Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

Die Umgestaltung von Paris


Text 1
Die großen Boulevards

Die großen Boulevards - ein Zauberwort für die Menschen des 19. Jahrhunderts! Ihre Anlage geht auf Ludwig XIV. zurück. Der König hielt die Grenzen für genügend gesichert, so ließ er abreißen, was von den Pariser Stadtmauern Karls V. fortbestand, und die Gräben der kurzen Befestigungen Ludwigs XIII. zuschütten. Freilich hütete der König sich zunächst, die gewonnenen Gelände zur Bebauung freizugeben. Man beließ vielmehr einen halbrund um den Stadtkern von Paris geschwungenen Freiraum vor den Vorstädten, den man mit vier Baumreihen bepflanzte. Die so entstandenen Boulevards, deren Name vom deutschen ‚Bollwerk’ abgeleitet ist und die man auch den Nouveau-Cours nannte, wurden bald zu einer willkommenen Gelegenheit des Promenierens und teilweise, nach Aufhebung des Bauverbots an ihren Säumen auch der Besiedelung. Anfänglich ließen sich dort vor allem Vorstadtkneipen, fliegende Theater und Verkaufsbuden nieder. Schließlich gesellten sich auch Wohnhäuser und vereinzelte Adelshotels hinzu. Die Bebauung begann an der stadtwärtigen Seite. Daher nahmen die auswärtsführenden Straßen nach Oberquerung der Boulevards den Zusatz »Faubourg« an. So wird zum Beispiel die Rue Saint-Denis zur Rue du Faubourg Saint-Denis oder die Rue Montmartre zur Rue du Faubourg Montmartre. Von der Bastille zur Madeleine ist der Bgen der alten Boulevards über vier Kilometer lang. [...]

[D]ie Boulevards Beaumarchais, Filles du Calvaire und du Temple, führ[en] bis zur Place de la République. Nach dem von Jakob Ignaz Hittorf erbauten, noch bestehenden klassizistischen Winterzirkus oder Cirque d'Hiver folgten sieben Theater auf einer Strecke von nur zweihundert Metern: die „Gaieté“, die „Funambules“, die „Folies dramatiques“ und weitere sehr volkstümliche Bühnen, sowohl was ihre komischen wie dramatischen Stücke betraf. Ihr Repertoire erwies sich als so wild, daß man diesen Teil den „Boulevard du Crime“, des Verbrechens, nannte. Beim Durchbruch des Boulevard Voltaire verschwanden alle bis auf das „Théätre Déjezet“.

Die Place de la République, ursprünglich ein Brunnenplätzchen, dann Exerzierplatz benachbarter Kasernen, ist eine typische Schöpfung Haussmanns: Neben den alten Boulevards, die den Platz queren, strahlen zahlreiche neue von ihm aus. [...] Die Boulevards Bonne-Nouvelle und Poissonnière wurden von Theatern aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts gesäumt. Nahebei liegen die Folies-Bergère, deren Name beiderseits des Atlantiks Erinnerungen weckt. Die Boulevards Montmartre und des Italiens mit ihren kleinen Theatern, der nahen alten Oper und den ersten Passagen wurden Treffpunkt der eleganten Welt. Hier lag das Restaurant de la Maison Dorée, die Cafés Frascati, Anglais, Tortoni, du Helder und andere. Nicht weniger elegant der einen Kilometer lange Boulevard des Capucines mit den Ateliers der Photographen Pierson und Nadar, mit Confiserien, Modegeschäften, Buch- und Kunsthandlungen und der neuen Oper, in deren unmittelbarer Nähe heute das Grand-Hotel und der Jockey Club zu finden sind.

Die alten Boulevards brachten den Bewohnern der noch intakten engen, geschäftigen und häufig genug ungesunden Stadtquartiere frische Luft und Erholung. Wo sie im Westen die elegante Neustadt erreichten, gaben sie den Rahmen für das anspruchsvollere Leben der Begüterten, der Gebildeten und der Modewelt. Da ihr Verlauf den alten Befestigungen folgte, war er abwechslungsreich und bot immer neue Blickpunkte.

Ganz anders die neuen Boulevards. Sie entstanden unter Napoleon III. und seinem Präfekten Haussmann im Zuge der Stadtsanierung, die durch unhaltbar gewordene soziale Zustände und deren Folgen herausgefordert wurde: durch ungenügende Wohnverhältnisse und katastrophale Arbeitslosigkeit, die die Revolution von 1848 und die Cholera-Epidemie von 1848/49 ausgelöst hatten. Wie riesenhafte Brandschneisen ziehen sich die zumeist schnurgeraden neuen Boulevards durch das enge Straßennetz und Häusergewirr der großen Stadt: zunächst als Zugang zu den wichtigen Bahnhöfen Gare de l'Est und Gare du Nord der Boulevard de Strasbourg, der im Boulevard Sébastopol seine Verlängerung findet, als Boulevard du Palais rücksichtslos die Seine-Insel durchschneidet und als Boulevard Saint-Michel in gerader Linie weiter durch die südliche Stadt verläuft - die ganze vier Kilometer lange Strecke parallel zur altehrwürdigen Nordsüdachse der Rues Saint-Martin und Saint-Jacques. Die verbreiterte Fortführung der Rue de Rivoli und die Verlängerung des mittleren Teils der alten Boulevards nach Osten und Westen durch fünf- bis siebenstöckige Straßenzüge schaffen Transversalen durch die nördlichen Stadtquartiere, die Boulevards Saint-Germain und du Montparnasse solche durch die südliche Stadt. Was immer im Wege steht, fällt unter der Spitzhacke: Kirchen, Hotels, prachtvolle Gärten, uralte Straßenzüge. Die Opfer an gewachsener Stadtsubstanz waren groß, aber die Sanierungen in ihrem Gefolge haben Paris eine Atemkraft und Zirkulationsfähigkeit gegeben, die hundert Jahre später einem motorisierten Zeitalter fast noch genügen kann.

Der Besucher, der im Norden und Süden der Seine die Straßen zwischen den großen Boulevards durchwandert, wird immer wieder staunend beobachten, wieviel vom Wesen der alten Stadt sich noch erhalten hat oder wieder neu belebt werden konnte.

(Bernard Champigneulle: Paris - ein Führer. 2. Aufl. München: Prestel 1982. S. 435 - 438.)
 
 

Abb. 1
Hauptelemente des Pariser Straßensystems


Abb. 1: Hauptelemente des Pariser Straßensystems. In: Norma Evenson: Paris: A Century of Change, 1878 - 1978. 
New Haven and London. Yale University Press 1979. S. 17.
 
 

Text 2
Umgestaltung: Gründe

Im Zweiten Kaiserreich und unter dem Baron Haussmann als Präfekten erfuhr die Hauptstadt die weitestreichende Umgestaltung ihrer Geschichte, die zugleich für viele europäische Großstädte vorbildlich werden sollte. Lavedan hat gesagt, daß Paris um die Jahrhundertmitte eine kranke Stadt gewesen ist, die baulich mit der Bevölkerungsexplosion nicht hat mithalten können. Viele Quartiere sind hoffnungslos übervölkert. Die Häuser haben viel zu kleine Hinterhöfe und werden unzureichend ver? und entsorgt. Die großen Choleraepidemien von 1832 und 1849 haben den Zusammenhang zwischen diesen Verhältnissen und der je nach Quartier unterschiedlichen Sterblichkeitsrate zum Vorschein gebracht. Der Abriß der alten Stadtviertel und die Öffnung großer Durchgangsstraßen war also auch eine unerläßliche Maßnahme der Hygiene. Vor allem war es aber die Lösung eines Verkehrsproblems, das immer gravierender geworden war. Denn durch die Zentralisierung der Verwaltung in Paris, die Ansiedlung von Industrie und die Konvergenz der Straßen und Eisenbahnlinien in die Hauptstadt war das alte Straßennetz völlig überfordert. Es gab keine durchgehende Ost-West-Achse, und die Nord-Süd-Achse wurde durch das Straßengewimmel der Cité und die unzureichenden Brücken verstopft. Die Zustände in der Innenstadt verschlimmerten sich darart, daß man in den vierziger Jahren von einem „Déplacement de Paris“, einer Verlagerung der Stadt nach Nordwesten gesprochen hat - ein Trend, den auch die Neustrukturierung nicht aufzuheben vermochte. Schließlich kamen noch innenpolitische Gründe für die Neuordnung der Stadt hinzu, die seit 1789 nicht nur durch die bekannten Volkserhebungen von 1830 und 1848 erschüttert wurde. Immer wieder gab es Revolten und Aufstände, die von der Miliz gerade wegen der verwinkelten Straßen, zahllosen Sackgassen, Passagen und Durchgänge nur schwer zu kontrollieren waren. Gerade so repressive Regime wie die Restauration, die Juli-Monarchie und vor allem das Zweite Kaiserreich mußten versuchen, hier Abhilfe zu schaffen, und so ist es kaum verwunderlich, daß im Zuge der neuen Straßendurchbrüche auch Kasernen und Polizeistationen entstanden bzw. erschlossen wurden, um einen beschleunigten Einsatz in den jeweiligen Gefahrenherden zu ermöglichen. Man muß diese Gesichtspunkte zusammen sehen, wenn man Haussmanns Leistung, an der der selbsternannte Kaiser aber von vorneherein maßgeblich beteiligt war, richtig einschätzen will. Auf der einen Seite dienten sie den Kapitalinteressen und der Sicherung und dem Ausbau der bürgerlichen Gesellschaft und andererseits der öffentlichen Wohlfahrt. In gewisser Weise lieferte also Haussmann das Paradigma heutiger sozialdemokratischer Politik. Zwar wurde das Gebiet der Faubourgs zwischen alter Zollgrenze und neuer Verteidigungslinie annektiert, denn hier hatte es inzwischen den stärksten Bevölkerungszuwachs gegeben, aber die sozialen Probleme, die in diesen neuen Arrondissements bis heute bestehen, wurden z.T. in die neuen Vorstädte verlagert, wo sie ebenfalls andauern. Durch diese Politik wurde der Hauptstadt auf lange Sicht eine relative bürgerliche Mehrheit gesichert, während die Peripherie die eigentlichen Probleme zu bewältigen hatte.

(Dieter Kimpel: Paris. Führer durch die Stadtbaugeschichte. München: Hirmer 1982. S. 328f.)
 
 

Abb. 2
Avenue de l'Opéra
Plan

Leonardo Benevolo: Die Geschichte der Stadt. 4. Aufl. Frankfurt a. M.: Campus 1990. S. 836.
 
 

Abb. 3
Avenue de l'Opéra
Abrissarbeiten

Marville: Abrissarbeiten für die Avenue de l'Opéra. Musée Canavalet, Paris
In: Donald J. Olson: Die Stadt als Kunstwerk: London, Paris, Wien. Frankfurt a. M.: Campus 1988. S. 77.
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