Thomas Gransow
Sibylle Witting
 

Paris und Versailles
 

Königsplätze: Place de la Concorde
 
 

Abb. 1
Place Louis XV
1778

Stich von Née nach Lespinasse. 
In: Heinz Courbier: Europäische Stadt-Plätze. Genius und Geschichte. Köln: DuMont 1985. S. 214f.
 
 

Text 1
Die Zentralität der Place Louis XV

Was die bisher genannten Plätze und Innenhöfe, hofähnliche Plätze und platzähnliche Höfe, miteinander verbindet, ist die räumliche und architektonische Geschlossenheit: Sie sind die Salons von Paris, jeder auf seine Art eine gute Stube. Das unterscheidet sie radikal von dem letzten der Pariser Königsplätze, der heutigen Place de la Concorde. Sind jene durch ihre innere und äußere Geschlossenheit charakterisiert, so findet die Place de la Concorde ihre besondere Aufgabe eben in der totalen Offenheit. Sind die anderen betont in sich selbst isoliert, um sich selbst herumgebaut, in sich ruhend, jedes ein Ding für sich, so ist im krassen Gegensatz dazu die Place de la Concorde Drehscheibe und Mittelpunkt eines mächtigen, wenn auch allmählich entstandenen, doch immer im Zusammenhang geplanten und erweiterten Systems von etwa gleich breiten Gartenanlagen, Esplanaden und Plätzen, welche, den Körper der Stadt ganz durchziehend, ihr Struktur und zugleich auch das persönliche Gesicht geben. Es ist das Endresultat, die Gemeinschaftsarbeit einer Kette französischer Regenten, der verschiedensten einander feindlichen und einander ausschließenden Systeme, die aber alle darin übereinstimmten, daß sie in der Verschönerung ihrer Hauptstadt ein wesentliches Moment ihrer Aufgabe sahen, zugleich aber auch ein wesentliches Moment ihrer Selbstdarstellung und Selbstbestätigung. Und über alle tiefgreifenden Auseinandersetzungen hinweg, über alle Grausamkeit der Stürze und des Blutvergießens greift immer eines in das andere, arbeitet jeder weiter am Werk seiner heterogenen Vorgänger im gleichen Geist, der gleichen Gesinnung, in einer aller Intoleranz der sozialen und politischen Äußerungen widersprechenden Gemeinsamkeit: Paris sera toujours Paris.

Auch hier steht am Anfang die Königin Caterina de Medici, Witwe Heinrichs II., Regentin für drei ihrer Söhne, die nacheinander Könige wurden. Sie tauschte das altertümlich dunkle und luftlose Wohnen in dem mittelalterlichen, in seine Mauern viel zu eng eingezwängten Paris gegen einen von ihr gebauten Gartenpalast außerhalb der Stadt, dem Louvre dicht vorgelagert: der neue Garten modischer italienischer Manierismus, der Palast selbst französische Renaissance. Seinen Namen trug er nach den Ziegeleien, die vorher hier neben Schindanger und Müllkippe ihren Platz gehabt hatten: les tuileries - der Tuilerienpalast. Wie er einst ausgesehen hat, kann man sich ungefähr vorstellen, wenn man die beiden Gebäude sieht, die allein von ihm übrigblieben, als der Palast selbst im Jahre 1871 beim Aufstand der Kommune zerstört wurde: seine beiden Eckpfeiler, der Pavillon de Flore und der Pavillon de Marsan.

Der Palast wurde nicht mehr wieder aufgebaut. Man opferte ihn der Verlängerung jener Hauptachse von Paris, die heute vom Louvre bis zum Étoile und darüber hinaus die Stadt durchzieht. Dem Park gab 100 Jahre nach seiner ersten Anlage der Gartenarchitekt Le Nôtre, Sohn und Enkel französischer Hofgärtner, selbst Großmeister seines Metiers und Schöpfer des Parks von Versailles, das Gesicht. Er schuf die Mittelallee und die beiden großen Bassins, die sie unterbrechen, und die Terrassen. Für die übermäßig vielen Skulpturen, die im Laufe der Zeit aufgestellt wurden, ist er nicht verantwortlich. Le Nôtre war es auch, der die Parkanlagen in ein wenig aufgelockerter Form über den eigentlichen Tuilerienpark hinaus verlängerte: die Champs-Élysées, durch die er auch die Mittelallee weiterführte, damals Grand-Cours, heute Avenue des Champs-Élysées.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts erbot sich die Stadt Paris, dem König Ludwig XV. nun ebenfalls seine Place Royale zu schaffen, bequemerweise auf einem Terrain, das wohl ohnehin dem König gehörte: dort wo die neuen Champs-Élysées an den Tuilerienpark grenzten: die "Place Neuve", danach "Place de la Révolution", und - nachdem man auf diesem "Königsplatz" den König Ludwig XVI. hingerichtet hatte - schließlich "Place de la Concorde", Platz der - immer noch durchaus nicht gesicherten - Eintracht, ein Euphemismus, dem man in der Geschichte immer und überall einmal begegnet.

Die Größe des Platzes wird verschieden angegeben, mit 62 500 beziehungsweise mit 84 000 qm, ein Umfang von 200 zu 300 beziehungsweise 400 Metern, je nachdem, welches Terrain man dem Platze selbst zurechnet. In dem einen wie im anderen Fall sind sich die Partner darüber einig, daß es der größte und - etwas diskreter formuliert - auch der schönste Platz der Welt sei, womit man freilich auf das gefährliche Gebiet unbestimmbarer Relationen gerät. Doch wird niemand diesem Platz seine eigenartige Wirkung absprechen, die sich selbst dann einstellt, wenn er gerade wieder einmal im motorisierten Verkehr zu ertrinken droht. Hundert Jahre lang wurde an der Place de la Concorde geformt und gebaut. Im Jahre 1754 begann J. A. Gabriel mit der Arbeit. Er gab dem Platz seine grundlegende Idee, bestimmte seine topographische Lage und seinen Grundriß. 1854 gab der Kölner Architekt Hittorf der Ausstattung des Platzes ihr heutiges Gesicht.

Auch hier läßt sich wieder Frankreichs Geschichte am Denkmal in der Platzmitte ablesen. Das Reiterdenkmal Ludwigs XV. wurde während der Revolution gestürzt und durch die Statue der Freiheitsgöttin ersetzt. Ihr folgte 1831 der 23 Meter hohe Obelisk, der noch heute dasteht (einst stand er vor einem Tempel im ägyptischen Theben), ein Hauptwerk der ägyptischen Kunst. Hittorf gesellte ihm die beiden flankierenden Springbrunnen hinzu, außerdem die flache Umrahmung mit den Statuen, die acht französische Städte symbolisieren. Dagegen stammen die beiden gleichförmig die Mündung der Rue Royale einrahmenden Paläste, oder vielmehr die den dortigen Großbauten vorgeblendeten Fassaden, noch aus Gabriels ursprünglichem Entwurf, nach dem nur hier, an seiner Nordseite, der Platz eine feste Begrenzung haben sollte. Denn das ist die besondere Aufgabe dieses Platzes, die ihn grundlegend von dem ursprünglichen Typus der Place Royale unterscheidet: Die Place de la Concorde ist weit offen nach drei ihrer Seiten. Auf der Terrasse der Tuileriengärten steht der Beobachter an einem zentralen Punkt, von dem aus er die Mittelachse nach Nordosten bis zum Triumphbogen am Étolle und nach Südwesten bis zum Louvre verfolgen kann. Die Struktur des gesamten Systems aber kann er anhand der deutlich markierenden Vertikalen klar erfassen: Kuppel des Invalidendoms, Eiffelturm, Palais de Chaillot.

Die Place de la Concorde ist Schwerpunkt und Schnittpunkt, Begrenzung zugleich. Wendet der Beobachter auf der Terrasse dem Platz den Rücken, den Blick dem Park und dem Louvre zu, so findet er vor sich Ruhe und Schönheit, Sammlung und Besinnung, ruhmvolle Vergangenheit: Museales. Auch die Menschen in diesem Bild sind auf Ruhe, Gelassenheit und Betrachtung eingestimmt, auf passives Hinnehmen. Regelmäßig angeordnetes Grün und weite Wasserflächen auf den Bassins. Im Hintergrund Napoleons kleinerer Triumphbogen an der Place du Caroussel und noch weiter dahinter der schwere, dunkle Block des Louvre, der zum Beobachter hin seine Arme ausstreckt, die schmalen Seitenflügel, die das Idyll der Gärten von der Hektik auf den angrenzenden Straßen scheiden.

Die Mittelachse aber, die Hauptallee, welche die Gärten vom Triumphbogen her bis zur Place de la Concorde durchschneidet, überspringt den Platz und verliert sich in der Richtung des Étoile. Sie verliert sich dort in einem jenseits, das mit dem Diesseits von altertümlichen Gärten und betulich musealen Stimmungen nichts mehr gemein hat als die bloße Gleichzeitigkeit. Bereits auf dem Platz selbst zu Füßen der Terrasse ist die Welt in reibender Bewegung, vollmotorisiert. So läuft das weiter über den Rond-Point bis zum Étoile. Während oben in den Gärten alles Ruhe war, besinnlich, museal, ist hier alles hektisch bewegte Gegenwart. Das einzige, was da stetig ist, ist der dauernde Wechsel.

(Heinz Coubier: Europäische Stadt-Plätze. Genius und Geschichte. Köln: DuMont 1985. S. 211 - 218.)
 
 

Text 2
Place de la Concorde: 
Symbol des Kräftegleichstands zwischen Bürgertum und Feudalismus

Die einzige wirklich repräsentative urbanistische Gestaltungsaufgabe der Juli-Monarchie bestand in der Herrichtung der Place de la Concorde, die diesen Namen erstmals unter dem Direktorium erhalten hatte. Seit Jahrzehnten hatte es die verschiedensten Planungen gegeben, die politisch höchst brisant waren, weil es um die Entscheidung ging, was an die Stelle von Ludwig XV. ins Zentrum treten sollte. Verständlicherweise hatten Ludwig XVIII. und Karl X. sich hier die Wiedererrichtung von Königsdenkmälern für Ludwig XV. bzw. XVI. gewünscht. 1831 griff der Royalist Chateaubriand die Idee Napoleons für einen Brunnen auf, bei dem das Wasser jedoch von einem Bassin aus schwarzem Marmor aufgefangen werden sollte, um mit dieser Farbe der Trauer anzudeuten, "was hier abgewaschen werden sollte". Es gab auch Vorschläge einer Ehrensäule für Louis Philippe, die Philipon in Form einer Birne - also dem berüchtigten Symbol für den "Speckkopf" des Bürgerkönigs - ausgeführt wissen wollte. Daß man sich schließlich für den Obelisken aus Luxor entschied, dessen Beschaffung für die Hauptstadt noch während der Restauration gesichert worden war, hat Louis Philippe ausdrücklich mit seiner "innenpolitischen Neutralität" begründet. Hittorff entwarf die heutige Gestaltung des Platzes, nachdem er viele Alternativen erwogen hatte: er begrenzte ihn achteckig, ließ die vom Pont de la Concorde stammenden acht Statuen französischer Städte auf die Pavillons setzen und flankierte den Obelisken in der Querachse und in unübersehbarer Anlehnung an den Petersplatz mit zwei Brunnen. Der Obelisk selber geriet auf einen Sockel, der die technische Leistung seiner Demontage und Wieder- aufrichtung in technischen Zeichnungen schildert, und wurde von einem Eisengitter umfriedet und von acht Kandelabern gesäumt. Wolfgang Kemp hat an Bemerkungen von Walter Benjamin anknüpfend gezeigt, wie treffend diese Anordnung das Verhältnis zwischen Bürgertum und Feudalismus als "einen Punkt des Kräftegleichstands" markiert. Umbilicus urbis, Nabel der Stadt, blieb der Obelisk bis heute, aber "nicht einer von Zehntausenden, die hier vorübergehen, hält inne; nicht einer von Zehntausenden, die innehalten, kann die Aufschrift lesen", und Walter Benjamin, der dies gesagt hat, schätzte das Monument in seiner Hittorffschen Inszenierung als "Briefbeschwerer" ein.

(Dieter Kimpel: Paris. Führer durch die Stadtbaugeschichte. München: Hirmer 1982. S. 321 - 323.)
 
 

Text 3
Place de la Concorde

"A theater for dramatic and glorious events [...] the last, largest and most beautiful of royal squares", is how Jacques Chirac, Mayor of Paris and a former Premier of France, described the Place de la Concorde. For once, a politician's rhetoric was precisely on target. It is all those things, and more. The largest square in Europe - 1,000 feet across - it is defined by perspectives and the whirlpool of traffic, more than by physical boundaries. It is the symbol and heart of Paris. The vision of its architect, Jacques-Ange Gabriel, has survived two centuries of change he could not have foreseen.

It began with a competition. The merchants of Paris desired to honor Louis XV by erecting a statue; the King granted their request, and in June 1748 his Superintendent of Buildings invited architects to submit designs for a square to frame the effigy. A hundred proposals were received, and nineteen of them were described by Pierre Patté in his celebratory volume of 1763, "Monuments Erigé en France à la Gloire de Louis XV". Patté was an avid royalist, and his text captures the spirit in which royal squares were conceived all over France. He begins: "Jéprouve une satisfaction délicieuse [...] de célébrer un bon Prince, un vrai héro de l'humanité [...]."

What these plans reveal is far more interesting than Patté's idol-worship: a bold attempt to bring order to the streets of Paris by creating useful squares and traffic circles. The projects include a marketplace, joining the Île de la Cité to the Île St Louis, and an agora flanked by arcaded market halls on the site of Les Halles. A circle on the left bank anticipates the Étoile with its axial avenues; another defines a river crossing at the heart of the old city.

None of these concepts was realized; the king wanted to avoid the trouble and expense of clearing private property, and it was not until a century later, when Napoleon III gave Baron Haussmann sweeping authority, that the medieval tangle was unraveled. Instead, Louis XV decided that the square should be laid out on crown land between the Tuileries Gardens and the Champs-Elysées. It was an apt choice, for it strengthened the royal axis that extended from the Louvre, and it stimulated the westward expansion of Paris, as had the Place Vendôme a halfcentury before. A second, limited competition was held for the site: all nineteen entries were rejected, and the king's architect, Jacques-Ange Gabriel, was asked to create a synthesis of their best features.

Drawing on his experience in Bordeaux, Gabriel created a new kind of royal square for the capital: as open to nature and traffic as the Place Royale and the Place Vendôme were closed and secluded. It heralded the Age of Reason and the decline of absolutism; the royal statue at its center became, not an end, but a means - for enlarging the city and creating an arena for popular spectacles. To define the square Gabriel walled in the Tuileries Gardens behind a high terrace, and enclosed the north side with two imposing buildings, inspired by the east front of the Louvre. To unify the space and reduce it to manageable size, he dug a trench, 60 feet wide, 15 feet deep, and protected by balustrades, to serve as a decorative moat, bridged by the cross axes and the promenades that ran obliquely through the Champs-Elysées.

Edmé Bouchardon's equestrian bronze of Louis XV was inaugurated in 1763; the square had its grand debut in 1770, when the marriage of the future Louis XVI and Marie Antoinette was celebrated with a fête and fireworks. The crowd panicked and a hundred were killed, many by falling into the trench. It was an augury. The Revolution began with the seizure of arms from the royal furniture store in one of the newly completed north buildings. A Fête of Liberty was held in April 1792; in August of that year, the King's statue was toppled and a guillotine was set up on the west side.

The symbol of Reason and the ancien régime became a killing field, echoing to the roll of drums, the crunch of the blade and the cries of the mob. The king, queen and two thousand nobles and revolutionary leaders were executed here. The earth reeked so strongly of blood that cattle refused to cross it. At the end of the Terror, the square (now named Concorde) became a setting for revolutionary celebrations, many designed by its official artist, Jacques-Louis David. For a fête in November 1801, temples of peace, the arts and industry were constructed on the west side, and the crowd enjoyed a ballet, fireworks and all-night dancing - as extravagant an entertainment as any royal gala.

During this era, the Pont de la Concorde across the Seine was completed, incorporating stones from the Bastille. Napoleon gave the Palais Bourbon an impressive columned façade to emphasize its importance as the National Assembly and to close the south axis of the square. The west axis was framed by the horses of Marly, sculpted by Guillaume Coustou fifty years before. To the north, the raised temple of La Madeleine has the effect of foreshortening the vista up the Rue Royale. Its importance as a monument was clear, but it was proposed for use as a bank, theater, railway station and memorial to Napoleon's army, before it was consecrated as a church in 1842.

In the 1820s, the square still had a rural look; the Abbé Laugier described it as "an ornamental esplanade in the midst of a smiling countryside." In 1834, Jakob Ignaz Hittorf was selected (in another competition) to reshape the space. He proposed an obelisk for the site of the statue, since its form was politically neutral and the inscriptions of Ramses II were too obscure to offend any faction. It was brought from Luxor, the gift of Mohammed Ali to Louis-Philippe, and erected in 1836. Twin fountains, inspired by those in the piazza of St Peter's, were added, and, around the perimeter, eight monumental figures symbolizing French cities. The stone pavilions that support them were rented as two-room cottages. In 1854, at Baron Haussmann's insistence, the trenches were filled in, leaving only the inner balustrade. This created a broad roadway for traffic, and critics opposed the change on the grounds that speeding carriages would endanger pedestrians - a complaint that has gathered weight over the years.

The revolutions of 1830 and 1848 were partly fought here, the Commune of 1871 raised its barricades and was crushed; in 1934, protesters tried to storm the National Assembly and were violently repulsed. Partisans battled Nazis during the Liberation, attacking the Crillon Hotel, headquarters of the German Governor of Paris. A huge demonstration was held here in 1968 in support of the beleaguered President de Gaulle; Pope John-Paul II addressed an even larger crowd two years later. Every year, the square is packed for the celebration of Bastille Day and the start of the Paris-Dakar motor race.

(Michael Webb: The City Square. A Historical Evolution. New York: Whitney 1990. S. 149 - 152.)
 
 

Abb. 2
Journée du 16 octobre

 Journée du 16 octobre. Stich.
In: June Hargrove: The Statues of Paris. An Open-Air Pantheon. Antwerpen: Mercatorfonds 1989. S. 34


Text 4
Wer wars?

"Ich war vierzehn Jahre alt", schrieb sie in einem autobiographischen Roman (tatsächlich war sie sechzehn), "als man mich mit einem Mann verheiratete, den ich nicht gern hatte und der weder reich noch von hohem Stande war. Ich wurde ohne jeglichen Grund geopfert, der immerhin den Widerwillen hätte mildern können, den ich für diesen Menschen empfand. Man verweigerte mir sogar, ich weiß nicht warum, die Hand eines Mannes von Stand, der mich heiraten wollte: Seitdem fühle ich mich zu Höherem, berufen, und wenn ich meinen Neigungen hätte folgen können, wäre mein Leben weniger zerfleddert..."

Als sie sich von dem Ungeliebten, der sich mit ihrer Mitgift selbständig machte, schwanger wußte, bestimmte sie ihr zukünftiges Kind testamentarisch zu ihrem Universalerben. Nicht lange nach dessen Geburt - es wurde ein Sohn - verschwand der Vater aus ihrem Leben; niemand weiß wie, weshalb, wodurch. Sie trauerte ihm nicht nach und zog mit dem Kind nach Paris, um dort ein neues, freies Leben zu führen. Sie begann es, indem sie den Namen ihres Mannes ablegte und sich aus ihrem Mädchennamen einen neuen erfand und diesem ein Adelsprädikat hinzufügte.

Da sie nichts gelernt hatte, ja nach eigenen Angaben kaum richtig schreiben konnte, lebte sie zunächst als Femme galante, ließ sich also von wohlhabenden Männern aushalten. Dabei lebte sie keineswegs nur für den Tag, sondern dachte auch an die Zukunft und sparte sich ein beachtliches Vermögen zusammen. Später, in einer ganz anderen Zukunft, einer völlig veränderten Zeit, wurde sie auf andere Weise bekannt, nämlich als Autorin von Theaterstücken, Romanen und Denkschriften.

Geld verdiente sie damit aber nicht, im Gegenteil, sie mußte für Aufführungen und fürs Drucken viel Geld einsetzen, um ihre Schriften unter die Leute zu bringen. Was sie schrieb, wollten zunächst nur wenige lesen: es war zu ausgefallen und viel zu modern, ja umstürzlerisch. Als sie in einem Theaterstück darstellte, daß es Unrecht sei, Neger zu unterdrücken und auszubeuten, wurde das Stück zwar angenommen, doch wollten die Schauspieler es nicht aufführen. Vier Jahre blieb es in der Schublade. Dann sollte es endlich gespielt werden. Aufgrund der Ankündigung brachte eine Zeitung diese Androhung: "Man hinterbringt uns, daß man Neger auf das Theater der Nation bringen wird und daß ein Flittchen, das Paris nie verlassen, dafür schlechte Romane gelesen hat, uns eine Rhapsodie über den Kongo vorspielen wird. Ich gehe niemals ins Theater, aber verdammt noch mal, dieses Mal werde ich auf mein Kartenspiel verzichten und die Trillerpfeife bedienen." Dies taten bei der Premiere auch andere, und es kam zu einem höllischen Spektakel. Nach drei Aufführungen verschwand das Stück für immer.

Sie hat sich dann einer anderen Gruppe von Unterdrückten zugewandt, die viel größer war und der auch sie zugehörte. Das waren die Frauen. In einer Zeit, zu der für die Menschen Freiheit gefordert und für viele auch erreicht wurde, war für die Frauen alles geblieben wie zuvor. Sie wurden weiterhin unterdrückt von den Männern. Und sie fragt nun nach den Rechten der Frau und fordert sie ein:

"Mann, bist du fähig, gerecht zu sein? Eine Frau stellt diese Frage. Dieses Recht zumindest wirst Du ihr nicht nehmen können. Sag mir, wer hat dir die selbstherrliche Macht verliehen, mein Geschlecht zu unterdrücken? Deine Kraft? Deine Talente?" Und dann erklärt sie in siebzehn Artikeln die Rechte der Frau. Artikel I beginnt mit dem Satz: "Die Frau ist frei geboren und bleibt dem Manne gleich an Rechten." Und im Artikel X schrieb sie in der ihr eigenen ironischen Art: "Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen. Sie muß gleichermaßen das Recht haben, die Rednertribüne zu besteigen ..."

Da war sie 43 Jahre alt. Zwei Jahre später kam sie ins Gefängnis, nicht wegen des Inhalts dieser Erklärung; gegen ihn war kaum etwas einzuwenden. Aber daß sie ihre Schrift der Königin gewidmet hatte, das verzieh man ihr nicht. Und daß sie jetzt die neuen Herren als Todfeinde der Gesetze anprangerte, die zu Mord und Plünderungen anstifteten und unter sich die Posten aufteilten, das brachte ihr das Todesurteil ein.

Wenige Stunden bevor sie aufs Schafott mußte, diktierte sie ihren letzten Brief: "Adieu, mein Sohn, ich werde nicht mehr am Leben sein, wenn du diesen Brief erhältst. Gib deine Stellung auf, um die Ungerechtigkeit, die deiner Mutter widerfahren ist, zu rächen." Und mit eigener Hand: "Ich sterbe, mein Sohn, mein geliebter Sohn, ich sterbe unschuldig..."

Wer war's?

(Tratschke fragt: Wer wars. In: Die Zeit (1996) Nr. ?)
 
 

Text 5
Wer war's?

Ein Erzieher attestiert der zwölfjährigen Prinzessin aus dem Hause Habsburg-Lothringen "Faulheit und viel Leichtferigkeit". Sie fasse zwar gut auf, doch sei sie an keine Konzentration gewöhnt. Er beklagt weiter: "Ich konnte sie nicht dazu bringen, tiefer in die Gegenstände einzudringen, obwohl ich fühlte, daß sie die Fähigkeiten dazu hätte. So sah ich schließlich ein, daß man sie nur erziehen kann, indem man sie gleichzeitig unterhält." Fast wörtlich werden noch zehn, noch zwanzig Jahre später Staatsmänner über ihre Unwilligkeit zum Denken und ihre mangelnde Ernsthaftigkeit klagen. Diese Charakterzüge sollten ihr zum Verhängnis werden. Doch sie gilt als äußerst bezaubernd und der französische Hof, in den sie eingeheiratet wird, schätzt spätestens seit der berüchtigten Mätresse Mme Pompadour das Äußere einer Frau mehr als ihre inneren Werte. Schließlich aber sind es nicht diese äußeren und inneren Eigenschaften allein, die sie zu einer tragisch schillernden Persönlichkeit der Geschichte werden lassen, sondern ihr gewaltsamer öffentlicher Tod infolge eines politischen Umbruchs in ihrem Land, den ihr oberflächlicher Geist sträflicherweise zu lange ignoriert hatte.

Ihr Lebenslauf: Sie wird, gerade erst 14jährig, mit dem 16jährigen Dauphin der Bourbonen verheiratet, eine Heirat im Sinne der Staatsräson, die durch ihre Mutter bestimmt wird. Das kindliche Paar ist sehr ungleich: sie voller graziöser Anmut, verspielt, sprunghaft und sehr lebhaft, er mit kurzsichtig verschlafenen Augen, tapsig und phlegmatisch. Er wird ihr in seiner gutmütigen Art alles erlauben, sie wird ihn deshalb schätzen. Doch das große Wort "Liebe" sollte man bei ihrer Ehe getrost aus dem Spiel lassen.

Schon am Beginn steht ihre Ehe unter keinem guten Stern, denn trotz unzähliger Versuche muß man bei Hofe selbst sieben Jahre später noch feststellen: "Matrimonium non consummatum est." Dieses Mißgeschick wird natürlich bald zum offenen Geheimnis in Versailles und Gegenstand staatspolitischer Gespräche. So schaltet sich ihre Mutter, Kaiserin Maria Theresia, höchstpersönlich ein und redet mit ihr "von Frau zu Frau". Ihr Bruder, der spätere Kaiser Joseph, wird sogar zur Klärung der konjugalen Probleme nach Versailles entsandt. Doch was Hofärzte nicht vermögen, richtet auch er nicht. Ihr Ansehen und ihr weibliches Selbstverständnis leiden sehr darunter.

Sie, inzwischen eine wunderschöne Frau, kompensiert diese Schmach gemäß ihres leichten Charakters durch immer neue, immer teurere Kleider, extravaganten Schmuck, auffälligen "Putz" und grandiose Feste. So avanciert sie zum Vorbild der Mode und gilt als "Göttin des Rokoko". Sie bricht sogar, von Geburt an jeder ernsthaften Unterhaltung abgeneigt, alle Etikette, um sich zu amüsieren und fährt immer öfter verkleidet bis früh morgens nach Paris auf Maskenbälle. Die Gerüchteküche beginnt zu brodeln.

Als sich endlich herausstellt, daß die Impotenz ihres Mannes nur an einem organischem Defekt liegt, der operativ korrigiert wird, genügt sie zwar ihren königlich-ehelichen Pflichten und schenkt Frank- reich zwei Söhne und zwei Töchter, jedoch ändert sie ihren lustvollen, verschwenderischen Lebenswandel aus Angst vor Langeweile keineswegs. Im Gegenteil, sie belastet die ohnehin von ihr geschröpfte Staatskasse weiter und läßt eigens nach ihren Ideen ein raffiniertes Rokokoschlößchen, das Trianon, erbauen, um dort ungestört jenseits der Hofetikette und meist ohne den König rauschende Feste zu geben. Dieser, von Geburt aus phlegmatisch, nur an Essen, Schlafen und der Jagd interessiert, toleriert alles, sogar ihren (einzigen) Liebhaber, den schwedischen Gesandten am Hofe von Fersen. Ihre anderen zweideutigen Freunde aus dieser luxuriösen Vergnügungswelt aber benutzen den König durch sie bei der Vergabe politischer Posten im Staat.

Vor allem ihre Mutter ahnt Schlimmes und mahnt sie ständig zur Zurückhaltung: "Immer hat mich Dein rascher Erfolg und alles, was Dich umschmeichelt, seit diesem Winter, in dem Du Dich in die Vergnügen und lächerlichen Moden und Aufmachungen geworfen hast, erzittern lassen. Diese Hetzjagd von Vergnügen zu Vergnügen ohne den König, obwohl Du weißt, daß es ihn nicht freut und daß er nur aus reiner Nachgiebigkeit Dich begleitet oder sie duldet ließ mich [...] meine berechtigte Unruhe äußern. [...] Dein Glück kann nur zu rasch enden und Dich durch Dein eigenes Verschulden ins größte Unglück stürzen, und dies alles nur infolge jener Vergnügungssucht, die Dir keine ernste Beschäftigung gönnt. Was für Bücher liest Du denn? Und dann wagst Du Dich in alles einzumengen, in die wichtigsten Affairen und in die Wahl der Minister? [...] Eines Tages wirst Du das einsehen, aber zu spät. Ich hoffe diesen Tag nicht mehr erleben zu müssen." 

Die kokette Tochter aber schlägt die hellsichtige Mahnung ihrer Mutter leichtfertig in den Wind, amüsiert sich weiter und erkennt weder die revolutionären Keime im gemeinen Volk noch die sog. Halsbandaffaire oder die Uraufführung von "Le mariage du Figaro" als dunkle Vorzeichen ihres drohenden Untergangs. Im Gegenteil, sie überredet sogar in ihrer Eitelkeit den König, dieses revolutionäre und daher verbotene Stück aufzuführen, weil sie darin unbedingt die Rolle der wunderschönen Suzanne spielen möchte.

Erst als die Königsfamilie vom aufgebrachten Volk gewaltsam aus Versailles, dem Schloß der Lust, in die Tuilerien nach Paris in die Last der Verantwortung überführt wird, gewinnt sie königliche Tugenden und majestätische Ausstrahlung im Stile ihrer Mutter. Doch zu spät, zu spät für den König, für sie, den Dauphin und das Königtum.

So kommt es, wie die Mutter es vorhergesehen hatte. Nach vierjähriger Gefangenschaft wird ihre Tochter, jetzt nur noch Mme Capet genannt, öffentlich hingerichtet.

Wer war's?

(Sibylle Witting)


 
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