Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 
 

Musée du Louvre
Nike von Samothrake
 
 

Abb. 1 und 2
Griechische Plastik im Louvre



 
Text 1
Die Entwicklung der griechischen Plastik

Die letzte Kultur des Mittelmeerraumes mit magischen Grundstrukturen war die ägyptische. Dies prägte sich auch in einer ganz überpersönlich und überindividuell gestalteten Plastik aus. Ihr begegnete die werdende Welt der Griechen, indem sich zunehmend ein individuelles und persönlich verantwortetes Denken herausbildete. Zwar gab es nach der dorischen Wanderung intensive Verbindungen zwischen Griechenland und Ägypten, doch behauptete sich die Eigenart des griechischen Wesens - und das bis heute. Es wurde der eine Quell abendländischer Kultur, deren Ziel es war, sich Schritt um Schritt aus der Umklammerung magischer Mächte durch ein Denken zu befreien, das aus dem unmittelbaren Anschauen der Dinge hervorging. Dies machte in der Bildnerei Gestaltungsprinzipien möglich, die auf eine freie und sich immer mehr verlebendigende Ges-taltung der für sich stehenden menschlichen Gestalt zielten. Das Prinzip einer körperhaft-sinnlich durchgebildeten Freiplastik und deren Entwicklung von der statuarischeu Säule zur bewegten, raumgreifenden Komposition soll [...] verdeutlicht werden. Es ist dies das klassische Prinzip schlechthin, das in der europäischen Geschichte der Kunst immer dann wieder aufgenommen werden wird, wenn sinnenhafte Anschauung und individuelles Persönlichkeitsdenken mit humanistischem Gedankengut zusammentreffen. Die Vorrangstellung innerhalb recht unterschiedlicher plastischer Leitideen im Verlauf der europäischen Kunstgeschichte hat vor allem drei Gründe:

  • der mimetische Grundzug der griechischen Plastik, d.h. ihr Bestreben, den Menschen möglichst vollkommen abzubilden, ist bis heute Leitbild des „schönen Menschen“ geblieben, der als ideelles Vorbild die Künstler verschiedener Zeiten zum Nacheifern aufforderte. Dabei wurde das „klassische Bild“ eines Menschen, der mit Leib und See-le harmonisch lebend vorgestellt wurde, auch häufig mißverstanden verwendet, wie z. B. in der Nazi-Plastik mit ihrer kraftstrotzenden Verdeutlichung des wehrhaft-sportlichen Menschen;
  • den Kontrapost als die ureigenste Erfindung der griechischen Bildhauer der Hochklassik (5.  Jh.). Sie machte es künftig möglich, menschliche Gefühle und Lebensideale durch Haltung und Gestik ausdrucken zu können;
  • den Willen zur Körperplastik, d. h. die Gestaltung eindeutig begrenzter und überschaubarer plastischer Formungen, gleichgültig ob es sich nun um Reliefs oder vollplastische Darstellungen handelte.
Die drei genannten Gründe sind auch immer zum Maßstab der Beurteilung von Plastik gemacht worden.

(Klaus Kowalski: Stundenblätter Plastik. Stuttgart: Klett 1985. S. 22f.)
 
 


Text 2
Hera und Nike

Die Statue der Hera, um 1875 im Heiligtum der Hera auf Samos gefunden, zeichnet sich durch ihre ungewöhnlich einheitliche und einfache, wie auf einen Säulenschaft zurückgehende Gestaltung aus. Kopf und rechter Arm sind nicht erhalten. Die Figur ist mit drei unterschiedlichen Gewändern bekleidet: zuunterst ein langer, sich an der Basis zu einem Kreis erweiternder Leinenchiton mit Parallelfältelungen; ein Mantel darüber, der schräg über der Schulter und Brust links liegt und mit dem längeren Teil den herabhängenden Arm begleitet und betont. Darüber trug die Gestalt ein faltenloses Schleiertuch, das über den Kopf gezogen war, den Rücken und Arm bedeckte und von der linken Hand gehalten wird. Rechts vorne ist es mit einem Zipfel unter den gerade noch am Mantelsaum sichtbaren Gürtel gesteckt. Auf dem Schleier findet sich eine Inschrift, die besagt, daß Cheramyes die Statue der Hera geweiht hat. Es wird angenommen, daß hier, im Gegensatz zu späteren Weihegaben, die Göttin und Braut des Zeus selbst dargestellt wurde. [...]

Die Nike, gefunden 1863 auf Samothrake, wurde von den Rodiern zum Dank für den Sieg über Antiochus III. von Syrien (222 - 187 v. Chr.) nahe dem Kabiren-Heiligtum aufgestellt. Als weithin sichtbares Denkmal aus weißem Marmor erhob sie sich vor einer Schlucht, auf dem Vorderteil eines der siegreichen Schiffe plaziert. Das Schiff, in dunkelgrauem Marmor ausgeführt, lag in einem wassergefüllten und mit weißen Marmorwellenplatten gefaßten Becken. In einem etwas tiefer gelegenen Becken türmten sich Felsbrocken, so daß die Illusion entstand, das Siegesschiff fahre gerade in den Hafen ein. Nie wieder ist in der antiken Plastik das Zusammenspiel von Gliedmaßen und Gewand, Körper- und Luftbewegung so vollkommen gestaltet worden wie hier. Der Kopf war zur linken Seite gewendet, der rechte Arm der Nike erhoben, ihr linker gesenkt. Nach mehreren Funden von Teilstücken der erhobenen Hand wird nun wahrscheinlich, daß die Göttin nicht eine Trompete - wie häufig auf Ergänzungsvorschlägen zu sehen -, sondern eine aus Metall gefertigte Siegesbinde gehalten haben mag. 

(Klaus Kowalski: Stundenblätter Plastik. Stuttgart: Klett 1985. S. 24f.)
 
 

Tab. 1
Hera und Nike



 
 

Gestaltungsmerkmale
Hera
Nike von Samothrake
Umrissverlauf
durchlaufend, 
nicht unterbrochen
lebhaft und kontrastreich umlaufend, vorne mehr geschlossen, hinten mehr geöffnet
Oberflächenausgestaltung
flaches Relief aus Kerben und Graten
stark reliefierte Teilstücke mit Tiefen und flachreliefierte Oberfläche
Anordnung der Teilvolumen
wenige große Teilkörper
starke Trennung von Teilvolumen mit gleichzeitigen Überdeckungen
Lage und Betiehung
übereinander, statisch
teils gespannte Wölbung, teils mit Graten und Mulden überspielter Bewegungszusammenhang
Achsenrichtungen
eine Senkrechte
frei bewegte Achsenbündel mit fächerartigen Schrägen,
z. T. überspielt von gegenläufigen Richtungen
Achsenlage im Raum
nur auf Standrichtung bezogen
nach vorne und zur Ansichtsseite
raumgebend und -nehmend

 

Text 3
Von der statuarischen Säule zur raumgreifenden Komposition

Die Grundhaltung der griechischen Kunst war eine durchaus plastische. Ihr Hauptziel war die Formung der menschlichen Gestalt als eines von innen heraus plastisch belebten Körpers, der den Gesetzen einer nicht weiter erklärbaren idealen rhythmischen Vorstellung und ebensolchen sich allmählich herausbildenden und klärenden Verhältnissen folgt. Im klassischen Zeitalter des 5. vorchristlichen Jahrhunderts hat, wie man schon im späteren Altertum annahm, diese plastische Idee ihre geradezu absolute Vollkommenheit erreicht. Ihr Wesen, ihr Verhältnis zu Raum und Zeit können vielleicht am besten an den schon seit jeher als mustergültig geltenden Gestalten des Polyklet oder an den wundervollen Figuren des Parthenonfrieses abgelesen werden. [...] 

Kennzeichnend für die archaische Plastik sind zwei Grundtypen, die das neue Menschenbild der Griechen verkörpern: Der Kuros und die Kore. [...] Sie zeigen eine strenge Frontalität, trotz vollplastischer Modellierung wirken sie daher flächenhaft. Die Körperformen sind zwar anatomisch richtig proportioniert, dennoch fehlt es den Figuren an Lebendigkeit, vor allem auf Grund der starren Schritt- stellung und der hölzern wirkenden Armhaltung. Die am Körper hervorspringenden Muskelpartien sind summarisch vereinfacht, wodurch aber die Figur an monumentaler Ausdruckskraft gewinnt. Der geometrische Stil der vorarchaischen Kunst ist in diesen frühen Stücken noch deutlich erkennbar, vor allem in den schematisch gewellten Haaren, dem graphischen Linienverlauf der Gewandfalten und der linearen Zeichnung der Gesichter. Neu ist das erstmals in der Kunst erscheinende "archaische Lächeln", Ausdruck der Diesseitsfreude, eine vorher nie zugestandene Form des Menschseins.

In der Klassik überwinden die griechischen Bildhauer die archaische Frontalität und symmetrisch strenge Gliederordnung; in diese Epoche fallen die Erfindung der Ponderation, also des harmonischen Ausgleichs der Körperverhältnisse, und des Kontraposts. Darunter versteht man den Ausgleich zwischen Ansteigen und Fallen von Kräften, das Gegenspiel von Bewegung und Ruhe, die Spannung zwischen Schreiten und Stehen.

Wie der Tempel des 5. Jahrhunderts hat auch die klassische Statue, schon in Rücksicht auf die frontale Anlage der menschlichen Gestalt, eine Hauptansichtsseite, aber wie dies beim Tempel der Fall ist, muß man auch die klassischen Statuen umschreiten, um ein vollständiges Bild ihres plastischen Gehaltes zu bekommen. Auch sie genügen sich selbst, auch sie sind Mikrokosmen, die einer Umrahmung oder eines architektonischen Hintergrundes nicht bedürfen. Als körperlich ausgedehnte Form erzeugen sie einen künstlerischen Existenzraum, aber dieser Raum bleibt passiv, denn er wird durch die Statue in keiner Weise aktiv geformt. Im Hellenismus ändert sich dieses Verhältnis zum Raum. Im 2. vorchristlichen Jahrhundert werden Statuen und Gruppen ganz in der Ebene entwickelt, die frontale Wirkung allein zählt, der Beschauer muß sich der Plastik gegenüber genauso verhalten wie zum frontalen Schaubild des hellenistischen Tempels. Nun wird die Statue auch in eine bestimmte architektonische Umgebung gestellt, die ihren Existenzraum abschließt, sie rückt an die Architektur der Wand, die ihre frontale Wirkung steigert, oder sie wird in eine Nische gestellt, die eine ganz ähnliche abschließende und richtunggebende Wirkung ausübt. Wie sehr die raumschaffende und raumausstrahlende Dynamik die barocke Phase der späthellenistischen Plastik beherrscht, zeigt die Nike von Samothrake besonders eindrucksvoll. Aus einem felsigen, schluchtartigen Hintergrund auftauchend und dem Herankommenden eine genau berechnete Ansicht bietend, scheint die stürmische, triumphale Bewegung die Unendlichkeit des Meeres- und Himmelsraumes zu beschwören. [... ]

Schon diese wenigen Beispiele lassen den Wandel erkennen, der die Entwicklung vom klassischen 5. Jahrhundert zum späten Hellenismus charakterisiert. Die sich selbst isolierende, rein plastisch geschlossene Haltung wird aufgegeben zugunsten einer verstärkten, raumschaffenden Wirkung nach außen hin. [... ]

Faßt man zusammen, dann kann man sagen, daß eine Abwanderung des künstlerischen Interesses von der plastischen Formung des Körpers zur Raumformung in Griechenland seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. deutlich feststellbar ist und im 2. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht. Diese Entwicklung findet ihre Grenze in der Beschränktheit der schöpferischen Möglichkeiten des griechischen Kunstwollens, dem es seiner Natur entsprechend nicht gegeben ist, das Medium des Körpers durch das Medium des absoluten Raumes zu ersetzen.

(Guido Kaschnitz von Weinberg: Das Schöpferische in der römischen Kunst. Reinbek: Rowohlt 1961. S. 43 u. 67f.; [2. und 3. Absatz:] Gottfried Lindemann: Hermann Boekhoff (Hrsg.): Lexikon der Kunststile. Bd. 1. Reinbek: Rowohlt 1970. S. 10ff.)
 
 

Text 4
Samothrake

"Waldreiches Thrakisches Samos" nennt Homer Samothrake im 13. Gesang der "Ilias" und läßt Poseidon vom höchsten Gipfel der Insel das Kampfgeschehen vor Troja beobachten. In der nördlichen Ägäis bildet die Silhouette der griechischen Insel Samothrake mit ihrem jäh aus dem Meer aufsteigenden Gebirgsblock eine beherrschende, weithin sichtbare Landmarke. Der höchste Gipfel der 180 qkm großen und heute etwa 4.000 Einwohner zählenden Insel ist der 1664 Meter hohe Phengari (Mondberg). Von der Natur durch den gebirgigen Charakter eher benachteiligt - außer Waldreichtum, Schafherden und Wildziegen werden noch Zwiebel und Fenchel bei antiken Schriftstellern besonders hervorgehoben - lag die Bedeutung der Insel im Altertum in ihrer Lage am wichtigen Seeweg von Griechenland zu den Dardanellen und zum Schwarzen Meer. In diesem, wegen seiner plötzlich auftretenden Fallwinde und heftigen Strömungen für die Schiffahrt besonders gefährlichen Teil der nördlichen Ägäis, diente Samothrake von jeher den Seeleuten als Orientierungspunkt und Zufluchtstätte.

Bereits in der Bronzezeit war die Insel, deren Besiedlung sich bis ins Neolithikum zurückverfolgen läßt, von indogermanischen Thrakern bewohnt. Auf sie führt man grundlegende Elemente der samothrakischen Religion und ihres Kultes zurück, mit ihnen bringt man die ältesten baulichen Reste im Heiligtum in Verbindung, und ihre Sprache war noch im 1. Jahrhundert v. Chr. als Kultsprache in Verwendung. Um 700 v. Chr. haben aiolische Griechen vermutlich von der Insel Lesbos aus Samothrake kolonisiert. Sie bauten ihre Stadt im Nordwesten der Insel an einem schroffen Vorberg, dessen Gipfel die Akropolis bildete, und legten einen kleinen, durch eine Mole geschätzten Hafen an. Die Stadt war Zentrum eines griechischen Stadtstaates, der die ganze Insel umfaßte, und wurde von einem König (Basileus) regiert, dessen Titel später auf den höchsten Beamten überging. Von der einheimischen thrakischen Bevölkerung übernahmen die Griechen den Kult und bauten das westlich der Stadt gelegene Heiligtum weiter aus.

Im 6. Jahrhundert erlebte die Stadt dank ihrer geographischen Lage einen raschen wirtschaftlichen Aufstieg, wofür einzelne Abschnitte der mächtigen Stadtmauer aus polygonalem Mauerwerk und eine eigene Silberprägung mit dem Bild der Stadtgöttin Athena beredtes Zeugnis ablegen. Durch den Besitz eines Küstenstreifens auf dem gegenüberliegenden Festland (sog. Peraia) zwischen den Städten Maroneia und Ainos kontrollierte die Insel mit einer eigenen Flotte den Seeweg zu den Dardanellen. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts geriet Samothrake in die Abhängigkeit des Perserreiches [...]. 

Im Gegensatz zur schwindenden politischen Macht der Polis Samothrake stieg jedoch der Ruhm und die Bedeutung des Heiligtums; so hatten sich Herodot und auch der Spartanerkönig Lysander in die Mysterien einweihen lassen. Philipp II. von Makedonien, in dessen Reich die Insel um 340 einbezogen wurde, soll seine spätere Gattin, die Mutter Alexanders des Großen, Olympias, anläßlich der Einweihung in die Mysterien auf Samothrake kennengelernt haben. Unter der Herrschaft der Makedonenkönige und unter den Diadochen, den Nachfolgern Alexanders des Großen, erhielt das Heiligtum in der 2. Hälfte des 4. und im Verlauf des 3. Jahrhunderts seine prächtige Ausgestaltung. Damals wurde Samothrake zum führenden Zentrum religiösen Lebens in einem Gebiet, das sich vom nördlichen Griechenland über Makedonien und Thrakien bis ins nordwestliche Kleinasien erstreckte. Sein Asylrecht war allgemein bekannt: hierher floh ägyptische Königin Arsinoe, die Stifterin des nach ihr benannten Arsinoeions, nach der Ermordung ihrer Kinder durch ihren zweiten Gatten Ptolemaios Keraunos im Jahre 280 v. Chr.

Nach häufig wechselnden Herrschaftsverhältnissen im Hellenismus erhielt die Insel unter den Römern die Unabhängigkeit und einen Teil ihrer Peraia zurück, nachdem der letzte Makedonenkönig Perseus nach der Schlacht bei Pydna 168 v. Chr. vergeblich im Heiligtum Zuflucht gesucht hatte. Die Blüte des Heiligtums und damit der Zustrom an Besuchern dauerte auch unter den Römern an und wurde nur von einer Plünderung durch Seeräuber im Jahre 84 v. Chr. und durch ein schweres Erdbeben in der frühen Kaiserzeit, das weitreichende Restaurierungen und Erneuerungen notwendig machte, unterbrochen. Der endgültige Verfall des Heiligtums und der Niedergang der Stadt scheint erst im 4. Jahrhundert n. Chr. eingesetzt zu haben. Der Hafen versandete allmählich und ein neuer Hauptort, Chora, wurde landeinwärts im Schutz der Berge errichtet. [...]

Die Nachrichten antiker Schriftsteller über den samothrakischen Kult sind widersprüchlich und nur schwer deutbar. Der Grund liegt einerseits in der bewußten Geheimhaltung und Beschränkung religiöser Inhalte und Riten auf die in die Mysterien Eingeweihten, andererseits in der Vermischung vorgriechischer religiöser Vorstellungen mit jenen der Griechen, die im Laufe der Jahrhunderte die verschiedensten Interpretationen erfahren haben. Am bekanntesten ist die Gleichsetzung der samothrakischen Götter mit den Kabiren, orientalischen Fruchtbarkeitsdämonen, deren Verehrung schon in archaischer Zeit in Griechenland Eingang fand. Kabiren war jedoch kaum der ursprüngliche Kultname der samothrakischen Götter; ihre offizielle, in den Inschriften gebräuchliche Bezeichnung ist [...] "die Großen Götter".

Zentralgestalt war eine Göttin, die mit ihrem vorgriechischen Namen Axieros hieß und von den Griechen mit Demeter gleichgesetzt wurde. Verwandt mit der phrygischen Kybele erscheint sie als "Große Mutter" auf der Rückseite samothrakischer Münzen und wurde an Felsaltären verehrt. [...]

Samothrake war neben Eleusis die bedeutendste griechische Mysterienstätte. Von der Einweihung erhoffte man sich ganz allgemein ein glückliches Leben, im besonderen aber den Schutz der Großen Götter auf See und die Rettung aus Seenot. Die Eingeweihten (Mysten) trugen einen Ring aus Magneteisenstein, der für sie Amulettcharakter hatte. Das jährliche Hauptfest fand im Sommer statt, Festgesandte (Theoren) aus vielen Staaten Griechenlands und Kleinasiens nahmen daran teil; ihrem feierlichen Empfang diente wahrscheinlich das anfangs des 3. Jahrhundert v. Chr. erbaute Arsinoeion (3). Einweihungen in die Mysterien wurden vor allem in Verbindung mit diesem Fest vorgenommen, waren jedoch - im Gegensatz zu Eleusis - das ganze Jahr über möglich, wobei nicht nur freie Griechen, sondern auch Nichtgriechen, Sklaven, Frauen und Kinder zugelassen waren. Wie in Eleusis gab es aber auch in Samothrake zwei Stufen der Einweihung: die niedere (Myesis) empfing man im Anaktoron (1), die höhere (Epopteia) im Hieron (5). Die Einweihungszeremonien fanden in der Nacht bei Fackelschein und Lampenbeleuchtung statt. Neben blutigen und unblutigen Opfern an Altären und Opfergruben, Reinigungsriten und rituellen Tänzen wurden Schauspiele mit symbolischem Gehalt und bestimmte Kultsymbole gezeigt, die nur der Eingeweihte sehen durfte und über die zu sprechen ihm nicht erlaubt war.

Im Westen der antiken Stadt, etwa 500 Meter vom Meer entfernt, liegt, in die hügeligen Ausläufer des Hagios Georgios eingebettet, in einem grünen Tal das Heiligtum. Es wird von drei Wasserläufen, die weiter nördlich zu einem Bach vereinigt ins Meer münden, durchflossen und umschlossen. Mit dem gewaltigen, alles dominierenden Gebirgsmassiv im Hintergrund ist das Mysterienheiligtum von Samothrake eines der eindrucksvollsten Landschaftsheiligtümer Griechenlands. [...]

Am weitesten nach Norden vorgeschoben ist das Anaktoron (1), das Haus der "Herren" (Götter); in dem durch Pfeiler gegliederten Innenraum fand die Myesis statt. Im Süden war ein kleiner Raum, die sogenannte Sakristei (2), angebaut, die vielleicht den Kandidaten zur Vorbereitung diente; an den Wänden waren auf Marmorplatten Mystenverzeichnisse angebracht. Über dem Arsinoeion (3) liegt auf einer zentralen Terrasse das Temenos (4), der von einer Mauer umschlossene heilige Bezirk für Opfer- und Kulthandlungen mit einem zierlichen, ionischen Torbau im Osten, vielleicht eine Weihung Philipps II. von Makedonien um 340 v. Chr. Anschließend im Süden das Hieron (5). An seiner Westseite eine bereits um 540 v. Chr. zur Aufnahme von Weihegeschenken erbaute Halle (6) mit sechs dorischen Säulen an der Langseite. An der Südseite der Halle befand sich ein Felsaltar, der (wenn die Architrav- inschrift richtig ergänzt ist) von Philipp Arrhidaios, dem Halbbruder Alexanders des Großen, um 340 - 330 v. Chr. durch einen Altar aus Marmor ersetzt wurde. Es war ein Hofaltar (7) mit einer Umfas- sungsmauer von 14 x 17 m mit vier dorischen Säulen an der Front. Gegenüber am Osthang des westlichen Hügels ist noch das Rund des Zuschauerraumes des um 200 v. Chr. erbauten Theaters (8) zu sehen. Seit dieser Zeit diente die Fassade des Altarhofes und ein davor errichtetes Podium als Hintergrund bzw. Bühnenersatz für das Theater.

Der westliche Hügel erhielt seine bauliche Ausgestaltung im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. (8 - 19). Auf der Höhe des Hügels wurde in der 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. eine Säulenhalle (griech. Stoa: 18) aus Kalkstein erbaut, um den immer zahlreicher werdenden Besuchern Unterkunft zu bieten. Das Bauwerk war das größte des Heiligtums (Länge 104 m) mit 35 dorischen Säulen an der dem Heiligtum zugekehrten Fassade. Am Südende des Plateaus sind in einer Nische die Grundmauern des Nike-Brunnens (19) zu erkennen: im oberen von zwei übereinander angelegten Becken stand auf einem Schiffsvorderteil die berühmte Nike, Siegesdenkmal für einen (rhodischen?) Seesieg um 190 v. Chr.

Zentrum der Bauten auf dem östlichen Hügel ist ein kreisrunder, gepflasterter Platz (22; Durchmesser 9 m) aus der Zeit um 400 v. Chr. Auf fünf Stufen konnten Zuschauer den Kulthandlungen folgen, die auf einem Altar in der Mitte des Platzes vollzogen wurden. Im Nordwesten wurde zwischen 323 und 316 v. Chr. über einem Vorgängerbau ein monumentales dorisches Gebäude aus Marmor errichtet, eine Weihung Philipps III. Arrhidaios und Alexanders IV., des Sohnes Alexanders des Großen. Nach der Erbauung des Ptolemaions 285-280 v. Chr. (21) wurde der Kultplatz mit diesem durch eine Rampe verbunden.

(Wolfgang Oberleitner (Hrsg.): Katalog der Antikensammlung Bd. 2: Funde aus Ephesos und Samothrake. Wien: Ueberreuter 1978. S. 42 - 46.)
 
 

Abb. 3
Plan des Heiligtums von Samothrake

(Wolfgang Oberleitner (Hrsg.): Katalog der Antikensammlung Bd. 2: Funde aus Ephesos und Samothrake. Wien: Ueberreuter 1978. S. 42 - 46.)

 
 
 
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Athen:  Akropolis-Museum - Archaische Skulptur
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