Thomas Gransow
 

London und Westminster
 

Trafalgar Square

 

Text 1
Horatio Viscount Nelson
Horatio Nelson wird am 29. September 1758 als sechstes von acht Kindern in Burnham Thorpe, einem kleinen Dorf in Norfolk, geboren. Seine Mutter Catherine, die aus einer einflussreichen Familie stammt, stirbt, als er neun Jahre alt ist, ein schwerer Verlust für den schmächtigen, kränklichen und sensiblen Jungen, der seine Mutter angebetet hat. Die Suche nach einem Ersatz wird zur Lebensaufgabe. Da sich sein Vater, der Reverend Edmund Nelson, ein gebildeter und frommer, aber etwas weltfremder Mann, als unfähig erweist, die vielköpfige Familie durchzubringen, bittet er seinen Schwager, den Schiffsoffizier Maurice Suckling, um Hilfe. Dieser hat zunächst Bedenken: „Was hat der arme Horatio, der so weich ist, getan, dass er sich ausgerechnet auf dem Meer bewähren soll? Aber lass ihn kommen, und in der ersten Schlacht mag ihm eine Kanonenkugel den Kopf abreißen und ihn vor Schlimmerem bewahren.“ Und so verlässt der zwölfjährige Horatio 1771 die Grammar School, um unter dem Kommando seines Onkels die Marinelaufbahn einzuschlagen.

Er erweist sich als ein so wissbegieriger und intelligenter Schüler, dass ihn sein Onkel schon nach einigen Monaten auf einem Handelsschiff zu den Westindischen Inseln fahren lässt, damit er praktische Erfahrungen sammeln kann. Als er nach mehr als einem Jahr zurückkehrt, ist er von seinen Fähigkeiten als Seemann überzeugt. Er hat jetzt die Männer, die auf einem Schiff arbeiten, verstehen und schätzen gelernt. Später werden ihn diese Fähigkeit und seine einfache Menschlichkeit zum Liebling der englischen Flotte aufsteigen lassen. In den nächsten Jahren nimmt er auf verschiedenen Kriegsschiffen an einer Expedition in die Arktis und einer Reise nach Indien teil,  besteht 1777 in London die Prüfung zum Lieutenant und macht in den folgenden Jahren, die er auf großen Kriegsschiffen in der Karibik verbringt, zunächst rasch Karriere. Nach seiner Beförderung zum Post-Captain erhält er 1779 sein erstes Kommando über ein Schiff und führt Operationen in der Nordsee, an der nordamerikanischen Küste und in der Karibik durch. Seine rigorose Unterdrückung des illegalen, aber lukrativen und deshalb tolerierten Handels zwischen britischen Kaufleuten in der Karibik und den gerade unabhängig gewordenen Vereinigten Staaten macht ihn nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch bei der Admiralität in England unbeliebt. Nach einem fehlgeschlagenen Angriff auf das westindische Turk’s Island lernt er bei einem seiner kurzen Aufenthalte in England die dreiundzwanzigjährige Arztwitwe Frances Nisbet und ihren fünf Jahre alten Sohn kennen, die er, kurz bevor sein letztes Schiff 1787 abgerüstet wird, heiratet und mit der er fünf Jahre in Burnham Thorpe verbringt. 

Bei Ausbruch der Revolutionskriege im Januar 1793 erhält Nelson als Captain das Kommando über die „Agamemnon“ und nimmt an Operationen im Mittelmeer teil. Nun beginnt sein Aufstieg. Bei der Eroberung von Korsika verliert er sein rechtes Auge. Während eines Besuchs in Neapel, dem einzigen englischen Verbündeten im Mittelmeer, lernt er den dortigen britischen Botschafter Sir William Hamilton und dessen 30 Jahre jüngere Frau Emma kennen. 1795 kapert er ein überlegenes französisches Kriegsschiff und wird im folgenden Jahr zum Commodore befördert, nachdem sich die britische Flotte aus strategischen Gründen aus dem Mittelmeer zurückgezogen hat. Am 14. Februar 1797 bringen die Briten der mit Frankreich verbündeten spanischen Flotte bei Kap St. Vincent eine vernichtende Niederlage bei. Nelson wird zum Helden der Schlacht, weil es ihm gelingt, den Rückzug der Spanier zu verhindern, indem er unmittelbar hintereinander zwei spanische Schlachtschiffe kapert. Geadelt und zum Admiral befördert, verliert er beim Angriff auf Teneriffa im Juli 1797 seinen rechten Arm und kehrt zur Genesung nach England zurück. Als im Frühling 1798 bekannt wird, dass Napoleon eine Flotte vor Toulon zusammenzieht, um Ägypten anzugreifen, wodurch die britischen Interessen in Indien bedroht scheinen, erhält Sir Horatio das Kommando über eine eigene Flotte. Nach zweimonatiger Suche im östlichen Mittelmeer stellt er die französische Flotte in der Bucht von Aboukir und erringt in der „Battle of the Nile“ den vernichtendsten Sieg seiner Laufbahn. Um seine Wunde auszukurieren, kehrt er nach Neapel zurück. 

Hier trifft er erneut auf die nun siebenunddreißigjährige Lady Hamilton, die den Helden bewundert. Aus einer Bekanntschaft wird rasch eine leidenschaftliche Affäre. Als Neapel von französischen Truppen und italienischen Revolutionären bedroht wird, evakuiert Nelson die königliche Familie im Dezember 1798 nach Palermo. Bei der Rückeroberung der Stadt ein halbes Jahr später üben die Sieger grausame Rache an den vorwiegend bürgerlichen Revolutionären. Nelson wird für seine Verdienste zum Duke of Bronte ernannt. Seine Affäre mit Emma wächst sich zum Skandal aus. Nachdem er schließlich von der Admiralität getadelt wird, weil er Neapel nicht rechtzeitig verlassen hat, kehrt er zusammen mit den Hamiltons Ende des Jahres auf dem Landwege nach England zurück. Im Januar 1801 trennt er sich von seiner Frau. Emma bringt Horatia, seine Tochter, die in ihrem Leben nicht erfahren wird, wer ihr wirklicher Vater ist, zur Welt. 

Kurz darauf wird Nelson unter dem Kommando von Admiral Parker in die Ostsee geschickt, um eine mögliche Allianz zwischen Dänemark, Russland, Preußen und Schweden dadurch zu verhindern, dass man die dänische Flotte neutralisiert, eine Aufgabe, die Nelson zugedacht ist. Dieser greift am 2. April 1801 die vor Kopenhagen ankernde dänische Flotte an, doch es wird ein schwer errungener Sieg: Nelson steht am Rande einer Niederlage, als die Dänen kapitulieren und ein Waffenstillstand vereinbart wird. Obwohl dieser Sieg in der Öffentlichkeit nicht populär ist - die Engländer fürchten die Franzosen, nicht die Dänen -, wird Nelson Viscount und Kommandeur der britischen Mittelmeerflotte. Sein erstes  Unternehmen, ein Angriff auf Boulogne, scheitert. Nach dem Frieden von Amiens am 22. März 1802 kehrt er zurück auf seinen Landsitz von Merton, den er auf Emmas Rat erworben hat, und verbringt hier nach dem Tod von Sir William, der die Verbindung seiner Frau zu seinem Freund stets toleriert hat, einige friedliche Monate. 

Als Napoleon im April 1805 seinem europäischen Flottenverband befiehlt, die englische Blockade von Toulon zu durchbrechen, um sich in der Karibik - zur Vorbereitung einer Invasion in England -  mit den dort operierenden Kräften zu vereinigen und die westindischen Inseln zu verwüsten, werden die Franzosen von Nelson verfolgt und derart bedrängt, dass der Zusammenschluß scheitert. Die französisch-spanische Flotte kann schließlich nach Europa und in den spanischen Atlantikhafen Cadiz flüchten. Ein letztes Mal kehrt Nelson für 25 Tage nach Merton zurück. 

Am 15. September 1805 verlässt er an Bord seines Flaggschiffes „Victory“ Portsmouth und erreicht 13 Tage später die den Hafen von Cadiz blockierende englische Mittelmeerflotte. Als der französische Admiral Villeneuve am 21. Oktober 1805 mit 33 Linienschiffen aus Cadiz ausläuft, kann ihm Nelson, der seine 27 Schiffe in zwei Säulen aufgereiht hat, den Fluchtweg abschneiden. Vor Beginn der Kampfhandlungen spricht Nelson die bekannten Worte: „England expects that every man will do his duty“ und gibt seinen letzten Befehl: „Engage the enemy more closely!“ In der nur drei Stunden währenden Schlacht am Kap Trafalgar wird die französisch-spanische Flotte vollständig besiegt, ohne dass die englische Flotte auch nur ein einziges Schiff verliert; aber ihr Kommandeur erlebt den Triumph nicht mehr: Im Begriff, das französische Flaggschiff „Redoutable“ kurz nach Beginn des Kampfes zu entern, wird Admiral Horatio Viscount Nelson von der Kugel eines Scharfschützen getroffen und stirbt wenig später in den Armen seines langjährigen Freundes und Kampfgefährten, Captain Thomas Hardy, an den er seine letzten Worte richtet: „Pray let dear Lady Hamilton have my hair ...“ 

(Thomas Gransow)
 
 

Abb. 1
Trafalgar Sqare

(Hugh Clout (Ed.): “The Times” London history atlas. Reprint of the new Edition. London: Times Books 1997. P. 132.)
 

Text 2
Gebäude und Monumente

The idea of Trafalgar Square is John Nash's. Until his time this crucial joint in the pattern of traditional London, the joint between the east - west axis of St Paul's - Fleet Street - Strand and the north - south axis of Whitehall - Westminster Abbey, was emphasised by no more than a widening of the two axes and a third running towards the bottom end of Haymarket. At the crossing, it is true, stood Charing Cross, the last of the Eleanor Crosses, marking the resting places of the funeral cortège from the place in Lincolnshire where the Queen had died, to the Abbey. Charing Cross was demolished in 1647, and in its place the equestrian Statue of Charles I, made for a site at Roehampton but never put up there, appeared in 1675. North of the crossing were the extensive Royal Mews, and St Martin's church, whose portico stood facing mean houses across the narrow St Martin's Lane. The lane ran right into the Strand at Northumberland House, built for the Earl of Northampton in 1605 - 12, a big square mansion with a fantastic four-storeyed frontispiece. This was pulled down in 1874, and in due course Northumberland Avenue was made instead. Northumberland House, like Somerset House, faced into the Strand.

Trafalgar Square was formed in the 1820s, and John Nash's both sensible and splendid idea was to connect it by a straight road with the British Museum as well as by a shorter street with Regent Street. The western part was carried out (Pall Mall East), and to the east also the West Strand Improvements provided the right setting for Nash's square. But to the north nothing happened, until Charing Cross Road was at last formed - inadequately and without dignity - in the 1880s.

The square, which was christened Trafalgar Square in 1830, lies on a slope. This disadvantage was put right as late as 1840 when Sir Charles Barry designed the terrace on the northern side with steps down on the left and right to the square proper. Above the terrace spreads out what had from the beginning been intended to form the main accent of the composition, Wilkins's National Gallery. It did not fulfil the visual purpose. It has not sufficient power in bulk or in height. As for the rest of the square there is now hardly a building that dates back to its early days. The south east side is marked by two big shabby Late Victorian buildings that might just as well stand in Cannon Street and then a row of smaller property also of no merit. The south west side starts with the formal forecourt to Admiralty Arch, flanked on the left by the undistinguished Italianate curve of the Royal Bank of Scotland (formerly Drummond's Bank), constructed 1885 by George Aitchison. The matching curve to the right was built in 1914 - 15 by Sir Reginald Blomfield. Admiralty Arch itself was built by Sir Aston Webb in 1911 as part of the national monument to Queen Victoria. It is a heavy affair with three archways of equal height, wings of several storeys with normal fenestration curving forward on both sides, and a square attic with inscription on top. Mr Raymond Mortimer has, however, drawn attention to the cunning way in which the tapering of the plan hides the unavoidable change of axis. The square continues with smaller frontages, the only distinguished one the National Westminster Bank (former Union Bank) by F. W. Porter, 1871, with polished pink granite columns.

The main building on the west side was erected by Sir Robert Smirke in 1824 - 27 for the Union Club and the Royal College of Physicians. It was a unified composition with porticoes to the north and south and a portico in antis to the square. Only the Royal College of Physicians (now part of Canada House) survives unchanged. Bath stone. Giant portico of Grecian Ionic columns. Inside fine entrance hall separated by Greek Doric columns from the staircase of the type of design then usual for clubs (see e.g. Athenaeum) and private palaces. Handsome Grecian cast-iron stove in the hall. Below, the main room is the lecture room (towards the square). Above the library, occupying the whole northern front. No northern windows, but three square sky-lights. The panelling from the former hall of the Physicians, which was designed by Robert Hooke in 1674 and situated in Warwick Lane, and the busts of famous doctors are now in the new Royal College of Physicians in Regent's Park. The centre of Smirke's building towards the square, including the recessed portico and the whole southern part, was converted into Canada House. The conversion allowed the retaining of the two porticoes. A new southern portico was added, by Septimus Warwick, and upper storeys had also to be added, interfering lamentably with Smirke's original proportions. Smirke's was a restrained classical building with restrained classical interiors. Of these the High Commissioner's Room remains and, in an altered state, the principal staircase.

Opposite Canada House is Sir Robert Baker's South Africa House of 1935. Baker has linked his building to the grand and simple portico of St Martin by porticoes, one to the east and one at the rounded south west corner, which lie more or less on a level with Gibbs's. The rusticated ground floor takes care of the slope by developing from one to one and a half storeys. However, in the end Baker could not suppress his delight in small motifs, odd balconied windows in aedicules, odd bits of meaningful sculpture, etc., and so no harmony with St Martin's is achieved. Inside South Africa House a Tapestry Map by Macdonald Gill, Sculpture by Wheeler, and Wall Paintings by such South African artists as Piernief and Gwelo Goodman. [...]

The Fountains in the square were remodelled in 1939 to the design of Lutyens and received refreshingly unpompous figures in the Swedish Milles taste by Charles Wheeler (mermen) and W. McMillan (mermaids).

The four polygonal bronze Lanterns have nothing whatsoever to do with Nelson's 'Victory', as so many people seem to believe.

(Nikolaus Pevsner: London. Vol. I: The cities of London and Westminster. 3rd rev. ed. Harmonds- worth: Penguin 1973. S. 384.)
 

 

Text 3
The Fabric of London’s Buildings

Good building stone is absent from the London area. For much of the city's history, therefore, many ordinary buildings were made from timber and roofed with thatch. Brick fashioned from local clay was used for more solid buildings; only churches and great civic buildings were constructed from stone, which had to be brought into the city from other regions. Disastrous fires were a frequent occurrence, and after the Great Fire legislation stipulated that brick and stone, tiles and slates should be used in new buildings. The story of London's building stone reflects, primarily, the evolution over the centuries of transport which enabled materials to be brought from ever greater distances. A similar background characterises the history of the use of brick ? when local clays became exhausted, increasingly distant clay deposits had to be used.

Rather than try to trace the history of stone use throughout the whole City of London, it is easier to concentrate on the buildings in one particular area such as Trafalgar Square. The oldest is the church of St. Martin in the Fields which was designed by James Gibbs in 1726, when he encased an older structure of Kentish Ragstone and Reigate Stone, brought by boat from the Medway Valley or North Downs, in a classical exterior of Portland Stone. Portland is the best English building stone, and had already been used extensively by Sir Christopher Wren for rebuilding the City after 1666. This pure white limestone is quarried exclusively on Portland Island off the south coast of Dorset, whence it was shipped to London. For the National Gallery (1835), William Wilkins also chose to use Portland Stone. There, however, loss of the original smooth surface of the limestone through the effects of wind and rain has caused fossil shell fragments to stand out. This demonstrates that the limestone was once a sea?bed sediment, rich in broken debris of oysters.

The National Westminster Bank in the southwest corner of the square was designed in 1871 by F. W. Porter, the architect of branches of the original National Provincial Bank. White Portland Stone walling is set off by distinctive pink columns of polished Peterhead Granite from coastal Aberdeenshire. The steep-pitched roofing carries green Lake District Slate from quarries in the Borrowdale Volcanic Series, which is an ancient accumulation of volcanic ash. The Edwardian building, bearing the initials 'C.N.' (Canadian National Railway), is built of deep red Swedish Granite and has interiors of Italian Marble. In the background, rises New Zealand House (1963), a tower mainly of steel and glass. The basal stalk to the building, however, is faced with dense black natural stone. Rare fossils (white against the black surface) prove that this Carboniferous Limestone is from either Tournai in Belgium or from southern Ireland. It is evident from this limited survey that the range of stone being used in this prestigious London square became much greater and more exotic as new and more effective modes of transport - roads, canals, railways, shipping - became available.

Brick had been used for buildings in London since Roman times but after the Great Fire it entered into renewed favour. Sir Christopher Wren claimed: '... the earth around London, rightly managed, will yield as good brick as were the Roman bricks ... and will endure, in our air, beyond any stone our island affords'. Throughout the 17th and 17th centuries, brickearth and London Clay were used to produce 'stock bricks' which varied in colour from bright yellow to deep earthy purple, and were used as good facing bricks. They contrasted with cheaper 'place bricks' which were not intended to be left exposed to the elements. Some stock bricks were carried up the Thames from Kent but most were made in the immediate environs of London.

(Hugh Clout (Ed.): “The Times” London history atlas. Reprint of the new Edition. London: Times Books 1997. P. 132f.)
 
 

Text 4
Die Nationalgalerie

Die Nordseite des Trafalgar Square nimmt seit 1838 ein weiterer Museumsbau ein: die Britische Nationalgalerie, der benachbarten Porträtgalerie an Bedeutung und Bestandsumfang natürlich weit überlegen [...]. Das klassizistische Gebäude der Nationalgalerie mit seiner 150 m langen Fassade entstand 1832 bis 1838 nach Plänen des Architekten William Wilkins. In das Hauptportal integrierte Wilkins die ionischen Säulen von Carlton-House, das 1829 an der Mall abgerissen worden war, um Nashs Anlage Carlton House Terrace Platz zu machen. 1876 wurde die Galerie erstmals erweitert; es entstand ein zentraler Kuppelbau. Im 20. Jahrhundert schlossen sich mehrere Erweiterungsbauten an, zuletzt der im Juli 1991 eröffnete Flügel, der Sainsbury Wing. Er entstand nach einem Entwurf des amerikanischen Architekten Robert Venturi und wurde finanziert durch die Brüder John, Simon und Timothy Sainsbury. Die Bedeutung des Sainsbury-Flügels liegt nicht nur darin, daß er einzigartig mehr als 250 Werke der italienischen und nordeuropäischen Frührenaissance beherbergt, sondern selbst als architektonische Sensation zum "Ausstellungsgegenstand" wird. Dieser postmoderne Anbau [...] verarbeitet in seiner Bauweise die verschiedensten Stockwerke, Raumebenen, Lichtverhältnisse, Bauelemente und Materialien. [...] Der neue Flügel steht an der Stelle des Hampton-Baus, der 1940 zerstört wurde, und ist als eigenständiges Gebäude mit eigenem Eingangsbereich konzipiert, bleibt aber innerlich mit der National Gallery verbunden. Seine Frontseite setzt mit Pilastern und Blindfenstern den klassizistischen Hauptbau fort. In seiner Westseite geht er in eine völlig reduzierte minimalistische Steinfassade über, seine Ostwand ist reine Glaswand.

(Helga Quadflieg, Christine Boving: London. München: Winkler 1992. S. 97f.)

 

Text 5
Monumente und Denkmäler 

At Charing Cross, an irregular open space at the end of the Strand and to the south of Trafalgar Square and the hub of London, an Eleanor Cross was erected by Edward I in 1291 to mark the last resting-place of the body of his Queen, Eleanor of Castile, on its way from Lincolnshire to the burial at Westminster. The cross was removed by Parliament in 1647 as an idolatrous object and its site is now occupied by the statue of Charles I. The Eleanor Cross now to be seen in the courtyard of Charing Cross station is a Victorian replica which was erected in 1863 by the London, Chatham and Dover Railway Company: the architect was Edward Middleton Barry, third son of the architect of the Houses of Parliament, Sir Charles Barry, and the sculptor was Thomas Earp.

The statue of Charles I by the Huguenot sculptor Hubert le Sueur was cast in 1633. The statue has a romantic history. It was removed during the Commonwealth and sold to a brazier named Rivett to be melted down. He sold knives and other souvenirs supposedly from the metal but actually hid the statue in his garden and produced it for triumphal re-erection at the Restoration in 1660. Although only 5 feet 4 inches tall, the king obviously have liked to be taller, for the specification for the statue ran: ‘the figure of his Maj. King Charles proportionable full six feet’ - and so it was made. During the Second World War the statue was moved for safety to Mentmore, Buckinghamshire, and in 1947 was put up again with a new sword in the king’s hand. The first sword is said to have disappeared in 1867 when a newspaper reporter climbed on the statue for a better view of a procession and grabbed the sword to steady himself. It fell amongst the crowd and was never seen again. The armour the king is shown wearing is in collection at the Tower of London. The pedestal appears to be the work of Joshua Marshall, Architect of the Crown, and the sculptor’s name can be seen on one of the horse’s hooves. On 30th January each year, the anniversary of king’s execution, the Royal Stuart Society holds a wreath-laying ceremony here which starts at 11 am.

Sir Robert Peel extravagantly described Trafalgar Square as ‘the finest site in Europe’ and it was laid out in 1829 - 41 to the design of Sir Charles Barry to commemorate Lord Nelson’s victory at the battle of Trafalgar on 21st October 1805. The fluted Corinthian column, one of the best-known monuments in the world, is surmounted by a statue of Horatio, Viscount Nelson, Duke of Bronte (1758 - 1805), which is 17 feet 4 ½ inches high and is by E. H. Baily. If it could be seen more clearly it would probably be hailed as a masterpiece. The column itself, of Devon granite and designed by William Railton, is a copy of one of those at the temple of Mars Ultor in Rome and the total height is 170 feet 2 inches. The bronze capital was cast from the cannon of ‘Royal George’, which sank at Spithead in 1782 when heeled over for examination of her underwater timbers. Admiral Richard Kempenfelt and many hundreds of her crew were drowned.

At the base of the column are four 2o foot bronze lions by Sir Edwin Landseer, which were added in 1867, and reliefs made from French cannon captured at the battles of St Vincent, the Nile, Copenhagen and Trafalgar: they are the work of the sculptors Watson, Woodington, Ternouth and Carew (who made the one depicting Nelson’s death). Annually on the anniversary of the battle of Trafalgar wreaths are laid at the base of the column, including those from the modern ships of the fleet. 

At the four corners of the square are octagonal lamps set on plinths which are said to be the oil lamps from Nelson’s flagship ‘Victory’, although this is uncertain. In the days of lamplighters they were known as the ‘battle lamps’ and the men received extra wages for cleaning them, so this provenance may be true one. The monument cost £ 50,000 in all, of which £ 20,000 was raised by public subscription and the remainder voted by Parliament. [...]

Other statues in the square include that of Sir Henry Havelock (1795 - 1857), who won world-wide renown in the Indian Mutiny, captured Cawnpore and relieved Lucknow. The statue (1861), the first ever to be made from a photo- graph, is by William Behnes [...], whose work was perceptive and noted for its absence of affectation but whose per- sonal habits were so eccentric that the Royal Academy refused to elect him. [...]

Sir Charles James Napier (1782 - 1853) is by George Cannon Adams, 1855. Napier was a British general and states- man who fought in the Irish Rebellion of 1798, at Corunna in 1808, at Chesapeake in 1813, and later in India. He is holding a scroll and a sword. The plinth records that the most numerous contributors to the fund to erect the statue were private soldiers, so Napier seems to have been a popular commanding officer, perhaps because of his sense of humour. After the battle of Hyderabad in 1843 he sent a despatch with the single Latin word ‘Peccavi’ (I have sinned’) - Sind then being a part of India.

At the north-east corner of the square is an equestrian statue of George IV, 1843, by Sir Francis Legatt Chantrey (1781 - 1841). For this work, Chantrey was to receive £ 9,000, of which the king paid a third from his own pocket, but at the time of the sculptor’s death a large sum was still outstanding and was extracted only with some difficulty from the Commissioners of Woods and Forest by his executors. The statue, which first been intended to adorn the Marble Arch, was thus not erected until 1843. George selected the theatrical pose himself (in which he is shown in Roman dress riding bareback without stirrups) and generally seems to have been something of an exhibitionist. [...]

Look, too, at the bronze bust, erected in 1948, of John Rushworth, Earl Jellicoe (1859 - 1935), the British admiral, by William Macmillan RA (born 1887), an eminent Scottish sculptor from Aberdeen, who also designed the Victory Medal. Jellicoe is especially remembered for his command of the Grand Fleet in the First World War and for his part in the battle of Jutland in 1916. Two other British admirals are remembered here. The bust of David, 1st Earl Beatty (1871 - 1936), who accepted the surrender of the German Grand Fleet at Scapa Flow in 1918, is by Sir Charles Wheeler PRA. To these nautical monuments was added in 1967 a bust by Franta Belsky of Admiral Lord Cunningham (1st Baron Cunningham of Hyndehope) (1883 - 1962), noted for his brilliant aggressive strategy in naval warfare in the Second World War.

In front of the National Gallery is a bronze statue, again in Roman dress, of James II (1633 - 1701), king of England and second surviving son of Charles I. He was overthrown in 1688 by William of Orange, two years after the statue's erection. It has had a mobile past for it was first erected in Priory Gardens, removed to the centre of Whitehall, later to the forecourt of the Admiralty and then to its present site. Many regard this statue by Grinling Gibbons as a superior work to le Sueur’s statue of Charles I and it is a strong claimant to the title of the finest outdoor statue in London. [...]

The bronze copy of Jean Antoine Houdon’s distinguishes marble statue at Richmond, Virginia, to George Washington (1732 - 1799), first President of the United States (to execute which the sculptor visited America in 1785), was presented by the State of Virginia in 1921 and stands in front of the National Gallery. [...]

At the junction of Cockspur Street and Pall Mall East is a statue (1836) of George III., the first of the Hanoverians to firmly identify himself with Britain. In the speech from the throne in 1760 he said: 'Born and educated in this country I glory in the name of Briton.' The sculptor was Matthew Cotes Wyatt (1777-1862), the son of James Wyatt, the noted architect. Early in life Wyatt was employed at Windsor Castle and became a favourite of the king and queen, a fact which brought many commissions his way - although he described himself as an amateur, a title belied by the size of his oeuvre. In 1832 a committee of subscribers commissioned this statue to commemorate the late king and it is regar- ded as Wyatt's best work, with vitality and verisimilitude.

(Margaret Baker: London Statues and Monuments. 3rd ed. Princes Risborough: Shire Publications Ltd. 1992. S. 7 - 11, 39.)

 

Text 6
Das Pendant


In the Figure Court of Chelsea Hospital, an institution for old and invalid soldiers, built by Christopher Wren in 1682 - 92, is a statue in Roman dress of the founder, Charles II (1630 - 1685), by Grinling Gibbons (1648 - 1721), a sculptor equally famous for bis fine wood carving. This was yet another statue commissioned, like the James II in Trafalgar Square [...], by Tobias Rustat, Yeoman of the Robes. On 29th May (Charles's birthday) the statue is wreathed in oak leaves to commemorate his hiding in the Boscobel oak on 6th September 1651 during his flight from the battle of Worcester. The Parliamentary troops searched the surrounding woods but the leaves hid the king and saved the monarchy. The pensioners, who wear a distinctive scarlet uniform on full-dress occasions, wear sprigs of oak leaves and receive double rations on Founder's Day.

(Margaret Baker: London Statues and Monuments. 3rd ed. Princes Risborough: Shire 1992. S. 35f.)
 
 

Text 7
Stichwort zur Kunstgeschichte: Siegessäule


Klassisches Vorbild für die Siegessäule ist die Trajanssäule in Rom. Die im Jahre 113 eingeweihte Säule wurde wahrscheinlich zunächst als Gedächtnis- und Weihdenkmal errichtet (auf einer Münze ist sie abgebildet mit einem Adler als oberem Abschluß). Sie besteht aus neunzehn Blöcken carrarischen Marmors von je 3,50 Meter Durchmesser und steht auf einem hohen Säulenfuß. Alle Seiten dieses Sockels sind mit einer prächtigen Dekoration geschmückt, die alle möglichen Waffenarten, hier und da verstreut und in scheinbarem Durcheinander übereinanderliegend, darstellt. Das sehr flache Relief und die außerordentliche Sorgfalt, mit der alle Gegenstände wiedergegeben sind, als ob sie auf den Marmor gestickt seien, lassen diese vier Paneele wie weite, um den großen Marmorwürfel drapierte Behänge erscheinen.

Auf der zum Forum gerichteten Fassade halten zwei Siegesgöttinnen eine beschriftete Tafel. Die Inschrift, über deren Deutung die Meinungen auseinander gehen, besagt, daß die Höhe der Säule die gleiche ist wie die des Hügelsattels, der an dieser Stelle den Quirinal mit dem kapitolinischen Hügel verband (100 Fuß, d. h. 29,78 Meter, einschließlich Basis und Kapitell; 39,86 m, wenn man die Höhe des Säulenfußes und den Träger der Statue mitrechnet).

Wie in den Fasti Ostiensi berichtet wird, weihte Trajan dieses Denkmal am 12. Mai des Jahres 113 ein; wahrscheinlich war zu diesem Zeitpunkt die ganze Reliefdekoration, die nach Aufrichtung der Säule vervollständigt wurde, beendet. Der Säulenschaft mit seinem spiralförmig nach oben ansteigendem Reliefband (vgl. Parthenon-Fries)  schildert nicht nur das historische Geschehen der Eroberung Dakiens, sondern zeigt auch den von Trajan geführten Kampf, durch den er das Recht auf Vergöttlichung erwarb - einen Kampf, in dessen Verlauf er seinen Mut, sein strategisches Geschick, aber auch für einen Herrscher sittliche Qualitäten bewies: Frömmigkeit gegenüber den Göttern, Gerechtigkeit und Wohlwollen gegenüber den Bürgern und Soldaten, Milde gegenüber den Besiegten. Die Hauptthemen des langen Bilderfrieses wurden ebenso sehr und mehr noch ihres Wertes als Beispiel denn ihres historischen Interesses wegen ausgewählt.

Die auf der Spitze aufgestellte Bronzestatue des Kaisers erscheint auf einer Münze des VI. trajanischen Konsulats: Gepanzert, mit dem Mantel, der, nach hinten über die Schulter fallend, um den mit heroischer Geste vorgestreckten rechten Arm gewickelt ist. Eine Wendeltreppe im Innern, die man aus den großen Marmortrommeln herausgehauen hatte, machte den Zugang zur Spitze der Säule möglich. Beim Tode Trajans wurde die Säule sein Totendenkmal: Das Innere des Säulenfußes wurde zur Grabkammer umgestaltet, um die goldene Urne mit der Asche des Kaisers aufzunehmen.
 

Nachdem sowohl die Urne wie die Statue verschwunden waren, blieb die Säule ohne ihre Krönung bis zum Jahre 1587, als Papst Sixtus V. auf ihrer Spitze die Bronzestatue des Apostelfürsten Petrus aufstellen ließ.

(Text zusammengestellt nach Bruno Bizzi: Das Modell von Rom und die Trajanssäule. Rom: Editrice Campo Marzo 1988. [S. 10.] und Henri Sterlin (Hrsg.): Architektur der Welt. Bd. 3: Gilbert Picard: Imperium Romanum. Berlin: Taschen o. J. S. 181f. Abb. in: Leonard von Matt, Franco Barelli: Rom. Kunst und Kultur der ,Ewigen Stadt’ in mehr als 1.000 Bildern. 5. Aufl. Köln: DuMont 1985. S. 76.)
 
 

Text 8
Baugeschichte

Within the city centres, old squares were replanned to accommodate the crowds that flocked in every day from the suburbs and to improve traffic flow. As the nationstates of the modern world grew in size, wealth, and power, the square became a symbol of these attributes, as it had been for medieval merchants and Renaissance princes. But its prime role was no longer as a stage for communal activity or civic ceremony, as a market or parade ground. Instead, it was an impersonal place of assembly and circulation; a place to walk around and admire, or to traverse briskly on the way to somewhere else. Open to all, exclusive to none, the square became a forum to impress strangers and simulate a sense of community.

William Cobbett described early-19th-century London, in "Rural Rides", as "the great wen ... the metropolis of empire". Trafalgar Square was created by Act of Parliament in 1826, as a symbol of city, nation, and empire, at the junction of Charing Cross Road and Whitehall. The medieval Royal Mews were demolished to make room for the new National Gallery of Art, designed by William Wilkins; the open space to the south was terraced and paved. The architect of the square, Sir Charles Barry, tried to block construction of Nelson's Column, fearing it would overwhelm the space. His concern for artistic integrity is touching in the light of everything that has happened to the square since then.

Trafalgar Square was never completed, though it achieves a spurious sense of unity in period paintings. A water-colour of 1840 by Thomas Shepherd focuses on the three strongest features: Gallery, Column and St Martin's in the Fields, an early 18th-century masterpiece by James Gibbs. Henry Pether's moonlight view from the Gallery terrace in the mid 1860s shows the unplanned jumble of buildings along the south side, and, to the east, Northumberland House topped with the lion emblem of the Percy family. Landseer's lions were not installed at the base of the Column until 1867; Shepherd took the liberty of painting them in, years in advance.

The square is full of good things, but as a grand gesture it falls short. The view down Whitehall to the Houses of Parliament and the juxtaposition of column and spire can be dazzling. The historic monuments have been scrubbed, the exuberant fountains restored. The equestrian bronze of Charles I on its leprous stone pedestal is one of the finest in London. The future Charles III denounced a proposed addition to the National Gallery as "a monstrous carbuncle on the face of a well-loved friend", and a new design was commissioned, from the American firm of Venturi, Rauch and Scott Brown, which may prove to be a more compatible neighbour.

A veil should be drawn over the rest. Too many roads feed into the square, destroying any sense of enclosure and creating a day-long traffic jam. Northumberland House was demolished in 1874, as was the reticent classical block in Shepherd's painting. Three sides are occupied by tawdry relics of empire - Canada, South Africa and Uganda House - and by recent construction of stunning mediocrity. Admiralty Arch (1911), leading to the Mall, has no grandeur. Vitality redeems the square: it has always attracted crowds of sightseers and pigeon fanciers, protesters and revellers. But the view from the ill-kempt central enclosure, looking out over a sea of metal at a shabby backdrop, is lowering to the spirits.

(Michael Webb: The City Square. A Historical Evolution. London: Thames and Hudson Ltd. 1990. S. 164 - 166.) 
 

 

Text 9
Denkmäler

In der Mitte des Platzes erhebt sich die 170 Fuß hohe Nelson-Säule; auf ihr der Sieger von Abukir selbst. Ob die Statue gut ist oder schlecht, mag ein anderer entscheiden als ich; auf eine Entfernung von 170 bescheidet sich mein Auge jeder Kritik und überläßt es den Teleskopen, Nachforschungen anzustellen. Nur so viel: Nelson trägt Frack und Hut, aller Gegnerschaft zum Trotz, auf gut napoleonisch, und die Statue, wie sie da ist, auf den Vêndome-Platz zu Paris statt auf den Trafalgar Square in London gestellt, sollte es ihr nicht schwer fallen, vielen tausend Beschauern gegenüber, den englischen Admiral zum französischen Kaiser avancieren zu lassen. Man hat keine andren Anhaltspunkte als den schlaff herabhängenden Rockärmel, drin der Arm fehlt, und das Gewinde von Schiffstau, dran der Rücken sich lehnt; das einzige, was jeden Zweifel lösen könnte, entzieht sich der Beobachtung - das Gesicht. Ich möchte hieran ketzerischerweise überhaupt die Frage nach dem Recht der künstlerischen Zulässigkeit dieser Säulen knüpfen. Sie geben nicht, was sie geben wollen, und deshalb hab' ich Bedenken gegen die ganze Gattung. Eine Nelsonsäule z. B., die sich faktisch, wie die vor uns befindliche, nicht mit dem Namen des Mannes begnügt, den sie verherrlichen will, sondern dadurch, daß sie ihn in effigie  auf ihren Knauf stellt, auch die Absicht ausspricht, mir sein Bild einprägen zu wollen, bleibt hinter einem bloßen Gedenkstein insoweit zurück, als sie das Plus ihrer Aufgabe nicht erreicht und bei 70 Fuß Höhe nie erreichen kann. Die Skulptur tut ihr Werk dabei sozusagen umsonst und wird selbst da zum "jüngeren Sohn", wo sich, dem Prinzip nach, die künstlerische Ruhmeserbschaft wenigstens teilen sollte.

Vor der Nelsonsäule, das Antlitz nach Whitehall gewandt, steht die Reiterstatue Karl Stuarts. Wohl ist er's: der feine Kopf, in dem sich Majestät mit jenem wunderbaren Zuge mischt, der auf ein tragisches Schicksal deutet. Er ist es, aber so klein wie möglich. Er reitet nach Whitehall hinab, als drücke ihn immer noch die Schmach, die seiner dort harrte, und als fühl' er, daß das Schwert ihm fehle, das - o bittres Spiel des Zufalls! - die Hände eines Straßenbuben vor Jahr und Tag ihm raubten. Wie wenig ist diese Statue und wie viel hätte sie sein können, wie viel hätte sie sein müssen in dem loyalen, königlichen England. Es war ein poetischer, glücklicher Gedanke, den Platz der Schmach nicht zu scheuen und das Haupt des Königs gerade dorthin blicken zu lassen, wo es fiel; aber dann mußte dieses Haupt ein andres sein und der ganze Reiter dazu, dann mußte Sieg und Hoheit von dieser Stirne leuchten und jede Fiber nach Whitehall hinunterrufen: "Ich bin doch König!" Ein Rauchsches Denkmal an dieser Stelle wäre eine Verherrlichung des Königtums gewesen; was der Platz jetzt bietet, ist eine Fortsetzung der alten Demütigung.

Nach dieser Seite hin leisten die öffentlichen Denkmäler Londons überhaupt das mögliche. Was ist die Reiterstatue Georgs III. [..], was ist sie anders als eine öffentliche Bloßstellung, eine Verhöhnung. Ein wohlbeleibter Mann mit einer schrägen, höchstens zwei Zoll hohen Stirn, krausem, fast negerhaftem Haar, einem wohlangebrachten Zopf im Rücken und dem Ausdruck der Gedankenlosigkeit im Gesicht, sitzt, den Hut in der Hand, nicht nur nicht als König, sondern geradezu als Karikatur zu Pferde, und das mitten im Trab zurückprallende Tier legt einem die Vorstellung nahe, daß es in einer Wasserlache am Wege plötzlich seines eignen Reiters ansichtig und vor solchem Bilde scheu geworden sei. Wenn ein König für die Kunst nichts bietet, so ehre man ihn, solang er lebt, und begrabe ihn, wenn er tot ist; die erzne Verewigung einer königlichen Unbedeutendheit kann niemand ungelegner sein als dem Königtum selbst.

(Theodor Fontane: Aus England und Scottland. In: Harald Raykowski (Hrsg.): Reise-Textbuch London. München: dtv 1986. S. 122 - 124.)
 

 

Text 10
Kurzbiographien englischer Könige

Charles I. (1600 - 1649), der bereits in den letzten Regierungsjahren seines Vaters James I. zum eigentlichen Herrscher des Landes wurde, war bei seiner Thronbesteigung 1625 der Erbe einer durch die vorangegangenen Verfassungskämpfe zwischen König und Parlament erschütterten, aber noch keineswegs hoffnungslosen Position der Krone. Die Chance, einen echten Ausgleich mit dem Parlament zu finden, hat Charles jedoch durch seinen Versuch zur Umgehung der Steuerhoheit des Parlaments durch die Auferlegung von Zwangsanleihen („Petition of Rights“ von 1628 als Reaktion) und den Misserfolg seiner militärischen Unternehmungen bereits in den ersten Jahren seiner Regierungszeit verspielt. Von der Auffassung des Gottesgnadentums der britischen Könige bestimmt, hat er nach heftigen Auseinandersetzungen mit dem mehrfach aufgelösten Parlament von 1629 bis 1640 ohne Parlament regiert. Dieses Experiment einer halbabsolutistischen Herrschaft hat vor allem durch die als Anlehnung an den Katholizismus angesehene Kirchenpolitik des mit einer Katholikin verheirateten Königs und die verfassungswidrigen Versuche zur Erschließung neuer Steuerquellen (Erhebung von Schiffsgeld), die Basis der Opposition verbreitert. Die durch die ungeschickte Politik des Königs immer radikaler werdenden Bestrebungen des Parlaments, das die Kontrolle der Miliz, die Beseitigung des Bischofsamtes in der anglikanischen Kirche und die Reduzierung der Stellung des Königs auf die eines repräsentativen Oberhauptes ohne wesentliche Regierungsfunktionen forderte, machten schließlich den Ausbruch der Englischen Revolution (1642) unvermeidlich. Der König, der trotz des militärischen Zusammenbruchs der Royalisten nicht bereit war, eine dauernde Einschränkung seiner Position hinzunehmen, wurde nach der erneuten Niederlage der Royalisten 1648 durch einen vom Parlament eingesetzten Gerichtshof zum Tode verurteilt und am 30. Januar 1649 enthauptet.

Während der Englischen Revolution wurde James II. (1633 - 1701), der zweite Sohn Charles’ I. gefangengenommen, konnte aber 1648 ins Ausland entfliehen. Nach der Restauration der Stuarts (1660) zeichnete er sich als Großadmiral der englischen Flotte durch seine Siege über die Holländer aus. 1671 zum Katholizismus übergetreten, musste er 1673 bei Erlass der Testakte, die Katholiken von allen öffentlichen Ämtern ausschloß, zurücktreten. Die Aufdeckung einer angeblichen papistischen Verschwörung (1678) zwang den mit der katholischen Prinzessin Maria von Modena verheirateten Thronfolger Charles’ II., zeitweilig das Land zu verlassen. Nach dessen Tod bestieg James II. 1685 den Thron. Unter Berufung auf seine königlichen Vorrechte betrieb er eine katholisierende Politik, die auch die tragenden Kräfte der englischen Monarchie, die Tory-Partei, und die nun ihrer bisherigen Monopolstellung im Staat beraubte anglikanische Kirche gegen ihn mobilisierte. Die Geburt seines Sohnes im Juni 1688 sicherte die katholische Thronfolge. Das Parlament forderte nun den mit der ältesten Tochter des Königs vermählten calvinistischen Statthalter der Niederlande, William von Oranien, auf, durch eine Intervention den protestantischen Glauben und die Krone für seine der anglikanischen Kirche angehörende Gattin Maria zu retten. Wilhelm landete am 5. November 1688 in England. Von seinen Truppen und seinem Volk verlassen, musste James nach Frankreich fliehen, und William und Maria wurden von beiden Häusern des Parlaments als Monarchen eingesetzt. Der Versuch James’, von Irland aus den Thron zurückzugewinnen, schlug 1690 fehl.

Nach dem Tode Georges II. wurde sein Enkel, der älteste Sohn des früh verstorbenen Prinzen von Wales, König von Großbritannien und Irland und Kurfürst von Hannover. Im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern aus dem Hause Hannover war George III. (1738 - 1820) in England geboren und erzogen worden und erklärte sofort nach Regierungsantritt seine Absicht, die Stellung des Königs wieder zu stärken. Um die Leitung der Politik in seine Hand zu bringen, zwang er den einflussreichen Minister Pitt 1761 zum Rücktritt und beendete 1763 durch den Frieden von Paris den Siebenjährigen Krieg ohne Preußen. Durch Patronage und Bestechung brach er die Oligarchie der bisher herrschenden Cliquen und schuf sich im Parlament einen Kreis von Anhängern, die „Freunde des Königs“. Mit deren Unterstützung gelang es ihm, in den folgenden zwanzig Jahren beinahe ausschließlich nur solche Minister zu berufen, die seinen Wünschen entsprachen. George III., der nur zweitrangige Begabungen neben sich duldete, riss auch unwesentliche Funktionen an sich und erledigte sie mit dem Fleiß und der Pedanterie eines kleinen Beamten. Im Streit der amerikanischen Kolonien mit dem Mutterland vertrat er das Recht des englischen Parlaments zu Westminster, Gesetze zu erlassen und Steuern zu erheben, die die Kolonien betrafen, und verschuldete durch seine unbeugsame Politik weitgehend den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1776 - 1783). Der katastrophale Ausgang dieses Krieges brachte das persönliche Regiment des Königs zu Fall. Durch die überragende Persönlichkeit des jüngeren Pitt wurde die Stellung des Ersten Ministers (Premierministers) und des Kabinetts endgültig gefestigt, ohne dass jedoch George III. seinen Anspruch ganz aufgab. Nachdem der König bereits früher Symptome von Geistesgestörtheit gezeigt hatte, verfiel er 1811 unheilbar dem Wahn, so dass seinem Sohn, dem späteren Georg IV., die Regentschaft übertragen wurde. 

Als Prinz von Wales führte George IV (1762 - 1830) ein ausschweifendes und luxuriöses Leben. Er verkörperte den Typ des „Dandy“ und ließ sich gern als „erster Gentleman Europas“ bezeichnen. Seine 1785 heimlich geschlossene Ehe mit Maria Fitzherbert war illegal, und er musste 1795 gegen die Deckung seiner riesigen Schulden eine standesgemäße Ehe mit der braunschweigischen Prinzessin Karoline eingehen. Der Tod seines Vaters machte ihn auch formell zum König. An den großen politischen Ereignissen seiner Zeit hatte er nur geringen Anteil.  Es gelang ihm auch nicht, die Stellung zu halten, die sein Vater in der Regierung des Landes errungen hatte. Durch den zur Scheidung seiner Ehe angestrengten Skandalprozess schadete der ohnehin unbeliebte König dem Ansehen der Monarchie seht.

(Alle Texte gekürzt aus: Hans Herzfeld (Hrsg.): Geschichte in Gestalten. Bd. 2. Frankfurt a. M.: Fischer 1963. S. 95f., 243f., 304f.)
 
 

Text 11
Die Denkmäler der englischen Könige
auf dem Trafalgar Square

Auf dem Trafalgar Square bzw. in seiner unmittelbaren Nähe finden wir vier Denkmäler von englischen Königen. Die Auswahl muss unter politischen Aspekten überraschen: Charles I. (1600 - 1649) scheiterte mit seinem Versuch einer absolutistischen Herrschaft über England: Das Parlament ließ ihn 1649 vor dem Banqueting House hinrichten. Seinem zweitältesten Sohn, James II. (1633 - 1701), gelang es ebenfalls nicht, die königliche Prärogative auf Kosten des Parlaments zu stärken; er wurde 1688 - nicht zuletzt auch wegen seiner Rekatholisierungspolitik - ins Exil geschickt. Der unpopuläre George III. (1738 - 1820), dessen persönliches Regiment wegen seiner Unfähigkeit und seines Starrsinns den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und letztendlich den Verlust der Kolonien zu verantworten hatte, musste wegen zunehmender geistiger Umnachtung 1811 die Regentschaft an seinen Sohn, George IV. (1762 - 1830), übergeben, der durch seinen ausschweifenden Lebensstil („Dandy“) und die zahlreichen Skandale, in die er verwickelt war, dem Ansehen der Monarchie in hohem Maße schadete und als „britischer Nero“ in die Geschichte einging. 
Auch unter ästhetischen Aspekten erweist sich die Auswahl als ungewöhnlich; denn die drei Reiterstandbilder und die Statue können sich kaum mit ihren Vorbildern aus der Antike und der Renaissance messen. James II. und George IV. wirken in ihren Kostümen als römische Cäsaren ebenso lächerlich wie George III. als barocker Monarch. Am gelungensten scheint noch das Denkmal Charles I. zu sein, auch wenn der Größe des Königs im doppelten Wortsinne nachgeholfen werden musste. So ist in künstlerischer Hinsicht wohl eher dem kritischen Urteil Theodor Fontanes als der vorsichtig zurückhaltenden Darstellung Margaret Bakers zuzustimmen.
Warum - so muss man sich fragen - wurden auf dem Trafalgar Square in den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts Denkmäler gerade jener Monarchen aufgestellt, die im Konflikt mit dem Parlament um eine stärkere Machtposition des Königtums gescheitert sind? Da die City of Westminster bis 1899 von der Krone direkt verwaltet wurde, ist anzunehmen, dass auch die Gestaltung des zentralen Platzes dieser Stadt nicht ohne die Zustimmung der Königin erfolgen konnte, einer Königin, deren Hauptaufgabe darin bestand, „[...] auf ein Stichwort der obersten Volksvertreter vor den Vorhang zu treten und die Unruhe im Saal zu beschwichtigen.“ (Wocker) Ist also die Aufstellung dieser Denkmäler zu interpretieren als symbolische Geste einer wehmütigen Reminiszenz an glorreichere Zeiten der Krone? Oder hat sich der Einfluss des Parlaments auch hier bemerkbar gemacht? Immerhin beruhen die Planungen für die Gestaltung des Trafalgar Square auf einem Parlamentsbeschluss aus dem Jahre 1826. Sollen die Denkmäler also künftigen Monarchen zu denken geben, vor der Vergeblichkeit königlicher Vormachtansprüchen warnen? Genaueren Aufschluss könnte wohl nur eine intensive Erforschung der Baugeschichte des Trafalgar Square geben, eine gewiss lohnende Aufgabe, die aber den Rahmen dieser Materialsammlung sprengen würde.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sich solche nachträglichen Deutungen nicht mit bewusst formulierten Absichten decken. Eines der gestalterischen Grundprinzipien des Platzes ist sicherlich das der Symmetrie, das aber - was die Aufstellung der Denkmäler betrifft - nicht konsequent durchgeführt worden ist; denn sonst würde der rechte Sockel nicht leerstehen, und man hätte sicherlich nicht darauf verzichtet, neben dem Denkmal James’ II. sein Pendant an die Stelle zu setzen, an der sich seit 1922 die Statue George Washingtons befindet, des ersten Präsidenten der ehemaligen Kolonien, die George III. verspielte. Und schließlich: George IV. war König, als die Entscheidung zur Anlage des Trafalgar Square fiel; sein Denkmal sollte übrigens nur mangels eines geeigneteren Ortes vorübergehend auf dem rechten Sockel stehen; während der Regierungszeit Georges III. besiegte Nelson die französisch-spanische Flotte bei Trafalgar; das Reiterstandbild Charles’ I. schließlich befand sich bereits an seinem jetzigen Platz. Ein klares Konzept, das die symmetrische Grundstruktur der Platzanlage berücksichtigen würde, ist also nicht zu erkennen.

(Thomas Gransow)
 
 

Text 12
Bedeutungswandel I

Der Platz [Trafalgar Square] wurde durch Einebnung des abfallenden Geländes geschaffen, die Säule wurde aufgerichtet, und damit verschob sich der Nachdruck von König Karl auf Admiral Nelson. [...]

[Das Reiterstandbilddes Königs] ist, wenn auch kein großes Standbild, so doch ein sehr schönes; es geht von ihm unzweifelhaft eine gewisse echte Wehmut aus, wie der Märtyrerkönig da auf immer und ewig nach Whitehall hinunterreitet, wo er dreihundert Meter weiter auf einemGerüst draußen vor seinem Bankett-Haus 1649 mit so viel Mut und Würde starb. Tatsächlich jedoch hat das Standbild ein wechselvolles Schicksal erlebt; Cromwells Parlament verkaufte es zum Einschmelzen, aber es wurde statt dessen heimlich vergraben und nach der Restauration Karls II. wieder hervorgeholt und neu aufgestellt; betrachtet man es unvoreingenommenen Auges, so mußman zugeben, daß der König beinahe heiter und vergnügt aussieht, als habe er soeben ausnehmend gut gespeist. Übrigens stellt er gemeinsam mit der hoch über ihn hinausragenden Gestalt Nelsons - die den fünfundsiebzigeinhalb Metern der Säule nochfünfeinhalb Meter hinzufügt - eine glänzende Rechtfertigung der Behauptung dar, daß in jedem kleinen Mann ein großer sitzt, der verzweifelt versucht, über den kleinen hinauszuwachsen. König Karl war im Leben etwa einen Meter sechzig groß, aber der Auftrag für das Standbild fordert ausdrücklich: "Die Figur Seiner Majestät des Königs Karl hat entsprechend einen vollen Meter achtzig groß zu sein"; Nelson war nicht größer.

Es brauchte seine Zeit, um Nelson aufzustellen. Er starb mit nicht weniger Mut und Würde als Karl und gewißlich mit sehr viel verdienterer Glorie an Deck des Schlachtschiffes "Victory" in der Seeschlacht von Trafalgar 1805. Seinen Verehrern gelang es schließ1ich, möglicherweise angespornt vom Erfolg der Säule des Herzogs von York an der Carlton-House-Treppe, die I834 aufgestellt wurde, Nelson 1842 auf seine jetzige Höhe hinaufzubugsieren; seine Säule ist gute dreizehn Meter höher als die des Herzogs und seine Person einen Meter größer. [...]

Der Nachdruck des Trafalgar Square lag nun auf Flottenmacht und Flottenruhm und auf dem Weltreich, das diese Macht geschaffen hatte. 

(David Piper: London.Ein Führer. München: Prestel 1977. S. 142f.)

 

Text 13
Bedeutungswandel II

Winston was in Victory Square before the appointed time. He wandered round the base of the enormous fluted column, at the top of which Big Brother’s statue gazed southward towards the skies where he had vanquished the Eurasian aeroplanes (the Eastasian aeroplanes, it had been, a few years ago) in the Battle of Airstrip One. In the street in front of it there was a statue of a man on horseback which was supposed to represent Oliver Cromwell. At five minutes past the hour the girl had still not appeared. Again the terrible fear seized upon Winston. She was not coming, she had changed her mind! He walked slowly up to the north side of the square and got a sort of pale- coloured pleasure from identifying St. Martin’s Church, whose bells, when it had bells, had chimed ‘You owe me three farthings.’ Then he saw the girl standing at the base of the monument, reading or pretending to read a poster which ran spirally up the column. It was not safe to go near her until some more people had accumulated. There were telescreens all round the pediment. But at this moment there was a din of shouting and a zoom of heavy vehicles from somewhere to the left. Suddenly everyone seemed to be running across the square. The girl nipped nimbly round the lions at the base of the monument and joined in the rush. Winston followed. As he ran, he gathered from some shouted remarks that a convoy of Eurasian prisoners was passing.

(George Orwell: 1984. Roman. 13. Aufl. Zürich: Diana 1964. S. 105) 

 

Text 14
Bedeutungswandel III

Horatio lehnte sich in den Sessel des Stellvertretenden Chefredakteurs zurück, legte die Füße auf seinen alten Schreibtisch, drückte den »Aufnahme«-Knopf an seinem Pager und wählte die Nummer des Admirals. Er kam sofort durch, doch auf dem Schirm erschien kein Bild.

»Hallo, könnte ich vielleicht Admiral Ratcliffe sprechen?«

»Am Apparat.« Alt, aber klar. Außerdem hatte es nicht so endlos gedauert, bis er am Fon war, wie bei manch anderen Neunzigjährigen, die er interviewt hatte.

»Oh, hallo, Sir. Hier spricht Horatio Lestoq. Ich arbeite für die Times. Gegenwärtig schreibe ich an einer Artikelserie über das Aachen-Referendum, und ich würde Ihnen gern ein paar Fragen stellen.«

»Horatio Lestoq, sagten Sie?« Oh nein, nicht schon wieder eine ach-so-drollige Bemerkung über seinen Namen. Warum hatte man ihn nicht Simon, Georg oder Reinhard getauft?

»Ja, offenbar von der Marine her. Ich heiße nach einem Seefahrer des neunzehnten Jahrhunderts.«

»Natürlich weiß ich, wer Nelson war. Ich war immerhin zweiundvierzig Jahre Marineoffizier, wissen Sie«, sagte der alte Knabe gereizt.
»Ja, natürlich. Es tut mir leid.« Den hier mußte man behutsam behandeln. »Es ist nur so, daß wir in der Schule nichts mehr über ihn lernen. Er wurde während der Depatriierung aus dem Lehrplan entfernt, und ich habe angenommen ... «

»Er wurde noch ganz woanders entfernt, junger Mann«, sagte der Admiral. »Kennen Sie den Delors Square

»Ja, natürlich.« Oh je. War der alte Knabe senil? Wieso sollte er Londons zentralsten Platz nicht kennen?

»Nun, er war früher nach Horatio Nelsons größtem Sieg benannt. Nelsons Statue war da oben, wo jetzt Schuman steht, oben auf der Säule.«

Na und? Umbenennungen hatte es jede Menge gegeben, seit die Universitäten in den 1980ern begonnen hatten, ihre Gemeinschaftsräume nach Nelson Mandela zu taufen. Wie Horatio wußte, war Attali House, das Hauptquartier der Europäischen Bank für Aufbau und Entwicklung am unteren Ende der Mall, früher einmal der Palast gewesen, in dem die königliche Familie residierte. Das riesige Hauptquartier der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftszone am Südufer der Themse beherbergte früher die Kommunalverwaltung. Jedermann wußte, daß in der gewaltigen gotischen Wesminster Service- und Freizeithalle früher das britische Parlament getagt hatte. Es war also durchaus glaubwürdig, daß der Delors Square einst an eine Schlacht gegen unsere Unionspartner und Mitbürger erinnerte. Vielleicht hatte seine Mutter das sogar einmal erwähnt. Seltsam jedoch, daß es in der Schule verschwiegen wurde.

(Andrew Roberts: Das Aachen Memorandum. München: dtv 1996. S. 31f.)
 

 

Text 15
Inschriften an Gebäuden und Denkmälern

1.   Admiralty Arch

: ANNO : DECIMO : EDWARDI : SEPTIMI : REDIS :
: VICTORIAE : REGINAE : CIVES : GRATISSIMI : MDCCCCX
 
 

2.   Napier - Statue

CHARLES JAMES NAPIER
GENERAL
BORN
MDCCLXXXII
DIED
MDCCCLIII

ERECTED BY PUBLIC SUBSCRIPTION 
THE MOST NUMEROUS CONTRIBUTORS
BEING PRIVATE SOLDIERS
 

3. Havelock - Statue

TO
MAJOR GENERAL
SIR HENRY HAVELOCK
K.C.B.
AND HIS BRAVE COMPANIONS
IN ARMS
DURING THE CAMPAIGN IN INDIA 1857

‘SOLDIERS' YOUR LABOURS
YOUR PRIVATIONS YOUR SUFFERINGS 
AND YOUR VALOUR
WILL NOT BE FORGOTTEN
 BY A GRATEFUL COUNTRY 

                                                           H. HAVELOCK

ERECTED BY PUBLIC SUBSCRIPTION 1861
 
 

4.   Reiterstandbild Georges IV.

                                                                      KING GEORGE IV.
                                                                                                 FRANCIS CHANTREY
                                                                                                             SCULPTOR
 
 

5. Statue Washingtons

GEORGE WASHINGTON
PRESENTED TO THE PEOPLE OF
GREAT BRITAIN AND IRELAND
BY THE COMMONWEALTH OF
VIRGINIA 1921
 
 

6. Statue Jakobs II.

IACOBUS SECUNDUS
DEI GRATIA
ANGLIAE SCOTIAE
FRANCIAE ET
HIBERNIAE
REX
FIDEI DEFENSOR
ANNO MDCLXXXVI

(Anm.: "Fidei Defensor" = den englischen Königen 1521 vom Papst verliehener Titel)
 
 

7. Fußbodeninschrift (Platzmitte)

THESE FONTAINES AND
THE BUSTS AGAINST THE
NORTH WALL OF THE
SQUARE WERE ERECTED
BY PARLIAMENT TO THE
MEMORY OF ADMIRALS OF
THE FIRST EARL JELLICOE
AND EARL BEATTY TO THE
END THAT THEIR ILLUSTROUS
SERVICES TO THE STATE 
MIGHT NEVER BE FORGOTTEN
(1936)
 

8.   St. Martin - in - the - Fields (Giebelinschrift)

D.SACRAM AEDEM: S. MARTINI
PAROCHIANI EXTRUIFEC.
A. D. MDCCXXVI
 

9.   Reiterstandbild Georges III.

KING GEORGE III.

(Anm.: Das Denkmal befindet sich hinter dem Canada House.)

(Thomas Gransow)
 

 

Text 18
Queen Victoria

Nach ihr ist ein Zeitalter benannt worden. Aber: "Sie war nicht die Hauptperson ihrer Zeit. Victoria ließe sich beschreiben als der rote Faden der viktorianischen Ära, nicht mehr, nicht weniger. In der britischen Marine, die ihn erfand, war der rote Faden kein unbedingt erforderlicher Bestandteil der Schiffstaue, durch die er sich zog. Er verlieh ihnen weder besondere Stärke noch höhere Wetterfestigkeit oder längere Lebensdauer. Er diente nur einen nüchternen Zweck: er schützte vor Diebstahl. Dieser Besitzbürger-Aspekt einen Kriegs-Utensils paßt sehr gut auch auf die Rolle der Monarchin in England des expandierenden Weltreichs. Als Königin eines aufstrebenden, das Eigentum heiligenden Bürgertums erfüllte sie ihre praktische Funktion." (K. H. Wocker)

Als dem vierten Sohn des englischen Königs George III., dem mit einer deutschen Prinzessin verheirateten Herzog von Kent, am 24. Mai 1819 eine Tochter geboren wurde, war das freudige Ereignis für die "Times" nicht die wichtigste Meldung des Tages; vielmehr beherrschte der vierzehnprozentige Kurssturz der Londoner Bankaktien die Titelseite. Das war nicht verwunderlich, steckte Großbritannien doch in einer schweren wirtschaftlichen Krise, weil die Umstellung auf eine Friedenswirtschaft auch vier Jahre nach Waterloo noch immer nicht gelungen war, was nun zu ersten sozialen Unruhen führte, die bereits das Peterloo-Massaker vom August ankündigten. Dagegen war die Geburt einer Prinzessin, die lediglich an fünfter Position in der Thronfolge rangierte und auf den höchst unenglischen Namen "Alexandrina Viktoria" getauft wurde, von untergeordneter Bedeutung. Das sollte sich allerdings rasch ändern: Acht Monate später starben der Vater und der Großvater Victorias, 1827 der Herzog von York und 1830 Georg IV. Als der greise William III., ebenso kinderlos wie seine beiden Brüder, zum König gekrönt wurde, avancierte Victoria zur Kronprinzessin, zur ersten Anwärterin auf den Thron.
 

Der 20. Juni 1837, 5.00 morgens
(Michael St John Parker: Queen Victoria. Andover: Pitkin Pictorials 1992. S. 1.)

 

Am 20. Juni 1837 war es soweit: "Als sie achtzehn war, kam man zu ihr und sagte ihr, daß sie nun Königin von England sei." (G. B. Shaw) Wie war sie auf Ihre Aufgabe vorbereitet worden? Nach dem frühen Tod des Vaters wurden Mutter und Tochter aus dem engeren königlichen Familienkreis ausgeschlossen. Abseits von Hof, im Kensington-Palast, wo sie zur Untermiete wohnten, wuchs Victoria in einer von ihrer Mutter stark beeinflußten deutschsprachigen Umgebung auf, so daß von dem, was im Lande vorging, so gut wie nichts in die erzwungene Idylle drang, eine Idylle, unter der das junge Mädchen sehr litt: "Sie war nie allein gewesen, immer beobachtet von Leuten, die dafür sorgen mußten, daß sie sich ordentlich benahm, und die sie ermahnten und bestraften, wenn sie etwas tat, was mißbilligt wurde. Mit einen Wort: sie war wie eine gefährliche Kriminelle behandelt worden, der man weder Handlungsfreiheit noch moralische Verantwortlichkeit zutrauen durfte." (G. B. Shaw) Wie andere höhere Töchter der damaligen Zeit erhielt Victoria eine mäßige Halbbildung. Sie interessierte sich für Musik und Malerei, nicht aber für Literatur und Geschichte. Das blieb auch so, als sie Königin war; denn der Besuch einer Oper ließ sich mit Repräsentationspflichen verbinden, nicht aber die Lektüre eines Buches. Die meisten der großen Schriftsteller ihrer Zeit hat sie weder gekannt noch deren Bücher gelesen. Sie sprach bei ihrer Thronbesteigung fließend Deutsch, leidlich Englisch und ein wenig Französisch und Italienisch. Einen systematischen Unterricht durch qualifizierte Lehrer hat sie allerdings nie erhalten. Victoria empfand diesen Mangel an Bildung später selbst: man habe ihr vieles, aber nichts davon gründlich beigebracht, notierte sie in ihrem Tagebuch. "Das war wohl alles in allem nicht die geeignete Erziehung für jemanden, der die Krone von England zu tragen bestimmt war", urteilt Lord Melbourne, liberaler Premierminister zum Zeitpunkt der Thronbesteigung Victorias.

Welche Aufgaben erwarteten die zukünftige Monarchin? Die Rechte der Krone beschränkten sich im englischen Parlamentarismus - mit den Worten des bekannten Verfassungsrechtlers Walter Bagehot - auf "[...] das Recht, konsultiert zu werden, das Recht zu ermutigen und das Recht zu warnen." Gefordert waren also Sachkenntnis, diplomatisches Geschick und politisches Urteilsvermögen, Fähigkeiten also, über die Victoria nicht zu verfügen schien. Um so mehr muß es überraschen, wie es der Zwanzigjährigen gelang, in der ersten schweren Regierungskrise die eigene Position zu stärken, indem sie Regierung und Opposition geschickt gegeneinander ausspielte. Daß darüber schließlich das Kabinett Melbourne stürzte, bedauerte Victoria als überzeugte Parteigängerin der Liberalen sehr, denn der Premierminister war der erste jener drei Männer, denen sie bedingungslos vertraute, weil sie in ihnen wohl ihren zu früh verstorbenen Vater gesucht und gefunden hatte.

An Melbournes Stelle trat Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, ihr gleichaltriger Cousin, mit dem sie auf Betreiben ihrer Mutter am 10. Februar 1842 verheiratet wurde. Damit begann der - nach eigenem Bekunden - schönste Lebensabschnitt Victorias. Die Frau, die als Witwe ihrer ältesten Tochter schrieb, daß "Kinder eine schreckliche Belastung" seien, brachte im Verlaufe ihrer 19 Ehejahre neun Kinder zur Welt, die sie mit den wichtigsten europäischen Fürstenhäusern verheiratete. Ihr prinzlicher Ehemann entband sie nach und nach von den Regierungsgeschäften, die er mit großer Umsicht handhabte. Die Bereitschaft Victorias, in dieser Zeit mit Politikern beider großer Parteien einvernehm- lich zu herrschen, wurde Alberts erste und vielleicht größte Leistung. Seinen Bemühungen war auch das Zustandekommen der ersten Weltausstellung in London 1851 zu verdanken, auf der sich England als führende Wirtschaftsnation der Welt präsentierte. So konnte Victoria sich in dieser Zeit darauf konzentrieren, ihr allmählich anwachsendes Privatvermögen mit einer an Geiz grenzenden Sparsamkeit zu vergrößern. Privat führte die königliche Familie den Lebensstil des arrivierten Bürgertums; die Tage der glänzenden Hofhaltung früherer Herrscher waren vorüber: "Ein Abend mit Victoria und Albert galt für jeden lebenslustigen Aristokraten als Einübung in Geduld und Langeweile." (K. H. Wocker)

Der frühe Tod ihres geliebten Mannes am 14. Dezember 1861 bedeutete einen tiefen Einschnitt im Leben der Königin, die sich erst zwei Jahre später wieder in der Öffentlichkeit zeigte. Die Royal Albert Hall und das Albert Memorial in London sind noch heute als steinerne Zeugen einer administrierten Trauer zu besichtigen.

Benjamin Disraeli, zwischen 1868 und 188o mehrfach Premierminister, wurde der dritte Mann, dem das uneingeschränkte Vertrauen der Monarchin gewährt wurde, die unter seinem Einfluß nun Partei- gängerin der Konservativen wurde. Ihre politische Position war allerdings schon deutlich geschwächt. "Funktion der Monarchie war es nun geworden, auf ein Stichwort der obersten Volksvertreter vor den Vorhang zu treten und die Unruhe im Saal zu beschwichtigend." (K. H. Wocker) Als in den frühen siebziger Jahren die vergleichsweise langanhaltende Prosperität einer Rezession wich, erhob Disraeli die Königin in einem glanzvollen Schauspiel am 1. Mai (!) 1876 zur Kaiserin von Indien, um die sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Inselreiches zu verdecken. Und als Mitte der achtziger Jahre eine erneute Depression um sich griff, verstand es der liberale Premierminister Gladstone, die vierzehntägi- gen Feiern zum goldenen Regierungsjubiläum in eine grandiose Selbstdarstellung des neuen, imperialen Britanniens zu verwandeln. Doch schon wenige Jahre später hatten das Deutsche Reich und die Vereinigten Staaten von Amerika die einstige führende Wirtschaftsnation überholt.

Hatte Victoria in ihren ersten Regierungsjahren ein adlig dominierten Parlament gekannt und während der Ehejahre das Einströmen des Bürgertums in die politischen Machtpositionen erlebt, so wurde sie am Ende ihrer Regierungszeit unfreiwillige Zeugin des politischen Aufstiege der Industriearbeiterschaft. "Ein Leben voll drastischer Umstellungen für einen konstitutionellen Monarchen; die Aufgabe, sich darin zurechtzufinden, wäre drei Generationen von Königen leichter gefallen." (K. H. Wocker)

Am 22. Januar 1901, elf Monate nach der Gründung der Labour Party, starb Victoria im Alter von 81 Jahren.

(Thomas Gransow)

 

Zurück zu:  London: Inhaltsverzeichnis