Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

Musée du Louvre
Jacques-Louis David: Die Weihe Napoléons
 
 
 

Text 1
Die Kaiserkrönung Napoleons I. am 2. Dezember 1804


Die Krönungsfeierlichkeiten hatten schon in den Abendstunden des Vortages begonnen. Artilleriesalven kündeten von der Würde des folgenden Tages, bengalische Feuer leuchteten von den Hügeln der Stadt, die Theater spielten kostenlos, Musikkorps durchzogen die Straßen. Bis in die Nacht hinein waren Trupps von Straßenarbeitern damit beschäftigt, den Hof des Schlosses mit Sand abzustreuen, Schlaglöcher mußten ausgebessert werden. In Notre-Dame wurden währenddessen noch an der Innendekoration gearbeitet. Dann brach der Festtag an, Sonntag, der 2. Dezember 1804. Bei frostklarem Wetter setzten sich noch in der Dunkelheit die verschiedenen Züge zu den festgesetzten Zeiten in Bewegung. Minutiös hatte das Zeremoniell den Aufmarsch der Deputationen geregelt. Ab 6 Uhr sind die Seitenportale der Kathedrale geöffnet. Kontrolleure stellen mit viel Mühe an den Eingängen Ordnung her, groß ist der Andrang neugieriger Pariser. 9 Franc Eintritt sollen sie zahlen - der Kaiser weiß sein Geschäft zu machen -, doch mindert das den Andrang nicht. Seit 7 Uhr marschieren die verschiedenen Abordnungen auf Notre-Dame zu. Der Platz vor der Kathedrale ist für alle Karossen gesperrt, die nicht zum Gefolge des Papstes, des Kaisers oder des Erzkanzlers des Heiligen Römischen Reiches gehören. Um genügend Platz zu schaffen, hatte man sogar vor dem Abbruch einiger Gebäude nicht zurückgeschreckt. Ein großer Teil der Kirchenfassade ist mit einem riesigen Triumphbogen verkleidet, der das Wappen Napoleons, den Adler, trägt. Auch hier wimmelt es im Dekor von Bienen. Zwei der vier Säulen des Bogens sind mit den Bildern Chlodwigs und Karls des Großen, den Begründern der ältesten Dynastie Frankreichs, geschmückt, die beiden anderen stehen für die 36 "guten Städte" des Landes.

In der Kathedrale beginnen die Feierlichkeiten mit dem Einzug des Papstes. Umgeben von einer Ehrengarde, schreitet Pius VII. unter einem Baldachin, der von vier Klerikern getragen wird, durch eine Doppelreihe von Bischöfen, Erzbischöfen, Kardinälen zum Mittelgang. Zwei Kardinäle tragen die Säume seines Chorrocks. Die Tiara auf seinem Kopf zieht die Blicke aller Augen von den schon voll besetzten Rängen auf sich. Der Papst segnet die Anwesenden und schreitet zum Altar, während die von 16 Männern geläuteten Glocken dröhnen und ein Doppelorchester von 460 Musikern das "Tu es Petrus" spielt. Der Papst betet vor dem Altar, dann wird er auf den Thron geführt [...], die Rückfront der Nische geschmückt mit dem päpstlichen Wappen. Die Kardinäle stellen sich auf, die Bischöfe bilden zwei Reihen, um die Stola des Papstes zu küssen. Alles setzt sich. Man wartet. Der Papst betet mit geschlossenen Augen. Es ist knapp 10 Uhr 30.

Zu diesem Zeitpunkt ist Napoleon mit den wichtigsten Gästen und den Mitgliedern der Dynastie von den Tuilerien schon aufgebrochen, aber Verkehrsstockungen in den engen Gassen der Stadt ver- zögern die Anfahrt. Um 11 Uhr erreicht der Kaiser endlich die Kathedrale, man steigt aus, begibt sich aber zunächst in den benachbarten Palast des Erzbischofs, um die große Garderobe, den Krönungsornat, anzulegen und sich für die Zeremonien herzurichten. Endlich, es ist 11 Uhr 45, schreiten der Kaiser und die Kaiserin eine extra für diesen Zweck errichtete Galerie zwischen Erzbischofs-Palais und Notre-Dame entlang und betreten unter den Klängen des Orchesters die Kathedrale. Die mehr als 3 ½ Stunden dauernde Krönungsfeier kann beginnen.

Napoleon hat die goldene Lorbeerkrone aufgesetzt, vor dem Kaiserpaar tragen die Großwürdenträger die Reichsinsignien und die Insignien der Kaiserin. Napolcon kniet nieder, verrichtet ein kurzes Gebet und schreitet dann auf die beiden kleinen Throne zu, die im Altarraum vor den Betschemeln aufgestellt sind. Krone, Zepter, Schwert und Mantel werden auf dem Altar niedergelegt. Die Hand auf das Evangelium gelegt, gelobt der Kaiser, "die Gesetze zu handhaben, allen seinen Untertanen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, den Frieden der Kirche Gottes nach dem Gutachten treuer Räte zu bewahren und darüber zu wachen, daß die Päpste die ihnen nach den heiligen Kirchengesetzen gebührende Ehrfurcht genössen."

Der Papst salbt Stirn, Arme und Hände des Kaisers und der Kaiserin nach dem Vorbild der Bischofsweihe, der Großalmosenier, also Onkel Fesch, ist dazu ausersehen, das Öl anschließend wieder abzutupfen. Der Papst segnet die Krone, das Schwert, das Zepter und die übrigen Insignien. Es folgt der Höhepunkt: Der Kaiser und die Kaiserin begeben sich zum Altar, Napoleon steigt die Stufen empor, erhält das Schwert, das er sich umgürtet, das Zepter und die Hand der Gerechtigkeit, die er an Lebrun und Cambacérès weiterreicht. Dann nimmt er dem Papst die Krone aus der Hand, hebt sie mit der Rechten allen sichtbar empor und setzt sie sich, während er mit der Linken das Schwert an sein Herz drückt, mit entschiedener Geste selbst auf. Im nächsten Moment wendet sich Napoleon der vor ihm knieenden Josephine zu, nimmt die Krone der Kaiserin und setzt sie "der Gefährtin seines Glücks auf, die dabei in Tränen zerfließt."

Nun schreitet das gekrönte Paar die Längsachse des Kirchenschiffs hinunter, die Brüder des Kaisers halten die Zipfel des Krönungsmantels, seine Schwestern die Schleppe der Kaiserin, die Großwürdenträger präsentieren die Reichsinsignien. Der Kaiser steigt die 24 Stufen zum Thron empor, seine Kronvasallen nehmen die Ehrenplätze um die Stufen des Throns ein. Dann segnet ihn der Papst und sagt jene Worte, "die in der Peterskirche den Ohren Karls des Großen erklungen waren, als die römische Geistlichkeit ihn unvermutet zum Kaiser des Abendlandes ausgerufen hatte. Vivat in aeternum semper Augustus!"

Sobald die Messe gänzlich beendet ist, tritt der Präsident des Senats, Cambacérès, den Präsidenten des gesetzgebenden Körpers zur Rechten und den des Tribunats zur Linken, vor den Kaiser und überreicht ihm die Formel des konstitutionellen Eides. Ein Bischof übergibt ihm das Evangelium, und Napoleon, die Krone auf seinem Haupt, auf dem Thron sitzend, die Hand auf der Bibel, leistet den Eid, "der die großen Grundsätze der französischen Revolution" enthält: "Ich schwöre, die Unversehrtheit des Staatsgebietes der Republik zu erhalten, die Gesetze des Konkordats und die Glaubensfreiheit, die Gleichheit vor dem Gesetz, die politische und bürgerliche Freiheit, die Unwiderrufbarkeit des Verkaufs der Nationalgüter selbst zu respektieren und dafür zu sorgen, daß dies alles respektiert wird; Steuern und Abgaben nur kraft Gesetzes zu erheben, die Institution der Ehrenlegion beizubehalten und nur unter dem Gesichtspunkt des Interesses, des Glücks und des Ruhmes des französischen Volkes zu herrschen."

Hierauf ruft der Anführer der Waffenherolde mit lauter Stimme: "Der glorreichste und erhabenste Kaiser Napoleon, Kaiser der Franzosen, ist gekrönt und eingethront; es lebe der Kaiser!" Unter der tausendfachen Wiederholung dieses Rufs dröhnen die Gewölbe der Kathedrale. Die Geschütze donnern, Paris weiß, daß Napoleon nach allen unter den Menschen hergebrachten Formen wirklich gekrönt worden ist. Währenddessen nimmt ein Staatssekretär über die Eidesleistung ein Protokoll auf, das von den Prinzen, den Großwürdenträgern, Oberhofbeamten und den Präsidenten des Senats, des gesetzgebenden Körpers und des Tribunats unterzeichnet wird.

Zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags ist die eigentliche Krönungsfeier endlich beendet. Viele der Zuschauer hatten schon mehr als 10 Stunden in der Kathedrale ausgehalten, ohne Picknickkoffer war das Spektakel gar nicht zu überstehen gewesen. Die Dunkelheit ist bereits hereingebrochen. Napoleon und Josephine kehren zu ihrem hellerleuchteten Palast zurück. Unter dem Volk werden Krönungs- medaillen verteilt, die auf der einen Seite das Bild des Kaisers mit der Inschrift "Kaiser Napoleon" zeigen, auf der Rückseite den Kaiser in römischem Gewand mit dem Zepter in der Hand auf einem von zwei Soldaten gehaltenen Schild, der eine gallisch, der andere römisch gekleidet. Auf dem Rand die Inschrift "Der Senat und das Volk".

(Richard Schult: "... das Schiff der Revolution in den von ihm bestimmten Hafen zu bringen. Jacques-Louis David und die Krönung Napoleons. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 53. Jg. (1992) H. 12, S. 728 - 742.)
 
 

Abb. 1
Le Sacre de l’Empereur Napoleon Ier 
(Skizze)

Jacques-Louis David:
Le Sacre de l’Empereur Napoleon Ier et Couronnement de l’Imperatrice Josephine
dans la Kathedrale Notre Dame de Paris le 2 decembre 1804. Öl auf Leinwand, 621 x 979 cm. Musée du Louvre, INV. 3699.
 
 
 

Text 2
Die anwesenden Personen


Das Krönungsbild Davids vereint drei Personenkreise [...], unverzichtbare Bestandteile des Herr- schaftssystems. Da ist zunächst die Familie des Kaisers im linken Bildvordergrund. Hinter ihr schließt sich im Kirchenschiff die Gruppe der Hof- und Militärverwaltung an, kenntlich an den federgeschmück- ten Hüten. Unmittelbar um Napoleon stehen die Spitzen des französischen Klerus, und um den sitzenden Papst herum haben sich die Würdenträger der Kurie versammelt. Im Uhrzeigersinn schließen sich die sechs "Großwürdenträger" des Reiches an. - Als nächste am Thron genießen diese "Großwürdenträger" besondere Beachtung. Die zweite Klasse dieses neuen Hochadels bilden die etwa 40 - 50 "Großoffiziere" des Reiches, unter ihnen die 16 neu ernannten Marschälle und weitere vier Ehrenmarschälle des Reiches sowie die Spitzen der Hof- und Zivilverwaltung.

Wer sind nun die Personen im einzelnen, die uns David zeigt? Im linken Bildvordergrund sehen wir im Kirchenschiff die Brüder Napoleons, Joseph (1) und Louis (2), es schließen sich die Schwestern Caroline (3), Pauline (4) und Elise (5) an, sowie Napoleons Stieftochter Hortense de Beauharnais (6), die Mutter des späteren Kaisers Napoleon III., mit ihrem Sohn Charles (7) und rechts neben ihr die Frau Josephs (8). Napoleon hatte sie alle zu Prinzen und Prinzessinnen ernannt. Louis und Joseph hatten als direkte Thronprätendenten während der Fahrt zur Krönungsfeier in der kaiserlichen Kutsche sitzen dürfen und beim feierlichen Einzug in die Kathedrale den Zipfel des hennelingefüttert en Krönungsmantel getragen. - Caroline, die jüngste Schwester des Kaisers, war mit Marschall Mura verheiratet, der hinter der knienden Kaiserin zu sehen ist.

Hinter den Angehörigen Napoleons - allerdings nicht deutlich auszumachen - sind in dunklen Uniformen mit den Insignien Karls des Großen einige der Marschälle zu erkennen, nämlich Kellermann mit der Krone, Lefebre mit dem Schwert, Pérignon mit dem Zepter. Nach dem 95jährigen Erzbischof von Paris (9) folgen der Oberzeremonienmeister Ségur (10), dem die Leitung der Feierlichkeiten übertragen worden war, ein Mann von altem Adel, zu Zeiten Ludwig XVI. Gesandter bei der Zarin Katharina der Großen, sowie eine weitere Gruppe von Marschällen, unter ihnen Murat (11). Sie halten Kissen, Korb und Brett, die Unterlagen für die während der Krönung gebrauchten Insignien der Kaiserin. Hinter Josephine (12) und Napoleon (14) hebt ein Bischof (13) ein Kreuz empor. Rechts, vor dem Leuchter des Altars, steht der Kardinal Fesch (15), ein Onkel Napoleons. Hinter Fesch hebt sich scharf das Profil Bernadottes (16) ab, auch er gerade zum Marschall ernannt. Als einfacher Soldat hatte er seine Laufbahn begonnen. Später sollte er eine Dynastie gründen, die bis heute den Thron Schwedens innehat.

Es folgt Coulaincourt (17), der Großstallmeister, aus altem Adelsgeschlecht, der während der Revolution aus dem Heer entlassen worden war. Mit der linken Hand auf den Degen gestützt sehen wir Eugène de Beauhamais (18). Ihm übertrug der Stiefvater kurze Zeit nach der Krönung das Amt des "Erzkanzlers des Staates". Damit nahm er ihn in die Reihe der Großwürdenträger auf und ernannte ihn zum kaiserlichen Prinzen. Vor ihm auf der ersten Stufe des Altars steht in roter Robe ordens- geschmückt Talleyrand (19), der gerissenste und wendigste aus dem Kreise um Napoleon. Er war schon zur Zeit Ludwig XVI. Bischof, während der Revolution Mitglied der Nationalversammlung, und später einer der wenigen, die den Sturz Napoleons politisch überlebten. Talleyrand hatte den Korb für den Kaisermantel tragen dürfen. - Eine halbe Stufe tiefer schließt sich nach links der Marschall Berthier (20) an; er hält den Reichsapfel. Schließlich folgen zwei weitere Großwürdenträger, zunächst mit der Hand der Gerechtigkeit der ehemalige Mitkonsul Napoleons, der Erzkämmerer Cambacérès (21), schließlich mit dem Zepter Lebrun (22), ebenfalls Konsul während der zurückliegenden Jahre, zum Trost für den Verlust dieses Titels jetzt zum Erzkanzler des Reichs ernannt.

Unter den Gästen im zweiten Glied, oberhalb des Papstes (23) und seiner Kardinäle, ist die Gruppe der Diplomaten hervorzuheben, unter ihnen die Botschafter Österreichs, Italiens, Spaniens, der Türkei und der Vereinigten Staaten. Ihre Anwesenheit erhob die Krönung in den Rang eines europäischen und sogar Weltereignisses. In der Mitte des Bildes im Krönungsmantel, der von zwei Ehrendamen gehalten wird, Josephine, die auf wunderbare Weise durch die Kunst Davids verjüngt ist - immerhin war sie zum Zeitpunkt der Krönung schon 41 Jahre alt.

(Richard Schult: Die Kaiserkrönung Napoleons. In: Eberhardt Schwalm (Hrsg.): Folienbuch Geschichte 2. Bilder für den Unterricht. Vom 16. Bis zum 18. Jahrhundert. Stuttgart: Klett-Perthes 1993. S. 79 - 84.)
 
 

Abb. 2
Die Ambivalenz der Herrschaftslegitimation



 

(Richard Schult: Die Kaiserkrönung Napoleons. In: Eberhardt Schwalm (Hrsg.): Folienbuch Geschichte 2. Bilder für den Unterricht. Vom 16. Bis zum 20. Jahrhundert. Stuttgart: Klett-Perthes 1993. S. 79 - 84; S. 82.)
 


 
 
Zurück zu:  Paris: Inhaltsverzeichnis