, die auch nur das Drittheil der Wache haben, sind neben ihm Figuranten und ihrer wird weiter nicht gedacht, als in der Form der öffentlichen Verhandlungen. Scherzweise nennt mqan ihn auch Sa Majesté, und ich stehe nicht dafür, daß es nicht Ernst wird. Auch heißt er ziemlich öffentlich empereur des Gaules, vielleicht die schicklichste Benennung für seinen Charakter, welche die Franzosen auch zugleich an die mögliche Folge erinnert. Auf Cäsar folgte August, und so weiter.

(Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Nördlingen: Greno 1985. S. 363 - 371.)
 
 

Text 7
Friedrich von Schlegel (1805)

So mannigfaltig auch das Schauspiel des gesellschaftlichen Lebens ist, man sehnt sich endlich nach der Natur; und weiter kann man wohl von dieser nicht abgeschlossen sein als in Paris. In den Gärten und auf den bepflanzten Plätzen ist nach wenigen warmen Tagen, nicht des Sommers etwa, sondern schon im Frühling, das frische Grün vom alles umwölkenden Staube auf immer zerfressen. Ist man der Stadt selbst von irgendeiner Seite glücklich entflohen, so scheint sie einen noch mehrere Stunden lang zu verfolgen. Der Lärm, das Gedränge, der Staub, ist auf den befahrenen Landstraßen wie in der Stadt, und man glaubt zwischen den vielen Landhäusern, die man überall sieht, noch in der Vorstadt zu sein. Gelangt man endlich nach mehreren Stunden an ein ruhiges Gebüsch, auf irgend eine freundliche Anhöhe, so findet man wohl einige Erheiterung und Erfrischung, aber nichts von den großen erhabenen Naturschönheiten, nach denen der lange Entbehrende sich zuerst und am tiefsten sehnt.

Paris liegt in einem weiten offenen Tale, das zwischen Hügeln an einem mittelmäßigen Flusse sich hinstreckt. Die Gegend ist hier und da heiter und gefällig; doch ist das Ganze nicht eben bedeutend, und nichts weniger als reich. Für diese Entbehrung der Natur können selbst die Werke der Kunst auf die Länge keinen Ersatz geben. Dazu kommt noch, daß die Statuen und Gemälde hier, wie in der Fremde, der schönen Umgebung und Begleitung der Architektur entbehren. Der Anblick eines erhabenen Gebäudes bleibt mir immer neu, so wie ich auch eine Gegend erst dann recht lieb gewinne und ihre Größe immer mehr fühle, wenn ich sie täglich sehen kann. Die Nähe eines schönen Gebäudes erhebt unmerklicher Weise das Gemüt des Empfänglichen; es erhält uns fortwährend in der Stimmung, in welcher man sein soll, um Kunstwerke zu betrachten; und so ist das Gefühl der Baukunst eigentlich der Träger des übrigen Kunstsinns. Die berühmten Gebäude in Paris aber sind modern, nicht nur der Zeit, sondern auch dem Charakter nach durchaus modern, ein flaches Streben nach dem Antikischen, hinreichend geschwächt und beschränkt, und wieder auch mit gleichsam eignen Abänderungen sinnreich verbessert, um aller Welt recht wohl gefallen zu können. Ich weiß nichts weiter darüber zu sagen. Die gepriesene Fassade des Louvre mag in ihrer Art verdienstlich sein. Aber was sollen uns zwanzig oder dreißig italienische oder griechische Säulen in einem fremden Lande und Klima, mitten unter Trachten, Sitten, unzähligen Gebäuden, die nichts weniger als griechisch sind? Hier ist das Mißverhältnis überdem sehr auffallend, da jene Fassade an einem Gebäude klebt, was weder alt noch neu, weder griechisch noch gotisch, sondern nichts als im höchsten Grade unförmlich ist. 

Die einzige schöne Ausnahme ist die alte Kirche Notre Dame, im gotischen Stil, groß und mit einer Fülle von Zierraten geschmückt. Doch wird einem auch dieser Genuß durch manches verkümmert; es steht diese Kirche an einer niedrigen und abgelegenen Gegend, wo sie nicht ins Auge fällt; die Vorderseite sieht man gut, aber den Anblick des übrigen muß man mühsam zusammen suchen, weil es teils versteckt, teils verbaut ist. Beide Türme sind nur etwa zur Hälfte vollendet, wie es mit so manchem gotischen Dom der Fall ist, seit erst bürgerliche Kriege den Bau unterbrochen, bis der veränderte Handelslauf dem Gelde eine andere Richtung gab, und endlich die Reformation mit allen ihren Folgen eine ganz neue Ordnung der Dinge hervorbrachte. In Paris ist es vielleicht auch dem schon früh veränderten Geschmack zuzuschreiben. Auch ist die Kirche keine von den bedeutenden in Rücksicht ihres Umfanges, und keineswegs der Größe der Stadt angemessen. In der Revolution endlich ward die Vorderseite durch Herabwerfen der Bilder und sonst auf mannigfache Weise beschädigt und entstellt. Aber schlimmer als alles ist die Verstümmelung, welche man schon früher im Innern vorgenommen hat, indem man die auf gotische Art, aus vielen reifenähnlich verbundenen Säulen abgerundet und überall so sehr als möglich modernisiert hatte. Dieses Mißverhältnis des Äußern und Innern ist eine unleidliche Störung; und welche eigentliche Geschmacklosigkeit gehört nicht dazu, um das nicht zu fühlen, und auf diese widersinnige Weise überall griechisch Maß und Gewicht gewaltsam einfuhren zu wollen! Aber diese intolerante Verfolgungssucht in der Kunst war nur zu oft gepaart mit der falsch antikischen Nachahmerei, die im achtzehnten Jahrhundert so epidemisch wurde; und es steht zu befürchten, sie ist es hie und da noch genug, um auch noch jetzt schätzbare Kunstwerke und Denkmale des Mittelalters zu zerstören. 

Doch auch so ist die Kirche Notre Dame noch das wichtigste Gebäude in Paris für die Kunst; eine ehrwürdig altväterische Gestalt mitten in der modernen Welt und Umgebung. 

(Friedrich Schlegel: Ansichten und Ideen von der christlichen Kunst. Zit. n.: Karsten Witte (Hrsg.): Paris. Deutsche Republikaner reisen. Frankfurt a. M.: Insel 1980. S. 76 - 79.)
 
 

Text 8
Reisenin die Revolution

Als im Juli 1789 die große Revolution in Frankreich losbrach, den Absolutismus und das Feudalsystem hinwegfegte und mit der Deklaration der Menschenrechte die Grundsätze eines bürgerlichen Staats- wesens verkündete, gerieten Herz und Kopf vieler deutscher Zeitgenossen in heftige Wallung. Geprägt von der Epoche der Aufklärung nahmen sie den Umsturz in Frankreich als praktische Bestätigung dessen wahr, was längst ihrer theoretischen Überzeugung entsprach: daß das absolute Königtum und die adelige Privilegienwirtschaft anachronistisch seien, daß eine vernünftige Staats- und Gesellschaftsordnung auf den Prinzipien der allgemeinen Menschenwürde, der Rechtsgleichheit und der bürgerlichen Freiheit zu beruhen habe. Mehr noch: Im Sieg der Revolution sah man die Erwartung bestätigt, daß die Vernunft geschichtsmächtig sei und unter ihrer Herrschaft nunmehr ein Zeitalter politischer und gesellschaftlicher Harmonie anhebe. Diesem eher heilsgeschichtlichen denn politischen Denken entsprach die Auffassung, es sei den Franzosen von der "Vorsehung" bestimmt, vorbildlich für alle Völker "das große Werk der Weltverbesserung zu beginnen" (Pahl). Paris, das Zentrum der Revolution, erschien nicht länger nur als die europäische Metropole der ästhetischen und gesellschaftlichen Kultur; auf Paris blickte man jetzt wie auf die Stadt des Heils - ein irdisches "neues Jerusalem".

Und wenn man sich entschloß, nach Paris zu reisen, so tat man dies nicht mehr, wie all die Jahr- zehnte zuvor, um sich urban zu bilden und die Kulturdenkmäler der Kapitale zu besichtigen, vielmehr machte man sich nun auf den Weg, um die unerhörten Begebnisse einer "Wiedergeburt" der Menschheit an ihrem Mittelpunkt mit eigenen Augen und in Ehrfurcht zu bestaunen. Der politische Tourismus, der als neue und besondere Form des Reisens mit der Französischen Revolution entsteht, trägt somit Züge der alten "Pilgerreise" oder "Wallfahrt". Als Prototyp des deutschen Revolutionstouristen und eines emphatischen, mitunter gar hagiographischen Berichterstatters ist der Braunschweiger Aufklärer und "Educationsrath" Joachim Heinrich Campe zu nennen. Campe trifft bereits drei Wochen nach der Erstürmung der Bastille, am 4. August 1789, in Paris ein, "um dem Leichenbegängniß des französischen Despotismus beizuwohnen". Am 27. August tritt er die Rückreise an; vom Oktober des Jahres bis Februar 1790 veröffentlicht er im "Braunschweigischen Journal" seine Reiseeindrücke unter dem Titel "Briefe aus Paris während der Revolution geschrieben". Vom Standpunkt einer aktuellen Berichterstattung sind Campes Briefe, nicht mehr brandneu: die großen deutschen Zeitungen bringen fortlaufend und nicht erst seit Ausbruch der Revolution ausführliche Nachrichten über die politischen Vorgänge in Paris. Neu und für die Resonanz der "Briefe" ausschlaggebend sind ihre Perspektive und ihr Ton; sie werden den nachfolgenden Reisenden (und Berichtenden) zur positiven oder kritischen Orientierung dienen.

Campe verzichtet fast völlig auf das, was die Substanz älterer Stadtbeschreibungen und Reiseführer ausmachte. Die "Briefe" enthalten sich ausführlicher topographischer Erläuterungen, statistischer Erhebungen, der Darstellung architektonischer, künstlerischer und kurioser Sehenswürdigkeiten. Statt Faktographischem bieten sie, wie Campe ausdrücklich anmerkt, eine "Geschichte der Empfindungen eines einzelnen menschlichen Zuschauers" im Angesichte der "schönsten Periode" der französischen Staatsumwälzung. Mit dieser Bestimmung scheinen sich die "Briefe" einer anderen literarischen Gattung zu nähern: subjektive Wahrnehmung und affektive Bewegtheit sind Charakteristika der "empfindsamen Reise". Während jedoch in der "empfindsamen Reise" die erfahrene Realität vornehm- lich als Reiz und Medium individueller Selbstschau dient, hat Campes subjektive und gefühlsoffene Form der Wahrnehmung zum Ziel, die Wirklichkeit der Revolution und den Enthusiasmus ihrer Akteure gleichsam wie in einem Brennspiegel einzufangen und wiederzugeben. Wie sich der Reisende vom revolutionären Geschehen ergreifen läßt, so gelingt es seinem Bericht, mit den Stilmitteln intimer Ansprache, reportageartiger Unmittelbarkeit und verzierter Gefühlsrhetorik den Leser seinerseits in den Bann des "patriotische[n] Taumel[s]" zu ziehen. 

Wo immer sich Campe in seiner Schilderung bewegt, im Volksgewühl auf den Straßen und Plätzen von Paris, im Theater, in der Nationalversammlung, in der Académie française - alle Erlebnisse bestärken seine Überzeugung, daß "diese französische Staatsumwälzung die größte und allgemeinste Wohlthat ist, welche die Vorsehung, seit Luthers Glaubensverbesserung, der Menschheit zugewandt hat". Das Volk sieht er im allgemeinen "Freiheitsenthusiasmus" vereint und bis hinab zum niedersten Stand "von einerlei freundschaftlichen, brüderlichen und schwesterlichen Gesinnungen beseelt"; die alte französische Unmoral scheint schlagartig verschwunden zugunsten von Anstand, Ehrlichkeit und tugendhaftem Bürgersinn - selbst der Taschendiebstahl hat aufgehört. Als eines unter vielen "Wundern" der revolutionären Bewegung rühmt Campe, es sei, in den Tagen des Bastillesturms, die führerlose "Hefen von Paris" gewesen, die mutig und planmäßig "das große Werk der bürgerlichen Erlösung" begonnen habe. Die Ordnung und der verhältnismäßig unblutige Ablauf, den der Umsturz genommen hat, die Einheit, in der sich "Volk, König und Nationalversammlung" zeigen, die politische Wachsamkeit aller Bürger - all das dünkt Campe als Beginn eines Reichs, "wo Recht und Gerechtigkeit für Alle auf gleiche Weise und ohne alles Ansehn der Person" herrschen werden. Vom "Kreißen des menschlichen Geistes", wie er es in Paris wahrzunehmen vermeint, gelangt Campe schließlich zur Vision einer erneuerten Menschheit. Der "reissende und überfließende Gedankenstrohm, der sich aus der reinen Quelle der Freiheit" ergießen werde "in kurzem ganz Europa überschwemmen" und die "großen und kleinen Menschendrücker aller Orten" nötigen, sich gleich Saulus im Himmelslicht der Vernunft zu bekehren und "die heiligen Rechte der Menschheit" anzuerkennen. Mit diesem Ausblick schlagen die "Briefe" eine Brücke zum Genre der utopischen Reise, das Ideal liegt nun freilich nicht mehr in der Südsee oder im Außerirdischen, sondern, in nuce, in der Hauptstadt Frankreichs.

Es versteht sich, daß die deutschen Gegner der Revolution wütenden Protest gegen ein Werk einlegten, das den Sturz des Absolutismus und Feudalismus in Begriffen des Sakralen und Erhabenen feierte. Da half es wenig, daß Campe vorsorglich versichert hatte, eine "gewaltsame Staatsumwälzung" nach dem Muster Frankreichs sei für Deutschland, und besonders in einem "wohleingerichteten monarchischen Staate" wie Braunschweig, nicht zu wünschen, man diffamierte ihn dennoch als "Rebellions"- und "Revolutionsrat". Gewiß hat diese Reaktion auch damit zu tun, daß die "Briefe" einen beachtlichen öffentlichen Erfolg erzielten und daß in der Folge weitere deutsche Sympathisanten der Revolution dem Vorbild Campes in Tat und Wort nachzueifern schienen.

Schon seit 1792 waren Reisen nach Paris durch den Kriegszustand mit Frankreich beschwerlich und selten geworden. Nahezu vollständig versiegte der deutsche Revolutionstourismus in der Zeit der jakobinischen "Wohlfahrtsdiktatur" und der Kampagne des "Verdachts gegen das Ausland". Allein Georg Forster, der im März 1793 als Deputierter des "Rheinisch-deutschen Nationalkonvents" nach Paris gelangt und dort nach dem Sturz der Mainzer Republik eine karge Existenz als Emigrant fristet, trägt in jener Zeit mit den "Parisische[n] Umrisse[n]" zum Genre der gutgesinnten Revolutionsberichte bei. Erst nach dem Sturz Robespierres am 9. Thermidor (27. Juli) 1794 wagt man sich wieder in die französische Hauptstadt. [...]

Vollends ins Stadium der politischen Distanz treten die Berichte deutscher Frankreichtouristen in der Konsulatszeit Napoleons. Paris hat seinen mythischen Ruf als "neues Jerusalem" der Menschheit gründlich eingebüßt; geblieben ist die Anziehungskraft einer Kunst- und Kulturmetropole, wie sie einst vor der Revolution wirksam war. Gewiß bewegt die Erscheinung Napoleons auch zu politischen Bemerkungen, rar ist jedoch der Ton ungeteilter Bewunderung [...]. Johann Gottfried Seume, der auf dem Rückweg vom "Spaziergang nach Syrakus" im Sommer 1802 Paris berührt, sieht klaren Blicks Napoleon bereits in der Verwandlung vom "Cäsar" zum "Augustus", der das "alte Herrschersystem mit seinem ganzen Unwesen" wieder gründen werde. In dieser Entwicklung zeige sich die fehlende "republikanische Vernunft" der Franzosen, es scheinen als seien sie in Wahrheit zur "bestimmten Despotie gemacht."

In der Abfolge deutscher Parisreisen von Campe bis Seume spiegelt sich der politische Meinungswandel, dem die meisten ehemals revolutionsbegeisterten gebildeten Bürger diesseits des Rheins unterworfen waren. Ihrem sozialen Stand wie ihrer moralischen und weltanschaulichen Prägung entsprach es, daß sie den Ausbruch der Revolution als Heilsversprechen, als Beginn einer Erneuerung der Menschheit in tugendhaftem bürgerlichen Sinn verstanden. Mit der sozialen und politischen Radikalisierung der Revolution erwies sich diese Erwartung als Illusion. Der Versuch einer radikal- demokratischen Diktatur, wie ihn die "Montagne" unternahm, widerstrebte sowohl der sozialen Interessenlage wie der idealen Gesinnung eines mittelbürgerlichen Individuums. Die direktoriale Ordnung vermochte nur auf kurze Zeit die alten Hoffnungen auf Harmonie und Versöhnung zu erneuern, mit der Entwicklung zum Militärdespotismus Napoleons brachen sie völlig zusammen. Paris verlor seinen Nimbus als Zentrum des Heils, es erschien nun als "neues Rom". Dorthin machte kein freiheitlich gestimmter Deutscher mehr eine "politische Wallfahrt". Es verging ein Lebensalter, ehe man, nach der Julirevolution von 1830, wiederum enthusiastische politische Reisen in die französische Metropole unternahm.

(Johannes Weber: Wallfahrten nach Paris. Reiseberichte deutscher Revolutionstouristen von 1789 bis 1802. In: Hermann Bausinger u. a.: Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus. München: Beck 1991. S. 179 - 186.)


 
 
 
Zurück zu Paris: Inhaltsverzeichnis