Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

Musée du Louvre
Schule von Fontainebleau: Gabrielle d'Éstrées
 
 
 

Text 1
Gestern sah ich wieder ihr Bild ...


Gestern sah ich wieder ihr Bild.

Im Halbdunkel, matt ausgeleuchtet vom gedämpften Licht des Museums, blickt sie an mir vorbei in den Raum, der sich hinter mir ausbreitet.

Zu meiner Rechten steht sie, scheint regloser noch als das Bild selbst zu sein, aus dem alle Bewegung gewichen ist. Sie hält den Kopf hoch erhoben über ihrem entblößten, von starkem Seitenlicht angestrahlten kreideweißen Körper. Unter dem perückenhaft hochfrisierten Haar drückt ihr Gesicht Erstaunen aus, und man hat den Eindruck, als wäre dort im nächsten Augenblick eine Empfindung zu lesen gewesen. Aber der Maler hat sie uns nicht zeigen wollen.

Der kleine, wie zum Kuß geformte Mund - aber auch dies ist nur ein Wunsch, den unser Blick suchend ergänzt - ist vom gleichen Rot wie die schweren, in wuchtige Falten gelegten Vorhänge am Bildrand, die den Eindruck einer soeben geöffneten Theaterbühne erwecken. Eine tränenförmige Perle schmückt den goldenen Ring in ihrem Ohr, und von dort führt ein langgezogener Schatten über die Schulter und den Arm bis zur linken Hand hinab. Der Unterarm, angewinkelt in Höhe des Bauchnabels, ruht auf der verhüllten Umrandung einer steinernen Wanne, in der die Frau steht. Davor schwebt ihre linke Hand, nur scheinbar abwehrend, denn die Hand zeigt uns etwas: Zwischen Daumen und Zeigefinger ist ein goldener Ring zu sehen, in den ein Saphir eingefaßt ist. Doch wie sie ihn hält? Kaum von den Fingerkuppen berührt, scheint der Ring nur behutsam von den Fingernägeln gehalten zu werden, als sei das Gold zu heiß oder der Saphir vergiftet. Wir suchen eine Erklärung, vielleicht in der rechten Hand, aber diese hängt schlaff über den Wannenrand herunter, der kleine Finger seltsam abgespreizt.

Direkt über den Fingern, die den Ring halten, sehen wir die nussfarbene Brustspitze der Dame im Bade. Nun glauben wir auch ihren sphinxhaften Gesichtsausdruck zu verstehen, eine erste Ahnung huscht durch unsere Seele, denn Daumen und Zeigefinger einer anderen Hand greifen nach dieser Brustspitze, wie um einen Stachel zu ziehen. Lang und feingliedrig sind diese Finger, jedoch in bräunlichem Rot gehalten, einem ungleich wärmeren Ton als die kaltweißen Glieder der Dame, die den Ring hält. Da ist sie wieder, jene Ahnung, die uns beschleicht wie ein Gedanke, der vor Worten flieht. Oder ist es Einbildung?

Zwei Frauen stehen da. Denkt man sich die Köpfe weg, so gleichen sich die beiden Gestalten vollkommen, zwei nackte Oberkörper, in einer Wanne stehend, verbunden durch das Spiel der Hände, die rechten auf dem Wannenrand ruhend, während die linken mit spitzen Fingern Ring und Brustknospe gefaßt halten. Doch das Gesicht der Dame zur Linken blickt triumphierend, verschlagen. Ein Hauch von lebendigem Rot ist über ihre Haut gelegt.

Allmählich öffnet sich nun der Innenraum, der beredte Hintergrund des Gemäldes, und gibt zwischen den nur halb zurückgezogenen dunkelroten Vorhängen den Blick frei auf eine weitere Frau, eine Kammerfrau vielleicht, die dort hinten neben einem Kamin sitzt. Sie ist über eine Handarbeit gebeugt eine weiße Schärpe, die zu beiden Seiten über ihren Schoß herabfällt. An der Wand hinter ihr hängt ein Spiegel, der nicht silbern, sondern schwarz in seinem goldenen Rahmen glänzt. Neben ihr, in der eigentlichen Bildmitte, schwebend über dem Rätselspiel der Hände, ragt ein mit dunkelgrünem Samt verhängter Tisch in den Raum. Wir sehen die länglichen Falten auf dem grünen Stoff, der - man spürt es geradezu - soeben erst über den Tisch geworfen wurde. Hier werden wir plötzlich an die Zeitlichkeit herangeführt. Das allmähliche Glätten des Stoffes auf dem Tisch, der vielleicht ein Katafalk ist, und der schwache Schimmer eines niedergehenden Feuers im Kamin dahinter lassen die Kammerfrau zur Parze werden, die die Schicksalsfäden wirkt und löst unter dem schwarzen Spiegel, darin der Tod wohnt. Doch warum? Warum so früh? Weiß vielleicht jener Mann eine Antwort, dessen kaum verhüllten Unterleib wir über dem Kamin gerade noch erkennen können? Aber auch er ist ja nur ein Bild, ein Bild im Bild, das aus dem eigentlichen Gemälde hinaus in die Wirklichkeit zu wachsen scheint. Wir wissen nicht, wer er ist. Der Maler gab ihm kein Gesicht. Er sitzt dort, wie von einer Liebesnacht erschöpft, auf dem Boden, in prachtvollen purpurroten Stoff gehüllt der seine Lenden umfließt. Der unbekannte Mann thront über der ganzen Szenerie, über dem niedergehenden Feuer, dem grün verhängten Tisch, der Parze, den beiden Damen im Vordergrund und ihren geheimnisvollen Gesten.

Doch jetzt ahnen wir, daß der Blick der Dame zur Rechten keine Welt mehr sieht. Wir spüren förmlich das kleine Holzgerüst das sie in ihrer Wanne aufrecht hält um den Schein des Lebendigen zu erwecken. Erloschen das Licht ihrer Augen, leblos der Körper unter der wächsernen Haut starr die Gesten ihrer Hände, ihrer Finger, zwischen die jemand wie zum Hohn einen Ring gesteckt hat.

Listig, triumphierend sieht die zweite Dame uns an. In ihren Händen pulsiert noch das Blut in ihr lebt noch ein Wille, während in jener anderen nur noch ein letzter Schimmer der Welt glimmt ein winziger weißer Lichtpunkt auf der tränenförmigen Perle, die ihr Ohr schmückt - der einzige Ausgang so scheint es, um in die Welt vor dem Bild zu gelangen, zu den Kerzen, die dort brennen im Atelier, einem jämmerlichen Schuppen, worin sich der Gestank rußender Kerzen mit dem scharfen Geruch von Firnis vermischt in einer lautlosen Nacht des Jahres 1600. Und fast glaubt man, das leise, sanft kratzende Geräusch eines Pinsels vernehmen zu können, der behutsam die letzten Striche an den Gestalten ausführt, um das Geheimnis ihrer Geschichte auf immer zu verschließen.

(Helmut Fleischhauer: Die Purpurlinie. Roman. München: Heyne 1976. S. 9 - 11.)
 
 

Text 2
Zwei kühle Schönheiten

Aus Italien kommen die Ideen und Bildvorstellungen der Renaissance und mit ihnen die vielen unverhüllten Göttinnen der Antike. Sie werden in Frankreich zur Mode: Die schönen Damen des Hofes lassen sich aus den Fluten steigend oder in Quellen badend malen, fühlen sich dadurch in die Nähe der heidnischen Gottheiten gerückt und pro-fitieren von deren Prestige. Maler aus Florenz und Bologna schmücken die Säle von Schloß Fontainebleau - dem „schönen Brunnen“ - mit Göttinnen und Nymphen aus, Baumeister ersinnen eine Folge von Gemächern, die „appartements des bains“ mit Liegeräumen, Umkleidezimmern und Marmorbädern. Hier hängt König François I. (1494 - 1547) seine schönsten Bilder auf, wie die „Mona Lisa“ des Leonardo da Vinci. Hier hingen wahrscheinlich auch eine ganze Reihe von Darstellungen wie diese beiden Damen im Bade. Nur wenige davon sind erhalten geblieben. Viele sind übermalt worden mit „züchtigen Schleiern“, die meisten läßt Königin?Mutter Anna von Österreich 1676 verbrennen als unzüchtig und „Teufelswerk“.

Den Maler unseres Bildes kennen wir nicht, er hat es nicht signiert. Auch der Zeitpunkt, zu dem es gemalt wurde, läßt sich nur erraten: Die Frisur der beiden Damen in der Wanne war Mode zwischen 1594 und 1598. Die Inschrift auf einer späteren Kopie des Werkes gibt an, wer darauf dargestellt ist: Die rechte, blonde Dame heißt Gabrielle d'Estrées. Sie war eine der schônsten und meistgehaßten Frauen ihres Jahrhunderts, Favoritin eines Königs. Beinahe wäre sie sogar selbst Königin geworden. [...]

Gabrielle d'Estrées muß ziemlich genau das weibliche Ideal ihrer Zeit verkörpert haben: langgliedrig, blond und blaß. „Ihr Gesicht »war glatt und durchsichtig wie eine Perle, es besaß deren Feinheit und Glanz“. Dies schreibt nicht etwa ein schmeichlerischer Höfling, sondern eine Frau, die Gründe hat, sich Gabrielle sehr kritisch anzusehen: Mademoiselle de Guise, eine Mitbewerberin um des Königs Gunst. Sie schreibt weiter: „Obwohl sie ein Kleid aus weißer Seide trug, schien es schwarz im Vergleich zum Schnee ihrer Haut.“

Selbstverständlich wurde dieser Blässe künstlich nachgeholfen. Dicke weiße Schminke bedeckte nicht nur Gesicht, sondern auch Schultern und Busen. Mund und Brustwarzen wurden mit roter Farbe getönt. Am Hofe der kultivierten Valois-Könige, den unmittelbaren Vorgängern Heinrichs IV., hatte man die Kunst des Schminkens zu höchstem Raffinement gebracht, und zwar für beide Geschlechter. Diese Kunst pflegten wenigstens die Damen auch noch unter dem neuen, betont ungepflegten „männlichen“ König: Sie zupfen weiter ihre Augenbrauen aus und zeichnen sie mit feinem Strich nach, sie färben ihr Haar, falls es nicht durch eine Perücke ersetzt wird, mit Bleikämmen und Puder. Um das beliebte Blond zu erzielen, bleichen sie es mit scharfen Tinkturen und halten das Haar dann tagelang in die Sonne, wobei allerdings kein Strahl auf die weiße Haut fallen darf. Was nicht unter Kleidern verborgen ist, wird auch beim Ausritt oder simplen Spaziergang durch Handschuhe und Gesichtsmasken aus Samt und Seide geschützt. Haut zeigen die Damen nur hinter dicken Mauern und Seidenvorhängen. [...]

Gabrielle d'Estrées stammt mütterlicherseits aus einem Hause, von dem der Chronist Tallemant des Réaux mit spürbarer Hochachtung in seinen „Histörchen“ berichtet, es sei „das an galanten Frauen reichste Geschlecht, welches es je in Frankreich gab. Man zählt unter ihnen mindestens 25 oder 26, Nonnen ebenso wie Verheiratete, die alle hochgemut des Beischlafes pflegen.“ Zu den Verheirateten gehört Gabrielles Mutter, sie brannte mit einem Liebhaber durch, als ihre Kinder noch klein waren. Zu den Nonnen zählt Gabrielles Schwester, die Äbtissin von Maubuisson: sie mußte ihr Kloster verlassen, nachdem sie 12 Kinder verschiedener Väter zur Welt gebracht hatte.

Eine andere Schwester [?] sitzt wahrscheinlich hier mit im Bade; Julienne d'Estrées, Herzogin von Villars. Sie zögerte nicht, mit entblößtem Busen zu Füßen der Kanzel zu sitzen, auf der ein Kapuzinermönch predigte, der ihr gefiel. Der fromme Mann war gezwungen, aus dem Beichtstuhl und sogar aus der Stadt zu fliehen, um sich ihrer Leidenschaft zu entziehen. Kein Wunder, daß man Julienne, die Äbtissin, Gabrielle, drei weitere Töchter und den einzigen Sohn des Herrn d'Estrées gemeinhin als „die sieben Todsünden“ bezeichnete.

Im Bade sitzend, faßt die Herzogin von Villars mit spitzen Fingern an die rotgeschminkte Brustwarze ihrer Schwester. Alle Aufmerksamkeit des Betrachters wird auf diese Gebärde gelenkt. [...] Die Geste lässt [...] nicht nur an Lesbos denken - ein Gedanke, der dem Bild etwas vom Reiz des Verbotenen verleiht, sondern deutet für die Zeitgenossen des Malers etwas ganz anderes an: Gabrielle d'Estrées' Schwangerschaft.

Als Anzeichen einer Schwangerschaft würden wir heute eher einen vorgewölbten Bauch erwarten, doch der galt nach dem Schönheitskanon von Mittelalter und Renaissance ohnehin als unentbehrliches Attribut aller Weiblichkeit. Selbst Jungfrauen trugen ihn stolz vor sich hin. Deshalb legen sich in zahlreichen Bildern die schwangeren Frauen Maria und Elisabeth gegenseitig die Hand auf den Leib, vielleicht um Herzschlag oder Bewegungen des Kindes wahrzunehmen. Diese Gebärde ist eine malerische Chiffre für Schwangerschaft, der Maler unseres Bildes hat sie anzüglich variiert.

Viermal hat Gabrielle d'Estrées ein Kind von Heinrich IV. erwartet, 1594 schenkte sie ihm einen Sohn, Cäsar, später einen weiteren Sohn und dann eine Tochter. 1599 ist sie erneut schwanger und gerade diese Fruchtbarkeit macht sie dem König teuer. Seine Frau Marguerite von Valois, von der er schon lange getrennt lebt, hat ihm keine Kinder geboren, ihm und seinem Reich fehlt noch immer der Erbe. Er hat zwar Bastarde gezeugt und anerkannt, aber ohne den Pomp, den er jetzt bei der Geburt von Gabrielles Kindern entfaltet. Zum ersten Mal in seinem Leben findet der König alles, was er an Frauen schätzt, in Gabrielle vereint: außer Fruchtbarkeit auch noch „Schönheit der Gestalt, zurückhaltendes Benehmen, Sanftmut des Gemütes und Geist“. [...]

Der Ring, den Gabrielle d'Estrées hier über den Rand der Badewanne hält, hat der König am 2. März 1599 an die Hand seiner Mätresse gesteckt. Es ist der Investiturring, mit dem Heinrich IV. bei seiner Krönung feierlich Frankreich angetraut wurde. Der unerhörter Vorsatz. Schon in wenigen Wochen, am ersten Sonntag nach Ostern, soll Hochzeit sein. Gabrielle äußert ihre Gewißheit öffentlich, daß jetzt nur noch Gott oder der Tod des Königs ihr Glück verhindern könnte.

1599 befindet sich Heinrich am Ziel seiner Wünsche, auf dem Höhepunkt der Macht nach langen harten Zeiten. 18 Jahre hat er als Anführer der Protestanten im Bürgerkrieg gekämpft, um dann noch 5 Jahre als designierter König von Frankreich sein Land mit dem Schwerte zu erobern. Endlich sitzt er fest auf dem Thron, das Land ist befriedet, nach innen und nach außen. Jetzt möchte Heinrich eine Dynastie gründen, und zwar mit seiner Geliebten, die ihm den Erben geschenkt hat und die zu ihm gehalten hat in den Jahren, als er „als General ohne Geld und König ohne Krone“ verspottet wurde. Schon vor längerer Zeit hat Heinrich seinen entsetzten Ministern diesen Plan verraten, die Ehe Gabrielles ist annulliert, die Auflösung seiner eigenen läßt der König in Rom betreiben.
„Der wackere Fürst war gerade im Begriffe, die größte Dummheit zu machen, die man überhaupt machen konnte, und trotzdem war er dazu entschlossen“, schreibt Tallemant des Réaux, und genau dieser Meinung sind die meisten Zeitgenossen.

Alle sind gegen diese Heirat, diesen „Fleck auf Frankreichs Ehre“, wie der Papst es nennt. Der französische Adel ist empört über die Aussicht, eines Tages den Bastard Cäsar als König akzeptieren zu müssen, der auch noch aus einem doppelten Ehebruch stammt (sowohl Heinrich wie Gabrielle waren zum Zeitpunkt seiner Geburt mit anderen Partnern verheiratet). Das französische Volk haßt und verachtet die Königs-Mätresse, die „Drecksherzogin“, wegen ihres Kleideraufwands, des teuren Schmucks, mit dem sie sogar die „Fackeln überstrahlt“. wegen ihrer Feste und ihres aufwendigen Lebensstils, der so sehr kontrastiert zur Einfachheit des Königs und zum Elend im Lande. Fast 50 Jahre Bürgerkrieg, Belagerungen und Epidemien haben ihre Spuren hinterlassen. [...]

Der König gibt Befehl, die Vorbereitungen für die Hochzeit voranzutreiben, bevor er sich nach Fontainebleau begibt. Das Brautkleid ist schon genäht. Am 5. April schickt Heinrich IV. die hochschwangere Gabrielle allein nach Paris zurück, sie soll dort Ostern verbringen. Die Favoritin steigt ab im gastlichen Hause des reichen italienischen Bankiers Zamet, seine Küche ist berühmt, für hohe Gäste legt er selbst Hand an. Gabrielle wird von Krämpfen befallen, sie läßt sich am 8. April ins Haus ihrer Tante tragen und bringt am nächsten Tag dort ein totes Kind zur Welt. Gabrielles Zustand verschlechtert sich, ein schrecklicher Todeskampf beginnt, aber kein Arzt, kein Priester steht ihr bei, alle ziehen sich von der sterbenden Favoritin zurück. Dem König meldet man schon am 9. April ihren Tod, damit er nicht zu ihr eilt. Am 10. stirbt Gabrielle d'Estrées, „abstoßend, entsetzlich, mit verdrehten Augen, den Hals schief und auf den Rücken gedreht“. Als die Ärzte endlich kommen, beteuern sie „Das war die Hand Gottes“, „die Hand des Teufels“ wagen sie nicht laut zu sagen.

Nach offizieller, vom französischen Hofe verbreiteten Version, ist Gabrielle d'Estrées an einer Schwangerschaftskomplikation gestorben. Aber daran glaubte damals eigentlich niemand. Tallemant des Réaux zum Beispiel nimmt an, Zamet habe ihr Gift gegeben, womit „er Heinrich einen großen Dienst erwiesen hat“. Mit Gift und Dolch ist man um 1600 schnell bei der Hand. Den Religionskriegen, die Frankreich so lange in zwei feindliche Parteien gespalten haben, hat der König zwar ein Ende gesetzt, doch noch immer laufen im Land unzählige religiöse Fanatiker herum. Ihnen erscheint Mord an einem Feind der „wahren“ Religion (und das ist immer die eigene) nicht nur legitim, sondern gottgefällig. Die Mordanschläge auf den König selbst reißen nicht ab, und seine Mätresse, seine Ratgeberin „in den kommoden Stunden des Tages und der Nacht“ , ist Katholiken wie Protestanten gleichermaßen verhaßt. Zu viele Leute sind an Gabrielles Verschwinden interessiert gewesen.

(Rose-Marie und Rainer Hagen: Zwei kühle Schönheiten in der Wanne. In: Dies.: Meisterwerke europäischer Kunst - als Dokumente ihrer Zeit erklärt. Köln: DuMont 1986. S. 130 - 145; hier S. 131 - 143.)
 
 

Text 3
Geschichte Frankreichs in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts

In der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts verschärft sich in Frankreich der Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten. Es beginnt die Zeit der Hugenottenkriege. Am Ende des dritten (von acht) Hugenottenkrieges (1572) kommt es zu einer ersten Atempause. Eine Eheschließung soll den Frieden sichern. Der protestantische Heinrich von Navarra aus dem Hause Bourbon wird mit der katholischen Margarete von Valois, der Tochter Katherinas de Medici und des französischen Königs Heinrich II., vermählt. Die Eheschließung findet am 17. August statt. Indessen beschließt die katholische Seite, die Gunst der Stunde zu nutzen und die in Paris versammelten Hugenotten auf einen Streich zu vernichten. Am 22. August erfolgt das Attentat auf deren Anführer Coligny. In der darauffolgenden sogenannten Bartholomäusnacht vom 23. auf den 24. August werden in Paris drei- bis fünftausend, in Frankreich insgesamt mehr als zwanzigtausend Protestanten heimtückisch ermordet. Der vierte Hugenottenkrieg beginnt.

1574  . Tod Karls IX., sein Bruder Heinrich III. wird König von Frankreich. Beginn des 5. Hugenottenkrieges 
1584  . Tod des Bruders Heinrichs III., Heinrich von Navarra französischer Thronfolger, Beginn des 8. Hugenottenkrieges
1588 . Unionsedikt: Der König von Frankreich muss katholisch sein.
1589 April  Aussöhnung zwischen Heinrich III. und Heinrich von Navarra

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August
.
Ermordung Heinrichs III.: Durch den Tod des letzten Valois wird der Bourbone Heinrich von Navarra als Heinrich IV. legitimer Erbe der französischen Krone.
1590  . Erstes Zusammentreffen Heinrichs mit Gabrielle
1592  Juni  Gabrielles Vater verheiratet Gabrielle mit Nicolas d'Amerval
. September  Gabrielle verlässt ihren Ehemann und wird die Mätresse des Königs.
1593 Juli  Heinrich tritt auf Anraten seines (hugenottischen) Ministers Sully zum katholischen Glauben über.
1594.
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März 
.
Königsweihe in Chartres und feierlicher Einzug Heinrichs IV. in Paris: begeisterter Empfang durch die Bevölkerung.
. Oktober  Gabrielle bringt ihr erstes Kind (Caesar) zur Welt.
. Dezember Annullierung der Ehe zwischen Gabrielle und Nicolas d‘Amerval
1595  . Absolution Heinrichs IV. durch den Papst
1596  . Gabrielle wird Marquise von Monceaux
1597 . Gabrielle wird Herzogin von Beaufort
1598
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April
,
Als letzter katholischer Heerführer legt der Herzog von Mercceur die Waffen nieder; Caesar wird mit Mercoeurs Tochter vermählt.

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Mai 
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Edikt von Nantes: Sicherung der politisch-religiösen Existenzgrundlage der Hugenotten: Ende der Hugenottenkriege
. Oktober  Schwere Erkrankung Heinrichs: Die Möglichkeit seines Ablebens läßt überall im Reich Unruhen ausbrechen.
. November  Wiedergenesung; Aufnahme der Scheidungsverhandlungen mit Rom
. Dezember Taufe von Gabrielles zweitem Sohn Alexander mit allen Ehren eines Kronprinzen
1599 Januar Heinrichs IV. Ehefrau, Margarete von Valois, willigt in die Scheidung ein.

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Februar 
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Abreise von Heinrichs Unterhändler, der über Florenz, wo er über die Bedingungen einer Eheschließung Heinrichs IV. mit Maria de Medici verhandelt, nach Rom reist, um Heinrichs Scheidungsantrag beim Papst durchzusetzen.
.  März

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Schmähschriften gegen Gabrielle d'Estrées in Paris. Beim Fastnachtsbankett am 2. März verkündet Heinrich öffentlich, er werde Gabrielle nach Quasimodo (weißer Sonntag) heiraten: Verlobung mit dem Investiturring des Königs. Erstes Zusammentreffen Heinrichs mit Henriette d’Entragues

 

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April 
 

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Gabrielle, im 7. Monat schwanger, begeht auf Wunsch des Königs, der allein auf Fontainebleau zurückbleibt, die Osterfeierlichkeiten in Paris. Am Mittwoch, dem 7. April, wird sie von ersten Krämpfen heimgesucht, die rasch an Stärke und Häufigkeit zunehmen. Gabrielle stirbt nach entsetzlichen Qualen und bis zur Unkenntlichkeit entstellt am Samstag, dem 10. April, gegen fünf Uhr früh.
. Oktober Henriette d’Entragues wird Mätreese Heinrichs IV.
1600  . Beginn der Planungen für die Place Royale (Place des Vosges)
1610
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Mai 
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Heinrich IV. wird am 14. Mai in seiner Kutsche in Paris von einem Attentäter ermordet. Der Mörder, François Ravaillac, wird am 26. Mai hingerichtet.
(Zusammengestellt nach: Ernst Hinrichs (Hrsg.): Kleine Geschichte Frankreichs. Stuttgart: Reclam 1994. S. 148 - 182. - Der Große Ploetz. 32., neubearb. Aufl. Freiburg: Herder 1998. S. 916 - 918. - Helmut Fleischhauer: Die Purpurlinie. Roman. München: Heyne 1976. S. 425 - 427.)

 
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