Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

La Madeleine
Palais Boubon


Text 1
La Madeleine

Schon im Mittelalter befand sich hier im Schatten der Stadtmauer eine kleine Magdalenenkirche. 1763 legte Louis XV den Grundstein zur jetzigen Kirche, die als städtebaulicher "point de vue" von der Place de la Concorde aus am Ende der Rue Royale plaziert wurde. Begonnen wurde nach Plänen von Contant d'Ivry, der einen Bau nach dem Vorbild des Pantheon vorsah. Die weitere Bauausführung sollte sich jedoch über 80 Jahre hinschleppte. Beim Tod des Architekten 1777 unterbrochen, wurde während der Revolution eine Fülle unterschiedlicher Projekte für Gestalt und Nutzung diskutiert. 1805 entschied Napoléon, den Bau als Ruhmestempel für seine "Grande Armée" nach Plänen von Pierre Vignon fertigzustellen. So entstand ab 1808 der jetzige Bau in Form eines römischen Podiumstempels. Nach den militärischen Niederlagen Napoleons wurden bereits 1816 wieder Überlegungen zur Wiederverwendung des Baus als Kirche angestellt. Noch 1837 war - kennzeichnend für die Verwirrung der Zeit - die Bestimmung des Gebäudes nicht festgelegt. Man dachte an eine Nutzung als Bibliothek, Bank von Frankreich, Handelsgericht, schließlich sogar als Kopfbahnhof für die erste Bahnlinie von Paris nach St. Germain-en-Laye. Erst 1842 wurde das Gebäude endgültig als Kirche der Hl. Maria Magdalena eingeweiht.

Trotz der akademisch-klassizistischen Kopie eines römischen Tempels ist das Bauwerk von prächtiger monumentaler Wirkung, dessen Giebelfront über die Place de la Concorde hinweg auf das Palais Bourbon am gegenüberliegenden Seineufer bezogen ist. Auf einem 4 m hohen Sockel, mit Freitreppen an den Giebelseiten erhebt sich der Kranz von 52 korinthischen Säulen von 15 m Höhe in einer Länge von 108 m und einer Breite von 43 m. Die Bestimmung als Kirche wird nur am Thema des Giebelreliefs und an der Widmung im Fries sichtbar.

Frostig wirkt das thermenähnliche Innere der Cella, eher der ehemaligen Ruhmeshalle angemessen als einer Kirche: eine lange Halle, von drei Kuppeln überwölbt, mit einem durchgehenden seitlichen Umgang aus großen korinthischen Säulen, zwischen die kleinere ionische Kolonnaden in halber Höhe eingestellt sind, darüber ein Laufgang. In der Apsis ein romantisch-klassizistisches Fresko, das um Christus und die hl. Magdalena die unterschiedlichsten historischen Persönlichkeiten bis hin zu Napoléon vereint. Auf dem Hauptaltar die "Erhebung der hl. Maria Magdalena in den Himmel", ein weißes Marmorbildwerk von virtuoser Glätte (1837, von Marochetti).

(Jack-Harry Back: Paris mit Ile de France. 15. Aufl. München: Polyglott 1984. S. 164f.)
 
 

Text 2
Palais-Bourbon

Die Place de la Concorde und ihre Brücke stehen mit der Rive Gauche in doppeltem Sinn in Verbindung: nicht nur als Mittelglied zwischen dem Nord- und Südufer - sie knüpfen eine Gruppe von Bauwerken höchsten Ranges mit der Architektur der rechten Flußseite zusammen. Südlich des Pont de la Concorde und ihm gegenüber liegt das Palais-Bourbon, die Deputiertenkammer oder Nationalversammlung. Wie wir schon sahen, gibt ihre Fassade, in genauer Blickverbindung, eine Antwort auf die Kolonnaden der Madeleine.

Der Bau war ursprünglich ein sehr schönes Hötel, das man ab 1727 für die verwitwete Herzogin von Bourbon, natürliche Tochter aus der Verbindung Ludwigs XIV. mit Madame de Montespan, errichtete. Die Bauzeit dauerte acht Jahre; Lassurance fungierte als leitender Architekt, weil der eigentliche Schöpfer der Pläne, Giardini, plötzlich verstarb. 1774 erwarb der Prinz von Condé das Anwesen und ließ vor dem Palais, will sagen seiner heutigen Rückseite, eine von Säulen flankierte, geschwungene Vorhalle anlegen, die zum Ehrenhof führte und gleichzeitig das Grundstück gegen die Place du Palais-Bourbon und weiterhin die Rue de Bourgogne abschloß. [...]

Während der Revolution, genauer in der Zeit des Direktoriums, nahm man auf Verlangen des Rates der Fünfhundert, der hier tagte, am Palais-Bourbon eine sehr erhebliche Umgestaltung vor. An die Stelle der alten Salons traten weitläufige Diskussionsräume. Allerdings fand die größte Veränderung erst im Kaiserreich statt. Das alte Palais-Bourbon war kaum wiederzuerkennen. Napoleon befahl, der dem Fluß zugewandten Fassade eine Säulenhalle antiker Art, ein Peristyl vorzulegen, das Poyet schuf, wie an der Madeleine. Verkörpert diese den Ruhm der Armeen, den "Temple de la Gloire", sollte ihm hier der "Temple de la Loi", der Tempel der Gesetze antworten, da in dem Bau während der Kaiserzeit das "Corps législatif", die Gesetzgebende Versammlung, tagte.

Als nach der Restauration die Deputiertenkammer hier ihren Sitz nahm und der Sitzungssaal die Menge der Deputierten nicht zu fassen vermochte, mußte der Ehrenhof überbaut werden. Seit derselben Zeit erheben sich auf der Terrasse vor der Flußseite die vier Statuen der großen Gesetzgeber: Sully, l'Hospital, Colbert und d'Aguesseau. Das von Fragonard, dem Sohn, geschaffene Giebelfeld, auf dem die Figur des Kaisers nicht weniger als fünfmal auftrat, unterlag, je nach dem Wandel des Regimes, verschiedenen "Umwandlungen", bis Cortot 1839 - 1841 endlich jene allegorische Darstellung schuf, die Frankreich im Kreis von Stärke und Ordnung zeigt, umgeben von den Sinnbildern menschlicher Arbeit und gestützt auf die Verfassung von 1830. [...]

Das Palais-Bourbon gab mit kurzen Unterbrechungen für das parlamentarische Leben Frankreichs den Rahmen ab. Gewaltsam durch die Aufständischen von 1848 und 187o besetzt, lag es während der Kriege von 1870, 1914 und 194o verlassen.

Von dem Wohnsitz der Herzogin von Bourbon blieb kaum mehr erhalten als die in erträglichen Maßen veränderte Cour d'honneur. Im Gegensatz dazu stellen die Emporen der National-versammlung und der Präsidentenstuhl eine Erbschaft des Rates der Fünfhundert dar. Das Innere unterzog man zu wiederholten Malen einer Restaurierung. Die letzten Arbeiten galten besonders einer Erneuerung des Vestibüls.

(Bernard Champigneulle: Paris - ein Führer. 2. Aufl. München: Prestel 1982. S. 328 - 330.)


 
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