Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

Panthéon



 
 

Text 1
Sainte-Geneviève (Panthéon)

Auf einer Anhöhe, dem römischen Mons Luticius, errichtet, von überall sichtbar, umgeben von großen Fakultätsgebäuden, Schulen und Bibliotheken, macht seine majestätische Ausdehnung völlig vergessen, daß dieses Panthéon, bevor es zur Grablege der großen Gestalten französischer Vergangenheit aufstieg oder herabsank, eine Kirche war.

Als Ludwig XV. 1744 in Metz gefährlich erkrankte - viele betrachteten den glücklichen Ausgang als ein Mirakel - gelobte er, in Paris eine Kirche zu bauen, deren Glanz Ausdruck seines Dankes an die Vorsehung sein sollte. Sein Gelübde ließ einen alten Plan der Kanoniker der Abtei Sainte-Geneviève Wirklichkeit werden, die ihre uralte Kirche durch ein neuzeitliches Bauwerk ersetzen wollten.

Es war der von 481 - 511 herrschende Merowinger Chlodwig gewesen, erster christlicher König des Frankenreiches, der eine der Heiligen geweihte Abtei auf der Höhe jenes Hügels anlegte, den man ein wenig hochtrabend "Montagne Sainte-Geneviève" nennt. Sie barg nicht nur die sterbliche Hülle des fränkischen Königs, sondern auch die seiner Gattin Chlotilde und endlich gar die der heiligen Genoveva selbst. Den kupfervergoldeten Schrein der 512 gestorbenen "Patrona urbis et Galliae" hat der Tradition nach der heilige Eligius [...] eigenhändig gearbeitet und getrieben, um die hochverehrten Reliquien gebührend zu würdigen. [...]

Wer, der jemals Paris besuchte, kennt sie nicht, die breitgelagerte Silhouette des Panthéons oder der Kirche Sainte-Geneviève mit ihrem Säulenportikus und der majestätischen Kuppel. Mit dem Auftrag, eine neue Kirche der Stadtheiligen zu bauen, betraute man den vom Intendanten Marigny und seiner Schwester, Madame de Pompadour, geförderten Architekten Soufflot. Diese Wahl erwies sich als ebenso glücklich wie der Wunsch des noch relativ jungen Baumeisters, es den neuen ästhetischen Anschauungen der Avantgarde nachzutun jenen Vorstellungen, die wir antikisierend, nennen. Soufflot stammte aus einer italienischen Familie; er hatte I750 zusammen mit Cochin an der berühmten römischen Studienreise teilgenommen, welche die Stilrichtung der französischen Kunst so nachhaltig beeinflußte.

Soufflot war ein erfahrener und kultivierter Architekt. Wie hätte er angesichts eines königlichen Auftrags von so hoher Bedeutung nicht versuchen sollen, ein Ideal der Vollkommenheit zu erreichen? Aber worin bestand dieses Ideal? Im Griechentum, gesehen mit den Augen Roms. Dergestalt drückte es sich in der italienischen Renaissance aus. Seinen Grundplan eines griechischen Kreuzes akzeptierte die Krone. Die Eingangshalle blieb nicht ohne Anklänge an die des römischen Pantheons.

Die Arbeiten begannen 1756, mußten aber bald aus Geldmangel unterbrochen werden. Eifersüchtig, sich vom großen Werk ausgeschlossen zu sehen, hörten die Rivalen Soufflots unterdessen nicht auf, die in der Tat verwegene Kühnheit seiner Pläne anzugreifen. Der Architekt starb 1780, ohne sein Werk zu vollenden. Seine Nachfolger blieben vorsichtig und stets auf der Hut: sie glaubten klug zu handeln, als sie die Stützpfeiler der Kuppel verstärkten, was natürlich zur Folge hatte, daß die Wirkung des schlanken und kühn aufgeschwungenen Mittelteils einem schweren Eindruck wich. Wir dürfen nicht übersehen, daß Soufflot gewisse städtebauliche Veränderungen in der Umgebung geplant hatte, um die Wirkung seines Werkes zu steigern. 1764 war Ludwig XV. ein Modell der Fassade präsentiert worden; Soufflot dachte daran, im Westen des Gotteshauses eine Straße - jene, die nun seinen Namen trägt - anzulegen, um der Kirche die ihr gemäße Perspektive zu sichern. Die Hälfte dieser Straße ist 1807 feierlich eröffnet worden. An ihren Eckpunkten sollten gerundete Fassaden in ionischer Gliederung den Zusammenhang der Gesamtanordnung herstellen. Eine von ihnen ist die Faculté de Droit, die andere, entsprechende, errichtete man erst 185o als Bürgermeisterei des V. Gemeindebezirks.

Die mehrfachen Wandlungen seiner Bestimmung und der Inschrift auf seiner Fassade, denen das "Panthéon" durch die einander folgenden Regierungsformen Frankreichs ausgesetzt war, spiegeln die politischen Bewegungen. 1790 ragte die Kuppel vollendet auf; schon im Folgejahr entschied die Nationalversammlung, daß die damals noch Basilika Sainte-Geneviève geheißene Kirche zu profanieren sei; sie sollte hinfort dazu dienen, die Gebeine großer, um das Vaterland verdienter Menschen in sich aufzunehmen. Alsbald verschwanden alle religiösen Attribute am Äußeren wie im Inneren. An die Stelle des Kreuzes auf der die Kuppel bekrönenden Laterne trat zeitweilig eine große, Trompete blasende Ruhmesgöttin. Der schwerste, weil endgültige Eingriff blieb die Vermauerung der 42 Fenster, die dem Inneren Helligkeit gaben; ihre Spur läßt sich noch am Außengewände erkennen. Man schloß sie, um den Eindruck einer Grablege zu erreichen. Napoleon gab die Kirche nach seinem Konkordat mit Rom wieder für den Gottesdienst frei, allerdings mit Ausschluß der den Helden der Nation als Begräbnisstätte vorbehaltenen Krypta, und beauftragte das Kapitel von Notre-Dame mit den Offizien. Allein, die großen kirchlichen Feierlichkeiten, die man hier bei bedeutsamen Anlässen begehen wollte, fanden niemals statt. Ludwig XVIII. überließ Sainte-Geneviève wiederum ihrer ersten Bestimmung als Pfarrkirche. Das Kreuz erschien erneut auf der Kuppelspitze, und Glaubenssymbole schmückten abermals das Giebelfeld. Endlich verlangte Louis Philippe, getreu seinem Grundsatz, sämtlichen Ruhmestaten Frankreichs Ehre zu erweisen, daß das Bauwerk zu seiner "legalen Bestimmung" zurückkehre.

So wurde die Kirche abermals verweltlicht und ihre neue Bestimmung über der Fassade eingemeißelt; dazu schuf David d'Angers das große Relief des Frontons über der erneuerten Inschrift: "Seinen großen Menschen das dankbare Vaterland". Nach seiner Machtübernahme wollte Louis-Napoléon, später Kaiser Napoléon III., den Pariser Katholiken auf seine Weise Genugtuung für die Enteignung gewähren: er gab Sainte-Geneviève nicht nur erneut dem Gottesdienst zurück, sondern ließ sie auch zur "nationalen Basilika" erklären. Die Dritte Republik gab sich damit zufrieden. Aber der Einfluß liberalistischen Denkens blieb doch beherrschend; die Übertragung der sterblichen Reste Victor Hugos 1885 brachte die erneute Profanierung und die letzte Änderung der Inschrift. [...]

Die Krypta mit den Perspektiven ihrer langen Galerien, deren Strenge zahlreiche dorische Säulen auflockern, spielt recht eigentlich die Rolle des "Panthéon français", welche die Revolution der ehemaligen Kirche übertrug. Mirabeau wurde als erstem die Ehre zuteil, hier zu ruhen; freilich nicht für lange. Man entfernte seinen Leichnam nach Aufdeckung seines konspirativen Briefwechsels schon drei Jahre später, um Marats Resten Platz zu machen, denen es im übrigen nicht besser erging. 1791 nahm die Krypta die Gebeine von Voltaire, 1794 die von Jean-Jacques Rousseau auf, die man vom entzückenden Ermenonville hierher überführte. Unter der Regierung Napoleons wurde die Grablege eine Gruft der Marschälle und Würdenträger des Kaiserreiches. Nach der denkwürdigen Beisetzung von Victor Hugo behielt die Dritte Republik das Panthéon für seine bedeutendsten Repräsentanten vor. 

(Bernard Champigneulle: Paris - ein Führer. 2. Aufl. München: Prestel 1982. S. 384 - 389.)


 
Zurück zu:  Paris: Inhaltsverzeichnis